Die Prüfungen des Glaubens

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Cassian Voren
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Die Prüfungen des Glaubens

Beitrag von Cassian Voren »

Teil I: Der Weg durch Bajard
Die schweren Türen des Glaubenshauses hallten dumpf hinter ihm, als Cassian in die Gassen Rahals trat. Seine Gedanken waren ruhig – nicht leer, aber sortiert, wie das Messer eines Chirurgen, das weiß, wo es schneiden soll.

Ein Auftrag. Eine Prüfung. Ein erster Schritt.
Nicht mehr – und doch alles.

Der Tetrarch selbst hatte zu ihm gesprochen. Demian Athes. Eine Stimme wie kalter Stein, von jener Art, die nicht laut sein muss, um Gewicht zu tragen. Cassian hatte sich vorgestellt – schlicht, wie es seiner Art entsprach – und seinen Wunsch geäußert, dem Tempel zu dienen. Nicht als Stimme, nicht als Streiter. Als Diener.
„Ich möchte mein Leben dem Tempel geben. Um dem Herrn zu dienen – bis zu meinem letzten Tag.“
Demian hatte ihn nicht gelobt, nicht befragt, nicht geprüft wie ein Dozent einen Schüler. Stattdessen hatte er ihm eine Aufgabe gegeben. Eine mit mehr Tiefgang, als es auf den ersten Blick schien.
„Ihr werdet nach Berchgard gehen. In Berchgard sind Male des Herrn, welche der Vicarius mitgestaltet hat. Sprecht mit den Leuten, bleibt ein oder zwei Tage. Ich will wissen, was dort noch ist.“
Berchgard. Eine Stadt des Feindes. Lichtenthal. Gebrannt und geschändet, mit Male des Herrn – Male Alatars – die vielleicht noch aufblühten oder längst verwischt worden waren.

Ein heiliger Ort – oder ein Grab. Und Cassian sollte der Totengräber sein, oder der, der prüft, ob das Herz noch schlägt.

Die Überfahrt
Er verließ Rahal mit Sonnenuntergang. Kein Banner, kein Talisman an der Brust. Statt der roten Robe des Glaubens trug er die Reisekleidung eines Archivgehilfen – grob, aber sauber. Um die Schultern ein schlichter Umhang aus braunem Tuch, sein Haar zurückgebunden, das Kinn frisch rasiert.

Das Schiff, das ihn nach Bajard brachte, war eine alte Schaluppe mit zerschlissenen Segeln und einer Besatzung, die mehr mit Rum sprach als mit Worten. Niemand stellte Fragen. Auch das war gut so.

Die Fahrt war unruhig. Der Wind riss an den Seilen wie ein Bettler an einem Priestergewand, und das Meer schien an manchen Stellen zu flüstern – nicht in Worten, aber in Erinnerungen. Cassian stand oft am Bug, blickte auf das graue Wasser und sprach keine Gebete. Nur Gedanken.
„Ich gehe nicht, um zu retten. Ich gehe, um zu hören, was tot ist – und ob es noch atmet.“
Bajard – Zwischen Glanz und Glut
Als er Bajard erreichte, war es früher Nachmittag. Der Himmel hing schwer über dem Hafen wie eine Decke aus bleigrauem Stoff. Die Dächer waren schiefergedeckt, aber noch neu. Bajard hatte gebrannt, das wusste er – der große Brand von Alatner 264 war selbst in Sinael diskutiert worden.

Doch was er sah, war kein Schutt. Es war Wille. Es war Wiederaufbau.
Die Menschen wirkten geschäftig, aber nicht gehetzt. Händler luden Waren aus Schiffen, Schreiner schlugen Balken auf dem Platz zusammen. Kinder rannten mit Salz in den Haaren durch die Gassen.

Cassian ging langsam – nicht wie ein Mann mit Ziel, sondern wie einer, der sucht, ohne es zu wissen. Er stellte sich beim Hafenkontor vor, zeigte sein gefälschtes Schreiben. Man wies ihn zur Witwe Leuvenstein, die ihm ein Zimmer in der Herberge am Dorfeingang gab. Sie stellte keine Fragen, schenkte Tee aus und sprach von Sturmwarnung.

Er bedankte sich mit einem silbernen Münzstück und einem warmen Lächeln, das nicht seine Augen erreichte.

Der erste Abend
In der Taverne „Zum Torkelnden Oger“ war es laut, aber nicht feindselig. Die Luft roch nach Holz, Salz, Rauch und Fleisch. An einem Ecktisch saßen zwei junge Männer mit Seefahrerhemden, die über ein verlorenes Schiff diskutierten. Eine ältere Frau – wohl eine Weberin – sprach mit einem Mann, der aussah wie ein Wundarzt und sich als Barde ausgab.

Cassian bestellte Wasser mit Zitronenschale und gab sich als reisender Forscher aus, auf der Suche nach den Spuren eines alten Ordens, der einst in Berchgard ein Kloster unterhalten haben soll. Niemand lachte. Die meisten nickten. Bajard hatte alles schon gesehen – selbst tote Götter.

Ein Seemann, vielleicht schon über die sechzig, flüsterte ihm später zu:
„Wenn Ihr nach Berchgard wollt, nehmt den Weg über die Händlerkutsche. Allein geht keiner da lang. Und wenn doch, kommt er nicht zurück.“
Cassian nickte. Er redete nicht viel, aber er hörte alles.

Der zweite Abend – Nebel, Grog und Gesichter
Er verbrachte einen zweiten Abend im Oger. Diesmal trat er offener auf. Fragte gezielt nach der „alten Inschriften“ am Stadttor von Berchgard, die angeblich keiner bei Nacht ansehen könne. Zwei Männer schwiegen. Eine Frau sagte nur: „Ein Brandzeichen. Aber nicht von Feuer.“

Cassian notierte nichts. Seine Schrift war das Gedächtnis – und das Gedächtnis war dem Herrn geweiht.

Später ging er an den Hafen, sprach mit einem alten Mann namens Jasper Godewind. Der Alte erzählte von „schwarzen Nächten“ und von Meerjungfrauen, die flüstern, wenn es Nebel gibt. Cassian dankte ihm. Auch wenn der Mann wirr sprach – oder gerade deshalb – war jede Andeutung ein Tropfen in das Mosaik, das er formen sollte.

Abreise nach Berchgard
Am dritten Morgen, als die Sonne kaum durch den Nebel stach, stieg Cassian auf eine Kutsche mit vier anderen Fahrgästen.
Die Pferde waren alt, der Kutscher ein schweigsamer Mann mit vernarbten Händen.

Mit ihm reisten:

Eine Magd mit tiefen Augenringen, die nach Berchgard zurückkehrte, um ihren Vater zu pflegen.

Ein Wanderprediger, der sich Cirmias zugehörig fühlte, aber nicht bekehrte.

Ein junger Händler mit leeren Kisten – „Ich will sehen, ob da noch was zu holen ist.“

Und ein stiller Mann mit Lederhandschuhen und einem Messer am Gürtel, das niemals aus der Scheide wanderte.

Cassian sprach wenig. Nannte sich Edrass, gab sich höflich, belesen, aber nicht neugierig. Er war einfach ein Mann, der etwas suchte, das in Mauern verborgen lag.

Die Felder wurden trockener. Die Bäume knorriger. Die Straßen rauer.
Und dann – vor ihnen – Berchgard.
Oder das, was davon geblieben war.

Cassian sah keine Ruinen. Er sah Wunden. Er sah Mauern, die heil waren, aber nichts mehr hielten. Er sah Menschen, die gerade deswegen gefährlich wirkten – weil sie nicht mehr glaubten, dass etwas sicher war.

Die Male des Herrn waren irgendwo dort.
Vielleicht in Stein gemeißelt. Vielleicht in Erinnerung. Vielleicht in Blut.

Cassian schwieg. Er faltete innerlich die Worte zu einem Gebet – nicht laut, denn in Berchgard würde man seine Stimme nicht brauchen.

Nur seine Augen.
Und seine Erinnerung.
Cassian Voren
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Beitrag von Cassian Voren »

Kapitel II - Der erste Tag im Schatten Berchgards
Die Kutsche rumpelte mit einem letzten Stoß über das alte Pflaster, als sich die Silhouette Berchgards durch die staubige Nachmittagssonne formte. Cassian hatte während der gesamten Fahrt geschwiegen. Eingekeilt zwischen einem Händler mit fettigen Haaren und einer schweigsamen alten Frau, die nach Weihrauch roch, hatte er die Felder draußen beobachtet. Die Wunden des Krieges waren nicht verheilt – nur überkrustet.

Das Stadttor wirkte schwer. Es war kein Symbol des Willkommens, sondern ein zahniger Schlund aus Mauerwerk, in dessen Schatten die beiden Wachposten fast verloren schienen. Cassian zog die Kapuze seiner einfachen Reisekutte etwas tiefer ins Gesicht, nickte den Wachen zu, als diese nur einen flüchtigen Blick auf die Passierenden warfen. Niemand stellte Fragen. Niemand hielt ihn auf. Für einen Moment fragte er sich, ob das gut war – oder einfach Gleichgültigkeit bedeutete.

Er trat ein in die Stadt und roch als Erstes das modrige Wasser des nahen Flusses, vermischt mit verbrannter Erde und dem Fett gegrillter Fleischspieße. Die Straßen waren nicht belebt – aber auch nicht leer. Es war, als würde Berchgard atmen, aber flach. Jeder Schritt, den Cassian durch die Straßen tat, wirkte wie ein Tasten in unbekanntem Gebiet. Die Häuser trugen Narben – teils verrußte Fensterrahmen, aufgeraute Wände, abgesplitterte Steine. Und doch lebte die Stadt. Verhärtet, vorsichtig – aber lebendig.

Cassian begann seinen Weg wie zufällig. Kein Ziel, kein Ziel für das Auge anderer – nur suchende Schritte. Ein kleiner Markt hatte sich nahe des Brunnens ausgebreitet. Dort roch es nach Zwiebeln, nach ranziger Butter und dem scharfen Duft eingelegter Wurzelknollen. Cassian blieb bei einem Krämer stehen, fragte beiläufig nach Preis und Herkunft des Wacholderschleims. Der Händler redete gerne – und zu viel. Zwischen den Preisen und dem Gejammer über den Regen ließ er fallen, dass die Straßenposten zuletzt "recht nervös" waren. „Wegen der Lichtenthaler,“ murmelte er. „Die mit ihren Heiligenliedern vor’m Osttor standen. So laut, dass man den Gestank fast vergessen hätte.“

Cassian nickte, kaufte ein kleines Päckchen getrockneter Kräuter und zog weiter.

Später am Nachmittag näherte er sich langsam den Torwachen am westlichen Zugang. Auch hier suchte er kein Gespräch – er ließ sich vielmehr finden. „Regen soll kommen,“ sagte er beiläufig, als er die beiden Männer grüßte. Einer lachte leise, der andere musterte ihn. „Wäre mir lieber als noch’n Haufen Tempelvolk mit Räucherstäbchen. Die waren mir zu heilig.“ Der erste spuckte auf den Boden. „Die vom Osttor meinste? Die haben das Mal weggeputzt wie’n Blutfleck auf’m Rock. War’n Priester dabei… Ritter… Magier sogar.“

Cassian runzelte leicht die Stirn – gerade genug, um Interesse zu zeigen. „Und es ist… wirklich fort?“ – „Das am Osttor, ja. Sie haben gesungen, gebetet, ‘ne halbe Armee hat drumrum gestanden, als wär’s’n Hexenwerk. Und dann… puff. Nur noch Stein.“ Der andere Wachsoldat schnaufte. „Wenn’s doch so einfach wär.“

Am Abend kehrte Cassian in eine kleine Taverne ein im nördlichen Teil Berchgards. Ein trübes Bier, ein Teller mit Brei, der kaum Geschmack hatte – aber auch hier wurde geredet. Nicht offen. Nicht laut. Sondern im Tonfall jener, die lieber vergessen als erinnern.

Zwei Männer am Nachbartisch flüsterten über das Rathaus. Cassian hörte ihren Akzent, Lichtenthaler – oder zumindest aus der Umgebung. Sie sprachen nicht über Politik, sondern über etwas, das zurückgeblieben sei. „Das Dach is’ doch neu gemacht worden… und trotzdem, wennst drunter stehst, is’ da was. Riecht wie verbranntes Blut, sag ich dir.“ – „Ich hab gesagt, der Stein fault.“ – „Quatsch. Die Rahaler habens besudelt sag ich dir. Und das bleibt. Auch wenn sie’s zuschütten.“

Cassian schwieg, nippte an seinem Bier und ließ den Blick in den Krug sinken. Das Mal am Osttor war verschwunden – gereinigt durch Geweihte Temoras. Aber das am Rathaus… war geblieben. Oder zumindest dessen Eindruck. Und damit war auch das Ziel seiner Reise klarer geworden.

Er war gekommen, um zu hören. Um zu sehen. Und zu berichten. Doch nun wusste er: Nicht alles, was von der Oberfläche getilgt wurde, war auch wirklich fort. Manches lebte weiter – im Stein. Im Gerücht. Im Widerhall der Menschen, die hier lebten und versuchten zu vergessen.

Als die Nacht herabsank über Berchgard, trat Cassian in eine enge Seitengasse, zog das Pergament aus seiner Tasche und schrieb in knappen, geordneten Lettern:
„Bericht, Tag 1.
Getarnte Ankunft unauffällig verlaufen.
Male des Osttors gereinigt – Priester Temoras, unterstützt vom Regiment.
Aktivität der Lichtenthaler bestätigt.
Rathaus jedoch weiterhin von Nachwirkungen betroffen. Keine sichtbaren Male – aber das Volk spricht.
Unruhe liegt unter der Oberfläche. Verdacht: Residualwirkung des Zeichens.
Weitere Beobachtung erforderlich.
Bericht folgt nach zweitem Tag.“
Er faltete das Pergament mit Bedacht, versiegelte es mit dem schlichten Siegel, das ihm der Tempel mitgegeben hatte, und steckte es zurück in die Tasche.

Noch war es Nacht, doch die Straßen Berchgards schliefen nie ganz. In einer Nebengasse, unweit des kleinen Stadttores nach Westen, fand er, was er suchte: einen müden Jungen, kaum älter als fünfzehn Winter, der neben einem Esel in einem Stallvorbau kauerte und sich mit einem Stück hartem Brot den Hunger vom Leib hielt. Cassian trat lautlos an ihn heran, sein dunkles Gewand im Schatten kaum sichtbar.

„Wohin bringt dein Weg dich, Bursche?“, fragte er leise, aber fest.

Der Junge zuckte zusammen, dann musterte er Cassian mit vorsichtiger Neugier. „Nach Süden. Vielleicht Bajard. Vielleicht weiter. Kommt drauf an, wer zahlt.“

Cassian nickte. „Dann habe ich etwas für dich – wichtig, aber leicht. Dieses Pergament muss nach Rahal. Zum Glaubenshaus. An Tetrarch Demian Athes oder seine Geweihten. Keine Umwege. Kein Blick hinein.“

Der Junge sah ihn an, als hätte er gerade eine Statue sprechen hören. Doch der Klang des Silbers, das Cassian ihm in die Hand legte, war überzeugend genug.

„Und wenn jemand fragt, von wem es kommt?“, fragte er mit einem Hauch von Trotz.

Cassians Blick wurde schmal. „Dann sag: Von einem Mann, der glaubt. Und der schweigt.“

Der Junge nickte, stopfte das Schreiben sorgfältig in eine gewickelte Stofftasche, sattelte den Esel und verschwand in der Nacht – ein unscheinbarer Schatten auf dem langen Weg nach Rahal.

Cassian blieb noch einen Moment am Rand der Gasse stehen, das Gesicht zum Himmel erhoben, als lausche er dem Wind zwischen den Dächern. Dann drehte er sich um und verschwand im Nebel, der zwischen den Gassen hing wie ein unausgesprochenes Gebet.
Cassian Voren
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Kapitel III – Das Flüstern der Mauern
Der zweite Tag begann, wie der erste geendet hatte: in Schweigen. Nicht jenem stillen Frieden, den Cassian in den Hallen des Tempels schätzte, sondern in einer schwereren Art von Schweigen – einem, das wie Staub auf den Schultern der Menschen lastete.

Berchgard war eine Stadt im Wartestand.

Cassian bewegte sich vorsichtig durch die Gassen, wechselte das Zimmer im Gasthaus, ließ sein Gesicht in der Menge verschwinden. Er sprach mit Händlern über Witterung und Preise, mit Stallburschen über Lieferungen aus dem Süden. Immer beiläufig. Immer tastend. Doch was er suchte – klare Stimmen, feste Haltungen – fand er nicht. Nur Andeutungen. Nur Bruchstücke.

Ein Metzger murmelte, dass „die da oben“ doch längst aufgegeben hätten. Ein Schmied schüttelte den Kopf über das Gerücht, dass die Gräfin von Tiefenberg neue Mauern planen würde – „erst wenn der Himmel aufreißt und selbst die Temora mit Hammer hilft“. Und ein alter Veteran am Brunnen spuckte ins Wasser, als Cassian fragte, ob die Stadt besser vorbereitet sei als beim letzten Mal.

„Vorbereitet? Junge, wir haben nicht mal die letzte Schlacht verdaut. Die Steine da“, er deutete auf ein halb eingestürztes Haus, „sind noch vom letzten Angriff. Und die Leute? Die haben mehr Angst als Mut. Das riecht man.“

Cassian schwieg, notierte innerlich – nicht die Worte, sondern die Haltung. Es war nicht, dass die Menschen nichts sagen wollten. Es war vielmehr: Sie hatten nichts mehr zu sagen, was Gewicht hatte. Ihre Hoffnung war brüchig, ihr Glaube an einen Wiederaufbau flackerte wie eine Kerze im Wind.

Er beobachtete das Rathaus aus der Ferne, doch kein neuer Ritus, keine Priester. Die Präsenz Temoras war spärlich, fast abwesend – und selbst das Volk schien nicht recht zu wissen, ob dies gut oder schlecht war. Nur ein Gedanke schien zwischen allen Stimmen zu schweben, unausgesprochen und doch gegenwärtig:

„Berchgard ist verloren. Nicht heute. Aber bald.“

Cassian erkannte, dass er nicht mehr finden würde. Keine Male, keine lauten Feinde. Nur ein leises Sterben von Zuversicht – das schleichende Verblassen von Ordnung. Und vielleicht war genau das die wertvollste Erkenntnis.

Am Abend verließ er die Stadt. Ohne Aufsehen, ohne Abschied.

Er kehrte nach Bajard zurück, erneut auf dem Wagen zwischen Fremden, das Gesicht ruhig, der Blick gesenkt. In Bajard nahm er ein Schiff, das unregelmäßig Richtung Rahal fuhr – kein offizieller Transport, sondern eine einfache Frachtfahrt mit wenigen Passagieren. Der Kapitän stellte keine Fragen. Cassian schätzte das.

Er stand am Bug des Schiffs, als die Silhouette Bajards hinter ihm verblasste und das Wasser dunkler wurde.

Berchgard.

Ein Ort zwischen Fronten. Zwischen Glaube und Verlassenheit. Zwischen Hoffnung und Resignation. Und Cassian hatte ihn nicht verändert. Doch er hatte gesehen. Und gesehen zu haben – das war genug. Für den Dienst. Für Alatar.

Noch während der Fahrt schrieb er den zweiten Bericht nieder, in ruhigen, gleichmäßigen Lettern:
Bericht, Tag 2

Weitere Erkundung in Berchgard.
Keine neuen Male sichtbar. Keine Präsenz feindlicher Kräfte feststellbar.
Stimmung unter der Bevölkerung stark getrübt.
Weit verbreitete Demoralisierung – Zweifel an Verteidigungsfähigkeit.
Hohe Aufmerksamkeit auf Entscheidungen der Gräfin von Tiefenberg – Maßnahmen zur Stärkung erwartet.
Präsenz des Temora-Klerus kaum sichtbar. Unklar, ob Rückzug stattgefunden hat.
Allgemeiner Eindruck: Berchgard lebt – aber ohne Hoffnung. Gefahr besteht nicht allein im Angriff, sondern im inneren Zerfall.

Auftrag ausgeführt. Rückkehr erfolgt.
Als Rahals Mauern in der Ferne auftauchten, schloss Cassian das Pergament und übergab es, kaum an Land, einem Tempelburschen mit Anweisung, es direkt zu Tetrarch Athes zu bringen.

Er selbst trat in den Schatten des Tempels zurück – lautlos, unscheinbar, wie ein Werkzeug, das zurückgelegt wird, bis es erneut gebraucht wird.

Und in ihm brannte ein Gedanke, klar wie Stahl:

Ordnung stirbt nicht durch das Schwert – sondern durch das Schweigen.
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