Wo kein Gesicht war, nur Urteil

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By'nar
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Wo kein Gesicht war, nur Urteil

Beitrag von By'nar »

„Wenn du denkst, dass du etwas tun musst, dann tu es. Gleich, ob du dafür ein Auge verlierst. Was ist schon Sehen, wenn man Finden kann.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo


Die dürren Finger der Lethra zogen einen dicken Wälzer nach dem anderen aus dem Bücherregal. Tugenden, Lügen, Eluive, weitere Grundsätze, die sie nicht verstand. So viele Worte, so viele Silben, die sich nach und nach in ihrem Rücken stapelten und ihr dennoch nicht das boten, was sie suchte. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr hüllte sie der Geruch von altem Pergament ein, und aus elfischer Geduld wurde eine zähe Ungeduld, die sich in ihr Gesicht fraß und dort wie ein unangenehmes Geschwür festsetzte.

Als der Name ihr Gehör erreichte, tat er ähnliches mit ihrem Geist. Er hatte sich festgesogen, eingenistet, ein kleines Heim errichtet – und obwohl immer wieder Hände nach ihm griffen, um ihn auf die Straße zu setzen, funktionierte es nicht. Die Erinnerung daran hallte immer wieder in ihr nach, und so wurde aus anfänglicher Abneigung ein ungesundes Interesse. Interesse, das sie dazu brachte, ihre Nase in Bücher zu stecken. In unzählige Bücher, voll mit Wissen, das ihr Kopf eigentlich nicht gebraucht hätte. Doch sie hatte Blut geleckt, ohne es wirklich zu schmecken – berauscht von einer seltsamen Art Jagd, ohne zu wissen, wie das Ziel überhaupt aussah.

Arian. Anara. Darna. Darna. Darna …

By’nar konnte kaum begreifen, wie so viele Worte von Lebewesen auf Papier gebracht werden konnten, die selten das hundertste Lebensjahr erreichten. Und doch fand sie eine unüberschaubare Fülle an Texten über dieses Volk – fein säuberlich aufgeschrieben, archiviert. Erinnerungen, wie sie gelernt hatte. Eine wertvolle Sache für die Menschen. Und, wie sie nun feststellen musste, auch für sie. Denn sie ließen Informationen fließen. Bruchstücke, die sie nicht wirklich weiterbrachten, ihr aber mehr gaben als nur jenen Namen, der sich wie ein unwillkommener Gast in ihrem verwirrten Verstand eingenistet hatte. Und dieser Gast musste zahlen – wenn sie auch selbst eintreiben musste.

Nachdem sie nach endlosen Stunden des Suchens in einem Meer aus Unnötigkeiten endlich genug hatte, drehte sie sich um und ließ sich an einem der leeren Tische nieder, die der Hort freiwillig zur Verfügung stellte. Sie setzte ein Schreiben auf. Etwas Gutes hatte das Wälzen von Büchern: Sie hatte Gepflogenheiten gelernt – und nutzte sie, bevor der Wahnsinn in ihrem Kopf sie wieder in den Weiten des Chaos verlor.

  • Krone und Reich zur Ehr’, Hochedler Aaryon von Hohenfels,
    auf dass das Licht Euch in der dunkelsten Stunde erreicht.

    Wir kennen uns nicht, doch ist Euer Name in diesem Land bekannt wie kaum ein zweiter. Ich kann mir daher kaum ausmalen, wie viel Zeit allein Euer Blut in Anspruch nimmt. Und doch – interessiert an Geschichte und Wissen – will ich Euch mit diesem Schreiben um ein Treffen bitten.

    Keines offizieller Natur, dazu ist das Blut in meinen Adern nur eines von vielen. Es geht eher um einen Plausch, ein Kennenlernen, ein Staunen. Vielleicht kann ich Euch in gewisser Weise etwas bieten, auch wenn dieses Schreiben noch nichts davon verrät.

    Ich komme allein, denn so funktioniere ich am besten. Kommt Ihr gern mit Eurem ganzen Haus – all das ist mir gleich, so es nur zu einem Austausch kommt.
    So ich allerdings eine von vielen bin, bin ich auch eine, die keinerlei Reichtum besitzt und die Großstädte nicht ihr Zuhause nennt. Doch ich habe gehört, der Oger in Bajard sei eine recht einladende Stätte. Das Bier dort schmeckt nur leicht schal, und das Fleisch ist nur an mancher Stelle zäh.

    Mit dieser dreisten Bitte verbleibe ich respektvoll,
    Nara
Am Ende des Tages hatte die Lethra das Schreiben vollendet, die tausend Bücher zurück ins Regal gestellt – unter den mahnenden Blicken der Bibliothekare – und die zahllosen angefangenen Briefe, die aus irgendeinem Grund nicht tauglich gewesen waren, in zerknüllter Form dem Feuer übergeben.

Sie war bereit, den Gast aus ihrem Geist zu vertreiben. Wie auch immer sie das anstellen würde.

Stets bemüht.
Etwas, das fast wie ihre Lebensphilosophie wirkte.
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Aaryon von Hohenfels
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Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

"Seid Ihr Hochedler von Hohenfels?"
Ein Mann eilte heran und wedelte mit einem Brief. Aaryon zu erkennen, war... nun... einfach geworden. Und ihn einzuholen, ebenso. Gerade deshalb blieb der junge Mann wachsam - oder lag das an dem neuen Leibwächter, der ihm seit zwei Tagen erneut ins Bewusstsein rief, dass man es auf ihn abgesehen haben könnte, Wachen hin oder her?
"Nicht so schnell... ich lauf nicht weg", merkte er also nur trocken an und seine Miene wurde besorgter, als er des blassen Gesichtes und der Schweißtropfen auf der Stirn des Boten gewahr wurde. "Verzeiht...", sagte er im gleichen Moment, wie er die rechte Unterachsel-Gehhilfe hob und mit dem Bodenende dem Herren mehr als deutlich zeigte, dass er einen gewissen Abstand wünschte: "Seid Ihr krank, guter Mann?"
"Nur außer Atem!"
, versicherte dieser.
"Und Eure Blässe?"
"Blässe? Äh... nichts. Ich bin nicht krank! Nur viel zu tun! - Euer Brief? ... Hochedler von Hohenfels?"
, schien er regelrecht zu flehen, das Schreiben anzunehmen.
Aaryon furchte die Stirn. "Bin ich", erwiderte er und nahm den Brief an langem Arm entgegen, den Boten im Blick behaltend. War das Schreiben vergiftet? Deshalb die Blässe? "Ich hab Handschuhe an", suchte er gedanklich den eigenen Argwohn zu beruhigen. "Und selbst wenn, kann ich die meisten Gifte ja neutralisieren." Die meisten...
"Danke, Hochedler! Temora mit Euch!" Na, wenigstens etwas. Auch die Selbstverständlichkeit, mit der der Mann das sagte, beruhigte etwas. Aaryon besah sich den namenlosen Umschlag. "Moment! Von wem ist denn das Schreiben?"
"Von einer Frau."
Der Bote ging weiter.
"Euer Handgeld?" Aaryon sah verwundert auf.
"Schon bezahlt!"
Ungläubig blinzelte der junge Adlige dem fort eilenden Mann, der noch entschuldigend: "Noch viele Briefe!" rief, hinterher. Nun schlug es Dreizehn! Ein Bote, der kein zusätzliches Geld wollte?! Was war das hier, ein Schreiben des Maestros der Arkorither?

Kopfschüttelnd ging er hinein und überlegte, Valentin zu rufen. Aber der war unterwegs. Er sah wieder auf das unschuldig weiße Kuvert. "Was immer da drin ist, es würde ihn als Krieger eher überrumpeln, als mich als - kleinen - Magier...", überlegte er und stellte also seine Sicht auf die Arkanstruktur um, betrachtete den Brief neu. Nein. Keine magischen Fallen. Er trug Handschuhe. Am Schreibtisch der kleinen Hausbibliothek angelangt, landete ein Brieföffner in der Rechten und setzte an, das Kuvert zu öffnen.
Halt. Schnalzend legte er den Brief doch zunächst ab und beschloss, damit auf Valentin zu warten, als er sich an das Hospital und die Konsequenzen erinnerte, als er gewagt hatte, einfach so, ohne dass jemand absichernd dabei war, einen Trank der Leiterin des Hospitals zu trinken! Welch sträfliche Sorglosigkeit!
Also würde er warten, bis jemand anderes zumindest zugegen war, um... keine Ahnung. Bei einem Vorfall jedenfalls Hilfe zu holen, wäre es die nahe Palastwache seiner Majestät oder die Heilerschaft des Hospitals, oder das halbe Konvent, oder... - Götter, wie er es jetzt schon manchmal vermisste, einfach nur "Herr Mikh" zu sein!
Na ja.

Aber die Alarmglocken von Adoran wurden nicht im Sturm geläutet, keine ein ganzes Stadtviertel vernichtende Feuersäule stieg beim Palast auf.
"Ja, welch dreiste Bitte...", wiederholte er schmunzelnd die letzten Worte und legte das harmlos wirkende Schreiben beiseite. "Der 'Oger' in Bajard", sinnierte er, "wie einladend, ja." Er seufzte. Wäre er tatsächlich nur Herr Mikh, wäre das auch sicher kein Problem. Aber er war nicht mehr nur Herr Mikh, und gerade darum ging es ja in diesem Schreiben. Aaryon von Hohenfels bekamen ohne gewisse Sicherheitsvorkehrungen keine zehn Pferde nach Bajard, spätestens nicht mehr seit dem charmanten Treffen mit Herrn Voss, der ihm gedroht hatte, ihn auch noch das andere Bein verlieren zu lassen; nicht zu einem Treffen mit einer Unbekannten, und solle er auch seinen ganzen Hausstand mitnehmen dürfen.
"Ein kluger Angreifer hat den Vorteil der Wahl von Ort und Zeit", rezitierte er eine der grundlegenden Lektionen aus jedem beliebigen Taktikhandbuch und drehte wie suchend den Brief. "Wann will sie mich denn überhaupt treffen?", fragte er rethorisch in den Raum, denn das stand da nicht.
"Ich könnte aus einer solchen Anfrage ja direkt ein Seminar für alle anbieten, dann spare ich mir zwanzig Einzelgespräche", merkte er lakonisch an, "Aber das scheint nicht im Sinne der Dame?"
Er schüttelte den Kopf.
"Nein. Sicher nicht in Bajard."

Nachdem auch die Frage nicht so ganz einfach zu beantworten war, wie denn diese Frau "Nara" mit einer Antwort zu erreichen sei, blieb nicht viel, als eine vertrauenswürdige Überbringerin zu instruieren, das Rückschreiben zum Wirt der besagten 'Oger'-Taverne zu überbringen, in der Hoffnung, dass man dort die entsprechende Person kenne.
Und vielleicht ließe sich der Wirt ja darauf ein, die Vertrauenswürdigkeit seines Etablissements in den Augen gewisser gutzahlender Herrschaften zu erhöhen, in Begleitung eines "Vertrauensvorschusses" von zehn Kronen als Trinkgeld, wenn er darüber zuverlässige Auskunft gab, wer genau sich für die Rückantwort interessierte?
  • Den Schutz der Herrin wie auch die Weisheit des Wissenshüters mit Euch, Frau Nara!

    Ich danke Euch für Euer respektvolles Schreiben, welches mir ungeachtet eines gewissen Wahrheitsgehaltes ein geehrtes Schmunzeln auf die Lippen zauberte. Es freut mich, wenn der Name meiner edlen Familie hierzulande trotz all der vergangenen Jahre auf Interesse stößt.

    So, wie es Euch aber bereits gewahr sein dürfte angesichts Eurer Einladung, dass ich ruhig in Begleitung kommen möge, so wie Ihr alleine einzutreffen wünscht, bin ich mir mehr als bewusst, dass es nicht allein Freude sein wird, welche der Name 'von Hohenfels' auf Gerimor auszulösen imstande ist.
    Ihr müsst mir nachsehen, dass ich nicht gewillt bin, ein Treffen, dessen Rahmenbedingungen nicht ich bestimme, auf einem unsicheren Boden wie dem Bajards einzugehen.

    Gleichwohl will ich Euch entgegen kommen, so es tatsächlich die Umgebung von Großstädten ist, die Euch ein Unbehagen auslösendes Hindernis wäre. Gehört Ihr zufällig der Schwesternschaft an, welche im Volksmund als "Hexen" bezeichnet wird? Wenn ja, müsstet Ihr es nicht verhehlen - meine Frau Mutter pflegte ihr persönlich höchst wertvolle Kontakte zu diesen und lehrte mich, diesen nicht voreingenommen gegenüber zu treten.
    Doch wie dem auch sei.

    Ich biete Euch an, ein Gespräch in der Taverne und Herberge "Alt Hohenfels" - wie passend - südlich von Schwingenstein, zum Lehen Rittersee gehörend, zu führen. Für Plausch, zum Kennenlernen, zum Staunen, wie Ihr sagtet. Die Taverne liegt abseits genug, um alles andere als das Flair einer Großstadt zu erzeugen, aber auch sicher genug, um für die Unversehrtheit meiner Person eine gewisse Grundgarantie zu bieten.
    So Ihr dies akzeptiert und näher über den Zeitpunkt des Treffens zu sprechen wünscht, wisst Ihr ja offensichtlich bereits, wie mich Nachricht erreicht. Und wie und wo erreiche ich zuverlässiger Euch?

    Aus bereits genannten Gründen vergebt mir den nicht Euch persönlich geltenden, sondern zunächst rein formal allgemeinen Argwohn: Solltet Ihr Euch nicht willens und in der Lage sehen, Lichtenthaler Boden auch nur zu betreten, weil Ihr als Mitglied des alatarischen Reiches oder Institutionen wie den Dienern des Rabendämons Kra'thor entsprechend geächtet wäret, ist diese Konversation an dieser Stelle natürlich beendet.

    In der ehrlichen Hoffnung auf ein interessantes Gespräch
    des Adlers wachsamer Blick Euch folgend,

    Aaryon von Hohenfels
    Hochedler Lichtenthals
"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
- Kronritter von Salberg *noch qualmend* -
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Ragai Mirkow
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Registriert: Dienstag 7. Januar 2025, 20:03

Beitrag von Ragai Mirkow »

Schon mehrfach hatte sie den Oger aufgesucht, stets vergeblich. Johannes war nie da gewesen. Vielleicht war es Zufall, vielleicht auch Absicht, doch diesmal wollte sie nicht mit vollen Händen wieder gehen.

Sie betrat das schummrige Zimmer, das nach altem Holz, Rauch und einer Spur von Eisenkraut roch. Vorsichtig trat sie an das Bett heran und legte das Dokument ab, das sie versiegelt erhalten hatte. Der Lack glänzte noch matt im schräg fallenden Licht der Nachmittagssonne.
Sie zögerte kurz, dann zog sie ein Stück Papier hervor, das sie bereits vorbereitet hatte, und legte es sorgfältig darüber. Ihre Handschrift war ordentlich, beinahe zärtlich geschrieben:

Johannes?
Das versiegelte Schreiben ist für eine Nara.
Hier sind noch zehn Kronen, bitte sag mir, wenn sich diese Nara bei dir meldet.
Wer ist sie? Es würde mich brennend interessieren.
Liebste Grüße,
Ragai


Einen Moment lang verweilte sie noch. Dann drehte sie sich um und verließ das Zimmer, leise, fast so, als wollte sie den Brief selbst nicht beim Gehen stören.
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Johannes Ackerer
Beiträge: 68
Registriert: Freitag 12. November 2021, 22:08

Beitrag von Johannes Ackerer »

Er hatte nun schon eine ganze Weile auf diese Nara gewartet, die den Brief abholen sollte, den er vorsorglich stets in seiner Brusttasche mit sich herumtrug.
Die Neugier nagte unaufhörlich an ihm. Kleine Mäusezähne, die in steter Geschäftigkeit seine Standhaftigkeit auf die Probe stellten.

Was bei den Göttern hatte Ragai geritten, ausgerechnet ihn mit einer solchen Aufgabe zu betrauen?
Er würde sich nicht einmal selbst zu den zehn vertrauenswürdigsten Personen zählen, die er kannte und es erstaunte ihn immer wieder erneut, dass er noch nicht selbst das Siegel gebrochen hatte, um sich das Schreiben zu Gemüte zu führen.

In all den Tagen den er den Brief nun schon mit sich herumtrug hatte sich keinerlei Gelegenheit ergeben Ragai ausführlich zu dem Schreiben zu befragen. Es interessierte sie also brennend, wer Nara sei? Was sollte er denn erst sagen?
Die Aufregung und Spannung war nahezu unermesslich.

Mit ein wenig Glück würde sie ihm den Brief vielleicht vorlesen, oder zumindest vom Inhalt berichten und mit noch etwas mehr Glück ihn noch einmal entlohnen.

Außerdem war auf Gerimor die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass sie jung und ansehnlich war. Er würde es daher auf sich zukommen lassen.

Vorsorglich beförderte er die vorwurfsvoll vor dem Bett liegenden Socken mit einem Tritt darunter, spülte das Geschirr und lüftete sorgsam das Zimmer, um den leicht in der Luft hängenden Eisenkrautgeruch fortzuwehen.

Schließlich weiß man ja nie wann Besuch kommt
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By'nar
Beiträge: 124
Registriert: Freitag 7. Juli 2023, 20:10

Beitrag von By'nar »

„Wie ein zerbrochener Spiegel. Die Frage ist nur, ob die Splitter noch schneiden – oder schon stumpf geworden sind, zertreten von zu vielen Tritten.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.

Es war eine dürre Hand, die sich auf die Theke des Ogers legte – knochig, von Sehnen durchzogen, als wäre sie einst aus altem Holz geschnitzt worden. Ihre Fingerknöchel traten hervor wie Runensteine unter dünnem Pergament. Noch ruhte ein Schatten vergangener Ansehnlichkeit in ihrem Gesicht, eine blasse Erinnerung an etwas, das einst lebendig gewesen war. Doch Zeit und Erziehung hatten es längst verschlungen. Zurückgeblieben war nur ein Hauch von Wahnsinn und, offenbar, ein Funke von Leichtsinn – oder die vollkommene Abwesenheit jener Furcht, die andere davon abhielt, mit offenem Antlitz in den Tod zu marschieren.

Denn die Lethra machte sich nicht die Mühe, sich zu verhüllen, als sie Johannes die geöffnete Rechte entgegenstreckte – bereit, das Schreiben entgegenzunehmen, das ihr zustehen sollte.

  • „Diese Hülle trägt viele Namen. Einer davon lautet Nara. Du hast meinen Brief. Und du trägst nun eine Information bei dir, die – je nach Hand, in die sie fällt – dein Ende bedeuten könnte. Oder das meine. – Und ich nehme ein Bier. Diese Hülle hat gelesen, dass man so etwas bestellt in einer Taverne.“
. . .

Dass das Treffen auf der Lichtseite der Insel stattfand, berührte die Lethra kaum. Ihr fehlten jene Regungen, die andere Wesen zur Vorsicht mahnten. Gefühle waren ihr fremd geworden – oder vielleicht längst geopfert worden auf dem Altar eines höheren Zwecks. Was gefährlich war, interessierte sie nicht. Sie griff ins Feuer, gleichgültig, ob die erste Hautschicht schon längst von Flammen zerfressen war.

So verfasste sie im Oger selbst noch ein weiteres Schreiben – sorgfältig, beinahe mechanisch –, in dem sie den Treffpunkt bestätigte und eine Zeit nannte. Sie bemühte sich, erneut den höflichen Floskeln jenes Reiches zu folgen, in dem sie weder lebte, noch willkommen war.

Danach verweilte sie in jenem trunkenen Schankraum, doch das Bier, das sie bestellt hatte, berührte ihre Lippen nicht. Kein Gespräch kam ihr über die Zunge, keine Geste suchte Anschluss an die Welt um sie herum. Sie saß nur da, starrte ins Leere – oder in etwas, das kein anderer sah.

Verloren in einer Sphäre, in der Wirklichkeit und Wahnsinn ineinanderflossen, gefangen in inneren Zwiegesprächen, die durch ihren Geist irrten wie streitende Götter. Und manchmal, wenn der Schleier dünn genug war, schienen diese Stimmen zu eskalieren.
Zuletzt geändert von By'nar am Dienstag 1. Juli 2025, 15:00, insgesamt 2-mal geändert.
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Johannes Ackerer
Beiträge: 68
Registriert: Freitag 12. November 2021, 22:08

Beitrag von Johannes Ackerer »

Gut. Sie war nicht, wie erhofft, jung und schön gewesen. Das heißt, vielleicht war sie es einmal gewesen. Auch wenn er der exotischen Hautfarbe der Letharen durchaus etwas abgewinnen konnte stellten sich bei ihm dennoch stets die Nackenhaare auf, wenn er mit einem aus ihrem Volk allein war.

Mit schiefem Grinsen tastete er den inzwischen leicht zerknitterten Breif aus seiner Tasche hervor und reichte ihn ihr eilig hinüber. Durchaus darauf bedacht, jeden Kontakt zu den dürren Fingerchen der Lethra zu vermeiden.

Neugierig versuchte er von der anderen Seite des Tresens aus einen Blick auf das Geschriebene zu erhaschen, ohne jedoch für seine Anstrenungen belohnt zu werden.

Ihr wollt nicht vielleicht vorlesen, was darin steht.
Ich bin sicher, dass ich es wissen sollte, schließlich ist er ja auch mir zur Übergabe anvertraut worden..... Nein? Nun gut, ihr wisst natürlich viel besser als ich, was ich wissen sollte.
Ist es ein Liebesbrief? Der Duft nach Pfirsich und Vanille ist vermutlich von mir und nicht vom Briefschreiber. Ich bin aber leider nicht mehr sicher.


Immer wieder plapperte er gehetzt etwas vor sich hin, in dem Versuch die für ihn unangenehme Stille zu vertreiben und etwas mehr über diese Nara zu erfahren.

Mein Ende sagt ihr. Hach, das wäre mir reichlich unrecht. Ich habe gerade erst Hefeteig angesetzt und wer kümmert sich denn dann um meine Wurfhühner? Aber seid euch gewiss, dass jedwede Information bei mir gut aufgehoben ist und nie in Hände fällt, in die sie nicht fallen soll. Obgleich ich natürlich ständig in fremde Hände falle.

Ihr habt viele Namen, wie aufregend. So wie Pfannkuchen. Da sagen ja auch manche Eierkuchen. Habt ihr auch noch andere Hüllen? Diese ist ja schon ein klein wenig zerschlissen er biss sich auf die Zunge Also ich meine in einer sehr angenehmen, verwegenen und ansehnlichen Art und Weise


Ich bemühe mich ja um eine Stellung als Ehrenletharf. Ich hege eine tiefe Bewunderung für eure Lebensart. Erst neulich hatte ich das Glück einen Goblinschädel aus euren Küchen - ihr kocht doch in Küchen? - angeboten zu bekommen. Ein Gedicht. Nie in meinem Leben hatte ich das Glück ein besser zubereitetes Hirn verspeisen zu müs.. dürfen.
Vielleicht könnt ihr ja beizeiten ein gutes Wort bei meinem Bürgerschaftsantrag für mich einlegen?
Ich spreche nur die Gemeinsprache. Meint ihr ich müsste ein Schreiben in eurer Sprache verfassen? Das wäre schwierig.


Stille

Als sie schließlich den Schankkeller wieder verließ atmete er erleichtert auf und schenkte - großzügig gegenüber sich selbst - ein sattes Glas mit Fusel ein, den er in einem Zug hinunterstürzte.
Nachdem das Husten etwas nachgelassen und sein Sehvermögen wieder soweit zurückgekehrt war, wie es in der nächsten Stunde zu erwarten war verfasste er eine kurze Notiz an Ragai, die er ihr in den Kasten warf

Liebe Ragai,

den Brief habe ich an Nara übergeben. Vielleicht treffen wir uns bei Gelegenheit einmal und besprechen weiteres.

Es grüßt und küsst (auf die Hand)

Der Lange Johannes


Anschließend machte er sich auf den Weg, um das Antwortschreiben schnellstmöglich an den Empfänger zu überbringen.
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Aaryon von Hohenfels
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Registriert: Samstag 4. Januar 2025, 13:02

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Nachdem er die kurze Nachricht gelesen hatte, wartete er mehrere Tage auf Ragai und begann, sich Sorgen zu machen, sich umzuhören.

Derweil jedoch nahte also eine Verabredung in der Herberge "Alt Hohenfels", mit der Ankündigung, in Begleitung zu kommen. Aber wen dann fragen? Reichte Valentin? Oder sollte er darauf hoffen, dass Sir Beak oder Arenvir Zeit haben würden?
Hätte es sich nicht schon vor geraumer Zeit angebahnt, hätte er derzeit argwöhnt, in eine Falle der Arkorither zu laufen, aber so? War es harmlos?
Wobei, Ragai schien wie vom Erdboden verschwunden... hrm!
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Aaryon von Hohenfels
Beiträge: 322
Registriert: Samstag 4. Januar 2025, 13:02

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Was für ein Abend!
Dass „an dem Braten was faul“ sein mochte, war ihm ja bewusst gewesen, sobald er das erste Schreiben gelesen hatte. Fast mochte er neidisch sein auf Hochwürden Kalveron, die zu Beginn seiner Schilderung des Sachverhaltes fest die Möglichkeit in Betracht zog, dass es ehrliche Bewunderung und argloses Interesse an seiner Familie sein konnte.
Doch das zerschlug sich auch bei ihr recht schnell, als sie von der blutigen weißen Robe hörte, die er gut eine Woche vor dem Treffen erst zugesandt bekommen hatte. Und von der verschwundenen Informantin. Und…
Ein Bericht an Sir von Sankurio
  • Der wachsame Blick der ritterlichen Herrin begleite und schütze Euch, Sir von Sankurio!

    Ich hoffe, es mögen harmlose äußere Umstände gewesen sein, die Euch davon abhielten, zu dem anberaumten Treffen in der Herberge ‚Alt Hohenfels‘ zu erscheinen. Euch wäre somit – was dieses Treffen angeht – ein chaotischer bis beunruhigender Abend erspart geblieben.

    Neben meinem Leibwächter, Herrn Valentin Toroyan, brach ich in eher spontaner und sehr willkommener Begleitung durch Freiherrn von Dynal und Wachtmeister Kabo zum Kloster auf. Wie zuvor vereinbart, ritt Valentin dabei die südliche Strecke direkt zur Herberge voraus, um dort die Gegebenheiten in Augenschein zu nehmen. Wir anderen warteten vor dem Kloster, auf dass Valentin uns dort abhole, wenn alles harmlos und in Ordnung wirke.

    Allein, zu dieser Meldung kam es nicht. Valentin kehrte mit der Information zurück, dass statt nur dieses Fräulein „Nara“ ein dicklicher älterer Herr in ihrer Begleitung sei. Und etwas an beiden gefiel ihm nicht, ohne dass er klar benennen konnte, was. Ihr kennt es: dieses Bauchgefühl eines Wächters, wenn „etwas nicht stimmt“. Ich weiß, dass ich mich bei ihm darauf verlassen kann. Das Detail, dass der fremde Herr zu dieser Jahreszeit einen dicken Wintermantel trug, nahm ich als Anlass, Wachtmeister Kabo den Vorschlag zu unterbreiten, die beiden Personen „einer routinemäßigen Kontrolle“ zu unterziehen, schließlich befand man sich auf Reichsgebiet. Valentin solle dabei im Zugang der Herberge verweilen und sofort Hilfe holen, falls etwas zu eskalieren drohe.
    Der Wachtmeister entschied sich in zu honorierender Weise, diesem Vorschlag zu entsprechen und begab sich mit Valentin auf den Weg.

    Derweil warteten der Freiherr, ich und das zwischenzeitlich eingetroffene Fräulein Innes Ontanu, Angestellte des Hauses von Alsted, leider auch vergeblich auf das Eintreffen von Arcomagus von Tilianas.
    Als auch Kabo und Toroyan zunehmend auf sich warten ließen, bot sich Fräulein Ontanu an, von Ferne einen Blick auf die Herberge zu werfen und nötigenfalls Alarm zu geben. Sie konnte jedoch beruhigen. Die beiden Herren kehrten zurück und der Wachtmeister erstattete Bericht, dass sich unter dem Mantel des Mannes nicht wie befürchtet Rüstung und Bewaffnung verbargen, doch er bestätigte den Eindruck meines Wächters, dass „etwas an den beiden seltsam sei“.
    Es stand zu befürchten, dass es eine Falle von Liedwirkern sein mochte.
    Gerade der Umstand, dass ich an meinem Anwesen vor einigen Tagen eine blutbesudelte weiße Robe in einem Beutel neben meinem Briefkasten vorfand und nachweislich die Arkorither zunehmend Interesse bis Groll gegen meine Person entwickeln, mahnte uns zur Vorsicht.

    Euer Knappe, Herr Alexander van Bernau, wurde auf unsere kleine Ansammlung vor dem Kloster aufmerksam. Auch wenn wir damit vier Krieger und meine Wenigkeit waren, entschied ich den Abbruch des Unterfangens. Ohne Wissen, mit welcher und wie mächtiger Magie wir womöglich konfrontiert werden und ohne Eure und des Arcomagus‘ Erfahrung auf unserer Seite erschien mir die Angelegenheit zu riskant, um ein unklares Ziel zu verfolgen – schließlich wollte diese „Nara“ etwas von mir und nicht ich von ihr – und dafür Verletzungen der Anwesenden in Kauf zu nehmen.

    Valentin wurde von mir also ein letztes Mal losgeschickt, um die Personen darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich formell aufgrund der nicht angekündigten Begleitung nicht dem Treffen zustimme, sie aber bei fortbestehendem Interesse mich erneut kontaktieren dürfe.
    Auch sagte ich ihm, er solle sich sofort zurückziehen, wenn es dann doch noch brenzlig würde.

    Hochwürden Kalveron traf ein und bat uns nach weiteren Vorgängen, die hierzu jedoch keinerlei Bezug haben, sie im Wachhaus der Klosterwache über die Geschehnisse aufzuklären. Nach diversen Verabschiedungen nahmen an diesem Teil des Gespräches Hochwürden, der Jarl der Thyren Thorlav vom Clan Hinrah, Valentin und meine Person teil.
    Nachdem ich alle über das bisherige Geschehen in Kenntnis gesetzt hatte, steuerte Valentin bemerkenswerte und erhellende Informationen bei:

    Nachdem er meine Absage kundtat, sei die Frau aufgestanden und habe ihn zornig angefaucht, er zitierte in etwa: „Diese Hülle hat zwei Stunden vergeblich gewartet und verlangt Tribut, und DU wirst ihn zahlen!“. Dabei habe sie die Hand in Richtung seines Halses ausgestreckt.
    Der zuvor scheinbar so behäbige dickliche Mann sei daraufhin erstaunlich gewandt aufgestanden, habe ihren Kopf gepackt und diesen gegen eine Wand geschlagen, woraufhin sie bewusstlos geworden sei. Dann habe er sie sich über die Schulter geworfen, wobei sein wohl künstlicher Bauch verrutschte und sei an Valentin vorbei gegangen, um so die Taverne zu verlassen. Dabei habe ein Blick in die Augen eine nichtmenschliche Natur offenbart. Als „katzenhaft“ beschrieb es Valentin.

    Anhand der Worte „diese Hülle“ zog ich dämonische Besessenheit in Betracht, Hochwürden Kalveron klärte uns jedoch darüber auf, dass Letharen so über sich selbst zu sprechen pflegen. Auch erzählte sie, dass schon seit längerer Zeit die Warnung für Adlige des Reiches bestehe, dass die Letharenbrut es speziell darauf anlege, jene zu entführen, um mit deren Blut ihre unseligen Rituale durchzuführen.
    Wir kamen auf meine Blutlinie zu sprechen, als Valentin die eventuelle Macht meines Blutes durch die Verwandtschaft zum vorigen Alka auf Großelternebene erwähnte. Der Jarl machte darauf aufmerksam, dass der Körper des Alkas nicht vollständig verbrannte, sondern seine sterblichen Überreste sich in der Hand des Feindes befinden.
    Die sich hieraus ergebenden Möglichkeiten, zu spekulieren, mögen längst nicht den Tatsachen entsprechen, jedoch war man sich einig darin, dass „ich meine Schritte mit Bedacht wählen möge“.

    Wir verabschiedeten uns voneinander mit wohlwollendem Sinnen.
    Soweit zu Eurer Kenntnis.

    Möge die Schwertmaid über uns alle wachen,
    mit respektvollstem Gruß,

    Aaryon Mikhail von Hohenfels
Seufzend fertigte er davon dann auch noch eine Abschrift und ließ diese nach Berchgard bringen, für Arenvir.
„Bald darf ich wirklich keinen Fuß mehr allein vor die Tür setzen“, brummte er verstimmt und schnaufte noch verstimmter, als eine innere Stimme ihm flüsterte, dass es ja sowieso nur ein Fuß wäre.
"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
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Aaryon von Hohenfels
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Registriert: Samstag 4. Januar 2025, 13:02

Re: Wo kein Gesicht war, nur Urteil

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

*Monate später*


Die Frostwassergrotte. Einer der wenigen Orte auf Gerimor, wo das magische Holz zu bekommen war, das Aaryon womöglich für sein geplantes Artefakt brauchen würde. Er und Valentin gaben sich keinen Illusionen hin, dass sie es zu zweit bis zum Huorn schaffen könnten, doch sie würden die Grotte, ihre Gegner und ihre Stärken kennen lernen müssen. Würden lernen müssen, wie weit sie kamen und was sie brauchten. Eine Sache, die sie brauchen würden, war glasklar gewesen:
Tränke, die die Feuerresistenz der Kreaturen senkten. Aaryon hatte sie extra nicht selber gebraut, sondern Cecilia brauen lassen.

Aber als zwei Gestalten im Wald sich der kleinen Freifläche näherten, die den Namen „Lichtung“ nicht verdient hätte, trafen sie auf zwei Menschen, die sich stritten wie ein altes Ehepaar:
„Ich weiß nicht mal wo die liegen.“
„Im Schrank, bei den anderen, wo denn sonst!“
„Nein. Nicht bei den anderen.“
„Doch! Neben der Konzentrationshilfe!“ „Welcher Konzentrationshilfe?“ „Das rote Fass. Meine Tränke.“ „Eben. EURE Tränke.“
Aaryon rollte die Augen. Wieso hätte er an die Tränke denken sollen, wenn er sie eh nicht mal werfen konnte? Sein Blick ruckte abgelenkt herum, als etwas hörbar durchs Unterholz brach und mehrmals dumpfes Aufprallen zu hören war. Ein völlig komisches Geräusch, was war das?
Am südlichen Rand der Fläche tauchte etwas auf, was nicht die Geräusche verursacht hatte, aber auch nicht wesentlich leiser war und wie ein Zombie über das Gras zu schlurfen schien. Zombies zogen allerdings keine wie abgebrochen aussehende Klingenwaffe mit sich, an der magische Blitze entlang zuckten. Zombies trugen auch keine Rüstung.
Er erkannte die Gestalt wieder: Dieser gebeugte Lethar war schon bei dem Kampf um Berchgard über das Schlachtfeld geschlurft. Seine ähnlich tumb wirkende Reitechse war gefährlicher als er, aber auf der saß er heute nicht. Aaryon wäre sogar geneigt gewesen, ihn zu ignorieren und einfach vorüber wandern zu lassen, wäre dem Letharen nicht eine Letharin gefolgt:
Die Predigerin, die vor Bajard gestanden hatte.

Sie hatte die Geräusche mehrerer Aufpralle verursacht, nämlich jedes Mal, wenn sie gegen einen Baum lief – als sie sich Aaryon und Valentin zudrehte, erblickte der Studiosus milchig weiße Augen.
Unangenehmes Schweigen breitete sich aus, als beide Seiten einander anblickten. Oder auch nicht; jedenfalls wirkte die Letharin bloß, als hätte sie vielleicht ein Geräusch gehört, und der ihr voraus schlurfende Zombie… naja. Trotzdem: Letharen waren Letharen.
„Valentin…“, raunte Aaryon wie hilfesuchend. Sollten sie weglaufen? Das konnte Valentin, aber nicht er. Sollte er sich verwandeln? Das würde lange dauern. Aufmerksamkeit erregen. Teleportieren? Das würde noch länger dauern. Bemerkten Letharen ähnlich wie Elfen generell einen Eingriff ins Lied?
„Ich hab die Rüstung noch gar nicht an“, stellte Valentin leise und unbegeistert fest.
„Dann kannst du schneller laufen“, dachte Aaryon nüchtern. Leider wusste er, dass Valentin das nicht tun würde, solange sein Schützling nicht in Sicherheit war. Also begann er, sich auf die vertrauten Liedmuster des Konvents zu konzentrieren und sich seinen Ankerstein dort vor Augen zu rufen.
Vielleicht hatten die beiden sie auch noch gar nicht registriert?
„Sie sieht das Fleisch nicht, aber sie fühlt die Unruhe.“
Na toll. Ja, und die Unruhe wuchs. Bei Valentin, der sein Schwert noch nicht mal umgehängt hatte und bei Aaryon, der wie als Reflex warnend die rechte Hand vom Griffstück seiner Krücke löste und überlegte, ob ein Feuerball nicht die angemessenere Reaktion auf diese beiden kuriosen traurigen Gestalten war, während er gleichzeitig ahnte, dass das eine gefährliche Unterschätzung sein könnte.

Und wie gefährlich!
„Mikh? Rot!“
„Schon dabei…“, erwiderte Aaryon leise, mit heftigen Gewissensbissen, weil er sich auf den Teleport konzentrierte, während Valentin sich unbewaffnet und ungerüstet auf die beiden Letharen warf, nur um sie abzulenken und ihm Zeit zu verschaffen.
Er spürte, wie seine Konturen begannen, sich aufzulösen und versuchte auszublenden, dass Valentin von dem Letharen regelrecht abprallte, als wäre er nun selbst gegen einen Baum gelaufen, während die Letharin, eine Gebetskette zwischen ihren Fingern, auf ihn zustürmte.
Nirgends wäre es jetzt so schön wie im Konvent! Gleich, gleich, er spürte, wie sich der Riss zu bilden begann, durch den er nach Hause gelangen… „Hoffentlich überlebt Valentin das!“
Finger gruben sich in seinen linken Arm, griffen durch den magischen Staub, in den sich sein Körper bereits aufzulösen begonnen hatten, erfassten den Rest seiner festen Struktur. Den Krieger ignorierend, steuerte auch der Lethar ihn an und warf etwas nach ihm, eine Waffe… die er zuvor nicht gehabt hatte. Aaryon spürte einen Treffer von etwas, was kurz darauf schon nicht mehr da war, aber ein Brennen hinterließ, was den abrupt eintretenden Schmerz um eine delikate Spur heftiger Würze erweiterte.
Unmöglich, die Konzentration zu halten, verflucht! Und er musste dieses Gift auf der Stelle neutralisieren, sonst wäre er tot! Zum Glück war dieser Vorgang so zur Routine geworden, dass er kaum Zeit benötigte. Weiter hielt die letharische Priesterin Alatars seinen Arm erbarmungslos fest, zischte ein widerliches Geräusch, was wohl ein Wort war, zerdrückte eine Perle ihrer Gebetskette und höllischer Schmerz jagte in seine Beine, seinen Körper, schickte ihn zur Gänze zu Boden.

Keuchend lag Aaryon im Gras, während hinter dem wieder zombielangsam werdenden Letharen Valentin fieberhaft, aber leise, nach seinem Waffengurt tastete und langsam seine Klinge zog.
Schon der Selbsterhaltungstrieb des Jungmagiers trieb ihn dazu, den gefühlten Schmerz, wie er es für seine Verwandlungen gelernt hatte, durch Selbsttäuschung „beiseite zu drücken“, auch wenn ihn das einen Teil Konzentration kostete.
„Hättest du dich mit mir doch nur in deiner hässlichen Taverne unterhalten, nicht wahr?“, zischte die Letharin. Aaryon starrte ungläubig zu ihr hoch, während ihre Hand sich von seinem Arm löste, um ihn an seinen Haaren zu packen.
„DU warst das?!“ Diese jämmerlich misslungene Falle in der Herberge „Alt Hohenfels“ vor Monaten.
„Du bist ungleich“, sprach sie, während Valentin seinen Mithrill-Zweihänder gezogen hatte und, den Zombie-Letharen ignorierend, auf die Letharin bei Mikh zustürmte. Dieser fletschte die Zähne und griff nun deutlich ruppiger aufs Lied zu, packte die Hitze von Salambe und die Kälte von Sylphe, ließ sie rabiat aufeinander knallen und gab dem Ergebnis „Blitz“ eine Richtung, eigentlich nur einen kurzen Stoß zu der Letharin direkt direkt vor sich, während er grollte:
„Und du… Bratwurst!“ – war zwar gerade kein Feuer, aber egal.

Er sah, wie die Priesterin von ihm fort gestoßen zu Boden flog – und lachte. Er sah, wie Valentin an dem plötzlich überhaupt nicht mehr langsamen Letharen nicht vorbei kam, weil diese zuvor unbewaffnete Blauhaut ein Gebilde aus Furchen und Kanten in den Weg hielt, was wohl ein Schild sein sollte und mit einer Waffe zuschlug, die nur aus Schwärze und Grausamkeit zu bestehen schien. Es lief Aaryon kalt über den Rücken, als er begriff, welche Sorte Krieger im lichten Reich einzig zu so etwas in der Lage war… und Alatar war sicher nicht großzügiger mit dieser Gabe.
„Ein Ahad. Oder die letharische Version davon.“
Er sah, wie Valentin an ihm scheiterte. Wie sich diese hässliche, widernatürliche Klinge in den ungeschützten Brustkorb bohrte und sein langjähriger Wächter röchelnd zusammen sackte.
„VALENTIN!“
"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
- Kronritter von Salberg *noch qualmend* -
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Q'in
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Registriert: Montag 6. Januar 2025, 19:02

Re: Wo kein Gesicht war, nur Urteil

Beitrag von Q'in »

Die neuen Zeiten waren anders, als es die alten gewesen waren. Q’in merkte, dass seine Fähigkeiten seltener und seltener gefragt waren. Anstatt im blutigen Tanz die Überlegenheit seines Gottes, seines Volkes und seiner Kaste zu stärken, verlangte man Worte. Immer wieder Worte. Statt die Vasallen zu dominieren, diktierte die Obrigkeit, sich der Menschen anzunehmen, als gälte es, selbige vor der Realität der Welt zu schützen. Q’in fühlte sich alt, gar müde, wenn er an diese neue Unart dachte.

Kulturaustausch. Dialoge, Überschnitte. Und immer wieder Worte.

Der Alte war es mittlerweile gewöhnt, dass die bleichen Visagen der Menschen im Zweifelsfall unbeschadet durch ein Treffen mit ihm kommen sollten. Unter Androhung arger Konsequenzen, sollte das weiße Fleisch aus unerfindlichen Gründen mit weniger Gliedmaßen aus einem Austausch herauskommen.

So war es wenig überraschend, dass die zwei Gestalten im Wald nicht wirklich seine Neugier weckten. Die Chancen standen gut, dass auch diese Menschen aus irgendeinem Grund geschützt und unbeschadet zu bleiben hatten. Vielleicht waren sie ja Kulturbeauftragte, Templer oder Gardisten oder in irgendeiner anderen Art an den aufgeblähten Kadaver gebunden, der in den Augen Q’ins Rahal war.

Ohne die Worte der Lethra, die in den letzten Monden stets in seiner Nähe weilte, hätte der Ala’thraxor seinen Weg fortgesetzt, um etwas umzubringen, das nicht an Rahal gebunden war. So jedoch hielt er inne. Nicht wegen der Gestalten, aber doch aus Neugier über die Neugier By’nars. Sie hatte es immer wieder geschafft, in der Langeweile etwas zu finden, was seine Sinne reizte.

So auch dieses Mal.

Zuerst war es nur ein nagender Gedanke, ein gemächliches Erwachen einer Erinnerung, die sich durch das Grau seiner Gleichgültigkeit in den Vordergrund kämpfte. Dann aber war es da: von Hohenfels. Eine der Gestalten hatte etwas an der Brust, welches eindeutig das Wappen trug. Mindestens einer der beiden Menschen war somit wahrscheinlich von Adoran und - so stellte ein langsam aus der Lethargie erwachender Q’in fest - tendenziell ein Ziel, das zu attackieren ihm wahrscheinlich nicht übel genommen werden würde.

Sein Widersacher trug kein Rüstwerk, schien nicht vorbereitet gewesen zu sein, um dem Ansturm lange standzuhalten. Er zeigte Qualitäten eines Kriegers, jedoch war alles Weiche nur allzu leicht mit Schnitten und Stichen zu erreichen und alsbald war der Unbekannte am Boden. Das kurze Aufflammen von Interesse und geistiger Anwesenheit drohte bereits wieder wegzubrechen, als By’nar sich dem Zweiten widmete.

Die Lethra fragte Fragen, forderte, dass der Mensch sich mit einem Dolch versehrte und sprach danach umso mehr Worte. Für Q’in jedoch schien all dies wie gewohnt nur am Rande seiner Wahrnehmung zu passieren. Der Austausch wurde an einem abgelegeneren Ort fortgesetzt, während der Alte sich zusehends in sich zurückzog. Wie immer, wenn es für ihn nichts zu tun gab. Umso rabiater riss es ihn zurück in die Gegenwart, als der Mensch sich als Nachkomme aus der Linie einer alten Widersacherin herausstellte: Darna. Ein Name, der es noch immer schaffte, durch das neblige Grau seiner Wahrnehmung zu schneiden.

Wie ernüchternd es war zu erfahren, dass Darna bereits beendet worden war und zu allem Überfluss ihre Brut scheinbar keinerlei Qualitäten der Ritterin in sich trug. Stattdessen schien er ein Wirker zu sein - für den blutigen Tanz, den Q’in einer Droge gleich suchte, ein gänzlich ungeeigneter Partner. So war der Alte geistig kaum noch anwesend, sehr weit fort, als By’nar ihn anwies, die junge Brut zu verletzen bevor der Weg zurück ins Axorn angetreten wurde.

Q’ins Talente waren ein weiteres Mal nutzlos geblieben. Wieder hatte es mehr Worte als singenden Stahl gegeben. Wieder fühlte er sich zu alt, um diese Vermeidung von Endgültigkeit zu verstehen.
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By'nar
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Registriert: Freitag 7. Juli 2023, 20:10

Re: Wo kein Gesicht war, nur Urteil

Beitrag von By'nar »

Es gab nicht viel, was By’nar interessierte. Die meisten Dinge waren so vergänglich, dass sie kaum Zeit hatten, Gestalt anzunehmen oder wahrgenommen zu werden, bevor sie das Interesse bereits wieder verlor. Nur wenige Dinge konnten ihren Geist länger festhalten und ihn nicht abschweifen lassen. So wenige, dass sie dafür nicht einmal drei Finger benötigte.

Q’in gehörte zu diesen seltenen Konstanten in ihrer bescheidenen Existenz – etwas, das für sie Wert hatte und dafür sorgte, dass sie bei der Sache blieb. Sie hatte sich so sehr an ihn gewöhnt, dass er inzwischen, gleich nach dem Dienst an Vater selbst, eine ihrer obersten Prioritäten geworden war. Ihr Geist war vor vielen Jahren in tausend Scherben zerbrochen, und seine bloße Anwesenheit hielt diesen stechenden Haufen reglos, damit er nicht durcheinandergeworfen wurde und sich immer wieder neu mischte.

So gab es auch an diesem Abend nichts, das sie zögern ließ, als er mit seiner Waffe an ihr vorbeilief und in knapper Manier verkündete, er würde sie nun benutzen. Er wusste nicht wofür, und sie wusste es ebenso wenig. Doch es hinderte sie nicht daran, ihm zu folgen – und es hinderte ihn nicht, ziellos durch das Dickicht Gerimors zu streifen. Er war nicht wirklich da: Er bewegte sich, rasselte, hatte die Augen offen, aber er war nicht anwesend. Also setzte sie sich, wie so oft, das Ziel, ihn zu wecken.

Der vertraute Geruch und die bekannte Stimme an ihrem Ohr taten ihr Übriges. Sie blieb stehen, während Q’in weiter durchs Gras und Geäst schlurfte, und drehte sich um. Den einen erkannte sie sofort, und ein paar Herzschläge später setzte ihr Geist genügend Bruchstücke zusammen, um auch den anderen einzuordnen: den Sohn einer Frau, die für Velvyr’tae einst wichtig gewesen war. Ein Name, den By’nar längst abgelegt hatte. Vor Monden schon hatte sie jedes Interesse verloren – und doch war er etwas, das für Q’in ein Weckruf hätte sein können. Also ging sie auf die beiden zu.

Sie erinnerte sich an so wenig; selbst als Valentin in der Ferne seine Körperflüssigkeiten mit dem herbstlichen Boden vermischte, hatte sie kaum Fragen und nur bruchstückhaftes Wissen. Nicht, weil sie es nie gehabt hätte, sondern weil sie es – wie so vieles – irgendwann abgestreift hatte. Sie wollte lediglich wissen, wie es sich anfühlte, etwas Besonderes zu sein, nur weil man einen Namen trug und nicht, weil man etwas leistete. Ein Gedanke, der in ihrer Erziehung wie in ihrem Leben keinen Sinn ergab – ein Umstand, den auch Hohenfels’ Antwort nicht besser machte.

Doch sie hatte gelernt, wie man funktionierte, selbst ohne Bindungen. Also nahm sie sein Blut und seine Haare an sich – wichtige Bestandteile, auch wenn er selbst ihren Zweck nicht verstand. Und dann tat sie das Einzige, was für sie wirklich zählte: Sie beobachtete Q’in dabei, wie er wach war. Das war für sie von echtem Bestand.

Und so entsprang auch ihre Forderung diesem Impuls. Was sie verlangte, interessierte sie selbst so wenig wie jedes adlige Blut in Adoran. Es war für den Letharfen bestimmt, der durch eine wahrhaftige Herausforderung wieder fühlen wollte.

Ja, es gab nicht viel, was By’nar interessierte.
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