Tag 1 - 10.06.261:
Vorbereitungen:
Ich habe alle Schränke und Truhen weitestgehend ausgeräumt, alles daraus in eine Truhe zusammen gepackt und in den Garten geschoben, wo sie nicht stört. Mein gesamtes Barvermögen habe ich in die Kasse bei Keylon im Wohnzimmer gelegt. Wenn ich etwas brauche, werde ich es dort finden. Ansonsten können er oder Lena es dafür nutzen, um Dinge zu besorgen oder Rechnungen zu begleichen. Ich selbst werde es nun eine ganze Zeit lang nicht wirklich brauchen. Zu meinem Gepäck gehören ab jetzt ein paar robuste und flexible Kleidersätze, etwas getrocknete Haifischstreifen, - die vermutlich keine zwei Tage alt werden werden - ein paar tiefgehende Lektüren, meine älteste Laute, ein leeres Notizbuch, ein paar Kohlestifte, sämtliche persönliche Dokumente, eine handvoll Glimmstängel, ein Dolch, ein Gerbermesser, eine Peitsche, - weiß Temora, wofür ich die vielleicht mal brauchen könnte - eine Nähnadel mit einer Rolle Garn, ein Haarkamm, eine Schere und eine handvoll Goldmünzen für den Fall der Fälle eben.
Meine Reise führt mich erst einmal durch Kronwalden, dann am Nebelpass vorbei, teilweise durch Sichelhoch, an Berchgard vorbei, wobei ich auf dem Friedhof einen Zwischenstopp mache, um nach dem Rechten zu sehen, und dann weiter durch Wolffenbrück und Bergfall hoch zum Schrein der Demut.

Ich knie dort nieder, um zu beten. Meine Worte merke ich mir an diesem schon weit fortgeschrittenen Tag nicht mehr. Unlängst habe ich ohnehin verstanden, dass es nicht nur auf den Inhalt eines Gebetes ankommt, sondern vor allem auf die Motivation dahinter und das sich Öffnen gegenüber der Herrin. So bete ich also im Stillen, bedanke mich vermutlich zum wiederholten Male für das, was ich seit letztem Sommer erreicht und erfahren habe, bete für die Sicherheit und Zufriedenheit meiner Jüngsten, und hoffe wohl, dass Temora mir eine erfolgreiche Zeit fern des Stadttrubels und der wuseligen, doch so geliebten, Familie schenkt. Dabei habe ich bisher das Wort "erfolgreich" noch nicht näher definiert. Erst mal abschalten, den Kopf frei bekommen und mich in jeglicher Hinsicht sammeln. Ganz gemäß meiner Erfahrung, dass der Glaube und die Haltung eines Menschen beides von innen kommen, und das Innere am besten in der Stille betrachtet werden kann.

Nach dem Gebet suche ich mir einen Ort, an dem ich mich für diese erste Nacht zur Ruhe begeben kann. Es dauert noch eine Weile, in der ich mehr oder weniger gezielt durch das nahe gelegene Wäldchen wandere, ehe ich ein paar Steine finde, zwischen denen ich mich, nahe des Gebirges und eines Gewässers, geborgen fühle. Weit genug weg vom Wegesrand sollte ich hier geschützt sein vor Gelegenheitsübeltätern und räuberndem Wild. Das Wetter trifft für gewöhnlich von der anderen Seite auf das Gebirge, sodass ich am Bergfuß also auch weitestgehend verschont bleiben sollte. Alles in allem der perfekte Ort zum Schlafen.
Tag 3 und 8:
Für die Geburtstagsfeier von Nathelia bin ich selbstredend zurück nach Kronwalden gekommen und habe mich auch ausnahmsweise nicht von den Getränken und Speisen der beiden Abende fern gehalten. Das gehörte nun mal einfach zum Anlass dazu und ich habe auch immer noch ein reines Gewissen, wenn ich darüber nachdenke, dass ich sie genoss, obwohl ich eine ganze Weile nur vom Nötigsten leben wollte. Für die beiden Abende hatte ich mich jeweils sogar ordentlicher rasiert, als ich es in der Natur tat, wo ich ohnehin nur für mich war, zumeist. Und die vereinzelten Wanderer, die ich abseits der Zivilisationen (wo ich mich zumeist aufhielt) antraf, störte es nicht, ob ich nun einen gepflegten Tagesbart oder einen 3 Tages Bart trug, der nur grob mit der Haarschere zurecht gestutzt war.

Die Nächte waren teilweise, obwohl wir uns bereits im Sommer befanden, immer wieder mal frisch, und zuweilen sogar noch feucht bis nass. So war ich froh, neben der legeren 'Schlafkleidung' auch noch an so etwas wie Mantel und Umhang gedacht zu haben, die ich dann einfach über zog und/oder umlegte, während ich jede Nacht an einem kleinen Lagerfeuer einschlief, auf dem ich je zuvor noch mein Abendessen erwärmt hatte. Zumeist war es wenig schmackhaftes Brot, das ich dank der Herrin jeden Abend frisch - wenn auch noch immer nicht bemerkenswert talentiert - erschaffen konnte, gepaart mit gebratenen Champignon-Spießen oder derlei Einfachem, von dem man satt werden konnte. Und wenn ich morgens wieder mit den ersten Strahlen der Sonne wach wurde, war das Feuer erloschen, die Glut glimmte nur noch leicht und mein Tag begann mit einer notdürftigen Waschung sowie einem spartanischen Frühstück.

Das Medaillon, das mir Adelena in einer meiner schwierigsten Lebensphasen geschenkt hatte, trug ich immer bei mir. Gerade da es das Motiv des Waldes in sich trug, passte es zu meinem neu gewählten Lebensstil und bestärkte mich doch gleichzeitig auch immer in meinem Wissen darum, wo meine Heimat war und dass meine Familie dort jeden Tag froh war, mich einmal wieder zu sehen. Ebenso wie ich mir dessen bewusst war, dass in Schwingenstein viele Aufgaben auf mich warteten. Als Akoluth hatte ich es mir mittlerweile fest vorgenommen, über die üblichen Unterrichte und die von den Hochwürdens erteilten Pflichtaufgaben hinaus zu lernen und zu arbeiten. Somit kam ich auch in Schwingenstein immer wieder, beinahe täglich, an und sah, ob etwas Neues anstand, ob ich bereits etwas Erledigtes einreichen oder verkünden konnte, oder ob es gerade möglich war, sich für ein paar besonders beruhigende Momente in der Nähe des Lichtbaumes nieder zu knien. Ansonsten nahm ich eben auch vielen Schreibkram mit auf meine Wanderschaften durch Lichtenthal und erledigte sie in den vielen Tagesstunden, die Licht genug boten, um lesen und schreiben zu können. Wurde es zu dunkel dafür, dachte ich nur noch nach und nahm mir stets vor, die Gedanken am nächsten Morgen nieder zu schreiben...
Tag 12:
Immer wieder, wie schon die knappen zwei Wochenläufe zuvor, war ich natürlich auch zu Klosterterminen erschienen. So auch heute, als ich dem Planungsgespräch zwischen der Ritterschaft und der Geweihtenschaft, oder zumindest je ein, zwei Vertretern dieser, beiwohnen durfte. Ich hatte nicht erwartet, dass dieses Gespräch hochgradig spannend und lehrreich werden würde. Aber das musste es ja auch nicht. Für mich zählte nur, dass es etwas anderes war, als die Akoluthenunterrichte in üblicher Besetzung oder die Glaubensunterrichte in den Einrichtungen der Kirche, die im Grunde genommen seit Jahren zumeist auch nur die Grundkenntnisse der Gemeinde auffrischen sollten. Nicht, dass nur eine Sache davon schlecht oder langweilig war! Aber das Gespräch mit Sir Heinrik und Sir Keylon - immer noch eine unbeschreibliche Freude, den eigenen Bruder so zu nennen - war eben sehr, nennen wir es mal erfrischend. Und dass Hochwürden Hohenhain am Ende noch mein Engagement lobte und anmerkte, dass ich immer mehr zu einem Teil der Klostergemeinschaft, aber auch der Glaubensgemeinde wurde, bestärkt mich in meinem Tun. Ich bin, zugegebenermaßen, sehr stolz darauf und freue mich auf den weiteren Weg im Lichte der Herrin.
Und das mit den überlegten, reflektierenden Worten, das krieg ich auch noch hin, versprochen!