
Aus den Aufzeichnungen von Althan
Ich bin Althan. Bewahrer von uraltem Wissen, Lexikon Alatariens und ein
Diener Alatars. Diese Namen habe ich mir nicht gegeben ich habe sie von
Anderen erhalten. Seit meiner Geburt hat mein Leben nur diesem einen Zweck
gegolten: zu dienen, zu lehren, zu schützen, zu beschützen. Und doch… selbst
der Standhafteste unter Seinen Dienern kann nicht verhindern, dass Zweifel in
sein Herz sickern. Seit Wochen lastet ein finsterer Schatten auf meinem Geist.
Kein gewöhnlicher Schatten, wie er über die Mauern zieht, wenn die Sonne sich
neigt. Dieser Schatten wurzelt tiefer, schmerzvoller… ein bohrender Schmerz.
Es ist ein Gewicht, das auf meiner Brust liegt, ein Flüstern in den Nächten,
wenn die Kerzen verlöschen und die Sterne einsam über den Wehrgängen des
Ordens schimmern. Es ist das Misstrauen, das mich heimsucht… kalt, nagend,
unbarmherzig. Und dieses Misstrauen richtet sich nicht gegen offene Feinde.
Nicht gegen die Völker jenseits der östlichen Grenze, nicht gegen die
Dämonen, die in den Finsternissen lauern. Nein. Es richtet sich gegen jene, die
wir Verbündete nennen. Gegen den Meister der Letharen und einigen seines
Volkes, das seit Jahrhunderten an unserer Seite steht. Doch was nützen Worte
von Bündnis und Treue, wenn ihre Taten in meinem Wahrnehmen ein anderes
Lied singen?
Immer wieder erwische ich mich bei Erinnerungen, die längst verblassen
sollten. An Rahal. An den Verrat. An das entsetzliche Sakrileg, als die Letharen
den Rat der Altruisten überfielen. Der Schmerz dieses Verrats hat sich tief in
mein Inneres gebrannt, tiefer als jede Narbe, die ein Schwert hätte
hinterlassen können. Und ich erinnere mich an das große Beben danach… ein
Erzittern der Erde, so gewaltig, dass ganze Türme schwanken und der Zugang
zum Leth’Axorn in den Tiefen unter Rahal verschüttet wurde. Viele nannten es
Zufall. Doch ich war nie Einer, der an Zufälle glaubt. Für mich war es ein
Zeichen. Ein Urteil. Eine Strafe Alatars selbst für jene, die seinen Willen
missachteten. In jenem Augenblick sah ich klar, dass die Letharen damals ihre
Wege vom göttlichen Pfad entfernt hatten... Ich erinnere mich daran als wir die
alte Burg der Schattenpanther, die von Reichsfeinden besetzt worden war und
die Letharen damals mit dem Orden und den Streitern Alatariens sie befreiten.
Ich war Zeuge gewesen, als die Letharen ihre Taten in den Vordergrund stellten
und vor Ahad Levar sich damit brüsteten, die Burg allein eingenommen zu
haben. Von mir zu diesem Zeitpunkt, kein Wort… Schweigen. Stille. Der Orden
und die Streiter taten sich nicht hervor. Schweigen. Es zählte nur das Ziel, das
Erreichen Seines Willens in der Sache. Doch vergessen habe ich nicht. Beugte
mich Seinem Willen, tat es als unwürdig ab es klar zu stellen und schwieg.
Wieder einmal.
Und nun, Jahre später, sehe ich dasselbe Muster wiederkehren. Täuschung.
Manipulation. Heimliche Absprachen, die uns ausschließen. Gespräche hinter
verschlossenen Türen und in unserer Anwesenheit in ihrer Sprache, für uns
unverständlich. Unser Orden, eine der tragenden Säulen des alatarischen
Reiches, wird nicht offen angegriffen… nein. Stattdessen sind die Informationen
rar und wo ich spüre, dass noch mehr vorgefallen sein musste, eine Mauer des
Schweigens. Kein offener Bruch, keine klaren Worte, nur dieses langsame und
unerträgliche Ersticken in mir, der Mann der es beobachtet. Pläne, die wir
gemeinsam schmieden wollten, versickern wie Wasser im Sand. Gespräche
über Lehrstunden für das Volk endeten ohne Antwort, ohne ein Bemühen, es
fortzusetzen. Und als es um unsere gemeinsame Geschichte ging, offenbarte
sich ihre wahre Absicht: Sie wollten nicht Seite an Seite schreiben. Sie wollten
umschreiben. Sie wollen vergessen machen, dass es der letzte Arkorither war,
der ihnen einst die Magie offenbarte. Sie wollten unser Vermächtnis löschen …
nicht durch Feuer und Blut, sondern durch Schweigen, durch ein schleichendes
Vergessen, das tödlicher wirkt als jedes Schwert. Ich schwieg. Ich tat, was von
mir verlangt wurde. Ich gehorchte, wie ich es immer getan habe. Doch in
meinem Inneren wuchsen die Dornen des Misstrauens, und jede neue
Zurückweisung ließ sie tiefer in mein Fleisch schneiden. Dann kam der Tag, an
dem der Schleier fiel. Ein Ritual der Letharen, erst viel später erfuhren wir
davon, durchgeführt im Heiligtum von Leth’Axorn, rief eine Horde von
Dämonen herbei... nicht jenseits unserer Grenzen, sondern mitten in unser
Reich. Von diesem Augenblick an wusste ich: Die Gefahr kam nicht länger von
außen. Sie war bei uns erwacht. Sie hatte sich mitten in den Leib des Reiches
eingenistet… und drohte, es von innen zu zerreißen. Risse sind nur schwer zu
kitten und ein Gefäß, was zerbrochen ist, wird gerichtet, nicht mehr sein wie
zuvor…
Die Entscheidung
In mir ruhte das überlieferte alte Wissen des Ordens, Wissen so tief und
gefährlich, dass es wie eine lodernde Fackel in einem Haus aus trockenem
Stroh war. Ein einziger Funke an der falschen Stelle, und alles, was ich bewahrt
hatte, würde in Flammen stehen. Es war nicht bloß das Erbe der Arkorither. Es
war das geheime Wissen über die Natur der Dämonen selbst, über die alten
Bindungen, über die Essenz ihrer Existenz. Ich trug in mir die Lehren der
ersten Magister und Erzmagier, die verborgenen Rituale, die verschwiegenen
Linien der Macht… Früchte meiner jahrelangen Forschung, mit niemandem
geteilt. Und ebenso trug ich das Wissen um die Templer Alatars, die Rituale
Seiner Manifestation, eine Erinnerung an Seine Präsenz in einer Zeit vor fast
zehn Jahren. Ich wusste um meine Söhne, wo sie verborgen, fern vom
Reichsgeschehen aufwuchsen. All dies durfte nicht in die falschen Hände fallen.
Schon gar nicht in die derer, zu denen ich nun zu gehen gedachte. Denn ich
wusste: Arenvir… der Feind… würde versuchen, in meinen Geist einzudringen.
Sein Wille ist scharf, seine Magie tief. Er würde suchen, graben, sich durch
Gedanken und Erinnerungen schneiden, bis er fand, was er begehrte. Und
vielleicht… vielleicht würde es ihm gelingen. Doch ich bereitete mich vor. Nicht
mit Klingen. Nicht mit Schutzzaubern. Sondern in mir. Ich versank in tiefer
Meditation, stieg hinab in mein eigenes Inneres wie in ein uraltes Archiv.
Schicht um Schicht legte ich frei, was ich getragen hatte: Erinnerungen,
manche klar wie Bergkristall, andere von Schatten verhüllt. Ich suchte nicht
nach Erlebnissen, sondern nach Fragmenten von Wissen… nach den Splittern
der Wahrheit, die wie helle Sterne in der Dunkelheit meines Geistes funkelten.
Als ich sie fand, begann ich mit der Abgrenzung. Ich rief die uralten
mentalmagischen Techniken herauf, Konstrukte, die tief in unserer Tradition
verwurzelt waren. Dazu verband ich sie mit jenen Lehren, die ich in K’awi an
der Akademie der arkanen Künste erlernt hatte. Ich legte Schutzkreise in
meinem Geist… nicht aus Kreide oder Blut, sondern aus reiner Willenskraft. Ich
versiegelte sie mit inneren Zeichen, Runen aus Gedanken und disziplinierter
Magie. Jedes Wissensfragment wurde eingeschlossen, abgeschirmt, verborgen
hinter Schleiern aus Licht und Feuer. Doch ein Schutz ist nur so stark wie sein
Schlüssel. Also erschuf ich einen: einen Kristall, klar und facettiert, harmlos für
jedes Auge. Doch in seinem Inneren ruhte die magische Signatur meines
Geistes… mein Abdruck, meine Essenz. Nur durch ihn konnte die Versiegelung
je wieder gelöst werden. Ohne ihn bliebe das Wissen unantastbar. Und jeder,
der versuchte, mit Gewalt darauf zuzugreifen, würde mein Bewusstsein
zerstören… mein letztes Bollwerk, mein geheimer Eid: Mein Geist gibt nichts
preis. Nicht einmal im Tod. Ich übergab den Kristall niemandem, dem man
Bedeutung zuschreiben würde. Kein Bote. Kein Hüter. Keine Truhe. Ich legte
ihn in die Hände eines Wesens, das ihn nicht verstand, das ihn nicht verraten
konnte. Für dieses Wesen war es nur ein Stück Glas. Für mich war es alles. Als
ich die letzte Versiegelung vollzog, geschah etwas, das ich nicht erwartet
hatte: Eine Ruhe senkte sich über mich. Keine Bedenken. Kein inneres Beben.
Nur Stille. Eine stille, klare Gewissheit, die alles überstrahlte. Sollte ich fallen,
dann fällt mein Wissen mit mir. Und niemand wird es je entreißen.
Denn ich bin Althan. Und ich bin kein Verräter.








