Reys Gedichte und Geschichtenbuch

Geschichten eurer Charaktere
Antworten
Benutzeravatar
Greya Ontanu
Beiträge: 39
Registriert: Freitag 11. August 2023, 17:03

Reys Gedichte und Geschichtenbuch

Beitrag von Greya Ontanu »

Ausgelegt auf dem Schreibtisch in Greyas Dachbodenzimmer liegt eine große Ledermappe, gefüllt mit Notizen, Zeichnungen und einzelnen Gedichten. Die Schriftstücke sind offenbar wild durcheinander abgelegt und folgen weder einer klaren Ordnung noch einer durchgehenden Datierung.
Die Nachteule

Ich bin oft für die Nachtwache eingeteilt – und viele wundern sich darüber. Doch es ist meine eigene Entscheidung, meine Wahl, und jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich an ihr hänge. Die Nacht ist mein vertrauter Gefährte: still, klar, geduldig. In ihren Stunden scheint die Welt langsamer zu atmen, als würde Adoran selbst für einen Augenblick zur Ruhe kommen. Das Flackern der Laternen, die das Schneetreiben in goldenes Licht tauchen, verwandelt die Hauptstadt in ein funkelndes Wintermärchen. Und inmitten dieser Szenerie fühle ich mich auf eine Weise zuhause, wie ich es am Tage nur selten tue.

Neben mir knistert die Kohlepfanne, ein kleiner roter Punkt in der weiten Dunkelheit, während die Stimmen meiner Kameraden leise durcheinanderklingen. Die Gespräche der Nacht haben einen anderen Klang: weniger angespannt, weniger von der Hektik des Tages getrieben. Hier, wenn der Frost die Straßen gläsern macht und der Wind nur flüsternd an den Mauern zerrt, zeigen die Menschen ihr wahres Wesen. Kameraden werden zu Freunden, Fremde zu Verbündeten. Zwischen den Schichten, zwischen Müdigkeit und Pflichtbewusstsein entstehen Bande, die stärker sind als jedes geschriebene Eidwort.

Doch es ist nicht nur die Stille, die mich hier hält. Ich habe ein waches Herz – eines, das sich verantwortlich fühlt. Für die Händler, die tagsüber ihre Stände aufbauen. Für die Kinder, die lachend durch die engen Gassen rennen. Für die alten Frauen, die an Winterabenden Kräuter und Geschichten austauschen. Für all jene, die Adoran zu dem machen, was es ist: eine Stadt voller Leben, Wärme und Hoffnung. Während andere die Dunkelheit fürchten, habe ich früh gelernt, dass sie ein Schutzraum sein kann – wenn nur jemand bereitsteht, über sie zu wachen.

Und irgendwo dort unten, hinter Fenstern, die nun vom Schnee verschleiert werden, schläft "er". Der Gedanke an ihn ist kein Grund für meine Pflicht – aber ein leises, stetiges Licht in mir. Ich liebe unsere gemeinsamen Dienste, die Momente, in denen unsere Schritte sich im Einklang finden. Doch auf eine seltsame Weise schenkt es mir fast noch mehr Frieden zu wissen, dass er ruhen kann, weil ich wache. Weil ich seinen Schlaf, sein Wohl und seinen morgigen Mut mit meiner Wachsamkeit hüte.

Wenn die Stimmen verstummen und nur noch das Knacken der Kohle und das ferne Rascheln des Schnees zu hören ist, hebe ich gern den Blick nach Osten – zur Stadt, zur Stille, zu all jenen, die mein Herz nie loslässt. Für sie stehe ich hier. Für sie bleibe ich wach.

Ich fürchte die Dunkelheit nicht. Ich trete bewusst in sie hinein, begegne den Schatten mit meinem Mut und wache über die Menschen, die mir etwas bedeuten – und über all jene, die jemanden brauchen, den sie nie sehen werden.
Bittgebet an Temora

Temora, Licht im Zweifel,
halte meine Hand, wenn mein Herz wankt.
Lehre mich Mitgefühl, ohne blind zu werden,
Ehre, ohne zu verhärten,
Tapferkeit, die nicht aus Zorn geboren ist.

Wenn ich heute gezögert habe, so prüfe mein Handeln gerecht,
nicht nach meinem Mut, sondern nach meiner Demut.
Und sollte Opfer gefordert sein, so gib mir die Kraft,
es bewusst zu tragen – nicht aus Stolz, sondern aus Liebe zum Leben.
Schönste Rose

Wo helles Gold im Haare ruht,
und Anmut still die Straßen hüt’,
da wandelt sie mit klarem Blick,
der Schönheit selbst ein leises Glück.

Wie Rosen blühn in ihrem Sein,
so rein, so stolz, so sonnenfein,
Vogtin der Stadt im lichten Glanz,
ein Herz aus Pflicht, ein Hauch aus Tanz.

Drum bring ich heut’, wie einst versprochen,
mit süßem Duft und warm gekrochen,
Blaubeereierpfannkuchen fein –
ein kleiner Gruß, doch ehrlich mein.

Mög’ diese Gabe lächelnd sagen:
Nicht nur die Rose darf man tragen,
auch süße Freude, schlicht und wahr,
gehört zu Schönheit – Jahr um Jahr.
Für meine Prinzessin

In stillen Nächten, wenn die Stadt
im Schneeglanz leise Atem holt,
denk’ ich an dich, Prinzessin –
an unser Lachen, kühn und ungezähmt,
an Wege, die wir Seite an Seite fanden.

Wir zwei, ein Rest von alter Sippe,
Schwestern mehr als Blut verrät,
ziehen durch Straßen, Mauern, Welten,
bauen uns ein Leben aus Mut
und jenen kleinen Wundern,
die nur wir bemerken.

Am Tage teilen wir die Arbeit,
die Sorgen, den Kram der Welt –
doch in uns brennt dasselbe Feuer,
das uns hinausträgt zu Abenteuern
und heimkehrt in dieselbe Stille.

Und wenn ich Nacht für Nacht
über Adoran wache,
weiß ich, dass du irgendwo dort unten
schläfst, träumst, lebst –
und dass ich nie ganz allein bin.

Für dich halte ich die Schatten fern.
Für uns bewahre ich das Licht.
Für immer wir –
Prinzessin und Räuberzofe,
Herz an Herz und Schritt an Schritt.
Dank- und Bittgebet an Eluive

Eluive, Allmutter des Lebens und des ersten Liedes,
ich danke Dir für den Atem der Welt,
für Licht, Wärme und den Einklang, der allem Sein innewohnt.

Auch wenn mein Pfad einem anderen Namen folgt,
erkenne ich Dein Wirken in jedem Funken Leben
und neige mein Haupt in Dankbarkeit vor Deiner Schöpfung.

So bitte ich Dich in Demut:
Binde diese Flammenaxt an meine Seele,
nicht aus Zorn, sondern aus Deinem reinen Feuer geboren.
Lass sie ein Werkzeug des Schutzes sein,
ein Licht wider die Dunkelheit
und ein Zeichen Deiner wärmenden, nicht verzehrenden Flamme.

Möge Dein Lied durch Stahl und Herz zugleich erklingen.
So sei es.
Krone und Wacht

Ich trage keine Krone,
doch ich trage ihr Gewicht.

Ich spreche keine Urteile,
doch ich stehe, wenn sie vollstreckt werden müssen.

Mein Name wird nicht gerufen,
wenn Feste gefeiert werden,
doch er steht zwischen Schild und Leib,
wenn die Nacht unruhig ist.

Ich bin nicht makellos,
nicht ohne Zweifel,
aber ich bin da.

Heute. Morgen.

So lange man mich braucht.
Nach der Wache

Die Stadt schläft,
als hätte sie nichts gefordert.

Meine Rüstung liegt schwer,
doch nicht so schwer
wie die Gedanken darunter.

Ich frage nicht,
ob ich richtig stand –
nur, ob ich stand.

Und das tat ich.
Benutzeravatar
Greya Ontanu
Beiträge: 39
Registriert: Freitag 11. August 2023, 17:03

Re: Reys Gedichte und Geschichtenbuch

Beitrag von Greya Ontanu »

Spät in der Nacht sah sie die bereits abgelegten Schriftstücke noch einmal durch, verweilte bei einigen Zeilen länger als bei anderen und wandte sich dann einem neuen, leeren Blatt zu.
Erster Unterricht an Bord der Aurora

Als ich heute die Planken betrat,
lag das Schiff noch jungfräulich unter meinen Füßen.

Die Aurora roch nach frischem Holz
und nach dem Versprechen all dessen,
was erst kommen wird.

Kein Salz hatte ihre Planken gezeichnet,
kein Sturm ihre Taue geprüft.
Sie knarrte leise,
nicht aus Müdigkeit,
sondern wie jemand,
der sich streckt
und seinen Platz in der Welt sucht.

Es war kein Tag für Heldentum.
Kein Ruf zu den Waffen.

Heute waren es Worte,
die Gewicht trugen.

Bug und Heck.
Backbord und Steuerbord.

Begriffe, die klar sein müssen,
wenn alles andere schwankt.

Ich hörte zu,
prägte mir Wege ein,
ließ den Blick über Deck und Reling gleiten.

Wo endet ein Befehl,
wo beginnt Verantwortung?

Wir gingen durch das Schiff,
Schritt für Schritt.

Luken, die schnell gefunden werden müssen.
Gänge, die auch im Dunkeln Sinn ergeben.
Räume, die Schutz bieten
oder Enge erzwingen.

Ich maß Abstände nicht aus Neugier,
sondern aus Gewohnheit.

Wo stehen Menschen,
wenn es eng wird?
Wo sammelt sich Unruhe,
wenn der Boden sich hebt
und senkt?

Als Schiffsinfanteristin
lernte ich heute kein Kämpfen.

Ich lernte Ordnung.

Eine Ordnung,
die nicht stillsteht,
sondern mit Wind und Wellen arbeitet.

Die Aurora zeigte sich offen,
ließ sich lesen
in Balken, Seilen und Karten.

Und während wir lernten,
wuchs zwischen Holz und Menschen
etwas, das noch keinen Namen trägt:

Vertrauen.

Noch liegt sie ruhig im Wasser.
Noch kennt sie keine Eile.

Aber ich weiß nun,
wie ich mich auf ihr bewege.
Wo ich stehe.
Und wo ich stehen muss,
wenn aus Unterricht
Ernst wird.

Dies war nur der Anfang.

Doch selbst ein neues Schiff
merkt sich, wer ihm zuerst zuhört.

-

Und während ich nach dem Unterricht noch einige Momente mit Arjen blieb,
wurde mir etwas bewusst, das ich lange nicht benannt hatte.

Das Schwanken unter meinen Füßen,
das Knarren des Holzes,
der Geruch von Wasser und Tau –
all das war mir nicht fremd.

Es war vertraut.

Endlich zurück auf See.

Nicht als die, die ich einst war,
sondern als die,
die ich geworden bin.
Benutzeravatar
Greya Ontanu
Beiträge: 39
Registriert: Freitag 11. August 2023, 17:03

Re: Reys Gedichte und Geschichtenbuch

Beitrag von Greya Ontanu »

Ein weiteres Schriftstück findet seinen Weg in die Ledermappe – eines, das nicht aus einem einzelnen Moment geboren wurde, sondern aus Gedanken, die Greya schon lange begleiten. Über Wochen und Monate hinweg hatten sie Form gesucht, waren verworfen, neu gedacht und wieder beiseitegelegt worden, bis sie nun erstmals den Mut fand, sie in Worte zu fassen und niederzuschreiben.
Unruhe als Schutz

Gedanken einer Kriegerin.
(ohne Anspruch auf Wahrheit oder Richtigkeit)

Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich Antworten hätte.
Sondern weil mir Fragen geblieben sind.

Bestimmte Begriffe habe ich lange gemieden.
Zu schwer sind sie beladen, zu schnell missverstanden,
zu nah an Bildern von Maßlosigkeit und Gewalt ohne Zügel.
Und doch kehren die dahinterliegenden Gedanken immer wieder zurück,
seit ich ernsthaft darüber nachdenke, was es bedeutet, Ritterin zu werden.

Ich bin Kriegerin.
Noch kein Knappe, erst recht keine Ritterin.
Was ich hier festhalte, ist kein Lehrsatz, kein Schwur, kein Anspruch auf Richtigkeit.
Es ist der Versuch, meine Gedanken zu ordnen,
bevor ich lerne, sie mit Stahl zu vertreten.

Ich empfinde es als falsch, Feindschaft aus bloßem Hass zu leben.
Ich halte nichts von Gewalt, die sich selbst genügt.
Doch ebenso falsch erscheint mir die Vorstellung,
man könne Krieg allein auf Schlachtfeldern entscheiden,
ehrenhaft und abgeschlossen.

Unsere Welt funktioniert nicht so.

Es gibt Feinde, die keine Banner achten.
Die nicht auf offene Herausforderung reagieren,
nicht auf ritterliche Ordnung, nicht auf klare Fronten.
Sie gedeihen in Ruhe, in Sicherheit, in der Gewissheit,
dass niemand sie stört, solange sie nicht selbst vor die Tore treten.

Gegen solche Feinde reicht es nicht, nur zu warten.

Was im Volksmund oft abwertend benannt wird,
verstehe ich, in einer verantworteten Form,
als bewusste Unruhe.
Als das Stören feindlicher Ordnung.
Als das Nehmen von Zeit, Raum und Gewissheit.

Nicht, um Leid zu mehren.
Sondern um Schaden zu begrenzen.

Ein Feind, der gezwungen ist, seine Wege zu sichern,
seine Vorräte zu schützen, seine Kräfte zu binden,
hat weniger Raum, anderen Leid zuzufügen.
Ein Feind, der nie sicher ist,
kann keine langen Pläne schmieden.

Ich halte diesen Gedanken für gerechtfertigt.
Nicht, weil ich den Kampf suche,
sondern weil ich jene schützen will,
die nicht kämpfen können.

Große Schlachten entscheiden vieles.
Aber sie kommen oft spät.
Sie sind sichtbar, laut und ehrenhaft
und doch sind sie selten der Anfang,
sondern fast immer das Ende einer langen Entwicklung.

Diese Form des Handelns
steht für mich nicht im Widerspruch zur Ritterschaft.
Sie ist ihr unbequemes Gegenstück.
Die Arbeit, über die man nicht gern spricht.
Die Pflicht, für die es keine Lieder gibt.

Vielleicht ist genau das der Grund,
warum ich mich damit auseinandersetzen muss,
noch bevor ich den Weg der Knappschaft betrete.

Ich will lernen, Verantwortung zu tragen –
nicht nur für meine Klinge,
sondern für die Folgen ihres Einsatzes.
Ich will verstehen, wann Gewalt notwendig ist
und warum sie manchmal nicht dort stattfinden darf,
wo man sie erwartet.

Wenn ich eines Tages Ritterin bin,
dann möchte ich nicht nur wissen, wie man kämpft.
Sondern auch, wann es richtig ist,
dem Feind die Ruhe zu nehmen,
bevor er anderen das Leben nimmt.

Das sind keine Antworten.
Nur Gedanken.
Festgehalten, damit ich sie eines Tages prüfen kann.
Antworten