Das Haar peitscht wallend zurück auf den Rücken, die Glöckchen um die Fesseln klirren, der Stoff wirbelt in einem Takt, den nur die Tänzerin hört. Ihre Schritte geübt, ihre Hüfte wiegend, doch sie bricht ab und betrachtet sich im Spiegel.
Nein, noch einmal. Erneut der Schritt, wieder die gleiche Bewegungsabfolge, nun scheint sie zufriedener, denn es geht weiter in ein taktisches hin- und herschnellen der Hüfte. Dabei wirkt sie wie abgeschottet vom Rest des Körpers, eigenständig, eigensinnig. So wie sie?
Ihre Bewegungen werden langsamer. Im Spiegel betrachtet sie das Antlitz. Ja, so war sie wohl eigentlich schon immer. Auch wenn sie es zu verbergen versuchte, denn es schickte sich nicht. Schon im Harem stieß sie wegen ihrer Eigensinnigkeit mit dem Emir aneinander. Später dann in der Ehe mit Radeeh, der sie aber auch deshalb erwählte, weil sie auf ihre Überzeugungen beharrte, kein Blümchen war das sie wiegt und biegt wie es gerade gewünscht ist: Hauptsache der Schopf ist schön. Und nun, verließ sie ihr Haus. Saajid war einst ein Ifrey, bevor er die Azeezah um sich rief. Er würde es ihr vielleicht übel nehmen - oder er würde lachen. Je nachdem in welcher Gefühlslage er sein mag. Doch ihre Überzeugung schwelte schon länger in ihrer Brust. Eigentlich schon damals, als die Azeezah erneut das große Familienanwesen verlassen mussten und sie mit ihrem Sohn alleine da stand. Die Yazir nahmen sie auf, boten ihr und ihrem Sohn so lange einen Schlafplatz wie sie es brauchte. Schon da, begann in ihr der Wunsch zu keimen, einst zu ihnen zu gehören. Sie bekam eine Brosche, insgeheim bildete sie sich ein, es sei ein geheimes Zeichen, dass sie dazu gehörte. Mittlerweile wusste sie auch, weshalb sie sich dort so wohl fühlte: Sie akzeptierten mehr als andere ihre Eigensinnigkeit. Bei ihnen konnte sie sich streiten und motzen und danach mochte man sich genauso - oder sogar mehr, da man sich nun näher kannte.
Sie lässt den Spiegel hinter sich und geht zu ihrem Schreibpult hinüber. Es hatte sich auch so einiges getan in der Stadt. Ihre alte Freundin wurde erneut Esra, für sie schrieb sie ein Gedicht. Vielleicht würde es einst ein Lied werden, vielleicht blieb es aber auch auf ewig im Geheimen. Wer wusste das schon.

Am Anfang, da Verstand ich dich nicht
Als Bashir warst du für mich gar sonderlich
Waren das Eigenarten der Schlange?
Die ich so noch gar nicht kannte?
Dann warst du schon fast ein Teil von uns,
Standest hoch in Saajid Tamans Gunst.
Im Rudel lernte ich dich besser kennen,
am Ende konnte uns nichts mehr trennen.
Dann wurdest du zur Sonne von Menek'Ur,
und ich erblickte dich aus der Ferne nur.
Darf ich dich so ansehen wie einst?
Obwohl du so glanzvoll nun scheinst?
Am Ende würdest du nun mit mir schimpfen,
vielleicht gar mit der Nase rümpfen.
Denn natürlich bist du noch immer du,
und der güldene Glanz kommt nur dazu.
Dann übernahm sie erneut ihren Posten als Assistenz von Sahid. Auch hier war sie glücklich ihn als ihren Vorgesetzten zu haben. Mit Sahid konnte man gut reden, musste sich nicht verstellen. Und als wären es nicht genug Aufgaben, führte sie wieder die Lagune. Der erste Abend an dem sie wieder ihren Bauchtanz zeigen wollte, zog sich in die Länge. Vielleicht war sie insgeheim ganz froh, dann musste sie nicht vor so vielen auftreten, denn sie wollte zum Abschluss einen Bauchtanz zeigen. Aber sie hatte schon lange nicht mehr vor anderen getanzt, seit Radeeh sie verließ, nur noch für sich.
Die Hände ziehen die Stapel an Pergamente zusammen und sie atmet schwer aus. Auch wenn sie wusste, dass es ihrem Sohn gut ging, war es schwer für sie, ihn bei Radeehs Familie zu lassen. Doch er war ein Bashir, sie 'nur' seine Mara. Sie müsse sich mehr zurück nehmen, sagte eine Tante, das täte Abaan gut. Vielleicht hatte sie recht, vielleicht wäre es besser, wenn sie ihn nicht mehr so häufig besuchte. Zumindest würde ihr Herz dann nicht mehr so Schmerzen. Vielleicht stumpf werden. Kalt. Aber nicht mehr so wehtun.