Ich schlug die Augen auf, kaum dass sie das Schlafzimmer verlassen hatte, blieb aber liegen und lauschte auf die sich entfernenden Schritte, die die Treppe hinauf nahmen. Meine Hand hatte sich ganz von selbst auf die noch warme Stelle im Bett geschoben, als sie sich noch anzog. Mit dem Verlassen des Bettes hatte sie mich bereits geweckt, ich mich nur weiterhin schlafend gestellt, um zu sehen, ob sie mich weckte. Sie tat es nicht. Sie ging.
Etwa eine halbe Stunde nach ihr verließ ich selbst das Haus. Meine Knie schmerzten furchtbar bei jeder Treppenstufe, egal ob hinauf oder hinunter. Der Alkohol war noch immer spürbar, so dass ich irgendwo aus den Tiefen meiner Tasche ein Pülverchen herausholte und es in mich rein kippte, noch auf der Schwelle der Haustüre. Es schmeckte scheußlich bitter und im ersten Moment hatte ich den Drang einfach auf den Pflasterstein vor mir zu kotzen. Für einen flüchtigen Augenblick machte der Würgereiz den ganzen Scheiß vergessen, aber das hielt nicht allzu lange an.
Ich lehnte mich an die Haustüre hinter mir und sah zum Tor hinüber. Bestimmt war sie dort hinaus. Das war halt ihr Weg. Nachgehen oder nicht? Nein. Nein, lieber nicht.
Ich stieß mich von der Türe ab und schlurfte das kurze Stück nach Hause. Mir war kalt, elend vom Restalkohol und dem Pülverchen, und noch viel elender von dem Gespräch vorm Schlafen gehen. So fühlte sich also ein hundsmiserables schlechtes Gewissen an. Auf die Erfahrung hätte ich gerne verzichtet. „Selbst eingebrockt, Fiete, ganz selbst eingebrockt,“ schimpfte ich leise mit mir selbst, als ich mir zuhause angekommen in der Küche einen Tee aufsetzte. Kamille mit Fenchel. Mir war so ungemein übel, und ich war mir nicht mal sicher, ob das wirklich von Alkohol und Pülverchen herrührte. Aber immerhin merkte ich inzwischen, dass das böse A nachließ und das Pülverchen seine Wirkung tat.
Als das Wasser aufgekocht war, kippte ich einen Löffel voller Kräuter hinein und sah ihnen gedankenverloren beim Treiben zu.
- Das Gewissen
Ich war deine leise warnende Stimme, tief im Innern. Du hast mich einfach überhört, hast gemeint, sie wird das nehmen, wie bei all den anderen Gesprächen zuvor und lediglich nicken, lächeln, es danach beiseiteschieben. Hast du es gesehen, wie sie reagiert hat? Und ich habe es dir vorher zugeflüstert, aber du wollest nicht hören. Und jetzt? Was willst du machen? Dass es ungeschehen gemacht werden kann, geht nicht, das weißt du. Also was willst du tun? War das gestern nicht genug Ärger im Allgemeinen? Schau dir mal deine Knie an. Schau dir an, was es in dir ausgelöst hat! Quälst dich gern in einem Rutsch selbst, ne? Dann ist’s rum, ne? Das hier wird nicht so schnell rumgehen. Das kannst‘ vergessen, Fiete. Weil du nicht auf mich gehört hast! Weil du mich immer gerne überhörst!
Sie ist auch nicht dein einziges zu lösendes Problem, wenn auch das Wichtigere! Aber du wirst’s auch der erzählen müssen, oder nicht?
‘Pitsch.‘
“Schnauze!“ Ich drückte die Hände an meine Schläfen und kniff die Augen zu, spürte den Boden unter meinem Körper. Ich musste gestürzt sein, hatte es selbst aber gar nicht mitbekommen. So viel zur Theorie, ich verlöre die Kontrolle nicht über mich, wenn sie hochsprudelten wie die buchstäbliche junge, kraftvolle Quelle eines Bachs. Bestimmt hatte ich die Magistra mit meinem Ausruf geweckt, so eine Scheiße. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein kleiner grüner Junge, wie ein Kind, mir war nach flennen zumute, ertrinken im Selbstmitleid. Im nächsten Augenblick hätte ich am liebsten meinen Dolch geschliffen und wollte losgehen, jemanden umbringen. Die Demütigung am vergangenen Abend hatte Askan nicht vergessen und gärte in ihm, in mir, und warf schweflige Blasen.
Nur mühsam kam ich wieder auf die Beine, verdammte Knie, verdammtes Weibsbild. Ich griff nach dem fertigen Tee, seihte nur noch rasch die Kräuter darin ab, und sah zu, dass ich vor den warmen Kamin kam. Tatsächlich fürchtete ich, dass ich mich sonst wieder lang legte. Ich spürte schon, wie die Kontrolle sich erneut zu verpissen drohte.
- Mordgelüste
Setz der Schlange ein Ende. Ach, was sag ich! Beiden! Verdammte Kuttenträger! Ich hab dir gesagt, die taugen für nichts außer dem Sarg! Egal, wo du ihnen begegnest! Die werden dich immer gängeln und fertig machen. Du bist so ein verdammter, jämmerlicher, kleiner Wurm. Nichts bekommst du mal anständig hin.
Hättest dich mal an die Regeln gehalten! Dann müsstest du dir jetzt nicht Rabans Gejanke anhören! Bring sie einfach alle um die Ecke, dann ist Ruhe! Alle vier!
‘Plitsch.‘
Leise. Still. Komm her. Gib nicht auf. Ja, halt dich ruhig fest. Weine. So ist gut. Ich weiß, du schaffst das. Hast ein gutes Herz. Kleine schwarze Flecken hat jeder auf der Seele. Mach‘ dir nicht zu viel daraus. Alles wird wieder gut. Ich bin ja bei dir. Immer. Du wirst niemals allein sein. Auch nicht, wenn sie geht.
- Vewirrung
“Ma? Sie darf nicht geh’n, hörst du?“ Ein Flüstern nur, dann schlief ich vor dem Kamin ein, erschöpft, ohne noch wirklich zu wissen, wo ich mich befand, unruhig, aufgelöst, durcheinander und von den vielen Stimmen ganz wirr.