Der Schatten des Misstrauens

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Althan
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Der Schatten des Misstrauens

Beitrag von Althan »

[oc: # Die Geschichte ist die IG-Sicht eines Charakters.]

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Aus den Aufzeichnungen von Althan

Ich bin Althan. Bewahrer von uraltem Wissen, Lexikon Alatariens und ein
Diener Alatars. Diese Namen habe ich mir nicht gegeben ich habe sie von
Anderen erhalten. Seit meiner Geburt hat mein Leben nur diesem einen Zweck
gegolten: zu dienen, zu lehren, zu schützen, zu beschützen. Und doch… selbst
der Standhafteste unter Seinen Dienern kann nicht verhindern, dass Zweifel in
sein Herz sickern. Seit Wochen lastet ein finsterer Schatten auf meinem Geist.
Kein gewöhnlicher Schatten, wie er über die Mauern zieht, wenn die Sonne sich
neigt. Dieser Schatten wurzelt tiefer, schmerzvoller… ein bohrender Schmerz.
Es ist ein Gewicht, das auf meiner Brust liegt, ein Flüstern in den Nächten,
wenn die Kerzen verlöschen und die Sterne einsam über den Wehrgängen des
Ordens schimmern. Es ist das Misstrauen, das mich heimsucht… kalt, nagend,
unbarmherzig. Und dieses Misstrauen richtet sich nicht gegen offene Feinde.
Nicht gegen die Völker jenseits der östlichen Grenze, nicht gegen die
Dämonen, die in den Finsternissen lauern. Nein. Es richtet sich gegen jene, die
wir Verbündete nennen. Gegen den Meister der Letharen und einigen seines
Volkes, das seit Jahrhunderten an unserer Seite steht. Doch was nützen Worte
von Bündnis und Treue, wenn ihre Taten in meinem Wahrnehmen ein anderes
Lied singen?
Immer wieder erwische ich mich bei Erinnerungen, die längst verblassen
sollten. An Rahal. An den Verrat. An das entsetzliche Sakrileg, als die Letharen
den Rat der Altruisten überfielen. Der Schmerz dieses Verrats hat sich tief in
mein Inneres gebrannt, tiefer als jede Narbe, die ein Schwert hätte
hinterlassen können. Und ich erinnere mich an das große Beben danach… ein
Erzittern der Erde, so gewaltig, dass ganze Türme schwanken und der Zugang
zum Leth’Axorn in den Tiefen unter Rahal verschüttet wurde. Viele nannten es
Zufall. Doch ich war nie Einer, der an Zufälle glaubt. Für mich war es ein
Zeichen. Ein Urteil. Eine Strafe Alatars selbst für jene, die seinen Willen
missachteten. In jenem Augenblick sah ich klar, dass die Letharen damals ihre
Wege vom göttlichen Pfad entfernt hatten... Ich erinnere mich daran als wir die
alte Burg der Schattenpanther, die von Reichsfeinden besetzt worden war und
die Letharen damals mit dem Orden und den Streitern Alatariens sie befreiten.
Ich war Zeuge gewesen, als die Letharen ihre Taten in den Vordergrund stellten
und vor Ahad Levar sich damit brüsteten, die Burg allein eingenommen zu
haben. Von mir zu diesem Zeitpunkt, kein Wort… Schweigen. Stille. Der Orden
und die Streiter taten sich nicht hervor. Schweigen. Es zählte nur das Ziel, das
Erreichen Seines Willens in der Sache. Doch vergessen habe ich nicht. Beugte
mich Seinem Willen, tat es als unwürdig ab es klar zu stellen und schwieg.
Wieder einmal.
Und nun, Jahre später, sehe ich dasselbe Muster wiederkehren. Täuschung.
Manipulation. Heimliche Absprachen, die uns ausschließen. Gespräche hinter
verschlossenen Türen und in unserer Anwesenheit in ihrer Sprache, für uns
unverständlich. Unser Orden, eine der tragenden Säulen des alatarischen
Reiches, wird nicht offen angegriffen… nein. Stattdessen sind die Informationen
rar und wo ich spüre, dass noch mehr vorgefallen sein musste, eine Mauer des
Schweigens. Kein offener Bruch, keine klaren Worte, nur dieses langsame und
unerträgliche Ersticken in mir, der Mann der es beobachtet. Pläne, die wir
gemeinsam schmieden wollten, versickern wie Wasser im Sand. Gespräche
über Lehrstunden für das Volk endeten ohne Antwort, ohne ein Bemühen, es
fortzusetzen. Und als es um unsere gemeinsame Geschichte ging, offenbarte
sich ihre wahre Absicht: Sie wollten nicht Seite an Seite schreiben. Sie wollten
umschreiben. Sie wollen vergessen machen, dass es der letzte Arkorither war,
der ihnen einst die Magie offenbarte. Sie wollten unser Vermächtnis löschen …
nicht durch Feuer und Blut, sondern durch Schweigen, durch ein schleichendes
Vergessen, das tödlicher wirkt als jedes Schwert. Ich schwieg. Ich tat, was von
mir verlangt wurde. Ich gehorchte, wie ich es immer getan habe. Doch in
meinem Inneren wuchsen die Dornen des Misstrauens, und jede neue
Zurückweisung ließ sie tiefer in mein Fleisch schneiden. Dann kam der Tag, an
dem der Schleier fiel. Ein Ritual der Letharen, erst viel später erfuhren wir
davon, durchgeführt im Heiligtum von Leth’Axorn, rief eine Horde von
Dämonen herbei... nicht jenseits unserer Grenzen, sondern mitten in unser
Reich. Von diesem Augenblick an wusste ich: Die Gefahr kam nicht länger von
außen. Sie war bei uns erwacht. Sie hatte sich mitten in den Leib des Reiches
eingenistet… und drohte, es von innen zu zerreißen. Risse sind nur schwer zu
kitten und ein Gefäß, was zerbrochen ist, wird gerichtet, nicht mehr sein wie
zuvor…

Die Entscheidung


In mir ruhte das überlieferte alte Wissen des Ordens, Wissen so tief und
gefährlich, dass es wie eine lodernde Fackel in einem Haus aus trockenem
Stroh war. Ein einziger Funke an der falschen Stelle, und alles, was ich bewahrt
hatte, würde in Flammen stehen. Es war nicht bloß das Erbe der Arkorither. Es
war das geheime Wissen über die Natur der Dämonen selbst, über die alten
Bindungen, über die Essenz ihrer Existenz. Ich trug in mir die Lehren der
ersten Magister und Erzmagier, die verborgenen Rituale, die verschwiegenen
Linien der Macht… Früchte meiner jahrelangen Forschung, mit niemandem
geteilt. Und ebenso trug ich das Wissen um die Templer Alatars, die Rituale
Seiner Manifestation, eine Erinnerung an Seine Präsenz in einer Zeit vor fast
zehn Jahren. Ich wusste um meine Söhne, wo sie verborgen, fern vom
Reichsgeschehen aufwuchsen. All dies durfte nicht in die falschen Hände fallen.
Schon gar nicht in die derer, zu denen ich nun zu gehen gedachte. Denn ich
wusste: Arenvir… der Feind… würde versuchen, in meinen Geist einzudringen.
Sein Wille ist scharf, seine Magie tief. Er würde suchen, graben, sich durch
Gedanken und Erinnerungen schneiden, bis er fand, was er begehrte. Und
vielleicht… vielleicht würde es ihm gelingen. Doch ich bereitete mich vor. Nicht
mit Klingen. Nicht mit Schutzzaubern. Sondern in mir. Ich versank in tiefer
Meditation, stieg hinab in mein eigenes Inneres wie in ein uraltes Archiv.
Schicht um Schicht legte ich frei, was ich getragen hatte: Erinnerungen,
manche klar wie Bergkristall, andere von Schatten verhüllt. Ich suchte nicht
nach Erlebnissen, sondern nach Fragmenten von Wissen… nach den Splittern
der Wahrheit, die wie helle Sterne in der Dunkelheit meines Geistes funkelten.
Als ich sie fand, begann ich mit der Abgrenzung. Ich rief die uralten
mentalmagischen Techniken herauf, Konstrukte, die tief in unserer Tradition
verwurzelt waren. Dazu verband ich sie mit jenen Lehren, die ich in K’awi an
der Akademie der arkanen Künste erlernt hatte. Ich legte Schutzkreise in
meinem Geist… nicht aus Kreide oder Blut, sondern aus reiner Willenskraft. Ich
versiegelte sie mit inneren Zeichen, Runen aus Gedanken und disziplinierter
Magie. Jedes Wissensfragment wurde eingeschlossen, abgeschirmt, verborgen
hinter Schleiern aus Licht und Feuer. Doch ein Schutz ist nur so stark wie sein
Schlüssel. Also erschuf ich einen: einen Kristall, klar und facettiert, harmlos für
jedes Auge. Doch in seinem Inneren ruhte die magische Signatur meines
Geistes… mein Abdruck, meine Essenz. Nur durch ihn konnte die Versiegelung
je wieder gelöst werden. Ohne ihn bliebe das Wissen unantastbar. Und jeder,
der versuchte, mit Gewalt darauf zuzugreifen, würde mein Bewusstsein
zerstören… mein letztes Bollwerk, mein geheimer Eid: Mein Geist gibt nichts
preis. Nicht einmal im Tod. Ich übergab den Kristall niemandem, dem man
Bedeutung zuschreiben würde. Kein Bote. Kein Hüter. Keine Truhe. Ich legte
ihn in die Hände eines Wesens, das ihn nicht verstand, das ihn nicht verraten
konnte. Für dieses Wesen war es nur ein Stück Glas. Für mich war es alles. Als
ich die letzte Versiegelung vollzog, geschah etwas, das ich nicht erwartet
hatte: Eine Ruhe senkte sich über mich. Keine Bedenken. Kein inneres Beben.
Nur Stille. Eine stille, klare Gewissheit, die alles überstrahlte. Sollte ich fallen,
dann fällt mein Wissen mit mir. Und niemand wird es je entreißen.

Denn ich bin Althan. Und ich bin kein Verräter.

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"Ich denke, ein Mann tut, was er kann, bis sein Schicksal offenbart wird." (Algren)
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Beitrag von Althan »

[oc: # viewtopic.php?t=124017 ]

Einige Wochen zuvor…

Die Vorbereitung abgeschlossen und so gewappnet gen Versuche mein Wissen
zu entreißen, sollte ich in Gefangenschaft geraten… brach ich auf, um darüber
nachzudenken fern des Reiches und widmete mich meiner anderen Pflicht. Den
Osten auskundschaften und über Aayron Arenvir erneut zu provozieren und in
Bewegung zu halten.
Alles eine Art der Betrachtungsweise, ich gab dem Kleinen wertvolle Lektionen
in Bezug auf Gefangennahmen, Arenvir sollte mir dankbar sein. So verließ ich
die Ordensburg. Fort vom Schutz der Mauern, hinaus in ein Land, das uns seit
jeher als feindlich galt. Der Osten ein Reich, das mich als ihren Feind führte
und mein Auftauchen stets für Unbehagen sorgte, besonders dann, wenn ich
sie allein erwische. Ich reiste nicht in der Würde eines Gesandten, nicht in der
Macht eines Heerführers, sondern im Mantel der Stille, verborgen,
verschlossen. Denn was ich suchte, war nicht Ruhm... es war Erkenntnis. Jeder
Schritt in jenem Land war ein Schritt über dünnes Eis, vor allem wenn man wie
ich meist allein unterwegs war. Ich suchte die Orte auf, an denen ich Feinde
des Reiches vermutete, und mein Ziel war nicht, sie zu richten, sondern ihnen
zu schaden, sie zu schwächen, sie zu erkennen und noch besser kennen zu
lernen.
Dort begegnete ich Aaryon… ein junger Mann, der uns seit Wochen ein Dorn im
Auge war. Er hatte Adepta Nymeria angegriffen. Doch eigentlich war nicht er
mein Ziel, sondern der Mann hinter ihm. Oder eher sein Lehrmeister Arenvir,
dessen Schüler er war. Mein Weg führte über Aaryon zu ihm und er sollte ruhig
merken, dass sein Schüler in den Fokus meiner Aufmerksamkeit gerückt war.
Ein noch junger Feind und mir nicht gewachsen, aber das heißt nicht, dass ich
das Gespräch nicht suchen dufte. Und doch ließ ich ihn am Ende ziehen,
nachdem ich genommen hatte, was ich brauchte: eine lederne Schwertscheide
mit dem Wappen derer von Hohenfels. Seiner Familie. Denn in jener
Begegnung ging es nicht um seinen Sturz, sondern um die Vollendung eines
größeren Werkes.
Dieses Werk aber lag in den Händen von Nymeria, einer Adepta meines
Ordens. Jung an Jahren, doch brennend vor Entschlossenheit, trug sie die
Verantwortung, den Schlag gegen unsere Widersacher zu führen. Sie war
ehrgeizig und erinnerte mich an meine ersten Schritte hier im Orden. Ich sah
sie als ein stilles Messer im Schatten, von mir gefördert und geführt. Als ich
Aaryon verschonte, war es kein Akt der Gnade. Es war ein Kalkül. Mein innerer
Dämon begehrte auf, wollte ihn vernichten als den Feind den er erkannt hatte,
doch ich ließ es nicht zu. Ich spürte mehr und mehr den Konflikt zwischen ihm
und mir, das Aufbegehren, das Auflehnen gegen meine Entscheidungen. Ich
nahm also Aaryon was ich brauchte, sein Eigentum, das in Nymerias Händen
zu einer Waffe werden würde.
Auch Emilia Arragar und die Rahal treu ergebenen Diener des Raben trugen
ihren Anteil dazu bei, dass ein Fluch auf die lederne Schwertscheide erwirkt
wurde. Nymeria war diejenige, die das Werk gegen den Feind vollendete,
unbeirrt, präzise, wie eine Klinge, die an der Kehle verharrt, bis sie mit einem
einzigen Schnitt entscheidet. Doch während ich sie gewähren ließ, brannte in
mir ein anderes Feuer. Denn ich wusste, dass auch Nymeria, so klug und
standhaft sie war, nur ein Spielball in einer größeren Ordnung blieb... in einem
Spiel, das ich selbst kaum mehr durchschaute. Ihr Mut und ihr Opfer
erinnerten mich daran, dass es nicht nur um Magie und Macht ging, sondern
um das Reich, um die Menschen, die Schutz suchten und Treue gaben. Und
während ich sie wirken ließ, während sie den Feind traf, wo ich nur den Weg
bereitet hatte, begann ich zu ahnen, wie sehr mich meine eigenen
Entscheidungen fesselten. Denn ich, der über andere richtete, begann mich
selbst nicht mehr freisprechen zu können, dass ich mehr und mehr zweifelte...

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Die Abkehr des Dämons

Beitrag von Althan »

15. Searum 268

So kam es also, wie es kommen musste. Der Dämon in mir, der lange mein
dunkler Begleiter gewesen war, meine verborgene Waffe, mein ständiger
Schatten, begehrte auf. Doch dieses Mal war es anders. Nicht wie sonst, wenn
er sich aufbäumt, sich spannt wie eine Kette, die gegen ihre Fesseln schlägt.
Nein, er erhob sich wie ein Richter. Er stellte mich in Frage. Nicht mit Flüstern,
nicht mit Versuchungen. Sondern mit der Abkehr. Er sprach mir die Würde ab,
ihn in mir zu tragen. Ich sei seiner nicht würdig. Ich würde den Orden nicht
dahin führen, wo er hinkommen soll.
Seine Worte tropfen in mein Sein und dort veränderte sich etwas. Trotz meines
Widerstandes gegen ihn, merkte ich, wie er mir mehr und mehr das Leben aus
meinem Körper quetschte, mir entglitt. Und am Ende er ließ mir die Wahl:
sterben oder leben. In diesem Augenblick riss etwas in mir. Nicht bloß Fleisch,
nicht bloß Widerstand… es war, als ob die Grundpfeiler meiner Seele
zerfaserten und sich neu formierten. Ein Schmerz, brennend und reinigend
zugleich, durchfuhr mich, so scharf, dass ich glaubte, ich würde sterben. Ich
sah Dunkelheit, die tiefer war als jede Nacht, und doch… ich stieß nicht ins
Bodenlose. Denn inmitten dieses Schmerzes, als alles in mir zu zerbrechen
drohte, erhob sich ein neues Gefühl. Es war keine Angst. Es war keine
Verzweiflung. Es war Erkenntnis. Ja und... ich musste lachen. Lachte mitten im
Schmerz, mitten im Zerreißen.
Denn in dieser Qual erkannte ich, was der Dämon nicht begriff: Seine Abkehr
war nicht meine Niederlage. Sie war meine Befreiung. Ich wusste in diesem
Moment noch nicht, was es bedeutete. Doch tief in meinem Herzen dämmerte
mir eine Wahrheit: Ich war nicht gefallen. Ich konnte zum ersten Mal seit
Jahren frei wählen, wohin mich mein Weg führen würde. Doch diese Freiheit
brachte mir in diesem Augenblick immer noch keinen Frieden. Denn während
der Finsternis wich, tat sich ein anderer Abgrund in mir auf wie ein Riss, der
viel tiefer schnitt. Das Band zwischen mir, meinem Orden und Alatar selbst,
dass mich ein Leben lang getragen hatte, dass ich über alles gestellt hatte,
begann sich aufzulösen.
Das Loslassen von allem, was mir hier im Reich etwas bedeutet, hatte meine
Familie und Heimat. Es war, als ob ein altes, mürbes Seil riss, Faser um Faser.
Erst kaum spürbar, dann unaufhaltsam. Und mit jeder Faser, die nachgab,
wuchs der Zweifel: Welche Frucht trugen meine Opfer, mein Gehorsam, mein
Dienst hier? Und so stand ich nun… frei von dem Dämon, doch gefangen in
einer neuen Frage: War ich von Anfang an nur eine Schachfigur? Die Antwort
fand ich nicht. Stattdessen fand ich etwas anderes. Stille. Eine Stille, so
vollkommen, dass sie mich erschreckte.
Kein Flüstern mehr. Kein Pochen, kein inneres Beben oder Aufbegehren. Kein
Kampf. Nur Ruhe. Klarheit. Und in dieser Klarheit fasste ich eine Entscheidung.
Eine Entscheidung, die mich alles kosten würde was ich all die Jahre an erster
Stelle gestellt hatte. Für was genau noch einmal? Ich musste nachdenken.
Doch in diesem einen Moment, rein wie das erste Licht des Morgens, wusste
ich: Ich könnte eines Tages wirklich frei sein.

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Zuletzt geändert von Althan am Donnerstag 23. Oktober 2025, 17:35, insgesamt 3-mal geändert.
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Althan
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Verwundet...

Beitrag von Althan »

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25. Searum 268


Doch auch kein unversehrter Mann. Die Abkehr des Dämons… einst mein
dunkler Schatten, meine verborgene Waffe, meine Kette und nun mein
Richter… hatte Spuren hinterlassen, die tiefer schnitten als alle Klingen, die ich
je gekannt hatte. Als er mich verließ, zerriss er nicht nur mein inneres
Gleichgewicht, sondern auch mein Fleisch. Der Riss war sichtbar und er
brannte wie Feuer unter meiner Haut. Ich spürte es sofort… ein inneres
Bersten, ein Druck, als hätte etwas in mir sich umgekehrt. Ich wirkte Magie,
um den Schaden zu heilen. Und es gelang, aber nur zum Teil. Doch tief in
meinem Leib blieben Spuren zurück, unsichtbar und gefährlich. Innere
Blutungen, verborgen unter der Haut, waren zum Stillstand gekommen… nicht
durch Heilung, sondern durch das eigene Gewebe, das sich gegen den Tod
stemmte.
Ein empfindliches Gleichgewicht, das jeden Moment kippen konnte. Dann kam
das Fieber. Zuerst leise. Eine Hitze in der Nacht, ein Frösteln bei Tage. Dann
kam der Schmerz, dumpf und wandernd. Eine Infektion hatte sich eingenistet…
träge, heimtückisch. Ich roch es im Schweiß. Ich sah es in der Farbe meiner
Haut. Ich hörte es in meinem Husten. Langsam, allmählich, begann mein
Körper sich selbst aufzugeben. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Nicht für Kämpfe.
Nicht für Worte. Nicht für Spiele der Magie oder Diplomatie. Ich bin zu
schwach, um mich zu verteidigen oder mich gegen jene zu stellen, die mich
nun bald als Abtrünnigen erkennen und so sehen werden.
Der Orden, dem ich mein Leben gegeben habe, erkenne ich nicht mehr. Und sie
erkennen mich nicht wieder. Sein Weg ist nicht länger der meine. Auch Alatar
schweigt. Ich spüre nicht mehr den tiefen Glauben an ihn. Und so… leise,
innerlich… nehme ich Abschied. Ich sage mich los. Vom Orden. Von Alatarien.
Von Alatar selbst. Ich war und bin ein Diener, ein Hüter, ein Lehrer. Doch ich
bin keiner von ihnen mehr. Und mit diesem letzten Gedanken… bin ich ein
Feind. Ein Feind, geschwächt und allein. Leicht zu töten. Vielleicht schon bald
tot. Doch noch lebe ich.

Der Weg nach K’awi war lang, aber ich spürte ihn kaum. Nicht wegen der
Erschöpfung… die war mein ständiger Begleiter. Nein. Es war die Leere. Eine
Stille in mir, die alles dämpfte. Gedanken, Schmerz, selbst das, was einst mein
Wille war. Ich hatte nichts mehr zu geben, und dennoch trug ich die Maske
eines Mannes, der noch etwas bedeutete. Die Akademie der Arkanen Künste
erwartete mich. Oder besser: sie erwarteten, den Abgesandten des Ordens der
Arkorither. Doch dieser Mann war tot. Mein Fehlen im Orden würde nicht sofort
auffallen. Die Rituale und geplanten Gespräche, die Unterrichte und das ewige
Spiel der Macht, all das verschleierte meine Abkehr. Ich war Teil eines Systems,
das sich stets selbst erneuerte, das Abwesenheit als Teil seiner Struktur
verstand. Ich wusste, dass meine Ankunft in K’awi nicht sofort Fragen
aufwerfen würde. Vielleicht nie.
Der Stadtrand von K’awi erhob sich im goldenen Licht der untergehenden
Sonne hohe Mauern eingebettet im Dschungel Heiß und schwül nahm mir die
Luft fast den Atem und lag wie ein Alp auf meiner Brust. Zwischen den
Terrassen, Wassergärten und hohen, bunten Arkaden flackerten bereits die
Lichter der Laternen. Ich zog die Kapuze tiefer ins Gesicht. Meine einfache
Gewandung trug keine Zeichen mehr. Ich würde die bekannten Wege betreten.
Die Bibliothek. Vielleicht würde ich sogar auf alte Gesichter treffen… Schüler,
Kollegen, Rivalen. Doch ich war nicht gekommen, um zu lehren. Nicht um zu
beraten. Nicht um zu vermitteln. Ich war gekommen, um zu suchen.
Hilfe. Oder mein Ende. Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe,
mich bis zu ihrer Tür zu schleppen. Jeder Schritt lies mir meine Verletzungen
schmerzend bewusstwerden. Die Rippen schmerzten bei jedem Atemzug, und
doch hielt ich mich aufrecht… wenn auch nur gerade so. Ich durfte nicht
zusammenbrechen. Noch nicht. Als ich die Steintreppe hinabstieg, war jeder
Tritt eine Qual. Der Gedanke an das, was ich tun musste, war der einzige
Antrieb, der mich aufrecht hielt. Meine Finger zitterten, als ich nach der
Klingelschnur griff. Klingeling. Nur ein dünnes Bimmeln, aber es reichte. Sie
öffnete die Tür, überrascht, mich zu sehen. „K’awi xan’yasha, Collegus. Es
kommt nicht oft vor, dass ihr mich daheim besucht.“ Ihr Lächeln war matt,
aber warm. Ich konnte es kaum erwidern. Meine Lippen formten ein
angedeutetes Lächeln, doch es verzerrte sich unter dem Schmerz. „Ja...“
brachte ich hervor und nickte. „Matriarchin... darf ich...?“ Meine Stimme klang
brüchig. Ich fühlte mich wie ein Schatten meiner selbst. „Wollt ihr nicht
reinkommen?“ fragte sie und machte Platz. Ich taumelte ein wenig, stützte
mich an der Mauer. Mein Körper streikte, aber mein Wille zwang mich weiter.
„Ihr wirkt, als hätte Arenvir euch ordentlich erwischt?“ fragte sie mit einem
fragenden Blick. Ich zuckte nur kurz. Wenn ich hätte lachen können, ich hätte
es vielleicht versucht… stattdessen riss mich die Bewegung fast in die Knie.
„Nein... nicht Arenvir...“ kam es gepresst aus meiner Kehle. Ich schaffte es ins
Innere, ihre Sorge wuchs sichtbar. „Ich... benötige einen Heiler, Angelica...“
Mein Atem war flach, jeder Satz ein Kraftakt. Sie antwortete ruhig, doch auch
sie wirkte überfordert. „Bei uns wäre das Andarc... bedauerlicherweise liegt er
selbst mit Grippe danieder. Und meine Partnerin ist nicht da...“ „Ihr könnt mir
nicht helfen... es geht tiefer...“ Mein Blick traf ihren. „Euch vertraue ich.“ Sie
musterte mich erneut. Verwirrt. Doch sie nickte. „Vielleicht... ich könnte eine
Diagnose stellen. Was sind denn die Symptome?“ Ich schüttelte langsam den
Kopf, während ich mich wieder an die Wand stützte. „Ich muss fort... weg von
hier...“ Etwas in mir trieb mich weiter, ließ mich ihre Nähe suchen, auch wenn
ich kaum noch stehen konnte. „Ich will K’awi nicht in Gefahr bringen...“
„Collegus, ich helfe euch wie ich kann… mit allem, was ich habe.“ Ihre Stimme
war nun ernster, entschlossener. „Irgendwann wird man mich suchen...“ sagte
ich fahrig. Meine Gedanken waren nur noch Nebel. Die Schmerzen rissen an
mir. „Ich... kann nicht... die Verletzung ist zu groß...“ Ich war sonst
redegewandt, doch jetzt fiel selbst das Denken schwer. „Habt ihr einen
Ankerstein... nahe einer Kutschstation?“ Sie hob eine Augenbraue. „Das habe
ich. Ich kann euch auch bringen… wohin immer ihr müsst. Düstersee? Rahal?“
„Nein...“ flüsterte ich. „Wenn sie euch fragen... sollt ihr nicht für mich lügen.“
Ich sah sie eindringlich an. „Ich will nicht, dass sie euch... mit hineinziehen.“
„Ich kann euch auch nach Bajard bringen...“ sagte sie vorsichtig, und fügte
hinzu: „Euer Zustand besorgt mich nun sehr.“

Ich lachte nicht, was ich sonst getan hätte. Stark und gefeiht gen alle Gefahren
mich ihnen ohne Zögern stellend, doch nun… ich konnte nicht. Stattdessen
spürte ich das Rasseln in meiner Lunge. „Ich... kann nicht hier verweilen... ich
bin schon zu lange hier.“ „Lebt wohl, Angelica.“ Ich versuchte ein Lächeln, aber
es war schwach, traurig, schmerzerfüllt. „Ich weiß nicht, ob wir uns so schnell
wiedersehen.“ Sie schwieg. Doch ich sah es in ihren Augen… diese Mischung
aus Sorge, Unverständnis und Zuneigung. „Wenn ihr wollt... öffne ich einen
Weg. Ein bisphärischer Tunnel.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass ihr
wisst, wohin ich gehe... sie werden kommen...“ Die Worte wurden schwer wie
Blei. „Ich kann nicht riskieren, dass sie euch befragen und ihr es wisst.“ Sie
nickte. Schweigend. Vielleicht verstand sie es… vielleicht nicht. Aber sie
widersprach nicht mehr. „Ich sehe, ich kann euch nicht davon abbringen.“
Sie führte mich in den unteren Bereich ihres Hauses. „Ich habe ein Pentakel
vorbereitet. Folgt mir bitte.“ Ich tat, wie sie sagte. Jeder Schritt brannte, aber
ich folgte ihr. „Maestro?“ fragte sie leise. „Nein... kein Maestro...“ murmelte
ich. „Ich bin... unwürdig... in seinen Augen... nehmt Magister.“ Sie blickte
überrascht, sagte jedoch nichts weiter. Sie trat an das vorbereitete Pentakel,
begann zu wirken das Lied zu manipulieren, das den Raum verzerrte und
öffnete. Ich spürte ihre Magie, wie sie den Tunnel erschuf… einen Weg fort von
hier. Ich war dazu in meinem Zustand nicht mehr in der Lage. Fort von allem,
was ich kannte. „Wissen und Weisheit, Collegus...“ sagte sie leise. Ich wandte
mich ihr noch einmal zu. Berührte ihre Hand. „Ich werde euch nicht
vergessen... Matriarchin.“ Dann trat ich hindurch… in das Unbekannte,
getragen vom Schmerz und dem letzten Rest meines Willens.
Und so führt mich mein Weg gen Osten, wo sich alles überschneidet.
Denn ich bin Althan.
Und ich bin bereit.
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Zuletzt geändert von Althan am Donnerstag 23. Oktober 2025, 17:35, insgesamt 5-mal geändert.
"Ich denke, ein Mann tut, was er kann, bis sein Schicksal offenbart wird." (Algren)
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Beitrag von Althan »

26. Searum 268


Der Regen hatte eingesetzt, als Fleur von Bourgo, Vogtin von Junkersteyn, die
schwere Holztür des Wachturms aufstieß. Tropfen perlten von ihrem Umhang,
während ihr Begleiter…ein großer grauer Wolf namens Yothun, sich schüttelte
und Wasser in alle Richtungen sprühte. Mit einem leichten Nicken hatte sie die
Wachen begrüßt, das Körbchen mit den Vorräten im Arm. Im Innern des
Turmes war es dämmrig, die Luft schwer vom Geruch alter Steinmauern und
trockenen Strohs.
Fleur runzelte die Stirn, als sie die Erzählung der Wachen vernahm ein
Fremder, vergangene Nacht hereingeschneit, verletzt und erschöpft. Ohne
Unterkunft, ohne Namen. Sein Atem flach und mühsam, in dem zu kleinem
Bett, die Stiefel noch an den Füßen, die Augen geschlossen… schlafend
vielleicht, das war alles was sie vorfand. „Hallo?“, rief sie mit einem sanften
Ton in die Stube hinein, die Hände noch mit dem Korb beschäftigt. Keine
Antwort. Sie trat weiter vor, klopfte vorsichtig an den Türrahmen des kleinen
Schlafraums. Der Fremde rührte sich kaum, seine Kleidung vom Staub und
Dreck der Lande gezeichnet. Als sie sich näherte und ihn schließlich am Fuß
berührte, zuckte dieser auf… ein raues, schmerzhaftes Stöhnen entwich seinen
Lippen. Erschrocken taumelte sie einen Schritt zurück, die Hand an die Brust
gelegt. „Herje... Ihr habt mich erschreckt!“ Ihre Stimme zitterte kurz, doch sie
fasste sich schnell wieder. Etwas an dem Mann weckte nicht nur Mitleid,
sondern auch Neugier. Sie versuchte es mit Parfum… fruchtig, blumig,
hoffnungsvoll… hielt es ihm unter die Nase, so als wäre es Riechsalz. Der
Fremde wandte sich ab, murmelte etwas Unverständliches, ehe er… fahrig und
fern… das Bett sein Eigentum nannte und sie fortschicken wollte. „Ich bin gar
nicht in eurem Bett“, erwiderte sie, beinahe empört. „Ich stehe nur daneben.“
Langsam dämmerte ihm offenbar der Irrtum. Seine Worte wurden klarer, sein
Blick… wenn auch erschöpft und müde… suchte ihren. Doch jeder Atemzug
schien ihm Mühe zu bereiten. Schließlich presste er heiser: „Ich... sterbe...“
„So schnell stirbt man nicht“, antwortete Fleur mit sachlicher Bestimmtheit,
und doch klang ein Anflug von Sorge in ihren Worten mit. Als er sich mühsam
aufzurichten begann, half sie ihm. Ihr Griff war stützend und dennoch war
seine Hand fester als sie erwartet hatte. Ob aus Angst zu fallen oder aus
Resten eines Stolzes, der nicht sterben wollte. „Ihr braucht einen Heiler“,
stellte sie fest. „Und nicht nur ein neues Bett.“ Mit Mühe schleppten sie sich
aus dem Wachturm. Der Regen trommelte auf das Pflaster von Junkersteyn,
Yothun trottete wachsam an ihrer Seite. Fleur trug das Körbchen, stützte den
Mann, dessen Schritte langsamer und schwerer wurden. Sie sprach ruhig auf
ihn ein, führte ihn mit sanfter Konsequenz durch die Gassen. „Noch ein Stück.
Schritt für Schritt“, murmelte sie. „Wir bringen euch zu jemandem, der euch
helfen kann.“ Er stolperte, mehrfach. Doch sie fing ihn auf, hielt ihn aufrecht,
wie eine Wand zwischen ihm und dem endgültigen Fall.
Die Vogtin und der Fremde… ein merkwürdiges Bild in dem nächtlichen Dorf.
Schließlich hob er den Blick, blinzelte gegen den Regen, und fragte mit
brüchiger Stimme: „Wie heißt ihr…?“ „Fleur von Bourgo“, sagte sie ruhig.
„Vogtin von Junkersteyn.“ Er nickte kaum merklich. Dann senkte er wieder den
Blick und ließ sich von ihr weiterführen, hin zu jenem Licht, das selbst in den
tiefsten Schatten von Junkersteyn noch brannte. Die Treppe knarrte leise unter
dem Gewicht der beiden Gestalten, als Fleur von Bourgo den erschöpften
Fremden mühsam Stufe für Stufe hinauf bugsierte.
Er stützte sich schwer auf sie, jeder Schritt eine kleine Herausforderung, als
würde ihm jede Kraft aus den Gliedern entweichen. „Nur noch ein paar
Schritte…“, brummte Fleur zwischen zusammengebissenen Zähnen, die
Anstrengung kaum verbergend. Seitlich ging es nicht, also schob sie ihn mehr
oder weniger einfach vor sich her. „Ihr... bringt...“, krächzte er heiser, seine
Stimme kaum mehr als ein raues Flüstern. „…ins Bett“, beendete sie knapp
seinen Satz, ohne innezuhalten. Die Müdigkeit lastete spürbar auf beiden, nicht
nur auf ihm.
Oben angekommen, ließ sie ihn auf das Bett sinken, wo er ohne Widerstand
zusammensackte, wie ein schwerer Sack, der endlich den Boden erreicht hatte.
Er lag da, noch vollständig bekleidet, und atmete mühsam… ein Bild der
Erschöpfung. Er tat nichts mehr, ließ alles mit sich geschehen, zu schwach, um
sich dagegen zu wehren oder überhaupt zu reagieren. Fleur sank auf einen
Hocker neben dem Bett, streckte die müden Beine und atmete tief durch.
Einen Moment lang sagte sie nichts, ließ die Stille wirken, während draußen die
Nacht sich tiefer über das Land legte. Dann erhob sie sich wieder, trat an eine
schlichte Kiste und kramte daraus ein paar Kissen und eine Decke hervor. Mit
ruhigen, fast schon fürsorglichen Bewegungen machte sie das Lager etwas
gemütlicher, legte die Decke zurecht, klopfte ein Kissen und schob es ihm unter
den Kopf. Dabei beobachtete sie ihn aus dem Augenwinkel… die schweren
Atemzüge, die geschlossenen Augen, die Schwäche. „So… nun müssen wir
euch aber mal etwas ausziehen… das geht ja so nicht“, meinte sie leise, mehr
zu sich selbst als zu ihm gesprochen, und streckte vorsichtig die Hände aus.
Er blinzelte schwach, öffnete die Augen einen Spalt und sah sie an. „Ehm…“,
mehr brachte er nicht hervor. Widerstand war auch nicht ersichtlich. Mit
ruhigen, sachlichen Bewegungen begann sie, ihm die äußeren
Kleidungsschichten abzunehmen. Sie arbeitete mit Bedacht, informierte ihn
leise, was sie tat, auch wenn er kaum antwortete. Er war zu geschwächt, um
sich zu widersetzen oder gar klar zu sprechen, aber seine Zustimmung schien
durch das Ausbleiben jeder Reaktion gegeben.
Stück für Stück legte sie die Kleidung beiseite. Alles, was sie entfernte, wurde
ordentlich gefaltet und am Fußende des Bettes abgelegt. Ihre Hände zitterten
nicht, auch wenn das, was sie tat, kein alltäglicher Dienst war. Es war
notwendig, nicht mehr und nicht weniger. Als sie seine alten Bandagen sah,
wusste sie, dass mehr zu tun war. Sie beugte sich vor, prüfte ihren Zustand,
und löste sie dann vorsichtig. Ohne lange zu zögern, erhob sie sich, holte
frisches Wasser vom Ofen, saubere Tücher, neue Verbände… alles, was sie
brauchte, um ihn zumindest fürs Erste gut zu versorgen. Zurück am Bett
begann sie, die betroffenen Stellen vorsichtig zu säubern. Sie arbeitete
konzentriert, sprach kaum, außer einem gelegentlichen „Schon gut“ oder
„Gleich geschafft“, wenn er sich unter ihrer Berührung unruhig regte. „Ein
Schluck hiervon wird helfen“, sagte sie, als sie ihm eine kleine Flasche mit
hochprozentigem Schnaps reichte. „Aber nicht alles, hörst du?“ Er trank… zu
viel, ihrer Meinung nach… aber zumindest hielt es ihn benommen, während sie
die alten Verbände entfernte und durch neue, saubere Verbände ersetzte. Die
Wunden wurden gereinigt, mit einer Tinktur behandelt und dort, wo es
notwendig war mit kleinen Stichen genäht.
Ihre Bewegungen blieben ruhig, kontrolliert, so sachlich wie ein eingespielter
Ablauf. Als alles getan war, lehnte sie sich zurück. Mehr konnte sie in diesem
Moment nicht tun. Sie betrachtete ihn einen Augenblick lang schweigend. Die
Müdigkeit hatte auch sie längst erreicht. „Wenn du morgen noch atmest“, sagte
sie leise, fast wie zu sich selbst, „dann haben wir vielleicht eine Chance.“ Er lag
erschöpft da, seine Haut von einem dünnen Schweißfilm bedeckt, und zuckte
gelegentlich unkontrolliert, als ob er einen schlimmen Traum durchlebte. Fleur
von Bourgo betrachtete ihn zufrieden, bewunderte, wie gut ihre Versorgung
bisher gelungen war, und begann dann, die Utensilien ordentlich wegzuräumen.
Sie holte noch eine weitere Decke und ein Kissen, um ihn komfortabler zu
betten. Als sie zurückkam, beugte sie sich über ihn und tätschelte ihm leicht
die Wange. „Nicht schlafen...“, mahnte sie leise. Er blinzelte benommen, wirkte
träge und sprach unzusammenhängend. Sie versuchte ihm ein Kissen unter
den Kopf zu schieben, doch er wirkte verwirrt und schwach. Kurz murmelte er
leise etwas wie „Komm zu mir, meine Hübsche“, bevor er erneut abdriftete.
Fleur legte ihm die Decke über die Schultern, die mit einem hübschen
Blumenmuster verziert war. Seine Hand fuhr fahrig nach ihrem Handgelenk,
und für einen kurzen Moment gelang es ihm, es zu erwischen und es kurz zu
drücken. Er wollte etwas sagen, aber sein geschwächter Körper verwehrte es
ihm. Es war, als wolle er etwas sagen, aber seine Worte waren unklar. Fleur
runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf und versprach ihm, nur kurz etwas zu
holen. „Ich hol nur noch etwas... bin gleich da...“, sagte sie beruhigend. Er
murmelte „Kaffee...?“ Eine Erinnerung an eine andere Zeit und ein anderer Ort,
beschäftigte ihn. Er war ihr fern. Schnell eilte sie zur Notfalltasche und kam mit
einem Trank zurück. Sie versuchte, ihm den Trank einzuflößen, und sagte dabei
fast fürsorglich: „Hier, der hilft dir bestimmt beim Schlafen.“ Er nahm den
Trank und schluckte, auch wenn er sich etwas über die ungewohnte Flüssigkeit
beschwerte. Kaffee war es nicht.
Kurz darauf glitt er in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Fleur legte den Kopf
schief und blieb neben ihm sitzen, bis sie sicher war, dass er fest schlief. Sein
Atem war zwar noch flach und er hatte Fieber, doch die Ausbreitung der
Infektion schien verlangsamt, auch wenn die größte Wunde unter dem
Rippenbogen noch nicht vollständig versorgt war. Trotzdem schätzte sie, dass
er die nächsten Tage überleben würde.
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Ekatharyna von Silbersteyn

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28. Searum 268

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Ich lag da, still, halb wach, halb in einem Nebel aus Erschöpfung, Schmerzen
und Müdigkeit. Der Tag war wohl schon weit vorangeschritten, aber das Licht,
das durch die schmale Fensteröffnung fiel, sagte mir nichts mehr. Zeit
bedeutete wenig, wenn man bewegungslos dalag, gezwungen, den eigenen
Atem zu zählen, flach zu atmen in einer Schonhaltung, um nicht dem dumpfen
Ziehen unter den gebrochenen Rippen zu viel Raum zu geben. Die Liege unter
mir war hart, das Laken frisch und sauber, und doch war es der einzige Ort,
den ich hatte… und vielleicht auch der einzige, an dem ich derzeit sein konnte.
Meine Seite brannte, nicht wie Feuer, sondern eher wie ein zu tief vergrabener
Dorn, der sich immer wieder in Erinnerung rief, dass er noch da war.
Ich wusste, wohin sich das entwickeln würde, aber das Warum spielte kaum
noch eine Rolle. Ich konnte es nicht ändern. Ich hatte es mir nicht ausgesucht,
und doch gehörte es jetzt zu mir… dieser Zustand zwischen Wachen und
Wegdriften.
Ich hasste diesen Zustand, diese Schwäche. Verdammt. Die Tür ging leise auf.
Ich lauschte den Schritten, noch bevor ich sie sah, wusste ich es war nicht
Fleur. Ruhig, bedacht. Keine Hast, kein Zögern. Sie trat ein, mit dieser
Selbstverständlichkeit, die nichts erklärte und nichts verlangte.
Ihre Gestalt wirkte grazil, ihr Blick distanziert, aber nicht kalt. Sie nahm ihre
Aufgabe ernst, vielleicht zu ernst… oder vielleicht war es genau das, was mich
an ihr beeindruckte. Keine überflüssigen Fragen, kein Mitgefühl, das wie Mitleid
schmeckte. Nur dieser klare Blick, der mich musterte, als wäre ich eine
Aufgabe, die erledigt werden musste… ordentlich, gründlich, ohne Umwege. Sie
stellte eine Schale ab. Ich roch sofort, was darin war… Kräuter, eine Spur von
Alkohol.
Ein Mittel, das helfen sollte, meinen Geist zu beruhigen? Ich nahm es hin, ohne
zu fragen. Kurze Gegenwehr, durch den Schmerz rasch mich ergebend atmete
ich die Flüssigkeit ein die sie mir mit einem Tuch auf Mund und Nase drückte.
Ein Rest von Stolz regte sich in mir, aber ich wusste, dass es keinen Sinn hatte,
sich jetzt… in meinem Zustand… gegen Hilfe zu sträuben. Ich fühlte mich
benommen und hatte das Gefühl ich falle. Ich hatte schon schlimmere Dinge
überstanden und doch fühlte ich mich in diesem Moment fremd im eigenen
Körper.
Ich spürte ihre Hände, routiniert, sicher, fast wie die eines Handwerkers, der
ein vertrautes Werkzeug instand setzt, welches kaputt gegangen war. Kein
Zögern, kein unnötiges Berühren. Nur das, was notwendig war. Die letzte
Wahrnehmung eh mich bodenlose schwarze Tiefe in Empfang nahm. Keine
Schmerzen mehr… endlich.

Der Geruch des Umschlags wich der Kühle der Luft. Ich fröstelte leicht, obwohl
es nicht wirklich kalt war. Vielleicht war es auch nur der Gedanke daran, dass
ich ihr so ausgeliefert war. Aber ich ließ es geschehen.
Ich beobachtete sie, so gut ich konnte. Ihre Stirn war konzentriert, ihr
Ausdruck verschlossen. Sie sagte nichts. Vielleicht hätte ich es auch nicht
hören wollen. Was sie mir zu sagen hatte.
Sie ahnte gewiss schon, dass ich kein üblicher Fremder war. Die Narben und
Male meines Körpers sprachen eine deutliche Sprache. Ein Feind. Der Feind.
Doch... sie ging nicht darauf ein und ich war ihr gerade dankbar dafür.
Vielleicht war es genau das, was ich brauchte… diese Ruhe, dieses Schweigen,
das mir erlaubte, bei mir zu bleiben. Ich erkaufte Zeit, doch ich wusste sie lief
langsam ab. Ich wollte ihr sagen, ihr erklären was ich tat warum ich es tat. Da
sie sicher vor mir war, dass ich ihr nicht schaden wollte, doch dann durch das
Tun ihrer Hände abgelenkt, schwieg ich. Als sie fertig war, sah sie mich kurz
an. Kein Lächeln, kein Nicken.
Nur dieser eine Blick, der mehr sagte als Worte es gekonnt hätten: Du wirst
wieder aufstehen können. Noch nicht heute. Aber bald. Ich glaubte ihr.
Stumme Dankbarkeit, ich fand keine rechten Worte für sie. Alles erschien mir
falsch und nicht passend. Ich murmelte etwas, eine Art Dank, verborgen hinter
Trotz und Müdigkeit.
Ob sie es gehört hatte, wusste ich nicht. Doch sie ging nicht sofort. Sie blieb
einen Moment, prüfte noch einmal ihre Arbeit, räumte auf… sorgfältig, fast wie
ein stilles Ritual. Dann sagte sie, sie würde später mit etwas Haferbrühe
zurückkommen. Inneres aufbegehren, doch ich stimmte ihr zu, es hörte sich
verlockend an. Ich nickte. Es war genug. Für heute.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie die Haferbrühe mit etwas
versetzt hatte, dass mich in einem tiefen Schlaf halten würde. Der mir
Linderung brachte, Heilung aber mich auch... vollkommen außer Gefecht
setzte für die nächsten Tage.

Ich verlor endgültig das Gefühl für die Zeit...

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06. Goldblatt 268

Es war der Geruch, der mich zuerst zurückholte. Nicht Schmerz. Nicht eine
Stimme. Sondern der feine Hauch von Lavendel, der sich wie eine ferne
Erinnerung an andere Tage in meine Sinne schlich. Freundlich, wirkte er
beruhigend… unwirklich. Ich wollte die Augen öffnen, doch sie gehorchten mir
nicht gleich. Mein Körper fühlte sich an wie Blei… jeder Muskel ein Gewicht, das
mich nach unten zog. Erst als dieser beißende Geruch unter meiner Nase
kitzelte, schaffte ich es, aus dem Nebel der Bewusstlosigkeit aufzutauchen.
Riechsalz. Ich erkannte es. Jemand hatte Erfahrung... oder zumindest Grund,
mich wach zu bekommen.
Die Lider flackerten. Licht stach in mein Bewusstsein wie Nadeln. Ich glaubte
Stimmen zu hören undeutlich, dumpf und ein ruhiger Atem, der wohl meiner
sein musste, doch fremd klang. Ich spürte ihre Anwesenheit, noch bevor ich sie
wirklich sah. Etwas in ihrer Art, wie sie sich bewegte... ruhig, kontrolliert, nicht
ängstlich, nicht zögerlich. Als wäre sie nicht zum ersten Mal in der Nähe eines
Halbtoten. Der Versuch zu sprechen war erbärmlich. Die Kehle trocken, meine
Stimme kaum mehr als ein Krächzen.
„Was habt ihr getan?“, so viele Worte… zu viele. Jeder Laut kostete mich Kraft.
Und dann ihre Antwort. Sachlich. Klar und kühl. "Ich habe euch soweit es mir
möglich war am Leben gehalten." So einfach. So nüchtern. Erneut kein Mitleid
in ihrer Stimme. Kein Stolz über ihr getanes Werk. Nur die Wahrheit. Ich war
verletzt gewesen… schwer. Das wurde mir jetzt klar. Die Verbände, der
Schmerz in meiner Seite, die Schwäche in meinen Gliedern. Ich konnte kaum
den Arm heben. Dann war da noch der Becher. Das letzte Mal mit etwas
Betäubenden versetzt. Misstrauen regte sich in mir. Natürlich. Doch sie
verdrehte nur die Augen. Sagte, es sei Wasser… nichts weiter. Ihr glauben? Ihr
vertrauen, alles in mir warnte mich davor… meine Instinkte regten sich. Ich
musste wach werden, durfte nicht wieder… einschlafen. Aber, ich _wollte_ ihr
vertrauen. Und obwohl alles in mir gegen das Vertrauen rebellierte, war der
Durst stärker. Ich nickte nur schwach. Mehr brachte ich nicht zustande. Die
Flüssigkeit war kühl, fast zu kühl, und dennoch das Kostbarste, das ich seit...
langer Zeit zu mir genommen hatte. Jeder Schluck brannte leicht beim
Hinuntergleiten, aber er erweckte auch etwas in mir… nicht Kraft, aber
Bewusstsein. Ich atmete tiefer, auch wenn es schmerzte. Meine Rippen,
bewegten sich, waren gerichtet und mein Brustkorb eng bandagiert. Es ging....
und dann sagte sie es. "Nun, euer Zustand ist weiterhin sehr fragwürdiger
Natur... dennoch ist eure Zeit hier bald abgelaufen." Kühl. Klar. Emotionslos.
Wie das Schwert des Henkers, das über dem Genick schwebt. Meinem. Ich
öffnete die Augen. Sah sie an. Suchte nach etwas in ihrem Gesicht… Mitleid,
Verständnis, Zweifel. Doch da war nichts. Nur diese Ruhe. Eine Fassade
vielleicht, doch eine, die sie gut beherrschte. Warum wurde mir geholfen, wenn
ich eh sterben würde? Die letzten Informationen herausholen eh alles ein Ende
hatte? Ein Teil von mir wollte sie anschreien, fragen, wohin, warum und was
dann?
Aber ich hatte keine Kraft dafür. Nicht jetzt. Nicht hier. Ich merkte auch, dass
ich nicht zornig oder wütend wurde, nicht mehr. Eher ein akzeptieren und
abwarten, in vollkommener emotionaler Gleichgültigkeit. Ich konnte es eh nicht
ändern. Stattdessen nur diese bittere Erkenntnis: Ich war jemandem
ausgeliefert, den ich weder kannte noch verstand. Und dennoch... sie hatte
mich gerettet. Warum? Ich schloss die Augen wieder. Nicht aus Schwäche. Aus
Notwendigkeit.
Um zu sammeln, was noch von mir übrig war. Bald also. Die Zeit läuft. Und
ich... Ich muss wieder auf die Beine kommen. Oder untergehen. Ich spürte den
Druck ihrer Finger auf meiner Haut, das Ziehen der Fäden, das leise
Schnappen der Knoten, wenn die Schere sie kappte. Es brannte. Es spannte.
Doch ich hielt still. Schmerz war nichts Neues für mich. Schmerz war vertraut.
Fast schon beruhigend in seiner Klarheit. Wer war sie? Ich wollte mehr über sie
erfahren, nahm jedes Wort was sie mir gab auf. Ihre Worte hallten in meinem
Kopf nach. Ekatharyna von Silbersteyn. Freiherrin, Baronin… ein halber
Stammbaum in einem Namen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder husten
sollte. Beides hätte mir die Lunge zerrissen. Ich entschied mich für Schweigen.
„Ich komme aus Schwarzwasser“, hatte sie gesagt, als wäre dies Erklärung
genug. Vielleicht war es das sogar. Schwarzwasser formte Menschen. Kein Ort
der Sanftheit. Kein Ort der Gnade. Intrigenspielchen. Es war so fern. Warum
war sie auf diese Insel gekommen? Doch der Gedanke entglitt mir.
Bald würden sie kommen… Ritterschaft, Regiment und ich wette sie hatten
auch Liedwirker im Schlepptau. Doch bisher… war nur sie hier. Wie lange noch?
Ich fragte mich, wie viel sie wusste. Wie viel sie zu wissen glaubte. Was hatte
die Kronritterschaft ihr gesagt? Dass ich ein Verräter sei? Ein Gesuchter? Ein
Verlorener, der längst hätte sterben sollen? Ich war mir selbst nicht sicher, was
ich war. Noch weniger, was ich sein wollte. Wo ich sein wollte. Die Worte, die
ich ihr vorher gegeben hatte, brannten mir noch auf der Zunge:
„Ich bin gerade da, wo ich sein will.“
Vielleicht war das eine Lüge. Vielleicht auch die ehrlichste Wahrheit. Der
Verband an der Seite unter den Rippen wurde nach und nach aufgedeckt.
Frisches Fleisch. Sauberer Schnitt. Eine Wunde, die nicht von dieser Welt zu
stammen schien. Ihre Worte hatten es bestätigt… sie hatte noch nie etwas
Vergleichbares gesehen.
Natürlich nicht. Wie auch? Was mir entrissen worden war, war nicht nur Fleisch.
Es war mehr. Etwas, das weder Kräuter noch Salben je wiederherstellen
würden. Ihre Finger arbeiteten weiter, ruhig, geübt. Und dennoch… da war eine
Zartheit darin. Keine Schwäche, sondern eine Entscheidung. Sie hätte mich
gleich der Ritterschaft ausliefern können. Sie hätte mir den Tod bringen
können… mit einem Gift, mit einem Schnitt, mit einem Wort. Doch sie hatte es
nicht getan. „Ihr könnt danken, dass ihr bei einer Heilerin gelandet seid, die
nach den Tugenden lebt“, hatte sie gesagt. Temora. Ich glaubte nicht an
Götter. Nicht mehr. Vielleicht nie wieder. Zu oft für die geblutet, verletzt und
nie war es ihnen genug an Opfer, die man für sie brachte. Und doch…, wenn
Temora je jemanden berührt hatte, dann vielleicht diese Frau. Und das machte
sie gefährlicher als jedes Schwert. Still. Nur das Ticken. Vielleicht war es eine
Uhr. Vielleicht war es mein Herz. Ich kann es nicht sagen. Die Dunkelheit fühlt
sich anders an als vorher... als hätte sie sich an mich gewöhnt. Oder ich an sie.
Der Geschmack von Honig liegt noch auf der Zunge, verdünnt mit etwas, das
ich nicht kenne. Schwer, fast metallisch. Kräuter? Nein... schärfer. Und kühl.
Der Schnabelbecher war nicht nur Trost. Ich weiß das. Ich weiß das jetzt. Sie
hat die Tür verriegelt als sie ging. Zwei Mal. Ich habe es gehört. Sie hält mich
nicht für harmlos. Vielleicht für müde. Vielleicht für... gebrochen. Aber nicht für
harmlos. Niemand tut das.
Ich habe sie „niedlich“ genannt. Fast aus Trotz. Fast... als sei da noch ein Stück
von dem in mir, was früher laut war. Energisch. Überzeugt. Hart. Mein Körper
fühlt sich an wie aus Stein, die Wunde pocht dumpf… kein stechender Schmerz
mehr, eher ein Puls, als würde sie atmen. Eine Erinnerung. Oder eine Warnung.
Ich habe ihr mein Wort gegeben. Warum? Weil es leichter war? Oder..., weil sie
das erste Gesicht war seit Langem, das nicht auf mich losgehen wollte beim
Nennen meines Namens? Vielleicht. Vielleicht ist das alles auch nur Nebel in
meinem Kopf. Sie sagte, sie hat mir etwas gegeben. Sie hat nicht gelogen. Sie
war zu... direkt, um zu lügen. Ruhiggestellt. Nicht vergiftet. Ich glaube ihr.
Warum glaube ich ihr? Meine Finger zucken, als ich die Klingel spüre.
Ich hatte es getestet, sie getestet . Nur getestet. Es war ein Reflex. Ein alter
Instinkt. Es machte mir Spaß. Es hat sie nicht beeindruckt. Nichts scheint sie
zu beeindrucken. Vielleicht... gefällt mir das. Vielleicht macht es das einfacher.
„Dämon.“ Sie war anstrengend und nervend und ich wehrte mich auf meine
Art, sagte ihr was ich von ihr vielleicht hielt. Glaubte sie mir? Vielleicht, oder
vielleicht auch nicht. Sie hat’s wohlmöglich nicht gehört. Oder sie hat es
ignoriert. Ich weiß nicht, was mir lieber wäre. Menschen. Manchmal... sind die
schlimmer, als jeder Dämon. Die Decke liegt schwer auf mir, nicht
unangenehm. Sie hat sie mir zurechtgezogen, wie eine Mutter... oder eine
Heilerin, die sich zu sehr mit der Wunde identifiziert. Ich weiß nicht, was sie in
mir sieht. Einen Mann? Einen Verbrecher? Eine Ruine? „Ich ergebe mich.“ Ich
habe es leise gesagt. Ich habe es für sie betont. Extra. Sie soll wissen sie ist
sicher vor mir. Ich empfand es als wichtig für sie. Es zu sagen, machte es
wahr… für mich. Ich ergebe mich ihr. Der Trank benebelte mich. Vielleicht war
es ein Scherz von mir. Vielleicht war es das Gegenteil, die Wahrheit. Sie will,
dass ich bald wach bin. Ich auch. Aber mich beunruhigt das 'bald'. Das
Regiment. Die Ketten, die aus Hexenstahl sind, Blicke, Stimmen und Befehle.
Sie holen mich. Und dieses Zimmer... dieses kleine, verschlossene, warme
Zimmer... ist das letzte Stück von etwas, das sich fast wie Menschsein anfühlt.
Ich darf nicht rennen. Nicht kämpfen. Nicht heben. Nicht fallen. Ich darf nichts
tun... außer warten.
Ich spüre, wie der Schlaf mich wieder einholt. Kein tiefer Abgrund mehr… eher
eine Decke aus Nebel, schwer und weich. Ich will wach bleiben. Erfolglos. Ich
gebe auf. Ich will die Ruhe annehmen. Sie gehört mir. Noch. Aber ich verliere
sie. Langsam. Und dann versinke ich. In Dunkelheit. In Stille. In Schlaf, der
tiefer war als alles, was ich je in einem Bett empfunden hatte. Ob ich
aufwachen würde? Ja. Sicher, aber nichts war so wie es einmal war…

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Zuletzt geändert von Althan am Donnerstag 23. Oktober 2025, 17:36, insgesamt 2-mal geändert.
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Die Flucht

Beitrag von Althan »

12. Goldblatt 268

Langsam öffnete ich die Augen. Das fahle Licht, das durch das Fenster drang,
schien mir abzunehmen, obwohl der ganze Tag kaum richtig hell gewesen war.
Mein Blick blieb am Fenster hängen. Die Scheibe war beschlagen, die Welt
dahinter verschwommen, als wollte sie mir sagen: Noch nicht, Althan. Bleib
liegen. Aber ich hatte genug gelegen. Viel zu lange. Der Abend kam. Ich
atmete tief durch, spürte das Ziehen unter den Verbänden. Es war nicht mehr
so schlimm wie die letzten Tage. Immerhin. Vorsichtig stemmte ich mich auf,
erst auf die Seite, dann an den Rand des Bettes. Der Boden war kalt unter
meinen Füßen, der Schmerz dumpf, aber er war da und er war real. Ein Teil
von mir. Noch immer benommen. Der Kopf war schwer, als hätte man mir
einen Stein hineingelegt. Ich schüttelte ihn leicht, versuchte die bleierne
Trägheit loszuwerden, doch sie klammerte sich an meine Gedanken wie Nebel
an das Moor. Mein Blick glitt zur Türe. Geschlossen. Ich wusste es. Zweimal
den Schlüssel herumgedreht. Kein Geräusch dahinter. Ich lauschte, wie
jemand, der etwas erwartet oder fürchtet.
Dann sah ich meine Gewänder. Ich griff danach, tastete den Stoff, als müsste
ich mich davon überzeugen, dass ich noch ich war. Das Ankleiden… mühsam.
Meine Finger waren unbeholfen, als gehörten sie nicht ganz zu mir. Doch ich
zwang sie, mir zu gehorchen. Jedes Kleidungsstück war eine kleine Schlacht.
Ich fluchte leise, stumm, innerlich. Keine Zeit für Stolz. Nur der Wille zählte.
Schließlich die Stiefel… eine kleine Ewigkeit, bis sie endlich saßen. Ich richtete
mich auf. Wankte. Die Wand half mir, aufrecht zu bleiben. Ein Hocker stand im
Weg meine Schuhspitze fanden ihn, nicht im Guten. Ein kurzes, kratzendes
Geräusch auf dem Boden, ein Knirschen, das mir durch Mark und Bein ging.
Ich erstarrte. Lauschte erneut. Nichts. Noch immer niemand. Noch. Vorsichtig
trat ich ans Fenster, stützte mich an der Mauer ab. Der Blick nach draußen...
fremd. Und doch vertraut. Wie ein Ort aus einem anderen Leben. Ich suchte
nach Bewegung, nach Rüstungen, nach Schatten. Vielleicht nach Hoffnung.
Oder Flucht. Ich wollte hinaus. Ich musste. Die Tür. Ein Schritt. Mein Herz
schlug schneller. Die Klinke unter meiner Hand… kalt, starr. Ich drückte. Sie
gab nicht nach. Natürlich. Abgeschlossen. Wie immer. Eingeschlossen. Wie ich.
Ein „Hmpf“ kam über meine Lippen, trocken und leise. Ich wandte mich ab,
ging zurück zur Wand, lehnte mich an. Kurz schloss ich die Augen und dachte
nach. Ich musste fort.
Öffnete sie wieder und sah mich um und hinaus aus dem Fenster. War das...
Weiß? Eine Robe? Ich trat einen Schritt zurück vom Fenster, als ich die weiße
Robe erblickte. Kein Gardist. Nein… das war jemand anderes. Ein Studiosus?
Ich musste schnauben. Arenvir, du Narr… was glaubst du, was du hier mit
Aaryon erreichen wirst? Ein kurzes Zucken um die Mundwinkel. Nicht aus
Belustigung, eher ein stiller Gruß an die Erinnerung. Ich schüttelte den Kopf,
schwer, als müsste ich ihn von der letzten Betäubung befreien. Meine
Gedanken glitten wie Nebel umher, aber sie fanden langsam ihren Weg. „Du
musst mich für sehr geschwächt halten…“ murmelte ich in den leeren Raum,
den Worten fehlte jede Schärfe. Nicht als Eingeständnis… sondern als Warnung.
Ich wandte mich dem Tisch zu. Die alchemistischen Geräte vor mir... ein
Sammelsurium an Glas, Metall, Essenzen. Sie lagen da, als warteten sie nur
auf den rechten Impuls. Meine Finger glitten über Phiolen, schnupperten an
Substanzen… eisenhaltiger Schwefel, klar. Etwas rau, nicht subtil, aber
wirkungsvoll. Ausgezeichnet für Unfug und Ablenkung.
Ich nahm ein Gefäß, begann ruhig zu arbeiten. Jede Bewegung saß… trotz der
Benommenheit. Die Rezeptur war mir vertraut. Der dunkle Schwefel wurde mit
einer wässrigen scharfen Lösung vermengt, ein leichtes Zischen. Ich nahm die
Kerze, um den Vorgang zu beschleunigen unter dem Kolben. Die stinkenden
Schwaden würden bald einsetzen. Nicht gefährlich. Aber auffällig genug. Ich
trat zurück, beobachtete. Es begann, sich zu kräuseln. Gut. Dann ging ich zum
Bett. Ich arbeitete schnell, schob Decken, Kissen, ein paar Gewänder so
zurecht, dass es für das ungeübte Auge so aussah, als läge ich noch dort. Eine
gemachte Illusion. Keine Magie… nur eine Täuschung für das Erste. Ich hielt
den Ärmel vor den Mund, als die ersten Schwaden dichter wurden. Der Nebel
biss ein wenig in der Kehle, reizte die Nase. Ich hustete. Nur kurz. Zeit. Warte.
Ich setzte mich hin. Wartete. Die Tür würde bald aufspringen. Ekatharyna war
zu wachsam. Sie würde den Geruch bemerken. Zu spät, hoffte ich. Nur ein
wenig.
Ich fühlte, wie die Kerze langsam zu flackern begann. Das Wachs war fast
niedergebrannt. Kein Zauber. Noch nicht. Aber dann, im letzten Moment, ein
sanftes Zucken in meinem Geist… ein kaum merklicher Griff nach den
elementaren Teilchen des Feuers in der nahen Umgebung. Der Schatteneffekt
setzte ein und ich hauchte der Flamme kurz mehr Leben ein. Nur eine Spur.
Nur ein Hauch. Kein loderndes Feuer, sondern... Wärme. Ein letzter Funke,
damit es glaubwürdig blieb. Und dann ließ ich los. Ein tiefer Atemzug.
Entgiften. Ich sammelte mich, konzentrierte den Willen… zerlegte die
betäubenden Substanzen in ihre Einzelteile und entgiftete mich, klärte meinen
Geist und Körper. Ich fühlte, wie der Nebel in meinem Innern wich. Wie sich
mein Denken schärfte. Jetzt. Es war still… aber nicht für lange. Sie würde
gleich reagieren.
Meine Zeit lief ab. Doch ich war bereit. Die Schwaden hatten sich bereits
weiter ausgebreitet, zäh und schwefelig, als würden sie meine Gedanken selbst
vernebeln. Ich stand einen Moment reglos da, während ich durch den Ärmel
meines Mantels atmete. Der bittere Geschmack des Schwefels legte sich auf
meine Zunge, das leichte Brennen in den Augen ignorierte ich... es gehörte
dazu. Genauso wie die Enge in meiner Brust, die nicht vom Rauch kam. Dann
hörte ich es. Die Tasse. Der Knall. Ein dumpfes, splitterndes Geräusch, als
Porzellan auf Stein traf. Ich wusste sofort, was es bedeutete. Sie hatte es
bemerkt.

Bild

Ein Grinsen von mir. Das Ziehen des Moments, der Knoten, der sich in der Zeit
schnürte, der mir sagte: Jetzt oder nie. Ich sog die frische Luft seitlich ein, so
tief ich konnte, hustete, zwang mich zur Ruhe. Mein Blick glitt über den Raum…
das Bett, sorgsam ausgestopft, wie ein Trugbild aus Kindertagen. Die Lösung,
in der die Schwaden langsam aufstiegen, trübte sich weiter, dicker werdender
Qualm strömte aus dem Glaskolben. Kein gefährliches Feuer, kein Gift. Nur ein
Ablenkungsmanöver. Doch genug, um ihre Sorge zu wecken. Ihre Schritte… sie
eilt zur Tür. Ich kann es mir vorstellen, wie sie den Stoff ihres Kleides rafft, wie
ihre Finger sich um den Griff legen. Ihre Stimme ruft nach den Wachen. Gut.
Dann ist es Zeit. Ich öffne das Fenster.
Die Kühle des Herbstabends schlägt mir entgegen. Eine Brise trägt den Duft
feuchter Blätter, ferner Erde und das Zwitschern einer Bachstelze zu mir.
Ironie. Diese Welt atmet, sie lebt und ich… ich versuche zu entkommen. Mein
Geist greift nach dem Lied Eluive, stimmt sich darauf ein und nutzt es wie ein
Werkzeug und schneller als es mir lieb ist… spüre ich es. Kein eleganter Zugriff,
keine Rücksicht. Ich zwinge es, gehorche dem inneren Druck. Wandle mich.
Mein Körper folgt, krümmt sich, Knochen verschieben sich. Schmerz…ja,
immer. Ich heisse ihn willkommen wie einen alten Freund. Er gehört für mich
dazu. Er erinnert mich, dass ich lebe.
Federn breiten sich aus, das Gewicht meines Körpers schwindet. Ich werde
leichter. Der Geruch von Schwefel bleibt zurück, als ich mich vom Fensterbrett
abstoße. Fliege. Ein eleganter Falke. Unter mir der Garten, das Haus, die
Wachen. Stimmen riefen, jemand fluchte, Ekatharynas Silhouette am Balkon,
den Arm vors Gesicht gepresst. Ich sah ihre Augen. Sie brannten… nicht nur
vom Rauch. Vielleicht auch vom Zorn. Oder... Enttäuschung? Ich durfte nicht
zurücksehen. Nicht zweifeln. Ich musste fort von hier… schnell. Aber nicht
schnell genug.
Ein Schrei, ein Ruf. Der Himmel über mir wird von einem grellen Licht
durchzuckt. Ein kleiner Blitz. Ich habe ihn nicht kommen sehen… ich spüre ihn.
Er trifft mich an der Seite, wie ein Peitschenhieb aus Licht. Mein Flügelschlag
verzieht sich, mein Flug kippt. Zu früh. Meine Konzentration lässt ab die
Wandlung aufrecht zu halten. Ich stürze ab. Der Wald rast mir entgegen.
Zweige zerreißen mein Gefieder, krallen sich in meine Haut. Schmerz
urchzuckt mich, als der Wandlung mich verlässt… zu hart, zu schnell. Die
Rückverwandlung folgt brutal. Knochen brechen wieder, richten sich neu, Haut
spannt sich, die Welt wird größer, schwerer, menschlich. Ich lande auf der
Seite, rolle, knalle gegen feuchtes Unterholz. Keuche. Atme. Stille. Nur das
Pochen meines Herzens. Der Schmerz ist dumpf, pochend, aber nicht tödlich.
Ich lebe. Meine Finger graben sich in den Waldboden. Ich rappelte mich hoch,
mein Körper schrie nach Ruhe, nach Stille… aber ich rannte. Weiter. Tiefer in
den Wald hinein. Jeder Schritt war ein Hohn auf meine Erschöpfung, ein
Triumph des Willens über den Schmerz. Sie werden mir folgen. Natürlich
werden sie das. Und doch… ich bin frei. Für den Moment. Ich wusste nicht,
wohin ich lief. Nur, dass ich nicht stehen bleiben durfte. Nicht nachdenken.
Nicht fühlen. Denn wenn ich zu lange innehielt, dann würde ich vielleicht
erkennen, was ich heute verloren hatte. Mein Weg führte mich zurück gen
Westen und dann über Bajard... nach K’awi... zurück nach Alatarien zum Orden.
Zuletzt geändert von Althan am Donnerstag 16. Oktober 2025, 20:35, insgesamt 1-mal geändert.
"Ich denke, ein Mann tut, was er kann, bis sein Schicksal offenbart wird." (Algren)
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