Die schweren Türen des Glaubenshauses hallten dumpf hinter ihm, als Cassian in die Gassen Rahals trat. Seine Gedanken waren ruhig – nicht leer, aber sortiert, wie das Messer eines Chirurgen, das weiß, wo es schneiden soll.
Ein Auftrag. Eine Prüfung. Ein erster Schritt.
Nicht mehr – und doch alles.
Der Tetrarch selbst hatte zu ihm gesprochen. Demian Athes. Eine Stimme wie kalter Stein, von jener Art, die nicht laut sein muss, um Gewicht zu tragen. Cassian hatte sich vorgestellt – schlicht, wie es seiner Art entsprach – und seinen Wunsch geäußert, dem Tempel zu dienen. Nicht als Stimme, nicht als Streiter. Als Diener.
Demian hatte ihn nicht gelobt, nicht befragt, nicht geprüft wie ein Dozent einen Schüler. Stattdessen hatte er ihm eine Aufgabe gegeben. Eine mit mehr Tiefgang, als es auf den ersten Blick schien.„Ich möchte mein Leben dem Tempel geben. Um dem Herrn zu dienen – bis zu meinem letzten Tag.“
Berchgard. Eine Stadt des Feindes. Lichtenthal. Gebrannt und geschändet, mit Male des Herrn – Male Alatars – die vielleicht noch aufblühten oder längst verwischt worden waren.„Ihr werdet nach Berchgard gehen. In Berchgard sind Male des Herrn, welche der Vicarius mitgestaltet hat. Sprecht mit den Leuten, bleibt ein oder zwei Tage. Ich will wissen, was dort noch ist.“
Ein heiliger Ort – oder ein Grab. Und Cassian sollte der Totengräber sein, oder der, der prüft, ob das Herz noch schlägt.
Die Überfahrt
Er verließ Rahal mit Sonnenuntergang. Kein Banner, kein Talisman an der Brust. Statt der roten Robe des Glaubens trug er die Reisekleidung eines Archivgehilfen – grob, aber sauber. Um die Schultern ein schlichter Umhang aus braunem Tuch, sein Haar zurückgebunden, das Kinn frisch rasiert.
Das Schiff, das ihn nach Bajard brachte, war eine alte Schaluppe mit zerschlissenen Segeln und einer Besatzung, die mehr mit Rum sprach als mit Worten. Niemand stellte Fragen. Auch das war gut so.
Die Fahrt war unruhig. Der Wind riss an den Seilen wie ein Bettler an einem Priestergewand, und das Meer schien an manchen Stellen zu flüstern – nicht in Worten, aber in Erinnerungen. Cassian stand oft am Bug, blickte auf das graue Wasser und sprach keine Gebete. Nur Gedanken.
Bajard – Zwischen Glanz und Glut„Ich gehe nicht, um zu retten. Ich gehe, um zu hören, was tot ist – und ob es noch atmet.“
Als er Bajard erreichte, war es früher Nachmittag. Der Himmel hing schwer über dem Hafen wie eine Decke aus bleigrauem Stoff. Die Dächer waren schiefergedeckt, aber noch neu. Bajard hatte gebrannt, das wusste er – der große Brand von Alatner 264 war selbst in Sinael diskutiert worden.
Doch was er sah, war kein Schutt. Es war Wille. Es war Wiederaufbau.
Die Menschen wirkten geschäftig, aber nicht gehetzt. Händler luden Waren aus Schiffen, Schreiner schlugen Balken auf dem Platz zusammen. Kinder rannten mit Salz in den Haaren durch die Gassen.
Cassian ging langsam – nicht wie ein Mann mit Ziel, sondern wie einer, der sucht, ohne es zu wissen. Er stellte sich beim Hafenkontor vor, zeigte sein gefälschtes Schreiben. Man wies ihn zur Witwe Leuvenstein, die ihm ein Zimmer in der Herberge am Dorfeingang gab. Sie stellte keine Fragen, schenkte Tee aus und sprach von Sturmwarnung.
Er bedankte sich mit einem silbernen Münzstück und einem warmen Lächeln, das nicht seine Augen erreichte.
Der erste Abend
In der Taverne „Zum Torkelnden Oger“ war es laut, aber nicht feindselig. Die Luft roch nach Holz, Salz, Rauch und Fleisch. An einem Ecktisch saßen zwei junge Männer mit Seefahrerhemden, die über ein verlorenes Schiff diskutierten. Eine ältere Frau – wohl eine Weberin – sprach mit einem Mann, der aussah wie ein Wundarzt und sich als Barde ausgab.
Cassian bestellte Wasser mit Zitronenschale und gab sich als reisender Forscher aus, auf der Suche nach den Spuren eines alten Ordens, der einst in Berchgard ein Kloster unterhalten haben soll. Niemand lachte. Die meisten nickten. Bajard hatte alles schon gesehen – selbst tote Götter.
Ein Seemann, vielleicht schon über die sechzig, flüsterte ihm später zu:
Cassian nickte. Er redete nicht viel, aber er hörte alles.„Wenn Ihr nach Berchgard wollt, nehmt den Weg über die Händlerkutsche. Allein geht keiner da lang. Und wenn doch, kommt er nicht zurück.“
Der zweite Abend – Nebel, Grog und Gesichter
Er verbrachte einen zweiten Abend im Oger. Diesmal trat er offener auf. Fragte gezielt nach der „alten Inschriften“ am Stadttor von Berchgard, die angeblich keiner bei Nacht ansehen könne. Zwei Männer schwiegen. Eine Frau sagte nur: „Ein Brandzeichen. Aber nicht von Feuer.“
Cassian notierte nichts. Seine Schrift war das Gedächtnis – und das Gedächtnis war dem Herrn geweiht.
Später ging er an den Hafen, sprach mit einem alten Mann namens Jasper Godewind. Der Alte erzählte von „schwarzen Nächten“ und von Meerjungfrauen, die flüstern, wenn es Nebel gibt. Cassian dankte ihm. Auch wenn der Mann wirr sprach – oder gerade deshalb – war jede Andeutung ein Tropfen in das Mosaik, das er formen sollte.
Abreise nach Berchgard
Am dritten Morgen, als die Sonne kaum durch den Nebel stach, stieg Cassian auf eine Kutsche mit vier anderen Fahrgästen.
Die Pferde waren alt, der Kutscher ein schweigsamer Mann mit vernarbten Händen.
Mit ihm reisten:
Eine Magd mit tiefen Augenringen, die nach Berchgard zurückkehrte, um ihren Vater zu pflegen.
Ein Wanderprediger, der sich Cirmias zugehörig fühlte, aber nicht bekehrte.
Ein junger Händler mit leeren Kisten – „Ich will sehen, ob da noch was zu holen ist.“
Und ein stiller Mann mit Lederhandschuhen und einem Messer am Gürtel, das niemals aus der Scheide wanderte.
Cassian sprach wenig. Nannte sich Edrass, gab sich höflich, belesen, aber nicht neugierig. Er war einfach ein Mann, der etwas suchte, das in Mauern verborgen lag.
Die Felder wurden trockener. Die Bäume knorriger. Die Straßen rauer.
Und dann – vor ihnen – Berchgard.
Oder das, was davon geblieben war.
Cassian sah keine Ruinen. Er sah Wunden. Er sah Mauern, die heil waren, aber nichts mehr hielten. Er sah Menschen, die gerade deswegen gefährlich wirkten – weil sie nicht mehr glaubten, dass etwas sicher war.
Die Male des Herrn waren irgendwo dort.
Vielleicht in Stein gemeißelt. Vielleicht in Erinnerung. Vielleicht in Blut.
Cassian schwieg. Er faltete innerlich die Worte zu einem Gebet – nicht laut, denn in Berchgard würde man seine Stimme nicht brauchen.
Nur seine Augen.
Und seine Erinnerung.