Unruhe als Schutz
Gedanken einer Kriegerin.
(ohne Anspruch auf Wahrheit oder Richtigkeit)
Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich Antworten hätte.
Sondern weil mir Fragen geblieben sind.
Bestimmte Begriffe habe ich lange gemieden.
Zu schwer sind sie beladen, zu schnell missverstanden,
zu nah an Bildern von Maßlosigkeit und Gewalt ohne Zügel.
Und doch kehren die dahinterliegenden Gedanken immer wieder zurück,
seit ich ernsthaft darüber nachdenke, was es bedeutet, Ritterin zu werden.
Ich bin Kriegerin.
Noch kein Knappe, erst recht keine Ritterin.
Was ich hier festhalte, ist kein Lehrsatz, kein Schwur, kein Anspruch auf Richtigkeit.
Es ist der Versuch, meine Gedanken zu ordnen,
bevor ich lerne, sie mit Stahl zu vertreten.
Ich empfinde es als falsch, Feindschaft aus bloßem Hass zu leben.
Ich halte nichts von Gewalt, die sich selbst genügt.
Doch ebenso falsch erscheint mir die Vorstellung,
man könne Krieg allein auf Schlachtfeldern entscheiden,
ehrenhaft und abgeschlossen.
Unsere Welt funktioniert nicht so.
Es gibt Feinde, die keine Banner achten.
Die nicht auf offene Herausforderung reagieren,
nicht auf ritterliche Ordnung, nicht auf klare Fronten.
Sie gedeihen in Ruhe, in Sicherheit, in der Gewissheit,
dass niemand sie stört, solange sie nicht selbst vor die Tore treten.
Gegen solche Feinde reicht es nicht, nur zu warten.
Was im Volksmund oft abwertend benannt wird,
verstehe ich, in einer verantworteten Form,
als bewusste Unruhe.
Als das Stören feindlicher Ordnung.
Als das Nehmen von Zeit, Raum und Gewissheit.
Nicht, um Leid zu mehren.
Sondern um Schaden zu begrenzen.
Ein Feind, der gezwungen ist, seine Wege zu sichern,
seine Vorräte zu schützen, seine Kräfte zu binden,
hat weniger Raum, anderen Leid zuzufügen.
Ein Feind, der nie sicher ist,
kann keine langen Pläne schmieden.
Ich halte diesen Gedanken für gerechtfertigt.
Nicht, weil ich den Kampf suche,
sondern weil ich jene schützen will,
die nicht kämpfen können.
Große Schlachten entscheiden vieles.
Aber sie kommen oft spät.
Sie sind sichtbar, laut und ehrenhaft
und doch sind sie selten der Anfang,
sondern fast immer das Ende einer langen Entwicklung.
Diese Form des Handelns
steht für mich nicht im Widerspruch zur Ritterschaft.
Sie ist ihr unbequemes Gegenstück.
Die Arbeit, über die man nicht gern spricht.
Die Pflicht, für die es keine Lieder gibt.
Vielleicht ist genau das der Grund,
warum ich mich damit auseinandersetzen muss,
noch bevor ich den Weg der Knappschaft betrete.
Ich will lernen, Verantwortung zu tragen –
nicht nur für meine Klinge,
sondern für die Folgen ihres Einsatzes.
Ich will verstehen, wann Gewalt notwendig ist
und warum sie manchmal nicht dort stattfinden darf,
wo man sie erwartet.
Wenn ich eines Tages Ritterin bin,
dann möchte ich nicht nur wissen, wie man kämpft.
Sondern auch, wann es richtig ist,
dem Feind die Ruhe zu nehmen,
bevor er anderen das Leben nimmt.
Das sind keine Antworten.
Nur Gedanken.
Festgehalten, damit ich sie eines Tages prüfen kann.