*Monate später*
Die Frostwassergrotte. Einer der wenigen Orte auf Gerimor, wo das magische Holz zu bekommen war, das Aaryon womöglich für sein geplantes Artefakt brauchen würde. Er und Valentin gaben sich keinen Illusionen hin, dass sie es zu zweit bis zum Huorn schaffen könnten, doch sie würden die Grotte, ihre Gegner und ihre Stärken kennen lernen müssen. Würden lernen müssen, wie weit sie kamen und was sie brauchten. Eine Sache, die sie brauchen würden, war glasklar gewesen:
Tränke, die die Feuerresistenz der Kreaturen senkten. Aaryon hatte sie extra nicht selber gebraut, sondern Cecilia brauen lassen.
Aber als zwei Gestalten im Wald sich der kleinen Freifläche näherten, die den Namen „Lichtung“ nicht verdient hätte, trafen sie auf zwei Menschen, die sich stritten wie ein altes Ehepaar:
„Ich weiß nicht mal wo die liegen.“
„Im Schrank, bei den anderen, wo denn sonst!“
„Nein. Nicht bei den anderen.“
„Doch! Neben der Konzentrationshilfe!“ „Welcher Konzentrationshilfe?“ „Das rote Fass. Meine Tränke.“ „Eben. EURE Tränke.“
Aaryon rollte die Augen. Wieso hätte er an die Tränke denken sollen, wenn er sie eh nicht mal werfen konnte? Sein Blick ruckte abgelenkt herum, als etwas hörbar durchs Unterholz brach und mehrmals dumpfes Aufprallen zu hören war. Ein völlig komisches Geräusch, was war das?
Am südlichen Rand der Fläche tauchte etwas auf, was nicht die Geräusche verursacht hatte, aber auch nicht wesentlich leiser war und wie ein Zombie über das Gras zu schlurfen schien. Zombies zogen allerdings keine wie abgebrochen aussehende Klingenwaffe mit sich, an der magische Blitze entlang zuckten. Zombies trugen auch keine Rüstung.
Er erkannte die Gestalt wieder: Dieser gebeugte Lethar war schon bei dem Kampf um Berchgard über das Schlachtfeld geschlurft. Seine ähnlich tumb wirkende Reitechse war gefährlicher als er, aber auf der saß er heute nicht. Aaryon wäre sogar geneigt gewesen, ihn zu ignorieren und einfach vorüber wandern zu lassen, wäre dem Letharen nicht eine Letharin gefolgt:
Die Predigerin, die vor Bajard gestanden hatte.
Sie hatte die Geräusche mehrerer Aufpralle verursacht, nämlich jedes Mal, wenn sie gegen einen Baum lief – als sie sich Aaryon und Valentin zudrehte, erblickte der Studiosus milchig weiße Augen.
Unangenehmes Schweigen breitete sich aus, als beide Seiten einander anblickten. Oder auch nicht; jedenfalls wirkte die Letharin bloß, als hätte sie vielleicht ein Geräusch gehört, und der ihr voraus schlurfende Zombie… naja. Trotzdem: Letharen waren Letharen.
„Valentin…“, raunte Aaryon wie hilfesuchend. Sollten sie weglaufen? Das konnte Valentin, aber nicht er. Sollte er sich verwandeln? Das würde lange dauern. Aufmerksamkeit erregen. Teleportieren? Das würde noch länger dauern. Bemerkten Letharen ähnlich wie Elfen generell einen Eingriff ins Lied?
„Ich hab die Rüstung noch gar nicht an“, stellte Valentin leise und unbegeistert fest.
„Dann kannst du schneller laufen“, dachte Aaryon nüchtern. Leider wusste er, dass Valentin das nicht tun würde, solange sein Schützling nicht in Sicherheit war. Also begann er, sich auf die vertrauten Liedmuster des Konvents zu konzentrieren und sich seinen Ankerstein dort vor Augen zu rufen.
Vielleicht hatten die beiden sie auch noch gar nicht registriert?
„Sie sieht das Fleisch nicht, aber sie fühlt die Unruhe.“
Na toll. Ja, und die Unruhe wuchs. Bei Valentin, der sein Schwert noch nicht mal umgehängt hatte und bei Aaryon, der wie als Reflex warnend die rechte Hand vom Griffstück seiner Krücke löste und überlegte, ob ein Feuerball nicht die angemessenere Reaktion auf diese beiden kuriosen traurigen Gestalten war, während er gleichzeitig ahnte, dass das eine gefährliche Unterschätzung sein könnte.
Und
wie gefährlich!
„Mikh? Rot!“
„Schon dabei…“, erwiderte Aaryon leise, mit heftigen Gewissensbissen, weil er sich auf den Teleport konzentrierte, während Valentin sich unbewaffnet und ungerüstet auf die beiden Letharen warf, nur um sie abzulenken und ihm Zeit zu verschaffen.
Er spürte, wie seine Konturen begannen, sich aufzulösen und versuchte auszublenden, dass Valentin von dem Letharen regelrecht abprallte, als wäre er nun selbst gegen einen Baum gelaufen, während die Letharin, eine Gebetskette zwischen ihren Fingern, auf ihn zustürmte.
Nirgends wäre es jetzt so schön wie im Konvent! Gleich, gleich, er spürte, wie sich der Riss zu bilden begann, durch den er nach Hause gelangen…
„Hoffentlich überlebt Valentin das!“
Finger gruben sich in seinen linken Arm, griffen durch den magischen Staub, in den sich sein Körper bereits aufzulösen begonnen hatten, erfassten den Rest seiner festen Struktur. Den Krieger ignorierend, steuerte auch der Lethar ihn an und warf etwas nach ihm, eine Waffe… die er zuvor nicht gehabt hatte. Aaryon spürte einen Treffer von etwas, was kurz darauf schon nicht mehr da war, aber ein Brennen hinterließ, was den abrupt eintretenden Schmerz um eine delikate Spur heftiger Würze erweiterte.
Unmöglich, die Konzentration zu halten, verflucht! Und er musste dieses Gift auf der Stelle neutralisieren, sonst wäre er tot! Zum Glück war dieser Vorgang so zur Routine geworden, dass er kaum Zeit benötigte. Weiter hielt die letharische Priesterin Alatars seinen Arm erbarmungslos fest, zischte ein widerliches Geräusch, was wohl ein Wort war, zerdrückte eine Perle ihrer Gebetskette und höllischer Schmerz jagte in seine Beine, seinen Körper, schickte ihn zur Gänze zu Boden.
Keuchend lag Aaryon im Gras, während hinter dem wieder zombielangsam werdenden Letharen Valentin fieberhaft, aber leise, nach seinem Waffengurt tastete und langsam seine Klinge zog.
Schon der Selbsterhaltungstrieb des Jungmagiers trieb ihn dazu, den gefühlten Schmerz, wie er es für seine Verwandlungen gelernt hatte, durch Selbsttäuschung „beiseite zu drücken“, auch wenn ihn das einen Teil Konzentration kostete.
„Hättest du dich mit mir doch nur in deiner hässlichen Taverne unterhalten, nicht wahr?“, zischte die Letharin. Aaryon starrte ungläubig zu ihr hoch, während ihre Hand sich von seinem Arm löste, um ihn an seinen Haaren zu packen.
„DU warst das?!“ Diese jämmerlich misslungene Falle in der Herberge „Alt Hohenfels“ vor Monaten.
„Du bist ungleich“, sprach sie, während Valentin seinen Mithrill-Zweihänder gezogen hatte und, den Zombie-Letharen ignorierend, auf die Letharin bei Mikh zustürmte. Dieser fletschte die Zähne und griff nun deutlich ruppiger aufs Lied zu, packte die Hitze von Salambe und die Kälte von Sylphe, ließ sie rabiat aufeinander knallen und gab dem Ergebnis „Blitz“ eine Richtung, eigentlich nur einen kurzen Stoß zu der Letharin direkt direkt vor sich, während er grollte:
„Und du… Bratwurst!“ – war zwar gerade kein Feuer, aber egal.
Er sah, wie die Priesterin von ihm fort gestoßen zu Boden flog – und lachte. Er sah, wie Valentin an dem plötzlich überhaupt nicht mehr langsamen Letharen nicht vorbei kam, weil diese zuvor unbewaffnete Blauhaut ein Gebilde aus Furchen und Kanten in den Weg hielt, was wohl ein Schild sein sollte und mit einer Waffe zuschlug, die nur aus Schwärze und Grausamkeit zu bestehen schien. Es lief Aaryon kalt über den Rücken, als er begriff, welche Sorte Krieger im lichten Reich einzig zu so etwas in der Lage war… und Alatar war sicher nicht großzügiger mit dieser Gabe.
„Ein Ahad. Oder die letharische Version davon.“
Er sah, wie Valentin an ihm scheiterte. Wie sich diese hässliche, widernatürliche Klinge in den ungeschützten Brustkorb bohrte und sein langjähriger Wächter röchelnd zusammen sackte.
„VALENTIN!“