Die Durrah war seit Wochen nicht mehr still gewesen, irgendwo zog immer ein Sandsturm vorbei, irgendwo erklang ein Donnern, besonders heute Abend schien es stärker, präsenter und das fühlte auch Asahi. Seit Tagen schon hörte sie den Ruf, ein Flüstern, ein Singen, ein Drängen, das sie in die Tiefe der Sandmeere ziehen sollte, dass dort etwas auf sie warten würde. Es raubte ihr den Schlaf, nahm ihr die Konzentration, drängte und drängte.
Nach einer kurzen Ansprache von Cebrail zog die Expedition hinaus in die Durrah, Asahi folgend, die sich einfach dem lockenden Rufen hingab und sich von diesem leiten ließ. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Sandstürme aufbauten und wie lebendig geworden die Gruppe angriffen. Der Sand formte Klauen, Gestalten, Gliedmaßen, wirbelte stürmisch umher, um sich gegen die Janitschare und die Khaliq zu werfen.
Sie wehrten sich unerbittlich, kämpften mit dem menekanischen Feuer in ihren Adern gegen diesen unbarmherzigen Feind. Und sie fielen. Einer nach dem anderen, unter dem Mut und dem Kampfgeschick der Janitschare und den Schakalen.
Dann, am Zentrum des letzten Sturms, offenbarte sich das Herz der Erscheinung, unter donnerndem Blitzen und schneidenden Sandkörnern. Ein Sandsturm, in dem die zarten Umrisse einer Gestalt wahrzunehmen waren. Ihre Silhouette tanzten im Wirbel der Partikel, offenbarte nur wenig von dem eigentlichen Wesen, aber in Asahi reifte die Vermutung heran, zu wissen, was sie vor sich hatte. Als wäre der Anblick eine innere Bestätigung für sie gewesen, dass es sich wirklich um die Verstoßene aus dem Märchen handeln musste. Eine Ahnung, die sie bereits vorher geäußert hatte und nun scheinbar eine Bestätigung fand.
"SAQAT!" schrie sie der Sandgeisterscheinung einfach entgegen. "Du wirst hier neda weiter kommen oder weiter Unheil stiften!" Eine Entschlossenheit ruhte in ihrer Stimme, vielleicht auch eine verdeckte Drohung.
Der Sandgeist allerdings war unbeeindruckt, viel mehr wütend. Wütender als zuvor. Er heulte auf, bäumte sich auf, tobte wie ein Ozean aus Sand und schimmernden Funken. Er stürmte auf die Khaliq zu, während die Janitschare und die anwesenden Familienmitglieder der Schakale versuchten sich dazwischen zu stellen, doch der Sand glitt einfach durch die Lücken, bis sich eine Hand aus dem Sturm manifestierte, die nach Asahi griff... und dann verschwand die Erscheinung und für die Khaliq wurde die Welt schwarz.
»•«
Sie fiel. Und fiel. In einen Traum, gebettet in Bewusstlosigkeit des Körpers.
Ein Mädchen. Klein, mit großen, erschrockenen sandgoldenen Augen, eingehüllt in ein zu großes Wolltuch, das kaum gegen die kälteklirrende Nässe der Bergkapelle Akemens half. Der alte Gebirgsbau, hoch in den Zacken des Gebirges, in dem Akmene sich befand, bebte unter dem Zorn des Himmels. Donner krachte wie Hammerschläge gegen die steinernden Wände, und bei jedem Schlag zuckte sie zusammen, vergrub das Gesicht in den Händen. Die bunten Fenster zitterten, der Boden vibrierte. Der Wind drückte gegen die schweren Holztüren, als wolle er hineinbrechen. Die Stürme - sie waren überall, schon immer hatte sie sich als Kind vor diesen gefürchtet. Vor dem Brüllen des Windes, vor dem Donnern des Himmels. Kein sicherer Winkel, kein Trost. Nur das unaufhörliche Toben, das Heulen, das Grollen. Und mitten darin ihr pochendes Herz, wie ein Trommelschlag der Angst, der nicht enden wollte.
Und dann: eine zweite Stimme in ihrem Kopf. "Du brauchst keine Angst zu haben."
Asahi erkannte sie. Saqat. Die Stimme der Stürme. Das musste so etwas wie ein Traum sein, aber sie war unfähig aus diesem hinaus zu brechen. Sie schrie. Versuchte, sich zu lösen. Die Bilder wirbelten. Erinnerungen zerflossen. Sie wollte nicht. Nicht weichen. Nicht aufgeben. Ein Kampf begann, in der Tiefe ihres Bewusstseins. Gedanken gegen Erinnerungen, Wille gegen Instinkt. Die Khaliq taumelte durch Schatten aus Sand, durch schreiende Stürme, durch Bilder von Verlust, Mut und Angst. Und irgendwo darin: Hoffnung. Hoffnung, an die sie sich klammern musste, um dem Willen des Sandgeistes nicht zu unterliegen.
"Du kannst mich nicht haben."
Wie um es sich auch selber einzureden, um sich selber Mut zuzusprechen und Saqat wurde still. Doch die Stürme tobten weiter.
Die Entscheidung war noch nicht gefallen.
»•«
Man hatte sich offenbar dafür entschlossen, der Khaliq soweit zu vertrauen, dass Ishmael angewiesen wurde ihren bewusstlosen Leib in den Tempel zu bringen. Es war alles gut gegangen. Keiner war ernsthaft verletzt. Keiner vom Sand verschlungen. Nur die junge Khaliq lag bewusstlos im Tempel und führte den inneren Kampf mit Saqat.

