Der zweite Tag begann in grauem Licht und endete in schwarzem Rauch.
Als ich aufstand, sah ich Gwenna bereits draußen.
Unermüdlich.
Sie befahl den Handwerkern der Stadt, sich in Sicherheit zu bringen, in die Oberstadt.
Die ganze Nacht hatten die Steinbrocken gegen unsere Mauern getrommelt, als wollten sie nicht nur Stein, sondern auch unseren Willen zerbrechen.
Und jeder wusste: Noch einen Tag würde die Mauer nicht standhalten.
Ich schloss mich ihr an.
Wir zogen durch die Straßen, sprachen mit den Menschen, baten – forderten – sie auf, ihre Werkzeuge niederzulegen und sich in Sicherheit zu bringen.
Das Krachen von Steinen auf Dächer und Mauern unterstrich unsere Bitte mit brutaler Dringlichkeit.
Viele folgten sofort. Einige zögerten. Keiner widersprach.
Gerade hatten wir kurz verschnauft, da hörte ich es:
Das Surren, das Flackern – brennende Pfeile flogen über die Mauern.
Ich riss die Augen auf, duckte mich instinktiv.
Wie kann etwas so Schönes nur so tödlich sein?
Feuer brach aus. Die Dächer brannten.
Wir bildeten Eimerketten mit den Zivilisten, kämpften gegen Flammen, gegen Panik, gegen das Gefühl, zu wenig zu sein.
Zu wenig Eimer. Zu wenig Wasser. Zu viel Feuer.
Dann kam der Befehl: Alle kampffähigen sollten sich auf dem Marktplatz sammeln.
Der Durchbruch am Riss war nur noch eine Frage von Minuten.
Ich stand – wie immer – in den hinteren Reihen.
Zupfte an meiner Laute. Eine einfache, ruhige Melodie.
Vielleicht zur Konzentration. Vielleicht nur, um das Warten zu übertönen.
Dann ging alles schnell.
Zu schnell.
Der Westen – mit seinen Letharen und Rasahri – brach durch.
Chaos. Geschrei. Der Boden bebte, als würde Berchgard selbst erschüttert.
Ein Pfeil flog in meine Richtung.
Ich rannte. Hoch zur Oberstadt.
Ich wurde verfolgt. Dann wurde es schwarz.
Als ich zu mir kam, war alles vorbei.
Aber nicht so, wie ich es mir erhofft hatte.
Die Unterstadt war verloren.
Die Gräfin, der Baron – sie hatten sich mit ihren Leuten in die Oberstadt zurückgezogen.
Ich richtete mich ächzend auf, tastete nach meinem Hinterkopf – Blut.
Mein Kopf pochte wie eine Trommel.
Und dann war da Gwenna.
An meiner Seite.
Sie kümmerte sich um meine Wunde – notdürftig, aber mit erstaunlicher Ruhe.
Ich konnte ihre Nähe kaum begreifen.
Meine Gedanken waren benommen, mein Herz zu laut, um sie zu genießen.
Aber sie war da.
Unversehrt.
Und das war mehr, als ich gehofft hatte.
Sie schickte mich zum Aushelfs-Lazarett.
Dort traf ich auf Frau Mirkow, die sich – wie immer – zuverlässig und schweigend meiner annahm.
Sie behandelte mich mit sicherer Hand. Kein Kommentar, kein Tadel, keine Fragen.
Nur Fürsorge.
Als ich das Lazarett verließ, atmete ich tief ein.
Kalte, rauchgeschwängerte Luft.
Und da stand Gwenna.
Worauf sie wartete, wusste ich nicht.
Vielleicht auf neue Befehle.
Vielleicht… auf mich?
Ich trat zu ihr und fragte – ganz leise, fast ein wenig verloren:
„Fehlt dir irgendwas?“
Sie sah mich an. Und lächelte.
„Ein Platz zum Schlafen.“
Mein Herz schlug schneller.
Ich wollte jubeln und tanzen.
Aber ich nickte nur.
Und führte sie zur Villa Sturmfang.
Dort zeigte ich ihr alles. Das Bad. Mein Bett.
Ich sagte kein Wort über das, was mir durch den Kopf ging.
Nicht hier. Nicht heute.
Sie hatte genauso viel erlebt wie ich – vielleicht mehr.
Es war nur eine Übernachtung.
Ein Zufluchtsort.
Mehr nicht.
Dann sah sie in den Spiegel, drehte sich zu mir und fragte, ob ich ihr ein Hemd leihen könne – sie wolle nicht in ihren schmutzigen Kleidern ins saubere Bett.
Ich nickte sofort und eilte die Treppe hinunter.
Als ich zurückkam, hatte sie ihren Mantel abgelegt.
Sie stand in ihren engen Ledersachen im Bad.
Ich stand im Türrahmen, ein Hemd in der Hand, starrte – wie ein Junge, auf seine lieblings Süßigkeiten.
„Hier… dein Hemd“, brachte ich hervor.
Sie nahm es dankbar an.
Erst viel zu spät bemerkte ich, dass ich sie immer noch anstarrte.
Die Götter meinten es heute gut mit mir.
Oder sie wollten mich prüfen.
Ich wünschte ihr eine gute Nacht.
Dann ging ich hinunter auf die Couch.
Allein.
Was für ein Tag.
Feuer. Flucht. Verletzte. Verlorene Straßen.
Und nun schlief sie – Gwenna – meine unerreichbare Muse, in meinem Bett.
Was für ein seltsamer Trost inmitten all der Zerstörung.
