Lügen werden zur Wahrheit, wenn man sie glauben will.
Gerimor
Lenzing 267
Aufgeweckt aus Albträumen. Es schien beinahe wie Ironie an diesem Tag. Ich nahm mir die Zeit, für mich, für meine Gedanken, für meine Erinnerungen, die mich schon im Schlaf gejagt hatten. Es waren nicht jene an Siebenwacht, an das Haus, an den Jungen. Zumindest nicht die gleichen Fetzen wie damals. Sie hatten sich verschoben, hatten Regengrau gegen einen Sturm getauscht, den ich zuletzt vor anderthalb Jahren wirklich sehen konnte. Ich vermisste ihn.
Meine Finger taten sich schwer, als ich am Nachmittag den gefalteten Zettel in die angelaufene Schatulle steckte. Kurz kroch in mir der Gedanke hoch, dass das vielleicht der letzte Zettel war. Hatte ich alles gesagt? Hatte ich drumherum geredet? Für einen Moment starrte ich das verwitterte Holz an, hatte die Hand gehoben, doch das Klopfen blieb aus.
Atmen, Mairi.
Keine Stunde später zerrte ich mit meiner schmerzenden Hand die letzten Schnallen des ledernen Wamses fest. War es eine kluge Idee, verletzt in solch ein Vorhaben zu gehen? Sicher nicht. Aber zum einen hatte ich keine andere Wahl mehr und hatte sie ohnehin selbst so getroffen, zum anderen war der Verband und die schmerzende Hand eine Erinnerung, weshalb ich zurückkehren musste. Ein Dolch war die einzige Waffe, die ich sichtbar an der Hüfte trug. Er war die einzige Waffe. Als letztes fand die tickende, alte, eigenartige Uhr den Weg in meine Tasche.
Ich war froh um die eine oder zwei Stunden, in denen ich allein vor der alten Standuhr verbringen konnte. Sie war ein Weg in die Geisterwelt, war eine Möglichkeit das Tor zu öffnen. Nicht für Newenar, er brauchte es nicht, konnte wandeln ohne durch Pforten zu schreiten. Vielleicht war sie der kleine Unterschied, der die Waage zum kippen bringen konnte. Ich hatte niemandem davon erzählt, war selbst erst durch Silen darauf gekommen. Vielleicht war es Wahnsinn, aber immerhin ein kleiner Keim einer Idee.
Mein Blick wanderte über die blau-lila-grauen Seelenlichter und die Gestalten, die sie umhüllten. Es waren so viele und kurz zweifelte ich, ob ich nicht alle in den Abgrund mitnehmen würde. Aber es war ihre Entscheidung. Es gab keine Bitte, keine Forderung im Vorhinein. Lediglich meine Geschichte und die feste Tatsache, dass ich dort stehen und mein Versprechen einlösen würde. Von manchen kannte ich nur diesen Anblick, nur die Schemen und das Flackern. Und ich stellte fest, dass ich eigenartig ruhig war, wenn es um meine Sicht ging. Ich war in Ordnung damit. Wenn das ein Preis dafür war, den Alben ein Ende zu bereiten, dann hatte ich ihn vor anderthalb Jahren gezahlt und mittlerweile hielt ich ihn nicht einmal für zu hoch. Amagars Anblick alleine wäre es wert gewesen. Trotzdem war es etwas anderes, auf dem mein Blick im Moment seinen Fokus fand. Das Netz aus den verschiedenen Abbildern des klerikalen Wirkens. So verschieden wie die Dienerschaft war, so unterschiedlich war ihr Wirken. Von Dornenranken bis hin zu hellgrünen, sich schlängelnden Schlieren, von dunklen Schatten über Efeuranken bis hin zu dem Hauch von Krankheit und Pest – trotzdem waren am Ende alle verflochten zu einem Netz, das sich mehr und mehr festigte. Wir waren so stark, wenn wir unsere Kräfte verbanden. Und brandgefährlich. Doch waren die Alben das auch.
Der Schrat war der erste, der sich zeigte und sogleich auf sein Ziel zustürmte. Er würde es nicht erreichen. Das Netz hielt und doch war es nur einer. Für den Moment, nur für Augenblicke, bis sich seine Geschwister zu ihm gesellten. Die Weiße Frau, Cliodhna. Der Blutbrecher. Der Silen.
Atmen.
Wir mussten sie abschneiden, sie waren zu stark. Ich sah, wie sie den anderen Dienern zusetzten, spürte, wie sie gegen das Netz ankämpften und doch waren es nicht ihre klerikalen Ausbrüche und magischen Angriffe, es waren nicht ihre Drohungen oder Gestalten, die peitschenden Arme, die versuchten, zu verletzen. Es war eine vertraute Stimme an meinem Ohr, warmer Atem, der mir dabei über die Wange strich. Es war der Schmerz, der in den Worten lag, der mich wanken ließ. Irgendwo am Rande meines Bewusstseins war mir klar, dass sie mit den anderen das Gleiche machten. Sie spielten mit unseren Ängsten. Täuschend echt. Ich tat das einzige, was mir in dem Moment hilfreich erschien, uns allen. Am Ende lief es immer auf eines hinaus. Kra’thor. Es war mir bewusst, es war richtig. Trotzdem war es viel mehr Hoffnung, als Gewissheit, dass er seinen wahren Dienern beistehen würde und den Verrätern den Rücken kehrte.
Als die nächste Welle der Verzweiflung über mich schwappte, die Worte sich so sehr in meine Gedanken bohrten, dass ich sie vermutlich noch Wochen hören würde, war es der kurze Schmerz des zu festen Griffes, es war der kleine Funke, der hell aufglomm und sich neu entfachte. Sie waren nicht unfehlbar. Und auch wenn die Vertrautheit der Stimme so täuschend echt war, so waren es die gewählten Worte nicht. Ich ließ los, auch weil ich wusste, dass die anderen noch immer fest im Netz verbunden waren, richtete meinen Fokus stattdessen auf die Standuhr und die Taschenuhr. Newenar.
Und plötzlich, im Anblick der drohenden Passage zur Geisterwelt, letztlich im Angesicht zu dem Verbündeten, waren sie es, die Angst hatten.
Du wolltest meine Verbindung zur Wächterin, Silen? Hier hast du sie!
Ich bekam das Ableben – oder vielmehr das Verschlingen der anderen drei nicht einmal ganz mit, hatte keinen Blick dafür, solange der Silen in meiner und in Amagars Nähe war. Er kämpfte. Panisch. Hektisch.
WiE sOll ER gEHen?
Es war meine Wahl. Vielleicht unfair, wenn man bedachte, dass Amagar derjenige war, der so viele Jahre vor ihnen geflohen war. Dennoch ließ er sie mir aus irgendeinem Grund. Und ebenso Newenar, der von vornherein klar gemacht hatte, dass die Alben seine wären, wartete auf meine Worte. Er wusste, warum. Als ich den Silen ein letztes Mal anblickte, kroch kalter Hass in mir hoch. Nicht nur, weil er mir so zugesetzt hatte in den letzten Wochen, auch und vor allem, weil er Erinnerungen, die nicht meine waren, zurückgeholt und mit ihnen gespielt hatte. Meine Antwort fiel ruhig aus, ungewohnt kühl und vermutlich konnte die Tragweite niemand anderes erahnen. Vielleicht nicht einmal ich selbst. War sie grausam? Ja. Trotzdem lag kein Zögern in ihr.
Mit allen Erinnerungen, die er zurückgeholt hat. Mit allem Leid, allen Schmerzen. Ihr seid doch Wesen der Gefühle. Jetzt kannst du sie alle haben.
Ich beobachtete, wie Newenar begann, ihn zu verschlingen, war gefangen in dem Anblick und konnte so dem Arm nicht mehr ausweichen, der nach mir peitschte und mir den Rücken aufriss. Kurz, ganz kurz, wollte ich lachen über die Ironie, der Schmerz ließ mich aber stumm bleiben, ließ mich verharren mit dem Gedanken, dass wir es geschafft hatten. Er war fort. Newenar hatte ihn. Ich hatte mein Versprechen gehalten.
Trotzdem klang seine letzte Drohung mir noch lange in den Ohren.