- Solch Gleisnervolk nagt oft gleich Ratten heilige Band' entzwei,
zu fest verknüpft zum Lösen, schmeichelt jeder Laune,
die auflebt in dem Busen seines Herrn, trägt Öl ins Feu'r,
zum Kaltsinn Schnee verneint, bejaht und dreht den Hals wie Wetterhähne
nach jedem Wind und Luftzug seiner Oberen, nichts wissend,
Hunden gleich, als nachzulaufen.- William Shakespeare
Wie weit waren Menschen bereit für Kontrolle zu gehen? Für ihren eigenen, kleinen Kubus Beseligung, in dem sie die einzigen waren, die die Fäden zogen. Oder zumindest glaubten es wäre so. Die Wunden an ihrem Körper bargen ihre eigene Antwort. Und was ist ein Leben wert, wenn es erst den Pfad der höheren Ziele verlassen hat, um sich so gierig an dem festzuklammern, was so fließend, so vage, so selbstständig wächst oder schwindet? In keinem Reich hatte es mehr Bedeutung als im rahalischen. Achtung und Respekt waren hier keine Frage des Namens oder des Titels, es war eine Frage des Durchsetzungsvermögens, des eigenen Antriebs und der an den Tag gelegten Mühen. Als sie selbst zurückgekehrt war ins Reich, hatte sie hart kämpfen müssen, um in den Augen der Gläubigen wieder als Ritter zu gelten, wenngleich sie den Rang nie eingebüßt hatte. Nein, sie dauerte den Umstand nicht, auch hegte sie keinen Groll gegen die, die sie geprüft hatten. Alatar war der freie Gedanke, es war in seinem Sinne zu hinterfragen und nicht wie Lämmer in die Finsternis zu schwärmen. Dennoch waren Prüfung und Auflehnung zwei Paar Schuhe.
Der Mann, auf dessen Veranlassung hin ihr die Wunden geschlagen worden waren, hatte sie ihr Leben lang geprüft, seit dem Tag ihrer Geburt. Sie war das Lamm gewesen, das in die Finsternis geschwärmt, das bereitwillig gefolgt war. War sie ihr Leben lang dem falschen Gestirn nachgejagt? Hatte sie die Erlangung ihrer Würden gar nicht sich selbst zuzuschreiben? Mit einem abwehrenden Brummen verwarf sie den Gedanken wieder. Nein, er hatte niemals erreicht, was sie bereits vor acht Jahresläufen erlangt hatte. Und nun? War sie vom Weg abgekommen? Wie hatte sie nur zulassen können, dass sie so sehr aufgeweicht worden war? War sie es denn? Ihr war fortwährend eingeschärft worden niemals jenem Gefühl in sich nachzugeben, das ihr den Eindruck vermittelte ein fühlendes, ein wahrhaftiges, ein menschliches Wesen zu sein, dass sie sich in der Vergangenheit so oft gewünscht hatte es einfach ausmerzen zu können wie einen Schandfleck, wie ein widernatürliches Geschwür. Jede Schwäche konnte fatal sein.
Doch, und dies erkannte sie erst nun nach all den Jahresläufen und Geschehnissen, war es ebenso eine Schwäche das eigene Begehr nur zu ersticken. Zweifellos wusste sie noch immer ihre Prioritäten zu setzen – nichts, nicht der winzigste Krümel, nicht ein Sandkorn in den rotierenden Rädern des Tempels, hätte ihren Glauben an den all-einen Herrn aller Welten erschüttern können oder würden es je tun. Wenn Er hinabgehen sollte in das Nichts der Niederlage, würde sie Ihm folgen. Sie und jedes noch so unmerkliche Bruchstück von ihr würden mit Ihm zugrunde gehen. Kurz schloss sie die Augen bei dem Gedanken und zog die Luft durch die Nase ein. Alles bis auf eines...
Doch dieser Tag war fern. Und sie hatte diese Schwäche nicht mehr oder würde zumindest nicht ruhen bis sie sie ausgemerzt hatte wie jede einzelne, verdammte Schwäche zuvor. Der Einfall erfüllte sie mit einer gewissen inneren Grimmigkeit, die sie stets an den Tag zu legen pflegte, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte.
Derselbe Grimm durchströmte sie nun auch, wenn sie an jene dachte, die glaubten sie herausfordern zu können. Nein, sie war grundsätzlich kein rachsüchtiger Mensch, noch nicht einmal wirklich streitlustig. Aber sie war auch keine Spielfigur, die man nach Gutdünken herumschieben, drehen und benutzen konnte. Und selbst wenn sie bereit war einiges für sich zu tragen, so war sie nicht im Geringsten geneigt die ihr Treuen in ihrem Vertrauen zu enttäuschen oder gar zu opfern auf dem Altar der Selbstsucht. Mochten andere diese Schwäche für sich zelebrieren, Alatar allein würde darüber befinden an dem Tag ihres Todes. Doch da zu befürchten stand, dass auch dieser Tag noch fern war, würde sie eben ihre Konsequenzen ziehen: Keine Verhandlungen, keine Vergleiche, keine Hinnahme der Angriffe und Bedrohungen ihrer Getreuen oder ihrer selbst, keine Übernahme ihres Lebens mehr, keine Kompromisse. Und sollte dies bedeuten und nötig sein, dass sie selbst an den Pranger geschnürt würde oder das Leben ließ, sollte es eben auf diese Weise geschehen. Sie würde nicht länger dabei zusehen wie manche willkürlich agierten für ihre eigene Kontrolle und unter Missachtung all dessen, was das Reich stark machen sollte. Dies war die Schwäche, dies war das Geschwür, das ausgemerzt werden musste. Und es war ihr eigenes Ausmaß an Selbstsucht, dass die Personen ihr Gesicht vor Augen sehen würden, wenn sie fielen – in Feuer und Schwert.
- Manchmal muss man das Schiff versenken, um die Ratten loszuwerden.
- [list]Alfred Polgar