Gerimor
Eisbruch/Lenzing 267
Wie macht man ein Leuchtfeuer unsichtbar? Auch wenn die Frage eine rein theoretische war, ließ sie mir keine Ruhe. Dazu kam noch, dass mich jedes noch so kleine Geräusch aus dem ohnehin viel zu wenigen Schlaf riss, vor allem, wenn es dem ständigen Ticken in den zu kalten Nächten nahe kam. Die Hoffnung blieb, dass die neue, wenn auch erzwungene Obsession mit Uhren ein baldiges Ende finden konnte. Ich war mir aber gar nicht so sicher, ob das Ticken nicht doch das bessere Geräusch war.
Mittlerweile war klar, dass die Alben annahmen, dass ich der Schlüssel zu Amagar war, den sie noch immer jagten, auch nach all den Jahren. Amagar und ich hatten eine Verbindung, seit der ersten Begegnung, seitdem meine Hand durch die schemenhaften Schlieren gestrichen hatte, seitdem er mir gezeigt hatte, was ich nie wieder fühlen wollte. Natürlich würden sie die Verbindung nutzen. Und sie wussten, dass ich noch immer nicht losgelassen hatte. Das war mir seit der Warnung vor ein paar Monden nur allzu bewusst. Ob sie meine einzig andere Verbindung nutzen würden, wie Newenar es zumindest vage vermutete, war eine andere Sache. Wenn sie mich quälen wollten, ganz sicher. Wenn sie meinen verletzlichsten Punkt finden wollte, durchaus. Meine größte Schwäche war ebenso meine größte Angst. Sie würden mich dort treffen, wo es mir am meisten weh tun würde, wenn sie ihm ein Haar krümmten. Und so sehr ich es wünschte, umso weniger konnte ich es verbergen. So sehr ich für ihn brannte, so einfach konnten sie es sehen.
Schütze die deinen, Mädchen, schütze die, die dich verletzlich machen.
Die Worte ließen mir nächtelang keine Ruhe und es brauchte ein paar Tage, bis ich meine Sorge in Worte – nicht allzu gute, wie so oft – verpacken und teilen konnte. Wir hatten nie eine Beziehung, in der wir uns vor den anderen warfen. Er hatte mich nie hinter sich geschoben, wenn ich mich mit irgendwas anlegte, ich hatte mich nie vor ihn gestellt, wenn etwas auf ihn zustürmte, auch wenn mein ganzer Körper und auch mein Geist danach schrien. Vielleicht war das unserer Vergangenheit geschuldet, vielleicht der Tatsache, dass Mitleid in unseren Geschichten nicht existierte. Mitgefühl dafür schon und vor allem Verständnis. Wir hatten unsere Kämpfe immer allein ausgefochten, weil wir es beide so wollten. Dennoch würde ein Wort reichen und ich würde in jedem Krieg an seiner Seite stehen. Womöglich war das genau der Punkt, der es so einfach machte mit ihm. Er gab mir nie das Gefühl, als müsse oder wolle er mich beschützen, wie es andere vor ihm getan hatten, er war nicht mein Schutzschild. Und umgekehrt genauso. Auch wenn ich wusste, er würde es tun, wenn es sein musste. Er gab mir Sicherheit, ohne mich schwach fühlen zu lassen. Er war mein Leuchtfeuer.
~~ wenige Tage darauf ~~
Ich hob die kleine Kappe mit dem Mohnsaft darin hoch, hielt sie dicht vor mein Gesicht, so dass ich in der Dunkelheit noch gerade die Umrisse erkennen konnte. Es nützte nichts. Auch wenn der Saft die Träume nicht fernhalten konnte und würde, zumindest brachte er etwas Schlaf. Nicht die ersehnte Erholung, nicht die Wärme, doch zumindest mein Körper würde etwas der Anspannung der letzten Tage für ein paar Stunden ablegen können. Hoffentlich. Es dauerte nicht lange, nachdem ich die Kappe geleert hatte, bis die Zwielichtsicht von grauen Schemen und Umrissen verschwand und ich in Schwärze tauchte. Vorerst.
Es waren graue, verdrehte Schleier, die hochgewachsene, schlanke Gestalt, die mich in Alarmbereitschaft versetzten. Irgendwo in meinem Geist schimmerte der kleine Funke Bewusstsein, der mich die Hitze an meinen Fingern spüren ließ, den Stoff, in den sie griffen, die Haut darunter, die angespannten Muskeln, nicht die vertraute und gute Art der Anspannung. Es schien mir unmöglich, loszulassen. Ich wollte nicht loslassen, während ich die viel zu schnellen grauen Schleier einzufangen versuchte. Ich hatte immer damit gerechnet, dass die Albin jene wäre, die mir wieder nahe käme, die mich schmerzlich daran erinnern würde, was sie waren und was ich war. Wer der Ober und wer der Unter in diesem Spiel war.
Er ist so... hübsch... er gefällt mirrrrrr..
Es war nicht ihre Stimme. Ich kannte sie dennoch, alle anderen, die sich hineinmischten auch, nur anders als bei der Albin weckte nicht ihr Klang etwas in mir, als vielmehr das, was sie sagte. Wenn ich die Zeit und das Bewusstsein gehabt hätte, hätte ich geschaudert. Doch all meine Aufmerksamkeit, jeglicher Fokus lag gerade nicht auf mir. Und ich hatte Angst, die ich verzweifelt zu kontrollieren versuchte. Nicht um mich. Sollten sie mit mir machen, was sie wollten.
Zieh dich jetzt zurück, kleines... schwaches... Mädchen!
Wie schmeckt dir diese Medizin, Kind?
Seine Seele ist sooo schön facettenreich, gesplittert... berrrrührt. 'Diese Ängste, köstlich, ich will sie alle auf einmal schmecken!
Neben dem ersten Entsetzen, dass sie diese Grenze tatsächlich überschritten, und der Angst um ihn, mischte sich aber noch etwas anderes in meine so gerne kontrollierten Emotionen – Wut. Darüber, was sie sagten, darüber, was sie taten, vor allem aber über Berührungen, die nicht hätten sein sollen. Ich hatte nicht lange nachgedacht, hatte schlichtweg das klerikale Abbild meiner Kraft zwischen ihr Ziel und sie gedrängt und sie zurückgeschoben, so gut es eben ging. Natürlich reichte es nicht aus. Ich war eine Dienerin eines Gottes. Sie waren seine Wesen seit Jahrhunderten. Die offensichtliche Unterlegenheit schürte das Feuer nur noch mehr. Doch dieser kleine Abstand, diese nicht mehr unmittelbare Nähe reichten aus, damit ich zumindest einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte. Vielleicht blieb mir auch nichts anderes übrig, als mich auf das Spiel einzulassen. Vielleicht war es auch das vertraute Sturmgrau und die Zusicherung, die darin lag, die meine Entscheidung nicht ins Wanken brachten. Wie konnte er so viel Vertrauen in mich haben, wenn ich selbst nicht wusste, was ich tat? Ein wenig Zeit war, was ich so dringend brauchte.
Macht er euch so viel Angst, dass ihr nicht mal seinen Namen sagen könnt? Was ist euer Wort wert?
Genau so viel wie deines, kleine Dienerin. Was wollen wir mit deinem Spielzeug, wenn wir ihn haben koennen?
Warum habt ihr ihn dann noch nicht?
Ich nehme den hübschhhhen Burschen...
Nein. Nehmt, was ihr schon lange wollt.
AMAGARRRRRR
Sein Name hallte noch lange in meinen Ohren nach, auch wenn sie ihn nur einmal ausgesprochen hatten, wenn das Ächzen nur einmal den Raum gefüllt hatte. Er würde es noch ein paar Tage ohne mich schaffen. Er würde meine Entscheidung verstehen. Schließlich war er es, der mein Herz erkannt hatte. Der mir den Weg gezeigt hatte, meine Schwäche zu einer Stärke zu machen. Er wüsste, warum ich es getan hatte und ich wusste es plötzlich auch, war mir erstaunlich sicher.
~~~
Plötzlich war da Vertrautheit, die meinen Geist berührte, Verbundenheit und als ich genauer hinsah, zeichnete sich das ab, was ich nicht in Erinnerung hatte, vielleicht hatte er sich auch verändert. Es war wie durch eine feine Nebelschlicht das Funkeln von Sternen zu betrachten. Ich hatte eine Ahnung, wie es auf die anderen wirkte, es war nur nicht das, was ich vornehmlich sah. Nur kurz, nur für den Bruchteil von Sekunden schimmerte unter dem nebelhaften Fluss und den glimmenden und schwindenden Lichtsternen, die Gestalt durch, das Gesicht, das mir seit beinahe zehn Jahren vertraut war. Ich rührte mich trotzdem erst einmal nicht, musste mich selbst fassen. Wenn man Jahre auf etwas wartete, war man trotzdem nicht vorbereitet. Wollte ich ihn umarmen? Ja. Hatte ich zu viel Angst vor der Leere, die er mir damals offenbart hatte? Ja. War ich mir sicher, dass die Hälfte der Anwesenden im Raum es nicht verstanden hätte? Ja. Genau wie damals. Also verweilte ich, nahm mir die Zeit, bis ich wirklich etwas sagte. Die meiste Zeit versuchte ich ohnehin zu lauschen, in seine Erklärungen gegenüber der Dienerschaft mehr Sinn zu bringen. Selbst er, der sich Jahrzehnte mit den Alben beschäftigt hatte, ihnen seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren immer wieder entkam, konnte keine Sicherheit bringen. Es blieb ein Himmelfahrtskommando, auch wenn der Plan mehr Gestalt annahm. Was konnten wir ihnen also entgegensetzen? Wir hatten die Kraft der Dienerschaft. Wir hatten Newenar, der uns sicher nützlich sein würde bei ihrer Fähigkeit, das Lied zu beeinflussen. Wir hatten Amagar. Wir hatten mich.
Es gibt nur einen Ausweg dieses Mal.
Deshalb bin ich hier.
Deine Loyalität ist beispiellos, besonders unter Unseresgleichen.
Erst als ich nach all den Jahren einen Moment mit ihm alleine hatte, wich die Anspannung etwas. Es gab so viele Fragen, die mir auf der Seele brannten, doch war es nicht die Zeit dazu. Danach, danach würde Zeit sein, wobei ich eine Ahnung hatte, dass sie mir wahrscheinlich nicht beantwortet werden würden. Doch manche Dinge, hatte ich das Gefühl, änderten sich kaum. Auch jetzt nach all dieser Zeit war er es, der mir die Ratschläge gab, mich warnte, auch vor Verbündeten. Kurz kam mir das Aufeinandertreffen erst ein paar Tage davor in den Sinn. Ich hatte mich gewundert, weshalb die Verbindung zu meinem Verbündeten nicht funktioniert hatte. Warum ich die Spiegelklinge in der Hand hielt und er trotzdem nicht zur Hilfe kam. Hatte er es nicht gesehen, nicht wahrgenommen? Worauf wartete er? Oder war der Pakt doch nicht so fest, wie ich es dachte. Ich würde ihn dennoch einfordern. Newenar war unsere Überraschung. Auch wenn er mir nicht half bei ihrem Besuch, so würde er es tun, wenn es sein musste.
Nicht die Alben werden dir irgendetwas geben für Opfer, sie nehmen nur. Verlass dich auf die wahren Diener unseres Herrn.
Verrate Ihn nicht und verrate dich nicht, Mairi Kaija. Alles andere wird sich fügen.
~~~
Erneut wurde ich fortgerissen, fand mich in der geliebten Wärme wieder, nur kurz, ehe meine Sinne die Gefahr wieder spürten und die Fratze sich hinter dem vertrauen Seelenlicht abzeichnete. Dieses Mal gab es kein Zögern, kein Beobachten, kein angstvolles Erstarren, auch wenn die Angst über mich rollte wie eine Lawine aus Schnee und Eis, ich weigerte mich, ihr nachzugeben. Ich hüllte ihn sogleich in das schützende Zwielicht, umgab ihn mit den Nebelschlieren und stemmte mich gegen alles, was ihm hätte zu nahe kommen können. In diesem Gefüge, in dem ich klar und deutlich sehen konnte. Ansonsten blieb mir nur, nahe zu bleiben, ihn festzuhalten. Ich ließ von beidem auch nicht ab, auch wenn die Übelkeit über mich hereinschwappte, als er zubiss. Ich nahm noch war, was sich auf der vertrauten Miene widerspiegelte, sah den Ekel, den Schrecken und hörte die Worte, stemmte mich und alles, was ich an Kraft noch hatte, gegen die Umarmung und den Biss des verhassten Wesens, ehe er die Erinnerungen über mich hinwegfegen ließ.
Aaaaah, wie fühlt es sich an, wieder einmal zuzusehen, wie der, der dich schützen will, leidet?
Es war nicht mehr Silens Stimme, es war Micahs, jung, kindlich, jungenhaft und flehend.
Bitte, bitte... tu ihr nichts... bitte.
Für einen Moment war ich in Siebenwacht, für einen Augenblick spürte ich die alten Dielen unter meinen Füßen beinahe, für einen Atemzug lang spürte ich alles Leid, allen Schmerz. Vielleicht war es das Wanken meiner eigenen Kraft, vielleicht auch die Leere im Blick, der sich nach dem Blinzeln wieder in meine Sicht schob, vielleicht ein winziger Funke meines Bewusstseins, der mir klar machte, dass das nicht wahr war. Und für den Augenblick blieben nur der Schmerz und die Übelkeit, den die Erinnerungen und der viel zu feste Griff am Oberarm hervorgerufen hatten.
Was verbindet dich... mit der Torwächterin? Falsches Spiel... wir sehen uns wieder, bis dahin... seht zu, wie ihr beide _hier_ wieder heraus finden könnt!
Graue Wellen rissen mich davon, rissen mich aus dem zu festen Griff und ließen mich ins Leere fassen. Als mein Geist wieder aus der Dunkelheit tauchte, war ich… ich. Nur vor vielen Jahren. Ich war wieder das kleine Mädchen aus dem Kinderhaus in Schwarzwasser, ängstlich, verletzt. Ich hörte das leise Atmen in meiner Nähe, noch bevor der Lichtschimmer eine Jungengestalt freigab. Micah? Nein, es war nicht Micah. Er hatte kein schwarzes Haar oder war von so schlankem Wuchs. Misstrauen kroch in mir hoch, Vorsicht. Ich kannte ihn nicht und doch war er mir nicht fremd und ich war mir sicher, dass ich diese Augen nie vergessen hätte, wenn ich sie vorher jemals gesehen hätte. Ein seltsamer Gedanke zog sich durch mein kindliches Gemüt und trotz meiner Vorsicht mochte ich den Abstand zwischen uns nicht. Ich wollte seine Hand halten, musste sie festhalten. Alles in mir schrie danach, ihn zu berühren. Mein ganzes Dasein bestand nur aus dem Gedanken, dem Wunsch, ihn zu beschützen.
Ich schreckte hoch, wachte aus den Träumen auf, die nicht mehr aber auch nicht weniger waren, als die Erinnerungen der letzten Tage. Kurz suchte ich verzweifelt nach der Wärme, die nicht da war, bis ich realisierte, dass ich diese Nacht selbst so gewählt hatte. Der Schimmer von Licht, der den Raum in helleres Schemengrau verwandelte, verriet immerhin, dass ich ein paar Stunden geschlafen hatte. Geträumt. Erinnert. Der Mohnsaft. Meine Atemzüge kamen zu schnell, der Schweiß auf meiner Haut war kalt und ich schauderte. Ich konnte die Angst nicht so schnell abschütteln, wie ich es wollte. Nicht um mich selbst. Darum machte ich mir gerade die wenigsten Sorgen.
Ich hatte immer gedacht, dass die weiße Albin mich in den Abgrund stoßen würde. Wie sehr ich mich getäuscht hatte. Und eigenartig, dass ich immer fest davon ausging, dass die Alben immer zusammen waren. Warum hatte ich das gedacht? Weil ich sie so erlebt hatte? Aber hatte ich sie nicht auch schon anders erlebt, die Albin allein? Erst als Amagars Worte schmerzliche Bestätigung fanden, war klar, was es tatsächlich bedeutete. Sie waren nicht untrennbar. Sie schienen sich nicht einmal untereinander völlig loyal.
Und es war auch klar, dass Silen einen besonderen Platz eingenommen hatte. Vor allem in meiner Geschichte. Ich hatte lange nicht so viel Hass verspürt, vielleicht nie zuvor. Und möglicherweise rückte mein Fokus ab von den Alben und mehr hin zu nur einem davon. Er hatte sich an jemandem vergriffen, der mir wichtiger war, als mein eigenes Heil. Er hatte es ausgenutzt. Zuerst gegen mich und dann für sein eigenes Vergnügen. Er wollte wissen, was mich mit der Torwächterin verband und ich war bereit, es ihm in seine hässliche Fratze zu schleudern.
Kurz wanderten meine Finger über die fast verblassten Abdrücke an meinem Hals, dann über den Verband, der um mein rechtes Handgelenk und einen guten Teil vom Unterarm gewickelt war. Ich bewegte die Hand und kniff unter dem Schmerz kurz die Augen zusammen.
Ich wusste es besser, wusste, dass ich ihn nicht berühren sollte, wenn das Fieber über ihn brandete. Aber seine Qual und das, was sich auf seiner Miene abzeichnete, schmerzten mich so sehr, dass ich die Nähe brauchte. Ich konnte nicht anders, als ihn zu berühren in dem verzweifelten, sanften Versuch, ihm irgendwie Ruhe und Erlösung zu spenden. Ich hatte ja keine Ahnung und war so überrascht von der Heftigkeit seiner Reaktion, dass ich viel zu spät meine Gedanken beisammen hatte, um ihm zu entgehen. Sein Griff war zu fest, schmerzhaft, so fest, dass die Knochen meines Unterarms nachzugeben drohten. Er hörte mich nicht. Er sah mich nicht. Und trotz des Schmerzes zögert ich, mich gegen ihn zu wehren, ihm etwas zuzufügen, auch wenn es nur für einen kurzen Moment nötig wäre. Ich war zu vorsichtig dabei, ihn zu lähmen. Und ich verabscheute mich, dass ich es doch tun musste und nur noch mehr Gegenwehr in ihm hervorrief. Viel zu spät sickerte in mein Bewusstsein, dass ich mich ihm anders entziehen konnte, zu spät für unversehrte Haut oder Handgelenke. Ich hasste alles daran. Seine Qual, meinen Schmerz, die Tatsache, dass das nicht spurlos an uns vorbeigehen würde. Meine Unfähigkeit, direkt auf das seichteste und effektivste Mittel zurückzugreifen. Ich hasste, dass er überhaupt ein Teil von diesem ganzen Wahnsinn sein musste und meinen Egoismus, weil ich nicht vorher gehen konnte und meinen dummen, dummen Gefühlen nachgeben musste und geblieben war. Und allen voran hasste ich den Silen.
~~ wenige Tage darauf ~~
Aufgeweckt aus Albträumen. Es schien beinahe wie Ironie an diesem Tag. Ich nahm mir die Zeit, für mich, für meine Gedanken, für meine Erinnerungen, die mich schon im Schlaf gejagt hatten. Es waren nicht jene an Siebenwacht, an das Haus, an den Jungen. Zumindest nicht die gleichen Fetzen wie damals. Sie hatten sich verschoben, hatten Regengrau gegen einen Sturm getauscht, den ich zuletzt vor anderthalb Jahren wirklich sehen konnte. Ich vermisste ihn.
Meine Finger taten sich schwer, als ich am Nachmittag den gefalteten Zettel in die angelaufene Schatulle steckte. Kurz kroch in mir der Gedanke hoch, dass das vielleicht der letzte Zettel war. Hatte ich alles gesagt? Hatte ich drumherum geredet? Für einen Moment starrte ich das verwitterte Holz an, hatte die Hand gehoben, doch das Klopfen blieb aus.
Keine Stunde später zerrte ich mit meiner schmerzenden Hand die letzten Schnallen des ledernen Wamses fest. War es eine kluge Idee, verletzt in solch ein Vorhaben zu gehen? Sicher nicht. Aber zum einen hatte ich keine andere Wahl mehr und hatte sie ohnehin selbst so getroffen, zum anderen war der Verband und die schmerzende Hand eine Erinnerung, weshalb ich zurückkehren musste. Als letztes fand die tickende, alte, eigenartige Uhr den Weg in meine Tasche.
Ich war froh um die eine oder zwei Stunden, in denen ich allein vor der alten Standuhr verbringen konnte. Sie war ein Weg in die Geisterwelt, war eine Möglichkeit das Tor zu öffnen. Nicht für Newenar, er brauchte es nicht, konnte wandeln ohne durch Pforten zu schreiten. Vielleicht war sie der kleine Unterschied, der die Waage zum kippen bringen konnte. Ich hatte niemandem davon erzählt, war selbst erst durch Silen darauf gekommen. Vielleicht war es Wahnsinn, aber immerhin ein kleiner Keim einer Idee.
Mein Blick wanderte über die blau-lila-grauen Seelenlichter und die Gestalten, die sie umhüllten. Es waren so viele und kurz zweifelte ich, ob ich nicht alle in den Abgrund mitnehmen würde. Aber es war ihre Entscheidung. Es gab keine Bitte, keine Forderung im Vorhinein. Lediglich meine Geschichte und die feste Tatsache, dass ich dort stehen und mein Versprechen einlösen würde. Von manchen kannte ich nur diesen Anblick, nur die Schemen und das Flackern. Und ich stellte fest, dass ich eigenartig ruhig war, wenn es um meine Sicht ging. Ich war in Ordnung damit. Wenn das ein Preis dafür war, den Alben ein Ende zu bereiten, dann hatte ich ihn vor anderthalb Jahren gezahlt und mittlerweile hielt ich ihn nicht einmal für zu hoch. Amagars Anblick alleine wäre es wert gewesen. Trotzdem war es etwas anderes, auf dem mein Blick im Moment seinen Fokus fand. Das Netz aus den verschiedenen Abbildern des klerikalen Wirkens. So verschieden wie die Dienerschaft war, so unterschiedlich war ihr Wirken. Von Dornenranken bis hin zu hellgrünen, sich schlängelnden Schlieren, von dunklen Schatten über Efeuranken bis hin zu dem Hauch von Krankheit und Pest – trotzdem waren am Ende alle verflochten zu einem Netz, das sich mehr und mehr festigte. Wir waren so stark, wenn wir unsere Kräfte verbanden. Und brandgefährlich. Doch waren die Alben das auch.
Der Schrat war der erste, der sich zeigte und sogleich auf sein Ziel zustürmte. Er würde es nicht erreichen. Das Netz hielt und doch war es nur einer. Für den Moment, nur für Augenblicke, bis sich seine Geschwister zu ihm gesellten. Die Weiße Frau, Cliodhna. Der Blutbrecher. Der Silen.
Atmen.
Wir mussten sie abschneiden, sie waren zu stark. Ich sah, wie sie den anderen Dienern zusetzten, spürte, wie sie gegen das Netz ankämpften und doch waren es nicht ihre klerikalen Ausbrüche und magischen Angriffe, es waren nicht ihre Drohungen oder Gestalten, die peitschenden Arme, die versuchten, zu verletzen. Es war eine vertraute Stimme an meinem Ohr, warmer Atem, der mir dabei über die Wange strich. Es war der Schmerz, der in den Worten lag, der mich wanken ließ. Irgendwo am Rande meines Bewusstseins war mir klar, dass sie mit den anderen das Gleiche machten. Sie spielten mit unseren Ängsten. Täuschend echt. Ich tat das einzige, was mir in dem Moment hilfreich erschien, uns allen. Am Ende lief es immer auf eines hinaus. Kra’thor. Es war mir bewusst, es war richtig. Trotzdem war es viel mehr Hoffnung, als Gewissheit, dass er seinen wahren Dienern beistehen würde und den Verrätern den Rücken kehrte.
Als die nächste Welle der Verzweiflung über mich schwappte, die Worte sich so sehr in meine Gedanken bohrten, dass ich sie vermutlich noch Wochen hören würde, war es der kurze Schmerz des zu festen Griffes, es war der kleine Funke, der hell aufglomm und sich neu entfachte. Sie waren nicht unfehlbar. Und auch wenn die Vertrautheit der Stimme so täuschend echt war, so waren es die gewählten Worte nicht. Ich ließ los, auch weil ich wusste, dass die anderen noch immer fest im Netz verbunden waren, richtete meinen Fokus stattdessen auf die Standuhr und die Taschenuhr. Newenar.
Und plötzlich, im Anblick der drohenden Passage zur Geisterwelt, letztlich im Angesicht zu dem Verbündeten, waren sie es, die Angst hatten.
Er wollte meine Verbindung zur Wächterin. Jetzt konnte er sie haben.
Ich bekam das Ableben – oder vielmehr das Verschlingen der anderen drei nicht einmal ganz mit, hatte keinen Blick dafür, solange der Silen in meiner und in Amagars Nähe war. Er kämpfte. Panisch. Hektisch.
Es war meine Wahl, wie er gehen sollte. Vielleicht unfair, wenn man bedachte, dass Amagar derjenige war, der so viele Jahre vor ihnen geflohen war. Dennoch ließ er sie mir aus irgendeinem Grund. Und ebenso Newenar, der von vornherein klar gemacht hatte, dass die Alben seine wären, wartete auf meine Worte. Er wusste, warum. Als ich den Silen ein letztes Mal anblickte, kroch kalter Hass in mir hoch. Nicht nur, weil er mir so zugesetzt hatte in den letzten Wochen, auch und vor allem, weil er Erinnerungen, die nicht meine waren, zurückgeholt und mit ihnen gespielt hatte. Meine Antwort fiel ruhig aus, ungewohnt kühl und vermutlich konnte die Tragweite niemand anderes erahnen. Vielleicht nicht einmal ich selbst. War sie grausam? Ja. Trotzdem lag kein Zögern in ihr.
Mit allen Erinnerungen, die er zurückgeholt hat. Mit allem Leid, allen Schmerzen. Ihr seid doch Wesen der Gefühle. Jetzt kannst du sie alle haben.
Ich beobachtete, wie Newenar begann, ihn zu verschlingen, war gefangen in dem Anblick und konnte so dem Arm nicht mehr ausweichen, der nach mir peitschte und mir den Rücken aufriss. Kurz, ganz kurz, wollte ich lachen über die Ironie, der Schmerz ließ mich aber stumm bleiben, ließ mich verharren mit dem Gedanken, dass wir es geschafft hatten. Er war fort. Ich hatte mein Versprechen gehalten.