(Zeitpunkt: Anfang Wechselwind, noch vor dem Angriff auf Berchgard)
Wann hatte er sich das letzte Mal anstrengen müssen? Wann hatte er das letzte Mal Andeutungen gemacht, die tatsächlich nicht verstanden wurden? Sie lächelte irritiert bei seinen kleinen Aufmerksamkeiten und verglich seine Neckereien mit dem Verhalten ihrer Brüder... putzig. Alleine das weckte schon seinen Jagdinstinkt.
"Ja, ich bin schlimm. Ich weiß."
Ein scheues Eichhörnchen mit viel zu verstaubten Ansichten über Liebe und Ehe und angesichts des Verhaltens ihres Stiefvaters geradezu erbarmungswürdig nicht vorhandenen Ansprüchen, was den Wert einer Frau betraf...
Aaryon schnalzte missbilligend bei dem Gedanken, rückte vor dem Spiegel seinen Kragen zurecht und brachte mit gekonnter Geste noch mal Schwung in seine Stirnhaare. Dann ging er das Fräulein Serina besuchen, hehe. Er durfte das. Er war ja bloß der junge Herr Mikh. Ein Bürgerlicher besuchte eine Bürgerliche. Bestellte halt Möbel. Ganz harmlos. Inneres Seufzen, da ihm durchaus klar war, dass auch dieses Spiel irgendwann enden würde.
Aber wer wollte da an einem so schönen Tag wie diesem schon dran denken?
Es blieb nicht bei Besuchen für Möbel. Sie mochte also Kirschen. Und hatte keine Erfahrung mit Alkohol... mhmm...
"Neeeeiin, nicht einfach abfüllen und erobern! So armselig bist du nicht", ermahnte er sich, während er den Eierlikör einpackte. Außerdem war sie schon selbst beim Schaumwein übermässig vorsichtig gewesen. Sie muss wirklich lernen, was Genuss ist!, setzte er sich mit hebender Braue ein Ziel und ging zu ihr. Was wäre das doch sonst für ein freudloses, knöchernes Leben.
Fasziniert hörte er ihr zu. War das hier wirklich die 'Welt der kleinen Leute'? Oder hatte er hier schon ein wirklich sehr hinterweltlerisch geratenes - aber nichtsdestotrotz hübsches und angenehm selbstständiges - Exemplar vor sich?
"Was sorgt Euch?", bohrte er betont sacht nach, als sie seinen zarten Avancen wieder viel zu unsicher und fast unangemessen gründlich auszuweichen drohte... und dann doch wieder zürück kehrte, weil sie ihn offenbar doch nicht so abstoßend fand. Sie beide hatten ein Gläschen Eierlikör in der Hand - nur, während er seines gelassen und locker hielt, schien sie sich hinter ihrem verstecken zu wollen. Es war ein netter Abend, sie trug mal nicht ihre Arbeitskleidung, sondern ein hübsches, harmloses Kleid, und sie schäkerten darüber herum, wer wem was 'zahlen' müsse, wenn jemand dem anderen den Abend verdürbe.
"Ich wurde eben gewarnt, dass Männer nur Jäger sind und es ihnen um die Beute geht... sie danach eben das Interesse verlieren", erklärte sie schließlich sehr leise, errötend.
"Ach... Deeer Kram...", huschte es ihm kurz gelangweilt durch den Sinn, während er natürlich souverän genug war, ihr jetzt keine Geringschätzung ihrer Meinung zu signalisieren. "Hm", nahm er also mit einem nicht überrascht, aber ernst klingendem Laut zur Kenntnis und nickte bedächtig. Sie beide hatten je in einem Sessel Platz genommen und er beobachtete das Fräulein Marcel aufmerksam, nicht zu bohrend, nicht zu forsch. Um Vertrauen zu gewinnen, war jetzt Behutsamkeit angesagt: "Was müsste ich denn zahlen, wenn ich derjenige bin, der Euch die Stimmung verdürbe?"
'Einen Kuss', wenn auch charmant scherzend 'gefordert' bei ihm als Zahlung hatte sie eindeutig ausweichend abgelehnt.
Deutlich ratlos hob sie die Schultern: "Darüber müsste ich nachdenken. Vermutlich mit Kirschen in einer Menge, die ganz Lichtenthal kaum bieten könnte."
"So sehr mag sie den Abend gerade also, na bitte!" Er lachte leise und ließ die Atmosphäre damit möglichst zwanglos und entschärft, düngte dann den Nährboden für Vertrauen mit einer weiteren Zutat: Ehrlichkeit.
Leicht lehnte er sich vor und erklärte leise, seiner Stimme einen warmen Klang verleihend:
"Ich riskier's... denn ich möchte so ehrlich zu Euch sein, dass Ihr wisst, dass Ihr mir trauen könnt: Ich werde nicht der Mann für Euer Leben sein, Serina. Ausgeschlossen", erklärte er ruhig, "Ich kann Euch nur anbieten, ein erstes Mal die ehrliche Aufmerksamkeit und Zuwendung eines Mannes zu erfahren.
Und nein: 'Beute', an der ich danach das Interesse verliere, seid Ihr dabei nicht! Temora schlage mich mit einem Blitz, wenn es so wäre."
Während seiner Worte leerte Serina sehr schweigsam ihr Glas. Danach sah sie in dieses und flüsterte: "Dann sollte ich besser gehen und nur hin und wieder nach euren Möbeln sehen bevor ich mich in Dinge verrenne, bei denen ich mich zur Närrin mache; falls ich nicht schon dabei war." Sie drohte aufzustehen. Er blinzelte. "Falls du nicht schon dabei warst? Hab ich es also doch richtig gedeutet, dass du Interesse an mir zeigst! Hier geblieben!" Sacht wollte er nach ihrer Hand greifen, aber sie entzog sie ihm, wenn auch mit verlegenem Blick.
"Belassen wir es bei dem, was ich anfangs in euch sah und auch besser weiterhin sehen sollte."
"Einen Kunden", vermutete er äußerlich ruhig und innerlich ernüchtert.
"Nein, jemanden mit dem ich scherzen kann wie mit meinen Brüdern, die ja nun leider nicht hier sind."
"Ich bin aber nicht dein 'Bruder', Kleines..." Er blinzelte und atmete durch. "Haltung bewahren!" Nun standen sie schon beide. Sie war angenehmerweise nicht so klein und auch nicht so schwach und zerbrechlich wie manche anderen Mädchen, bei denen 'zierlich' kein Kompliment mehr war, sondern eine Untertreibung.
"Wenn es das ist, was Ihr in mir sehen möchtet, wird es mir eine Ehre sein und werde dem genügen wollen", sagte er leicht lächelnd, ließ etwas seiner Wehmut durchblicken und wagte doch noch einen Vorstoß: "Wenn Ihr... -wie sag ich's? Wenn Ihr nicht ernsthaft all Eure Hoffnungen und Euer Bestreben darin setzt, dass der erste Mann, der Eure Zuneigung erobern darf, dann auch gleich 'der Mann für's Leben' sein muss, dann..."
"...will ich dir gern zeigen, was Liebe ist."
Er sagte es nicht. Und wenn, dann nur mit seinem Lächeln und einem sanften Blick.


