Sie hatte in ihrem Leben noch kein Tagebuch geführt, und der Gedanke, jetzt damit anzufangen, erschreckte sie. Sie hasste das Gefühl des schweren Buchs mit den leeren Seiten, das seit einigen Tagen in ihrer Tasche ruhte. Des Buchs, in das sie noch nicht eine Zeile geschrieben hatte. Nicht einmal ihren eigenen Namen. Aber der Name würde das Einfachste werden, nicht wahr? Das, was folgen sollte, das war das Schwierigste. Ihr eigenes Verhalten zu beobachten, jeden einzelnen Tag zu reflektieren. Und sich einzugestehen, wann sie gegen die Tugenden verstieß. Ein Buch würde vielleicht nicht ausreichen. Nicht einmal für eine Woche!
Eine weitere nicht unwichtige Frage war doch, ob die Diakonin das Buch würde sehen wollen. Würde sie am Ende lesen wollen, was Rowana gedacht oder getan hatte? Sie hatten über diesen Punkt noch nicht gesprochen. Sie wusste nicht, was sie vom Kloster im Allgemeinen und der Diakonin im Besonderen zu erwarten hatte. Also würde sie vielleicht besser nichts allzu Persönliches hineinschreiben. Und auch nicht allzu viele Gedanken. Nichts, was niemand wissen durfte, von der Göttin abgesehen. Ja, das würde wohl das Beste sein.
Ihre Hand tastete nach dem Buch, das sicher in ihrer Tasche verstaut war. Dann seufzte sie schwer. Es half nichts. Geschrieben werden musste ja doch. Und einen Anfang musste sie auch noch finden.
Stunden später lag das Buch vor ihr auf einem Tisch. Vorsichtig schlug sie es auf und betrachtete die Furcht einflößenden Seiten, die beängstigend leer auf die Tinte warteten. Sie schluckte hart, dann fasste sie sich ein Herz und tauchte die Feder ins Tintenfass. Die ersten Worte flossen aus der Feder aufs Papier ... und die nächsten waren nicht mehr ganz so schlimm.
- Ich bin Rowana. Vielleicht muss ich das nicht in dieses Buch schreiben, aber ich glaube, es ist wichtig. Wichtig, damit ich es immer wieder nachlesen kann. Damit ich letzten Endes auf diesem Weg nicht vergesse, wer ich eigentlich bin. Ich bin eine Schützin. Vielleicht ist das nicht ganz so wichtig, aber ich denke, ich erwähne es trotzdem. Rein der Vorsicht wegen.
Seit einem Wochenlauf wohne ich in Kronwalden, aber geboren bin ich dort nicht. Die Gegend ist mir so fremd, wie die vielen Menschen denen ich begegnet bin. Ich möchte irgendwann gern ein eigenes Haus haben. Vielleicht in Berchgard. Es ist nicht so groß wie Adoran. Ich würde eigentlich lieber in der Hauptstadt wohnen, aber ich glaube nicht, dass ich meinen Willen durchsetzen könnte. Immerhin betrifft diese Wahl nicht nur mich, sondern auch meinen Mann. Ich gebe zu, dass ich diesen Gedanken nicht immer mag. An manchen Tagen hasse ich es, auf einmal auf ihn Rücksicht nehmen zu müssen. Dann flüstert irgendeine Stimme in mir, dass er auch keine Rücksicht genommen hat, als er sich wie ein Dieb davon gestohlen hat. Noch kämpfe ich diese Stimme nieder, aber ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann. Das klingt nicht besonders opferbereit, nicht wahr? Ich bin nicht bereit, alles für meine Ehe zu opfern, und vielleicht ist das falsch. Auf der anderen Seite muss ich mir auch die Frage stellen, warum nur ich alles opfern sollte, was ich möchte? Kann man denn keinen Kompromiss finden?