Was man sieht, wenn man hinschaut

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Jynela Dhara
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Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:

Ich erinnere mich nicht an meine erste Tat.

Ich erinnere mich an den Wind. Er kam aus dem Norden, roch nach Eis und altem Stein und er nahm sich, was er wollte - Wärme, Stimmen, Spuren - ohne zu fragen und ohne Erklärung, weil der Norden nicht erklärt, er zeigt. Wenn du dort oben geboren wirst, lernst du das früh: Nichts bleibt außer dem, was du festhältst. Und selbst das nur so lange, wie du stark genug bist, um nicht loszulassen.
Ich war es.
Nicht von Anfang an - das ist niemand - aber früh genug, um zu verstehen, was der Norden von einem verlangte und was er zurückgab, wenn man gab, was er verlangte. Er gab Klarheit. Keine Wärme. Keine Freundlichkeit. Klarheit.

Als Kind war ich zu still und sah zu genau hin, was die anderen als störend empfanden, obwohl sie nicht hätten sagen können, warum. Sie schrien, rannten, schlugen sich. Ich sah, wo sie hintraten. Wo der Boden nachgab. Wo sich Wasser sammelte, unsichtbar unter einer dünnen Kruste aus Eis, die nicht hielt, was sie versprach. Wo ein Tier gewesen war und wohin es gegangen ist. Man sagte mir, ich hätte Augen wie ein alter Mann, und ich glaube, sie meinten damit nicht das Sehen selbst, sondern diese Eigenschaft des Sehens, die aufhört, erstaunt zu sein und anfängt, nur noch einzuordnen.

Mein Vater verschwand früh, und ob er starb oder ging, spielte im Norden kaum eine Rolle, weil beides am Ende auf dasselbe hinauslief: Er war nicht mehr da. Meine Mutter sprach nicht darüber. Sie sprach über wenig, weil Worte bei ihr eine Währung waren, die sie nicht leichtfertig ausgab und weil die Dinge, die sich nicht ändern ließen, keine Worte verdienten. Was sie mir gab, war kein Trost und keine Erklärungen. Es war Notwendigkeit in ihrer reinsten Form: wie man Spuren liest, bevor der Schnee sie frisst. Wie man sich bewegt, ohne den Atem der Welt zu stören. Wie man wartet.
Vor allem das. Wie man wartet.
Geduld ist keine Tugend. Das ist ein Missverständnis, das Menschen mit Moral verwechseln, was sie gut schlafen lässt. Geduld ist ein Werkzeug, präzise und wertlos, wenn man nicht weiß, wofür man sie einsetzt. Wer zu früh handelt, stirbt. Wer zu spät handelt, auch. Dazwischen liegt ein schmaler Grat, und ich habe früh gelernt, auf ihm zu gehen, ohne hinzusehen, weil Hinschauen das Gleichgewicht stört.


Ich verließ den Norden, als ich alt genug war, um niemandem mehr zu gehören, und gleichzeitig noch jung genug, um zu glauben, dass das ein erreichbarer Zustand war. Es ist keiner. Man gehört immer jemandem, oder man ist jemandem etwas schuldig, oder man ist in ein Netz aus Erwartungen eingewoben, das sich auch dann zuzieht, wenn man die einzelnen Fäden nicht sieht. Der Unterschied liegt nur darin, ob man sich das eingesteht.

Also wurde ich Söldner.


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Ein sauberes Wort für Arbeit, die selten sauber ist - es bedeutet im Kern nur, dass man seinen Preis kennt, oder zumindest so tut als ob, was oft genug dasselbe ist. Am Anfang war es einfach in der Art, wie Dinge einfach sind, die keine Komplexität zulassen: Ein Mann mit einem Messer. Ein anderer Mann, der nicht mehr atmen sollte. Der Rest dazwischen war Bewegung und Entscheidung und das ruhige Gefühl, dass man entweder gut genug ist oder nicht und wenn nicht, dann endet das hier.
Ich war gut darin. Nicht weil ich stärker war als andere oder schneller, sondern weil ich verstanden hatte, dass die meisten Menschen sterben, lange bevor sie fallen - in dem Moment, in dem sie glauben, sicher zu sein, in dem sie aufhören zu lesen, was vor ihnen liegt und anfangen, das zu sehen, was sie sehen wollen. Und ich habe gelernt, dass ein ruhiges Gesicht und wenige Worte eine nahezu unüberwindliche Tarnung sind, weil Menschen dazu neigen, in der Leere eines Schweigens Dinge zu projizieren, die ihnen gefallen: Zurückhaltung, Tiefe, vielleicht sogar Verlässlichkeit.
Ich habe sie nie korrigiert.

Viele glauben bis heute, es gebe Dinge, die ich nicht getan hätte. Sie sehen das ruhige Gesicht, hören die wenigen Worte und halten beides für Gewissen. Ich habe keinen Grund, sie zu enttäuschen. Ein Messer wird nicht sauber, nur weil man es selten benutzt und ich habe nie den Fehler gemacht, mich selbst für etwas anderes zu halten als das, was ich war.


Von ihnen hörte ich nicht durch Gerüchte. Gerüchte sind laut und wertlos, weil sie immer die Form annehmen, die derjenige braucht, der sie weitergibt. Ich hörte von ihnen durch Lücken. Aufträge, die verschwanden, ohne eine Spur zu hinterlassen, die sich verfolgen ließ. Männer, die nicht mehr gefunden wurden und dennoch keine Leichen hinterließen. Spuren, die endeten, wo sie nicht enden sollten, abrupt und sauber, wie ein Satz, dem jemand das Ende weggeschnitten hatte.
Das ist auffällig, wenn man weiß, wonach man schauen muss.
Also folgte ich.
Nicht ihnen, sondern ihren Schatten, was ein Unterschied ist, den die meisten unterschätzen, weil er Geduld verlangt der besonderen Art: die Bereitschaft, nichts zu finden und trotzdem weiterzumachen, weil das Nichts selbst bereits eine Information ist. Es dauerte Monate, vielleicht länger - Zeit verliert an Bedeutung, wenn jeder Tag nach demselben riecht, nach Staub und Leder und der stillen Frage, ob man den nächsten Morgen noch sieht. Am Ende fand ich sie in Weidenheim, mitten in der Legion, in einer Stadt wie viele andere: enge Gassen, schwere Tore, Menschen, die glauben, Mauern würden schützen. Sie irren sich. Mauern halten nur auf, was man sehen kann.
Ich trat ein, ohne gesehen zu werden und blieb lange genug, um zu verstehen, dass ich gefunden werden sollte.

Sie prüften mich nicht mit Worten. Das war das erste Zeichen, dass sie wussten, was sie taten. Worte sind leicht zu fälschen, leichter als die meisten denken, weil Menschen hören wollen, was sie hören wollen, und man nur lernen muss, was das ist. Sie gaben mir einen Auftrag, klein genug, um bedeutungslos zu wirken, groß genug, um zu zeigen, ob ich verstand. Ich verstand. Ich ließ keine Spuren zurück. Das war der Moment, in dem sie mich wirklich sahen.

Und dort traf ich irgendwann sie zum ersten Mal.

Jynela Dhara sagte nichts, als wir uns begegneten. Sie musste nicht. Ihr Blick stellte Fragen, ohne sie zu stellen, was ein Unterschied ist, der größer ist, als die meisten begreifen, weil er darüber entscheidet, wer kontrolliert, was gesagt wird und wer nur reagiert. Die meisten Menschen schauen, ohne zu sehen.
Sie sah.
Das war ungewöhnlich auf eine Weise, die ich damals noch nicht vollständig einordnen konnte und gefährlich auf eine Weise, die ich sofort erkannte.
Ich erinnere mich daran, dass ich instinktiv langsamer atmete in diesem Moment. Nicht aus Angst - Angst ist ein schlechter Berater und ich hatte mir abgewöhnt, auf sie zu hören - sondern aus Berechnung. Menschen wie sie übersieht man nicht. Man passt sich an, oder man verschwindet, bevor sie einen eingeordnet haben. Ich tat weder noch. Ich blieb, obwohl ich wusste, dass jede Nähe irgendwann einen Preis hatte und dass dieser Preis bei jemandem, der so scharf sah, höher sein würde als bei den meisten.

Damals glaubte ich noch, ich hätte eine Entscheidung getroffen. Für die Gruppe, für den Auftrag, für etwas, das größer war als ein einzelner Moment. Das war ein Irrtum der Art, die sich erst im Rückblick als das zeigt, was sie ist: kein Entschluss, sondern ein Weg, den man geht, weil er sich im Moment notwendig anfühlt, ohne dass man versteht, wohin er führt.
Entscheidungen sind selten das, was sie zu sein scheinen.
Ich habe viele Wege genommen. Einige davon führen immer noch zurück zu ihr.
Und einer endet an ihrer Kehle - und ich erinnere mich daran sehr genau, auch an das, was ich in diesem Moment getan habe.
Und an das, was ich nicht getan habe.


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Jynela:


Weidenheim hatte mich damals nicht gebeten zu kommen.
Das taten Orte selten, was kein Hindernis war, weil ich gelernt hatte, dass die interessantesten Dinge meistens dort passierten, wo man nicht eingeladen war.
Die Anforderung kam über Aresh, über meinen Hauptmann, knapp und sachlich, wie Anforderungen es taten, wenn jemand genug Verstand hatte, nicht mehr Worte zu benutzen als nötig:
Man benötige einen Scharfschützen für Unterricht. Ob ich verfügbar sei. Ich war es.

Das war natürlich gelogen.

Nicht das Verfügbarsein - das stimmte, ich hatte damals tatsächlich gerade nichts Dringenderes zu tun, was ein seltener Zustand war und mich grundsätzlich misstrauisch machte. Gelogen war die Implikation, dass mich die Anforderung überraschte.
Ich hatte bereits während meiner Ausbildung Zeit in Weidenheim verbracht, war in Bärentrutz stationiert gewesen, kannte die Legion dort. Und schon damals gab es Gerücht, von einer Art von Aufträgen, die sauber genug waren, um nicht laut kommentiert zu werden und interessant genug, um genau das zu sein. Wenn man aufmerksam genug zuhört, was die meisten Menschen nicht tun, weil sie zu beschäftigt damit sind, selbst zu reden, dann hört man die Lücken zwischen den Sätzen und Lücken sind häufig informativer als das, was gefüllt wird.

Ich packte also mein Bogen, mein Gepäck und eine Portion gesunden Pragmatismus und machte mich auf den Weg.

Bärentrutz war eine Stadt, die sich selbst sehr ernst nahm.
Das merkte man an den Toren, die groß genug waren, um einem mittleren Selbstbewusstseinsproblem als angemessenes Symbol zu dienen, an den Wachen, die so standen, als hätten sie gerade für eine Statue Modell gestanden und noch nicht ganz aufgehört damit und an der Art, wie die Straßen angelegt waren: gerade, ordentlich, mit der stillen Erwartung, dass man sie nicht zu sehr benutzte.

Ich benutzte sie trotzdem, weil mir die Erwartungen fremder Städte grundsätzlich gleichgültig waren und machte mich zielstrebig auf den Weg zur Kommandantur, die genauso aussah wie sie wahrscheinlich überall aussahen - als hätte jemand beschlossen, dass Zweckmäßigkeit das Ende aller Diskussionen war, und das Gebäude entsprechend gebaut. Allerdings war sie im Vergleich zur Kommandantur in Rahal deutlich größer.

Tero traf ich am zweiten Tag.

Nicht durch Zufall, auch wenn es so aussah und ich war damals schon gut genug darin, Dinge zu erkennen, die nicht durch Zufall passierten. Er lehnte an einer Wand, wie jemand der an Wänden lehnte, der dabei aussah, als wäre er einfach zufällig dort, und der gleichzeitig den gesamten Hof im Blick hatte, ohne auch nur einmal offensichtlich hinzuschauen. Das war handwerklich gut gemacht. Ich war beeindruckt, was selten genug vorkam, um es zu bemerken.




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Er sah mich kommen und ich sah, dass er mich sah und wir taten beide so, als würde das gerade nicht passieren, was eine dieser stillen Einigungen war, die keine Worte brauchen, weil beide Seiten bereits verstanden haben, womit sie es zu tun haben.
„Dhara", sagte er schließlich, als ich passierte.
„Ariosta", erwiderte ich, lediglich um ihm zu zeigen, dass ich genau wusste, wer er war.
Das war das ausführlichste Gespräch, das wir an diesem Tag hatten und trotzdem hatte ich danach das Gefühl, mehr gesagt zu haben als in den meisten Unterhaltungen, die ich je geführt hatte. Das war Tero.
Er kommunizierte im Dienst mit einer gewissen Knappheit , die ich respektierte, weil ich selbst keine Geduld für Worte hatte, die nur da waren um den Raum zwischen zwei Gedanken zu füllen.

Ich war nicht sofort eingeweiht worden. Das wäre unklug gewesen und Tero war kein unvorsichtiger Mensch. Was folgte waren die Unterricht die ich hielt und das tat ich wie alles gründlich, effizient und mit der festen Überzeugung, dass Halbherzigkeit eine Beleidigung für alle Beteiligten war - und gleichzeitig beobachtete ich.
Die Kommandantur. Die Menschen dort. Den Hauptmann, der ab und an auftauchte, wenig sagte und genau das sagte, was er meinte, ohne den Umweg über das, was er für höflich hielt. Das mochte ich. Er erinnerte mich stark an Aresh nur deutlich älter. Menschen, die durch höfliche Formulierungen hindurch redeten, als wäre Direktheit eine Krankheit, von der man andere anstecken könnte, hatten schon immer etwas an mir gebracht, das man vorsichtig als Ungeduld bezeichnen konnte und das die meisten schlicht als Unhöflichkeit einstuften.
Der Hauptmann war nicht so. Tero war nicht so.

Und die Aufträge, von denen niemand sprach, aber die trotzdem erledigt wurden, die sprachen für sich selbst und irgendwann war klar, dass es eine Gruppe von der Art war, wie sie selten funktionierte: klein genug, um nicht aufzufallen, präzise genug, um Dinge zu erledigen, für die die Legion offiziell keine Hände hatte und zusammengesetzt aus Menschen, die gut genug in dem waren, was sie taten, um nicht erklärt werden zu müssen. Tero leitete das Operative. Der Hauptmann gab die Richtung vor. Und für bestimmte Situationen brauchte man jemanden, der aus einer Distanz traf, die andere nicht für möglich hielten.
Das war der Teil, der mich betraf.

Ich war nicht naiv genug, um mir einzureden, dass die Einladung nur meiner fachlichen Qualifikation galt. Natürlich galt sie der. Aber sie galt auch dem, was Tero in den Wochen davor beobachtet hatte und ich hatte ihn beobachten sehen, also wussten wir beide, dass das keine Überraschung war. Das war, rückblickend betrachtet, wahrscheinlich der eigentliche Prüfstein gewesen: nicht ob ich traf, das wussten sie bereits. Sondern ob ich verstand, was um mich herum passierte, ohne es laut zu sagen.
Ich hatte es verstanden.
Und irgendwann hatte Tero mir eine Nachricht zukommen lassen, auf die Art, die wir ohne weitere Absprache entwickelt hatten, weil bestimmte Dinge sich einfach einspielten, wenn beide Seiten wussten, was sie taten.
Ich erschien.
Die Sache war besprochen worden, ohne dass besonders viele Worte nötig gewesen wären, was ich bis heute als eines der elegantesten Gespräche meiner Karriere betrachte.
Was ich damals nicht wusste, nicht wissen konnte, weil ich kein Hellseher bin, auch wenn manche Menschen das irrtümlicherweise von jemandem erwarten, der aufmerksamer zuhört als sie, war, dass ein anderer Mensch in dieser Stadt seine eigenen Schlussfolgerungen zog, seine eigenen Verbindungen knüpfte und auf seine eigene stille Art bemerkte, was bemerkenswert war.

Ich habe ihn in Weidenheim zum ersten Mal gesehen, bevor ich wusste, wer er war.




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Man bemerkte ihn nicht sofort. Das war absichtlich, was ich erkannte, weil ich selbst genug Zeit damit verbracht hatte, nicht bemerkt werden zu wollen, um die Technik dahinter zu kennen. Er war die Art von Mensch, die sich in eine Situation fügte, ohne dass irgendjemand hätte erklären können, seit wann er eigentlich da war. Ruhiges Gesicht. Wenige Worte. Eine bestimmte Art, die Umgebung zu scannen, ohne dass die Augen sich bewegten, die man nur dann erkannte, wenn man selbst dasselbe tat.
Das war das Einzige, was ich damals dachte: Ach. Der sieht auch.
Es war keine besonders tiefe Beobachtung. Aber sie war richtig, was im Nachhinein betrachtet vielleicht das eigentliche Problem war.
Ich hätte vielleicht mehr darüber nachdenken sollen. In dem Moment hielt ich es jedoch für ausreichend, es zu registrieren und weiterzugehen, weil ich damals noch der Meinung war, dass das Registrieren genug sei und das Nachdenken sich auf die Dinge beschränken sollte, die unmittelbar relevant waren.

Es ist eine der wenigen Einschätzungen, bei denen ich im Rückblick zugeben muss: Fehler.
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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:


Es gibt keinen einzelnen Moment, an dem ein Mensch sich verrät.
Das ist eine Geschichte, die man sich später erzählt, weil sie einfacher ist als die Wahrheit, und die Wahrheit besteht aus vielen kleinen Entscheidungen, die für sich genommen unbedeutend wirken und erst im Rückblick eine Richtung ergeben, aus der es kein Zurück mehr gibt.

Es begann mit einem Fehler.

Nicht dem Fehler, den man begeht, wenn man unvorbereitet ist oder zu langsam denkt oder den falschen Moment wählt. Das wären Fehler, die ich verstehen konnte, weil sie eine Ursache hatten, die sich benennen ließ.
Es war die andere Sorte. Die, die entsteht, wenn man zu lange zu präzise arbeitet und irgendwann vergisst, dass Präzision sichtbar ist, wenn jemand weiß, wonach er sucht. Ein Auftrag, der zu sauber abgeschlossen wurde. Eine Spur, die ich zu vollständig getilgt hatte, auf eine Art, die nur jemand erkannte, der selbst wusste, wie man Spuren tilgte.

Ich war gesehen worden. Nicht von unserer Seite. Von der anderen.

Das verstand ich erst später, als die erste Kontaktaufnahme kam.
Beiläufig und ohne Druck, auf die Art, die erfahrene Menschen wählten, wenn sie wussten, dass Druck das Falsche war. Eine Nachricht, die nichts verlangte, nur zeigte, dass man wusste. Dass man mich kannte. Dass man Dinge über meine Vergangenheit wusste, die ich nicht verbreitet hatte.
Über Aufträge, die offiziell nie stattgefunden hatten, über Namen, die ich längst hinter mir geglaubt hatte. Kein Ultimatum. Nur das stille Demonstrieren eines Wissens, das gefährlich war, wenn es in die falschen Hände geriet.

Die falschen Hände waren bereits im Spiel. Das war die Botschaft.

Ich könnte sagen, es war das Gold, das am Ende den Ausschlag gab. Das wäre die einfachere Geschichte, weil Gold eine begreifliche Motivation ist, die keine weiteren Erklärungen verlangt und mit der die meisten Menschen sich zufriedengeben, weil sie keine unbequemen Folgefragen aufwirft. Sie zeigten es mir nicht einmal offen, sondern ließen es nebenbei fallen, wie etwas, das keine besondere Bedeutung hatte, während ihre Worte von Pragmatismus handelten, von einer Welt, die komplizierter war als die Linien, die man auf Karten zog, von Interessen, die sich nicht immer mit den Farben deckten, die man trug. Und doch lag in diesem beiläufigen Glanz ein Versprechen, das schwerer wog als jede Rede - weil Gold keine Fragen stellt, nicht urteilt, keine Rechtfertigung verlangt. Aber es wäre zu einfach, es darauf zu reduzieren und ich halte mich nicht gerne bei Erklärungen auf, die nur einen Teil der Wahrheit abdecken.

Die Wahrheit war folgende: Sie hatten mich in einer Position, in der die Alternativen alle schlechter waren als die Frage, die sie stellten. Nicht, weil sie Gewalt angedroht hatten, das wäre zu direkt gewesen, zu leicht zu beantworten, weil Gewalt eine Entscheidung erzwingt und Entscheidungen unter Zwang Menschen auf eine Art freimachen, die niemand will, der etwas braucht.
Sie arbeiteten anders. Sie ließen mich verstehen, was sie wussten, und überließen mir die Rechnung.
Ich hätte gehen können. Das ist es, was man erwartet - dass es einen Punkt gibt, an dem man innehält, erkennt, was geschieht, und sich entscheidet, nicht Teil davon zu sein. Aber so funktioniert es nicht, und wer das glaubt, hat noch nie wirklich verstanden, wie Netze funktionieren.
Gehen bedeutete, dass das Wissen, das sie hatten, seinen Weg finden würde: zu Tero, zum Hauptmann, zu Menschen, die dann Fragen stellten, die keine guten Antworten hatten.
Es war kein Zwang. Es war eine Gleichung, in der jede Variable bereits gesetzt war, lange bevor ich sie erkannte, und meine Aufgabe war nur noch, sie zu lösen.

Und ich tat es.

Vielleicht, weil es einfacher war als dagegen anzukämpfen. Vielleicht, weil ein Teil von mir schon lange verstanden hatte, dass Loyalität vor allem denen dient, die davon profitieren und dass ich, wenn ich ehrlich war, nie vollständig entschieden hatte, wem ich wirklich loyal gegenüber war.
Oder vielleicht, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits zu weit gegangen war, um noch glauben zu können, dass der Unterschied zwischen den Seiten so klar war, wie die Seite, für die ich gearbeitet hatte, es darstellte.
Sie boten mir Freiheit an. Eine besondere Art davon: keine Befehle im üblichen Sinn, keine festen Strukturen, sondern Aufträge, die präzise und klar waren, ohne die üblichen Fragen nach dem Warum und eine Hand, die sich nur dann zeigte, wenn es nötig war, während sie ansonsten unsichtbar blieb. Für jemanden wie mich war das passend auf eine Weise, die ich nicht weiter erklären musste, weil alleine zu arbeiten bedeutet, dass niemand einen aufhält, aber eben auch, dass niemand da ist, der einen zurückholt. Ich nahm es an. Nicht in einem großen Moment, nicht mit einem klaren Ja, sondern Schritt für Schritt, Auftrag für Auftrag, bis es keinen erkennbaren Unterschied mehr gab zwischen dem, was ich tat, und dem, was von mir erwartet wurde.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich nicht mehr für die Seite arbeitete, für die ich angetreten war. Nicht wirklich. Ich arbeitete für etwas, das sich dahinter verbarg, das seine eigenen Ziele verfolgte und bereit war, alles zu opfern, was im Weg stand, solange der Gewinn am Ende stimmte. Menschen eingeschlossen.
Es hätte mich stören sollen. Vielleicht tat es das sogar für einen Moment, der zu kurz war, um Bedeutung zu haben. Dann verschwand er wieder, so wie vieles verschwindet, wenn man lange genug nicht hinsieht. Ich habe mir damals nicht die Frage gestellt, ob es richtig war. Richtig ist ein Konzept für Menschen, die sich leisten können, falsch zu liegen. Ich habe nur gefragt, ob es notwendig ist. Und die Antwort war immer dieselbe.

Dass sie mich irgendwann auf sie ansetzen würden, war unausweichlich. Nicht weil sie ihr misstrauten, zumindest nicht am Anfang, sondern weil sie etwas sahen, das ihnen gefährlich werden konnte, etwas, das sich nicht einfach in ihre Pläne einfügen ließ und das nicht kontrollierbar war auf die stille, unauffällige Weise, die sie bevorzugten. Jynela war zu aufmerksam. Zu präzise. Sie sah Dinge, die andere übersahen und sie stellte keine Fragen, die man leicht beantworten konnte, was bedeutete, dass sie früher oder später die Richtigen stellen würde. Und da war noch diese Sache mit der Gerechtigkeit, die ich selten bei jemandem so ausgeprägt gesehen hatte.
Menschen wie sie werden nicht ignoriert. Sie werden beobachtet, und wenn das nicht mehr ausreicht, werden sie entfernt.


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Als der Auftrag kam, war er so formuliert wie jeder andere. Klar, knapp, ohne Raum für Interpretation. Und doch war da etwas, das nicht ganz in das Muster passte, etwas, das ich nicht vollständig benennen konnte und das mich deswegen störte, weil ich Dingen die sich nicht benennen lassen, grundsätzlich misstraue.
Vielleicht lag es daran, dass ich sie mittlerweile kannte. Lange genug.
Oder daran, dass sie mich kannte, was dasselbe ist und doch nicht, weil das eine eine Tatsache ist und das andere eine Frage, auf die ich keine vollständige Antwort hatte. Es gibt Verbindungen, die man nicht benennen muss, damit sie existieren und diese war eine davon - keine Freundschaft, keine Loyalität im einfachen Sinn, sondern diese besondere Art von gegenseitigem Erkennen, die entsteht, wenn zwei Menschen lange genug oder auch schlicht intensiv genug nebeneinander gearbeitet haben, um zu wissen, wie der andere denkt, bevor er es ausspricht.
Ich nahm den Auftrag an.
Alles andere hätte Fragen aufgeworfen und Fragen waren das Letzte, was ich mir leisten konnte. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit war da dieses Etwas, das sich nicht einordnen ließ, notwendig oder unnötig, richtig oder falsch, das stiller war als ein Gedanke und beharrlicher als ein Zweifel.
Ich ignorierte es, so wie ich vieles ignoriert hatte, das nicht in das passte, was ich tat.
Und doch blieb es.
Wie der Wind aus dem Norden, der nie ganz verschwindet, egal wie weit man sich von ihm entfernt.
Vielleicht war das der Moment, in dem ich mich wirklich entschieden habe.
Oder der Moment, in dem ich es nicht getan habe.
Ich bin mir bis heute nicht sicher, was gefährlicher war.

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Jynela:


Tero stellte ihn vor, auf die Art, wie Tero Dinge tat, die er für selbstverständlich hielt: ohne Vorwarnung und mit der stillen Erwartung, dass alle Beteiligten schnell genug dachten, um aufzuholen.
„Valen", sagte er und das war die gesamte Einführung.
Ich habe in meinem Leben viele Einführungen erhalten, manche davon ausführlicher und keine davon informativer, was mehr über die Qualität langer Einführungen aussagt als über Teros Sparsamkeit. Man lernte einen Menschen nicht aus dem kennen, was andere über ihn sagten. Man lernte ihn daraus kennen, wie er stand, wenn er glaubte, dass niemand zuschaute und ich schaute immer zu, was die meisten vergaßen, weil ich ihnen nicht das Gefühl gab, beobachtet zu werden. Das war eine der nützlichsten Fähigkeiten, die ich je entwickelt hatte und ich hatte nie verstanden, warum die meisten Menschen sie nicht übten, bis mir klar wurde, dass die meisten Menschen grundsätzlich davon ausgingen, dass die Welt sich für sie interessierte.
Sie tut das nicht. Aber das ist eine andere Lektion.
Valen stand wie jemand, der gelernt hatte, keinen Platz einzunehmen, den er nicht brauchte. Kein überflüssiges Gewicht auf einer Seite, keine unbewussten Gesten, keine der kleinen Bewegungen, mit denen Menschen ihre Nervosität in die Welt entließen wie Dampf durch ein Ventil. Er war einfach da, vollständig und ohne Überfluss, was entweder bedeutete, dass er sehr gut darin war, sich zu kontrollieren, oder dass es darunter tatsächlich nichts gab, das Kontrolle verlangte.
Ich hatte damals noch keine abschließende Meinung dazu.
Ich habe das im Nachhinein als Fehler eingestuft.




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Was ich über neue Menschen in dieser Gruppe gelernt hatte, war recht einfach: Man wartete. Nicht aus Höflichkeit, nicht aus irgendeiner verflucht naiven Vorstellung davon, dass Menschen sich von selbst offenbarten, wenn man ihnen genug Zeit ließ - das taten sie nämlich auch so, unweigerlich, durch Dinge, die sie für unbedeutend hielten. Die Art, wie sie reagierten, wenn ein Auftrag anders lief als geplant. Ob sie redeten, wenn es still sein sollte. Ob sie die falschen Fragen stellten oder die Richtigen verschwiegen. Das war das eigentliche Aufnahmeverfahren dieser Gruppe, auch wenn es nie so genannt wurde: kein Gespräch, kein Schwur, kein feierlicher Moment irgendwelcher Art - nur die Wochen, in denen Tero zusah und niemand genau wusste, ob man bereits bestanden hatte oder noch geprüft wurde.
Ich hatte irgendwann aufgehört, mich zu fragen, wann mein eigener Probezeitraum offiziell zu Ende war, weil die Antwort ohnehin keine praktische Bedeutung hatte und weil Tero nicht der Typ war, der das mit einer Urkunde besiegelte. Besiegelt wurde es vor einer Taverne. Aber das ist eine andere Geschichte.
Valen hatte den Beweis seiner Eignung offenbar erbracht, bevor ich ihn zum ersten Mal richtig wahrnahm. Das bedeutete entweder, dass er sehr gut darin war, zu bestehen - oder sehr gut darin, es so aussehen zu lassen. Ich konnte diese beiden Möglichkeiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht auseinanderhalten, was mich im Rückblick weniger stört als es sollte. Deutlich weniger, ehrlich gesagt, als es müsste.
Der erste gemeinsame Auftrag kam einige Wochen später. Tero legte die Lage dar mit der Effizienz eines Mannes, der keine Zeit damit verschwendete, Dinge besser klingen zu lassen als sie waren: ein Gesandter, geschützt durch Schutzbriefe und alte Verträge, deren Siegel schwerer wogen als jedes Urteil, das man über ihn hätte sprechen können, und der trotzdem langsam zur Gefahr wurde - für Leute, die es sich nicht leisten konnten, in Gefahr zu geraten. Der Hauptmann hatte grünes Licht gegeben. Meine Aufgabe war ein Schuss.
Das war der unkomplizierte Teil.
Der weniger unkomplizierte Teil war Valen, der die Deckung übernahm, was bedeutete, dass ich zum ersten Mal mit jemandem arbeitete, den ich noch nicht einschätzen konnte, in einer Situation, in der eine Fehleinschätzung Konsequenzen hatte, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen. Ich arbeitete grundsätzlich nicht gerne mit Menschen, die ich nicht kannte. Das ist eine Präferenz, die ich für vollkommen vernünftig halte und der ich mein bisheriges Überleben zu einem nicht unerheblichen Teil verdanke. Tero hatte ihn ausgewählt, was dagegen sprach, dass meine Bedenken berechtigt waren, weil Tero keine schlechten Entscheidungen traf, wenn es um Vertrauen ging.
Ich sagte trotzdem nichts, beobachtete stattdessen und wartete darauf, dass irgendwas mir recht gab.
Die Vorbereitung verlief ruhig. Valen stellte genau zwei Fragen - beide sinnvoll, keine davon für mich, was ich als gutes Zeichen wertete, weil Menschen, die in der Vorbereitung zu viele Fragen stellten, das meistens im falschen Moment auch taten. Er verhielt sich wie jemand, der wusste, was er tat, ohne das Bedürfnis zu haben, es zu zeigen. Was wiederum ein verlässlicheres Zeichen war als jede sichtbare Kompetenz. Wir einigten uns auf Positionen ohne große Absprache, weil die Logik der Situation das bereits vorgegeben hatte und weil Menschen, die dieselbe Logik lasen, keine langen Diskussionen brauchten, um zum selben Ergebnis zu kommen.
Meine Bedenken bestätigten sich nicht. Das war unbefriedigend auf eine Weise, die ich mir nicht leisten konnte zuzugeben - auch mir selbst gegenüber nicht und ich bin im Großen und Ganzen recht ehrlich mit mir selbst, was den Prozess nicht angenehmer machte.
Was dann passierte, war ohne Besonderheit. Der Schuss saß, der Gesandte stellte keine weiteren Probleme dar und wir zogen uns zurück mit der Geduld, die es manchmal brauchte, um den richtigen Moment abzuwarten. Tero stand zwei Straßen weiter und sah aus wie jemand, der immer gewusst hatte, dass wir kommen würden - was entweder tiefes Vertrauen war oder eine sehr effiziente Art Druck auszuüben und ich hatte ihn nie gefragt, welches davon, weil die Antwort wahrscheinlich beides gewesen wäre.
Das Bemerkenswerte war vorher passiert.
Kurz vor dem entscheidenden Moment hatte sich eine dritte Person in einen Winkel bewegt, der meinen Sichtbereich einschränkte. Jemand, der in Teros Lagebeschreibung nicht vorgekommen war, weil niemand verdammt nochmal damit gerechnet hatte, dass er dort auftauchen würde. Das war der Moment, in dem die meisten Dinge schiefgingen, weil unerwartete Variablen Menschen dazu brachten, Entscheidungen zu treffen auf die sie sich nicht vorbereitet hatten und weil solche Entscheidungen meistens schlechter ausfielen als gar keine.
Valen hatte die Person allerdings bereits gesehen.
Das registrierte ich mit einer Art ruhiger Überraschung, die ich mir erlaubte, weil sie niemand sah. Er hatte sich bewegt - nicht viel, nur genug, um den Winkel zu verändern und die dritte Person aus meiner Schusslinie zu halten, ohne die eigene Deckung aufzugeben - und das mit der Präzision von jemandem, der nicht auf Anweisung reagiert hatte, sondern schlicht bereits einen Schritt weiter war, als die Situation offiziell verlangte.
Ich traf.
Valen sagte auf dem Rückweg nichts. Ich auch nicht, weil es nichts zu sagen gab. Die Arbeit war erledigt, er hatte seinen Teil getan, ich meinen und Tero wartete bereits mit dem Ausdruck eines Mannes, der das für selbstverständlich hielt.
Ich dachte später darüber nach. Länger als beabsichtigt, in der Art, wie man über Dinge nachdachte, die sich nicht einfach ablegen ließen, weil sie noch keinen festen Platz hatten. Zu klein, um wichtig zu sein, zu hartnäckig, um ignoriert zu werden.
Es gab eine bestimmte Art von Verlässlichkeit, die keine Erklärung brauchte und die man deswegen meistens erst erkannte, wenn sie bereits länger da gewesen war als man dachte. Bei ihm war sie da. Das war alles, was ich wusste und ich war damals der Meinung, dass es genug war.

Das war mein zweiter Fehler.
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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:

Ich erinnere mich an jeden Schritt auf der Mauer. Nicht weil ich mir die Mühe gemacht hätte, sie zu zählen, sondern weil das Gedächtnis manchmal Dinge aufbewahrt, die man ihm nicht gegeben hat, ohne zu fragen, ob man sie behalten will. Der Stein unter den Stiefeln. Die Art, wie der Wind aus dem Osten kam und die Fackel am Ende des Abschnitts flackern ließ, ohne sie auszulöschen. Jynela, die am anderen Ende der Mauer stand und in die Dunkelheit sah, weil das ihre Aufgabe war und weil sie Aufgaben so erledigte - vollständig, ohne dass man ihr zweimal sagen musste, wohin sie schauen sollte.

Ich war bereits seit Minuten hinter ihr.

Das war der Teil, der mich hätte stören sollen und der mich nicht störte, was wiederum der Teil war, der mich tatsächlich störte, obwohl ich das erst später verstand, als es keinen Unterschied mehr machte. Ich war gut genug, um nicht gehört zu werden. Das war keine Einschätzung aus Eitelkeit, sondern aus Gewohnheit. Man wusste, was man konnte, oder man überlebte nicht lange genug, um es herauszufinden.

Und sie wusste, dass ich hinter ihr war.



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Das war der Teil, den ich nicht einkalkuliert hatte. Nicht weil ich es vergessen hätte, sondern weil es keinen Unterschied hätte machen dürfen. Sie hatte Nachtwache. Ihre Aufmerksamkeit galt der Dunkelheit vor ihr, der Richtung, aus der Gefahr kommen sollte. Ich kannte das. Ich hatte es selbst oft genug getan, diese Art von geteilter Wachsamkeit, bei der man dem Menschen im Rücken vertraute, weil man keine andere Wahl hatte und weil das Vertrauen erarbeitet worden war, Auftrag für Auftrag, in den Monden davor.

Sie wusste, dass ich hinter ihr war. Und sie traute mir trotzdem nicht vollständig.

Das war - ich weiß noch, dass ich das in dem Moment dachte, kurz und beiläufig - das war richtig von ihr. Das entsprach ihr. Dhara vertraute niemandem vollständig und das nicht aus Paranoia, sondern aus der präzisen Einschätzung, dass vollständiges Vertrauen eine Lücke war, die man sich nicht leisten konnte, wenn man so arbeitete wie wir. Ich hatte dasselbe gelernt. Wir hatten es aus demselben Grund gelernt, auf verschiedenen Wegen, die zu derselben Erkenntnis geführt hatten.
Das hätte mich nicht stören sollen.

Der Auftrag war klar gewesen. Klar, knapp, ohne Raum für Interpretation und ich hatte mir in den Tagen davor nicht die Frage gestellt, ob ich ihn ausführen würde, weil die Frage überflüssig schien. Aufträge wurden ausgeführt. Das war die Grundlage, auf der alles andere ruhte und wer anfing Aufträge nach persönlichen Kriterien zu bewerten, hatte bereits den ersten Schritt in eine Richtung gemacht, aus der man selten unbeschadet zurückkam.

Ich zog den Dolch.

Ich hatte erwartet, dass der Moment sich anfühlte wie alle anderen Momente dieser Art. Klar. Zweckmäßig. Eine Sache, die getan werden musste und die man tat, und die danach in die Vergangenheit überging, wo Dinge hingehörten, die abgeschlossen waren.

Er fühlte sich nicht so an.

Das registrierte ich - und das Registrieren selbst war bereits das Problem - weil ich in solchen Momenten nicht registrierte, nicht in der Art, die Gewicht hatte. Ich handelte. Das war der Unterschied zwischen jemandem, der diese Arbeit überlebte und jemandem, der es nicht tat und ich hatte diesen Unterschied früh genug verstanden, um noch hier zu stehen.

An diesem Abend nicht.

Irgendetwas in mir zog zurück, unmerklich, in dem Moment, bevor die Bewegung abgeschlossen war. Nicht genug, um sichtbar zu sein, nicht genug, um die Handlung zu unterbrechen, aber genug, um die Kraft zu nehmen, die sie hätte haben müssen. Ich wusste es in demselben Moment, in dem es passierte. Man kannte den Unterschied zwischen einem Schlag, der traf und einem Schlag, der hätte treffen sollen, weil der Körper es wusste, bevor der Kopf fertig gedacht hatte.

Und gleichzeitig bewegte sie sich.

Nicht weil sie mich gehört hatte. Nicht weil jemand sie gewarnt hatte. Sondern weil irgendetwas in ihr registriert hatte, was ihr Kopf noch nicht wusste. Diese Sekunde, in der der Körper schneller war als der Gedanke, der Instinkt, den man nicht trainieren konnte, weil er entweder da war oder nicht. Und bei ihr war er da, natürlich war er das, das hätte ich wissen müssen. Nein, das wusste ich, hatte es immer gewusst, seit dem ersten Auftrag, seit dem ersten Mal, als ich sie hatte arbeiten sehen.
Die Klinge traf nicht so, wie sie hätte treffen sollen. Sie traf aber trotzdem.

Sie fiel nicht sofort.

Das war das erste, was ich registrierte und hinter diesem Registrieren war etwas, das ich nicht einordnen konnte. Nicht in notwendig oder unnötig, nicht in richtig oder falsch, nicht in Auftrag erledigt oder nicht. Es war einfach da, ohne Kategorie und das Fehlen der Kategorie war das Unbehaglichste, weil mein gesamtes Funktionieren auf Kategorien beruhte, auf der Fähigkeit, Dinge einzuordnen und dann weiterzugehen.
Ich hatte den Auftrag nicht ausgeführt.
Nicht weil sie sich bewegt hatte, das war der Grund, den ich mir hätte geben können, der sauber gewesen wäre, der keine weiteren Fragen aufgeworfen hätte. Sondern weil ich in dem Moment, in dem die Bewegung hätte vollständig sein sollen, etwas zurückgehalten hatte, das ich nicht hätte zurückhalten sollen.

Das war neu.
In zwanzig Jahren dieser Arbeit war das neu.

Ich war nah genug gewesen, um nachzusetzen. Das wusste ich. Das weiß ich noch immer, mit der präzisen, unangenehmen Klarheit, mit der man manche Dinge weiß, egal wie viel Zeit vergeht.
Ich war nah genug, hatte den Dolch noch in der Hand und der Gedanke, der hätte folgen sollen, folgte nicht. Stattdessen war da ein anderer, kürzer und seltsamer und vollkommen fehl am Platz in einem Moment wie diesem: dass sie eine der wenigen Menschen war, die gesehen hatte, was sie sah, wenn sie mich ansah und dass das eine Sorte von Seltenheit war, die schwerer wog, als sie hätte wiegen dürfen.
Das war kein nützlicher Gedanke.
Das war kein Gedanke, den ich mir leisten konnte.
Ich war weg, bevor Alarm geschlagen wurde.

Die Wunde war tief genug, um tödlich zu sein, wenn niemand sie fand. Das wusste ich. Ich hatte genug solcher Wunden gesehen, um zu wissen, wie viel Zeit blieb und wie wenig davon verging, bevor es keine Rolle mehr spielte. Tero war ebenso dort oben. Und alles was ich tun musste, war mich auf dem Rückweg so zu bewegen, dass es seine Aufmerksamkeit erregte. Ein Geräusch, das ich nicht hätte machen müssen, eine Bewegung, die jemanden hätte wecken können, der schlief. Ob ich das getan hatte, weil ich es wollte, oder weil irgendetwas in mir es entschieden hatte, ohne mich zu fragen, das weiß ich bis heute nicht mit Sicherheit.
Was ich weiß, ist, dass ich auf dem Weg zurück zum ersten Mal seit Jahren etwas getan habe, das keinen rationalen Grund hatte.
Ich habe gehofft.


Die Auftraggeber waren nicht begeistert.
Das ist eine Formulierung, die das tatsächliche Gespräch so weit unter der Temperatur beschreibt, bei der Eisen schmilzt, dass sie kaum als Beschreibung durchgeht, aber ich neige nicht dazu Dinge dramatischer zu machen als sie sind und die Wahrheit war einfach folgende: Sie hatten einen Auftrag gegeben, der Auftrag war nicht ausgeführt worden, und das interessierte sie erheblich mehr als jede Erklärung, die ich hätte geben können.
Ich gab keine.
Nicht weil mir keine eingefallen wäre, ich hätte eine ganze Reihe formulieren können, überzeugend genug, um gehört zu werden, weil ich wusste, wie das funktionierte, wie man Worte so anordnete, dass sie das klangen, was jemand anderes hören wollte. Ich tat es trotzdem nicht, weil eine Erklärung eine Schwäche einräumte und eine eingeräumte Schwäche blieb, auch wenn die Erklärung gut war. Besser war es, den Raum zu lassen und ihn nicht zu füllen und zu sehen, was die andere Seite damit machte.

Sie dachten nach. Das sah man, auch wenn sie es nicht zeigten.
Das Problem war folgendes und das wussten alle im Raum, auch wenn es niemand laut aussprach: Eine zweite Aktion gegen dieselbe Person in kurzer Zeit war riskant auf eine Art, die ihre eigenen Interessen beschädigte. Jynela Dhara war keine unbeschriebene Person. Hauptmann, Scharfschütze. Sie hatte Verbindungen, eine Position, Menschen, die bemerken würden, wenn ihr etwas zustieß und die begannen, Fragen zu stellen, auf die keine Antwort existierte, die befriedigend genug war, um sie zu beenden. Eine gescheiterte Aktion ließ Raum. Eine zweite gescheiterte Aktion, oder schlimmer, eine erfolgreiche, die zu laut war, ließ keinen.

Also ließen sie sie vorerst in Ruhe.

Das war kein Gnadenakt. Das war Kalkül und ich hatte erwartet, dass sie so entschieden würden, was einer der Gründe war, warum ich keine Erklärung gegeben hatte. Die Erklärung war überflüssig, weil das Ergebnis dasselbe war, mit oder ohne ihr.

Was ich nicht erwartet hatte, war, was danach kam.


___________________________________________________________


Jynela:

Offen gesagt habe ich keine Ahnung, wie ich von der Mauer gekommen bin.
Das war die erste Lücke und es gab noch weitere danach. Stunden, die sich in der Erinnerung zu einem einzigen langen Nichts zusammenzogen, durchbrochen von einzelnen Bildern, die keine Reihenfolge hatten und keine Logik: Teros Gesicht über mir, verzerrt auf eine Art, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Eine Decke, die nach fremdem Stoff roch. Hände, die ich nicht kannte und eine Stimme, tief und monoton, die Worte sprach, die ich nicht verstand, aber deren Klang in meiner Brust sank wie warmes Wasser auf kalten Stein.

Das Seltsame war, dass der Schmerz erst später kam. Nicht auf dem Turm, nicht in der Nacht, sondern als ich versuchte zu sprechen und verstand, dass das, was herauskam, nicht mehr das war, was ich kannte. Ich hatte meine Stimme gemocht.
Ich hatte den Heiler nicht um Erlaubnis gefragt, das erste Wort zu sagen. Es kam einfach, weil ich etwas brauchte, weil ich Tero etwas fragen musste, weil Schweigen noch nie eine Option gewesen war, die ich ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Das erste Wort war wahrscheinlich eine Frage. Ich weiß nicht mehr welche.

Was ich weiß, ist, wie es sich anfühlte.
Als würde man Glas mahlen und die Scherben dann durch die Kehle pressen. Nicht metaphorisch, sondern buchstäblich so. Jedes Wort ein kleiner präziser Schnitt, der hinterlässt, was er hinterlässt und der trotzdem nicht aufhörte, nur weil man wusste, was er kostete. Die Stimme kam heraus, rau und gebrochen und dunkel, mit einem Zittern darin, das nicht von Emotion stammte, sondern von Schaden und das war der Teil, den ich nicht gewohnt war, dass mein Körper etwas tat, das ich ihm nicht angewiesen hatte.

Der Liedkundige erklärte mir später, was er hatte retten können und was nicht. Ich antwortete ihm mit dieser neuen Stimme und dachte, dass es eine gewisse Ironie war, dass ausgerechnet das erste ausführliche Gespräch, das ich nach dem Angriff führte, eine Erklärung meines eigenen Schadens war.
Die Wochen in Weidenheim waren keine angenehmen Wochen, aber das hatte ich nicht erwartet und enttäuscht ist man bekanntlich nur von Dingen, die man sich anders vorgestellt hat. Ich hatte mir nichts vorgestellt. Ich funktionierte, soweit das möglich war und wenn das Funktionieren an seine Grenzen stieß, schlief ich und wenn der Schlaf an seine Grenzen stieß, lag ich wach und sah die Decke an und wartete darauf, dass es wieder hell wurde.
Das war eine Strategie. Keine gute, aber eine.

Tero versorgte mich mit Berichten, ich las sie, stellte keine Fragen, die ich nicht stellen wollte und er gab keine Antworten, die ich nicht gefragt hatte. Was die Lage war: Wir wussten nicht genug.
Wir wussten, dass Valen seinen Auftrag nicht aus persönlichen Gründen angenommen hatte. Wir vermuteten, dass er übergelaufen sein musste.
Was wir nicht wussten: Was ich gewusst, getan, gesehen hatte, das diesen Auftrag rechtfertigte.
Das war die Frage, die mich nicht schlafen ließ und das war weit unbehaglicher als alles, was die Nächte sonst mit sich brachten.

Ich kehrte eher nach Rahal zurück, als es vernünftig war. Nicht als ich mich gut fühlte, das war ein Standard, den ich für diese Entscheidung nicht anlegen wollte, weil ich nicht wusste, ob er je wieder erreicht werden würde. Nein, es war, weil Rahal einen Hauptmann brauchte, nicht einen Menschen, der sich gut fühlte. Das war ein Unterschied, den ich kannte und der mir in diesem Moment sehr gelegen kam.
Der Bericht, den Tero eingereicht hatte, war nichtssagend auf eine Weise, die handwerklich zu bewundern war: Verletzung im Dienst, Aufenthalt zur Genesung, Rückkehr nach vollständiger Stabilisierung. Alles wahr. Nichts davon nützlich für jemanden, der verstehen wollte, was tatsächlich passiert war. Tero hatte ein Talent für Dokumente, das ich nie vollständig gewürdigt hatte und das ich nun in einem neuen Licht sah.

Ich ritt durch das Tor und Rahal sah aus wie Rahal. Städte warteten nicht. Städte machten weiter, unabhängig davon, was man außerhalb ihrer Mauern erlebt hatte und das war sowohl ihre Stärke als auch ihr fundamentalster Makel. Ich stieg vom Pferd, übergab es, und betrat die Kommandantur mit der Miene von jemandem, der kurz weggewesen war und nun zurück war, was präzise die Miene war, die ich brauchte.
Man fragte nicht nach.
Das war sowohl besser als auch schlechter als ich erwartet hatte. Besser, weil ich keine Erklärungen geben musste, die ich nicht hatte. Schlechter, weil es bedeutete, dass niemand bemerkt hatte, dass etwas gefragt werden könnte. Ich war weg gewesen, ich war zurück, die Berichte lagen auf dem Schreibtisch, das war der Stand der Dinge.

Die Stimme war das Einzige, das Reaktionen auslöste und diese Reaktionen waren von der Sorte, die ich am wenigsten schätzte: das kurze Zögern, das schnelle Wegschauen, die übertriebene Normalität, mit der Menschen auf etwas reagierten, das sie nicht ansprechen wollten. Ich lernte früh, dass die effektivste Methode, diese Reaktionen zu beenden, darin bestand, sofort weiterzureden, als wäre nichts gewesen. Die Stimme war ein Fakt. Fakten brauchten keine Diskussion.
Den Hals deckte ich ab. Das war einfacher.
Die Narbe war schmal und verblasste und saß genau dort, wo sie saß. Ich hatte keinen Bedarf daran, sie zu erklären und noch weniger Bedarf daran, die Fragen zu beantworten, die sie unweigerlich ausgelöst hätte. Der Halsschutz und ein paar hübsche Tücher lösten das Problem auf eine Art, die keine weiteren Maßnahmen erforderte.
Praktisch. Unkompliziert.

Was ich nicht so einfach abdecken konnte, waren die Nächte.
Das war die Einsicht, die sich in den ersten Wochen nach der Rückkehr festsetzte. Langsam und ohne Ankündigung, so wie Erkenntnisse sich manchmal festsetzten, wenn man nicht aufpasste. Ich schlief schlecht. Das war keine neue Information, das war ein alter Zustand. Aber der Inhalt des Schlafs hatte sich verändert und das war neu und neu war selten etwas, das ich begrüßte, wenn es in dieser Form auftrat. Jede Nacht zu sterben ist beschissen.
Das Gefühl von Metall an der Kehle, das Warme zwischen den Fingern, das Röcheln, das kein Schrei war, weil die Stimme nicht mehr da war. Ich wachte auf mit der Hand an der Narbe, weil der Körper sichergehen musste und der Körper hatte seine eigene Logik, die keinen Widerspruch duldete und manchmal dauerte es Minuten, bis ich wusste, wo ich war.
Das hasste ich mehr als alles andere. Die Desorientierung. Den Moment, in dem die Kontrolle nicht mir gehörte.
Ich sprach mit niemandem darüber. Das wäre mir nicht eingefallen.

Stattdessen forschte ich nach.

Das war die sinnvollste Reaktion auf etwas, das ich nicht verstand: es zu verstehen, oder zumindest so nah an das Verstehen heranzukommen, wie die verfügbaren Informationen es erlaubten. Ich hatte Fragen und Fragen haben Antworte. Und diese Antworten saßen irgendwo in Dokumenten, Berichten, Gesprächen, Gerüchten. Man musste nur wissen, wo man suchte. Ich suchte auf die Art, die am wenigsten Aufmerksamkeit erzeugte: langsam, seitwärts, durch Umwege und unverfängliche Fragen und gelegentliche Gespräche, die in keine Richtung wiesen und trotzdem Informationen lieferten, wenn man sie richtig führte. Da ich nur selten in Weidenheim war, musste ich also aufpassen und mich auf Tero verlassen, der seinen Part ebenso erledigte. Ich fand wenig. Lange fand ich sogar fast nichts.

Bis Tero auftauchte.
Nicht durch Brief, nicht durch Boten. Er kam selbst, was bereits eine Aussage war, weil Tero keine Reisen unternahm, die er vermeiden konnte und diese hier hätte er vermeiden können. Er saß mir gegenüber in der Kommandantur und legte ein Pergament auf den Tisch zwischen uns, ohne Umschweife, so wie Tero Dinge tat.
Er konnte nicht bleiben. Das Schiff wartete, er hatte vielleicht eine Stunde, vielleicht weniger. Also fasste er sich kurz. Was er sagte, war Folgendes: Wir waren auf dem richtigen Weg. Das, was wir bisher wussten, war unvollständig, aber nicht falsch. Und weitermachen war das Einzige, was Sinn ergab. Aufhören würde nichts sicherer machen, nur langsamer. Es war die einzige Verbindung, die wir hatten und sie führte endlich zu einem Namen, den man als Kopf bezeichnen konnte. Und der Name gefiel weder ihm noch mir. Und hier lag die Verbindung vor mir, denn zum ersten Mal war in einem Pergament ein Name erwähnt. Unvorsichtigerweise. Nicht Valen. Aber der Name, den er die meiste Zeit nutze. Das war ein wenig zuviel für einen schlichten Zufall.

Die Wut, die danach kam, war von der ruhigen Sorte, die gefährlicher war als die Laute.
Die Art, die sich nicht entlud, sondern festsetzte, tief und gleichmäßig, wie Feuer in nassem Holz, das langsam brannte, weil es keine Wahl hatte.
Valen.
Das war kein Rachegedanke. Rache war etwas für Menschen, die keine Geduld hatten, und ich hatte Geduld.
Ich hatte seit Weidenheim nichts anderes.
Was ich auch hatte, war das Wissen, dass das Pergament mir gegeben hatte. Immer noch unvollständig, aber scharf genug. Ich war in Gefahr. Nicht weil jemand mich persönlich hasste, nicht weil ich etwas getan hatte, das einen Grund lieferte. Sondern weil ich etwas wusste, oder zu wissen schien, oder bald wissen würde. Die genaue Linie konnte ich noch nicht ziehen, aber die Richtung war klar genug. Jemand innerhalb dieser Gruppe hatte entschieden, dass ich ein Problem war. Das war, wenn man es nüchtern betrachtete, fast schon eine Auszeichnung. Man macht sich keine Mühe, Probleme zu beseitigen, die keine Probleme sind. Irgendwo hatte ich etwas richtig gemacht, auch wenn ich noch nicht wusste, was.

Ich faltete das Pergament, hielt es an die Kerzenflamme und sah ruhig zu, wie es verbrannte.




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Rahal machte draußen weiter, wie Rahal es immer tat.
Und ich dachte zum ersten Mal seit Weidenheim klar und ohne das Gefühl, gegen etwas anzudenken, das mich erschöpfte: Ich würde herausfinden, was passiert war. Ich würde verstehen, warum. Und wenn die Zeit gekommen war - und die Zeit kam immer - würde ich die Fragen stellen, die noch offen waren. Dazu musste ich nur Valen erwischen, bevor er mich erwischte.
Denn eine davon hatte er mir noch dringend zu beantworten.
Er war nah genug gewesen. Er war dazu fähig und doch hatte er versagt.
Warum.
Das war die Frage, die mich nicht losließ, weil sie keine vernünftige Antwort hatte und ich lebte schlecht mit Dingen, für die es keine vernünftige Antwort gab. Das war, wenn ich ehrlich war - und ich war es, wenigstens mit mir selbst, das war die Mindestanforderung - das Einzige, das ihn vor meiner vollständigen Verurteilung rettete.
Nicht Mitgefühl. Nicht Vergebung.
Eine offene Frage.
Die hatte er mir gelassen, zusammen mit der Narbe und der Stimme und den Nächten, die nicht mehr so waren wie vorher.
Irgendwann, wenn ich bereit war und er sich finden ließ oder ich ihn fand, würde ich eine Antwort darauf haben.

Bis dahin: Rahal. Die Arbeit. Der nächste Morgen.
Immer der nächste Morgen.
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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:

Die Nächte waren anders, in den Wochen nach Weidenheim.
Ich schlafe leicht. Das ist keine Qualität, die ich mir erarbeitet habe, sondern eine Notwendigkeit, die sich früh eingeschliffen hatte, weil man im Norden lernte, dass schwerer Schlaf und langes Überleben sich gegenseitig ausschließen. Ich wachte auf, wenn etwas nicht stimmte und schlief durch, wenn nichts war und das hatte über die Jahre gut funktioniert.

In den Wochen nach Weidenheim funktionierte es weniger gut.

Nicht weil ich Schuldgefühle gehabt hätte - das wäre eine zu einfache und zu falsche Beschreibung eines Zustands, der komplizierter war, auf eine Art, die ich nicht gewohnt war und die mich deswegen beschäftigte. Mehr als sie sollte. Es war eher so: Ich war es gewohnt, dass die Dinge, die ich tat, sich einordneten. Dass sie, nachdem sie getan waren, in die Kategorie Vergangenheit wanderten, aus der sie nicht mehr zurückkamen, weil Vergangenheit unveränderlich war und unveränderliche Dinge keine Aufmerksamkeit verdienten, die man anderswo brauchen konnte.

Die Erinnerung an diesen Abend ordnete sich nicht ein.
Sie blieb, mit der Beharrlichkeit von Dingen, die keinen Respekt vor dem hatten, wie ich funktionierte, und sie stellte eine Frage, immer dieselbe, still und ohne besondere Dramatik, aber ohne aufzuhören: Warum nicht.
Ich hatte keine Antwort, die ich für überzeugend hielt.
Ich hatte Antworten. Ich hätte eine Auswahl davon präsentieren können, rational und in sich schlüssig, die Art von Antworten, die man sich gab, wenn man sich selbst erklären musste, warum etwas so war, wie es war: Die zweite Aktion wäre zu riskant gewesen. Der Zeitpunkt war falsch. Sie hatte sich bewegt, der Winkel hatte sich verändert und Nachsetzen unter diesen Bedingungen hätte zu viel Aufmerksamkeit erzeugt. Das alles stimmte, soweit es stimmte.
Und das alles war nicht die Antwort.

Ich kenne den Unterschied zwischen einer Entscheidung und dem, was man sich später erzählt, um zu erklären, warum man etwas getan hat. Ich kenne ihn gut, weil ich lange genug in einer Welt gelebt hatte, in der dieser Unterschied über Leben und Tod entschied und weil ich mir angewöhnt hatte, mir selbst gegenüber präzise zu sein, auch wenn ich es anderen gegenüber nicht war.
An diesem Abend auf der Mauer hatte ich keine Entscheidung getroffen.
Es war etwas anderes, das ich nicht benennen konnte und das mich deswegen beschäftigte, in der Art, wie Dinge einen beschäftigten, die sich der Einordnung entzogen. Still, hartnäckig, ohne Auflösung. Nicht Schwäche. Nicht Mitleid. Nicht das, was Menschen Gewissen nannten, weil ich mit dem Konzept seit langer Zeit abgeschlossen hatte.
Etwas anderes.
Ich weiß bis heute nicht, wie es heißt.
Und das ist das Einzige daran, das mich noch beschäftigt, weil ich Dinge, die keinen Namen haben, nicht ablegen kann und weil ich nicht in der Gewohnheit bin, Dinge mit mir herumzutragen, die ich nicht ablegen kann.

Sie lebt.
Das ist die einzige Tatsache, die zählt, und ich habe aufgehört, zu entscheiden, ob sie Konsequenz oder Ursache ist. Beides ist wahr. Beides war unvermeidlich. Und irgendwo in Weidenheim, an einem Mauerabschnitt, den ich noch immer genau vor mir sehe, liegt der Moment, in dem ich etwas getan habe, das ich nicht tun wollte und etwas nicht getan habe, das ich tun sollte.
Und der Wind aus dem Norden, der nie vergisst, bringt manchmal beides zurück. Und manchmal zwingt er einen, die Richtung zu wechseln.
Ich musste sie nun wechseln.

Abtauchen ist keine Kunst. Es ist Geduld, angewandt auf die eigene Existenz.
Man hört auf, dort zu sein, wo man erwartet wird. Man wird jemand anderes. Nicht eine neue Identität, das war Theater und erzeugte Fehler, weil man sich an Dinge erinnern musste, die nicht wahr waren. Besser war es, einfach weniger zu werden. Weniger sichtbar, weniger vorhersehbar, weniger präsent in den Gedanken derer, die suchten. Menschen suchten nach Mustern und wenn man kein Muster hatte, fanden sie nichts.

Weiter für den Feind zu arbeiten, war keine Option mehr. Das war eine einfache Rechnung, die sich ohne Aufwand lösen ließ: Ein gescheiterter Auftrag erzeugte Misstrauen und Misstrauen erzeugte Überprüfung und Überprüfung erzeugte Fragen, auf die ich keine Antworten geben konnte, die mich am Leben ließen. Also verschwand ich, bevor die Fragen gestellt wurden, weil der beste Zeitpunkt, eine unangenehme Situation zu verlassen, immer der war, bevor sie unangenehm wurde. Sie würden mich dennoch suchen, damit konnte ich leben.
Dass sie nicht begeistert waren, das wusste ich, ohne dabei gewesen zu sein, weil es keine Welt gab, in der ein Netzwerk dieser Art auf einen gescheiterten Auftrag mit Verständnis reagierte. Das war in Ordnung. Begeisterung war keine Währung, die ich brauchte.
Was ich brauchte, war Zeit.

Die Wochen danach hatten eine bestimmte Qualität, die schwer zu beschreiben war, ohne in Ungenauigkeiten zu verfallen. Nicht angenehm, das wäre falsch. Nicht unangenehm im üblichen Sinn, das wäre ebenfalls falsch. Eher: dicht. Als hätte die Luft mehr Substanz als gewöhnlich, als würde jeder Gedanke länger brauchen, um seinen Platz zu finden.
Ich dachte nach. Das war keine neue Tätigkeit, aber die Richtung war neu und neue Richtungen erforderten Anpassung.

Was ich nicht tat, war, an Weidenheim zu denken. Jedenfalls nicht auf die Art, die ich mir nicht leisten konnte. Die Erinnerung war da, das ließ sich nicht ändern, das Gedächtnis arbeitete nach eigenen Regeln und fragte nicht um Erlaubnis. Aber ich ließ ihr keinen Raum, den sie nicht brauchte. Das war der Unterschied zwischen jemandem, der von seiner Vergangenheit verfolgt wurde und jemandem, der sie kannte und weitermachte.
Ich machte weiter.

Was das bedeutete, in diesen Wochen: Beobachten. Zuhören. Die Art von Informationen sammeln, die kein Netzwerk brauchte, weil sie keiner Struktur bedurften. Einzelne Fäden, die ich für mich behielt, weil ich noch nicht wusste, was ich damit anfangen würde und weil ein Faden in der Hand besser war als keiner.

Rahal tauchte früh in diesen Beobachtungen auf. Das überraschte mich nicht. Rahal war eine logische Koordinate, wenn man verstand, wie das Netzwerk dachte und ich verstand das, besser als die meisten. Was sie wollten, war unvollendet. Was unvollendet blieb, wurde irgendwann fortgesetzt. Das war keine Drohung, das war einfach die Mechanik solcher Dinge und Mechaniken ließen sich einordnen.
Ich entschied, dass es sinnvoller war, Rahal im Auge zu behalten, als es nicht zu tun. Jemanden zu schicken, der das zusätzlich übernahm, klang nach einem guten Plan. Zumindest in der Theorie. Die Praxis sah am Ende anders aus.

Bajard hingegen war ein Zufall, der keiner war.
Ich hatte das Schiff aus andere Gründe genommen, ein Transport, der unauffällig war und in eine Richtung fuhr, die mir passte. Bajard war ein Zwischenstopp. Ich hatte nicht erwartet, sie dort zu sehen und der Moment, in dem ich sie sah, war zu kurz, um etwas anderes zu sein als das, was er war: eine Sekunde, in der zwei Menschen in einer Menge registrierten, was sie sahen, bevor einer von ihnen verschwand.
Ich verschwand.
Schnell, ohne Aufhebens, in die Art von Menge, die Menschen schluckte und nichts zurückgab, wenn man wusste, wie man sich bewegte. Sie hatte mich gesehen, das wusste ich, weil ich die Art kannte, wie sie Dinge sah und diese Art ließ nichts aus, was in ihrem Sichtfeld war. Ob sie sicher war, was sie gesehen hatte, das wusste ich nicht. Das spielte auch keine Rolle. Ich war weg, bevor es relevant werden konnte.

Danach wurde ich vorsichtiger. Das war die einzig sinnvolle Reaktion auf eine zu nah gekommene Variable - die eigenen Parameter anpassen. Weniger Schiffe. Andere Routen. Mehr Zeit zwischen den Bewegungen. Das kostete Effizienz, aber Effizienz war ein Luxus, den man sich leistete, wenn die Lage es erlaubte und die Lage erlaubte es gerade nicht.

Rahal behielt ich trotzdem im Auge. Aus sichererer Distanz. Das war kein Widerspruch.

Aber manchmal mache auch ich Fehler. Tero war ein Fehler.
Nicht meiner, das war wichtig, das stellte ich fest, bevor die Situation zu Ende war. Die Route war sauber gewesen, die Zeit stimmte, nichts an den Parametern hatte auf ein Problem hingewiesen. Manchmal begegnete man jemandem, weil die Welt klein genug war, und weil Leute, die denselben Beruf hatten, manchmal dieselben Orte aufsuchten, und das war kein Versagen der Planung, sondern einfach die Art, wie Wahrscheinlichkeiten gelegentlich ausfielen.
Er sah mich eine Sekunde früher als ich ihn.
Das war ungewohnt. Tero war gut, das hatte ich immer gewusst, es war einer der Gründe, warum die Gruppe funktioniert hatte und es war präzise der Grund, warum dieser Moment sich anders anfühlte als andere Momente dieser Art. Es gab keinen Raum für das übliche Abwägen, keine Zeit für die kleinen Entscheidungen, die solche Situationen normalerweise auflösten, bevor sie eskalierten. Sein Fehler hingegen war, dass er Emotionen zuließ. Wut und Hass können stark sein, aber nicht, wenn man sie falsch kanalisiert und wenn man es zulässt, dass sie überhand nehmen.



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Der Kampf war kurz. Es genügte, dass sie beinahe gestorben war, Tero würde nicht der nächste sein und diesen Gedanken schob ich genauso von mir, wie alles andere.
Kurze Kämpfe waren die gefährlicheren, weil sie keine Zeit ließen für Fehler der anderen. Ich kam davon, was das Einzige war, das zählte und Tero stand. Aber ich kam davon auf eine Art, die Spuren hinterließ und Spuren bedeuteten Wissen und Wissen bedeutete, dass Tero wusste, wo ich gewesen war und Rückschlüsse ziehen konnte.
Und Tero würde es ihr sagen.
Das war keine Vermutung. Das war eine Tatsache, so sicher wie der Norden kalt war und Wasser bergab floss. Tero würde ihr sagen, was er wusste, weil das der Grund war, warum diese Gruppe funktionierte, oder funktioniert hatte. Information floss dorthin, wo sie gebraucht wurde, ohne Umwege und ohne Verzögerung. Der Gedanke, dass ich davon kein Teil mehr war, beschäftigte mich in letzter Zeit mehr, als ich zugeben würde.
Sie würde es also wissen.

Ich saß danach lange still und ließ das einordnen, so gut es sich einordnen ließ. Es ließ sich einordnen, irgendwie, in die Kategorie: Konsequenz, die man kannte und die trotzdem traf. Das war eine Kategorie, die ich nicht gewohnt war und das war das Unbehagliche daran, nicht das Wissen selbst, sondern die Tatsache, dass es mich etwas anging.
Dass es mich mehr anging, als es sollte. Durch diesen Fehler hatte ich mich zu einer Zielscheibe gemacht, denn sie würde vermutlich nicht warten, nicht zurückziehen, sondern angreifen.
Der Wind aus dem Norden brachte manchmal Dinge zurück, die man lieber stehen gelassen hätte. Das war seine Eigenschaft. Man lernte, damit zu leben, oder man lebte nicht lange genug, um es zu bereuen.
Ich lebte noch.
Blieb die Frage: Wie lange noch?



__________________________________________________________

Jynela:


Es gibt Nachrichten, die man liest und sofort versteht und Nachrichten, die man liest und versteht und bei denen der Verstand trotzdem ein paar Sekunden länger braucht, um zu akzeptieren, dass er verstanden hat.
Teros Brief gehörte leider zur zweiten Kategorie.
Er hält sich normalerweise in Briefen eher kurz. Er schreibt genauso ungern wie ich und zieht es einfach vor, die Dinge mündlich zu klären. Aber diesmal war kurz trotzdem mehr als sonst und das war bereits das erste Zeichen, das ich bemerkte, bevor ich überhaupt las: die Länge. Es bedeutet leider, dass mehr nötig war als gewöhnlich und das war nun mal selten ein Zeichen für gute Nachrichten.

Ich verbringe meist den späten Abend in der Kommandantur, wenn es ruhig wird kann ich mich dem ungeliebten Schriftkram widmen.
Dieses Pergament lag dieses Mal obenauf.
Und ich las den Brief zweimal. Das erste Mal zu schnell, weil der Kopf schon beim zweiten Satz vorwärts sprang und ich ihm folgen musste, ob ich wollte oder nicht. Das zweite Mal langsam, Satz für Satz, mit der Art von Konzentration, die man aufbrachte, wenn man sichergehen wollte, dass man nichts übersehen hatte und gleichzeitig wusste, dass man lieber etwas übersehen hätte.
Ich hatte nichts übersehen.

Valen war wieder aufgetaucht. Nicht in Bärentrutz, nicht im Grenzland, sondern in der Nähe. Zu nah für Zufall, zu präzise für Umweg und leider direkt an einem verfluchten Hafen in dem ein Schiff in Richtung Rahal lag. Tero schrieb nicht von Vermutungen. Tero schrieb von Hinweisen und das war ein Unterschied, den ich kannte und der mir nicht gefiel.

Und dann der Teil, den ich beim zweiten Lesen genauso wenig mochte wie beim ersten.
Der Maulwurf in Bärentrutz war wieder aktiv. Das war nicht neu, wir wussten seit Monaten, dass jemand in der Schwarzen Legion Informationen weitergab. Jemand, der gut genug war, um bis jetzt unentdeckt zu bleiben. Das war die Erkenntnis, die sich festsetzte, während ich den Brief zum zweiten Mal las, langsam und gegen den Widerstand des eigenen Verstands, der sie am liebsten wieder hätte loswerden wollen. Die Gruppe war gegründet worden, um herauszufinden, wie tief dieser Verrat ging. Wer die Köpfe waren. Wer die Geldgeber. Wer in den eigenen Reihen saß und so tat, als würde er schlafen, während er die Augen offen hielt.

Monate Arbeit. Vorsichtig, seitwärts, in kleinen Schritten, weil ein falscher Schritt mehr kostete als keiner. So war Tero vorgegangen, so hatte ich ihn unterstützt, wann immer es mir möglich war. Und so war auch Valen Teil des Ganzen gewesen.
Valen, der auf der anderen Seite arbeitete und trotzdem nicht auf der anderen Seite war, oder zumindest nicht vollständig. Oder nicht mehr, oder irgendetwas dazwischen, das ich noch nicht vollständig einordnen konnte. Valen kannte den Maulwurf, da war ich sicher. Er hatte mit diesen Menschen gearbeitet. Er wusste, wie das Netzwerk dachte, wer die Fäden zog und wer die Werkzeuge waren.

Tero hätte die Chance gehabt ihn zu erwischen und ich kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, warum er nicht erfolgreich gewesen war.
Es war persönlich.
Das ist der einfachste Satz dafür und er trifft es. Tero ist meist kein unbeherrschter Mensch. Aber es gibt Dinge, die tiefer sitzen als Beherrschung. Der Verrat. Der Angriff. Aber vor allem auch irgendwo das gebrochene Vertrauen.
Die Wut hat ihn angetrieben und er hat Valen nicht als Werkzeug gesehen in diesem Moment, als Schlüssel zu dem, was wir noch nicht wissen. Er hat ihn gesehen als das, was er auch war: jemanden, der auf der falschen Seite gestanden hatte, als es darauf ankam. Und da er ihm vertraut hatte, nahm er das verdammt persönlich. Ich weiß nicht, ob es mir nicht genauso gegangen wäre.
Also ist Valen entkommen.

Ich werfe Tero das nicht vor. Ich kenne den Unterschied zwischen einem Fehler, der aus Nachlässigkeit entsteht und einem, der aus etwas entsteht, das man nicht vollständig kontrollieren kann, weil man ein Mensch ist und keine Maschine. Tero ist ein Mensch. Manchmal ist das ein Problem.
Aber es ärgert mich. Weil Valen weiß, was wir brauchen. Und weil die Chance, die sich einmal geöffnet hat, sich nicht automatisch ein zweites Mal öffnet.
Das ist das Einzige, das zählt. Nicht die Frage, wessen Schuld es war. Sondern was jetzt fehlt und wie lange es dauern wird, bis sich eine neue Gelegenheit ergibt — falls sie sich ergibt.
Valen ist klug. Das war er immer. Und jetzt ist er gewarnt.

Das wäre der Plan gewesen, wenn man ihn erwischt hätte: Dass er redet. Dass er Namen nennt. Dass er das, was er wusste, auf den Tisch legt, weil das die einzige Währung war, die in diesem Moment Wert hatte.
Ich hatte wenig Hoffnung, dass das durch Zwang funktionieren würde. Valen kannte Folter - nicht als Opfer- sondern als Konzept, als Werkzeug, als etwas, das man nüchtern einschätzte wie jedes andere Werkzeug. Er würde nicht reden, weil man ihn unter Druck setzte.

Aber.
Und das war das Aber, das sich seit Teros Brief in meinem Kopf festgesetzt hatte und das ich am liebsten ignoriert hätte, weil es unbequem war und Konsequenzen mit sich bringen würde.
Wenn ich ihn fände.
Wenn ich es wäre, die vor ihm stand. Nicht Teros Leute, nicht die Schwarze Legion, nicht jemand, der einen Auftrag ausführte. Sondern ich.

Er schuldete mir etwas. Das war keine sentimentale Feststellung, das war eine Tatsache, so nüchtern wie ich sie formulieren konnte. Er hatte mir die Kehle aufgeschnitten und dann nicht nachgesetzt und das war entweder ein Fehler oder eine Entscheidung. Wenn es eine Entscheidung war, dann hatte er sich eine Schuld eingehandelt, die er bisher nicht bezahlt hatte.
Ich dachte nicht, dass er reden würde, weil ich ihn darum bat.
Ich dachte, dass er reden könnte, weil er wusste, was er mir schuldete.
Weil wir eine Sprache geteilt hatten, kurz, unter diesen Umständen, die man nicht teilte, wenn man keine Ähnlichkeiten hatte. Weil er mich gesehen hatte auf eine Art, die bedeutete, dass er verstand, was ich von ihm wollte ... und warum.

Das war keine Gewissheit. Das war eine Möglichkeit.
Und eine Möglichkeit war mehr als ich sonst hatte.

Ich saß eine Weile still mit dem Brief in der Hand.
Das war eine Übertreibung, genau genommen. Ich saß nicht still, ich saß mit dem Brief und dem Anschein von Stille, während drinnen das Gegenteil davon passierte. Gedanken, die keine Reihenfolge hatten und sich trotzdem überlagerten, weil der Kopf manchmal nicht so kooperativ war, wie man es sich wünschte.
Ich faltete den Brief. Schob ihn in jene Tasche unter der Rüstung, die für solche Dinge entstanden war. Nah, wo ich sie fühlte, ohne sie sehen zu müssen, sicher verborgen, um sie später an einen anderen, sicheren Ort zu bringen.

Dann stand ich auf, weil Sitzenbleiben keine produktive Reaktion auf eine Situation war, die Bewegung erforderte, auch wenn ich noch nicht genau wusste, in welche Richtung.
Und der Plan, der sich in meinem Kopf formte, war noch kein Plan...er war genau das was er sein sollte, Bewegung, eine Richtung, unscharf an den Rändern, ohne genaue Schritte.
Aber Richtungen waren der Anfang und ich hatte von schlechteren Anfängen aus operiert.

Die Kommandantur war um diese Stunde halb leer. Wenige Fackeln, langer Flur, die Art von Abendstimmung, die man kannte, wenn die Schichten sich verschoben hatten. Normalerweise schätzte ich das ... diese Zwischenstunde, in der man Raum hatte, ohne ihn verteidigen zu müssen.
Heute nicht.

Ich trat aus dem Zimmer und fast in zwei Gardisten hinein, die in den Dienstschluss unterwegs waren. Verlässliche Menschen, die ihren Dienst taten, ohne Aufhebens zu machen. Genau die Art von Menschen, die man brauchte und auf die man sich verließ. Der ältere der beiden sah mich eine Sekunde länger an als nötig.
Nicht mit Argwohn. Mit dieser leisen Unsicherheit, die entstand, wenn irgendetwas am Hauptmann nicht ganz stimmte, ohne dass man sagen konnte, was. Er hatte keinen Anlass, nach dem zu fragen, was er sah und ich gab ihm keinen. Ich salutierte und ging weiter.

Danach stand ich eine Weile in der Nacht und ließ den Gedanken zu, der seit dem Brief auf Einlass wartete.
Er war in der Nähe. Er wusste mehr als wir wussten. Der Maulwurf in Bärentrutz arbeitete noch, was bedeutete, dass das Netzwerk noch intakt war, dass die Köpfe noch saßen, dass Monate Arbeit noch nicht zu dem geführt hatten, worauf Tero hinarbeitete.
Und Valen war der einzige Faden, der zu einem Namen führen konnte.
Ich musste ihn finden, bevor jemand anderes es tat.

Das war der Plan, soweit er Plan war. Der Rest war noch offen.
Vor allem die Frage, wie ich es Darios erklären sollte.
Nicht ob. Das stand nicht zur Debatte. Da er der einzige war, der den Namen kannte, würde er der einzige sein, dem ich auf irgendeine Art und Weise Rechenschaft schuldig war. Wie also, sollte ich ihm das Ganze erklären? Er würde es merken und ich hatte keine Lust auf die Version dieses Gesprächs, in der er es von jemand anderem erfuhr.
Aber wie. Wie viel.
Und vor allem: in welcher Reihenfolge?

Denn wenn ich den Namen zu früh nannte, war das Gespräch vorbei, bevor es angefangen hatte. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, wie das aussah: die Stille zuerst, dann dieser Zug um den Mund, das leise Brummen und dann würde er wahrscheinlich nicht einmal Argumente bringen, sondern nur ein knappes und schroffes: “Nein.”

Ich musste mir also die Frage stellen, wo die Linie lag zwischen dem, was er wissen musste, und dem, was ich noch nicht bereit war, auszusprechen.

Ich hatte keine Antwort darauf.

Noch nicht.


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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:

Das Wissen, dass sie nun Bescheid wusste, dass ich in der Nähe war, verfolgte mich in den kommenden Tagen und Wochen.
Ich versuchte es setzen zu lassen, so wie man Dinge sich setzen lässt, die man nicht ändern kann und die trotzdem Gewicht haben.
Das Gewicht war da.
Es war mehr, als ich erwartet hatte, was an sich schon bemerkenswert war, weil ich gelernt hatte, keine Erwartungen an solche Dinge zu haben.

Also: Sie wusste es. Was folgte daraus.

Die Antwort war einfach, wenn man sie nüchtern betrachtete und ich versuchte, sie nüchtern zu betrachten. Das war die einzige Methode, die verlässliche Ergebnisse produzierte. Es musste mit Entscheidungen weitergehen. Genauer gesagt, ich musste die richtige treffen, bevor sie eine Entscheidung traf, die mir diese Möglichkeit nahm.

Ich fing mit der einfachsten an:

Sie zu töten, war das Naheliegendste.
Das war keine Aussage über meine Absichten, sondern über Logik. Wenn ein Problem eine bestimmte Größe erreicht und keine andere Lösung sich anbot, dann war das die Lösung, die übrig blieb. Ich hatte sie einmal nicht getötet. Die Frage war, ob ich das als Fehler klassifizieren oder als Ausgangspunkt nehmen sollte.
Ich versuchte, es als Fehler zu betrachten.
Es funktionierte nicht besonders gut.
Das Problem war nicht das Töten selbst, das war ein Werkzeug wie jedes andere, das man einsetzte, wenn die Situation es erforderte und sentimentale Überlegungen hatten in dieser Rechnung nichts verloren. Das Problem war die Überlegung davor. Weidenheim. Die Mauer. Die Sekunde, in der ich nicht nachgesetzt hatte und das “Warum”, das ich bis heute nicht benennen konnte. Wenn ich es damals nicht konnte, nicht aus taktischen Gründen, das war ich mir inzwischen ehrlich genug, um es zuzugeben, dann war die Frage, was sich seither verändert hatte, das es jetzt möglich machte.
Die Antwort, die sich mir aufdrängte, war: nichts.
Das war unbequem. Ich ließ es trotzdem stehen, weil ich mir seit langer Zeit angewöhnt hatte, unbequeme Antworten nicht wegzuschieben, wenn sie wahr waren.

Also: Töten war eine Option. Eine, an der etwas nicht funktionierte, das ich nicht vollständig verstand. Das machte sie nicht unmöglich, aber es machte sie unzuverlässig und unzuverlässige Optionen waren gefährlich, weil sie in dem Moment versagten, in dem man sie am wenigsten gebrauchen konnte.
Ich strich sie nicht. Ich legte sie zur Seite.

Die zweite Möglichkeit war komplizierter und ich merkte das bereits daran, wie lange ich brauchte, um sie überhaupt zu Ende zu denken:

Sie aufzuhalten, bevor sie mich fand. Nicht töten - aufhalten. Ihr habhaft werden, bevor sie mir habhaft wurde, und dann…
Dann was?
Das war die Stelle, an der der Gedanke aufhörte, ordentlich zu sein.
Ich wusste, was ich mir sagte: Erklären. Ihr sagen, was ich wusste. Die Namen, die sie brauchte, in einer Form, die ihr nützte und dafür im Gegenzug etwas, das mir nützte - Zeit, Abstand, die Möglichkeit zu verschwinden, bevor das Netzwerk verstand, was passiert war. Eine Transaktion. Vernünftig, sauber, die Art von Vereinbarung, die funktionierte, wenn beide Seiten einen Grund hatten, sie einzuhalten.
Das Problem war, dass ich ihr keinen Grund nennen konnte, sie einzuhalten, der überzeugend war.
Ich hatte ihr die Kehle aufgeschnitten. Das war die Ausgangslage.
Man begann keine Verhandlung von einer schlechteren Position aus und ich wäre gut beraten, mir nichts anderes einzureden, nur weil es bequemer war. Sie war kein Mensch, der Dinge ignorierte, die er nicht ignorieren sollte und sie war kein Mensch, den man mit Worten überzeugte, wenn die Handlungen in die andere Richtung wiesen.
Und dann war da noch die andere Frage. Die, die ich noch länger brauchte, um sie überhaupt zu formulieren.
Ob ich es ihr erklären wollte.
Nicht könnte. Wollte.
Ich saß mit dieser Frage länger als vernünftig war. Das war bereits eine Antwort. Erklären setzte voraus, dass es etwas zu erklären gab. Nicht als Schachzug, sondern als Wahrheit. Und ich wusste nicht, was ich mit einer Wahrheit anfing, die ich noch nicht zu Ende gedacht hatte.
Sie würde sie annehmen oder nicht. Das war ihre Entscheidung, nicht meine und ich war nicht in der Gewohnheit, Entscheidungen anderer Menschen zu meiner Planungsgrundlage zu machen, weil das eine Grundlage war, die jederzeit wegbrechen konnte.
Und trotzdem.
Der Gedanke ließ sich nicht vollständig ablegen, das war das Problem. Er hatte eine Beharrlichkeit, die ich nicht gewohnt war. Eine Art, wiederzukommen, die mich beschäftigte, weil ich keine Kategorie hatte, in die er passte. Nicht Kalkül. Nicht Notwendigkeit. Etwas anderes, das sich der Einordnung entzog, genauso wie Weidenheim sich der Einordnung entzogen hatte.

Ich dachte an die Möglichkeiten, sauber und in Reihe, so wie ich es gelernt hatte.

Töten: möglich. Unzuverlässig. Vorläufig zur Seite gelegt.
Aufhalten und verhandeln: möglich. Voraussetzungen unklar. Ausgang offen.
Verschwinden, bevor sie mich fand, tiefer abtauchen, jede Spur tilgen: möglich. Die sicherste Option, gemessen am unmittelbaren Risiko. Die, die am wenigsten voraussetzte und am wenigsten Antworten erforderte, auf Fragen, die ich noch nicht beantworten konnte.

Die vernünftigste Entscheidung war, zu verschwinden.
Ich wusste das. Ich kannte die Rechnung, ich hatte sie oft genug gemacht und sie ergab immer dasselbe Ergebnis. Verschwinden war Überleben und Überleben war das Einzige, das zählte, das habe ich mir früh beigebracht und es hat gut funktioniert, über viele Jahre, in Situationen, die schlechter gewesen waren als diese.

Und trotzdem saß ich noch.



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Die Nacht draußen war still, der Wind brachte den Geruch von Regen und Kälte mit und ich dachte an einen Mauerabschnitt in Weidenheim und an eine Sekunde, in der ich etwas nicht getan hatte, das ich hätte tun sollen.
Und dann dachte ich, zum ersten Mal in langer Zeit mit einer Klarheit, die ich nicht eingeladen hatte und die trotzdem da war:
Was wäre, wenn das kein Fehler gewesen war.
Nicht Schwäche. Nicht Versagen.
Sondern etwas, das ich noch nicht zu Ende gedacht hatte, weil ich es nicht hatte denken wollen.

Ich stand auf.
Es war noch kein Plan. Nur eine Möglichkeit. Ohne Schritte, ohne Garantien.
Und ich wusste, dass sie mich in Schwierigkeiten bringen würde, auf eine Art, die Verschwinden nicht getan hätte.


______________________________________________________


Jynela


Nachdem ich den Brief gelesen hatte, ging der Abend länger als gedacht.
Und als ich endlich ins Bett fiel, schlief ich sofort ein, was mich hätte überraschen sollen. Das geschah selten.

Das Überraschende hörte dann aber auf.

Die Mauer. Der Stein unter den Knien, kalt und rau. Der Wind aus dem Osten. Die Fackel am Ende des Abschnitts, die flackerte und nicht ausging.
Scheiße, ich wusste, was kam.

Das war das Schlimmste. Diese eine Sekunde, in der der Traum keine Unschärfe ließ, keine Traumlogik, die einem erlaubte wegzusehen. Da war keine verfluchte Traumtür, durch die ich gehen konnte um dem zu entfliehen. Nur das Wissen über das Kommende, vollständig und nutzlos. Ich hörte den Atem hinter mir, flach und zu nah und der Körper tat nicht, was er hätte tun sollen. Spürte das Metall. Die Wärme des Blutes. Hörte das Röcheln, das kein Schrei war.

Ich wandte mich nicht um. Das tat ich nie.

Und ich wachte auf mit der Hand an der pochenden Narbe. Die Nacht war vorbei.

Das Zimmer war dunkel. Rahal war still. Mein Atem kam zu schnell und scherte sich nicht darum, dass ich wusste, wo ich war.
Der Körper hatte seine eigene Meinung dazu und die war laut und ich ließ ihn. Irgendwann hörte das Herz auf, so laut zu sein. Das tat es immer.

Draußen begann der Morgen. Ich hörte Schritte auf Stein, das Quietschen eines Tores, eine Stimme, die jemand anderen rief.
Ich stand auf. Ich wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser und trat an das Fenster.




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Als ich auf die Straße hinuntersah, tat ich es aus reinem Trotz gegenüber der Überzeugung, dass wieder einmal in nur einer Nacht die Welt kleiner geworden war als das Zimmer, in dem ich stand. Es gab keinen Weg, dass ich zulassen würde, dass die Angst überhand nahm.

Der Tag war lang auf eine Art, die nichts mit Beschäftigung zu tun hatte.
Also, ich hatte Beschäftigung. Ich hatte genug davon: Berichte, Gespräche, Entscheidungen, die darauf warteten, getroffen zu werden und ich traf sie, eine nach der anderen, mit einer Sorgfalt, die niemanden etwas anging, außer mir.
Das war die Maske, die ich trug.
Nach den Jahren kannte ich das gut, weil ich sie so lange getragen hatte, dass ich manchmal vergaß, dass ich sie überhaupt trug, was vermutlich der Sinn der Übung war.
Es gab Menschen, die sagten, man solle authentisch sein. Aber das sagten vor allem Menschen, deren authentisches Gesicht zumutbar war.
Meins war es gerade nicht.
Das wusste ich, weil ich es kannte…. dieses Gesicht, das darunter war, mit der Erschöpfung, die sich in die Augenwinkel gefressen hatte und der Unruhe, die keinen Namen hatte, außer den, den ich ihr nicht geben wollte.
Die Narbe, die nachts brannte, wenn der Körper aufhörte, beschäftigt zu sein und anfing, ehrlich zu werden.
Die Art, wie ich manchmal mitten in einem Gespräch für eine Sekunde nicht mehr wusste, wo ich war…. nicht im Raum, nicht im Moment, sondern irgendwo auf einer Mauer in Weidenheim, im Wind aus dem Osten, im Wissen um das, was kam.
Das zeigte man niemandem.

Nicht weil es Schwäche war….das hatte ich mir irgendwann abgewöhnt zu denken, weil Schwäche ein Urteil war und Urteile nicht halfen. Sondern weil ich es nicht anders kannte. Die Stärke nach außen war keine Entscheidung, die ich traf, sie war das, was übrig blieb, wenn man früh genug lernte, dass das Zeigen von Schmerz die Dinge nicht kleiner machte, sondern nur mehr Menschen in sie hineinzog.

Also trug man das Gesicht. Man trug es so lange, bis es saß, bis es keine Anstrengung mehr war, bis man manchmal selbst vergaß, dass es eines war.

Der Preis dafür war bekannt. Ich kannte ihn gut, ich hatte ihn oft genug gezahlt….diese besondere Einsamkeit, die entstand, wenn man zu gut darin geworden war, unsichtbar zu sein in den Dingen, die zählten.
Wenn die Menschen um einen herum glaubten, dass es einem gut ging, weil man ihnen keinen Grund gegeben hatte, etwas anderes zu glauben. Wenn das Funktionieren so reibungslos wurde, dass es aufhörte, eine Leistung zu sein und anfing, eine Erwartung zu werden…. an andere, aber vor allem an sich selbst.

Ich wollte niemandem dieses andere Gesicht zumuten.

Das stimmte allerdings nicht ganz. Die vollständige Wahrheit war, dass ich nicht wusste, was passierte, wenn ich es zeigte….und dass dieses Nichtwissen sich anfühlte wie etwas, das man besser nicht herausforderte. Nicht jetzt. Nicht solange der Stapel an Dingen, die zur Seite lagen, noch so hoch war.
Rahal machte weiter. Ich machte weiter.
Das hatte bisher immer funktioniert.

Der Abend hatte sich kühl angezogen, so wie Abende in Rahal das taten, wenn der Tag lang gewesen war. Als hätte die Kälte gewartet, bis man keine Energie mehr hatte, sich dagegen zu stemmen.
Ich stand nach dem Abend im Hort vor der Kommandantur und sprach mit Liathe und ich tat das mit dem Gesicht, das ich den ganzen Tag getragen hatte, weil es das einzige war, das ich gerade zur Verfügung hatte.
Maralea stellte keine Fragen, die man nicht beantworten wollte, sie sprach über einfache, schlichte Dinge und ich war dankbar dafür auf eine Art, die ich ihr nicht sagen würde, weil das eine Erklärung erfordert hätte, die ich mir nicht leisten wollte.
Der Hort des Wissens hatte mich mehr gekostet als ich erwartet hatte. Das war meine eigene Schuld... ich hätte es wissen müssen, ich hatte es gewusst und ich war trotzdem hingegangen, weil es notwendig war und Notwendigkeiten scherten sich nicht darum, was sie kosteten.

Maralea fragte etwas. Ich antwortete. Das Gespräch hatte seinen eigenen Rhythmus und ich ließ mich davon tragen, weil das einfacher war als selbst einen zu finden.

Dann kam Darios.

Er kam vom Hort und er trug ebenso ein Gesicht. Und da ich ihn nun ein wenig kannte, wusste ich das auch und konnte es erkennen. Das Gesicht, das er trug, wenn er an etwas dachte, das ihn beschäftigte. Diese leichte Konzentration, die ihn manchmal für die Welt undurchlässig machte. Ja, ich kannte dieses Gesicht. Ich kannte es gut genug, um zu wissen, wann es echt war und wann es das andere war, das er auch trug, wenn er wollte, dass die Welt ihn in Ruhe ließ.

Er sah mich.

Das war der Moment….nicht dramatisch, nicht laut, nur dieser eine Herzschlag, in dem wir beide aufhörten, woanders zu sein.
Er blieb stehen. Nicht lange. Lange genug.
Und dann war sein Blick nicht mehr das, was ich erwartet hatte.
Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht nichts, vielleicht den höflichen Abstand, den wir beide in der Öffentlichkeit immer gepflegt hatten, wie eine stille Vereinbarung, die keiner von uns laut gemacht hatte.
Aber nicht das.
Nicht diesen Blick, der zu genau war, zu ruhig auf eine Art, die keine Ruhe war, sondern das Gegenteil davon: Er sah mich an. Wirklich an.
Nicht der flüchtige Blick, den man tauschte, wenn man aneinander vorbeiging, sondern der Moment, in dem jemand aufhörte, die Oberfläche zu sehen und anfing, das darunter zu lesen. Ich sah, wie seine Augen sich verengten, kaum merklich, die Art von Bewegung, die kein Urteil war, sondern Erkenntnis.
Als würde er etwas bestätigt finden, das er sich nicht hatte eingestehen wollen.

Er sah die Maske.

Nicht was darunter war. Aber dass sie da war. Und wie lange sie schon da war.

Einen Herzschlag lang stand er still und ich hielt seinem Blick stand, weil das das Einzige war, das ich tun konnte. Weil Wegschauen eine Antwort gewesen wäre, die ich mir auch bei ihm gerade in diesem Moment nicht leisten wollte. Dann zwang er sich weiter. Ich sah es, dieses bewusste Weitergehen. Nicht Gleichgültigkeit, sondern das Gegenteil davon. Die Entscheidung: hier nicht, nicht jetzt, nicht vor Liathe und der halben Kommandantur.

Ich sah ihm nach, länger als klug war.

Und wusste, während ich es tat, dass das Schweigen zwischen uns nun ein anderes war als vorher. Keines, das man noch eine Weile tragen konnte, bis man bereit war.
Keines, das er mir noch lange ließ.
Ich würde ihm antworten müssen.
Die Frage war nur, was ich sagte, wenn ich noch nicht wusste, was wahr war.

In dem Moment fragte mich Maralea, ob etwas passiert war.
"Nein", sagte ich.
Das Wort saß so perfekt wie immer.
Ich hasste es.

Später, im Dunkeln, mit den Augen an der Decke und dem Wissen, dass der Schlaf kam, ob ich wollte oder nicht, dachte ich daran, wie er mich angesehen hatte. Nicht an die Mauer. Nicht an Teros Brief. Nur daran.
Das Problem mit Darios Blick war, dass er eine Frage gestellt hatte, ohne eine zu stellen. Und auf Fragen, die nicht laut waren, konnte man nicht mit Schweigen antworten. Das hatte ich gerade gesehen, draußen vor der Kommandantur, in dem Moment, in dem er sich gezwungen hatte weiterzugehen. Er hatte mir Zeit gelassen. Nicht unbegrenzt. Wäre es Lioras gewesen, er hätte keinen Moment gezögert.

Also: Was würde ich ihm sagen?

Nicht ob. Das war entschieden, ohne dass ich es entschieden hatte, in dem Moment, in dem seine Augen sich verengt hatten und ich seinen Blick gehalten hatte, anstatt wegzusehen.
Das Ob war vorbei.
Was blieb, war das “wie viel”. Das war die eigentliche Frage, die Unruhige, die sich nicht so leicht abhandeln ließ. Wie viel hatte er bereits gesehen, wie viel würde er brauchen, um aufzuhören, sich Sorgen zu machen und vor allem: wie viel konnte ich sagen, ohne ihm etwas aufzuladen, das er nicht tragen sollte.
Das war keine Frage der Ehrlichkeit. Das war eine Frage der Verantwortung und die beiden standen sich gerade ziemlich im Weg.

Und wann.

Bald.

Das wusste ich. Bevor er anfing, selbst Antworten zu suchen, weil das die schlechtere Möglichkeit war. Nicht weil ich ihm misstraute, sondern weil er zu gut darin war, Dinge zu finden, die man ihm nicht gezeigt hatte.

Ich starrte weiter an die Decke und wartete auf den Schlaf und dachte, dass ich morgen eine Antwort haben musste. Nicht die vollständige. Aber genug, um das Gespräch beginnen zu können.

Die Nacht kam, wie Nächte das taten, ohne Rücksicht auf den, der auf sie wartete. Ich lag mit offenen Augen und versuchte, die Gedanken wegzuschieben, mich auf Rahal zu konzentrieren, auf den Wind, auf das, was war, wenn beides aufhörte.

Die Stille dazwischen. Aber in der Stille war Weidenheim.
In Weidenheim war die Mauer, und auf der Mauer war eine Sekunde, die ich nicht loswurde, egal wie oft ich sie von vorne anging.

Ich wollte nicht schlafen.

Das war nicht neu, aber deutlicher als bisher, eine Erkenntnis mit Kanten.
Ich wollte nicht schlafen, weil Schlafen bedeutete, da wieder hinzugehen und ich hatte keine Möglichkeit, diesmal umzukehren.
Das wusste ich bereits.
Das würde sich nicht ändern.
Träume änderten sich nicht, weil man es wollte.

Irgendwann schlief ich ein.
Die Mauer. Der Stein. Der Wind aus dem Osten.
Scheiße, ich wusste, was kam.
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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:

Planung begann immer mit dem, was man wusste. Nicht mit dem, was man wollte, nicht mit dem, was man hoffte, sondern mit dem, was feststand, was sich überprüfen ließ, was keine Interpretation erforderte. Das war die Grundlage. Alles andere war Spekulation und Spekulation war nützlich, aber nur, wenn man wusste, wo sie anfing.

Also: Was wusste ich.

Sie würde kommen. Das war keine Frage mehr, das war eine Tatsache, die sich aus allem anderen ergab. Aus der Begegnung mit Tero, aus dem, was ich über ihre Arbeitsweise wusste, aus der simplen Logik, dass ein Mensch wie sie einen offenen Faden nicht ließ, nur weil er unbequem war. Sie würde kommen und sie würde es so tun, dass ich es merkte. Das war der Punkt. Sie wollte, dass ich reagierte, dass ich mich bewegte, dass ich einen Fehler machte, der ihr die Arbeit erleichterte.
Das war nützlich zu wissen, weil es ihre Optionen einschränkte.
Wenn das Ziel war, mich aus der Reserve zu locken, dann musste die Ankunft sichtbar sein. Nicht unbedingt laut, sie war kein Mensch, der laut arbeitete, aber sichtbar genug, dass ich sie registrierte. Das bedeutete: kein stiller Hafen, kein unauffälliger Landweg. Sie würde einen Weg nehmen, von dem sie wusste, dass ich ihn kannte. Weidenheim war das Naheliegendste. Weidenheim war das, was zwischen uns stand, Bärentrutz der Ort, auf den alles zurückführte und das wusste sie genauso gut wie ich.
Also Bärentrutz. Wahrscheinlich. Ich legte es als Ausgangspunkt fest und notierte daneben: überprüfen.



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Die Hafenoptionen waren begrenzt, wenn man die Jahreszeit und die üblichen Routen bedachte. Ich ging sie durch, eine nach der anderen, mit der Sorgfalt, die solche Dinge verdienten. Nicht weil ich Zeit hatte, sondern weil Fehler hier teuer waren, teurer als die Zeit, die Gründlichkeit kostete.

Zwei Häfen im Norden: Nordhaven und Holmstrand. Ich betrachtete beide.

Nordhaven war kleiner, weniger frequentiert, der Weg von dort nach Bärentrutz führte den Nordfluss entlang. Ein direkter Wasserweg, schnell, unauffällig, wenn man wusste, welche Schiffe man nahm. Gut, wenn man nicht gesehen werden wollte. Schlecht, wenn man gesehen werden wollte. Das sprach gegen ihn als Ersteinstieg, nicht gegen ihn als Zwischenstation. Ich notierte ihn.

Holmstrand war größer. Mehr Verkehr, mehr Bewegung, mehr Gesichter, die man nicht kannte und genug bekannte darunter, dass eine Ankunft dort registriert wurde, wenn jemand registrieren wollte. Das war der Punkt. Holmstrand war sichtbar. Holmstrand war das Signal.
Sie würde in Holmstrand anlanden. Das war meine Einschätzung und ich ließ Raum dafür, dass ich falsch lag, aber nicht viel.

Von Holmstrand nach Bärentrutz: die Straße führte südwestlich, durch Eichenbruck, dann weiter. Direkt, gut ausgebaut, die Route, die jeder nahm. Zu direkt. Sie würde nicht die Route nehmen, die jeder nahm, nicht wenn sie Zeit hatte, es besser zu machen.

Also: Holmstrand anlanden, dann nicht die Hauptstraße. Den Nordfluss nehmen, ein Stück weit, dann abweichen. Möglicherweise über Waldau klein genug, um unterzutauchen, nah genug am Fluss, um die Option offen zu halten. Von Waldau nach Bärentrutz waren es noch einige Stunden, durch das Gelände, das ich kannte.
Das war die wahrscheinlichste Route. Ich legte sie als Arbeitsgrundlage fest.

Der Ort war die nächste Frage und die schwierigere.
Töten war einfacher, was den Ort betraf. Töten erfordert nur einen Moment, eine Position, die richtige Vorbereitung. Aufhalten war komplizierter. Aufhalten bedeutete: habhaft werden, festhalten, verhindern, dass sie verschwand oder Hilfe rief, und das lange genug, um das zu tun, wofür ich noch keine präzisen Worte hatte.

Ich nannte es vorerst: das Gespräch.

Der Ort für das Gespräch musste mehrere Dinge gleichzeitig leisten. Abgelegen genug, dass niemand zuhörte. Zugänglich genug, dass ich ihn erreichte, ohne aufzufallen. Kontrollierbar genug, dass ich die Ausgänge kannte und sie es nicht besser wusste als ich. Und stabil genug, dass sie, wenn das Gespräch nicht funktionierte — wenn sie nicht hörte oder nicht hören wollte oder mir keine Wahl ließ — dass ich dann noch die andere Option hatte, sauber und ohne Komplikationen.
Das war die Bedingung, die ich mir selbst stellte. Beides musste möglich bleiben, bis ich wusste, was nötig war.

Bärentrutz selbst schied aus. Zu viele Menschen, zu viele Augen, der Senatsrat saß dort und wo der Senatsrat saß, saßen auch die Leute, die für den Senatsrat arbeiteten, und ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass alle davon auf meiner Seite waren. Keinen Grund, das Gegenteil anzunehmen, aber keinen Grund war nicht genug.

Ich dachte an die Ortschaften, die ich kannte, die in Frage kamen und ging sie durch.

Greifenholz: östlich von Bärentrutz, am Ostfluss. Groß genug für Anonymität, klein genug für Kontrolle. Aber der Ostfluss war eine Route, die sie möglicherweise ebenfalls in Betracht zog und ich wollte keinen Ort, der gleichzeitig ihr Weg und meine Position war.

Stahlgrund: näher an Bärentrutz, eine Schmiede- und Werkstattansiedlung. Viel Lärm, viel Betrieb, viel Grund für Fremde, sich dort aufzuhalten. Das hatte Vorteile. Aber Stahlgrund war zu offen, zu wenig Kontrolle über Zugänge.

Silberstollen: das war die Option, bei der ich länger blieb.
Westlich, abseits der Hauptrouten, ein Bergwerk mit dem, was Bergwerke mit sich brachten: alte Stollen, Strukturen, die nicht auf Karten standen, Zugänge, die man kannte oder nicht kannte, je nachdem, wie viel Zeit man investiert hatte. Abgelegen genug, dass niemand zuhörte. Unattraktiv genug, dass niemand ohne Grund hinkam. Und die Schwäche im Nordteil, die hatte ich damals notiert, die war real, aber handhabbar, wenn ich sie vorher absicherte.
Silberstollen. Ich entschied mich dafür.

Schritt eins: den Ort sichern, bevor sie ankam. Das bedeutete: hingehen, prüfen, was sich verändert hatte, was noch stand, was nicht mehr nutzbar war. Nicht jetzt, es war noch zu früh, noch zu viel Risiko, gesehen zu werden, bevor ich bereit war. Aber bald.

Schritt zwei: die Routen beobachten. Nicht selbst — das war zu sichtbar. Jemanden, dem ich traute, soweit man jemandem traute, für diese Art von Arbeit. Das war die schwächste Stelle im Plan, das wusste ich, weil Vertrauen eine Variable war, die man nicht vollständig kontrollierte. Ich würde es so einrichten, dass derjenige nicht wusste, wonach er suchte. Nur: wann kommt jemand und auf welchem Weg.
Mit wie vielen sie allerdings kommen würde, war eine Frage, die ich noch nicht beantwortet hatte. Die Antwort würde auf jeden Fall den Plan verändern. Alleine war eine Sache. Aber mit Begleitung eine andere.
Die Variable ließ ich also vorerst offen und merkte an, dass ich sie schließen musste, bevor ich zu Schritt drei kam.

Schritt drei: warten. Das war der Teil, den ich nicht mochte, aber der unvermeidlich war. Warten bedeutete: vorbereitet bleiben, die Optionen offen halten, nicht in Bewegung geraten, bevor der Moment stimmte. Bewegung vor dem richtigen Moment war der häufigste Fehler, den Menschen machten, wenn die Stille zu lang wurde.
Ich hatte gelernt, die Stille auszuhalten.

Ich betrachtete das, was ich aufgeschrieben hatte.
Es war kein guter Plan. Es war ein Plan, der funktionieren konnte, wenn die Variablen stimmten, und die Variablen stimmten selten vollständig. Aber er war das Beste, das ich hatte und das Beste, das man hatte, musste reichen, bis etwas Besseres möglich war.

Die andere Option lag noch daneben, zur Seite gelegt, nicht gestrichen.

Ich ließ sie dort.



_________________________________________________________


Jynela:


Die Pläne auf dem Schreibtisch sahen nicht besser aus, nur weil ich sie zum dritten Mal ansah.
Das war eine Erkenntnis, die ich hätte früher haben können, aber der Abend hatte sich so entwickelt, dass ich immer weitergemacht hatte. Eine Route nach der anderen, eine Überlegung nach der nächsten, als würde Gründlichkeit irgendwann in Gewissheit kippen. Das tat sie nicht. Das hatte sie noch nie getan. Ich wusste das und machte trotzdem weiter, weil Weitermachen die einzige Alternative war zu dem, worüber ich nicht nachdenken wollte.
Ich hatte ihn heute nicht gesehen.
Das war eine Tatsache. Ich ließ sie stehen, ohne ihr mehr Platz zu geben als nötig, und wandte mich wieder den Routen zu. Die Kerze auf dem Schreibtisch warf Schatten, die sich nicht entscheiden konnten, wohin sie gehörten. Draußen war Rahal still, die Art von Stille, die nur spät nachts kam, wenn die Stadt aufgehört hatte, sich selbst zuzuhören. Ich mochte diese Stunde normalerweise.
Heute hatte sie eine Qualität, die ich nicht brauchte.

Dann klopfte es.

Ich hielt inne. Die Art, wie sich mein Körper sofort sammelte…ruhiger, kontrollierter, bereit…sagte mir mehr über meinen Zustand als alles, was ich mir selbst in den letzten Stunden eingestehen wollte. Für einen Herzschlag dachte ich: er. Und für denselben Herzschlag dachte ich: Dann musst du jetzt reden, ob du willst oder nicht.
Das Universum hatte bekanntlich einen sehr spezifischen Sinn für den richtigen Augenblick.

Ich stand auf.

Hinter der Tür stand Evilyn, mit einer Flasche, die sie wie ein Argument vor sich hielt. Das Universum hatte sich also für die mildere Variante entschieden. Das kam vor.
Ich betrachtete sie einen Moment. Dann trat ich zur Seite.
Zwei Gläser. Die Flasche geschickt geöffnet und eingeschenkt. "Keine Hiobsbotschaften heute", sagte sie, noch bevor ich fragen konnte. "Einfach nur Gesellschaft. Wein. Und Reden."
"Das könnte ich öfter haben", murmelte ich.
Sie prostete mir zu. Wir tranken.




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Ich habe es schon mal angesprochen, diese Sache mit dem Gesicht, das man zeigt oder eben nicht zeigt. Bei Evilyn war das schon immer ein wenig anders gewesen. Sie akzeptierte meinen sichtlich übermüdeten Zustand, ohne nachzufragen, warum und woher die Ringe unter meinen Augen kamen.

Wir sprachen über das, was man bespricht, wenn man die schweren Dinge für einen Moment zur Seite legt. Die Frage, wann man aufhört, die eigene Kompetenz zu tarnen und anfängt, sie einfach zu haben. Die Frage, ob Spielraum und Alternativlosigkeit dasselbe waren oder nur ähnlich aussahen. Irgendwann kam der Kommentar, dass es ein sehr schmaler Grat sei, zwischen Respekt und unbedingter Macht und gleichzeitig noch einer Gemeinschaft, die einen Umgang miteinander verlangt.
Das Problem kannte ich durchaus. Und ich habe gelernt, auf diesem Grat zu tanzen, wenn es nötig war. Ich tat das jeden verdammten Tag und wir beide wussten, dass man manchmal nur noch mit den Fingern am Rand hing.
Dass es wichtig war, wenn dann jemand kam, der eben nicht noch auf die Hand trat, sondern mal nach der Hand griff.
Es war eine Kunst nicht herunterzufallen und wie die meisten Künste, vor allem eine Frage der Übung und des Glücks, wobei das Verhältnis der beiden zueinander je nach Tagesform variierte.

Und irgendwann kamen die Worte. Einfach so. Ehrlich und offen: "Ich habe das Gefühl, dass ich demnächst wieder tanzen muss. Ich bin noch nicht sicher wie…."

Evilyn sah mich an. Nicht fragend. Sie kannte den Unterschied zwischen einem Satz, der eine Antwort wollte und einem, der nur gehört werden musste.
"Du genießt mein Vertrauen", sagte sie dann, ruhig und ohne Umschweife. "Und meine Unterstützung. Das weißt du."
Ich wusste es. Ich hatte es eine Weile gewusst, aber es laut zu hören war trotzdem etwas anderes. Worte hatten diese unangenehme Eigenschaft, Dinge real zu machen, die man vorher noch bequem im Ungefähren hatte lassen können.

Also erzählte ich ihr, was ich konnte. Nicht alles, die Schichten, die ich trug, ließen sich nicht alle auf einmal ablegen, aber genug. Die Narbe. Weidenheim. Der Mann, dem ich zuvorkommen musste, bevor er auf den Gedanken kam, das zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte. Die Schuld, die ich jemandem gegenüber trug, dem ich sie nicht erklären konnte, ohne mehr zu sagen, als ich durfte.
Evilyn hörte zu, wie sie immer zuhörte: vollständig, ohne zwischendurch ihre eigene Meinung einzusortieren. Das war eine Fähigkeit, die man entweder hatte oder nicht hatte, und die meisten hatten sie nicht, was erklärte, warum so viele Gespräche damit endeten, dass beide Seiten lauter redeten und weniger sagten.

"Ein Umstand, den man ändern kann", sagte sie, als ich fertig war.
"Den ich vorhabe zu ändern", bestätigte ich. "Ich brauche nur noch einen Plan, der hält."

Sie nickte. Dann: "Soll ich mitreisen?"

Ich betrachtete sie einen Moment. Dann schüttelte ich den Kopf. Nicht weil ich das Angebot nicht ernst nahm, sondern weil ich nicht bereit war, die Verantwortung für jemanden zu tragen. Nicht in diesem Fall, nicht mit dem Hintergrund, dass ich es drehen und wenden konnte, wie ich wollte, es würde gefährlich werden. Außerdem war da noch jemand, der davon wusste und der das Richtige auf seine Art tun würde, wenn ich ihm endlich sagte, was bevorstand. Das Gespräch, das ich noch vor mir hatte. Die Antwort, die ich ihm noch schuldete. Und weil sein Verantwortungsbewusstsein noch größer war, würde ich ihn davon abhalten müssen, genau wie sie. Bei ihr war es nur einfacher, denn sie akzeptierte schlicht.

“Soll ich ein Auge auf ihn haben?”

Das Angebot kam so beiläufig, wie Evilyn die meisten Dinge sagte, die alles andere als beiläufig waren: ruhig, ohne Aufhebens, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.
Es gibt Momente, in denen man merkt, dass man auf etwas gewartet hat, ohne gewusst zu haben, dass man wartet. Das war so ein Moment. Die Erleichterung traf mich so unvermittelt, dass ich einen Herzschlag brauchte, um sie einzusortieren, diese Wärme, die sich irgendwo hinter dem Brustbein ausbreitet und die ich am liebsten sofort wieder weggeschoben hätte, weil ich nicht gewohnt war, sie zuzulassen.

"Ja", sagte ich, und meine Stimme kam ruhiger heraus, als ich erwartet hatte. "Ja, das würde mich beruhigen. Wirklich."
"Und wenn es irgendwie möglich ist", sagte ich, langsamer jetzt, weil ich die Worte auswählte mit der Sorgfalt, die man aufwendete, wenn man zugab, dass man etwas brauchte… "mir ab und an Nachricht zukommen zu lassen. Er wird es selbst nicht tun. Das weiß ich."

"Wird erledigt", sagte sie einfach.

Ich nickte. Wir tranken.

Es war eine kleine Sache, gemessen an allem anderen: ein Auge, ein paar Nachrichten, die Gewissheit, dass jemand da war, der hinschaute, wenn ich es nicht konnte. Keine Garantie. Kein Schutz vor dem, was passieren konnte und was ich nicht kontrollierte, egal wie gut ich plante.
Aber es war etwas.

Den Gedanken, dass ich vielleicht nicht wiederkommen würde, mein Versprechen nicht halten zu können, schob ich weit weg.

Und ich merkte, während ich da saß und das Feuer beobachtete und Evilyn ihren Wein trank ohne weitere Fragen zu stellen, dass ich das gebraucht hatte. Nicht den Plan, nicht die Logistik, nicht das vernünftige Arrangement zwischen zwei Menschen, die wussten, wie die Welt funktioniert.
Sondern jemanden, der sagte, ich passe auf, ohne dass man erklären musste, warum es wichtig war.

Das Feuer knackte. Und dann wurde das Gespräch langsamer und tiefer, so wie Gespräche das taten, wenn die erste Flasche zu Ende ging und die Nacht nicht mehr jung war…wenn die Energie, die man für das höfliche Drumherumreden aufgewendet hatte, aufgebraucht war und nur noch das übrig blieb, was man eigentlich hatte sagen wollen.
Wir sprachen über den Orden und die Bruderschaft und darüber, was es bedeutete, in Positionen zu leben, in denen Schwäche keinen Platz hatte. Und was man mit dem machte, was trotzdem schwach war. Das war die Stelle, an der die meisten Gespräche aufhörten, weil die Antwort unbequem war und Menschen im Allgemeinen eine bemerkenswerte Fähigkeit besaßen, unbequemen Antworten auszuweichen, selbst wenn sie direkt vor ihnen standen und auffällig winkten.
Sie begann offen, mit Worten die ich nicht erwartet hatte, die ich aber gut verstand und ich beschloss zu antworten.
Wir wichen beide nicht aus. Das war vermutlich der Grund, weswegen es ein guter Abend war.

"Einfacher", sagte ich, auf etwas, das sie gesagt hatte, "wenn man keine Gefühle hat."
"Oder vorgibt, jene nicht zu haben", sagte sie trocken. "Meine bevorzugte Strategie."

Ich trank. Sie trank.

Und dann, ohne dass ich genau sagen konnte, wie wir dorthin gekommen waren, kam schlicht die Wahrheit auf den Tisch. Eine Wahrheit die wir beide sonst nicht aussprachen, eine Wahrheit die nun im Raum stand und mit der wir leben mussten.
Wir sprachen über die merkwürdige, erschöpfende Dummheit, mutig genug zu sein für Dinge, die tatsächlich gefährlich waren und gleichzeitig nicht mutig genug für eine Tür, die man schon zu lange geschlossen hielt.
Das Universum, dachte ich, hatte tatsächlich einen Sinn für Ironie. Es war kein besonders freundlicher Sinn, aber er war konsequent.

"Ich weiß nicht, was falsch mit uns ist", sagte ich irgendwann und meinte es vollkommen ernst.
"Ich verstehe es auch nicht", sagte Evilyn. "Ich würde eher einen Dämon beschwören. Das verursacht weniger Bauchschmerzen."

Ich musste lachen. Kurz, echt, die Art, die man nicht plante und die man hinterher nicht bereute.
Es war lächerlich. Das war das Wort dafür. Zwei Frauen, die wussten, was sie wollten, die wussten, wie man Dinge tat, die tatsächlich Mut erforderten und die hier saßen, am Kamin, mit einer leeren Flasche zwischen sich und Gründe sammelten, warum es kompliziert war. Die Gründe waren nicht einmal schlecht. Das machte es nicht besser. Schlechte Gründe konnte man weg argumentieren. Gute Gründe saßen fest und sahen einen mit großen, vernünftigen Augen an und trotzdem blieben sie am Ende des Tages nur Gründe, und Gründe hatten noch nie jemanden warm gehalten.

Es war nicht kompliziert. Das war das Problem.

Und dann formte sich etwas, das wir beide nicht ganz zu Ende gedacht hatten. Ich schiebe es auf den Wein. Evilyn streckte die Hand aus. Ich schlug ein, bevor das klügere Stück meines Verstandes die Gelegenheit hatte, Einwände zu formulieren. Das klügere Stück war ohnehin in letzter Zeit überbewertet worden.
Die Wette war geschlossen. Eine Abmachung, die man einhält, weil man die andere gut genug kennt, um zu wissen, dass sie es ebenfalls tut. Und weil die Alternative, das weiter Aussitzen, das Weitersammeln von Gründen, das weiter So-tun-als-ob….inzwischen mehr Energie kostete als das, wovor man sich fürchtete.

"Betrinken wir uns, wenn es schiefgeht", sagte sie. "Das Komplettprogramm."
"Mit allen dummen Entscheidungen, die es beinhaltet", stimmte ich zu.

Das klang nach einem Plan. Nicht nach einem guten, aber nach einem, der funktionierte.

Evilyn ging, als die Kerzen kürzer geworden waren. Die Umarmung dauerte einen Moment länger als nötig und genau so lange, wie sie sein musste.

Ich stand in der offenen Tür und sah ihr nach, bis sie um die Ecke war. Dann schloss ich die Tür.
Die Wärme des Abends hing noch im Zimmer. Wein und Feuer und das, was übrig blieb, wenn man einen Abend lang aufgehört hatte, hauptsächlich eine Funktion zu sein. Ich stand einen Moment einfach da und ließ es sein, was es gewesen war.

Gut. Es war gut gewesen.

Das durfte man auch einfach stehen lassen, ohne sofort die nächste Konsequenz daraus zu ziehen. Eine revolutionäre Idee, die ich mir vielleicht öfter zu Herzen nehmen sollte. Morgen.
Dann wandte ich mich um.
Die Pläne lagen noch auf dem Schreibtisch, umgedreht, wo ich sie gelassen hatte. Ich setzte mich. Drehte sie um.
Die Routen sahen nicht besser aus als vorher. Sie sahen genauso aus wie vorher, mit derselben Anzahl an Variablen und derselben Anzahl an Stellen, an denen etwas schiefgehen konnte, was eine bemerkenswert hohe Zahl war. Das Universum war in dieser Hinsicht wenigstens verlässlich.
Aber irgendwo zwischen dem Wein und der Abmachung und dem, was ich mir zum ersten Mal laut eingestanden hatte, auch wenn ich es nicht laut gesagt hatte, irgendwo darin hatte sich etwas verschoben. Nicht die Pläne. Nicht die Gefahr. Nur das Gewicht davon. Ein kleines bisschen.

Das musste reichen.

Die Nacht war noch lang.
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Jynela Dhara
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Re: Was man sieht, wenn man hinschaut

Beitrag von Jynela Dhara »

Valen:


Der Stollen roch nach altem Stein und stehendem Wasser und dem besonderen Schweigen, das Orte hatten, die schon lange nicht mehr von Menschen benutzt worden waren. Das war gut. Das war einer der Gründe, warum er funktionierten würde. Hier kam niemand mehr her.
Ich hatte ihn drei Tage vor meiner Ankunft von jemandem prüfen lassen, der wusste, dass er prüfte, aber nicht wusste, warum. Ein Handwerker aus Waldau, der gelegentlich für den Bergwerksbetrieb arbeitete, wenn es noch etwas zu betreiben gab, was seltener wurde. Er hatte mir gesagt, was ich wissen musste: der Nordteil war gesperrt, wie erwartet. Der mittlere Abschnitt stand. Der südliche Zugang war offen, aber der Rahmen hatte Risse, die ihn bei Regen enger machten, was ich als Information behielt und nicht als Problem behandelte, weil ich ihn für die Eingangsseite ohnehin nicht nutzen wollte.

Ich betrachtete den Raum.



Bild



Er war groß genug. Nicht groß genug, um unübersichtlich zu werden und auch klein genug, um jeden Punkt darin zu kennen. Ein Tisch, der noch stand, weil Tische keine Beine hatten, die man leicht fortbewegen konnte, also hatte man ihn gelassen. Zwei Stühle, von denen einer nicht mehr vollständig funktionierte. Ich notierte: einen Stuhl ersetzen oder befestigen. Nicht aus Rücksicht. Aus Kontrolle. Ein Stuhl, der kippte, war eine Variable, die ich nicht brauchte.

Die Ausgänge: drei. Der Südliche, durch den ich gekommen war. Der Östliche, der in den mittleren Stollen führte und von dort in eine Abzweigung, die ich kannte und die sie nicht kannte, wenn meine Einschätzung stimmte. Der dritte war kein richtiger Ausgang, nur eine Vertiefung im Fels, die irgendwann angefangen und nie aufgehört hatte und die tief genug war, dass jemand, der sie nicht kannte, Zeit brauchte, um festzustellen, dass sie nirgendwohin führte. Das war nützlich. Ausgänge, die keine waren, hielten Menschen in Bewegung, in der falschen Richtung.

Ich legte das Material ab, das ich mitgebracht hatte.
Nicht viel. Seilwerk, das hielt, was es halten sollte und das ich vorher geprüft hatte, weil man Seilwerk prüfte, bevor man es brauchte, nicht währenddessen. Eine Handvoll Dinge, die ich für das Gespräch brauchte, wenn das Gespräch schwieriger wurde als ich hoffte.

Die andere Option? Legte ich weiterhin zur Seite, wo sie hingehörte: vorhanden, erreichbar, aber nicht das, womit ich anfing.

Ich richtete den funktionierenden Stuhl aus.
Dann stand ich in der Mitte des Raums und machte das, was ich immer machte, wenn ich einen Ort vorbereitete: ich stand dort und ließ ihn auf mich wirken. Nicht mit Analyse, sondern mit der Art von Aufmerksamkeit, die keine Schlussfolgerungen zog, sondern nur registrierte. Was störte. Was fehlte. Was ich vergessen hatte zu bedenken, das sich jetzt zeigte, weil ein Plan auf Papier nie dasselbe war wie ein Ort in der Realität.

Die Akustik war gut. Das überraschte mich, obwohl es nicht hätte überraschen sollen: Stein schluckte Geräusche nicht, er warf sie zurück. Was hier gesagt wurde, blieb hier. Was von draußen kam, kam gedämpft an, früh genug, um zu registrieren, aber nicht deutlich genug, um zu verstehen. Das bedeutete: ich würde hören, dass jemand kam, bevor er hörte, was ich sagte. Das war eine Asymmetrie zu meinen Gunsten. Gut.

Ich blieb zwei Stunden.

Dann ging ich durch den östlichen Abgang, weil ich nicht zweimal denselben Weg nehmen wollte.
Die Frage des Signals war einfacher als ich erwartet hatte, weil die Antwort sich von selbst ergab, sobald ich aufhörte, sie zu verkomplizieren.

Sie würde kommen, wenn sie einen Grund hatte. Einen Grund, den ich ihr gab.
Ich musste also Kontakt mit Tero aufnehmen. Das hätte ich gerne vermieden, aber Vermeidung war auch eine Art Signal und nicht das, das ich senden wollte. Was ich senden wollte, war das Gegenteil von Vorsicht. Präsenz. Die ruhige, beiläufige Mitteilung, dass ich da war und dass ich keinen Grund sah, mich dabei zu verbergen. Dass ich Leute hatte, die sie, Rahal und die Garde im Blick hatten.
Das war die Falle. Nicht eine Falle aus Holz und Eisen, sondern eine aus Kalkül und der Kenntnis, wie ein Mensch wie sie reagierte, wenn das Ziel sich nicht verhielt wie ein Ziel.
Ich schrieb den Brief am Abend, mit der ruhigen Sorgfalt, die man Dingen widmete, die man nicht zurücknehmen konnte.

"Schlüssel gibt man nicht an Menschen, die einem nichts bedeuten. Das spricht für sie — dadurch entscheide sie, wen sie an sich heranlässt. Die Frage ist, ob alle, die hinschauen, dasselbe Urteilsvermögen haben. Ich würde die Menschen, die mir wichtig sind, in diesen Tagen nah halten. Und gut auf sie achten.
Achtest du auf dich?
Sie weiß wo sie mich findet, wenn sie bereit ist zu suchen."

Kurz. Direkt. Mit genau der Menge an Überlegenheit, die sich ein Mensch erlauben konnte, der wusste, dass er das Spiel bereits gewann und die gleichzeitig eine Einladung war:

Hier bin ich. Schick sie.

Eine Unterschrift konnte ich mir sparen.
Ich faltete den Brief und packte ihn ein.
Die Frage war nicht, ob Tero ihn weitergab. Die Frage war, wann.
Und die Antwort auf wann war: sofort. Menschen wie Tero behielten Informationen nicht, wenn jemand, dem sie wichtig waren, in Gefahr war. Das war keine Schwäche, das war Loyalität und Loyalität war verlässlicher als jede andere Motivation, die ich kannte. Mir hatte diese Loyalität auch gegolten. ich hatte sie verspielt.
Nun zählte ich darauf.
Das war vielleicht das Unbehaglichste an dem ganzen Brief. Nicht dass ich ihn geschrieben hatte, sondern dass ich Teros Freundschaft zu ihr als Werkzeug benutzte und dass ich nicht sicher war, ob das besser oder schlechter war als alles andere, was ich in dieser Sache bereits getan hatte.
Ich ließ ihn am nächsten Morgen zustellen.
Dann wartete ich.


_______________________________________________________________


Jynela:

Das Gespräch endete und ich stand im Raum und hörte seine Schritte, die leiser wurden und dann aufhörten.
Ich fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht.
Das half nicht, aber es war das Einzige, das ich in diesem Moment tun konnte, ohne gleichzeitig irgendwas zu sagen oder tun, das ich nicht sagen oder tun sollte.

Es gab diese Momente… seltener als früher, häufiger als ich zugab… in denen der Körper sich weigerte, mit dem Kopf einig zu sein. Der Kopf wusste, was richtig war. Was notwendig war. Er musste hier bleiben, das stimmte, das war kein Vorwand, keine Schutzreaktion, keine bequeme Ausrede, um allein zu reisen. Es war einfach wahr und Wahrheit wurde nicht weicher dadurch, dass sie schmerzte.
Der Körper hatte davon nichts gehört.

Ich setzte mich auf die Armlehne des Sessels, weil das kein richtiges Sitzen war, nur ein Innehalten und starrte auf die Tür. Er hatte die Tür geschlossen. Nicht geworfen, nicht zugeschlagen… geschlossen, mit der präzisen, kontrollierten Stille von jemandem, der sehr genau weiß, was er gerade zurückhält und das war ehrlich gesagt schlimmer als alles andere, was er hätte tun können.

Ich hasse, dass du gehst.

Fünf Worte. Leiser als der Rest und trotzdem das, was noch im Raum stand.

Ich hätte jetzt über Valen nachdenken sollen. Über den Plan, die Überfahrt, Bärentrutz, Tero, die hundert Dinge, die ich noch nicht wusste und wissen musste. Die Arbeit wartete, das tat sie immer, sie hatte in meinem Leben noch nie nicht gewartet und normalerweise funktionierte das als zuverlässiger Ausweg aus allem, was mich grad nicht beschäftigen sollte.

Stattdessen dachte ich daran, wie seine Hand meinen Arm gegriffen hatte.

Nicht hart. Nur mit Nachdruck. Mit der Art von Gewissheit, die Menschen hatten, die nicht fragten, sondern entschieden. Versprich es mir. Und ich hatte es versprochen, weil es das Richtige war und auch weil es das war, was ich wollte.
Zurückkommen.
Das war kein strategisches Versprechen. Das war das Ehrlichste, das ich in dieser ganzen Unterhaltung gesagt hatte.

Das eigentliche Problem war kein Neues. Dieses Gefühl, das keinen ordentlichen Namen hatte, das irgendwo zwischen Erschöpfung und etwas saß, das ich nicht benennen wollte … das war das Problem. Nicht Valen. Valen war ein Problem, das ich löste. Dieser Gedanke, dass ich möglicherweise nicht zurückkam und dass er das wusste und es trotzdem nicht ausgesprochen hatte, genauso wenig wie ich.

Ich wollte ihn schützen.
Er schützte mich. Wir schützen uns beide, sorgfältig und gründlich vor Dingen, die man eigentlich sagen würde, wenn man nicht genau wüsste, was sie auslösen würden.
Das funktionierte so mittelprächtig, um es mal freundlich auszudrücken, dass ich nicht verstand, warum wir damit nicht aufhörten.




Bild





Die Kommandantur war nie leer, auch nicht ein paar Tage später, als ich Abends am Schreibtisch saß. Stimmen, Schritte, das leise Klirren von irgendjemandem in Rüstung, der irgendwo hinging, das Kratzen einer Feder. Die übliche Geräuschkulisse, die übliche Bewegung. Ich gehörte dazu, ich war Teil davon, wie immer eben. Aber den verdammten Bericht las ich nun zum dritten Mal und konnte dennoch die Informationen nicht festhalten.
Die Müdigkeit hatte eine Qualität bekommen, die ich nur aus schlechten Zeiten kannte. Nicht die normale Müdigkeit. Nicht die, die man wegschlafen konnte. Sondern die Andere. Die, die sich hinter die Augen setzt und in die Schultern und in den Moment kurz vor dem Sprechen, wo man eine Sekunde braucht, die man früher nicht gebraucht hat. Ich hatte geschlafen. So war das nicht, aber es war zu wenig und es war viel zu unruhig gewesen.

Es gab Menschen, die einem ansahen, wenn man Dinge verbarg.
Das wusste ich, weil ich gleich ein paar von ihnen kannte. Also wusste ich auch, was davon sichtbar sein durfte und was nicht. Die Müdigkeit ließ ich stehen. Gegen sie zu kämpfen wäre auffälliger gewesen, als sie einfach zu tragen und auf anstrengenden Dienst und viel zu viel Papierkram zu schieben.
Was darunter war: das nicht. Das saß an einer anderen Stelle. Tiefer und stiller und für das hatte ich die Miene aufgesetzt, dieselbe, die ich so lange getragen hatte, dass sie längst kein Aufwand mehr war.
Das Problem mit einer Miene, die kein Aufwand mehr war: man trug sie auch sich selbst gegenüber.

Ich schob den Bericht zur Seite und legte die Hände flach auf den Tisch. Nicht weil das half, aber weil es eine Handlung war und Handlungen, auch kleine, sinnlose, verankerten einen.
Das alles würde noch hier sein, wenn ich zurückkam.
Das war keine Frage. Darauf konnte ich mich verlassen.
Wenn ich zurückkam.
Ich korrigierte mich. Nicht wenn. Wenn ich fertig bin. Das war ein Unterschied, auf den es ankam, der nur in meinem Kopf existierte und auf den es trotzdem ankam.


Der Brief kam wenig später, als das Schiff aus Weidenheim angelegt hatte. Ich kannte Teros Handschrift. Ich erkannte sie, bevor ich den Umschlag ganz aufgemacht hatte und das war das erste schlechte Zeichen. Nicht weil Tero mir schrieb, sondern weil ich an seiner Handschrift sofort sah, dass er schnell geschrieben hatte. Tero schrieb nur schnell, wenn die Zeit drängte. Wenn er keine Wahl hatte.

"Jyn. Er hat sich gemeldet. Ich weiß, was du jetzt denkst und ich bitte dich: tu es nicht. Bleib, wo du bist. Ich kenne Leute hier, ich werde sehen was ich tun kann, ich werde dir schreiben sobald ich mehr weiß. Du weißt, er tut es mit voller Absicht. Sieh zu, dass du deine Leute im Blick hast. Er will, dass du kommst. Tu ihm nicht den Gefallen. Schick mir die Nachricht was er mit dem letzten Satz meint. Ich finde ihn.
Bitte, Jyn. Bleib wo du bist."


Ich las den Brief einmal. Dann das Stück Pergament, das beigelegt war.

Bleib, wo du bist.

Ich blieb nicht, wo ich war. Das hatte ich noch nie getan. Das wusste Tero und er hatte es trotzdem geschrieben, weil er hoffte, und Hoffnung war das Recht von Menschen, die einem wichtig waren, auch wenn sie einem das Leben schwer machte.
Er hatte geschrieben: das ist es, was er will.
Ja. Das stimmte. Das war der Punkt.
Valen wollte, dass ich kam. Valen hatte sich gezeigt, damit Tero es mir sagte, damit ich es wusste, damit der Gedanke, dass ich es wusste, irgendetwas in mir auslöste. Angst? Sicher nicht. Vorsicht? Die vernünftige Entscheidung, zu bleiben und abzuwarten. Er kannte mich. Er wusste, wie ich dachte, er wusste, was ich tat, wenn ich Zeit hatte und Schlaf und die Kapazität, jeden Schritt zweimal zu gehen.

Drei Menschen hatten einen Schlüssel zu meinem Haus. Lingor, weil er hier gelebt hatte, weil das Haus lange ein Teil seines Lebens gewesen war. Lioras, weil es Lioras war und das war die vollständige Erklärung, mehr brauchte es nicht. Darios, weil sich der Moment ergeben hatte und ich ihn nicht zurückgenommen hatte, was bedeutete, dass ich es nicht wollte.

Drei Menschen.

Valen wusste das. Das stand zwischen den Zeilen. Nicht laut, nicht bedrohlich, nur: ich bin hier, und ich weiß mehr als du denkst. Das war seine Sprache. Das kannte ich.

Mir war es vollkommen gleichgültig, welcher von ihnen gemeint war und das war kein tapferer Gedanke, das war einfach wahr: es war mir egal. Lingor, Lioras, Darios… die Antwort war dieselbe. Sie war schon immer dieselbe gewesen. Ich ließ Menschen in mein Leben hinein, nicht viele und wenn ich das tat, dann mit dem stillen, unausgesprochenen Einverständnis, dass ich dafür sorgte, dass ihnen nichts passierte. Das war keine Stärke, das war kein besonderer Charakterzug. Das war einfach, wie das funktionierte.

Valens Brief war gut. Ich erkannte das, ärgerlich nüchtern, trotz allem, er war ruhig und präzise und er wusste genau, was er tat. Er trat nicht an mich heran. Er trat an die drei heran. Er kannte mich. Das war schon immer das eigentliche Problem gewesen.

Drei Menschen.

Und die Antwort war dieselbe, hatte immer dieselbe sein müssen und wenn ich ehrlich war, die Entscheidung war nicht getroffen worden, als ich den Brief gelesen hatte. Sie war getroffen worden, als Tero mir geschrieben hatte, dass Valen wieder da war. Ich hatte nur gewartet, bis ich fertig damit war, so zu tun, als wäre sie es noch nicht.

Ich setzte mich wieder hin. Schob den Brief zur Seite und griff nach einem leeren Blatt und begann ernsthaft zu planen.
Es dauerte bis Mitternacht, aber dann hatte der Plan aufgehört, Wunschdenken zu sein und angefangen, etwas zu werden, mit dem man arbeiten konnte.
Das bedeutete nicht, dass er gut war. Das bedeutete, dass er existierte, und ein existierender Plan mit Fehlern war einem perfekten Plan ohne Existenz in jeder mir bekannten Situation vorzuziehen.
Er wollte, dass ich kam. Das stand im Brief, in dem ruhigen, überlegenen Ton von jemandem, der überzeugt war, dass er das Spiel bereits gewonnen hatte. Ich hatte diesen Ton wiedererkannt. Sofort. Ich kannte ihn von mir selbst, an schlechten Tagen, wenn ich glaubte, ich hätte alles bedacht und dann stand irgendwo eine Variable, die ich nicht einberechnet hatte.

Valen hatte eine Variable nicht einberechnet.
Er kannte meine Gründlichkeit. Er kannte meine Vorsicht. Er kannte mich aus Weidenheim. Aber seitdem war Zeit vergangen. Und ich war nicht mehr dieselbe Person, die ich gewesen war… nicht vollständig, nicht in den Teilen, die zählten. Das war der Unterschied, auf den es ankam.

Ich griff nach einem neuen Blatt und schrieb Namen. Menschen zwischen Rahal und Bärentrutz, die ich kannte und die nicht fragen würden. Nicht viele… aber genug. Dann, was ich brauchte und was ich mitnahm und was ich zurückließ, weil ich schnell sein musste. An die wichtigen Dinge, die ich zurücklassen würde, dachte ich nicht. Zumindest redete ich mir das mehr oder minder erfolgreich ein.
Darunter, nach einer Pause: Evilyn. Schreiben, bevor ich fahre.

Ich lehnte mich zurück und betrachtete das Blatt.
Es war kein Plan ohne Fehler. Aber er war ehrlich, er war machbar, und er war meiner. Die Kerze auf dem Schreibtisch brannte tiefer. Ich betrachtete sie einen Moment, nicht nachdenklich, nur müde auf eine Weise, die inzwischen zu vertraut war, um sie noch zu kommentieren und dann löschte ich sie.

Es gab noch ein paar Dinge zu tun.
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