In der Dunkelheit hört dich niemand schreien

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In der Dunkelheit hört dich niemand schreien

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  • "The world is a scary place, now that you've woken up the demon in me."

    (Disturbed - Down With The Sickness)
  • Tagebuch einer Schwarzmagierin
22. Rabenmond 256, 2 Uhr vor Sonnenaufgang


Mittlerweile ist viel Zeit vergangen. Zwischen meiner Berufung als stellvertretende Führungskraft der Academia Arcana und dem jetzigen Dasein als Dozentin der Schwarzen Burg scheint eine Ewigkeit zu liegen. Ich fühle mich müde, schwach, überarbeitet. Selbstmitleid? Weniger. Sinnloses Meckern? Auch nicht. Faulheit? Nicht die Bohne. Ausweglosigkeit? Vermutlich. Hat sich die dicke, gierige Schlange erst einmal besitzergreifend um den menschlichen Leib geschwungen, ist man geliefert. Gefangen. Fast jeder hier im Westreich spricht von Kontrolle, Disziplin, der adäquaten Repräsentation des hohen Titels. Arroganz und die Publikation irgendwelcher Bei- und Zureden mit erhobener Nase zu betonen – hat mir nie gefallen. Eher habe ich diese Menschen verachtet. Macht blendet. In Kombination mit einem selbstverliebten Gemüt wird sie zur Gefahr. Je mehr ich darüber nachdenke, umso einsamer fühle ich mich.

Geführt von einer kuriosen Mischung aus Zorn, innerer Leere und Hoffnungslosigkeit folge ich dem Weg in Richtung Palast. Darüber ragt die Schwarze Burg empor. Majestätisch. Furchterregend. Würde mir im wachen Zustand vermutlich besser gefallen. Menschen, die behaupten, sich an die regelmäßigen vier Stunden Schlaf pro Nacht gewöhnen zu können, behaupten nicht – sie lügen. Vielleicht sollte ich es zur Gewohnheit werden lassen, Thorbranths Mischung aus süßem Wein und Halluzinogen vor dem Sprung ins Bett zu trinken. Am besten literweise. Dumm nur, wenn ich wieder das Bild meiner spöttisch lachenden Doppelgängerin vor mir sehe. Gruselig. Na ja, warum sollte das Zeug ansonsten 'Halluzinogen' heißen, wenn es keine Halluzinationen provoziert? Klingt logisch. Macht Sinn. „Denk' sachlich, Sophie. Denk' logisch. Verhalte dich wie eine Würdenträgerin. Ergibt deine aggressive Art einen Sinn?“ Vermutlich nicht. Aber ich wüsste tatsächlich etwas Sinnvolles: Demjenigen gehörig auf die Schnauze zu hauen, der mir diesen Floh ins Ohr gesetzt hat!

Hass. Zorn. Rachegelüste. „Lerne sie zu kontrollieren.“ Angestaute Wut zielsicher loszuwerden, muss absolut befriedigend sein. Den Spagat schlagend zu meiner Vergangenheit in der Academia Arcana, spüre ich die Antipathie wieder aufkeimen. Im Grunde hätte der Abend nichts Besonderes an sich gehabt. Eine praktische Wiederholung der einleitenden Vortheorie: Beschwörungsmagie. Pentakel zeichnen ohne Unterbrechungen, aufs Lied einstimmen, Anker der Rückkehr wählen – um nicht als leblose Hülle im Diesseits zu enden – und sich irgendeine Kreatur auf der Reise durch die Vielfalt der Sphären gefügig machen. Sadismus und Dominanz gegen Masochismus und devotem Verhalten. Da sind mir die erstgenannten Eigenschaften lieber. Das spiegelt die Beschwörungsmagie wider: Man schwingt ein imaginäres Lasso um den Hals der Kreatur, die man gewaltsam aus der fremden Sphäre ziehen möchte. „Schwarze Magie“ nennt man's. Im Grunde stehe ich nicht auf Kitsch, aber die Bezeichnung hat was!

Zur Praxisstunde hatten sich die Schüler im Garten der Academia Arcana versammelt. Die Pentakel wurden sauber ins Gras geritzt, sie wirkten tadellos, und ich sah eine Kreatur nach der anderen aus den zahlreichen Symbolen emporragen. „Secunda Tangran, mein Pentakel leuchtet rot“, hörte ich's aus dem Hintergrund jammern und dachte mir: „Ach, was du nicht sagst; das Leuchten haben die Dinger so an sich." Dummerweise hatte er mit seiner Skepsis Recht: Ich sah mich um, und die Beschwörungshelfer fingen an, zu pulsieren. Immer schneller, einem Herzschlag gleich, während die ins Gras gestochenen Konturen rötlich aufglühten. „Was is'n nun los!?“

Dem Garten entstieg mittig ein Dämon. Nein, nicht eines der rothäutigen Viecher, welche von fähigen Jagdgruppen zum Frühstück verspeist werden, sondern ein mächtig aussehender, großer Dämon! Er hatte sogar Rhetorik auf dem Kasten, im Gegensatz zu den wenig eloquenten Grunzlauten seiner Artgenossen. Der vermeintliche Fürst der Unterwelt persönlich beschwerte sich, warum wir ihn geweckt hätten und machte mich klein. Vor lauter Furcht hatte ich das Gefühl, jeden Moment meine Robe nasszumachen. Irgendwann zeigte er sich gnädig und verzog sich wieder. Aber was ist geblieben? Er hat mich gedemütigt, mich als verantwortungslos und aufmüpfig bezeichnet. Mal sehen, wie es ihm schmecken wird, ihn erneut aus seinem Schönheitsschlaf zu reißen. Bleibt nur die Frage: Wie finde ich ihn in der großen weiten Welt der Sphären wieder?
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  • "Why did you have to hit me like that, mommy? Don't do it, you're hurting me!"


26. Rabenmond 256, 3 Uhr am Nachmittag

„Geh' mir nicht auf die Nerven“, schreie ich sie an – eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt mit schulterlangen schwarzen Haaren und einem markanten Bartwuchs um Kinn und Lippen. „Egal, was ich tue – und ganz gleich, wie sehr ich mich anstrenge, du gibst dich nie zufrieden!“
Die breite, vernarbte Hand des muskulösen Mannes, im Alter der späten Fünfziger, legt sich um meinen Hals, packt mich, und ich schreie auf. Jeder Atemzug fällt mir schwer, und während ich ein unangenehmes Stechen in meiner Lunge fühle, starre ich in ein eiskaltes, grünes Augenpaar; dem meinen nicht unähnlich. Ich umgreife mit ungewöhnlich kleinen Händen die wulstigen Finger und kneife mit vor Schmerz verzogener Miene die Augen zu. „Lass' mich gehen, ich hasse dich“, kreische ich. „Ich hasse dich!“ Der Griff wird härter, Daumen und Zeigefinger bohren sich in meine Haut, drücken gegen meine Kehle. Ich kann mich nicht wehren, er ist viel zu stark. „Warum lobt ihr mich nicht ein verdammtes Mal und nehmt mich in die Arme!? Ist das zu viel verlangt!?“

Plötzlich wird es dunkel. Ich kriege keine Luft mehr. Ein letzter, bemühter Atemzug – und Stille. Der schmächtige Leib eines blassen, schwarzhaarigen Mädchens wird schwach, während die mächtige Pranke des hochgewachsenen Nordmannes diesen mühelos hält – einige Meter vom Boden entfernt. Zwei, drei Male baumeln die Füßchen in der Luft, ein gequältes Quietschen erfüllt die Dunkelheit, und jegliches Leben verlässt den dürren Kinderleib. Grüne, verklärte Augen starren in die Seelenspiegel des Mannes, der weiterhin seine emotionslose Miene nicht ablegt, und lassen Tränen über die Wangen kullern. „Alles, was ich jemals wollte, war Anerkennung. Ein wenig Liebe“, höre ich sie hauchend leise sprechen, mit zitternder, weinerlicher Stimme. „Aber ihr habt mich nie gewollt.“

Schweißgebadet richte ich mich ruckartig auf, lasse unter einem tiefen, erschrockenen Stöhnen meinen Blick umherschweifen. Ich bin im Schlafzimmer, sehe Larissa im kleinen Bett gegenüber schlafen, mit ihrem Teddybären in den Armen und einem Lächeln auf den Lippen; der Anblick beruhigt mich etwas. Offenbar war's ein Albtraum. Mit der Linken taste ich meine nasse Stirn ab, schließe die Lider, und zügle den hektischen Atemrhythmus. Als ich die schlaftrunkenen Augen zum Zimmerfenster herüber schweifen lasse, wird meine unangenehme Vorahnung bestätigt: Ich bin erneut viel zu früh aufgewacht. Sicherlich könnte ich noch zwei, drei Stündchen schlafen, bevor der Dienst in der schwarzen Festung beginnt, schlage jedoch die Decke zur Seite und richte mich langsam auf. Meinem Kopf zu sagen, dass er noch schlafen soll, ist ebenso sinnlos, wie einem Zombie das Alphabet beizubringen. Nachtschwarzes Gewebe aus zartem Samt legt sich – einer dunklen Nebelwolke entspringend – um meinen Leib, und formt gemächlich den typischen Schnitt der lebendig aussehenden Arkoritherrobe. Ich strecke den linken Arm aus, öffne meine Hand, krümme die Finger leicht, und aus selbigem Nebelschleier schießt der zugehörige Stab heraus. Dieses berauschende Gefühl von Macht lässt mich die Gedanken des kürzlichen Albtraums einige Herzschläge lang vergessen.

Meine Schritte führen mich zur Burg der Arkorither. Um diese Uhrzeit schläft offenbar noch jeder – nach dem Betreten der dunklen Mauern ist es unheimlich ruhig. Ich weiche den seltsamen Geistern aus, die menschliche Formen tragen, sowie wort- und ruhelos durch die Festung spazieren, und suche den Korridor zwischen Frauen- und Männerschlafraum auf. Hier ist genug Platz. Im nächsten Atemzug zücke ich meinen Kohlestift, sowie eine Phiole mit meinem eigenen Blut und zeichne, wie eine Verrückte, Pentakel an Wände und Böden, getrieben von der Lust nach Rache. Ich ertappe mich, wie sich ein bösartiges Grinsen an meinem Mundwinkel formt und ich kehlig auflache. Rahal hat mich geformt, mich geprägt, und die Rachegelüste gehören dazu. Ich werde ihn beschwören, diesen hässlichen Dämon, und mich rächen. Dafür rächen, dass er mir nicht die Anerkennung hat zukommen lassen, die ich – verdammt noch mal – verdient habe.
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29. Rabenmond 256, 4 Uhr vor Sonnenaufgang

Erneut wache ich im eigenen Schweiß auf, reiße meinen Oberkörper hoch und versuche mit geweiteten Augen den nervösen Atemrhythmus zu beruhigen. Ich knirsche mit den Zähnen, drücke meine linke Hand an die feuchte Stirn, und spüre einen pochenden Schmerz im Kopf. Schon wieder ein Albtraum!? Diesmal wohl kaum. Es hat sich anders angefühlt. Wie ein plötzliches Stechen im Hirn. Als hätte jemand ruckartig eine heißes Messer durch ein dickes Nervenbündel geführt, das sich Lied der Eluive nennt, um es rabiat zu durchtrennen. Ich schlage die Decke beiseite, lege meinen Körper frei, und setze mich auf die Bettkante. Mir ist vor lauter Schweiß immer noch viel zu warm. Als wäre es Hochsommer, eile ich zu den geschlossenen Fenstern herüber, öffne diese, und atme erleichtert durch, als die schlagartig ins Schlafzimmer dringende Brise mein nasses Gesicht küsst. Ich genieße den Moment der Frische, schließe meine Augen, und sinniere über das Geschehene: „Was ist nun wieder los!?“

„Mama 's früh wach“, höre ich das Nuscheln meiner Tochter hinterm Rücken, die sich ebenfalls aufs Kinderbettchen gesetzt hat. Aus müden, kaum geöffneten Augen schaut sie mich besorgt an, die Lippen zum Schmollen verzogen, als wäre sie verärgert darüber, dass ich sie unbeabsichtigt geweckt habe. Ich lächle, atme tief durch, setzte mich zu der Kleinen und nehme sie behutsam in die Arme, lege sanft mein Kinn auf den blonden Schopf, und starre, während sie sich – wieder einschlafend – an mich kuschelt, einen willkürlichen, jedoch nicht existenten Punkt in der Luft an. Larissas leises Atmen signalisiert mir, dass sie erneut ihren Schlaf gefunden hat. Wenngleich mir die Sorge sprichwörtlich auf der Stirn geschrieben steht – ich muss unbedingt mit jemandem darüber reden – hauche ich ihr beruhigend zu: „Alles gut, meine Kleine, alles gut...“
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  • "Nur, wenn wir unsere Vergangenheit kennen, unsere Ohnmacht von einst, unsere Schwäche und unser Versagen, aber auch unseren Mut von einst, werden wir von der Gefahr befreit, alte Lebensmuster ständig zu wiederholen."

    Joachim Gauck
13. Lenzing 258, 6 Uhr vor Sonnenaufgang

Ich bin glücklich. Ein Blick in den Spiegel gibt mir regelmäßig Auskunft darüber, dass das Lächeln auf meinen Lippen echt ist. Zwar plagen mich nach wie vor die rot unterlaufenen Augen, aber selbst der penetrante Schlafmangel scheint langsam seine Fänge um meinen Leib zu lösen. Hätte ich all das vorher gewusst, hätte ich ihn viel früher gehen lassen. "Teron. Ich liebe dich", hauchte ich dem hellhaarigen Krieger zu. "Ich will immer bei dir sein", schwärmte ich. Und log. Mein Unterbewusstsein weigerte sich vehement, diese Worte an seine Ohren dringen zu lassen, während meine Augen dabei immer wieder durch ihn hindurchsahen. Warum machte ich ihm dann das Versprechen, heiraten zu wollen? Vermutlich, damit die Gesellschaft besser über mich dachte. Ich legte viel zu viel Wert darauf, es Menschen um mich herum recht zu machen, anstatt auf das zu achten, was ich selbst begehrte. Zog Masken an, die falsche Persönlichkeiten vorgaukelten, um mich anzupassen, und verlor langsam das Vertrauen in mein eigenes, wahres Ich.

Es dauerte Monate, bis ich realisiert hatte, dass die Tetrarchin Recht behielt: "Welchen Nutzen würdet Ihr aus dieser Beziehung, der Ehe, ziehen, Magistra?", hörte ich eines Morgens ihre Worte durch meine Gedanken schwirren und schüttelte energisch den Kopf. Die Antwort hierzu musste ich mir sprichwörtlich aus den Fingern saugen, als Teron und ich vor ihr im Tempel saßen. "Keinen Nutzen, Tetrarchin. Bindungen und Beziehungen machen mich schwach. Ich bin ein misstrauischer Mensch. Ich brauche sowas nicht", wäre die Wahrheit gewesen. Nun kannte ich sie, ließ für meinen ehemaligen Verlobten einen Abschiedszettel auf dem Bett liegen, mit der Bitte, die Schlüssel nach der Trennung zurückzulassen, und spürte, wie mich Erleichterung überkam. Ich lächelte und wunderte mich selbst über jene Tatsache, dabei Glück zu empfinden. Endlich nicht mehr gebunden sein... Endlich frei.

Langsam fand ich zu meiner alten Kraft zurück: Ich widme mich seitdem mehr dem Arkoritherorden, bin lebensfreudiger und selbstsicher, anderen Menschen gegenüber geworden; und widme neue Leidenschaft in meine Kunst, Körper mit Tätowierungen zu verschönern. Zudem lernte ich vor Kurzem eine Frau kennen, die mir eine völlig neue Welt eröffnet hat. Ich hätte niemals diese Erfahrungen genießen, niemals einer Freundin meine Zuneigung gestehen und dermaßen glücklich werden können, wäre das abschließende Wort des Ehebundes im rahalischen Tempel gefallen. Mein größter Dank gilt der Tetrarchin. Sie brachte mich zum Nachdenken. Und zugleich hatte sie mich davor bewahrt, den vermutlich größten Fehler meines Lebens zu machen. Denn: Wenn ich etwas aus ganzem Herzen wirklich liebe - etwas, das mich im Sinne Alatars tatsächlich stark macht -, ist es meine wiedererlangte Freiheit.

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Gast

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  • "Du und ich - wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen."

    Mahatma Gandhi
19. Lenzing 258, 5 Uhr am Morgen

Wesen aus Schatten. Tiere mit schwarzen Augen. Dämonische Barrieren. Vieles hatte sich in letzter Zeit getan. Vieles, das ich verpasst habe, als ich mich für einige Tage fürs Nachdenken zurückzog. Nicht nur, dass ich - wegen der kürzlichen und unheimlichen Veränderungen - die Schattensphäre in einem Tempo durchquere, als hätte mich die sprichwörtliche Tarantel gestochen, nun scheinen sich auch noch merkwürdige Gestalten aus den Untiefen verschiedener Sphären einen Weg in die unsere zu bahnen, um entweder die Kontrolle über einen Liedkundigen zu übernehmen, oder sämtliche magische Kraft aus ihm herauszuziehen. Als wäre diese Vorstellung nicht schon grausam genug, können sich diese Kreaturen offenbar jederzeit und überall dem potentiellen Opfer nähern und im schlimmsten Fall seinen Tod bedeuten. Warnende Worte meines ehemaligen Veneficus an der Academia Arcana rekapitulierend, ist ein Verlust der arkanen Fähigkeit ausnahmslos mit dem Sterben gleichzusetzen.

Ich habe Angst. Die Gefahr könnte hinter meinem Rücken lauern, ohne sie rechtzeitig zu erkennen. Plötzlich höre ich ein tierisches, wühlendes Geräusch aus meiner kleinen Gürteltasche und springe vor Schreck auf. "Tolle Arkoritherin, bist du", versuche ich mir auf wieder negative Weise einzureden. Das, was mich dermaßen verunsichert hat, ist gleichzeitig mein Alarmsignal: Ein junges Frettchen namens Reißzahn. Oder Zähnchen. Ronjas Idee. Finde ich sehr putzig! Diese quirligen Tierchen sollen angeblich auf das Erscheinen der Magier-aussaugenden Schatten rechtzeitig reagieren, so dass man wenigstens die Möglichkeit bekäme, sich im Kampf zu wehren. Ich hoffe, dass meine Studiosa da Recht behält - seitdem trage ich Zähnchen ständig bei und mit mir herum. Er scheint sich in meiner Seitentasche zumindest wohl zu fühlen.

Gerade fährt mir jedoch ein Lächeln über die Lippen und meine Gedanken richten sich an Larena. Sie ist mir ein ausgesprochen wertvoller Mensch geworden. Kaum zu glauben, in Anbetracht unserer ersten Begegnung, als ich sie, schlecht gelaunt, darauf hingewiesen hatte, eine Magistra gefälligst mit dem Respekt zu begrüßen, der ihr gebührte. Dabei bin ich die Letzte, die aggressiven Wert auf derlei Formalitäten richtet; ich wollte der hübschen Schneiderin ersparen, bei anderen Personen ins Fettnäpfchen zu treten, die wiederum entsprechend starke Achtsamkeit darauf legen, einen gemessenen Gruß zu erfahren. Nichtsdestotrotz kamen wir uns näher. Und ich könnte mir nicht länger ein Rahal ohne diese Person vorstellen. Ich hoffe, Larena wird die Skizze hier unten gefallen, die ich von uns beiden angefertigt habe. Muss ihr diese beim nächsten Treffen unbedingt zeigen!

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Gast

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  • "Die Phantasie der Angst ist jener böser, äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat."

    Friedrich Wilhelm Nietzsche

14. Wechselwind 258, 4 Uhr am Morgen

"Zähnchen? Zähnchen, wach auf! Bitte wach auf!"

Nur ein Traum. Ich stieß einen lauten Atemzug durch meinen Mund. Mein Brustkorb brannte und mich überkam das Gefühl, zu ersticken. Mein Herz raste und Schweiß glänzte auf meiner Stirn. Eine Panikattacke? Vermutlich. Ich zog die Decke über meine Brust, knirschte mit den Zähnen und zitterte weinerlich. "Ich kenne dich, verschwinde einfach", sprach ich hauchend leise mit der Angst, als hätte diese in manifestierter Form vor mir gestanden. Ich wusste, dass mir nichts passieren konnte und diese Furcht, die meinen Körper regelrecht paralysierte, bald vorübergehen würde. Das war alles nur in meinem Kopf. Nicht die erste und nicht die letzte Attacke - trotzdem fürchtete ich mich immer wieder vor ihr, widmete ihr zu viel Aufmerksamkeit. Nur langsam konnte ich meinen Atemrhythmus zur Ruhe bewegen, drückte meine Hand gegen die Stirn und schloss die Augen. Anschließend ließ ich meine sich schwer und müde anfühlenden Lider wieder nach oben wandern und sah mich prüfend um; Zähnchen, mein Jungfrettchen, schlief ruhig auf dem weichen Ende meines Betts. Der Anblick ließ mich reflexartig lächeln, allerdings konnte selbst dieses Beispiel gelassener Ruhe die Gedanken an meinen Traum nicht vertreiben.

Ich liebe die Nacht, Spaziergänge unterm Mondschein, die leuchtenden Fackelscheine in der Ferne... Die Fantasie hatte mich in die Nähe der großen Eiche Bitterforsts gebracht. Mit dem Jungfrettchen in meiner Gürteltasche genoss ich die nächtliche Idylle, sah gelegentlich zum Vollmond auf und hörte mit jedem gemächlichen Schritt das Rascheln der Grashalme unter meinen Stiefeln. Plötzlich begann das Tierchen unruhig an meinem Körper hochzuklettern, setzte sich auf meine Schulter, als hätte es mich beschützen wollen, und sah sich panisch um. Der wuchtige Hieb einer Bärenpranke durchbrach das entspannte Szenario, schleuderte Zähnchen von meiner Schulter, ehe mich der Täter aus rot glühenden Augen ansah - zwei kleinen Flammen gleich, welche die Augenhöhlen eines Totenschädels erhellen. Ein riesiger Bär, aus pulsierenden Schattenformen, nahm Gestalt an, türmte sich auf und betrachtete mich forschend. Wenngleich das Tier keine Anstalten zeigte, mich anzugreifen, war mein Schatten mit seinem verbunden und schien mit jeder verstreichenden Sekunde kleiner und durchsichtiger zu werden, während der des Wesens größer wurde. Je länger ich, erstarrt vor Angst, dem Schattentier in die feuerroten Augen sah, umso schwindeliger wurde mir, umso deutlicher schien die Umgebung zu verschwimmen. Er raubte mir meine Lebenskraft. Mein letzter Blick traf das tote, im eigenen Blut badende Frettchen neben mir und schließlich erwachte ich schreiend im eigenen Bett.

Ich wüsste zu gerne, ob der Orden nähere Informationen über diese Wesen, die den Liedkundigen sprichwörtlich das Leben aus den Körpern saugen, herausgefunden hat. Vielleicht ist die Bedrohung sogar vorbei? Ich kneife die Augen zu und raufe mir die Haare, während ich ein Schreien unterdrücken muss. Nie habe ich mich gleichzeitig so machtlos und so demotiviert gefühlt, in Anbetracht einer Bedrohung, die auch mich zur Zielscheibe machen könnte. Schließlich scheint nicht jedes Leben betroffen zu sein; die Anzahl der Liedkundigen, und somit auch die der potentiellen Opfer, dürfte vergleichsweise überschaubar sein. Mir blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten und mich auf das quirlige Warnsignal zu verlassen, das gerade am Fußende meines Bettes schlief.

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4. Eluviar 258

Während eines kurzen Aufenthalts im Hort des Wissens ist mir ein Buch mit Sprüchen in die Hände gerutscht. Ich habe es mittig aufgeschlagen, um mir ein flüchtiges Bild vom Inhalt zu machen, und ich musste versonnen lächeln: Ein besonderes Zitat erinnerte mich an die neulich erfolgte Begegnung mit einer verloren geglaubten Freundin:
  • "Falsche Freunde glauben Gerüchten. Echte Freunde glauben an Dich."

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Danke, Philo.
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  • "Verstellung, sagt man, sei ein großes Laster. Doch von Verstellung leben wir."

    Johann Wolfgang von Goethe
13. Cirmiasum 258, 4 Uhr vor Sonnenaufgang

Lange habe ich versucht, mir einzureden, dass Menschen jederzeit authentisch bleiben können. Dass sie keine Masken brauchen und sich nicht verstellen müssen. Ich lebte den Irrtum, dass Lügen nicht notwendig wären, um gesellschaftliche Akzeptanz oder sogar Anerkennung zu erlangen. Institutionen, Gruppierungen, falsche Freunde, Familie, Feinde - sie alle sehen einen unterschiedlichen Typus Mensch. Warum? Weil man unvermeidlich Masken trägt.

Saloppe und vermeintlich aufmunternde Formulierungen lauten:

"Sei einfach du selbst."

"Du musst dich nicht für andere verstellen."

"Man sollte dich so akzeptieren, wie du bist."


Sie gehen davon aus, dass man in jeder Lebenslage Authentizität bewahren könnte. Mittlerweile erachte ich diese gutgläubigen Floskeln als träumerisch verklärte Versuche zur Unwirklichkeitsermutigung.

Angenommen, ich würde einem ranghöheren Ordensmitglied ins Gesicht spucken, weil ich seine Visage nicht leiden könnte - der Überzeugung folgend, meine Prinzipien einer authentischen Persönlichkeit durchzusetzen. Ein teures Vergnügen: Verachtung, Missachtung, Instabilität, Chaos und der Rauswurf, sprich Tod, wären, im schlimmsten Fall, die Preise, welche dem rebellischen Gemüt höchstwahrscheinlich folgen. Hier gilt es zu entscheiden: Unterdrückter Stolz und scheinheilige Loyalität versus Durchsetzungsvermögen und Persönlichkeitsechtheit.

Ich habe die erste Option gewählt. Warum? Der internen Harmonie wegen; schlicht und ergreifend. Solange ich einer Handvoll Menschen gegenüber das wahre Gesicht hinter der Maske zeigen, diese dadurch ablegen, gelegentlich Luft holen und den Geschmack des freien Amüsements genießen kann, lebe ich mit dem Kompromiss zwischen distanzierter, harmonisch notwendiger Loyalität außerhalb und herzlich-temperamentvoller Ungeniertheit innerhalb der mir wichtigen Personenkreise.
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25. Ashatar 258

Immer wieder schien die hässliche Fratze in ihr durch. Hasserfüllt, korrupt, durchtrieben, voller Lügen und leerer Versprechungen. In Wahrheit traute sie niemandem. Nur sich selbst und ihrem unbändigen Hass auf das Reich, das sie entstellt hatte. Nun war es an der Zeit, sich zu rächen, ihre Maske abzulegen, und dem unbändigen Wahn nach Vergeltung nachzukommen. Wenig Menschliches konnte man der Schwarzmagierin anmerken. Nach etlichen Persönlichkeitswandlungen und purer, charakterlicher Inkonsequenz drang nun das wahre Ich hindurch. Mit einer Seele, die dermaßen krank, widerwärtig und verrückt wirkte, dass der Tod eine regelrechte Erlösung hätte bedeuten können.

So wanderte Sophie mit dem Anflug eines Grinsens an der kürzlichen Verkündung ihres Gildenführers entlang und hob die blutverschmierten Mundwinkel an. "Sie werden alle für ihre Respektlosigkeit bezahlen", erklang ihre Stimme wie das Zischen einer Schlange. Danach ging sie in Richtung Ordensburg zurück. Es warteten unansehnlich deformierte Leichen, die als Ventil für ihre krankhaften Experimentiergelüste dienten.

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"Blut. Blut ist lecker", hörte man Sophie im Keller der Schattenpanther murmeln. Sie kauerte in der Hocke, während vor ihr einige abgerissene Menschenhände lagen, und sie immer wieder das Blut von ihnen ableckte. "Blut schmeckt mir." Ihre Stimme klang kehlig, tief - wie die einer Besessenen. "Nein", drang ein lauter, gequälter Schrei nach oben. "Haltet die Fresse, alle", befahl sie, während Speichel ihren Mundwinkel hinabfloss und sie wieder wie eine Schlange zischte. "Mach' kein Drama, Sophie", veränderte sie plötzlich ihre Stimme, als würde ein anderer Mensch zu ihr sprechen. Hochnäsig, besserwisserisch, vernünftig. "Fresse halten, sagte ich", zischte sie zurück. "Ich mach nun, was ich will", fügte sie trotzig hinzu und schlug wie ein Kind die Fäuste auf den Boden.

Erst, als kein Blut mehr übrig war und die abgeschlagenen Menschenhände leergesaugt waren, richtete sie sich wieder auf. Ein Blick in den Spiegel konnte der Schwarzmagierin, die den Verstand endgültig verloren hatte, auch keine Gewissheit über ihren Geisteszustand geben. Sie realisierte nicht mehr, was aus ihr geworden war.

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Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 25. August 2015, 17:43, insgesamt 2-mal geändert.
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27. Ashatar 258

"Nein", drang ein krächzender Laut durch die unterirdischen Gänge des Tempels, in welche sie von Fenia und Kyron hinuntergeführt wurde. "Warum tötet ihr sie nicht?", ein Wimmern. "Temora wird sie empfangen und trösten. Tötet sie!", wurde das Flehen immer lauter. Danach fiel Sophies Körper mit dem Rücken auf den Boden. "Nur Hass und Qualen hat Alatar dem armen Ding gebracht. Nur Hass und Qualen", das Wimmern verwandelte sich nach und nach in ein selbstmitleidiges Jammern. Tränen flossen aus den ungewöhnlich milchigen, hellen Augen der Magierin, während sie, wie ein aufmüpfiges Kind, ihre Fäuste auf den harten Steinboden schlug.

Plötzlich schnellten die Hände nach vorne, umfassten die Gitterstäbe ihrer Gefängniszelle und sie traf diese mehrmals mit ihrer Stirn, dabei durch die dunklen Gänge schreiend: "Ihr wollt sie leiden lassen! Alatar will sie leiden lassen! Temora und die blauen Männer sind weise! Sie beschützen das arme Ding! Verstehen sie!" Danach fiel sie wieder zurück, setzte sich auf den Boden und zog die angewinkelten Beine an. Mit den Armen hatte sie ihre Knie umschlossen. "Lass' mich endlich in Frieden und verschwinde, ketzerischer Geist", erklang für den Moment zweier Sekunden schnell ihre gewohnte Stimme zwischen all den krächzenden, fremd wirkenden Geräuschen, und Sophie riss an ihren Haaren. Der Moment der Besinnung dauerte jedoch nicht lange. Schnell hatte die wie besessen wirkende Zauberin ihre Ruhe gefunden; mit dem Kopf im nahen Heuhaufen und Tränen in den Augen. Wie lange würde es noch dauern, bis sie endlich wieder mit dem Gefühl durchatmen konnte, die Kontrolle über Geist und Körper zu haben? Die leeren, dunklen Gänge gaben keinen Ton von sich, die Antwort erklang ebenso stumm.

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29. Ashatar 258

"Priester Temoras können keine Flüche aussprechen. Das passt nicht zusammen", war Sophie überzeugt. Doch sie lag falsch, als sie sich von Fenia eines Besseren belehren ließ. Bis zum heutigen Tag hatte sich dieser Irrtum in ihrem Kopf eingebrannt. Veränderungen in ihrer Persönlichkeit wie unstetes, inkonsequentes Verhalten, ständige Meinungswechsel, die an Schizophrenie grenzten, und selbst rhetorische Unterschiede sorgten dafür, dass die Magierin unglaubwürdig wurde. "Es ist meine Psyche. Ich bin geistig nicht gesund", versuchte sie sich einzureden. Züge der Depression und Angst waren sicherlich da, aber nicht für ihre charakterliche Inkonsequenz verantwortlich.

Fünf Jahre vor dem heutigen Tag erreichte Sophie Gerimor. Verstört von einem Haushalt, der ihr weder Anerkennung noch Liebe zukommen ließ, und immer schwerer zu erfüllende Forderungen stellte, begegnete sie einer Ahad, die ihr von Rahal und seinem Glauben erzählte. Sophie, noch nicht als Magiekundige erwacht, sah im Reich des Westens ein neues Ziel und wirkte entschlossen. Kurz danach fing sie ein Priester auf. Zu dieser Zeit waren Lameriast und Fuachtero Inseln, und Schwingenstein existierte noch nicht. Ein großes Kloster stand in der sprichwörtlichen Weltmitte. Diakon, nannte sich der Mann in blauer Robe, und mit "Euer Gnaden" wollte er angesprochen werden. Sophie erzählte ihm, unwissend hinsichtlich des konträren Glaubens, über ihre Pläne, den Westen zu bereisen. Er zeigte sich verständnisvoll, lächelte, führte sie zum Baum des Lichts und gab ihr die Gewissheit, sich geborgen zu fühlen. Stärker wurde diese nie gefühlte Wärme, das Gefühl der längst ersehnten Anerkennung und Liebe, als sie sich dem sanften Licht näherte. Als hätte man ihren Wünschen gelauscht und sie mit einem Mal erfüllt. Eine Berührung des Baums reichte und sie fühlte sich wohl. In der Zwischenzeit sprachen zwei Männer des Klosters voller Mitgefühl auf sie ein und die ersten Zweifel nahmen ihren Lauf.

Die Jahre vergingen und Sophie ließ diese Szene in den Hintergrund ihrer Gedankenwelt rutschen, vergaß sie sogar fast. Was sie als harmlosen Versuch der Bekehrung geistig abgeschlossen hatte, wie das Ende eines unbedeutenden Kapitels, sollte sich in ihren folgenden Lebensjahren als Fehler entpuppen und sie begleiten, wie ein hämisch grinsender Schatten.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 29. August 2015, 11:11, insgesamt 2-mal geändert.
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30. Ashatar 258

"Argh! Ihr macht einen großen Fehler! Temora wird sie erlösen! Sie leidet! Sie ist voller Hass!" Eine gequälte Männerstimme fuhr durch die unterirdischen Gänge des rahalischen Tempels. Erneut war es nicht Sophie, sondern die Stimme ihres Siegels, wie sich später durch die Kooperation zwischen Clerica Treublatt und Tetrarchin Aliyahna herausgestellt hatte. Während der Fluch von den angestrengten Tempeldienerinnen aus ihrem Geist gezogen wurde, fühlte die Schwarzmagierin den stechenden Schmerz des exorzistischen Rituals: Ihre Eingeweide brannten, die Haut stach überall, ihr wurde schlecht, schwindelig und das Atmen fiel ihr schwer. Das Pochen in ihrem Kopf ließ sie schließlich das Bewusstsein verlieren. Davor schoss das Bild einer schwarzen Festung durch ihr geistiges Auge, die jedoch keine Ähnlichkeit mit ihrer Ordensburg hatte, ihr jedoch ein merkwürdiges, wohliges Gefühl der Geborgenheit vermittelte. Gleichzeitig hörte sie eine ermutigende, doch gleichzeitig bestimmende Stimme in ihrem Kopf, die definitiv nicht die des Fluchs war; einem regelrechten Anker gleich, der sie vor dem Tod bewahrt hatte: "Nicht jetzt. Noch nicht."

Als sie die Lider wieder öffnen konnte, fühlte sie Scham. Sie wollte dem Tempel keine Belastung sein. Trotz der Tatsache, dass sie das Priestersiegel über Jahre gequält und sämtliche Handlungen beeinflusst hatte. Sophie hatte das Gefühl, fünf Jahre lang fremdgeleitet worden zu sein, als hätte sie keine Kontrolle über ihren Geist, über ihre Persönlichkeit, gehabt. Nachdem der Exorzismus Erfolg gezeigt hatte, wurde die schwächelnde Arkoritherin wieder nach oben geführt, um die Nacht in der Nähe des Altars, auf einem ausgebreiteten Fell, zu verbringen. Atemnot, stechende Schmerzen und Albträume kehrten zurück, und sie war sich im ersten Moment nicht sicher, ob sie bis zum nächsten Tag durchhalten würde. Es vergingen Stunden der Qual, doch sie blieb stark. Wenngleich ihr Gedächtnis nun einige Lücken aufwies, gingen ihr die Worte nicht aus dem Kopf, die sie in ihrer Todesangst gehört hatte, und dienten ihr gleichzeitig als Werkzeug, um ihren schwachen Leib und beanspruchten Geist vor dem Seelensammler zu schützen: "Nicht jetzt. Noch nicht."
Zuletzt geändert von Gast am Sonntag 30. August 2015, 17:26, insgesamt 1-mal geändert.
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  • "Die Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen,
    den Glauben zum Handeln."

    Max Planck
16. Searum 258

Ich spüre, wie meine Gedanken beeinflusst werden. Eine fremde Stimme teilt mir mit, was ich zu tun habe. Dieses Gefühl kenne ich - ein Eingriff in die Klangsignatur meines Geistes, der sämtliche Fragmente so verändert, dass eigenständig Wörter geformt und ihnen ein fremder Ton gegeben werden kann. 'Nichts Besonderes, nur eine Gedankenstimme. Sicher spielt mir jemand einen magischen Scherz', denke ich mir im ersten Moment, schließe meine Augen und lausche. Anschließend streckt sich plötzlich mein linker Arm nach vorne aus und ich werde gänzlich mitgerissen. Mein Rücken schleift über hartes Gestein, dessen Spitzen die Haut aufkratzen und Spuren aus Blut hinterlassen. Die Angst lässt mich zittern und schwer atmen. Ich versuche, meine linke Hand zu bewegen, aber der gesamte Leib wirkt wie fremdgesteuert. Als hätte eine Macht nicht nur die Stimme meiner Gedanken ausgetauscht und ihr ein Eigenleben erschaffen, sondern meinen gesamten Körper unter Kontrolle. "Bitte hört auf", höre ich mich weinen, während sich der steinige Boden immer tiefer in mein Fleisch frisst. Danach ein schriller Schrei.

Ich wache auf, nehme einen tiefen, geräuschvollen Atemzug und öffne meine Augen. Neben mir knistern die Flammen im Kamin, während ich in meinem Lesethron sitze und auf die unfertige Skizze einer schönen Tänzerin schaue. Sie lächelt mich verführerisch an, zwinkert dabei und ihr Körper ist notdürftig bedeckt. Ich muss beim Arbeiten eingeschlafen sein. Dabei möchte die Kundin bereits morgen erste Entwürfe und Ideen zu ihrer gewünschten Tätowierung sehen. "Nur die Ruhe", spreche ich mit meinem aufgewühlten Inneren. "Die Skizze ist so gut wie fertig. Es gibt keinen Grund zur Eile. Du bist in deinem neuen Haus. Geschützt. Das Priestersiegel ist gebrochen." Wieder atme ich tief durch, beruhige meinen rasenden Herzschlag und genieße den Duft von Eris Erdbeer-Süßigkeiten, welche sie vor einigen Stunden, mit Xervath an ihrer Seite, mitgebracht hat.

Albträume und Schlafparalysen verfolgen mich. Wenn ich überhaupt in den Genuss des Schlafs komme. Aber ich habe mich mit der hartnäckigen Insomnie arrangiert. Zudem sorgt Schlaflosigkeit für die eine oder andere nächtliche, kreative Idee. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", sagen Optimisten. In diesem Fall haben sie Recht. Der Komfort eines gesunden Tag- und Nachtrhythmus' ist ein geringer Preis, den ich zahlen muss, um nach fünf Jahren der Qual wieder Herrin über meine Gedanken und meinen Körper zu sein. Die eben dokumentierte, nächtliche Vision beschreibt das Gefühl sehr gut, wenn der Geist in einen Käfig gesperrt wird, aus dem er nicht ausbrechen kann, und ein fremder die Kontrolle sämtlicher physischer und psychischer Motorik übernimmt. Ich schließe die Augen, bewege meine Lippen und bete, entsende einen stummen Dank an Alatar und Seine irdischen Repräsentanten im Tempel, Tetrarchin Aliyahna und Clerica Treublatt, die diesen seelischen Kerker sprengen konnten. Sie ließen mich die fürsorgliche Gegenwart des Herrn spüren, Seine Stimme hören. Mein Glaube ist seitdem gefestigter denn je; Entschlossenheit und Überzeugung ersticken die letzten Zweifel im Kern. Stets zu Diensten, o Herr. Möge Dir gefallen, was Du siehst.
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Gast

Beitrag von Gast »

  • "Es ist besser, auf halbem Wege umzukehren, als auf dem falschen Weg zu bleiben."

    Unbekannt
14. Rabenmond 258

Ich sollte lernen, meine Ansichten zu verteidigen. "Metamagie beinhaltet Aspekte, die man mit 'Defensivmagie', einfacher, und für die meisten Menschen geläufiger, umschreiben kann." Ja. Es ist richtig, klingt in meinen Ohren korrekt. Punkt. Denn: Das Schöne an der Magie ist, dass mehrere Wege zum Ziel führen. Der eine Weg fühlt sich vielleicht komplizierter an als der andere, muss jedoch nicht gleich falsch sein. Liedkunde lädt ein, kreativ zu sein, zu experimentieren; nicht dazu, vorgegebenen Wegen und Erkenntnissen blind zu folgen. Wer hier nicht meiner Meinung ist, gut, das werde ich akzeptieren müssen. Es wird jedoch ebenso wenig meine Pflicht sein, der fremden Ansicht Recht zu geben, mich zu fügen. Ich war ohnehin nie die Liedkundige, die viel Zeit damit verbracht hat, Ideen ausgiebig in der Theorie durchzuarbeiten oder an langen Diskussionsrunden teilzunehmen, sondern setzte lieber meinen eigenen Kopf in der Praxis durch.

Seltsamerweise, und ausgerechnet, hat mich Graulists alte Kunst auf mein neues Experiment gebracht: Gegenstände ohne fremde Einwirkung zu bewegen. Der exzentrische, und ehemalige, Kunsthausbesitzer erzählte von einer monströsen Gestalt, die kein organisches Leben besaß, sich jedoch so komplex - im übertragenen Sinne - bewegen konnte, wie ein Echsenmensch, ein Oger, ein Ork, und so weiter. An die exakte Bezeichnung des merkwürdigen Kunstwerks kann ich mich nicht mehr erinnern; sie ging jedoch in Richtung "Lebende Rüstung". Magische Energie lässt sich ansammeln und temporär speichern. So lange, bis Eluives Lied die Veränderung neutralisiert und den Ursprungszustand wiederhergestellt hat. Denn jede Veränderung des natürlichen Klanggefüges ist vergleichbar mit einem Fremdkörper, einem Bakterium, das langsam wieder ausgeschieden werden muss. Erschafft man ein Elementar, überträgt man durch geistige Energie einfache Befehle in diese Ansammlung möglichst reiner Elementarenergie, wie "Töte", "Folge" oder "Stopp". Aber: Ist das wirklich nur bei Elementaren, respektive solchen magischen Akkumulationen, möglich? Nein. Meine neuste Erkenntnis beweist, dass jeder Gegenstand mit solchen Befehlen 'gefüttert' werden kann. Im Keller der Arkoritherburg habe ich einige Puppen platziert, diese mit Kristallen, als Hüllen für die angesammelte magische Energie, ausgestattet und darin genug Geistesenergie mit einfachen Befehlen angesammelt, damit sie sich für einige Stunden, wie von alleine, bewegen können. Intelligent verhalten sie sich zwar immer noch nicht, und bleiben an allen Ecken und Kanten hängen, aber der erste Schritt in Richtung "Lebende Rüstung" ist erfolgreich getan. Ich hoffe nur, dass sich niemand erschreckt, wenn eine friedlich herumsitzende Puppe, vom einen Wimpernschlag zum nächsten, plötzlich ihre Position gewechselt hat, wie in einem Gruselmärchen.
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Gast

Beitrag von Gast »

  • "Man vergisst vielleicht, wo man die Friedenspfeife vergraben hat. Aber man vergisst niemals, wo das Beil liegt."

    Mark Twain
17. Rabenmond 258

Es ist Krieg.

Seitdem ich vom Priestersiegel befreit wurde, sehe ich die bevorstehenden Schlachten als Chance, mich zu beweisen. Alatar hat mir eine zweite Chance gegeben, als Er während des Fluch brechenden Rituals im Tempel zu mir sprach. Als dieses Gespinst mein Handeln bestimmte, waren die Zweifel stark. Bilder vergangener Tage schossen durch meinen Kopf. Tage, die ich als Gläubige der Eluive auf Seiten des heutigen Feindes verbrachte. Ich sah mich lachen, scherzen und voller Freude. Entsprechend stark waren die Hemmungen, verheerende Applikationen während eines Kampfs gegen ehemalige Freunde zu wirken.

“Freunde”, mittlerweile ein Fremdwort, im Hinblick auf alte Zeiten. Alles, was im Namen der falschen Götter grüßt, stellt in meinen Augen nichts Wertvolleres dar, als ein potenzieller Haufen Asche. Schlachtvieh. Maden. Würmer. Bestenfalls: Ein Gefäß für magische Experimente, die mich gewissenlos mit dem Tod des Opfers spielen lassen.

Ich bin bereit, Herr. Führe meine Axt, meine Eisklingen, Blitzgewitter, Feuerbälle und Giftwellen. Jedes Mittel soll mir in Deinem Namen recht sein, um den Feind auf nahenden Schlachtfeldern zu zerquetschen. Auf dass Deine Diener den Sieg in die Heilige Stadt tragen.
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Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 17. November 2015, 14:02, insgesamt 1-mal geändert.
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