Es war nicht das erste Mal, dass ich den Tod eines Menschen miterlebte. Vermutlich würde es auch nicht das letzte Mal der Fall sein. Wäre ich noch tätig, wie ich es mal gewesen war, ginge es mir vermutlich auch nicht ganz so nahe.
Das seltsame Vieh war mir von Anfang an nicht geheuer. Offenbar stand ich mit meinem Misstrauen dahingehend auch nicht alleine. Der Einzige, der direkt in die Vertrauensschiene glitt, war Earon. Mangelnde Erfahrung oder der unbedingte Wille nur das Gute zu sehen und das Schlechte zu ignorieren und zu verdrängen? Preisfrage. Wer sie beantworten konnte, gewann allerdings auch nichts dazu. Es spielte letztlich nur insofern eine Rolle, dass es Isaac das Leben kostete. Ich hatte noch versucht den Druiden in seiner Habichtsgestalt mit dem Dolch aus der Flugbahn rauszubringen, und wenn es einen gebrochenen Flügel (oder Arm) gekostet hätte, es wäre besser gewesen, als das was folgte. Wieso zur Hölle musste er sich auch auf das Vieh stürzen, dass schon - sogar für mich Unkundigen offensichtlich - die Energie, die es von Earon bekam regelrecht in sich aufsog wie ein trockener Schwamm das Wasser? Zu allem Überfluss änderte er noch einmal die Gestalt, war letztlich nicht mehr als ein.. Funken?
Ich musste mir eingestehen, dass es mir in der Zeit, die wir uns an dem Ritualplatz der Druiden aufhielten, so einiges zu schnell ging, um es recht zu erfassen, zumal es zwischenzeitlich drunter und drüber ging.
Das, was sich der Herold der Eluive nannte, entpuppte sich am Ende aber als nichts anderes als ein Alb, als einer derer, die angeblich die Muttergöttin suchten und angreifen wollten. Welches Ziel letzten Endes aber wirklich verfolgte, erschloss sich mir nicht zur Gänze. Zweifelsfrei wurde es vernichtet am Ende, allerdings nicht nur das Vieh, leider ebenso auch Isaac. Und damit war es bei weitem noch nicht vorbei oder getan. Irgendwas lungerte noch immer dort herum. Vielleicht war es der sogenannte Herold selbst und nur seine erbärmliche Hülle war dahingerafft. Mochte es in der Hölle verrotten, aus der es gekrochen kam.
Zuerst fiel „es" Yasme an. Sie war schon angeschlagen durch den Verlust, nun aber erwischte es sich ganz, Einflüsterungen, wie es schien, Bilder, was auch immer sie da sah. Ich vermutete im Nachhinein, dass es ihr ähnlich erging wie mir einige Zeit später selbst.
Die Schwestern und Brüder sahen die Notwendigkeit den Ort wieder zu einem zu machen, der Sicherheit bot. Just in dem Moment tauchten aus weiteren Rissen, die Erde unruhig, wie zuvor auch schon, Geschöpfe auf, die vermutlich schon lange dem Tode näher waren als den Lebenden. Erscheinungen, Geister, ich hatte gar nicht die Zeit sie alle zu erfassen, da sie auf alles losgingen, was sich bewegte - und das waren nun einmal so einige, die wir hier waren. Also mühte ich mich die Kreaturen auf mich zu ziehen. Allein war das allerdings ein verteufeltes Unterfangen und nicht immer gelang es mir so, wie ich es mir gewünscht hätte, aber wenigstens kam niemand ernstlich durch sie zu schaden.
Danach war Eile geboten. Der Kreis wurde geschlossen, ich sah zu, außerhalb davon zu stehen und behielt die Umgebung weiter im Blick, um einen weiteren möglichen Angriff abzuwehren, falls nötig. Es geschah aber nichts - zumindest nichts, was ich hätte sehen können.
Ich hatte nur wieder das untrügliche Gefühl belauert zu werden. Das war auch da, bevor es Yasme erwischte und dann später wieder von ihr abließ. Kurz darauf bewegte sich irgendwas an meinem Fuß vorbei - glaubte ich. Beim zweiten Blick sah ich aber nichts mehr, auch der Tritt in die Richtung war völlig umsonst gewesen. Auch hier überlegte ich im Nachhinein, das sicher etwas da gewesen sein musste, aber nichts Greifbares. Dafür lief es mir kurz darauf eiskalt den Rücken runter und ich spürte, wie etwas versuchte mir in den Geist einzudringen. Das Gefühl an sich war mir nicht unbekannt. Ich kannte ähnliches, wenn meine Frau mir etwas mitteilen wollte, ohne dass es irgendwer mitbekam. Sie wusste indes aber auch, dass ich das hasste wie die Pest, weshalb sie nur im äußersten Notfall darauf zurückgriff. Gerade war sie allerdings beschäftigt, genauso wie alle anderen, den Ort wieder zu einem sicheren zu machen. Also ging ich nicht davon aus, dass sie es war, die da versuchte in meinen Gedanken herum zu fuschen und vermutlich etwas zu finden, was mir schaden konnte - oder irgendwem anders hier.
„Blumenwiese." Ich ließ den Dolch fallen und presste die Faust gegen meine Schläfe. Kaum ausgesprochen, kaum die Gedanken gezielt auf eine solche Blumenwiese gerichtet - und war es nur, um lang genug aufzuhalten, bis die anderen ihr Werk getan hatten, tauchte die Wiese vor meinem inneren Auge auf, selbst der Geruch stieg mir in die Nase. Ich wollte schon erleichtert aufatmen, als das Bild sich änderte, ebenso auch der Geruch - und noch etwas. Der Boden brach regelrecht unter meinen Füßen auf, zumindest sah es für mich so aus, das Empfinden zu stürzen ging damit einher und ich schlug kurz darauf, das Gleichgewicht verloren, auf den Knien auf, den Schild hatte ich fallen gelassen, um mich abzufangen. Die Tiefe allerdings hatte ich völlig falsch eingeschätzt, so dass der Aufprall durchweg als hart zu bezeichnen war. Zeit mich mit den Schmerzen in den Knien auseinander zu setzen, blieb mir allerdings nicht. Aus der Wiese wurde ein Schlachtfeld, auf dem ein regelrechtes Massaker stattgefunden hatte. Der Heftigkeit des Verwesungsgeruchs nach, der mir in die Sinne drang und mich überwältigte, lagen die Leichen dort mindestens schon vor zwei oder drei Wochen.
Mein Magen rebellierte in aller Plötzlichkeit und ich ließ mir mein Mittagessen nochmal rückwärts schmecken, bis ich nichts mehr herauswürgen konnte als bittere Galle. Erst da ließen die Eindrücke von mir ab, das Bild schwand, der Geruch an sich auch, haftete sich für mich aber nach wie vor in der Nase fest. Mir war schlecht.
Von dem, was die anderen in der Zwischenzeit taten bekam ich nicht einmal wirklich etwas mit. Und als ich dachte, es wäre vorbei, griff dieses Etwas erneut in meine Gedanken ein und hinterließ mir eine untrüglich, hässliche Botschaft. Genau kann ich mich an den Wortlaut nicht erinnern, aber es war wohl etwas, wie „Wir beobachten dich. Du bist der Nächste."
Ja, wenn es mehr nicht war. Ich konnte mich noch erinnern, dass ich aus schierem Trotz eine Herausforderung ausspuckte. Und wäre ich mir der Anwesenheit der anderen nicht so bewusst gewesen, wären die unflätigen Verwünschungen kurz darauf vielleicht noch gröber ausgefallen. Nicht, dass Minfay da schon vor Scham rot angelaufen wäre, aber ein bisschen Schwung gab es ja immer.
Was auch immer die anderen getan hatten in der Zwischenzeit. Es kehrte wieder Ruhe ein im Hain, und zwar jene Ruhe, die nichts mit der vorangegangenen unnatürlichen Stille zu tun hatte, sondern der üblichen, die die Natur so hergibt. Sie waren alle erschöpft, das war ihnen anzusehen. Ich fühlte mich umgekrempelt und einmal durchgewalkt, wie das beste Betttuch am Waschtag. Es war nur wenig, das ich hatte beitragen können - eigentlich, wie meist so gut wie nichts. Trotzdem hatte ich das Gefühl Meilen gerannt zu sein, mindestens das. Davon ab fühlte ich mich so richtig hundeelend.
Auf dem Heimweg sprachen meine Frau und ich kaum eine Silbe. Der Abend hatte eindeutig seine Nachwehen. Die Nacht sollte noch schlimmer werden - zumindest für mich.
Ich war erschöpft, müde, ausgelaugt, der Tee hatte immerhin den üblen Geschmack im Mund vertrieben, und auch der Geruch war wieder gewichen und zwar dem ganz üblichen Gerüchen, die in unserem Schlafzimmer zuhause waren. Majalin schlief bereits, ich dämmerte allenfalls vor mich hin, noch viel zu aufgewühlt, um richtig zu ins Land der Träume abzudriften. Irgendwann packte mich der Alb dann aber doch.
***
Die Umgebung war mir äußerst vertraut. Es war das Herrenhaus meines Vaters. Hier kannte ich jeden Winkel, jeden Schlupf, jeden Flur und jedes Zimmer in und auswendig. Mir war sogar nur zu bewusst, welchen Abend wir hatten. Ein Blick an mir hinab verriet mir alles. Die Livree, die ich trug, hatte ich nur an einem einzigen Abend getragen - das war der, an dem mein Vater ermordet wurde. Genau in dem Moment war mir sogar bewusst, dass ich träumte, aber das brachte mich sicher nicht dazu aufzuwachen. Da hieß es wohl eher, alles noch einmal zu durchleben, bis zu seinem Tod, bis zum Loch, bis… hoffentlich nicht noch länger.
Irgendjemand drückte mir ein Tablett mit Getränken und Süßspeisen in die Hände. „Schaff das rauf ins Privatgemach und trödele nicht herum." Mir fiel nicht einmal der Name ein von diesem Kerl. Oder hatte ich ihn nie gekannt? Ich war mir nicht sicher, aber ich leistete der Anweisung folge und machte mich auf den Weg ins Unvermeidliche. Obschon ich genau wusste, dass etwas davon, was auf dem Tablett stand - vermutlich sogar alles - vergiftet war, brachte ich es hinauf. Obwohl mir bewusst war, dass er und sein Besuch daran verrecken würden, und zwar elendig, klopfte ich an und stellte das Tablett auf den Tisch. Sie griff direkt nach einer der Pralinen, er nach dem Wein.
Ich wollte sie warnen, brachte aber keinen Ton über die Lippen. Als wäre die Befürchtung die Geschichte zu ändern noch weit größer. Ich sah zu, wie sie regelrecht verendeten, hörte die Tür sich öffnen, die anklagenden Worte. Sie packten mich und schliffen mich zum Kerker der Stadt, stießen mich ins Loch und da war ich wieder. Mitten in der Schwärze, der Geruch stieg mir in die Nase. Da war ich wieder, die kümmerliche Kreatur ganz in der Nähe, die darauf lauerte mich umzubringen, um selbst zu überleben. Auch hier wusste ich warum. Die Essensrationen reichten gerade einmal für ein kleines Kind, aber niemals für zwei, die wir waren. Und im nächsten Moment ging diese bemitleidenswerte Kreatur auf mich los. Hatte ich sie für schwächlich gehalten, weil sie schon eine ganze Zeit hier hausen musste, so irrte ich mich. Mir wurde bewusst, dass mir das auch bekannt sein müsste.
Der Gestank schlug mir entgegen, der an der Gestalt haftete, die Luft wurde mir dünn, als es die langen knochigen Finger um meinen Hals drückte und die Tritte, die es mir gleichzeitig verpasste, taten ihr übriges dazu. Da war sie wieder, die altbekannte Todesangst. Und was verlieh sie einem für Kräfte! Natürlich wehrte ich mich, mit allem, was ich hatte, konnte und war. Wer gab sein Leben schon gern freiwillig auf, auch wenn kaum eine Chance zur Flucht bestand.
Trotzdem, etwas war anders. Alles Empfinden im Traum wirkte stärker auf mich, als es das getan hatte, als ich es wirklich erlebte. Es war atemraubend, versetzte mich regelrecht in Panik, die kein rationales Handeln mehr zuließ. Etwas, das ich an sich gelernt hatte zu unterdrücken, aber hier wollte es mir nicht gelingen. Ich schrie, was unnötig Kraft kostete, schlug ungezielt um mich, was uneffektiv war, und ich hatte das Gefühl zu verlieren. Mir wurde schwarz vor Augen.
***
Ich saß im Bett, als ich zu mir kam, keuchend, schwer atmend, die eigene Hand am Hals. Erst da merkte ich, dass ich selbst zudrückte, ich Esel. Zur Hölle mit diesen…
Mein Blick irrte durch das Schlafzimmer, als der Eindruck bereits schwand beobachtet zu werden. Nur Maja war da, sah mich an ohne mich wirklich zu sehen. Ich war klatschnass geschwitzt, fühlte mich noch geräderte als vorher und hätte nichts gegen einige Galonen Schnaps einzuwenden gehabt. Alles war besser, als erneut zu schlafen, vor allem nüchtern. Besinnungslos war es schlecht mit aktivem Träumen. Vielleicht war das eine gute Option. Ich krächzte mir etwas zusammen, als ich mitteilen wollte, dass ich Durst hatte, und machte mich auf den Weg nach unten, heiser, hustend, vermutlich hatte ich auch so geschrien. Da blieb zu hoffen, dass der Junge einen gesunden Schlaf hatte und nicht davon wach wurde.
Mitten auf der Treppe hielt ich inne. Was war denn, wenn er nun selbst die schlechten Träume hatte? Offensichtlich war ja, dass das nichts damit zu tun hatte, ob man nun liedkundig war oder nicht. Andererseits, was konnte ihn denn wirklich vor so etwas schützen?