Der Weg der stillen Heilerin

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Cecilia Zola
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Der Weg der stillen Heilerin

Beitrag von Cecilia Zola »

Sie fand gestern Abend heraus, dass Adoran einen Strand hatte. Erinnerungen spülten über sie hinweg. Erinnerungen an ihre Heimat. Eine kleine Insel irgendwo weit vor der Küste Adorans. Die nackten Füße im Sand, die Brandung schwappt auf die Füße. Mit einem seeligen Lächeln auf dem schüchternen Gesicht hat sie den Sonnenuntergang beobachtet. All dies sorgte dafür, dass die omnipräsente Angst um Esther erstmalig verschwand. Dankbar nahm sie die abwechslungsreichen Gedanken an. Und so verlief der gesamte Abend, nein, die gesamte Zeit seit dem ganz anders, als sie es sich jemals vorgestellt hat.

Bei einem frisch gebratenem Lachsfilet als erste Mahlzeit des neuen Tageslaufs saß sie da und versuchte die Schuldgefühle zu unterdrücken. Sie hatte einen angenehmen Abend gehabt. Einen schönen gar. Eine Erinnerung, die sie sich nie vorgestellt hatte und doch war sie nun da. Warm, schön, angenehm. Eine unschuldige Frage des Gegenübers und der tote Fisch in ihren Händen erinnerte sie wieder daran, dass es ganz andere Sorgen aktuell gab. Irgendwo saß Esther in einem Kerker und kämpfte um ihr Leben, falls sie noch am Leben war. Und sie selbst? Amüsierte sich und verschwendete nicht einen Gedanken an ihre Lehrmeisterin. Eine tolle Schülerin war sie.

Ihre schüchterne Zurückhaltung war nicht nur ihr auffälligster Charakterzug, nein, er hat sich zu etwas durchaus wirkungsvolleres auf Gerimor entwickelt. Es war auch ihr Schutzschild geworden. Ihr Schutz vor zu viel Bindung, vor dem Verlust und anschließendem Schmerz. Doch die letzten Tage hatten der jungen Heilerschülerin eines gezeigt: Es gab Menschen, die schafften es durch jeden noch so starken Schutzschild. Und Esther gehörte offenbar dazu. Da musste ihre Lehrmeisterin erst einmal gefangen genommen werden, dass sie sich dessen bewusst wird.

Während zum drölfzigsten Mal innerhalb von zwei Tagen die Böden des Hospitals geschrubbt wurden, erinnerte sie sich an ihre Ankunft auf Gerimor. Sie traf direkt auf Esther. Wie auch sonst, wenn sie auf der Bank vor dem Hospital campierte. Das durchgefrorene dürre Mädchen wurde von Esther mit zu Lydia geschleppt. Diese wiederum bat ihr eine Schlafmöglichkeit an. Sie war so herzlich hier aufgenommen worden und bekam auch gleich am nächsten Tag eine Anstellung im Hospital. Esther besorgte ihr wärmende Kleidung. Sie selbst hat lieber ihre Aufzeichnungen und Bücher mitgeschleppt als irgendwelche Gewänder. Ein Fehler wie die schneebedeckte Insel ihr bald aufzeigte.
Mit einem dumpfen Geräusch fiel Cecilia auf die Knie, ihre Hände hörten auf zu schrubben und ihr rannen nur noch stumm die Tränen über die Wangen. Die Sorge um Esther, die wieder aufbrechenden Gefühle, all das überrannte sie. Überforderte sie. Gleichzeitig spürte sie diese Dankbarkeit und es schmerzte sie, dass zuletzt kaum ein Dank an Esther rausging. Und über allem brannte sich ein Bild bei ihr ein: Esther, wie sie alleine in einem Kerker zum Sterben verdammt war.
Und irgendwann hätte ein unbemerkter Zuschauer die junge Heilerschülerin wieder mit neuer Kraft weiter schrubben sehen können. Trotz lag in den Augen der jungen Gestalt. Trotz und ein Vorhaben. Ein Vorhaben von einer unschuldigen Frage am Morgen ausgelöst.



geschrieben in: Was der Apfel macht...
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

  • " Falls du auf die Idee kommen solltest nach Esther zu suchen oder dergleichen..."
So unschuldig die Aussage und doch hat sie tiefgreifend etwas in ihr bewegt. Lange rumorte dieser Satz in ihr und als die Sorge und Angst um Esther wieder einmal sie überforderte, kämpfte sich dieser Satz wieder an die Oberfläche. Mitten im Behandlungsboden kniete sie heulend auf dem nassen Boden und fasste aus Trotz eine Entscheidung.
Wenn schon davon ausgegangen wurde, dass sie in den Westen geht, dann könne sie es doch auch wirklich tun. Und wie immer suchte sie Hilfe in Büchern, wenn sie vor etwas Unbekanntem stand. Sie verschlang alle Bücher, die sie in der Bibliothek in Adoran und im Hospital zu dem Thema Westen und Rahal finden konnte. Sie bereitete einen Beutel vor, in welchem absolut nichts zu finden sei, was ihre Herkunft andeuten könne. Sie legte ihr Buch, die Schlüsselbunde und ihren Regimentsring im Hospitalslabor auf dem Tisch ab. Jetzt fehlte nur noch eines: Der Brief, welcher zumindest einen darüber informieren würde, wo sie hingeht. Im Regiment hatte sie nicht vor Bescheid zu geben, bisher bekam sie dort auch keine Informationen über Esther oder gar Hilfe. Freiherr von Aerenaue war ebenfalls nicht aufzufinden, und das Kloster? Naja, Esther wollte das gewiss nicht involviert haben.

Während sie demnach über den Brief hing, von dem sie den Inhalt bereits gut kannte, jedoch einfach nicht die richtigen Worte fand, tauchte plötzlich der Sprecher des ideengebenden Satzes und Adressat des Briefs auf. Er erkannte mit wenigen Blicken ihr Vorhaben und redete die Kurzschlussreaktion ihr aus. Ergeben ließ sie zu, dass er für zwei Tagesläufe später einen Spaziergang nach Rahal vorschlug.

Und so machte sich eine nervöse Heilersschülerin mit einer erstaunlich ruhigen Begleitung zwei Tagesläufe später zur frühen Abendstunde mit dem Schiff auf nach Rahal. Der Plan? Ein grandioser! Nicht.
Sie wären ein verliebtes Päarchen auf der Suche nach einem geeigneten Wohnhaus für Nachwuchs. Die perfekte Rechtfertigung, warum sie so durch die Gassen stromern würden, in der Hoffnung irgendwo eine Information über Esther aufzuschnappen.

Die Straßen der Stadt Rahal waren erstaunlich leer gewesen, kurz hinter dem Marktplatz erfuhren sie durch einen Ausrufer auch warum. Eine Gerichtsverhandlung sei im Gange. Es ginge um einen Ketzer. So einen, wie die, die im Tempel saß. Von einer Eingebung folgend, zog ihre Begleitung sie zum Tempel und in diesen hinein. Ein düsteres Gebäude, was sogleich ein Unbehagen in ihr hervorrief. Und so erblickte sie auch erst spät die dreckige Gestalt angekettet am Altar. Das wirre schwarze Haar ließ sie aufmerksam werden.



Die Vorahnung überlagerte ihre Schüchternheit und sie wagte sich Schritt für Schritt dichter. Sie wollte es nicht wahrhaben und musste es dennoch wissen.
  • "Allein... Allein..."
Die Stimme des Gemurmels klang sehr gebrochen, doch diese Stimme würde sie überall wieder erkennen! Die stundenlangen gemurmelten Worte ihrer Lehrmeistern in dem ungewollten Mohnrausch vor Mondläufen, haben diese Stimme bereits tief eingeprägt. Für den Moment alle ermahnenden Worte im Vorfeld vergessend, möchte sie auch schon zu Esther hineilen. Doch ein unauffälliger Ruck an der Hand, lässt sie besinnen.
Diese Hand, die sie gerade in der Realität hält und sie daran erinnert, dass sie auf Feindesland sind. Und gleichzeitig genau die Hand, die ihr gerade den nötigen Halt gibt. Aber auch die Hand, die sie gerade schmerzhaft zerdrückt, um irgendwie ihre Sorge und Angst zum Ausdruck bringen zu können, ohne die Wachen und Tempeldiener sofort zu alarmieren.


Genau diese Wachen beäugen das ungleiche Paar bereits misstrauisch. Sie versucht ja auch die ganze Zeit bereits irgendwie den Blickkontakt zu Esther aufzubauen. Doch ihre Begleitung zieht sie wie selbstverständlich soweit vor, wie es ihnen gestattet wird und fällt mit ihr dann auf die Knie. Ein Gebet soll sie vorspielen. Doch sie kniet nur neben ihm, seine Hand bestimmt inzwischen blau gedrückt, und schließt hinter ihren ins Gesicht gefallenen Haaren ergeben die Augen. Sie braucht einen Moment zum Atmen, der beklemmenden und düsterem Atmosphäre in dem Tempel entkommend. Sie versucht einige innerliche Worte an Temora zu richten, doch diese Wärme, die sie seit einem Abend bei Raia im Kloster spürte, die wollte sich gerade nicht wirklich einfinden. Cecilia kämpfte um jeden kleinen Funken Wärme, der gerade den Weg zu ihr fand. Doch alles wirkte, als sei Temora selbst gerade so weit fern.
  • "Möge er seine schützende Pranke über uns halten und alle Fehlgeleiteten auf den rechten Weg führen."
Seine Stimme schreckte sie wieder auf. Die Worte waren noch nicht wieder gänzlich verklungen, da zog sich bereits ein eiskaltes Gefühl in ihrer Brust zusammen, als würde ein Eisdolch die hart erkämpfte leichte Wärme instant auslöschen. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Dies als Aufforderung nehmen, wird ihre Begleitung sie an der Hand wieder aus dem Tempel rausziehen.
  • "Allein... Allein..."
Die Worte lassen sie ein letztes Mal über die Schulter zu der Frau in der verdreckten Robe schauen. Die nun deutlicher gezeigte Sorge im Blick wird zwar überwiegend von ihren Haarsträhnen verdeckt, doch einige der dichter stehenden Wachen werden sichtlich unruhiger. Unter der Beobachtung vieler militärischer und klerikaler Augenpaare verlässt das Paar wieder den Tempel und spaziert zielstrebig zum Hafen zurück. Kaum legt das Schiff ab und sie sind raus aus der feindlichen Stadt, laufen der jungen Schülerin von Esther die Tränen über die Wange. Sie war nicht nur schockiert über den körperlichen Zustand ihrer Lehrmeisterin - ihre geschulten Augen haben die Verletzung an Wade und die Anzeichen für weitere unter der dreckigen Robe verborgenen Wunden wahrnehmen können - sie war auch schockiert, ihre sonst so stolze Lehrmeisterin wie eine Sklavin über den Boden robben zusehen. Stoisch um den Altar herum am Schrubben, als würde sie keine andere Bestimmung haben.

Wie ein Häufchen Elend führte ihr Gang sogleich zum Kastell und Frau Oberst von Dragane. Sie erstattete Bericht, nun genau genommen ihre Begleitung, da ihr Buch nach wie vor sicher im Hospital lag. Und Frau Oberst zeigte sich in keiner Art und Weise erfreut. Wie denn auch. Noch jemand, der im beinahe Alleingang nach Rahal marschierte, und dann auch noch eine Rekrutin.
Die Strafe wartete nicht lange: Ausgangssperre! Und Lager neu sortieren.
Mit letzterem konnte sie problemlos leben Auch wenn sie momentan im Hospital ausreichend ausgelastet war, wo Esthers Einsatz doch fehlte.
Doch ersteres traf sie erst einmal hart. Sie wollte doch zum Kloster. Die Wärme wiederfinden. Doch dies musste wohl warten.

Das war dann wohl ihr zu zahlender Preis dafür, dass sie mit Gewissheit wusste, dass Esther noch am Leben war! Noch.



geschrieben in: Was der Apfel macht...
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

In Mitten der Sorge um die nicht heim gekehrte Lehrmeisterin platzte da dieses junge Gör ins Hospital. Selbstverständlich nahm sich die genauso junge Schülerin der Patientin an. Doch irgendetwas kam ihr merkwürdig vor. Sie fragte um Hilfe für eine Freundin? Warum war diese nicht mitgekommen? Und wieso haben so junge Frauen mit Leim zu tun in einer Masse, dass sie Hilfe benötigen?
Einem Instinkt folgend bat die junge Heilersschülerin die Hände sehen zu dürfen. Und ihr Instinkt trügte sie offenbar nicht, auch wenn sie nur eine Hand zu sehen bekam. Sie bemerkte die Hemmungen des Gegenübers und dass sich scheinbar nicht getraut wurde, gerade wirklich um Hilfe zu bitten. Sie bemühte sich auf ihre eigene unbeholfene Art, der Hilfesuchenden irgendwie helfen zu können. Innerlich fluchte sie, dass ausgerechnet jetzt Esther nicht auffindbar war. Doch ohne Vertrauen hilft auch die beste Heilerin nicht.
Die junge Schülerin haderte stark mit sich. Sie war sich mittlerweile sehr sicher, dass das verschmutzte Gör, was mit tief in den Taschen versunkenen Händen vor ihr stand, genauso Hilfe benötigte, wie ihre Freundin. Spätestens jedoch, als die junge Frau vor ihr anfing, sie wie ein kleines dummes Mädchen zu behandeln, wollte sie auch nicht mehr es weiter versuchen. Es gab einige wunde Punkte bei Cecilia und dies war so einer davon. Gegen ihren ausgeprägten Fluchtinstinkt ankämpfend, suchte sie die nötigen Flaschen und Salben für eine Behandlung von Leimverklebungen zusammen. Immer wieder fragte sie sich, wo Esther nur sei und was sie selbst gerade falsch gemacht hat. Scheinbar hat ihr Instinkt sie doch betrogen und es war wirklich nur die Freundin, welche Hilfe benötigte.
Mit einer Behandlungsempfehlung und den entsprechenden Utensilien musste sie ihr Gegenüber wieder ziehen lassen. Einen kurzen Moment blickte sie ihr noch grübelnd nach. Doch dann überrannte die angehende Heilerin wieder die Sorge um ihre Lehrmeisterin und bald war das junge verschmutzte Gör wieder vergessen.



geschrieben in: Doch nicht etwa Unfug?
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Nach einigen Tagen fand sie wieder einmal Zeit für ihre morgendliche Sammelrunde durch Adoran. Bereits am Gasthaus wunderte sie sich, dass die streunende Katze nicht da war. Das kleine Kätzchen hat die junge Heilersschülerin während ihrer Anfangszeit auf Gerimor jeden Morgen und Abend in dem Gasthaus besucht. In manchen Nächten war sie gar auf ihren Beinen liegen geblieben und erst zur morgendlichen Jagd verschwunden.
Verwundert verweilte sie einen Moment länger dort, als sie es für die Pflanzen bräuchte. Mit einem Schulterzucken wurde das Fehlen des liebgewonnenem Kätzchen abgetan und sie zog weiter über die Brücke ins Bauernviertel.

Sie kniete gerade vor einer Ansammlung an verschiedensten Pilzen, als sie das kränkliche Fiepen eines kleinen Vogels wahr nahm. Sogleich war die Frau mit der mädchenhaften Gestalt auf den Beinen und folgte dem Geräusch. Auf einem Ast zusammen gekauert saß das arme Geschöpf. Doch sie konnte sich strecken und recken, wie sie wollte, sie kam mit ihrer geringen Körpergröße einfach nicht an den Vogel heran. Gerade als sie dabei war sich abzuwenden und nach einer anderen Hilfe zu suchen, hörte sie einen dumpfen Aufprall hinter sich. Hektisch drehte sie sich wieder um und kniete sich vor dem leblosen Körper auf dem Boden. Noch konnte sie nicht sagen, ob der Vogel noch lebte. Als sie die Hand ausstreckte, um eben dies zu überprüfen, bemerkte sie eine komische Pfütze hinter dem Baum. Es sah nicht nach einer Wasserpfütze aus und jetzt fiel ihr auch der modrige Geruch auf, der am Baum in der Luft hing.

Angewidert zog sie die Nase kraus und kümmerte sich erst einmal um den Vogel. Doch nur wenige Momente bevor ihr Finger den Körper berührte, zog sich eine Kälte um ihre Brust, die sie zurückschrecken ließ. Panisch schaute sie sich um. Doch sie war alleine, selbst die Bauern waren gerade nicht unterwegs. Diese Kälte ruft eine Erinnerung in ihr hervor, eine sehr Unangenehme. Eine, die sie am Liebsten nie getätigt hätte und bereits lange vergessen hätte. Doch der Besuch im Rahaler Tempel war nicht zu vergessen. Und mit der wiederkommenden Erinnerung schreckte sie schlagartig vor dem leblosen Körper zurück, griff ihre Sammeltasche und floh vor diesem Ort.



geschrieben in: Der Flug des Seuchenraben
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Sie betrachtete den Aushang im Kastell eine Weile nachdenklich. Es erging kein direkter Befehl an das Lager. Unschlüssig hörte sie sich unter den Kameraden um. Es wurden verschiedene Materialien wohl benötigt? Aber allen voran Werkzeug! Ein erleichtertes Leuchten ging durch ihre Augen und sie eilte zurück ins Lager. Damit konnte sie dienen!

Und so stand schon bald eine gut gefüllte Truhe mit Werkzeugen vor dem Lager. Ein jeder Soldat konnte sich nehmen, was er gerade für seinen Auftrag benötige. Meist hatte sie aber keine Ahnung, was sie tat. Handwerkliches Geschick fehlte bei ihr einfach komplett. Oder das Wissen dazu. Und so landeten auch Schneidernadeln in der Truhe oder feine Sägen, welche eher ein Möbelbauer benötigen würde. Die verwirrten Blicke ihrer Kameraden bekam sie dabei gar nicht mit: Ihre Konzentration lag bereits auf einer anderen Sache: Sie fertigte Listen an. Immer wieder neue und andere. Alles, was ihrer Meinung nach für solch eine Baumaßnahme benötigt werden würde.
Oft war sie in diesen Tagen im Lager anzutreffen. Dabei hatte sie meist ein Pergament zwischen den Lippen geklemmt und einen Kohlestift in den Händen. Und zwar so oft, dass ihre Finger ihrer Schreibhand bereits schwarze Kohlespuren aufwiesen, die auch unter dem stärksten Schrubben kaum noch wegzuwaschen waren.

Am Ende wird sie vermutlich das ganze Lager katalogisiert haben. Und zusätzlich den größer werdenden Stapel an Materialien im Übungshof. Nach jeder neuen Fuhre, eilte sie hinaus und notierte die neue Menge Steine. Sie wollte den tüchtigen Kameraden in nichts nachstehen und genauso fleißig sein. Dass dabei ein neues Liedchen durch das Kastell tönt, blieb ihr natürlich ebenso wenig verborgen. Schon nach kurzer Zeit hatte sich die einfache Melodie auch bei ihr eingeprägt und in Gedanken sang sie es mit, wenn die Kameraden laut singend am Lager vorbeikamen.



geschrieben in: Ein Festungsturm für die Marine
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Nachts saß die junge Heilersschülerin mit angewinkelten Beinen an der Wand gelehnt, direkt gegenüber von Sir Keylon von Salberg, um ihn jederzeit im Blick zu haben. Es war ein Wunder Temoras, dass sie ihn nicht transportieren mussten UND dass er den Trubel im Lazarett ohne weitere Vorkommnisse überstand. Die Bewusstlosigkeit konnte manchmal ein wahres Geschenk sein.

Müden Blickes schaut sie sich um. Auf das Chaos das herrschte. Die durchwühlten Regale hatten deutliche Löcher in den Beständen. Flecken von Blut, Tränken und anderen Flüssigkeiten waren überall auf den Matten verteilt. Hier und dort lagen vereinzelt dreckige Bandagen und Tücher oder leere Phiolen und Flaschen verteilt herum. Direkt neben ihr häufte sich ein Stapel Wäsche, irgendwer hatte versucht alle benutzten Stoffe an einem Ort zu sammeln. Da ist noch einiges zu tun, ging ihr nur durch den Kopf.
Zumindest alle stabile Patienten konnten wieder entlassen werden. Und die fünf übrigen, davon einer bewusstlos, waren auf die Betten und Tischplatten verteilt und schliefen den dringend benötigten Schlaf der Erholung.

Langsam nippte sie an ihrem Tee, aufgegossen aus Kamille, Fenchelkraut und einer Prise Wildkrautpulver. Sie hatte den Tee noch mit einem guten Schluck eines potenten Schmerzmittelns gestreckt. Sie hoffte, das würde den Hals beruhigen. Den Schmerz von den beanspruchten Stimmbändern nehmen. Sie schloss kurz die Augen und erinnerte sich an dem Moment, wo es unerträglich wurde.
Alles lief gut, ihre Tränke halfen ihr in dem Chaos und hielten ihren Körper aufrecht unter der Belastung. Die Kräuter gaben ihrer Stimme eine ungewohnte Kraft, die sie anfangs selbst erschreckte. Rau blieb sie, aber das Krächzen war weg. Zufrieden nickte sie bei der Erinnerung, dass die Tränke die erwünschte Wirkung zeigten. Doch dann kamen sie.
Die Verletzten wurden Schlag auf Schlag gebracht. Der erste Angriff schien vorbei zu sein. Oder noch im Gange. Sie wusste es nicht. Sie bekam kaum etwas mit im Lazarett. Gestern hatte sie sich nachts auf die Mauer gestellt und die diensthabenden Kameraden gefragt. Heute traute sie sich nicht. Sie hatte Angst vor den Antworten. So lange sie einige Namen nicht bei sich liegen hatte, muss es ihnen gut gehen!
Und in diesem Moment ging es nur um die Verwundeten. Doch es waren zu viele auf einmal. Zu viele mit sofortig benötigter Behandlung. Keine Panik bekommen, dachte sie sich noch und arbeite einen nach den anderen ab und verteilte Aufgaben. Doch die spontanen Helfer wollten und mussten zurück zum Kampf. Irgendwann erinnerte sie sich an Ramons Worte:
"Bitte scheue dich nicht einfach irgendwelche Wachen zu befehligen oder andere die gerade nichts zu tun haben wenn es soweit ist...nicht zu lange warten."
Und so rief sie laut nach einem Gardisten. In der Hoffnung, dass einer der Kameraden auf der Mauer sie hörte. Sie erschreckte sich selbst vor ihrer lauten Stimme. Doch sie rief noch einmal. Und versorgte dann weiter. IRgendwann erblickte sie den Oberst. Nahm am Rande seine Verwundung war. Und machte weiter. Doch noch immer war kein Kamerad da. Sie rief noch einmal laut raus. Sie bemühte sich lauter zu sein als zuvor. Und war dennoch leiser als die meisten Menschen in ihrem Umfeld. Ja, das war der Moment wo ihre Stimmbänder wieder schmerzten. Der Moment, wo die Tränke nicht mehr halfen.
Die junge Heilerin legte bei der Erinnerung ihren Kopf an der Wand ab und ließ die Schultern fallen. Auch ihre letzte Hoffnung half in dem Moment nicht, obwohl sie den Trank in einem Schluck leerte. Und das wird sich noch rächen, das wusste sie jetzt schon. Einige Bestandteile waren in großen Mengen das Gegenteil von hilfreich. Doch bis dahin muss sie durchhalten. Im Zweifel die Wirkung mit weiteren Tränken aufrecht halten. Wie der, von dem ein guter Schluck in ihrem Tee war.
Sie leerte ihre Tasse und drückte sich wieder hoch. Das Chaos der ganz eigenen Schlacht im Lazarett musste beseitigt werden. Die Trankflaschen für den nächsten Angriff wieder gefüllt und vor allem ihr komplett geräuberter Gürtel wieder gefüllt werden. Und so wuselte die junge dürre Gestalt viele Stundenläufe durch das Hospital und richtet es so gut es geht wieder her. Sie achtet darauf so leise wie möglich zu sein und keinen zu wecken wollen. Und danach? Ging die Sonne auf und sie begann alles für die bald wachwerdenden Patienten vorzubereiten und Brote zur Verpflegung zu schmieren. Und ein weiterer Tag unter der Belagerung brach an.



geschrieben in: Mit Schweiß und Blut für Berchgard
Cecilia Zola
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Gardist Seydenhain kümmerte sich um einen neuen Ort für das Lazarett, nachdem sie die Unterstadt aufgeben mussten. Ihr war egal, wo sie hinkamen, nur raus aus der staubigen Mine, wo sich ein dunkler Film über alles und jeden legte. Hier konnte sie keine Wunden versorgen. Wundbrand? War nur eine Frage der Zeit, wenn die Verwundeten hier blieben.

Die Taverne! So war der Befehl. Der Kamerad setzte ihre Vorgaben um. Die Tische wurden mit Matratzen und Stofflagen gepolstert, die Bänke und Stühle an die Seiten geschoben. Alles Überflüssige musste raus und viele Wasserkübel rein. Es galt viele Kämpfer von Dreck zu befreien. Dreck, der nicht nur vom Kampf kam, sondern auch von der Mine. Und dann sollte es los gehen. Die junge Lehrlingsfrau wusste selbst nicht mehr, was genau alles passierte. Sie gab Befehle. Sie? Offensichtlich sie. Doch was genau? Sie erinnerte sich nicht mehr daran. Die Erinnerung, die von dem Moment blieb, war die zerfressende Sorge um die Patienten. Und auch die Erleichterung, als alle ohne großartige Probleme in der Taverne ankamen.

Die Taverne. Hatte sie auf eine Räumlichkeit gehofft, die dem Dorfkrug ähnelte? Sie wurde bitter enttäuscht. Eine kleine und verwinkelte Taverne war das. Zur Felsspalte. Das ergab jetzt seinen Sinn. Irgendwie sortierten sie die Patienten. Fand neue Verwundete und alte Gesichter. Viktoria schickte sie zum Ruhen. Herr Hohenstein und seine Ragai waren überall und nirgends. Sie hatte selbst nicht mitbekommen, was beide alles getan haben, aber sie hörte es von den Verwundeten. Ragai? Eine Verbindung spürte sie komischerweise zu der Frau, von der sie nur einen Namen und eine Haarfarbe hat. Und Taran? Unermüdlich half er, war immer dann plötzlich da, wenn sie etwas benötigte.

Gemeinsam schaffte die fleißige Helfer- und Heilergruppe Ruhe und Ordnung in das neue Lazarett. Wechselten die Verbände nach der Mine und wuschen Gesichter sauber. Und irgendwann wurde es leiser in der Taverne. Die schwer Verwundeten schliefen oder ruhten auf den provisorischen Schlafstätten auf den Tischen. Gepolstert und manchmal auch fixiert. Und alle anderen fand man auf den Bänken, auf Bettrollen in ruhigen Ecken, manche auch auf Stühlen. Einige blieben vor dem Gebäude im Gras. Auf der anderen Straßenseite unter dem Baum. Dort saß sie dann auch irgendwann. Viktoria und Taran versprachen diese Nacht die Wache zu übernehmen. Sie wollte das Nutzen und die Vorräte kontrollieren und versuchen aufzufüllen. Bandagen zu waschen. Das nahm sie sich vor, nur kurz sitzen und das Erlebte verdauen. Nur ganz kurz. Das war der Plan. Sie bekam gar nicht mit, wie sie im Gespräch einfach wegschlief. Angelehnt an Taran. Eingewickelt in einer Decke bis die wenigen verbliebenden Vögel den Sonnenaufgang ankündigten und unter die Kämpfenden wieder Bewegung kam. Und ein weiterer Tag unter der Belagerung anbrach.



geschrieben in: Mit Schweiß und Blut für Berchgard
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Helisande von Alsted hat geschrieben: 2. Die Heiler und Alchemisten werden angewiesen den Frischwasserzulauf aus dem Berg mit Abführmittel oder Farbe zu versetzen. Mögen die Pantherschmuser den Bergschiss ihres Lebens erleben.
Da las sie nun den Befehl. Irgendwann in später Nacht, als sie im Behelfslazarett am Aufräumen war und ihr eine Abschrift davon in die Hände fiel. Zwischen leeren Flaschen, die den Resten nach zu urteilen reinen Alkohol und verschiedenen Kräutersud beinhielten, lag unauffällig dieses Pergament. Eine vergessene Abschrift.

Sie konnte ihren Augen erst nicht trauen. Wir sollten die Feinde vergiften? Wo im Lazarett nicht wenige mit den Auswirkungen der zu spät neutralisierten Gifte zu kämpfen hatten. Das gleiche hinterhältige Spiel sollen die eigenen Truppen spielen? Kein Leid zu fügen. Der Schwur ihrer Großmutter. Schon lange gebrochen, der Preis der Kameradschaft im Regiment. Als Soldat muss du schaden können, was Leid zufügt. Auch wenn es bisher nur Banditen waren.

Nein, diese Last wollte sie ihren Kollegen nicht auch aufbürden. Viktoria kämpfte bereits genug. Sowohl an der Front, als auch im Lazarett. Sie sollte geschont werden. Taran war zu jung. Er lernte genau wie sie unter Esther, aber nicht bereits über Jahresläufe. Arno, oder Herr Hohenstein, wie sie ihn nannte, kannte sie nicht gut genug. Genauso wenig Ragai, aber irgendwas anderes sperrte sich in ihr, Ragai um Hilfe zu bitten. Nein, keinem wollte sie diese zusätzliche Aufgabe aufdrücken. Wach war zudem keiner mehr. Außer Viktoria vielleicht, aber sie hielt sicher wieder Wache.

Sie steckte den Zettel mit in die Buchtasche ihres Gürtels und räumte weiter leise auf. Beim Neubefüllen der ausgewaschenen Flaschen am Schnapsfass formte sich ein Gedanke. Das war kein Vergiften! Es war ein Schwächen. Ja genau! Es sollte kein Leben genommen werden. Nur den Feind am Kämpfen hindern. Damit die eigenen Truppen sie vertreiben können!

Beim Verteilen der Flaschen im Lazarett, an jedem Patientenbett-tisch mindestens zwei, überlegte sie sich, wie sie es anstellen sollte. Es war wichtig, dass die eigene Wasserversorgung davon nicht betroffen war. Gleichzeitig sollte es länger halten und nicht jede Stunde nachgegossen werden müssen. Eine Konstruktion formte sich langsam in ihrem Kopf. Gleichzeitig galt es etwas zu finden, was diese Wirkung verursacht. Etwas, was ihre begrenzten Möglichkeiten hergibt.

Erstmalig während der ganzen Geschehnisse zog sie ihr Buch vom Gürtel und blätterte darin herum. Es war ihr gesammeltes Wissen. Aber eben nur über Pflanzen und Kräuter, nicht über Behandlungen von Verwundeten. So eines hatte sie angefangen, es lag in ihrer Lehrlingstruhe im Hospital. Vielleicht braucht sie eine zweite Buchtasche am Gürtel? Ein Gedanke für danach. Falls. Konzentration!
Sie überlegte sich Ideen, verwarf sie und besprach sich am Ende mit dem Wirt der Taverne. Eine Mischung aus Apfelessig, Rizinusöl und Pflaumensaft- und Extrakt sollte es sein. Pflaume auch um den Geschmack vom Essig zu übertynchen. Sie plünderten alle Vorräte, die sie dafür fanden. Und sie begann im Dämmerlicht des Herdfeuers verborgen hinter dem Tresen etwas anzumischen. Tapfer erklärte sie sich bereit zu probieren. Der Essig durfte nicht schmeckbar sein! Einige Anpassungen und ein stiller Dank später, dass sie sowieso nichts im Magen hatte, war sie zufrieden.

Mit einem großen Korb voller präparierter Flaschen und einem Geflecht aus Stoff und Sehne, sowie einem Holzbalken schlich die kleine Gestalt zwischen den wachenden und schlafenden Kämpfern im Schatten zur Wasserquelle. Im schwachen Schein einer erst dort entzündeten Fackel untersuchte sie den Frischwasserzulauf. So weit unten wie möglich befestigte sie das Geflecht mit Steinen über dem Wasserlauf. Vorsichtig hängte sie die Flaschen in die vorgeknoteten Halterungen. Die Stoffstreifen, die aus den Flaschen ragten, legte sie vorsichtig in das sanft vor sich hinfließende Wasser. Zufrieden beobachtete sie, wie die leicht lila gefärbte Flüssigkeit von dem Tuch aufgesogen war und nun langsam in das Wasser abgegeben wurde. Ein langsamer aber steter Fluss. Wie bei einer Bergsprengung in Zeitlupe. Nur dass die Lunte ein Stoffstück war. Der explosive Schwefel war diesmal ein äußerst potentes Abführmittel. Und die Explosion erfolgte hoffentlich auf dem Abort.

Ganz zum Schluss klemmte sie den Holzbalken einen Schritt höher am Wasserlauf unter zwei großen Steinen fest.
AB HIER ABFÜHRMITTEL IM WASSER stand groß und deutlich lesbar mit einem Kohlestifft auf das Brett geschrieben. Die Fackel rammte sie daneben in den Boden und huschte mit dem leeren Korb zurück. Darauf bedacht, keinen Wachhabenden in die Arme zu laufen. Niemand soll hiervon erfahren. Einmal musste sie im Schatten eines Busches inne halten, als der Oberst die Wachkante ablief auf der Suche nach unaufmerksamen oder wegnickenden Patroullien unter ihnen. Zurück im Behelfslazarett nickte sie dem Wirt dankbar zu. Eine unabgesprochene kleine Geste als Zeichen, dass von ihrer Seite aus alles geklappt hat.

Am nächsten Morgen werden die ersten, die sich am Frischwasserzulauf in der Oberstadt waschen oder ihre Trinkschläuche füllen wollen, die eigenartige Konstruktion entdecken. Auch wird sich das schnell unter den Eingeschlossenen rumsprechen, ein jeder möchte wohl vor den Abführmitteln warnen. In der Unterstadt würde man im Laufe des Tages hoffentlich vermehrte Sitzungen auf dem Abort erleben. Falls man überhaupt bis zu dem stillen Örtchen es schafft. Vermutlich waren die Vögel doch nicht so bekömmlich? Musste der Feldkoch sich vielleicht etwas über die Qualität seiner Lebensmittel anhören?
Und so lange der Wirt der besetzten Taverne schwieg und keiner sie rumhuschen sah, würde auch niemand erfahren, wer es war. Ein Bericht blieb diesmal aus.



geschrieben in: Mit Schweiß und Blut für Berchgard
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Beitrag von Cecilia Zola »

Berchgard war vorbei. Die Stadt war frei. So wurde es verkündet. Doch was war wirklich frei?
Jetzt ging es um die Nachsorge der Verwundeten.
Und den Aufbau der Stadt.
Und der Beseitigung dieses Mals vor dem Osttor.

Am Morgen nach der Schlacht huschte sie vom Behelfslazarett zum eigentlichen Lazarett an der Westmauer. Das Gebäude und die Mauer stand noch. Doch im Inneren sah es wüst aus. Etwas, was behoben werden kann. Was sie viel mehr ängstigte, war das Gefühl, was sich um ihr Herz schloss, als sie über den Rathausplatz ging. Es erinnerte sie sofort an eine frühere Situation. Damals... als sie nach Esther in Rahal suchte und fand. Im Tempel hatte sie auch das Gefühl. Kälte in der Brust, dass sie schaudern ließ. Temora war so fern in dem Moment, als gäbe es die Lichtbringerin gar nicht.
Hastig stolperte sie weiter zum Osttor, das Gefühl loswerden wollen. Doch nichts, auch nicht die Berichte der Kameraden aus Berchgard, hatten sie auf den Anblick dieses Mals vorbereitet. Und das, was davon ausging. Sie spürte, wie die Kälte von ihrer Brust ausgehend um sich griff. Sie merkte, wie diese in ihre Gedanken eindrang und dort um sich griff. Die Trauer und Übermüdung der letzten Tage wurde stärker. Etwas wuchs in ihr: Zweifel. Starke Zweifel über die Richtigkeit ihrer Taten der letzten Tagesläufe. Und Unmut. Großer Unmut über die Situation und Lage in und um Berchgard.
Auch die Nachwirkungen der zu viel genommenen Tränke brachen durch. Sie ballte die Fäuste und blickte zurück auf die runter gebrannte Stadt, angezündet von den eigenen Bewohnern und Verteidigern. Wozu hat der Feind sie nur alle zwingen müssen. Ihre Mine verhärtete sich und die Augen funkelten, angespornt von den Trankresten in ihrem Körper und dem eisigen Griff, was vom Mal ausging. Düstere Gedanken übernahmen ihre Kontrolle und drohten sich festzusetzen.

Die wachhabenden Kameraden schauten schon skeptisch zu ihr, doch unternahmen nichts. Vielleicht waren sie die Reaktionen von den Passanten schon gewöhnt? Vielleicht war die Geschichte, wie sie Adelige zum Patienten tragen herum scheuchte zu übertrieben ausgeschmückt worden? Vielleicht hatten sie selbst schon zu lange Dienst an dem Tor. Als der Wachtmeister im Dienst in dem Moment mit der stündlichen Ablösung ankam, scheuchte er sie mit einem knappen Befehl weiter. Gerade rechtzeitig, denn die lähmende Kälte drohte gerade in Aktionismus umzuschlagen.

Sie flüchtete in das Waldstück hinter dem Friedhof. Unter einem Kastanienbaum hielt sie erst an. Sie rutschte am Stamm runter und schnaufte heftig durch. Es war ein kurzer Sprint, aber ein heftiger. Und ihr Körper war für solche kurzfristigen Kraftanstrengungen einfach nicht bereit.
Doch die Erschöpfung löste den Einfluss vom Mal gerade weit genug. Sie grub ihre Hände in den Waldboden und drückte den Rücken gegen den rauen Stamm. Mit zittriger Atmung und geschlossenen Augen betete sie einige Lobpreislieder für Temora runter. Immer und immer wieder bis der Wärmefunken in ihrer Brust wieder entfachte. Den Wärmefunken, den sie auf Gerimor fand, den Eminenz Lathaia damals in ihr verstärkte und woraus sie die Kraft für ihre Stimme schöpfte.

In der Ruhe des Waldes und nach der Belastung der ganzen Tage im Lazarett fiel sie in einen erschöpften Schlaf. Direkt dort am Baum angelehnt, den Kopf auf die Brust gelegt. Die Rüststiefel an den Füßen, welche sie nicht einmal abgelegt hatte in der Woche. Das dürftig ausgewaschene Kleid und die Schürze mit den Spuren sämtlicher Behandlungen am Leib tragend. Der Wappenrock, Umhang, Barrett – alles hatte sie nach und nach unter den Kameraden verteilt. Sie sollten in korrekter Uniform zurück in den Kampf. Im Lazarett störten diese Teile sie nur. Nur ihre Abzeichen, die hatte sie an ihrer Kette befestigt. Sicher dachte sie. Doch dort im Wald am Baum hingen keine Abzeichen mehr an der Kette. Sie konnte nicht sagen, wann diese verloren gegangen waren. Sie hatte es noch nicht einmal bemerkt. Und wird es auch noch nicht an diesem Nachmittag, wenn sie schuldbewusst endlich ins Hospital eilen wird und die Nachsorge der Kämpfer aufnimmt.
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Irgendwann nach der Belagerung Berchgards und vor der Entfernung des Mals taucht ein schlichtes mit Kohle beschriebenes Pergament ohne Wasserzeichen und ohne Absender am Schrein der Opferbereitschaft auf. Es ist einfach gefalten und beschwert mit einem unauffälligen Stein. Vielleicht wurde es noch in der ersten Nacht weggeweht, vielleicht liegt es bis heute da. Vielleicht hat die Witterung die Worte teilweise oder auch ganz verschwimmen lassen, vielleicht meint Temora es aber auch gut und das Pergament ist bis heute lesbar. Wer weiß das schon.
  • Achtzehn Frühlinge alt war ich als ich in den Krieg zog, um für ein für Helden geschaffenes Land zu kämpfen. Temora an meiner Seite, Bandagen und Tränke am Gürtel, so jagte ich meine Tage runter auf Null.
    Ich marschierte mit, ich kämpfte mitzuhalten, ich blutete in meine Stiefel und ich starb innerlich so viele Tode. Doch gealtert bin ich nie. Aber ich wusste damals schon, dass ein Jahr in der Reihe der Truppen ein Leben lang genug war für einen Soldaten.

    Wir meldeten uns alle irgendwie doch freiwillig und ich schrieb meinen Namen auf das Pergament. Und irgendwann fügte ich zwei Jahre zu meinem Alter hinzu. Begierig zu Leben und dem Spiel des Kampfes vermeintlich voraus, ich war bereit Geschichte mit zu schreiben.
    Und wir rauften, wir kämpften, wir liefen im Kreis, wir standen Schulter an Schulter. Hunderte. Tausende. Unser Durst auf die Feinde war groß, doch sie waren nur Kanonenfutter. Denn das ist es, was du bist, wenn du ein Soldat bist.

    Ich hörte meine Kameraden, meine Freunde aufschreien. Ich sah ihn auf ein Knie fallen, Blut spuckend und nach seiner Mutter schreiend. Und ich fiel innerlich an seine Seite und so starben wir wie Kinder aneinander geklammert. Und doch lag er da alleine und ich war machtlos.
    Ich lag im Schlamm, in Eingeweiden und Blut. Ich weinte nie gezeigte Tränen als sein Körper erkaltete. Ich rief nach meiner Mutter, doch sie kam nie zur Hilfe. Schreie die auf ewig unbeantwortet bleiben. Und das obwohl es doch nicht meine Schuld war und ich nicht verantwortlich gemacht werden sollte. Der Tag ist nicht einmal halb vorbei und Hunderte, Tausende waren abgeschlachtet. Und jetzt gibt es niemanden mehr, der sich an unsere Namen erinnert. Fast niemanden mehr. Erinnert werden nur die Helden.

    So ist es nun mal für einen Soldaten.
Cecilia Zola
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Beitrag von Cecilia Zola »

Die Nacht lag still über den Gassen, nur ein paar lose Fensterläden klapperten im Wind. Eine kleine, schmächtige Gestalt huschte durch die Schatten, die rechte Hand verkrampft an den Körper gepresst, als schütze sie eine Verletzung. In der Linken funkelte schwach ein Kohlestift, abgenutzt, aber fest umklammert wie ein Werkzeug für ein geplantes Werk.
Vor dem Haus der Heilerin blieb die Person stehen. Am Tor hing das ehrbar geschnitzte Schild „Haus Marlon“. Die Gestalt verharrte, der Kopf leicht schiefgelegt, als prüfe sie das Holz. Dann ein kurzes Aufblitzen von Zähnen – ein leises, schiefes Grinsen, kaum zu sehen, eher zu erahnen.
Der Stift setzte an. Kratzende Striche auf Holz, hastig, unsauber, unterdrücktes Zischen, als ob Schmerz die Bewegung begleitete. Ein Buchstabe wurde verändert, ein weiterer nachgezogen. Schwarz verschmierte über der glatten Schnitzerei. Schließlich war die Korrektur vollbracht: Aus „Marlon“ war „Marlan“ geworden.
Die Gestalt trat zurück, neigte den Kopf und stieß ein leises Schnauben aus – halb Belustigung, halb Triumph. Dann verschwand sie wieder so rasch, wie sie gekommen war, verschluckt von der Dunkelheit der Gassen.
Das Holzschild aber erzählte nun eine andere Geschichte.
Seit Tagen hatte sie vermehrt Besuch in ihrer kleinen Heilerstube. Ein Patient blieb über einige Nächte, der Blutverlust war zu groß, die Bewusstlosigkeit zu tief und lang gewesen. Die Wunden einzeln alle nicht schlimm, aber in der Masse? Dazu kam noch eine weitere Patientin, welche vorbei kam und wieder kam. Mit einem deutlichem Wundbrand in der Wunde, welche nicht nach Anweisung gepflegt wurde. Eine Nacht konnte sie zum Bleiben überreden, wobei eine Überredung nach dem Aufschneiden und Ausspülen der Wunde nicht mehr nötig war. Die Patientin wäre im Stehen eingeschlafen, wenn sie könnte.
Doch eines blieb während all der Zeit konstant: Cecilia huschte ein und aus im Haus Marlon. Sie flitze oft durch das Bauernviertel und suchte frische Kräuter für die Behandlung und den Tee der Patienten. Sie bemerkte frische Triebe an der Kamillenpflanze neben dem Haus und verarbeite sie noch in der gleichen Stunde zu einem Sud. Auch bemerkte sie die zarten Holunderblüten an dem Busch, welcher zwei Häuser weiter etwas abseits wuchs. Doch eines bemerkte sie nicht: Die Veränderung am eigenen Hausschild.

Wie so oft, gab es keinen Blick für das, was immer schon so war und wohl immer so bleiben würde. Dadurch fiel eben auch nicht auf, wenn es doch einmal Veränderung gibt.
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