Die letzte Muse

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Linus van Sturmfang
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Die letzte Muse

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In Gedanken versunken ging Linus vom Dorfkrug durch die Straßen von Berchgard. Hatte sie sein Lied richtig verstanden? Hatte er Sie richtig verstanden? War es ein Fehler, das Lied vor Ramon und Logan zu singen? Linus hoffte das die Sterne ihm die Wahrheit verraten würden, doch sie antworteten ihm nicht. Er blieb stehen, seufzte und wuschelte sich durch die Haare.

Aber weshalb hatte sie ihm nicht widersprochen? Warum hatte sie nicht ihre scharfe Zunge benutzt, um ihn zu zerlegen? Sie hätte die Fähigkeiten dazu gehabt. Er fühlte sich schlecht. Dabei wollte er ihr doch nur zeigen, dass er aufmerksam war und zugehört hatte. Was hatte er nur getan?
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Gwenna von Nordlicht
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Beitrag von Gwenna von Nordlicht »

Im Berchgarder Dorfkrug war es stets warm und behaglich, ein Ort schlichter Einrichtung, doch dafür umso wertvollerer Gesellschaft. Hin und wieder gesellten sich zwar fremde Reisende an die Tische, aber an vielen Abenden neigten die meisten dazu in der Taverne einzukehren, die am Berghang hinauf den größeren Schankraum und das fleißigere Küchenfeuer bot. Jene, die allerdings mit dem Haushalt Tiefenberg vertraut waren oder gezielt die Gesellschaft seiner Mitglieder suchten, wussten, wo sie ihre Abendstunden mit reichlich Unterhaltung und Austausch verbringen konnten. Der Dorfkrug war ein Quell für den Wechsel von Informationen, nicht allein deswegen, weil hier die Tiefenberger Kunde ausgegeben wurde.

Auch an diesem Abend verbrachte Gwenna - die durchaus etwas mit ihrer Gesprächigkeit kokettierte - ihre Zeit an der Theke und ließ sich regelmäßig ihr Weinglas von Logan wieder auffüllen, während die gesellig anmutende Frau in geübter Manier die Gäste unterhielt. Das wurde von ihr erwartet, ohne dass sie die Anstrengung, die es mit sich brachte, erkennbar werden ließ. Ein Lächeln auf den vollen Lippen, die Beine feminin überschlagen, die Gespräche modierend und wie ein Küchenfeuer stets wieder entfachend, wenn es nötig war. Sie lachte, wenn es angemessen erschien, und spielte auch etwas verwegener mit den Worten, wenn es noch grenzwärtig möglich war. Mal die Aufmerksamkeit in die eine Richtung geschenkt, mal in die andere und vor allem immer wieder zurück zu ihr geholt. Der Dorfkrug war eine vertraute Bühne. Und diese Bühne teilte sie nur zu gerne mit dem ansässig gewordenen Wanderbarden für ein unterhaltsames Duett. Er sollte ein Lied singen.

Nicht das erste Mal hatte Linus ihr angedeutet, dass sie durchaus ihren Einsatz als eine seiner Musen hatte. In den Gesprächen, wo sie unter sich waren und der Vorhang zur Schau nicht geöffnet werden brauchte. Wenn sie sich über die Dinge unterhielten, die keiner heiteren Unterhaltung beitrugen. Und als Linus nun in der Gesellschaft des mit Gästen besetzten Dorfkruges sein von ihrem Gespräch inspiriertes Lied vortrug, wurde Gwenna bewusst, wie sehr sie ihn unterschätzt hatte. Sein Lied über den Meister der Masken war erstaunlich wortreich, tiefgreifend und spielerisch zu gleich. Es war die Geschichte eines Spielmanns, der lernte sich vor Menschen anders zu geben und ihre Erwartungen zu erfüllen, indem er stets die passende Maske für sie wählte. Bis er nicht mehr wusste, ob er der Meister der Masken war oder die Masken ihn beherrschten. Es war grandios - bis am Ende seine Muse erwähnt wurde. Seine einsame Muse.

Die Worte hebelten unter die Maske der geselligen Unterhalterin. Doch ehe sie ihr ganz abfiel lobte sie das Lied und verabschiedete sich, das halb gefüllte Glas zurücklassend. Sie konnte es sich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten ihrem Umfeld etwas anderes zu zeigen, als sie sehen sollten. Dafür hatte sie einfach zu lange an dieser Rolle gefeilt.



"Niemand hat während meiner Reisen, meine wahre Suche je erkannt,
meine Masken war'n zu echt, wie gern hätte ich sie verbannt.
War ich jetzt der Meister meiner Masken?
Oder hatten die Masken mich gemeistert?"


- Linus Sturmfang -
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Linus van Sturmfang
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Beitrag von Linus van Sturmfang »

Linus nickte zufrieden, als er die letzte Zeile des Gedichtes für seine Muse verfasst hatte.
Der Sturm aus Gefühlen trieb ihn dazu.
Es war vollbracht:

Erkenntnis
Es traf mich wie ein Blitz,
als du dein Blick abwandtest,
was war ich für ein Narr vor dir
lieber Ändern als Aussprechen.

Du hast verdient, beschenkt zu werden,
erst recht an jedem trüben Tag.
Mit sanften Worten, unversehrten,
verwöhnen, wenn ich sie dir sag’.

Du bist ein Mensch, ein wunderbarer,
so schön - der einer Rose gleich.
Im Herzen wird mir’s immer klarer,
durch dich, da wird mein Leben reich!

Drum bitte, ich dich mit diesem Gedicht
verzeih mir mein herzloses Geschwätz.
Will lieber an deiner Seite sein,
denn ich bin in Wirklichkeit allein.


Linus Sturmfang


Wenige Tage nach seinem Lied, in einer sternenklaren Nacht, warf er Gwenna den Brief mit dem Gedicht in den Briefkasten.
Es war ein Versuch, eine Entschuldigung und eine Chance. Er hoffte inständig, dass sie ihm verzeihen würde.
Niemand mag die Wahrheit unverpackt, sie sollte immer schön hinter Worten und Gesten versteckt sein. Das hatte ihm doch schon sein Lehrmeister beigebracht, nachdem Einwurf des Briefes, wuschelte sich Linus wie zur Bestrafung durch sein eigentlich gekämmtes Haar.
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Linus van Sturmfang
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*ein Brief mit etwas Wüstensand liegt in Gwenna Briefkasten*

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Liebe Gwenna,
ich habe nun meine erste Woche hier in Menek`Ur hinter mir und schreibe dir wie versprochen.
Die Reise ist unglaublich! In dieser Woche war ich im stolzen Haus der Familie Ifrey Gast.
Es war alles so interessant! Wusstest du das ihr „Wappentier“ ein Skarabäus ist? Sie legen sehr viel Wert auf die Traditionen ihres Volkes!
Ich habe noch nicht die Wappentiere von jeder Familie herausgefunden, werde es aber noch herausfinden.
Die Traditionen und Gepflogenheiten der Menekaner sind mitunter so unterschiedlich zu unseren! Ich hatte so wunderbare Gespräche im Tempel der All`Mara mit den Priestern. Wusstest du das es passieren kann, dass ein menekanischer Mann vor seiner Hochzeit, das Gesicht der Braut noch nie gesehen hat? Das kann hier bei sehr traditionsbewussten Familien passieren. Die Familie Ifrey war so nett und hat mich sogar komplett eingekleidet! Ich habe jetzt einen grünen Kaftan, die Farbe habe ich mir selbst ausgesucht. Sie nennen mich manchmal einen „Grünländer“, da dacht ich mir, warum nicht Flagge zeigen und grün tragen. Gestern ist mir noch etwas sehr Abenteuerliches passiert. Ich bin mit der kleinen Blüte Hadija (so nennen sie ihre Mädchen hier) um die Häuser gezogen. Wir sind über einen geheimen Weg auf die Dächer der Stadt gekommen. Und ich lüge nicht, wenn ich dir schreibe ich bin über ein Seil an dem noch Wäsche hing über die Straße zum anderen Dach gelaufen. Ich habe zwar manchmal mit den Armen geflattert wie in Vogel um das Gleichgewicht zu halten, aber ich habe es geschafft! Ohne herunter zu fallen. Für die kleine Blüte war das alles selbstverständlich, aber ich habe mich eigentlich schon im weichen Sand liegen sehen. Heute ziehe ich um, zur Familie Bashir. Dort wird mir Nadim die Saz beibringen! Ich bin so gespannt! Ich schreibe dir in einer Woche wieder…

dein Linus

ps. Ich habe dir etwas Wüstensand in den Brief getan. Ein Sandkorn = Einmal an dich Gedacht
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Linus van Sturmfang
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Ein weiterer Brief erreicht die Vogtin

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Maleikum Salam Gwenna,
ich war in den letzten Tagen bei der ehrenvollen Familie Bashir untergebracht. Meine Finger tun mir weh. Nadim übt mit mir fast jeden Abend an der Saz. Aber es wird wohl noch Jahre dauern, bis ich die Saz wie ein Menekaner spielen kann. Ich spiele sie grad eher wie eine Laute nur ab und an gelingt mir etwas, was Nadims strengen Gehör gefällt. Nicht desto trotz sind die Bashir wirklich wunderbare Handwerker, erstaunlich, dass manche Dinge aus ihrer Hand als Handwerk und nicht als Kunst gilt. Und du wirst es nicht glauben, ich war mit einigen Janitscharen und dem Emir auf einer Jagd!
Ich !? Das musst du dir mal vorstellen. An einem anderen Abend war ich mit Ashanti in einer Taverne, der Schleier. Dort habe ich ordentlich ähm die Spirituosen der Wüste gekostet. Nadim meinte, als er mich nach Hause mitgenommen hatte, das ich wohl der Freund der Flaschengeister bin. Das ist ein Titel, mit dem ich leben kann…
Mir ist außerdem schon ein ordentlicher Bart gewachsen und meine Haare sind lang geworden. Ich werde mich wohl erst in Berchgard von dieser Haarpracht trennen, vielleicht kannst du mir ja dabei helfen?

Der Freund der Flaschengeister,
Linus

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Gwenna von Nordlicht
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Beitrag von Gwenna von Nordlicht »

Über die Wege der Händler und Boten gelangen die Briefe und Nachrichten stets bis in das vertraute Berchgard. Zumeist entlockte das Lesen der Zeilen und auch die sandigen Beigaben ihr ein leises Lachen oder ein wissendes Schmunzeln. Doch Antworten erfolgten nicht - Nur in ihrem Kopf, da spann sie die Zeilen, die sie jedoch nicht zu Papier zu bringen vermochte.
Der kleine Schatz an Botschaften aus Menek'Ur aber fand einen Platz in einer hübschen Schatulle.
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Linus van Sturmfang
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Zwischen Dankbarkeit und Stille

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Als ich spät am Abend die Tür zur Villa Sturmfang aufschloss, war die Welt draußen noch erfüllt vom Nachklang des Marktes. Lachen hing in der Luft wie verstreute Blütenblätter, der ferne Klang von Hufen und Stimmen verlor sich langsam in der herabsinkenden Dunkelheit.

Ich trat ein. Schob die Tür hinter mir zu. Und für einen Atemzug lang war alles still.

Mein Herz pochte noch vom Tag – voll von kleinen Momenten des Glücks, von flüchtigen Blicken, von dem Gefühl, Teil von etwas gewesen zu sein, das größer war als nur ich selbst.
Ich war dankbar.
Für Gwenna. Für Arno. Für Ragai.
Und all die Besucher, die gekommen waren, um unseren Markt der kleinen Schätze zu finden.

Und doch, als ich in mein Bett sank, umfing mich eine andere Stille.
Eine tiefere.

Nicht die Stille der Erschöpfung – sondern die der Einsamkeit.

Trotz der Müdigkeit blieben meine Augen offen, suchten an der Decke der Villa Antworten, die der Tag mir nicht gegeben hatte.

Ich war voller Dankbarkeit – ja.
Aber auch voller dieser leisen, nagenden Traurigkeit, die sich in die Ritzen des Herzens schleicht, wenn niemand da ist, der den Tag mit einem letzten Lächeln beendet.

Mein Blick wanderte durch das Zimmer, blieb an der Fasanenfeder auf meinem Hut hängen, der achtlos auf dem Stuhl lag.
Sie wirkte wie ein letztes flatterndes Lied in einem leeren Saal.

Und irgendwo in meinen Gedanken war sie wieder: Gwenna.

Gwenna, deren echtes Lächeln so selten und wunderschön war.
Gwenna, die so viel ordnete, während ich oft nur Staub aufwirbelte.
Gwenna, an deren Seite ich stand – und doch nur ihr Spielmann blieb.

War ich zu laut?
Zu leicht?
Müsste ich meine Art aufgeben, um eine Chance bei ihr zu haben?
Weniger Lachen, weniger Tanzen, weniger bunt?
Würde sie mich dann sehen?

Oder wäre ich dann nur noch eine verblasste Kopie dessen, was sie vielleicht einst berührt hatte?

Die Gedanken zogen Kreise wie Krähen über herbstlichen Feldern.
Schwarz. Rastlos.

Und doch – ich wusste es.
Ich würde nicht aufgeben.
Nicht meine Art.
Nicht mein Lied.
Nicht mein Herz.

Vielleicht bin ich nur ein Spielmann.
Vielleicht bin ich nicht der, den sie eines Tages brauchen wird.

Aber ich bin der, der bleibt.
Der singt, wenn die anderen schweigen.
Der Geschichten hütet, wenn sie alle vergessen.

Und vielleicht, nur vielleicht,
wird irgendwann eines meiner Lieder den Weg zu ihr finden.

Nicht heute.
Vielleicht nie.

Aber ich werde es singen.

Und wenn es sein muss die Maske des Spielmanns bis zum Ende tragen.
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Linus van Sturmfang
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Zwischen Marsch und Mangel

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Gestern hat das alatarische Reich eine Heerschau abgehalten.
Ein Spektakel für die einen. Ein Warnsignal für die anderen. Für uns.

Die Vergangenheit hat gelehrt: Nach solchen Schaustellungen folgt oft ein Überfall – besonders auf den Osten. Und so waren wir vorbereitet.
Zumindest so vorbereitet, wie man sein kann, wenn das Unbekannte in Marschtritt kommt.

Ich hatte mich wie verabredet bei meiner Gilde, der Akademie für Kompass und Schwert, eingefunden.
Ein Ort voller kluger Köpfe – doch gestern brauchte man Arme, Haltung, Nerven.

Wir wurden nach Adoran gerufen. Dort unterstellte man uns einem Regiment, geführt vom Baron selbst. Jeder von uns wurde – nach kämpferischer Fähigkeit sortiert – einer Reihe zugeteilt. Erste. Zweite.
Ich, mit dem mir eigenen Humor, meinte:
„Ich gehöre vermutlich in die dritte Reihe.“
Der Baron nickte.
„Das ist richtig.“

Es war nur ein Scherz gewesen.
Aber vielleicht war es auch gut so.

Als wir ausrückten, war es ernst. Es gab Berichte über feindliche Bewegungen. Unruhe lag in der Luft – nicht nur zwischen den Zelten, sondern auch in mir.
Ich blieb die meiste Zeit bei meiner zugewiesenen Einheit unter der Führung von Silvan von Dragenfurt.
Ein ruhiger Mann. Wachsam.
Irgendwann, als wir uns dem Feind näherten – oder was wir dafür hielten – trat er neben mich und sagte:
„Ihr habt einen wohlsituierten Überlebenssinn, Linus. Weitet ihn auf Nordlicht aus.“

Gwenna.
War sie hier?
Natürlich war sie hier.
Weshalb auch nicht?

Jede Hand wird gebraucht, wenn der Boden bebt.

Ich trieb das Pferd, das mir Ramon geliehen hatte, neben die Vogtin.
Still blieb ich bei ihr, hielt sie im Blick – und auch das unklare Geschehen an der Front.
Sie konnte ebenso wenig sehen wie ich. Doch sie hatte den Wunsch etwas mehr zu verstehen, vielleicht konnte man etwas für die Tiefenberger Kunde aufschnappen. Sagte sie mir zumindest.

Dann kam der Befehl.

„Rückzug! Rückzug!“

Keine Schlacht. Kein Aufeinandertreffen. Nur ein plötzlicher Strom an Menschen, Pferden, Waffen, Stimmen.
Und Gwenna – war verschwunden.

Panik.
Ich drehte mich im Sattel, suchte – doch das Heer floss zurück, und ich wurde mehr mitgezogen als geführt.
Bis nach Berchgard hinter die sicheren Mauern.

Erleichterung erst, als ich dort sah, dass sie bereits angekommen war. Unversehrt.
Ich war ein jämmerlicher Leibwächter.
Doch bevor ich meine Scham sortieren konnte, war Gwenna bereits wieder am Zug.

Mit klarer Stimme, die jede Müdigkeit überschnitt, rief sie:
„Wir stellen im Rathaus Schlafplätze zur Verfügung! Im Dorfkrug gibt es Essen und Trinken!“

Ich verstand sofort.
Da war kein Platz für Nachdenken. Nur für Tun.

Ich blieb an ihrer Seite, half beim Einrichten der Lagerstätten, trug Decken und Verpflegung.
Im Dorfkrug bereiteten wir das Nötigste vor.
Bald würde man kommen.
Müde.
Hungrig.
Ängstlich.
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Linus van Sturmfang
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Tag Eins – Die falsche in den Armen

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Der erste Tag der Belagerung begann früh – und laut.
Ich war noch nicht ganz wach, als ich mich zum Osttor begab. Serina und Herr Eisenwert hielten dort gerade Wache, als auch schon die nächsten Steine über die Mauer von Berchgard flogen.

„Zum Glück hält die Mauer“, sagte ich noch – halb im Scherz, halb im Wunschdenken.
Da traf ein gewaltiger Brocken das Mauerwerk mit solcher Wucht, dass ein tiefes, splitterndes Knacken durch die Stadt hallte.
Ein Riss, groß wie ein Flusslauf, zog sich durch das Mauerwerk.

Wir blieben in Deckung. Doch mein Kopf arbeitete.
„Selina, Herr Eisenwert – ihr kümmert euch um die Verstärkung der Mauer! Ich versuch, sie abzulenken!“

Von irgendetwas wie Heldenmut getrieben, rannte ich zur Stadtmauer, dann auf dieser weiter bis zum äußersten Turm – weit weg vom beschädigten Abschnitt.
Dort stellte ich mich, räusperte mich… und begann zu singen.

Laut.
Ungehalten.
Und, ich gebe es zu, nicht im edelsten Tonfall.

Es waren flätige Lieder für die Angreifer über das alatarische Reich und ihre Mütter.
Mehr möchte ich dazu nicht sagen.
Ob sie mich gehört haben? Keine Ahnung.
Ob es etwas bewirkt hat? Vielleicht.
Denn kurz darauf verstummten die Einschläge. Eine Verschnaufpause.

Ich kehrte zurück zum Riss, wollte helfen – doch kaum hatte ich die Ärmel hochgekrempelt, kamen schon die ersten Verletzten zurück.
Ein Ausfall unserer Truppen forderte Blutzoll als auch Verletzte.
Was bekam ich dafür zu sehen?
Blut, Schlamm, geschundene Gesichter.

Zusammen mit einem Freiherrn von Dynal trug ich einen schwer verwundeten Soldaten ins Lazarett.
Kaum dort angekommen, gab mir Gwenna ihr Pferd. „Die Verwundeten vom Osttor müssen ins Lazaret gebracht werden, nimm mein Pferd“, sagte sie.
Also wurde ich Transporteur.

Immer wieder belud ich das Pferd mit Verletzten und brachte sie zum Lazaret.
Wieviele? Ich hab nicht gezählt.
Die Heilerin des Regiments, Cecilia, arbeitete schnell, präzise, fast wortlos.
Ich schwieg.
Die Musik dieses Tages fand nicht auf einer Bühne statt.
Sie war das rhythmische Klappern von Schritten im Lazarett, das Stöhnen der Verwundeten, das gleichmäßige Einatmen derer, die noch lebten.

Als ich wieder zum Osttor kam, sah ich Gwenna und eine fremde Frau neben Fleur von Burgo knien.
Fleur hatte einen Pfeil ins Bein bekommen. Der Pfeil saß tief,sehr tief.

Die Fremde, offenbar erfahren, beschloss, ihn durchzudrücken – ganz.
Ich war gleichzeitig fasziniert… und angeekelt.
Das Blut, das Grau des Himmels, die Anspannung – es war viel was auf mich einwirkte. Ich wendete den Blick ab als Fleur vom Pfeil befreit wurde.

Gwenna rief mich zurück in die Wirklichkeit.
„Linus, du kräftiger Bursche – kannst du sie aufs Pferd bringen?“

Natürlich konnte ich.
Ich hob Fleur auf, vorsichtig, so ruhig ich konnte.
Dann brachte ich auch sie, ohne Pfeil im Bein, auf dem Pferd zum Lazarett.

Dort angekommen war sie noch kaum bei Bewusstsein, klammerte sich beim Absteigen an meinen Hals.
Ich hob sie vom Pferd und trug sie über die Schwelle.
Im Lazaret herrschte geschäftiges Treiben, alles war in Bewegung.

Ich stand da, mit Fleur in den Armen – und sie wurde zusehends schwerer.
Ihre Umklammerung wurde schwächer. Dann war sie bewusstlos.

Ich rief nach Cecilia. Ein Blick, ein Nicken – und sie führte mich zu einem freien Bett.
Ich legte Fleur behutsam ab. Cecilia übernahm.

Ich war entlassen.
Weg.
Einfach nur wieder jemand, der im Weg stand.

Also machte ich mich zurück auf den Weg zum Tor.

Und auf dem Rückweg – nur ein kurzer Moment der Leichtigkeit – musste ich schmunzeln.
Fleur von Burgo war zufällig die Erste der hochadeligen Damen, welche in meinen Armen lag.
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Linus van Sturmfang
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Tag Zwei – Feuer, Fall und Feder

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Der zweite Tag begann in grauem Licht und endete in schwarzem Rauch.

Als ich aufstand, sah ich Gwenna bereits draußen.
Unermüdlich.
Sie befahl den Handwerkern der Stadt, sich in Sicherheit zu bringen, in die Oberstadt.
Die ganze Nacht hatten die Steinbrocken gegen unsere Mauern getrommelt, als wollten sie nicht nur Stein, sondern auch unseren Willen zerbrechen.
Und jeder wusste: Noch einen Tag würde die Mauer nicht standhalten.

Ich schloss mich ihr an.
Wir zogen durch die Straßen, sprachen mit den Menschen, baten – forderten – sie auf, ihre Werkzeuge niederzulegen und sich in Sicherheit zu bringen.
Das Krachen von Steinen auf Dächer und Mauern unterstrich unsere Bitte mit brutaler Dringlichkeit.
Viele folgten sofort. Einige zögerten. Keiner widersprach.

Gerade hatten wir kurz verschnauft, da hörte ich es:
Das Surren, das Flackern – brennende Pfeile flogen über die Mauern.
Ich riss die Augen auf, duckte mich instinktiv.
Wie kann etwas so Schönes nur so tödlich sein?

Feuer brach aus. Die Dächer brannten.
Wir bildeten Eimerketten mit den Zivilisten, kämpften gegen Flammen, gegen Panik, gegen das Gefühl, zu wenig zu sein.
Zu wenig Eimer. Zu wenig Wasser. Zu viel Feuer.

Dann kam der Befehl: Alle kampffähigen sollten sich auf dem Marktplatz sammeln.
Der Durchbruch am Riss war nur noch eine Frage von Minuten.

Ich stand – wie immer – in den hinteren Reihen.
Zupfte an meiner Laute. Eine einfache, ruhige Melodie.
Vielleicht zur Konzentration. Vielleicht nur, um das Warten zu übertönen.

Dann ging alles schnell.
Zu schnell.

Der Westen – mit seinen Letharen und Rasahri – brach durch.
Chaos. Geschrei. Der Boden bebte, als würde Berchgard selbst erschüttert.

Ein Pfeil flog in meine Richtung.
Ich rannte. Hoch zur Oberstadt.
Ich wurde verfolgt. Dann wurde es schwarz.

Als ich zu mir kam, war alles vorbei.
Aber nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.

Die Unterstadt war verloren.
Die Gräfin, der Baron – sie hatten sich mit ihren Leuten in die Oberstadt zurückgezogen.
Ich richtete mich ächzend auf, tastete nach meinem Hinterkopf – Blut.
Mein Kopf pochte wie eine Trommel.

Und dann war da Gwenna.
An meiner Seite.
Sie kümmerte sich um meine Wunde – notdürftig, aber mit erstaunlicher Ruhe.

Ich konnte ihre Nähe kaum begreifen.
Meine Gedanken waren benommen, mein Herz zu laut, um sie zu genießen.
Aber sie war da.
Unversehrt.
Und das war mehr, als ich gehofft hatte.

Sie schickte mich zum Aushelfs-Lazarett.
Dort traf ich auf Frau Mirkow, die sich – wie immer – zuverlässig und schweigend meiner annahm.
Sie behandelte mich mit sicherer Hand. Kein Kommentar, kein Tadel, keine Fragen.
Nur Fürsorge.

Als ich das Lazarett verließ, atmete ich tief ein.
Kalte, rauchgeschwängerte Luft.
Und da stand Gwenna.

Worauf sie wartete, wusste ich nicht.
Vielleicht auf neue Befehle.
Vielleicht… auf mich?

Ich trat zu ihr und fragte – ganz leise, fast ein wenig verloren:
„Fehlt dir irgendwas?“

Sie sah mich an. Und lächelte.
„Ein Platz zum Schlafen.“

Mein Herz schlug schneller.
Ich wollte jubeln und tanzen.
Aber ich nickte nur.
Und führte sie zur Villa Sturmfang.

Dort zeigte ich ihr alles. Das Bad. Mein Bett.
Ich sagte kein Wort über das, was mir durch den Kopf ging.
Nicht hier. Nicht heute.

Sie hatte genauso viel erlebt wie ich – vielleicht mehr.
Es war nur eine Übernachtung.
Ein Zufluchtsort.
Mehr nicht.

Dann sah sie in den Spiegel, drehte sich zu mir und fragte, ob ich ihr ein Hemd leihen könne – sie wolle nicht in ihren schmutzigen Kleidern ins saubere Bett.
Ich nickte sofort und eilte die Treppe hinunter.

Als ich zurückkam, hatte sie ihren Mantel abgelegt.
Sie stand in ihren engen Ledersachen im Bad.
Ich stand im Türrahmen, ein Hemd in der Hand, starrte – wie ein Junge, auf seine lieblings Süßigkeiten.

„Hier… dein Hemd“, brachte ich hervor.
Sie nahm es dankbar an.
Erst viel zu spät bemerkte ich, dass ich sie immer noch anstarrte.

Die Götter meinten es heute gut mit mir.
Oder sie wollten mich prüfen.

Ich wünschte ihr eine gute Nacht.
Dann ging ich hinunter auf die Couch.
Allein.

Was für ein Tag.
Feuer. Flucht. Verletzte. Verlorene Straßen.
Und nun schlief sie – Gwenna – meine unerreichbare Muse, in meinem Bett.

Was für ein seltsamer Trost inmitten all der Zerstörung.

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Zuletzt geändert von Linus van Sturmfang am Samstag 10. Mai 2025, 15:40, insgesamt 3-mal geändert.
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Linus van Sturmfang
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Ein Hauch von Morgen

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Ich weiß nicht, was mich weckte.
Kein Krachen an der Mauer, kein Ruf, kein Fußgetrappel.
Es war… ein Duft.

Zart. Fast nicht da. Und doch… alles.
Nicht aufdringlich. Sondern wie ein Parfum, das nicht aufgetragen, sondern gelebt wird.

Vertraut.
Und zugleich nicht meiner.

Ich öffnete die Augen, langsam, als wollte ich den Moment nicht vertreiben.
Der erste Lichtstreif tastete sich durch die Vorhänge.
Mein Rücken schmerzte von der alten Couch, und mein Hut lag noch immer auf dem Boden – dort, wo er gestern mit mir gefallen war.

Doch der Duft blieb.
Schwebte durch die Villa, als hätte er ihr vorausgeatmet.
Elegant. Still. Wach.

Und dann erinnerte ich mich.

Gwenna.
In meinem Haus.
In meinem Bett.
In meinem Hemd.

Ich blieb sitzen. Lauschte. Nichts regte sich im oberen Stock.
Aber ich wusste: Sie war noch da.

Ich griff zur Laute. Ließ die Finger sacht über die Saiten gleiten –
und spielte nicht.

Ich dachte nur.
An den Krieg, der draußen wartete.
An den Frieden, der für einen flüchtigen Atemzug in der Villa lag.
An ihren Duft, der nichts sagte – und doch alles versprach.
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Gwenna von Nordlicht
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Beitrag von Gwenna von Nordlicht »

Der Abend des 09. Eluviar...



Berchgard sollte ihr Ort des Schutzes, der Sicherheit und des Rückzuges sein. Eingebettet zwischen Gebirgsketten und umrundet von dicken Wehrmauern und Gräben. Ein Käfig, in dem sie sich einschließen konnte, um sich vor den sie verfolgenden Gefahren zu schützen und auch um andere vor dem zu schützen, was sich hinter ihrem feinen Lächeln verbarg und grollend an den Türen scharte. Aber die Mauer wurde angegriffen. Die Mauer erhielt Risse. In die Mauer wurde ein Loch geschlagen.
  • Und sie fühlte nichts. Oder nur nicht genug?
Es war einfach die Verantwortung in die zuständigen befehlshabenden Hände zu geben. Sie war nicht die Lehensherrin, sie war eine Verwalterin. Als solche verfasste sie nun Anweisungen der Stadtverwaltung. Als solche sprach sie die Bürger Berchgards auf die Evakuierungspläne an. Als solche betrat sie regelmäßig das Lazarett in der Berchgarder Westmauer. Ein angemessen tröstliches Lächeln. Angemessene Worte, wie sie von ihr als Hochedle erwarten werden würden.
  • Und sie fühlte nichts. Oder nur nicht genug?
Gemeinsam mit einigen Männern und Frauen, die selbst nach Aufgabe und Orientierung suchend am Rathaus auf Anweisungen warteten, wurde der westliche Aufgang zur Oberstadt verbarrikadiert. Aus dem Rathaus wurde an Möbeln und Balken gegriffen, was gerade noch zu transportieren möglich war. Es machte ein besseres Bild, nicht wahr, wenn sie den schweren Arbeiten zur Hand ging?
  • Und sie fühlte nichts. Oder nur nicht genug?
Linus wurde ihr zum Begleiter abgestellt und verfolgte sie einem Schatten gleich. Das machte es einfacher in der Rolle der sorgenden Vogtin zu bleiben, welcher es jedoch nur mager gelang ein Bild von Ruhe und Ordnung zu erzeugen. Der Barde bereitete mit ihr die öffentlichen Schlafsäle, er ging mit ihr zu den Bürgern und Handwerkern, sie trafen sich am Lazarett oder trugen die Verletzten vom Osttor in den Westen der Stadt. Sie drückte blutende Wunden ab, hielt Verletzte fest, denen Bolzen aus den Gliedmaßen gezogen wurden. Um sie herum das Ächzen der Verwundeten. Blut. Verbrennungen. Rufe.
  • Und sie fühlte nichts. Oder nur nicht genug?
Surrende Pfeile, wie Lichter hell leuchtend am Himmelszelt, ein sich niedersenkendes Tuch aus Flammen. Brennende Dächer, Rauch, Geschrei und Rufe. Gwenna ritt aus und rief die Helfer zum Löschen zusammen. Schöpfte Wasser, stellte sich in die Kette jener, welche die Eimer von den zahlreichen Wasserquellen Berchgards weiterreichten. Immer wieder schoss ihr das Bild in den Kopf, als sie vor vielen Jahren in Siebenwacht vor einem Feuer davon lief und teil einer panisch drängenden, rücksichtslosen Masse war. Die Nacht ihrer Flucht.
  • Und sie fühlte nichts. Oder nur nicht genug?
Der Rauch brannte in ihren Augen, grub sich beißend durch den Ledermundschutz in ihre Lungen. Die Mauer brach. Selbst verletzte Soldaten schleppten sich aus den Lazaretträumen an an die Front zurück. Der Feind brach durch. Gwenna verlor im Trubel Linus, hörte ihn irgendwo. Seine Laute? Seine Stimme? Auch die Verklang im Rasseln der Waffen, die sich auf dem rauchenden Berchgarder Marktplatz kreuzten.

Die Vogtin wies Flüchtenden im Dunkeln den Weg zum steilen Aufstieg, den sie für den Rückzug freigelassen hatten. Ein Zusammenstoß. Ein Aufprall ihres Leibes und ein harter Fall auf etwas noch härteres. Schmerzen durchzuckten ihren Körper.
Zuletzt geändert von Gwenna von Nordlicht am Montag 14. Juli 2025, 22:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Gwenna von Nordlicht
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Beitrag von Gwenna von Nordlicht »

Die Nacht auf den 10. Eluviar...


Dunkelheit stülpte sich über den Berg. Doch in die Oberstadt kehrte in dieser Nacht keine Ruhe ein. Befehle bellten vom Echo der Architektur der Berchgarder Oberstadt getragen durch die Straßen. Fackeln brachen Licht durch die Fenster, hinter denen man versuchte sparsam mit Kerzen und Öllampen umzugehen, oder brachten in den Gassen Katzenaugen zum Glühen. Hin und wieder wurde durch die Nacht ein Schluchzen getragen. Ein schmerzvolles Stöhnen oder wütende Zwiegespräche. Kleine, flüchtige Momente, die aus der Außenwelt in Gwennas gefundenes Refugium krochen. Die Villa Sturmfang. Es hätte jedes Gebäude sein können, jede Haustür. Hauptsache sie konnte sich an einen Ort zurückziehen, der sie durch eine Wand von anderen Menschen und ihren Erwartungen an sie trennte. Linus gewährte ihr diesen Unterschlupf für die Nacht. Diesen Rückzugsort. Sie bedankte sich. Höflich, angemessen. Und er zog sich selbst auch zurück. Es wäre Gwenna nicht möglich in eine emotionale Verbindung mit ihrem Begleiter zu treten, nicht einmal genug für ein Gespräch des Trostes oder Aufarbeitung dieser Kriegsnacht, durch welche die beiden sich bis zur völligen Erschöpfung gekämpft hatten.

In des Spielmanns weites Hemd gekleidet legte sie sich in das fremde Bett nieder und begann erstmals seit vielen Stunden oder gar sogar schon Wochen etwas zu spüren. Sie spürte die Schmerzen ihrer angeschlagenen Rippenbögen. Stechend, ausstrahlend bis in äußerste Winkel ihres Rückens. Selbst die bestkontrollierten Atemzüge, die zittrig durch die Nasen herunter in die Lungen strömten, wollten sie quälen. Und endlich konnte sie das erste Mal seit einem halben Jahr wieder ihren Körper spüren und als den eigenen wahrnehmen. Jeder kleine, schmerzhafte Stich in ihrer sich vom Hämatom blau färbenden Seite brachte ihr eine unbestimmte Erleichterung.

Da drang nun leise die zarte Melodie eines Lautenspiels vom Erdgeschoss die hölzernen Treppen hinauf. Die Klänge der gezupften Saiten brachen durch ihren schwachen Moment und zerstörten diese einschließende Mauer, wie es die Katapulteinschläge des Westreiches mit der Stadtmauer getan hatten. Gefühle erlaubten sich zu regen und Spuren heißer Tränenrinnsale liefen über ihre Wangen, um sich in ihrem dunklen Haar und im Kopfkissen zu verlieren. Sie weinte über den Verlust ihrer Heimat in Schwarzwasser. Über das, was sie ertragen hatte, um sich ihrem Lehrmeister zu entziehen. Sie weinte über das, was Getares ihr angetan hatte. Sie weinte darüber, dass es nicht Temora war, die sie rettete. Sie weinte über das Bild der Verwundeten. Sie weinte über das Blut und die Angst in den Gesichtern der fliehenden Familien und Kinder. Sie weinte darüber, dass ihr dunkler Wolf – dass ihr Gefährte – sie verlassen hatte. Dass er nicht hier war. Sie weinte, weil er verletzt oder tot sein könnte und sie die Vorstellung nicht ertragen konnte. Er hätte hier sein sollen. Hier! Sie weinte darüber, dass sie nicht genug fühlen konnte. Dass diese andere Stimme in ihr manchmal so laut wurde, dass das Lächeln sie nicht überdecken konnte. Dass ihr Verbindungen so schwer fielen.

Aber Linus Musik – sie war eine Verbindung. Schon immer gewesen.
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Linus van Sturmfang
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Zwischen Masken und Sternen – Ein Gespräch im Dorfkrug

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Es war spät geworden im Dorfkrug. Das Feuer knisterte leise, die Schatten tanzten über Wände, in denen Geschichten zu wohnen scheinen. Die Stimmen um uns wurden leiser, verschwanden schließlich ganz. Nur Gwenna und ich blieben. Zwei Menschen, eingehüllt in Stille, die nicht leer war.

Da sah ich es.

Einen Bruch.
Nicht in der Gestalt – sie war wie immer: gepflegt, gemessen, kontrolliert bis in jede Bewegung. Aber in ihrem Lächeln. Ein feiner Riss, kaum sichtbar. Nur für einen Wimpernschlag. Doch ich kenne ihre Masken – und diese kannte ich nicht.

Ich sprach es aus. Vorsichtig.
Wie man ein zerbrechliches Glas anhebt.
Und ich sah, dass meine Worte trafen. Nicht verletzten, aber berührten.

Sie entgegnete etwas, das zwischen Zustimmung und Abwehr lag – und gleichzeitig eine unbeabsichtigte Offenbarung war. Vielleicht hatte sie die Maske nicht schnell genug gewechselt. Vielleicht war sie müde, einfach zu müde.

Was folgte, war kein Streit, kein offenes Geständnis. Eher ein stiller Austausch.
Worte, die sich tastend fanden, Gedanken, die sich nur halb zeigten.
Sie sprach von Gefühlen, die leise geworden sind.
Von Dingen, die gewachsen sind, ohne Nahrung.
Von Blicken, die nichts sehen.

Ich sprach nicht als Barde. Nicht als Bewunderer. Nur als jemand, der hinsieht.
Und fragte mich, ob ich überhaupt das Recht habe, etwas zu sagen.
Ihr zu helfen.
Ihr Nahe zu sein.

Am Ende verabschiedeten wir uns – so, wie es Menschen tun, die mehr gesagt haben als ausgesprochen wurde.
Ich ging um nachzudenken, das gesagte zu verarbeiten.

Ohne Ziel. Nur Schritte unter dem Sternenzelt. Und Gedanken.

Die Nacht war still.
Berchgard lag wie ein schlafendes Tier unter mir.
Und ich – ich war wieder der Wanderer. Der Suchende.

Ich dachte an sie. An Gwenna.
An ihre Worte.
Und an das, was sie nicht sagte.

Wie lange schon trägt sie das in sich?
Diese Müdigkeit. Diese Kühle. Diesen Schwermut, der selbst aus einem Lächeln sprechen kann?

Und wer bin ich, dass ich das sehe?
Ein Barde. Einer, der Töne findet, wo andere nur Lärm hören.
Einer, der zuhört – und doch nicht versteht.

Ich wollte ihr sagen: Du musst bei mir keine Maske tragen.
Aber kann ich das versprechen?
Bin ich bereit, zu sehen, was hinter der Maske liegt?

Ich weiß nicht, ob ich helfen darf.
Ob ich helfen will – oder nur will, dass sie mich sieht.

Vielleicht war es nur ein Augenblick.
Vielleicht eine Einladung.

Oder nur ein Riss.

Aber ich sah ihn.

Und die Sterne sahen mich.

Ich fragte sie, was ich tun soll.
Sie gaben keine Antwort.

Aber sie funkelten.

Vielleicht war das genug.

– Linus Sturmfang
Zuletzt geändert von Linus van Sturmfang am Montag 4. August 2025, 11:54, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Rückkehr der Muse

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Es gibt Freuden, die sind so schlicht und doch so groß, dass man sie kaum in Worte kleiden kann.
Gestern war solch ein Tag – Gwenna ist nach Berchgard zurückgekehrt.

Erst in dem Moment, als ich sie wieder sah, spürte ich, wie sehr mir ihre Abwesenheit zugesetzt hatte. Erholt wirkte sie, beinahe gelöst. Die Seeluft hatte ihre Haut klarer gemacht, ihre Haltung weicher, als hätte das Meer ihr ein Stück seiner Ruhe geschenkt.

Stolz berichtete ich vom Stand der Dinge:
Die Zwischendecke ist gesetzt, der Dachboden begehbar, erste Vitrinen bereits hinaufgetragen. Ich schwadronierte von Aufteilungen, von Plänen, von all den Möglichkeiten, vielleicht ein wenig zu überschwänglich – wie es nun einmal meine Art ist.
Sie ließ mich gewähren, hörte zu, und erinnerte mich zugleich daran, dass große Träume auch Verbündete brauchen. Türen, die man öffnen kann, wenn man den Mut hat, anzuklopfen.

In diesem Gespräch war da ein Moment, der mich noch immer trägt: ein stilles Zeichen, dass mein Platz hier gewollt ist. Ein Hauch Trost, beiläufig und doch bedeutend.

Dann fiel ein Satz, der mich mehr beschäftigte, als er sollte.
Sie sprach davon, dass sie … nachgedacht habe, „was sie … anfangen könnte. Irgendwann.“

Doch genau in diesem Augenblick fuhr ein starker Wind durch die Spalten des Rathausturmes.
Er heulte, als wolle er selbst mitreden, und verschluckte den entscheidenden Teil ihrer Worte.

Was hatte sie genau gesagt?
War es „mit mir“? Oder „mit ihr“? Oder etwas ganz anderes?

Vielleicht waren ihre Worte sogar gänzlich anders gemeint, als ich sie hörte. Doch ich, törichter Barde, hielt mich an das, was mir am meisten gefiel.

Denn warum nicht?
Warum nicht glauben, dass dieses „irgendwann“ auch mich einschließt?

Als ich sie schließlich nach Hause brachte, verabschiedete sie sich, um die Ruhe der Heimkehr zu genießen. Und ich blieb zurück – bewegt, beglückt, unsicher, und doch voller Tatendrang.

Denn nun liegt es an mir, das zu bauen, was man ein Museum nennt – ein Haus der Musen.
Ein Ort, an dem Erinnerung, Kunst und Wissen Gestalt finden.
Ein Haus nicht für mich, sondern für all jene, die noch staunen können.

- Linus Sturmfang

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