Die Hausglocke forderte ihre Aufmerksamkeit, war sie doch gerade dabei, sich die Wunden zu lecken und den Ruß zu verbannen, der ihren Leib säumte nach einer erfolglosen Drachenjagd. Nein, erfolglos nicht, schließlich lebte sie noch. Sie striff Rock und Bluse über, schlang das feuchte Haar zu einem Zopf zusammen und ging der Aufforderung nach, das Tor zu öffnen.
Da stand er nun, groß, dunkel, die Bürde mit sich tragend, den Tod seines Bruders zu verkünden. Sie erkannte ihn nicht sofort, bis er einige Worte sprach und ihr mit Schrecken bewusst wurde, wen sie da vor sich hatte. Die Wache vor dem Tor wusste zwar bescheid, aber wie einfach wäre es für Malachai gewesen, ihr Leben auszuhauchen, noch bevor jemand hätte reagieren können.
Sie wusste nicht, was sie von diesem Besuch halten sollte, eine Nachricht von Valion, hieß es. Nichts ahnend und in der Hoffnung, dass er sich nun endlich entschieden hatte, denn nein, sie glaubte seinen letzten Worten, die er noch aus seinem quicklebendigen Körper gesprochen hatte, nicht. Er würde einen Weg finden, sie zu vergessen, so hoffte sie. Bis Malachai selbst den Mund öffnete, um schicksalsschwere Worte zu verlesen.
Valion konnte sich nicht entscheiden zwischen ihr und den dunklen Pfaden, auf denen ihn seine Freunde begleiteten. Stattdessen wählte er den Tod, der Tod, der ihn erlöste und alle seine Hinterbliebenen in Trauer stürzte.
"An meinem Tod bist du nicht Schuld", las Malachai mit beherrschter Stimme vor. Das war zu viel für Flo. Ihr Inneres barst auseinander, sie sank auf die Knie, sie weinte, schluchzte, liess ihrem Schmerz freien Lauf. Sie wollte, konnte es nicht wahrhaben, flehte Malachai an, ihr zu sagen, er hätte sich nur einen üblen Scherz erlaubt, um sie zu strafen. Aber ein Blick in seine Augen und seine kalte Stimme holten sie auf den Boden der Tatsachen zurück. Nein, er war für immer von ihr gegangen. Und er nahm einen großen Teil ihres Herzens mit. Das was übrig blieb, waren ihre Erinnerungen, viel Freude hatte er ihr gebracht, aber auch viel Schmerz bereitet. Sie war bereit, alles für ihn zu geben. Er nahm nur so viel, dass es ausreichte, um sie blind zu machen, um sie dann, letztendlich von sich zu weisen. Er hatte sich für die andere Seite entschieden, aber ihm fehlte die Kraft, sein Leben ohne sie zu fristen.
Die Gedanken wirbelten nur so in ihrem Geiste, als sie da auf dem Boden kniete, zitternd wie Espenlaub in kaltem Winterwind.
Nein, von Malachai konnte sie keine Vergebung erfahren, sie wollte es auch nicht. Sie wollte auch sein Mitleid nicht, nicht, dass er es ihr angeboten hätte. Einzig und allein als er von seiner Schwester sprach, nahm sie so etwas wie Gefühl an ihm wahr. Aber das war gut so, sie wollte sich nicht von ihm trösten lassen, mochte er Valions Bruder gewesen sein, sie ging auf Distanz. Zog sich zurück in ihrem Schmerz, nun war es entgültig vorbei. Sie konnte Valion nicht mehr lieben, ihn nicht hassen. Der Teil ihres Herzens schien mit ihm gestorben. Sie glaubte nicht mehr an die Liebe, brachte sie doch nur Leid, unendliches Leid, wie es schien.
Mit dem Päckchen in der Hand, ging sie zitternd voraus, nach dem es sie unendlich Kraft gekostet hatte, sich wieder zu erheben. Er gab ihr nicht die Schuld an Valions Tod, um Valions Willen, aber sie meinte es besser zu wissen, tief in des Todesengels Herzen gab er ihr die Schuld, vielleicht nicht alleinig, doch die Flamme war da.
Das Gefühl der Unsicherheit in seiner Nähe überkam sie. Er sollte gehen, fort von ihr. Und das tat er auch, sie hoffte für immer. Sie wollte abschließen damit.
"Vergiss das, was war. Werde wieder die alte Florence", diese letzten Worte Valions hallten durch ihren Kopf. Nein, vergessen würde, konnte sie ihn nicht, dazu hatte er zu viel bei ihr hinterlassen. Aber sie würde weiter machen, schon um ihrer Schwester und um ihrer Freunde Willen. Sie war viel zu stur, um sich nun aufzugeben. Nein, das wäre nicht die wirkliche Flo.
Sie brauchte nicht einmal die Hand auszustrecken und es war jemand an ihrer Seite, jemand, der sich rührend um sie kümmerte und ihr zeigte, was ihre Schwester ihr mit Worten zu erklären versucht hatte.
Valion war nicht mehr. Ihre erste große Liebe dahingeschieden. Nun hatte sie die Wahl... Sollte sie sich mit hinab in die Tiefe reißen lassen oder zu neuen Höhen empor klettern? Sie lag schon oft am Boden, aber sie stand auch immer wieder auf. Sie schaffte es nicht allein diesmal, aber sie war nicht allein. Und so stand sie Stunden später wieder. Wacklig noch auf den Beinen, aber sie stand. Man reichte ihr die Hand, um den ersten zögerlichen Schritt zu tun und sie wagte es, der Blick auf den ersten Strahl des Sonnenscheins gerichtet. Sie betete darum, dass sie mehr davon erreichen würde, dass die Sonne die dunklen Schatten um sie herum und in ihrem Inneren verbannen würde.