- "The world is a scary place, now that you've woken up the demon in me."
(Disturbed - Down With The Sickness)
- Tagebuch einer Schwarzmagierin
Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. Zwischen meiner Berufung als stellvertretende Führungskraft der Academia Arcana und dem jetzigen Dasein als Dozentin der Schwarzen Burg scheint eine Ewigkeit zu liegen. Ich fühle mich müde, schwach, überarbeitet. Selbstmitleid? Weniger. Sinnloses Meckern? Auch nicht. Faulheit? Nicht die Bohne. Ausweglosigkeit? Vermutlich. Hat sich die dicke, gierige Schlange erst einmal besitzergreifend um den menschlichen Leib geschwungen, ist man geliefert. Gefangen. Fast jeder hier im Westreich spricht von Kontrolle, Disziplin, der adäquaten Repräsentation des hohen Titels. Arroganz und die Publikation irgendwelcher Bei- und Zureden mit erhobener Nase zu betonen – hat mir nie gefallen. Eher habe ich diese Menschen verachtet. Macht blendet. In Kombination mit einem selbstverliebten Gemüt wird sie zur Gefahr. Je mehr ich darüber nachdenke, umso einsamer fühle ich mich.
Geführt von einer kuriosen Mischung aus Zorn, innerer Leere und Hoffnungslosigkeit folge ich dem Weg in Richtung Palast. Darüber ragt die Schwarze Burg empor. Majestätisch. Furchterregend. Würde mir im wachen Zustand vermutlich besser gefallen. Menschen, die behaupten, sich an die regelmäßigen vier Stunden Schlaf pro Nacht gewöhnen zu können, behaupten nicht – sie lügen. Vielleicht sollte ich es zur Gewohnheit werden lassen, Thorbranths Mischung aus süßem Wein und Halluzinogen vor dem Sprung ins Bett zu trinken. Am besten literweise. Dumm nur, wenn ich wieder das Bild meiner spöttisch lachenden Doppelgängerin vor mir sehe. Gruselig. Na ja, warum sollte das Zeug ansonsten 'Halluzinogen' heißen, wenn es keine Halluzinationen provoziert? Klingt logisch. Macht Sinn. „Denk' sachlich, Sophie. Denk' logisch. Verhalte dich wie eine Würdenträgerin. Ergibt deine aggressive Art einen Sinn?“ Vermutlich nicht. Aber ich wüsste tatsächlich etwas Sinnvolles: Demjenigen gehörig auf die Schnauze zu hauen, der mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat!
Hass. Zorn. Rachegelüste. „Lerne sie zu kontrollieren.“ Angestaute Wut zielsicher loszuwerden, muss absolut befriedigend sein. Den Spagat schlagend zu meiner Vergangenheit in der Academia Arcana, spüre ich die Antipathie wieder aufkeimen. Im Grunde hätte der Abend nichts Besonderes an sich gehabt. Eine praktische Wiederholung der einleitenden Vortheorie: Beschwörungsmagie. Pentakel zeichnen ohne Unterbrechungen, aufs Lied einstimmen, Anker der Rückkehr wählen – um nicht als leblose Hülle im Diesseits zu enden – und sich irgendeine Kreatur auf der Reise durch die Vielfalt der Sphären gefügig machen. Sadismus und Dominanz gegen Masochismus und devotem Verhalten. Da sind mir die erstgenannten Eigenschaften lieber. Das spiegelt die Beschwörungsmagie wider: Man schwingt ein imaginäres Lasso um den Hals der Kreatur, die man gewaltsam aus der fremden Sphäre ziehen möchte. „Schwarze Magie“ nennt man's. Im Grunde stehe ich nicht auf Kitsch, aber die Bezeichnung hat was!
Zur Praxisstunde hatten sich die Schüler im Garten der Academia Arcana versammelt. Die Pentakel wurden sauber ins Gras geritzt, sie wirkten tadellos, und ich sah eine Kreatur nach der anderen aus den zahlreichen Symbolen emporragen. „Secunda Tangran, mein Pentakel leuchtet rot“, hörte ich's aus dem Hintergrund jammern und dachte mir: „Ach, was du nicht sagst; das Leuchten haben die Dinger so an sich." Dummerweise hatte er mit seiner Skepsis Recht: Ich sah mich um, und die Beschwörungshelfer fingen an, zu pulsieren. Immer schneller, einem Herzschlag gleich, während die ins Gras gestochenen Konturen rötlich aufglühten. „Was is'n nun los!?“
Dem Garten entstieg mittig ein Dämon. Nein, nicht eines der rothäutigen Viecher, welche von fähigen Jagdgruppen zum Frühstück verspeist werden, sondern ein mächtig aussehender, großer Dämon! Er hatte sogar Rhetorik auf dem Kasten, im Gegensatz zu den wenig eloquenten Grunzlauten seiner Artgenossen. Der vermeintliche Fürst der Unterwelt persönlich beschwerte sich, warum wir ihn geweckt hätten und machte mich klein. Vor lauter Furcht hatte ich das Gefühl, jeden Moment meine Robe nasszumachen. Irgendwann zeigte er sich gnädig und verzog sich wieder. Aber was ist geblieben? Er hat mich gedemütigt, mich als verantwortungslos und aufmüpfig bezeichnet. Mal sehen, wie es ihm schmecken wird, ihn erneut aus seinem Schönheitsschlaf zu reißen. Bleibt nur die Frage: Wie finde ich ihn in der großen weiten Welt der Sphären wieder?