Der brünftige Hirsch
Vorwort
Es klagen all jene, die es mir nachtragen,
dass ich es wage, die Wahrheit zu sagen.
Ich werde feige geheißen, da ich meinen Namen nicht setze,
doch steht mir der Sinn nicht nach Regimentshetze.
Die Wahrheit wird nicht kleiner, wenn einer sie nennt,
ohne dass man ihn dabei erkennt.
Wer sieht, was der Adel treibt hierzuland,
der wagt es eher nicht, offen zu sein und bekannt.
Doch höret, ihr Leute, die neueste Kund
vom brünftigen Hirschlein — es ist die rechte Stund!
Der brünftige Hirsch
Ein gar unerquicklich Stück aus dem sittsamen F*der Buchstabe ist durchgestrichen* Lichtenthal.
Es begab sich in den geordneten, tugendstarren Gassen Adorans, dass ein gewisser hochedler Herr von Stand und Namen, dessen Wappen einen Hirsch ziert, sich in jüngster Zeit einen Ruf erwarb, der weniger nach Heldensang denn nach Kissenrascheln klang.
Man kennt ihn in den Straßen als den Hirschen von Hohenfels: stolz, gutaussehend, das Haupt mit der eingebildeten Krone hoch erhoben — und huflahm. Nun gut, letzteres ist für einen Hirschen weniger typisch, doch verkörpert er dafür einen anderen Aspekt des Königs des Waldes umso vollkommener. Denn wie der Hirsch zur Brunftzeit das Röhren nicht lassen kann, so soll auch jener Hochedle kaum ein pralles Mieder erblicken, ohne innerlich bereits mit den Hufen zu scharren.
Das Blut scheint ihm in jenen Momenten dem Hirne gänzlich abhandenzukommen und in andere Regionen des Körpers zu strömen. Neben einer unverkennbaren Verformung gewisser Partien seiner Magierrobe äußert sich dies zumeist darin, dass er die Herrschaft über seine Kinnlade vollends verliert und geraume Zeit benötigt, um seinen Unterkiefer wieder in die rechte Stellung zu bringen. Möglicherweise sind auch die in jüngster Zeit auf dem Adoraner Pflaster zu erkennenden Flecken auf einen erhöhten Speichelfluss in solchen Augenblicken zurückzuführen.
Nun könnte man sagen:
„Ei, was schadet’s? Ein junger Adliger in Sturm und Drang, ein loser Blick, ein wenig höfischer Übermut.“
Doch wer dies spricht, hat die halbe Geschichte nicht gehört — und die andere Hälfte wohl absichtlich verdrängt.
Denn während das Volk in ewige Kriege zieht und mancher brave Mann Gliedmaßen für Lichtenthal lässt, soll besagter Hirsch selbst aus seinem Verlust noch eine neue Kunst geformt haben. Es heißt, sein fehlendes Bein diene ihm weniger zur Mahnung an Opfermut als vielmehr zu allerlei unerquicklich galanter Gelegenheit.
So ward in der Schenke des Adoraner Hafenviertels geraunt, er habe eines Abends nach reichlichem Trunk und unter dem Vorwand, das Gleichgewicht verloren zu haben, derart unglücklich gegen eine Schankmaid gestrauchelt, dass sein edles Haupt schnurstracks in ihrem Mieder landete, wo es, wie boshafte Zeugen schwören, nicht eben mit hastiger Reue wieder hervortrat.
Manche nannten es einen Unfall.
Andere nannten es ein Wunder.
Die Schankmaid selbst soll gesagt haben, der Hochedle habe erstaunlich lange gebraucht, um sich wieder zu orientieren, alldieweil er doch sonst in der Stadt jeden Hauseingang im Dunkeln finde — zumindest sofern er eine attraktive Bewohnerin verberge.
Und während ein Fehltritt selten allein wandelt, so folgten alsbald weitere Gerüchte, deren Zahl so rasch wuchs wie das Geweih eines wohlgenährten Hirschen.
Da wäre zum einen die Gräfin von Meerswacht, mit welcher der Hochedle nach ausgiebigen Zusammenkünften in der Kleeblatt-Taverne auffallend oft denselben Heimweg genommen haben soll. Welch frommer Zufall, dass zwei edle Herzen so regelmäßig dieselbe Straße, dieselbe Stunde und offenbar auch dieselbe Sehnsucht teilen. Oder hat sich hier aus einer Lehrerin-Schüler-Beziehung womöglich etwas entwickelt, das weit weniger unschuldig ist? Denn die Schönheit der Gräfin ist mindestens ebenso gerühmt wie ihre magischen Fähigkeiten.
Die amourösen Abenteuer des Hirschen könnte man ja noch als einfaches „Die Hörner abstoßen“ abtun, würde er nicht zugleich auch die Herzen der Damenwelt brechen. So scheint er sich seit Jahr und Tag darum zu bemühen, das liebreizende Fräulein Serina Marcel aus Kronwalden, eine Bürgerliche, um seine Geweihsprosssen zu wickeln und ihr Hoffnung auf eine ernste Bindung zu machen.
In Anbetracht seiner Vorliebe für pralle Mieder und die sonstigen Vorzüge der Damenwelt erscheint es jedoch weit wahrscheinlicher, dass er darauf spekuliert, die erschwerten Bedingungen, die ein Adeliger erfüllen muss, um eine Bürgerliche zu ehelichen, und die damit verbundene lange Wartezeit könnten ihm gerade genug Zeit verschaffen, das Fräulein zuvor im Fleische zu erkennen, ehe er ihr dann doch unter Verweis auf seinen hohen Stammbaum die Türe endgültig vor der Nase zuschlägt, sobald es ernst zu werden droht.
Dies wäre wahrlich eine niederträchtige Art und Weise, mit dem Herzen einer Frau zu spielen. Leider scheint es also so, als umkreise der Hirsch dieses zarte Reh nur deshalb mit solch gespielter Sanftmut, um seine Unschuld zu rauben, während er andernorts längst mit nassem Atem durch fremde Hecken stößt.
Doch, o Leser, das wäre noch kaum der halbe Skandal.
Denn in jüngster Zeit wird mit leisem Kichern, halb hinter Fächern und halb hinter Weinkelchen, auch der Name seiner Leibwächterin gemurmelt: Iselda Rheinfried. Jene Frau, schlank, hochgewachsen und mit prächtigen roten Locken, gleicht einer Rose — und hat, gleich dieser, auch ihre Dornen. So fiel das Auge des hinkenden Hirschen auf sie. Er band sie unter dem Vorwand an sich, sie solle ihm mit ihren Dornen als Leibwächterin dienen; doch kennen wir alle unseren Hirschen zu gut, als dass wir dies guten Gewissens glauben könnten.
Ja, eben jene treue Begleiterin, die ihm Schatten, Stahl und Schutz sein soll. Es heißt, sie bewache mittlerweile nicht nur seine Wege, sondern auch seine Nächte, in denen er die roten Blütenblätter offenkundig mehr schätzt als die Dornen.
Man will gesehen haben, wie ihr Blick weniger den Feind als vielmehr den Herrn mustert; wie seine Stimme ihr gegenüber weicher werde als bei jeder Hofdame; wie zwischen Befehl und Gehorsam bisweilen eine Wärme stehe, die mit soldatischer Disziplin wenig und mit heimlichem Verlangen umso mehr zu tun habe.
Gewiss, gewiss — manch einer wird nun empört rufen, dies sei abscheuliche Verleumdung.
Und doch fragt man sich:
Weshalb trägt die Leibwächterin ihren Dienst so treu?
Weshalb weicht sie nicht?
Weshalb scheint der Hirsch gerade dort am zahmsten, wo er sich am sichersten wähnt, unbeobachtet zu sein?
Doch damit nicht genug.
Denn der liebestolle Hirsch schreckt auch nicht vor dem markierten Revier anderer zurück. So kann man häufig das späte Kommen und Gehen einer gewissen — an sich eher unscheinbaren — Heilerin an seinem Hause wahrnehmen. Eben jene ist jedoch offenkundig nun ebenfalls dem zweifelhaften Charme des Waldkönigs zum Opfer gefallen und verbringt häufig Abende und Nächte mit ihm, während ihr Verlobter — der frischgebackene Oberst des Lichtenthaler Regiments — nichtsahnend den Nachtdienst im Kastell verrichtet.
Während es aus Sicht der unscheinbaren Heilerin noch verständlich erscheinen mag, dass sie sich von der Aufmerksamkeit eines gutaussehenden Adeligen derart umgarnen lässt, dass sie sich ihm hingibt, erscheint es aus Sicht des Hirschen nur umso verwerflicher, dass er nicht einmal vor den Verlobten anderer Männer zurückschreckt.
Hat der Hochedle bei seinen Damen also neuerdings Geschmack an vergebenen Frauen gewonnen?
Oder ist die Heilerin nur das neueste Glied in einer Kette weiblicher Bewunderinnen, die er mit süßem Wort, schrägem Lächeln und lahmem Bein umgarnt?
Denn lahm, so scheint es, ist an diesem Herrn nur der Schritt — keineswegs aber der Wille, überall dort zu stolpern, wo Röcke rauschen.
Und so geht der Hirsch weiter durch Lichtenthal:
hier ein Kompliment,
dort ein Blick,
hier ein „Missgeschick“,
dort ein später Besuch,
hier ein frommes Werben um eine ehrbare Frau,
dort ein verdächtig inniges Verhältnis zur eigenen Wächterin oder einer vergebenen Dame.
Sollte man sich wundern, wenn bald halb Lichtenthal Hörner trägt, derweil doch eigentlich nur einer das Geweih im Wappen führt?
Man sagt, der Hirsch verliere alljährlich sein Geweih und lasse es neu wachsen.
Beim Hochedlen von Hohenfels jedoch, so fürchtet man, wächst etwas ganz anderes mit jeder neuen Bekanntschaft:
die Dreistigkeit.
Drum hütet eure Töchter, eure Gattinnen, eure Verlobten, eure Mägde und eure Leibwächterinnen.
Denn wo der brünftige Hirsch auftaucht, bleibt selten ein Mieder ungeachtet, ein Blick ungenutzt oder ein guter Ruf unbeschmutzt.
Und wenn Ihr nachts in Adoran Schritte hört, ein Kichern hinter Türen, ein Klopfen zur späten Stunde oder das verdächtige Scheppern einer Krücke am Pflaster —
dann betet, dass es nur der Wind war.
Denn schlimmer wäre es,
wenn der Hirsch wieder auf der Pirsch ist.
