“Wir lieben dich, mein Sohn.“ Wurden die Worte von den schmalen Lippen seiner Mutter gesprochen. Das gewohnte, herzliche und mütterliche Lächeln, im Hintergrund sein Vater, der die massiven Hände auf den Schultern Garius´Mutter gebettet lies. Ein Bild, bei dem er sich von jedem Künstler gewünscht hätte, es festzuhalten.
Die hölzernen Mauern seines alten Zuhauses wurden plötzlich dunkler, es macht sich ein ungutes Gefühl breit. Seine Beine fühlten sich schwer an und das Bildnis, wurde nunmehr einem Bildnis von Puppen gleich. Seine Mutter öffnete den Mund, doch es drang kein Laut von ihren Lippen, stattdessen verdrehten sich die Augen zu dem weiß des Apfels und dickflüssiges Blut begann von ihren Lippen und aus ihrer Nase zu rinnen. Unter Vaters Händen tränkte sich das Leinen der Mutter in Blut, während die harten, bärtigen Züge leblos wurden und er am Ende nicht mehr wie eine erhängte Leiche da stand. Ein höllischer schriller Schrei dröhnte plötzlich in seinem Ohr, er riss die Augen auf.
[img]http://31.media.tumblr.com/5cdabc7e8a4dd786987173598f72bbc2/tumblr_n2wwesfGXh1s7mgnxo1_r1_500.gif[/img]
Flach und beschleunigt ging seine Atmung, als er nur schwer in die Realität zurückfand. Er konnte nur dunkel die Umrisse der Gemächer erkennen, während die Bilder mit einem schweren Kloß im Hals vor seinen inneren Augen nachhallten. Es dauerte mehrere Lidschläge, bis er fähig war, einen klareren Gedanken zu fassen, doch eine Ruhe kehrte nicht ein. Mit der Linken wusch er sich kalten Schweiß von der Stirn, während er mehr und mehr die Schmerzen der Erkältung in seinem Hals wiederfand. Er spürte die Nähe von Noelias Kopf, neben ihrer Hand, auf seiner Brust, darunter sein pulsierendes Herz. Der Anblick ihrer schönen, ruhenden Gestalt, lies ihn etwas ruhiger werden, doch er musste raus.
Oftmals hatte er sich nachts aus dem Bett geschlichen, nicht nur bei ihr, sondern auch bei vielen anderen Frauen, die er im Gegensatz zu Noelia, nur für eine Nacht behielt. So schob er seinen Leib langsam unter dem ihrem heraus, ihren Kopf bettete er vorsichtig auf dem Kissen. Sicherlich würde sie es nur als nächtlichen Gang zum Abort oder dergleichen wahrnehmen.
Die Beine protestierten kurz, als er sich von der Bettkante in den Stand drückte und er spürte die Wirkungen des geschwächten Kreislaufes. Er kam nicht umhin, das Zittern der Finger ignorieren zu müssen, es war auch in der Vergangenheit nichts Ungewohntes.
In einer einfachen Hose und den alten Mantel gekleidet, stapfte er hinaus, die nackten Füßen auf dem kalten Stein vollkommen lautlos.
Wie er die Türe öffnete, kam ihm schon der vertraute, weniger angenehme Geruch der Insel entgegen, aber auch die wesentlich, angenehmere feuchtwarme Luft. Es war nie wirklich ruhig auf Cabeza, nahm er auch in der Nacht die ausgelassene Feierlaute wahr, die meisten von Minfays über die Insel klangen.
Er zog den Flachmann aus dem Mantel und genoss den warmen Brand des Alkohols, der den Schmerz der Erkältung in der Kehle vergehen lies. Er empfing auch die Erleichterung, mit der sich der Körper mehr und mehr mit dem Genuss des Alkohols entspannte. Es war schwer zu leugnen, dass der regelmäßige Konsum des Alkohols nicht gesund sei, aber es interessierte ihn nicht.
Mit einem Griff in die Brusttasche zog er dann auch ein metallenes Etui heraus, aus welchem er auch sogleich das Tabakröllchen in den Mund beförderte, nur um es dann mit einem Schwefelholz zu entzünden. Natürlich förderte der Rauch das schmerzhafte Kratzen im Hals und entlockte ihm ein schweres Husten. Etwas mehr Alkohol würde wieder entsprechend Ölen.
[img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/109083stockphtx26r7qbom.jpg[/img]
So stand er da und ließ den Blick aus den dunklen Augen über seine neue Heimat schweifen. Es ging ihm gut, ja, so gut wie schon lange nicht mehr. Die Menschen, die er kennenlernte, nannte man selbst Kameraden. Sklaventreiber, Mörder, Piraten, aber es waren ehrliche Menschen. Sie sagten einem, was sie dachten, man wusste woran man ist und er genoss die Zeit beim feiern, beim dummschwätzen, auch wenn es in anderen Regionen Gerimors oft Ärger bedeutete, so würde er hinter all diesen Bastarden stehen.
Etwas, was weniger einfach zu händeln war, war das, was in seinem Bett lag. Ja, Feoras hatte recht, als er zu ihr sagte, dass er sie nur ins Bett bekommen will, doch war der damalige Gedankengang, sie wieder wegzuschicken, niemals ausgesprochen worden. Es war besser so, am Ende würde es ihn vielleicht nur seine Eier kosten und heute war sie immerhin hier? Ein Umstand der ihn zufrieden machte. Sie war ein ordentliches Mädchen, ein Mädchen, das man zu lieben lernte, darüber hinaus noch gut im Bett und nicht auf den Kopf gefallen war. Doch es war nicht so einfach. Er selbst war lange nicht mehr der Kerl, der sich ohne Hintergedanken ewig an eine gebunden hätte, warum auch? So sehr, wie die Kerle als Arschloch beschimpft wurden, genauso viele Huren gab es auch unter den Frauen.
Ja, sie hatte zu ihm gesagt, das sie ihn lieben würde und es war etwas, das ihn im ersten Moment unsicher werden ließ. War es so einfach? Vor einigen Jahren, hatte er es sich so ersehnt, von einer anderen Frau, aber er hatte es ersehnt und heute? Heute wollte er sich nicht öffnen, heute wollte er immer eine gewisse Distanz waren, um am Ende doch die Mauer aus Gleichgültigkeit und Kälte nicht fallen lassen zu müssen. So war man verwundbar und er wusste, was es hieß, ehrlich zu sein, Gefühle zu zeigen, versucht ein ordentlicher Mann zu sein, nur um danach einen verbalen Tritt in die Eier zu bekommen.
Nein, er wollte sie nicht verletzen. Ja, er war ein verdammtes Arschloch, ein Hurenbock und er stand dazu, aber trotz allem, konnte und wollte er diese Frau nicht verletzen, warum? Mit einem tiefen Atemzug quoll der Qualm der Zigarette aus der rotzigen Nase, zog er den Schleim hörbar durch die Kehle, nur um ihn vor sich auf den Boden zu spucken. Er war noch nicht soweit, als das er sich diese Frage hätte beantworten können.
Ja, sicherlich, sie war etwas Besonderes. Er war hin und hergerissen, zwischen den Blicken in die Zukunft und der Angst vor Nähe. Aber genauso, wie er sich die Gedanken machte, so fühlte er sich gut, wenn er an die Liebe dachte, die ihm diese Frau zukommen ließ. Sie stand hinter ihm, sie wollte ihm eine gute Frau sein, das wusste er und spürte er. Sie akzeptierte ihn, seine Macken, seine Ausfälle, seine Sprüche, aber auch seine Freiheit. Und ja… er genoß ihre Anwesenheit, ihre Nähe, ihre Berührungen. Als er sagte, sie solle bei ihm einziehen, war es keine Lüge.
Sie sollte zu ihm gehören. Sie sollte sein Mädchen sein und so wurde ihm klar, dass er genau um jenen Umstand in der Vergangenheit gekämpft hatte.
Der letzte Gedankengang, das letzte Geräusch, das Zischen der Zigarettenglut im Kanal, ein letzter Schluck aus dem Flachmann, dann wollte er wieder hinein.
Es gibt kaum ein beglückenderes Gefühl, als zu spüren, dass man für andere Menschen etwas sein kann.
Dietrich Bonhoeffer