Lächle – das Schlimmste kommt erst noch.

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Gast

Lächle – das Schlimmste kommt erst noch.

Beitrag von Gast »

Wo beginnt man mit einem Tagebuch? Das war die alles entscheidende Frage, oder nicht? Und noch dazu eine, die Rowana in diesem Moment mehr beschäftigte, als sie zuzugeben bereit war. Wo begann man mit einem Tagebuch, und was in Temoras Namen schrieb man eigentlich hinein? Musste sie damit beginnen, wer sie eigentlich war? Und woher sie kam? Oder konnte man darauf verzichten, und einfach mit dem heutigen Tage beginnen?
Sie hatte in ihrem Leben noch kein Tagebuch geführt, und der Gedanke, jetzt damit anzufangen, erschreckte sie. Sie hasste das Gefühl des schweren Buchs mit den leeren Seiten, das seit einigen Tagen in ihrer Tasche ruhte. Des Buchs, in das sie noch nicht eine Zeile geschrieben hatte. Nicht einmal ihren eigenen Namen. Aber der Name würde das Einfachste werden, nicht wahr? Das, was folgen sollte, das war das Schwierigste. Ihr eigenes Verhalten zu beobachten, jeden einzelnen Tag zu reflektieren. Und sich einzugestehen, wann sie gegen die Tugenden verstieß. Ein Buch würde vielleicht nicht ausreichen. Nicht einmal für eine Woche!
Eine weitere nicht unwichtige Frage war doch, ob die Diakonin das Buch würde sehen wollen. Würde sie am Ende lesen wollen, was Rowana gedacht oder getan hatte? Sie hatten über diesen Punkt noch nicht gesprochen. Sie wusste nicht, was sie vom Kloster im Allgemeinen und der Diakonin im Besonderen zu erwarten hatte. Also würde sie vielleicht besser nichts allzu Persönliches hineinschreiben. Und auch nicht allzu viele Gedanken. Nichts, was niemand wissen durfte, von der Göttin abgesehen. Ja, das würde wohl das Beste sein.
Ihre Hand tastete nach dem Buch, das sicher in ihrer Tasche verstaut war. Dann seufzte sie schwer. Es half nichts. Geschrieben werden musste ja doch. Und einen Anfang musste sie auch noch finden.

Stunden später lag das Buch vor ihr auf einem Tisch. Vorsichtig schlug sie es auf und betrachtete die Furcht einflößenden Seiten, die beängstigend leer auf die Tinte warteten. Sie schluckte hart, dann fasste sie sich ein Herz und tauchte die Feder ins Tintenfass. Die ersten Worte flossen aus der Feder aufs Papier ... und die nächsten waren nicht mehr ganz so schlimm.
  • Ich bin Rowana. Vielleicht muss ich das nicht in dieses Buch schreiben, aber ich glaube, es ist wichtig. Wichtig, damit ich es immer wieder nachlesen kann. Damit ich letzten Endes auf diesem Weg nicht vergesse, wer ich eigentlich bin. Ich bin eine Schützin. Vielleicht ist das nicht ganz so wichtig, aber ich denke, ich erwähne es trotzdem. Rein der Vorsicht wegen.

    Seit einem Wochenlauf wohne ich in Kronwalden, aber geboren bin ich dort nicht. Die Gegend ist mir so fremd, wie die vielen Menschen denen ich begegnet bin. Ich möchte irgendwann gern ein eigenes Haus haben. Vielleicht in Berchgard. Es ist nicht so groß wie Adoran. Ich würde eigentlich lieber in der Hauptstadt wohnen, aber ich glaube nicht, dass ich meinen Willen durchsetzen könnte. Immerhin betrifft diese Wahl nicht nur mich, sondern auch meinen Mann. Ich gebe zu, dass ich diesen Gedanken nicht immer mag. An manchen Tagen hasse ich es, auf einmal auf ihn Rücksicht nehmen zu müssen. Dann flüstert irgendeine Stimme in mir, dass er auch keine Rücksicht genommen hat, als er sich wie ein Dieb davon gestohlen hat. Noch kämpfe ich diese Stimme nieder, aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann. Das klingt nicht besonders opferbereit, nicht wahr? Ich bin nicht bereit, alles für meine Ehe zu opfern, und vielleicht ist das falsch. Auf der anderen Seite muss ich mir auch die Frage stellen, warum nur ich alles opfern sollte, was ich möchte? Kann man denn keinen Kompromiss finden?
Sie schließt das Buch nachdenklich und löscht das Licht. Nein, das Buch würde sicher nicht reichen. Nicht einmal im Ansatz.
Gast

Beitrag von Gast »

Es war einige Jahre her, seit er in Nacht und Nebel gegangen war. Er war nicht geflüchtet. Er wollte sie nicht im Stich lassen. Oder, waren all dies nur Dinge, die ihm seine Gedanken zuflüsterten? Er hatte sich selbst, die Familie, die Herrin und vorallem seine Frau enttäuscht. Soviele verdrängte Erinnerungen.. er war gegangen um ihr ein besseres Leben bieten zu können. Anfangs wollte er nach einigen Tagen wieder kommen, aus den Tagen wurden Wochen, aus den Wochen unzählige Monate und am Ende Jahre. Warum war er aber nie zurückgekehrt? Er hatte Angst, Angst vor dem Streit, Angst davor in ein leeres Haus zurückzukommen und vorallem sich seiner Schuld zu stellen. Sie hatte ihm diese Entscheidung abgenommen, sie war gekommen, hierher, nach Gerimor. Die Treue hatte sie ihm gehalten, aber er? Er hatte viele Frauen umschmeichelt, den ein oder anderen Kuss erhalten, aber wirklich geliebt.. hatte er keine von ihnen.

Es würde wohl noch einiges an Zeit dauern, vermutlich Jahre, bis er das Vertrauen wieder aufbauen konnte. Eines jedoch war er sich sicher, seine Gefühle waren rein, all die Wut, all der Hass wie weggeblasen. Er brauchte nichtmehr all das Bier und den Wein, um einschlafen zu können. Er fühlte sich noch immer schuldig und elendig, aber auf eine andere Art und Weise, irgendwann, das wusste er, würde alles wieder stimmen.

Aus dem Gespräch mit der Diakonin ergab sich, das er seine Schuld öffentlich gestehen sollte und sich so - von all den Liebschaften lossagen sollte. Auch sein Ehegelübde solle er auf diesem Wege erneuern, wurde ihm geheissen. Demütig und Verständnissvoll akzeptierte er dies. So war es doch das Mindeste und nur ein kleiner Teil dessen, wie er seine große Schuld begleichen konnte. Wie hatte er nur, eine solche Frau verdient?

Nach einer weiteren Nacht, die er kniend in der Kirche Adorans verbracht hatte. Machte er sich daran den Aushang vorzubereiten und ihn, im direkten Anschluss, an allen öffentlichen Plätzen, des lichten Reiches, anzubringen.



Der Herrin Licht mit Euch,

Ich, Tharus Mederic, entschuldige mich öffentlich bei meiner Frau, für all das Leid dass ich ihr zugefügt habe.
Auf diesem Wege, verabschiede ich mich von einer jeden Frau der ich jemals Hoffnungen gemacht habe.
Mein Herz, mein Geist und mein Körper soll fortan nurnoch dem Zwecke dienen, meine Frau und Temora zu ehren.
Ich verspreche ihr in jeder schwierigen Stunde meinen Beistand, meine Ehrlichkeit und Treue.
Zu allerzeit will ich ein Bestandteil ihres Lächelns und Lachens sein.
Das schützende Schild an ihrer Seite und der Sonnenstrahl der sie wärmt.

Rowana Mederic, einst gebürtige Cirocal, meine Schuld wird nicht von einem Tag auf den Nächsten verblassen, vielleicht auch nie. Aber ich werde dir fortan ein besserer Mann sein. Darauf gebe ich dir, mein Liebling, mein Wort und Temora soll meine Zeugin sein.

In voller Demut,

Tharus Mederic
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Gast

Beitrag von Gast »

Auch in dieser Nacht, wie spät es auch geworden sein mag, legt sie das Buch auf den Tisch. Sorgfältig platziert sie das Tintenfass daneben, legt die Feder zurecht. Ein weiterer Tag ist vergangen, an dem sie sich über so viele Dinge Gedanken gemacht hat. Ein weiterer Tag, an dem so vieles geschehen ist. Sie presst die Lippen aufeinander, als sie sich an den Tisch setzt und die Feder zur Hand nimmt. Die Waffe hätte sie vorgezogen, einmal mehr. Aber in dieser Stadt konnte sie nicht zur Waffe greifen, um die Dinge zu regeln. Lucien hatte recht. Dieses eine Mal wenigstens.

Ihr Blick glitt über den frisch gesiegelten Bürgerbrief. Der Bericht ihrer Tauglichkeitsprüfung, direkt daneben. Dann schloss sie die Augen, für einen kurzen Augenblick nur, aber lange genug. Sie begann zu schreiben.

  • Die Tage werden immer länger, und nicht selten halte ich genau das für einen Fluch. Wenn sie kürzer wären, würde weniger Unheil hineinpassen. Aber letzten Endes sind die Wünsche nach längeren oder kürzeren Tagen doch nur fromme Wünsche. Man muss sie nehmen, wie sie kommen und versuchen, damit zu leben. Oder beim Versuch ersticken, was mir manchmal als die bessere Alternative erscheint.

    An Tagen werde ich allerdings wohl kaum ersticken. Da erscheint es mir wahrscheinlicher, dass die Ehre mir das Genick bricht. Eben die Ehre, die mir so wichtig ist. Die ich so sehr zu schätzen gelernt habe, wenn sie mir begegnet. Und die mich nun tatenlos festhält, wenn ich doch eigentlich etwas sagen müsste, um die Ehre eines anderen zu schützen. Aber ich will es gern gestehen, ich vermag es nicht. Ich bin des Streitens so müde. Ich bin es so müde, und vielleicht glaube ich sogar, nicht einmal das Recht zu haben, meinen Ehemann zu tadeln. Vier Jahre sind eine lange Zeit. In vier Jahren ändert sich so manches.

    Was soll ich nur tun, wenn die Wege so weit auseinandergehen? Meine Ehre gebietet mir das Eine. Der Stolz das andere. Ich gehe durch die Straßen und so manche Frau tuschelt. Sie verflucht den, an den ich gebunden bin. Sie verabscheuen ihn. Vielleicht auch mich, das unerwünschte Hindernis in ihrem Weg. Eine hat ihn gar angegriffen. Ein Umstand, der mir nicht leidtat. Die Katze lässt das Mausen nicht, so sagt man. Und ich kann noch nicht glauben, dass er sich wirklich verändert.

    Doch von meiner Ehe einmal abgesehen, gibt es noch andere Schwierigkeiten, die ich mit großen Schritten näherkommen sehe. Schwierigkeiten, die sich mit einem anderen Teil meiner Ehre beißen. Was soll ich tun, wenn die sich abzeichnenden Konflikte im Adel ausbrechen? Ehre – oder Familie? Loyalität – oder schweigend auf mich zukommen lassen, was geschehen mag? Loyalität – oder vielleicht denjenigen verraten, der mir in Erinnerung gerufen hat, was ich mir wünsche? Was ich eines Tages sein will? Es bricht mir das Herz, auch nur daran zu denken. Und mehr noch zu wissen, dass ich nicht darüber sprechen kann, ganz gleich mit wem.

    Was soll ich sagen? Ich bin jetzt Bürgerin, hier in Lichtenthal. Die Hochedle hat mich gelobt. Hier bin ich jetzt zu Hause. Und zum ersten Mal schwirrt in meinem Kopf eine alles beherrschende Frage ... Was will ich eigentlich? Nicht meine Familie. Nicht alle anderen. Was will ich? Die Antwort darauf ist nicht unbedingt das, was ich erwartet hätte. Ich will meine Ehre nicht aufgeben.
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