Was war in den letzten Monden nur aus seinem ruhigen Leben geworden?
Geheime Bruderschaften, Talente, das Lied, Farben und Gefühle, Dämonen, Kobolde und Feen.
Wie sollte man das alles unter einen Hut bekommen? Normalerweise trug er nicht mal Hüte.
Aber er war ein „richtiger“ Bruder geworden. Jemand, dem man Vertrauen entgegenbrachte.
Jeden Tag lernte er Neues und stellte dabei fest, wie wenig er eigentlich wusste.
So viele Dinge und Geschichten, Legenden, die sich hier ereignet hatten, während er – als Zugezogener – versuchte, den Überblick zu behalten.
Zuhause war es immer ruhig gewesen. Man hörte kaum etwas von dem, was draußen in der Welt geschah. Alle waren zu sehr damit beschäftigt, ihr eigenes Leben zu leben.
Und hier, auf Gerimor…
Hier kämpften Reiche gegeneinander. Götter griffen ein.
Er erhob sich aus dem Gras, die Haare wie so oft ein wenig zerzaust.
Er atmete tief ein und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
Hier im Hain fühlte er sich gut.
Er fühlte sich wohl. Fast wie zuhause.
Aber die Unsicherheit blieb.
Mache ich alles richtig? Mache ich es gut? Erweise ich mich der Verantwortung als würdig?
Vieles, was er tat oder dachte, beruhte auf Gefühlen und Eindrücken.
Erfahrungen, die er durch seine Eltern gemacht hatte – und hier, auf Gerimor, sammelte.
Er wollte für seine Brüder da sein. Vor allem für die neuen.
Denn wer wusste besser, wie sie sich fühlten, als jemand, der es selbst gerade erst erlebt hatte?
Aber der Stress blieb.
Wie ein kleiner Ball in seiner Brust, der ständig nach Aufmerksamkeit verlangte.
Während er selbst einfach nur versuchte, zur Ruhe zu kommen.
Es war seine Zeit – zur Besinnung, zur Erholung, zur Einsamkeit?
Gerade als er diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, stupste ihn etwas ans Bein und kletterte dann in seinen Schoß.
Pit.
Der kleine, zottelige Otter, dem er schon mehrfach begegnet war.
Sie waren gemeinsam durch den kalten Fluss geschwommen, trieben nebeneinander auf dem Rücken.
Cid lag still, während Pit sich genüsslich ein paar Häppchen Fisch gönnte.
Ein kleines, unscheinbares Wesen.
Aus der Ferne niedlich anzusehen, bevor man weiterging und seinen Tag fortsetzte.
Aber das Wasser, seine Bewohner und auch seine Besucher – das hatte Cid schon immer interessiert.
Er gab nach, ließ sich ins Wasser gleiten und schwamm mit dem Otter.
Kein Rennen. Keine Eile. Einfach nur nebeneinander durch die sanfte Strömung.
Abtauchen und nach Fischen oder Muscheln suchen war nicht sein Ding.
Am Ende trieb er wieder auf dem Rücken.
Der Blick ging in den klaren Himmel, die Sonne wärmte sein Gesicht.
Der Otter hatte es sich auf seiner Brust gemütlich gemacht und döste.
Die stillen Momente, fern der Welt, nutzte er zur Meditation.
Langsam glitt seine Aufmerksamkeit wieder ins Lied.
Das dumpfe Rauschen des Wassers wurde zu Klängen,
die Wärme auf seiner Haut und der Wind, der darüber strich, verbanden sich zu einem Summen.
Alles wurde Klang. Das Lied der Mutter.
Alles war Teil davon – selbst der kleine Otter auf seiner Brust.
Doch während Luft und Wasser sich in Strömen und Wirbeln bewegten,
war der Otter anders.
Er war ein eigenes Klangbild – einzigartig, nicht vergleichbar.
Er hatte auch andere Otter betrachtet.
Viele Ähnlichkeiten.
Aber keine waren identisch.
Von den Krallen bis zu den Haaren – je genauer er hinsah, desto komplexer wurde es.
Es hinterließ ein Gefühl in seiner Brust.
Sein eigener Körper war ein anderes Geflecht. Ein anderes Klangbild.
Aber er konnte es verändern.
Nicht vollständig erschüttern, aber formen.
Um ein anderes Äußeres anzunehmen.
Die Form eines Otters hatte er ebenfalls schon einmal angenommen.
Kleine Tatzen mit Schwimmhäuten, Tasthaare um die Nase.
Ein seltsames Gefühl.
So klein und leicht war die Welt anders.
Nicht mehr so scharf, aber alles Wichtige war erkennbar.
Und das Schwimmen fiel ihm deutlich leichter.
Mit dem Fell fühlte es sich neu an. Frei.
Seitdem dachte er viel über Klangbilder nach.
Über ihre Formen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
Verborgene Wunder dieser Welt.
Er nahm den Otter vorsichtig in den Arm.
Fühlte sich wieder in das Lied ein.
Ein ruhiger Atemzug. Konzentration.
Was wäre, wenn man...
...ein wenig veränderte?
Die Haare. Die Augen.
Konnte man Dinge kombinieren?
Etwas Neues schaffen?
Er versuchte es.
Er nahm sich ein Beispiel an Beobachtungen, die er in seinen meditativen Stunden gemacht hatte.
Es schien zu funktionieren.
Die Sicht war besser als vorher. Schärfer. Kontrastreicher.
Mit Pit durch das Wasser tollend, kam er nicht dazu, weitere Beobachtungen zu machen.
Doch als sie wieder am Ufer ankamen,
warf er einen Blick zurück.
Die zerzausten roten Haare...
waren auf jeden Fall anders.




