Ratten

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Muireall Laval
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Ratten

Beitrag von Muireall Laval »

  • Solch Gleisnervolk nagt oft gleich Ratten heilige Band' entzwei,
    zu fest verknüpft zum Lösen, schmeichelt jeder Laune,
    die auflebt in dem Busen seines Herrn, trägt Öl ins Feu'r,
    zum Kaltsinn Schnee verneint, bejaht und dreht den Hals wie Wetterhähne
    nach jedem Wind und Luftzug seiner Oberen, nichts wissend,
    Hunden gleich, als nachzulaufen.
                • William Shakespeare
Spät in der Nacht erwachte Muireall erneut und drehte sich träge auf dem Bett, nicht ohne dabei ein schmerzliches Stöhnen von sich zu geben. Vielleicht hätte sie doch der Weisung ihrer Waffenbrüder Folge leisten und einen Heiler aufsuchen sollen. Nun war es so oder so zu spät, um diese nachtschlafende Zeit würde sie keinen mehr antreffen. Mit einem leisen Seufzen schmiegte sie ihre Wange an seine Schulter. Das regelmäßige Heben und Senken seines Brustkorbs beruhigte sie. Als der Schmerz der Bewegung nachließ, konnte sie ihre Gedanken langsam wieder ordnen. Zu viel war in den wenigen vergangenen Tagen geschehen, vor allem zu viel Sinnloses.

Wie weit waren Menschen bereit für Kontrolle zu gehen? Für ihren eigenen, kleinen Kubus Beseligung, in dem sie die einzigen waren, die die Fäden zogen. Oder zumindest glaubten es wäre so. Die Wunden an ihrem Körper bargen ihre eigene Antwort. Und was ist ein Leben wert, wenn es erst den Pfad der höheren Ziele verlassen hat, um sich so gierig an dem festzuklammern, was so fließend, so vage, so selbstständig wächst oder schwindet? In keinem Reich hatte es mehr Bedeutung als im rahalischen. Achtung und Respekt waren hier keine Frage des Namens oder des Titels, es war eine Frage des Durchsetzungsvermögens, des eigenen Antriebs und der an den Tag gelegten Mühen. Als sie selbst zurückgekehrt war ins Reich, hatte sie hart kämpfen müssen, um in den Augen der Gläubigen wieder als Ritter zu gelten, wenngleich sie den Rang nie eingebüßt hatte. Nein, sie dauerte den Umstand nicht, auch hegte sie keinen Groll gegen die, die sie geprüft hatten. Alatar war der freie Gedanke, es war in seinem Sinne zu hinterfragen und nicht wie Lämmer in die Finsternis zu schwärmen. Dennoch waren Prüfung und Auflehnung zwei Paar Schuhe.

Der Mann, auf dessen Veranlassung hin ihr die Wunden geschlagen worden waren, hatte sie ihr Leben lang geprüft, seit dem Tag ihrer Geburt. Sie war das Lamm gewesen, das in die Finsternis geschwärmt, das bereitwillig gefolgt war. War sie ihr Leben lang dem falschen Gestirn nachgejagt? Hatte sie die Erlangung ihrer Würden gar nicht sich selbst zuzuschreiben? Mit einem abwehrenden Brummen verwarf sie den Gedanken wieder. Nein, er hatte niemals erreicht, was sie bereits vor acht Jahresläufen erlangt hatte. Und nun? War sie vom Weg abgekommen? Wie hatte sie nur zulassen können, dass sie so sehr aufgeweicht worden war? War sie es denn? Ihr war fortwährend eingeschärft worden niemals jenem Gefühl in sich nachzugeben, das ihr den Eindruck vermittelte ein fühlendes, ein wahrhaftiges, ein menschliches Wesen zu sein, dass sie sich in der Vergangenheit so oft gewünscht hatte es einfach ausmerzen zu können wie einen Schandfleck, wie ein widernatürliches Geschwür. Jede Schwäche konnte fatal sein.
Doch, und dies erkannte sie erst nun nach all den Jahresläufen und Geschehnissen, war es ebenso eine Schwäche das eigene Begehr nur zu ersticken. Zweifellos wusste sie noch immer ihre Prioritäten zu setzen – nichts, nicht der winzigste Krümel, nicht ein Sandkorn in den rotierenden Rädern des Tempels, hätte ihren Glauben an den all-einen Herrn aller Welten erschüttern können oder würden es je tun. Wenn Er hinabgehen sollte in das Nichts der Niederlage, würde sie Ihm folgen. Sie und jedes noch so unmerkliche Bruchstück von ihr würden mit Ihm zugrunde gehen. Kurz schloss sie die Augen bei dem Gedanken und zog die Luft durch die Nase ein. Alles bis auf eines...
Doch dieser Tag war fern. Und sie hatte diese Schwäche nicht mehr oder würde zumindest nicht ruhen bis sie sie ausgemerzt hatte wie jede einzelne, verdammte Schwäche zuvor. Der Einfall erfüllte sie mit einer gewissen inneren Grimmigkeit, die sie stets an den Tag zu legen pflegte, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte.

Derselbe Grimm durchströmte sie nun auch, wenn sie an jene dachte, die glaubten sie herausfordern zu können. Nein, sie war grundsätzlich kein rachsüchtiger Mensch, noch nicht einmal wirklich streitlustig. Aber sie war auch keine Spielfigur, die man nach Gutdünken herumschieben, drehen und benutzen konnte. Und selbst wenn sie bereit war einiges für sich zu tragen, so war sie nicht im Geringsten geneigt die ihr Treuen in ihrem Vertrauen zu enttäuschen oder gar zu opfern auf dem Altar der Selbstsucht. Mochten andere diese Schwäche für sich zelebrieren, Alatar allein würde darüber befinden an dem Tag ihres Todes. Doch da zu befürchten stand, dass auch dieser Tag noch fern war, würde sie eben ihre Konsequenzen ziehen: Keine Verhandlungen, keine Vergleiche, keine Hinnahme der Angriffe und Bedrohungen ihrer Getreuen oder ihrer selbst, keine Übernahme ihres Lebens mehr, keine Kompromisse. Und sollte dies bedeuten und nötig sein, dass sie selbst an den Pranger geschnürt würde oder das Leben ließ, sollte es eben auf diese Weise geschehen. Sie würde nicht länger dabei zusehen wie manche willkürlich agierten für ihre eigene Kontrolle und unter Missachtung all dessen, was das Reich stark machen sollte. Dies war die Schwäche, dies war das Geschwür, das ausgemerzt werden musste. Und es war ihr eigenes Ausmaß an Selbstsucht, dass die Personen ihr Gesicht vor Augen sehen würden, wenn sie fielen – in Feuer und Schwert.


  • Manchmal muss man das Schiff versenken, um die Ratten loszuwerden.
                    • [list]Alfred Polgar
[/list]
Gast

Beitrag von Gast »

Gute Tiere, spricht der Weise, mußt du züchten, mußt du kaufen,
doch die Ratten und die Mäuse, kommen ganz von selbst gelaufen.
Wilhelm Busch



Wer sich über bereits Vergangenes den Kopf zerbricht, verstrickt sich dabei in einer völlig sinnfreien Handlung, denn das, was schon geschehen ist, können nur wenige ändern und jene, die einer solchen Temporalmagie mächtig sind, bleiben gerne unbekannt oder unerreichbar. Wozu also darüber grübeln, was hätte sein können? Ganz einfach: weil unsereins, menschlich und damit stark wie schwach zugleich, denken gelernt hat und jenem Geschäft nur allzu gern nachgeht, ja sich teilweise darin zu verlieren droht.
So drehten sich die bewegten Bilder im wirren Geist einer geisterhaften Wirren beinahe zwei Tage lang immer wieder um eine Begebenheit, die dieses denkende Geschöpf nicht nur beschäftigte, sondern vor allem belastete.

***

„Düstersee, Mio.“
Kein Befehl, eine Information und an jene klammerte sie sich stumm, nachdem der Abend ansonsten verwirrend genug abgelaufen war. Um der erwünschten Logik klare Strukturen zu verleihen, benötigte es deutliche und unmissverständliche Erkenntnisse über Aussagen und Indizien. Schwierig nur, wenn man sich plötzlich in der misslichen Lage sieht, dass man als kommunikativer Empfänger die beteiligten Sender nicht recht einschätzen kann. Damit kommen Botschaften nur halb oder einfach schlichtweg falsch an. Sie war es leid, die Mitmenschen um sie herum nicht einmal mehr im Ansatz verstehen zu können und so richtete sie den Geist auf die Nachricht, welche sie begreifen konnte.
„Düstersee, Mio.“
Innerlich wurde dieser eher unvollständig anmutende Satz herabgebetet und sie ließ die Füße dem Ganzen folgen. Lautlose, rasche Wandelschritte durch die schwarze Nacht, welche selbst die bleiche, kleine Gestalt im roten Kapuzenumhang zu verschlucken schien. Diese verlor sich auf dem Weg, ganz wie in der Mär um ein Mädchen in zumindest ähnlicher Gewandung, in der schwarzen Schönheit der Dunkelheit und kam wohl mehrfach vom Weg ab – zumindest moralisch, denn die Beine folgten weiterhin den monoton stetig gewisperten, lockenden Worten:
„Düstersee, Mio.“
Und so näherte sie sich, beinahe in einer Art Trance, leise und in einem unhörbarem Liedertakt mitwiegend, wie eine flatternde Motte ihrem Licht – dem Haus der hohen Herrin Ritterin. Irgendwo dort oben flackerte noch eine kleine Flamme und zeichnete güldene Schatten an das Fenster im Obergeschoß. Eine Öllampe war es, dessen war sie sich bewusst, jene stand auf einem Nachttisch und dieser wiederum lehnte beinahe selig an einem Bett in der schmalen Kammer, welche sie bald...

„Einen wohlen Abend, kleines Fräulein.“
Ihre Bewegung gefror, wie so oft, sehr abrupt, als habe man sie versteinert. Für einen Moment versuchte der Kopf noch eine Einschätzung abzugeben, ob die Stimme aus dem Diesseits oder hinter den Schatten hergekommen war. Zu menschlich, zu klar und deutlich – das Urteil. Ruckend, als würde man ihre Gliedmaßen plötzlich wie eine Marionette an Fäden lenken, drehte sie sich dem Schatten des Gebäudes linker Hand zu und starrte in die Schwärze ohne zu blinzeln. Lange brauchte sie auch nicht zu warten und schon waberte es im Dunkeln und die Schemen spuckten eine hochgewachsene Männergestalt aus, welche sich dem fahrigen Licht der alten Laternen stellte.
Wieder war es der Kopf, der die Informationen der Augen aufnahm und eine nüchterne Analyse begann:
Gut gestutzter, roter Bart, sehr gepflegtes Äußeres, dunkle, qualitativ hochwertige Kleidung – er ist kein armer Streuner oder Strauchdieb.
Charmantes Lächeln, doch kalte, helle Augen, die Hand am Degenknauf – er will irgendetwas.
Groß, kräftig aber mit der Eleganz eines Raubtieres – er will nichts Gutes!

Noch während er näherkam, vollführte sie kleine Krähensprünge rückwärts, die schieferfarbenen Kohleaugen ließen den Unbekannten nicht aus dem Blick und so war es an ihm nun einzuhalten. Mit leisem Lachen hob er abwehrend die Hände, winkte beschwichtigend ab.
„Keine Angst, kleine Dame, ich führe nichts Schlechtes im Sinn...“ - LÜGNER!
„... möchte nur ein paar kleine Informationen, die keinem weh tun, hm?“ - LÜGNER!
„Du bist hier im Hause Lilienhayn angestellt, oder? Ich bin ein alter Freund und Bekannter der Ritterin. Es schmerzt mich, dass ich sie nicht persönlich antreffen konnte bisher.“ - LÜGNER!
„Aber immerhin soll da ja der Herr des Hauses anwesend sein. Sag einmal, ist das der blonde Kerl, den ich vorhin gerade so verpasst habe?“ - WAGE ES!
Sein Blick wurde wieder eisiger, das Lächeln verschwand schneller als ein flatternder Lidschlag.
„Ist das der Kerl, den sie sich ins Bett geholt hat?“ - !
Sie fand ihre Stimme schneller als der Kopf reagieren konnte und hörte sich seltsam kampfeslustig hervorfauchen.
„Nein, das ist der Kerl, den ich mir ins Bett geholt habe... oder... andersherum.“
Ja wie herum denn nun genau und war das wieder eine ähnlich missverständliche Aussage wie „das Bett teilen“? Offensichtlich implizierte es schon wieder Beischlaf und ähnliche Reproduktionstätigkeiten, denn kurz fielen dem Rotbart beinahe die Augen aus dem Gesicht und der Mund öffnete sich einige Augenblicke verständnislos, während er sie stumm musterte, dann allerdings hatte er sich wieder unter Kontrolle und die Fragen stachen nun ebenfalls aggressiver los.
„Wer ist denn nun ihr Bettgeselle? Sprich schon, Kind.“ So bestimmt nicht! „Na los, wird’s bald? Welche Natter hat sie sich da herangezogen?“ Jetzt erst recht nicht, für kein Gold der Welt. „Mach den Mund auf, verdammt nochmal, Kröte.“ Ah, Stille tangiert ihn mehr als die Informationsverweigerung? Durchaus interessant. „Mit wem treibt es die kleine Schlampe von einer Ritterin nun?!“ Oha! Na warte...

„Euch ist klar, dass Ihr zu laut werdet und die Contenance verliert, der Herr?“
Ein Ächzen, dann war die Hand am Degengriff und das helle, sirrende Schleifgeräusch erklang, als die Schneide in eleganter, fließender Bewegung aus der Scheide gezogen wurde.
„Dir ist klar, dass ich keine Skrupel habe, dich jetzt und hier blutend zu Boden zu senden?“
Dämliche Gegenfrage, natürlich war das klar und deutlich. Ihre Reaktion war ein Satz auf die Haustüre zu, während sich ein heller Schrei den Weg aus der Kehle über die Lippen bahnte. Der zu erwartende Schmerz blieb aus, stattdessen machte er auf den Stiefelabsätzen kehrt und verschwand wieder unter dem deckenden Mantel der Nacht.
Zurück blieb sie, die wohl gerade halb Düstersee und allen voran ihren „Bettgesellen“ alarmiert hatte – und zurück blieben die Fragen, was man davon halten solle, wie sie sich besser hätte verhalten können und...welches Nachspiel man erwarten müsse?!


Eine Ratte verfault, aber ein Streit nicht.
Sprichwort
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Muireall Laval
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Beitrag von Muireall Laval »

  • Es gibt zwei Sorten Ratten: Die hungrigen und die satten.
                  • Heinrich Heine
„Hohes Fräulein?“, drang sein Ruf über den Hof des Gutes Lilienhayn. Muireall blieb stehen und wand sich um, seine Gegenwart schien hier so allgegenwärtig zu sein, dass sie sich nicht einmal wunderte seine Stimme zu vernehmen. Sie wartete ab bis er sie erreicht hatte. „Herr Madahan, des All-Einen Segen.“, grüßte sie höflich und nickte ihm kurz zu. Rasch zeigte sich auf seinen Zügen jenes gewinnende Lächeln, welches er häufig an den Tag legte, und er deutete eine Verneigung an. „Seinen Segen. Entschuldigt, dass ich Euch aufgehalten habe.“, leitete er sein Anliegen ein, während sich seine eisblauen Augen über ihre Miene huschten. Muireall hatte es stets beeindruckt wie leicht es ihm bisweilen fiel einfältige Menschen mit seinem Lächeln zu betören und befremdet wie wenigen Menschen das berechnende Leuchten in den hellen Augen aufzufallen schien. Als sie ihn darauf angesprochen hatte, hatte er nur gelacht und angeboten sie zu lehren die Mimik für ihre Ziele einzusetzen. Ihr Vater hatte den Unterricht geduldet, bestand aber darauf, dass ihr Bruder Doryan selbigen erhielt. Muireall war es gleich gewesen, doch fiel es ihr schwer sich darauf einzulassen. Wie sollte ein Mensch nur lernen Emotionen bei anderen hervorzurufen durch ein Heben der Augenbraue oder ein Zucken in der Wangenmuskulatur? Sie hatte keine Schwierigkeiten damit ihre eigenen Gefühle aus dem Gesicht zu halten, aber falsche widerzugeben war wieder etwas anderes. Für Aluin Madahan schien es so einfach zu sein wie sich ein Paar Handschuhe überzustreifen.
„Nein, schon gut. Was gibt es?“, erwiderte sie ruhig mit einem flüchtigen Heben der Mundwinkel. Sie war im Laufe der Zeit dazu übergegangen einen etwas lockereren Umgang mit dem Verwalter ihres Vaters zu pflegen, immerhin begegneten sie sich häufig mehrmals täglich. „Ich wollte mich erkundigen, ob Ihr diesen Abend den Unterricht wahrnehmen werdet?“ Muireall hob leicht die Augenbrauen, senkte sie aber in Erinnerung an ihre Lehre rasch wieder ab. „Mein Bruder ist nicht hier. Mein hoher Vater bat darum ihn auszusetzen bis Doryan zurück ist. Ich bin sicher er hat Euch darüber informiert.“ Aluin neigte den Kopf etwas vor. Wenn er Bescheid wusste, was sollte dann diese Frage? Es dauerte eine kurze Weile, ehe er den Blick wieder anhob. Für einen Wimpernschlag glaubte Muireall in seinen Augen einen Ausdruck lesen zu können, den sie nur höchst selten darin aufblitzen sah und den sie nicht im Geringsten einordnen konnte. Als er schließlich recht gedämpft und in sonderbaren Tonfall sprach, hatte sich der vage Eindruck wieder verflüchtigt: „Ich habe etwas mit meinem hohen Herrn zu besprechen. Es könnte sein, dass dieser Umstand uns danach keine Schwierigkeiten mehr bereitet.“ Nun kam Muireall nicht umhin die Stirn irritiert in Falten zu legen, doch gerade als sie zu einer Nachfrage ansetzte, verneigte er sich wieder. „Der Herr mit Euch.“, sprach er dabei und wand sich rasch herum.
Er kam an diesem Abend nicht zum Unterricht und auch danach nie wieder. Er war mehrere Tage nicht auf dem Gut anzutreffen, danach sah ihn Muireall nur kurz, als er von ihrem Vater auf eine mehrmonatige Reise geschickt wurde. Erst Wochen später erfuhr sie, warum.



Ihr starrer Blick war auf eine der flackernden Kerzen auf den Altar gerichtet. Noch immer klangen seine Worte in ihren Ohren, dabei war es zehn Jahresläufe her. Gedankenverloren rieb sie sich mit dem Zeigefinger über die Nasenwurzel. Es war nicht sonderlich schwierig gewesen den Mann anhand von Mios Beschreibung zuzuordnen. Als sie letztlich das Brandzeichen an seinem Hals erwähnte, wusste sie sicher, wen ihr Vater ausgesandt hatte. Und sie wusste, dass er wollte, dass sie es wusste.
Warum war er hier? Nun, es war nicht so, dass es ihrer Kreativität an mannigfaltigen Konsequenzen für ihr Schreiben gemangelt hätte, immerhin hatte sie das verdammte Gewitter ja selbst über ihr Haus gebracht. Aber warum ausgerechnet er? Sie musste vermuten, dass er sich angeboten hatte. Oder dass ihr Vater ihn bei dem ursprünglichen Grund seines Zorns bewusst und vollkommen berechnend ausgewählt hatte. Was hatte Aluin verlangt für diesen Dienst? Wie Muireall ihn kannte würde er sich nicht mit weniger als allem zufrieden geben. Vielleicht war endlich seine Stunde gekommen all das einzufordern, was ihm verwehrt worden war.

Sie ließ ihren Kopf mit einem Stöhnen nach hinten gegen die Steinmauer sinken und schloss die Augen. Es war so müßig darüber nachzugrübeln. Sie fühlte sich zäh in denselben Gedankengängen gefangen. Und mehr als das machte es sie wütend, dass Aluins offensichtlicher Plan aufgegangen war, ihr die Ruhe zu rauben. Bisweilen wünschte sie sich ihr wäre jene selbstverständliche Risikobereitschaft, jene Art alles wie einen Witz betrachten zu können, zu eigen wie ihrer Schwäche. Nein, das war nicht ihre Anlage, doch… wusste er auch nicht alles. Nicht jenen Teil der Geschichte, der ihr den Schlaf raubte. Vermutlich sollte sie es ihm sagen, bevor Aluin es in seiner charmanten Art selbst tat. Mit einem unzufriedenen Brummen fuhr sie sich über das Gesicht. Das würde noch ein paar Tage warten müssen, denn das Haus stand leer. Nicht einmal ihre beiden Hausangestellten nächtigten noch hier und eine inzwischen fremde Stille weitete die Räume. Muirealls Augen brannten.
Schwerfällig erhob sie sich seitlich von dem Kissen vor dem kleinen Hausaltar und griff nach den Waffengurten. Verflucht sollte er sein, dieser Mistkerl von Vater! Wie sie sich wünschte diese feige Ratte hätte sich selbst nach Gerimor getraut und gewagt ihr ins Gesicht zu sagen, was ihm in seinem irren Kontrollwahn in den Kopf gesprungen wäre! Adhamh Lilienhayn war ihr nicht mehr gewachsen, schon seit vielen Jahren nicht mehr. Sie wusste das und sie nahm an, dass er es auch wusste. Und genau deswegen hatte er sich dazu entschlossen den zu schicken, dem die ganze Situation in die Karten spielte. Nein, Aluin konnte sie nicht einmal hassen dafür. Wäre sie an seiner Stelle hätte sie kaum anders gehandelt. Aber gewissermaßen waren gerade die Eröffnungszüge in diesem Spiel gemacht und Aluin hatte noch genug Chancen ihren Respekt für ihn fortzuwischen. Sie kannte ihn nicht mehr gut genug, um seine nächsten Züge einzuschätzen. Doch erfüllte es sie mit düsterer Selbstzufriedenheit, dass er nicht mal mehr im Ansatz ahnen konnte, mit wem er sich anlegte. Und am Ende fiel immer der König.

  • Wer immer nur nach eigenem Kopf, dem Kind zum Tort, Entschlüsse fasst, verfährt nicht klug: er macht sich selber elend und es fruchtet nichts; er schafft nur härtere Winter sich fürs Alter.
                    • [list]Titus Maccius Plautus
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Muireall Laval
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Beitrag von Muireall Laval »

  • Auch wenn es die Ratte in der Tretmühle ganz nach oben bringt, bleibt sie doch eine Ratte.
                    • [list][list][list][list]Unbekannt
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Geduld. Geduld, hatte er gesagt. Zurückhaltung, hatte sie gesagt.
Zum Dämon mit all den sinnbefreiten Belehrungen der Ratten. Wie sehr Muireall sich wünschte all die selbstbelobten, aufgetragenen und beweihräucherten Pelzträger würden einmal einen Blick in den Spiegel werfen und erkennen, dass nicht der Hermelin ihre Schultern schmückte, sondern ein zerrissenes, muffiges Rattenfell. Wie weit war es mit dem Heiligen Alatarischen Reich gekommen, dass ein Ahad sich sagen lassen musste, er wäre ersetzbar? Wie weit war es gekommen, wenn ein Ritter einem anderen absprach sein Waffenbruder zu sein? Wie weit, wenn der eigene Hahnenkamm wichtiger schien als das große Ganze? Genährt von Kleinlichkeit, von Hochmut und Überheblichkeit wuchs die Geschwulst im Herzen des Reiches. Jedem seinen Spielplatz, jedem seine Murmel, jedem sein Sandförmchen. Zumindest zeichnete sich dieses Bild bisweilen in der Gesamtbetrachtung.

Mit einiger Zufriedenheit hatte Muireall doch auch gegensätzliches Gebaren feststellen können. Es gab sie noch; - Gläubige, die nicht die Ziele des All-Einen aus den Augen verloren hatten und eine Einheit des Reiches anstrebten. Es lag meist in Kleinigkeiten, die ihre wahre Bedeutung erst in ihrem Zusammenhang entfalteten: Das Verständnis der Eile und die Bereitschaft das eigene Leben auf Feindesgebiet aufs Spiel zu setzen für Jemanden, den man nicht unbedingt schätzte. Die Größe für übergeordnete Prinzipien einzustehen und darin nicht zurückzuweichen, selbst wenn ersichtlich war, dass das Handeln Reibereien nach sich ziehen würde. Die Erkenntnis der Notwendigkeit manches mit flinken Beinen und wachem Verstand umzusetzen ohne alles zu hinterfragen und im Detail erklärt zu bekommen. Der prompte Einsatz in der Not, selbst wenn es einen nicht selbst betraf. Der Wille Gespräche zu suchen, Meinungen einzuholen und mit Geist außerhalb des eigenen Gartens zu agieren. Die Sicherheit an der Seite und im Rücken, wenn man sich auf feindlichem Terrain bewegte. Die Bereitschaft stets und ohne Einschränkungen beizustehen.
Ja, es waren viele Einzelpersonen gewesen, die Muireall mit ihrem Handeln beeindruckt, bisweilen auch überraschend beeindruckt hatten. Personen, mit denen sie bereitwillig durch alle Feuer der Verdammnis gehen und deren Leben sie bedenkenlos unter Einsatz ihres eigenen Wohlergehens schützen würde. Wie erstrebenswert wäre es, wenn ein Großteil des Reiches dieses Gefühl teilen könnte? Es war eine Illusion, eine leere Hoffnung. Muireall war nicht so verklärt anzunehmen, dass jeder bereit wäre die persönliche, golden schimmernde Murmel für ein Ideal der Gemeinschaft und wahren Größe einzutauschen. Letztlich musste man auf das bauen, was ihr einer der weitblickenden Menschen gesagt hatte: „Ihr wisst ja was mit Dingen passiert, die sich nicht biegen.


Aluins Verhalten war ihr ein Rätsel. Zuerst die Bedrohung ihrer Angestellten und dann dieses so befremdlich vertrauliche Verhalten ihr gegenüber. Seine Ansprachen und Reden waren durchzogen von Respektlosigkeit, sein Handeln nahezu despektierlich. Wie gern würde sie es als das Verhalten eines Wahnsinnigen abtun können wie manche Menschen um sie her, doch lag noch etwas in seinen Augen und auf seinen Zügen, was sie unmöglich wegschieben konnte.
Ihre erste, echte Begegnung lag einen Wochenlauf zurück. Wie selbstverständlich war er auf der Straße auf sie zugetreten. Wie selbstverständlich… Er hatte sie beim Vornamen genannt und das persönliche „Du“ genutzt, jeglicher Hinweis auf sein Fehlverhalten schien an ihm abzuperlen. Doch als er den Versuch unternommen hatte sie zu umarmen, war ihre Geduld erschöpft gewesen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du einen alten Freund wie mich angreifen würdest.“, hatte er ihren (fehlgegangenen) Schlag auf seine versuchte Umarmung kommentiert. „Ich denke da gibt es wohl einige Missverständnisse zwischen uns beiden auszuräumen. Ehe du mich wieder so freundlich ansiehst wie früher.“ Dasselbe gewinnende, selbstsichere Lächeln wie damals. „Ihr seid hier auf meinem Terrain, Herr Madahan. Und ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals persönlich miteinander gewesen wären.“, antwortete sie ihm kühl und bis zu dem Zeitpunkt hätte sie jedes Schreiben unterzeichnet, das ihn als wahnsinnig abgestempelt hätte. „Ahh, ich wünschte du könntest deine Augen sehen. wenn du sarkastisch wirst.“ – „Warum? Ich bin nicht besessen von mir selbst.“ Bewusst hatte sie die Worte so gesetzt, gewürzt mit einem Hauch Abfälligkeit in der Hoffnung etwas mehr über seine Motive zu erfahren. Sie wusste, dass es funktionierte, als sie das Beben seines Mundwinkels und das leichte Zittern seiner Hände wahrnahm. Sein Blick war kalt und voller Zorn. Das Warum hatte für sie keine Bedeutung, eher die Tatsache, dass er in jenem Augenblick so berechnend wirkte wie früher. Berechnend oder getroffen. Er verabschiedete sich recht eilig und ließ sie in einer ungewissen Stimmung zurück.

Tagelang hatte Muireall über die Begegnung gegrübelt. Hatte die Worte und Gesten auf jede Waage gelegt, die ihr einfiel; - ihre eigenen wie seine. Und es führte zu nichts. Zu nichts. Was auch immer er hier wollte, es blieb sein Geheimnis. Ebenso wie sein geplantes Vorgehen. Nun, eins war klar: Er war nicht hier, um sie einfach so zu besuchen. Dafür war der Zeitpunkt seines Erscheinens zu präzise.
Sie schrieb eine kurze Notiz auf und heftete sie an ihre Tür. Erwartungsgemäß war der Zettel am nächsten Tag verschwunden.

Seine Art sich wie selbstverständlich zu bewegen und zu agieren war beinahe beeindruckend. Kurzerhand hatte er an die Türe geklopft und gesprochen als müssten alle Menschen des Reichs wissen, dass er sich dazu herabließ ihren Boden mit seinen Füßen zu berühren. „Dann merkt Euch meinen Namen, denn Ihr werdet ihn in Zukunft des Öfteren aussprechen müssen, Phemotos. Und zwar: Werter Herr Madahan. Ihr könnt mich aber auch einfach nur mit Herr ansprechen.“, war die Einleitung seiner Tirade an Abfälligkeiten gegen Muirealls Hausangestellten. Sie selbst zwang sich zur Ruhe, während sie ihr Schwert holte und in die Türe trat. „Gut. Dann verlange ich eine Entschuldigung von Euch. Ihr dürft mir meinen Ring dabei noch küssen.“ Nur für wenige Herzschläge konnte sie den süffisanten, herablassenden Ausdruck auf seinen Zügen ertragen, ehe sie schon einen Schritt vormachte und das in der Scheide ruhende Schwert gegen sein Gesicht schnellte. Mit tiefer Befriedigung betrachtete sie sein Zurücktorkeln und wie er sich die blutende Lippe hielt. Vermutlich hätte es sie mit noch mehr Zufriedenheit erfüllt ihm gleich nachzusetzen und sein Gesicht neu zu modellieren, doch mit knirschenden Zähnen blieb sie zurück. Sie wollte etwas wissen…
Rückblickend betrachtet versetzte die Ritterin das Gespräch noch immer in Groll. Sie verabscheute es hingehalten zu werden, sie besaß nicht die Geduld für das große Spiel, das für manch einen lebensfüllend sein mochte. Ja, sie konnte es spielen, wusste zu ziehen und andere in Sicherheit zu wiegen, um ihnen dann den Stand wegzureißen. Zwar präferierte sie andere Wege, doch zeigte die Erfahrung, dass man mit Unvermögen im Spielen genauso gut gleich zu Hause bleiben konnte. Und Aluin… bewegte sich auf der schmalen Klinge des Spiels so sicher wie auf solidem Boden. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, was es für eine Verschwendung wäre ihn und seine Fähigkeiten nicht zu nutzen. Andererseits war sie kaum bereit den Preis dafür zu zahlen, der sich vage schimmernd durch den Nebel seiner Worte abzeichnete. Vielleicht wollte sie ihn auch nur nicht sehen, weil er ihr so ganz und gar absurd vorkam. „Seid so gut und gebt mir wenigstens ein Stück Wahrheit auf den Weg.“ – „Es gibt Frauen, die mit der Zeit vertrocknen und hässlich werden. Nicht so Du. Du strahlst selbst nach zehn Jahren wahre Anmut aus.“ Muireall musste lachen. Glaubte er sie mit einer so billigen Finte zu übertölpeln? „Ihr habt Euch nicht verändert. Man fragt nach einem Hasen und Ihr tischt einem die Geschichte einer Ente auf.“ Man verabschiedete sich höflich.

Was blieb? Die Aufforderung Geduld zu haben, die Zuversicht manch einen in seinem Rücken zu haben und die Gewissheit wenige um sich zu haben, die ihr Leben für sie aufs Spiel setzen würden. Muireall war sich nicht sicher, ob ihr letzteres gefiel. Doch wie auch immer sie es drehte, es lag nicht in ihrer Hand. So vieles schien nicht mehr in ihren Händen zu liegen, es entglitt ihr, entzog sich ihrem Geist, weigerte sich ihrem Willen untertan zu sein und ergab sich schlicht ihrem Begehr. Oder es wurde ihr aus den Händen genommen und sie konnte allem Soll nur hinterhersehen. Kontrolle… Kontrolle war über viel Jahre ihre vollkommene Rüstung gewesen und doch sah sie sich nun zu oft ohne selbige. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Vermögen Selbstsicherheit und Gefasstheit auszustrahlen die kleinen gierigen Rattenaugen in der Finsternis irreleiteten.

  • Ich will fechten, / Bis mir das Fleisch gehackt ist von den Knochen. / Gebt meine Rüstung mir!
                    • [list][list][list][list]William Shakespeare
[/list][/list][/list][/list]
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Muireall Laval
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Registriert: Montag 28. Januar 2013, 05:27

Beitrag von Muireall Laval »

  • Wenn der König fällt, ist die Partie zu Ende. Ist die Dame besiegt, geht der Kampf erst richtig los.
                    • [list][list][list][list]Joachim Panten
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So wurde es offenbart. In einem schnöden Stück Papier, verfasst mit einfacher blauer Tinte; - wie gewöhnlich, wie herabwürdigend gewöhnlich.
An meine Tochter Muireall, durch meine Position als Familienoberhaupt der Familie Lilienhayn, gebe ich bekannt, dass ab dem heutigen Tag Du aus der Familie verstoßen wirst. Ab dem heutigen Tag darfst Du mich nicht mehr Vater nennen, Du darfst keine Hilfe von der Familie erhalten und Du darfst den Namen Lilienhayn nicht mehr gebrauchen.
Lächerlich geradezu! Verstoßen von was? Einer Familie, die seit Jahren auf einer Felseninsel festsaß und deren größte Ehren der letzten Jahresläufe die der Ritterin selbst und ihre Taten waren? Verklungen war der Ruf von Aodhfionn, dem ruhmreichen Ritter Alatars, Muirealls Großvater, längst abgeebbt die Würden ihres Vaters, die er für sein politisches Geschick erhalten hatte. Es war vor so vielen Jahren, dass sich kein Mensch mehr ihrer erinnerte. Wusste er denn nicht, dass die Welt sich weiterdrehte, dass niemand in Rahal etwas mit dem Namen Lilienhayn verband, nicht mehr als Muirealls Gesicht? Wusste er nicht wie leer seine Hallen waren, wie verblendet sein Ansinnen, wie beleidigend ausgedient sein Fordern? Es war das Aufbäumen eines weltfremden Fanatikers, der sich besser darauf verstand Figuren auf seinem Spielbrett zu verschieben als Menschen vom Geist Alatars zu inspirieren.
Es gibt nur eine Möglichkeit Deine Ehre zurückzuerlangen und Deinen Namen zurückzuerhalten. Du sollst den Träger dieses Briefes, Aluin Madahan, ehelichen. In all den Jahren seiner Arbeit hat er der Familie Lilienhayn nicht nur gedient, sondern auch die Familie vor einer großen Not bewahrt.
Oh, Vater! Muireall musste davon ausgehen, dass er nicht einmal realisierte wie emsig er die Schaufel für sein Grab in die Erde rammte. Ihre Ehre lag nicht in seinen Händen, nicht ins seinem Verfügen oder nicht. Allein seine Annahme es wäre so offenbarte seinen Narzissmus in erschreckendem Ausmaß. Adhamh selbst war es gewesen, der sie gelehrt hatte, dass alle Würden ihres Lebens der Panther allein gewähren oder nehmen würde. Und ihr Großvater, jener gelobte Ritter Alatars hatte ihr die Höhe jenes einen Gottes eingebläut. Nicht mit tadelnder Stimme und harten Worten, nein, er hatte es verstanden ihr Herz zu wecken: „Oh, gewiss, es gibt viele Dinge, die entziehen sich unserem Verstand. Die Jahre verstreichen zu Hunderten und Tausenden und jeder Mensch sieht in seinem Leben nur einige Sommer und einige Winter. Sie betrachten die Berge und nennen sie ewig, so scheint es auch – aber im Laufe der Zeiten erheben sich Berge und stürzen zusammen, die Flüsse ändern ihren Lauf, Sterne fallen vom Himmel und große Städte versinken im Meer. Alles verändert sich. Doch eines, mein Kind, wird für ewig bestehen und über alles gebieten: die Macht Alatars. Bewahre dieses Wissen in deinem Herzen, mach es zu deinem Schild und Schwert, mach es zu dem Boden, auf dem du wandelst, und dem Wasser, das du trinkst. Mach es zu deinem Fleisch und Blut, lass dies die Stärke sein, die durch deine Adern pumpt, lass dies zu deinem Herzschlag werden.“
Und es war ihr Fleisch geworden, ihr Blut, ihr Herzschlag. Alles andere verblasste neben dem All-Einen, alles andere wurde zu Asche, Staub und Nichts. Nur Er allein erfüllte sie, nur Er allein beseelte sie und nur Er allein würde die Macht haben sie und all ihren Glauben zu zerschmettern. Nur Ihm allein oblag es ihr die Würde oder Ehre zu nehmen und sollte der Tag je kommen, wäre sie zerschlagen, geschunden und unfähig einen Finger zu heben, um aufzubegehren. Es war mehr als reiner Glaube, der sie erfüllte. Es war ihr Fleisch, ihr Blut, ihr Herzschlag.

Als Du vor zwei Jahren für eine Zeit lang verwundet warst und Dich auf unserem Gut auskuriert hast, war Aluin tagtäglich für Dich da und hat sich um Dich gekümmert. Es gibt keinen besseren Mann, der für Dich da ist.
Nimm ihn in Deinem Haus auf, kümmere Dich darum, dass es ihm an nichts fehlt.

Und so sollte der Brief enden, abgesehen von der Unterschrift, die das Papier noch zierte.
Adhamh Lilienhayn
Zierde… Mehr war es nicht. Tintentropfen schwungvoll auf Papier gebracht. Zierde… so legte sich der ganze Brief dar. Die Worte hohl und ohne echte Kraft, ohne jede Macht, die sie untermalen könnten. Zweifelsohne war es geradezu lachhaft anzunehmen, dass ihr Vater die knappen Hundert unter seinem Kommando ins Herz des alatarischen Glaubens führen würde, um seiner Tochter, der Ritterin Alatars, zu verbieten mit einem Mann ins Bett zu steigen. Und fraglos war der Gedanke äußerst amüsant. So unterhaltsam die Situation auch für sie selbst war, so notwendig war es an der Stelle klare Grenzen aufzuzeigen. Ihre Grenzen, auch für einen kontrollsüchtigen Vater.

Zweifellos hatte sie just an dem Abend auch so klar wie nie zuvor erkennen können wie der Einfluss ihres Vaters noch in ihren Körper troff, gleichsam zähen Teers, und wie seine Verleitung Worte seiner Diener in deren Mund zu Asche werden ließ. Sie verstand wie dräuend der Schatten seiner Gestalt über ihr lag, wie verwoben sie selbst in ihrer Vergangenheit war und, mehr noch, wie stark die Entmutigung seiner Untergebenen vor jener undeutlichen, bedrohlichen Selbstsicherheit war, die er stets auszustrahlen pflegte.
Eher erhänge ich mich am nächsten Baum, als dass ich Deinem Vater Parole bieten werde… Du willst, dass ich mit meinem Schwert rumfuchtle und wie ein glorreicher Held in meinem eigenen Blut sterbe… Mich? Er will Dich ruinieren. Ich bin nur ein Bauernopfer, meine Königin.


Noch Wochenläufe später hallten die Worte in ihren Geist wider, wenngleich sie sie bereitwillig für eine gewisse Zeit von sich geschoben hatte. Ebenso wie die Sätze der Hingabe und des Verlangens, die verwachsen waren unter den Jahren der Vergiftung und der fehlgenährten Hoffnungen. So viel Leidenschaft verschwendet für ein schemenhaftes Bild, das keiner Realität standhalten konnte oder wollte. So viele Jahre, so viel Leben sinnlos vergeudet für die krankhafte Vorstellung eines Mannes von Macht.
Nun, für sich selbst konnte sie damit leben, für sich selbst war das Vorgehen ihres Vaters verabscheuungswürdig, doch zielorientiert gewesen. Muireall konnte ihre Vergangenheit für sich tragen, ja, sogar ohne das dringende Bedürfnis ihm Schaden zuzufügen. Doch all seine Taten der vergangenen Monde, all die Echos, die aus der Vergangenheit in ihr Ohr schallten, all die achtlose Verschwendung und Selbstsucht, all die Treulosigkeit, die er offenbart hatte, all das Blut, das er versuchte über sie und die Ihren zu gießen mit Gewalt, Erpressung und Schuld, erweckte in ihr einen kalten, erbarmungslosen Zorn. Ein Zorn, der so oder so eine Ableitung finden würde, doch gestaut war er für einen: Adhamh Lilienhayn. Mochte Aluin jener sein, der er vorgab zu sein oder nicht, es machte keinen Unterschied. Die ersten Weichen waren schon gestellt worden, bevor er auch nur ein Wort an sie gerichtet hatte. Ob er, sollte er ein ausgewachsener Lügner sein, ahnte, dass er sie mehr gelehrt hatte, als er glaubte? Muireall hoffte um seiner Seelenfrieden und für seine Zukunft, dass er nicht jenes verdorbene Stück Fleisch war, das zu bedenken sie gelernt hatte.


Muireall konnte sich nicht länger leisten untätig zu sein, sie würde nicht derselben Ergebung anheimfallen, die sie verachtete. Langsam schritt sie an den Schreibtisch und griff zum Federkiel. Mit einigen Tropfen ihres Blutes wurden einige geschwungene Linien auf das Papier gebracht, zusammen mit einem Schriftzug, die Unterschrift jedoch fehlte. Adhamh Lilienhayn würde es verstehen.
Fürchte dich.



Es fallen eure Gründ auf euch zurück
Wie Hunde, die den eignen Herrn zerfleischen!

William Shakespeare
Gast

Beitrag von Gast »

Die Ratte weiß viel, die Katze noch mehr!
Paul Winckler


Wie auch immer sie es auch diesen Tag auf den Pferderücken und in den Sattel hinein geschafft hatte, war ihr selbst ein minderes Rätsel. Recht sicher lag das kleine Wunder nicht zwangsweise an ihrem eigenen, eisernen Willen, sondern vielmehr an der seltsam ruhigen Mimik der hohen Herrin Ritterin, deren lavendelfarbene Augen eben doch anders wirkten als sonst. Tief darin glühte ein unheilvoller Funke eisiger Entschlossenheit, der dräuende Schatten mit sich brachte...
Oh, nicht dass jene gefestigte, kühle Haltung und geistige Stärke nicht auch sonst gewissermaßen ein Markenzeichen der nur schwer deutbaren Frau waren, doch zur Zeit schienen sie präsenter, nein fokussierter. Sie, die kleine Haushaltsmagd, welche sich in erster Linie um die Pflege des Streitrosses kümmerte, war zumindest nicht im Zentrum des Ganzen, ihr galt dieser Fokus nicht – und doch wusste sie nur zu genau, dass es im Moment nicht sehr sinnig war, in auch nur irgendeiner Weise quer zu schießen oder aber aber Schwäche zu zeigen.
Also zog sich der vollkommen übermüdete und gebeutelte Körper ein weiteres Mal in den Sattel und sie versuchte sich ein Wimmern zu verkneifen, als die schmerzenden Muskeln auch an diesem Morgen recht bald gut durchgerüttelt wurden. Das weiße Pferd, welches ihr unter so bizarren Umständen geschenkt worden war und noch immer auf den höchst albernen Namen Zuckerguss hörte, war ein geduldiges und beinahe schon anhänglich-treues Tier, hatte sie kein einziges Mal abgeworfen oder auch nur gebockt, doch lag es wohl daran, dass sie die Reitkunst kein Stück beherrschte, sich vollkommen versteift und wackelig im Sattel hielt aber die Zeit der Ritterin nicht vergeuden und folglich lernen wollte. Auch an diesem Morgen ließen sie die Tiere langsam im Schnee antraben, sobald aber der dezente Galopp folgte, fühlte sie sich wie ein Sack voller Knochen, welche wild geschüttelt und in die Muskeln spitz hineingestoßen wurden.
Es brauchte täglich mehr Disziplin und Wille, den Ritt anzutreten. Einzige Lichtblicke oder Hilfen: die Aussicht auf ein seltenes, doch anerkennendes Nicken der hohen Herrin und ein seltsam freier, klarer Kopf, welchen die frostige Luft des Winters mit sich brachte.

Dampfwölkchen vor den Nasen der Tiere und der beiden Reiterinnen.
Klirrende Kälte an den Wangen, das Kinn hingegen in die wollige Wärme des Schals und das Haupt in die weite Kapuze aus festem Loden gehüllt.
Während das steife, kalte Leder der Zügel durch den Handschuh noch spürbar ist, schweift der Blick über die malerische Winterlandschaft...
Unberührte Felder aus frischgefallenem, reinweißem Schnee, auf welchen nun die beiden Tiere ihre Hufabdrücke hinterlassen würden; kahle Bäume, bestäubt mit einer hauchzarten, puderzuckerhaften Schicht; ein bleicher blaugrauer Himmel, der sich endlos zu strecken scheint; glitzernde Eisschichten über Tümpel, Seen und sogar Bachläufen
--> Stille!

Der Geist driftet davon, bedeutet dem Mund zu schweigen und die Jammerei nicht einmal anzufangen, etwaige Schmerzen werden ausgeblendet und noch während der Körper sich ein wenig lockert und unbewusst in den steten Rhythmus des dahinfliegenden Tiere einfällt, kreisen die Gedanken um alles Mögliche auf einmal, baden sich in Klarheit.

Der dritte und vorerst letzte Versuch steht an. Wenn es diesmal wieder nicht gelingt, dann weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll, denn dann stehe ich in der sprich- und wortwörtlichen Sackgasse, werde zusehen dürfen wo ich ansetze und wen ich überhaupt noch fragen kann.
Schwarz und Weiß, sicherlich – doch der eine hat seinen Preis noch immer nicht genannt und ich werde mich in diesem Falle sicher nicht noch einmal um Kopf und Kragen (oder mehr!) spielen. Der Rat des Anderen...

Unsicherheit, Schuldgefühl, Sehnsucht

Der Rat des Anderen steht zur Zeit nicht zur Debatte. Ein wenig von ihrer resoluten Standhaftigkeit könnte ich gerade moralisch gebrauchen. Woher nimmt sie die Kraft...? Ah, falsche Frage, denn die Antwort kenne ich: aus dem Glauben. Doch in diesem Umfang ist es geradezu beachtlich.
Es ist nicht so als könnte ich mich über Schlafmangel beschweren, doch sind es die Träume, die mir die Kräfte des Nachts fast vollkommen rauben und die Reitstunden, welche den Tag auch nicht in allen Belangen versüßen. Es gibt so viel zu tun und ich selbst trete auf der Stelle, während das weiße Pferd über den gleichfarbenen Schnee zu fliegen scheint... na prächtig!
Aus- und Ansprachen, Logik ordnen, Gefühle richten, Rätsel lösen.

Mio, verdammt, dann mach endlich den Mund auf, bleib dir treu und sag weiterhin das, was du denkst. Frage, was du wissen willst. Äußere dich...
… und fang jetzt damit an.


„Hohe Herrin Ritterin...“, mit dem Dampfwölkchen kamen die Laute einfach hervorgesprudelt, formten sich zu Wörtern und jene wiederum glitten ineinander, bis sie die Frage vollends komplementierten, „... was beschäftigt Euch?“

Wenn die Ratte sterben will, beißt sie der Katze in den Schwanz.
Chinesische Weisheit
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Muireall Laval
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Beitrag von Muireall Laval »

      • Ratten und Eroberer dürfen im Unglück keine Gnade erwarten.
                    • [list][list][list]Charles Caleb Colton
[/list][/list][/list]

Was beschäftigt Euch... beschäftigt Euch... Was? Mit einem Ruck ihres Körpers hoben sich ihre Gedanken aus dem fortwährenden Kreisel ihrer Überlegungen. Muireall sah sich von ihren eigenen, immerzu abschweifenden Grübeleien gejagt wie von einem scharf gemachten Rudel Jagdhunde; – immer dicht hinter ihr, immer fassbar, heißer, blutrünstiger Atem in ihrem Nacken, sobald sie nichts mehr zu tun hatte und alle Pflichten abgearbeitet waren. Entsprechend deckte sie sich mit Arbeit ein, soweit es ihre Verletzung erlaubte. Es gibt einen Grund, warum man dich nur beleidigt, schlägt und bespuckt. Du lässt es mit dir machen... mit dir machen. Ein grellweißer Blitz aus Schmerz explodierte vor ihren Augen. Heißer Atem in ihrem Nacken. Sie schauderte und zwang sich zum Aufstehen.
Kurzentschlossen warf sie sich einen Mantel über die Schultern und zog den Stoff fest um ihren Oberkörper, ehe sie in die Kälte hinaustrat. In eher gemächlichem Schritt umrundete sie die Mauern der Siedlung Düstersee, hie und dort hielt sie inne und überprüfte die Verwitterung am Gestein, die Feuchtigkeit, die der Stein zog, und die Festigkeit des Mörtels. Leise knackte das Eis, welches den Rand des Wassergrabens umkränzte, unter ihrem Schritt als sie an die Nordostecke der Umwehrung trat. Rasch lösten sich die Mörtelbrocken unter ihren Fingern, als sie darüberstrich. Das musste im Frühjahr repariert werden, sonst würde es zum Problem werden. Er ist ein Problem. Ein Problem wird zur Gefahr. Und bevor es so weit kommt, wird eine einzige Kugel dieses Problem lösen... dieses Problem lösen. Unwillkürlich echoten die Worte in ihrem Kopf, heißer Atem streifte ihren Nacken. Muireall presste die Lippen aufeinander und führte die Untersuchung der Mauern zu Ende. Viele Stundenläufe verstrichen und als sie den letzten Wachturm erreichte, hatte sich die Dämmerung über das Land gelegt.

Beinahe hätte sie auf dem Weg ins Haus den Zettel, welcher an ihre Tür geheftet war, übersehen. Doch sobald ihr Blick ihn erfasst hatte, bohrte sich das weiße Rechteck in ihren Schädel und die wenigen schemenhaften Worte darauf gefroren die blutrünstige Meute. Scharf zog sie die Luft durch die Zähne ein und für wenige Herzschläge erlaubte sie sich das Ausmaß des Dargelegten in ihrem Kopf zu einem wilden Reigen von Möglichkeiten werden zu lassen. Siehst du. Ich kann mich wehren... kann mich wehren! Wie ein verschleppter Hohn schälten sich diese Sätze aus dem rasenden Wust ihrer Sinne, doch betteten sich darüber rasch andere geflüsterte Worte ebenso wie unausgesprochenes Entsprechen wie Schnee über Morast. Und plötzlich war die Meute fortgewischt. Keine Jagd mehr, kein wilder Reigen, nur noch kühle Berechnung. Ihre Lehren und Ausbildungen griffen rasch ineinander wie ein gut geöltes Zahnradwerk und mit sicherem Griff riss sie den Zettel von der Tür.
Während sie sich die kleine Eisenplatte vor den Oberkörper gurtete, überflog sie erneut die Zeilen, die sie ihrem Waffenbruder zukommen lassen würde, sofern sich noch jemand fand, der die Nachricht überbringen konnte. Sie würde Aluin weder ihre Blutklinge, noch ihre Rüstung in die Hände spielen, immerhin war sie nicht naiv genug anzunehmen, er wolle nur mit ihr reden. Als die Platte saß, schob sie noch einen kleinen Dolch darunter in die zuvor angebrachte Umwickelung mit Verbänden. Nun, immerhin war sie nicht völlig unvorbereitet, dachte sie, während sie die Lederbekleidung überstreifte und die kleinen auffälligen Ecken mit dem Gürtel und der Gugel verdeckte. Ihr Blick fiel auf die Blutklinge, ihr Ritterschwert, und sie atmete einmal tiefer durch. Sich von ihrem Schwert zu trennen, fiel ihr mehr als schwer. Es grenzte an Ehrlosigkeit für einen Ritter es fortgeben und unter anderen Umständen müsste man es schon aus ihrer reglosen, kalten Hand reißen. Doch lieber sollte es bei der Bruderschaft sein als in Aluins Klauen. Eilig schlug sie das Tuch um die dunkel schimmernde Waffe und umwickelte das Bündel mit Schnur. Sie griff den Brief vom Schreibtisch und den Bogen aus der Waffenhalterung, um dann ein letztes Mal den Blick schweifen zu lassen. Besser wird es nicht mehr, beweg dich, Muireall. Einige Herzschläge hafteten sich ihre Augen an ihre Rüstung... Beweg dich, endlich... und zum Fenster neben dem Schreibtisch, während ihre Gedanken abschweiften. BEWEG DICH! Ein Ruck ging durch ihren Körper, dann wand sie sich zur Tür.


Die folgenden Ereignisse waren Muireall nur zum Teil im Gedächtnis geblieben, was wohl vorrangig an dem Mittel lag, welches Aluin sie zu trinken gezwungen hatte. Es war einfach nicht ihr Stil die Ihren zu opfern, was er zweifellos wusste. Im Gegenzug wusste sie zweifellos, dass es Aluin eine gehässige Befriedigung verschafft hätte, wenn sie ihm einen Grund gegeben hätte, sein Unterpfand abzustechen. Sie hatte noch die aufgeregten Rufe vernommen, Schritte im Unterholz, ehe sich der Nebel zur Gänze über sie gelegt hatte.
Nun, viele Tage später war jegliche Verklärung zur Gänze geschwunden. Nicht jene von dem Trank, diese war dank der Bemühungen ihrer Retter schon am nächsten Morgen abgelegt gewesen. Es war jene süßlich träufelnde Verklärung, welche ihr Aluin mit seinen Worten eingeflößt hatte. Jene Verklärung, die sie beinahe hatte glauben lassen, er wäre nur verloren auf seinem Pfad, nur abgekommen und auf der Suche nach Erlösung. Ja, er war abgekommen, aber kein Sterblicher würde ihn wohl noch aus dem Käfig befreien können, den er sich selbst geschaffen hatte. Gefangen in seiner Dunkelheit, in seiner Leere, nährte er seine krankhaften Trugbilder mit Wahn und Gier. Muireall kam nicht umhin sich zu fragen, ob es ihm überhaupt um sie ging oder ob sie nur die Projektionsfläche war, auf der seine verworrenen Irrgänge gespiegelt wurden. Vermutlich war sie selbst nur der Dämon, den er für sich selbst geschaffen hatte. Genährt von jener ersten, tiefliegenden Schmach hatte er sie erkoren als Bildnis, in das er gleichsam Hass und Verlangen verwob und das eine würde niemals ohne das andere existieren.

Aluin gehörte ihr. Jedes kleine Bisschen von ihm und er nahm an andersrum sollte es ebenso sein. Sie war nicht gewillt es ihm leicht zu machen. Er hatte nichts mehr zu verlieren und sie alles. Aber sie war nicht im Ansatz bereit auch nur ein Stück davon aufzugeben, nicht einen Brösel, nicht einen Tropfen. Und sie würde nicht einen Fingerbreit weichen, nicht ihm, nicht einem einzigen Feind. Mochten sie versuchen sie zu brechen, mochten sie versuchen sie zu schwächen, zu foltern, sie heimzuholen, mochten sie versuchen sie zum Wanken zu bringen oder sie zu zerstören. Werft die Welt gegen mich! Ihr werdet mich kämpfend vorfinden!
Nun, so sollte es sein sein... Du hast deinen Dämon gewählt, Aluin Madahan, du hast gewählt und keiner sonst. Letztlich ist es egal, ob du glaubst ihn zu lieben oder zu hassen, ob du annimmst, dass er dir Erlösung oder Vernichtung bringt, ob du vermutest, dass du Zufriedenheit oder Pein in den Armen deines Dämons findest. Letztendlich hat es keine Bedeutung, wer der vermeintlich Gute oder Böse in diesem Spiel ist. Es blieben die Fragen nach all den Wochen der Stille, wer den längeren Atem haben würde, wer bereit wäre nachzugeben, wer den geschickteren Zug in der Hinterhand hätte.

Am Ende jedoch blieb eine Wahrheit unumstößlich: Ich bin dein Dämon.

      • Wer die Seele tötet, weckt die Dämonen.
                  • Saul Bellow
Aluin Madahan
Beiträge: 4
Registriert: Dienstag 28. Oktober 2014, 16:12

Beitrag von Aluin Madahan »

Der, wer alles vermeint zu rächen,
der lebt immer in Haß und Neid
und ist nimmer ohne Zank und Streit.



Dieser brennende quälende Hass breitet sich immer weiter aus. Stück für Stück nimmt es ihn ein bis er es nicht mehr aushalten konnte. Er hat lange genug gewartet und es musste etwas geschehen. Sie musste sterben und es gibt keinen weiteren anderen Weg als den für ihn einzig wahren anzunehmen. Es musste Gift sein, es konnte nichts anderes sein. Also vergiftete er ihr das Essen, versteckte es in einem Geschenkkorb und stellte es vor der Türe ab. Er wartet… er wartete Tage und doch schien sie nicht darauf hereingefallen zu sein. Sie war nicht Tot. Nicht nur das. Sie war quicklebendig und lebte ihr niederträchtiges Leben so weiter wie gehabt. Also hat dieser Plan nicht funktioniert.


[URL=http://www.directupload.net][img]http://fs2.directupload.net/images/150506/mqr75w5e.jpg[/img][/URL]


Wieder konnte er sich nicht trauen sich aus seinem Versteck zu wagen. Wieder wartete er Wochen in der Hoffnung, dass er vergessen wurde. Dass sich die Wellen glätten. So viel Angst hatte er am Ende durch einen kleinen Fehler sterben zu müssen. Doch dieser immerwährende brennende Hasse wollte nicht abklingen und schließlich musste ein Schwein daran glauben. Er brauchte das Blut um ihr eine Nachricht zu übermitteln. Eine Nachricht die sie nicht übersehen kann. Eine Nachricht die ihr Angst einjagen soll, vielleicht macht sie einen unbedachten Schritt und kommt aus ihrem Hasenbaue heraus sodass er sie endlich erwischen kann. Ja, bald ist es soweit. Bald wird sie endlich sterben. Bald hat er endlich seine Rache.


In blutigen Lettern steht auf ihre Türe geschrieben:
[URL=http://www.directupload.net][img]http://fs2.directupload.net/images/150506/zjnse446.jpg[/img][/URL]

Stirb du Miststück!
Zuletzt geändert von Aluin Madahan am Mittwoch 6. Mai 2015, 18:51, insgesamt 2-mal geändert.
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Muireall Laval
Beiträge: 477
Registriert: Montag 28. Januar 2013, 05:27

Beitrag von Muireall Laval »

    • Ein Feuer brennt das andre nieder, ein Schmerz kann eines andern Qualen mindern.
      Dreh' dich in Schwindel, hilf durch Dreh' dir wieder!
      Fühl' ein andres Leid, das wird dein Leiden lindern!
      Saug' in dein Auge neuen Zaubersaft, so wird das Gift des alten fortgeschafft.
                    • [list][list][list]William Shakespeare
[/list][/list][/list]

Stirb, du Miststück!
Nur wenig hatte Muireall für die blutigen Lettern an ihrer Haustür übrig, ein flüchtiges Zucken der Mundwinkel, ehe sie die Tür aufstieß und im Haus verschwand. Es war der zweite „Gruß“ des Gebrandmarkten innerhalb weniger Wochen nach Monden des Schweigens. Seine Versuche ihr zu drohen waren beinahe zu einer lächerlichen Aneinanderreihung abgedroschener und ungefüllter Handlungen geworden. Ihr war durchaus bewusst, dass sich zwischen diesen Worten eine Ankündigung zu lesen war, dass aus ihnen der brennende Wahnsinn sprach, doch was hätte sie anderes tun können als seinen Zug zu erwarten? Er war nicht zu finden, nicht zu greifen, er war zu einem fahlen Nachgeschmack verkommen, der nach einem guten Essen auf der Zunge verblieb. So vieles war nur bitter in ihrem Mund geworden, so vieles schal und abgestanden.

Asche...
Es schmeckte wie Asche auf ihrer Zunge. Staub. Es dauerte einige Herzschläge, ehe das erbarmungslose Bewusstsein zur Gänze zurück in ihren Körper kroch wie ein schleichendes Raubtier auf der Lauer. Wie weit entfernte Echos vernahm sie noch einmal das panische Aufschreien ihres Pferdes, als es von dem Bolzen getroffen zur Seite sackte und ihr Bein unter seinem sterbenden Leib begrub. Die Erinnerung an die eigene Beklemmung und den augenblicklich einsetzenden Überlebensinstinkt, der an ihr über Jahresläufe geschliffen worden war, weckten ihren Geist und mit einem Ruck hob sich ihr Körper. Der Schmerz, der dabei wie flüssiges Feuer durch ihre Glieder rann, verdunkelte ihren Blick und entlockte ihrer Kehle ein gequältes Stöhnen. Keuchend zog sie die Luft in die Lungen und wand den Kopf zur Seite. Noch immer hing sie in jener dunklen Höhle an den Pfosten gekettet. Sie konnte nur schwer einschätzen wie lange sie schon hier war, es fühlte sich an wie viele Tage und Nächte, doch realistisch betrachtet konnte es nicht länger sein als ein Tag. Ihre Muskeln brannten von der Haltung, in der sie gezwungen war zu verbleiben, und dem Wassermangel. Die Gestalt Aluins konnte sie in der Düsternis nicht ausmachen, vernahm auch nicht sein halblautes Schnarchen von der rechten Wand her, weshalb sie davon ausgehen musste, dass er sie allein gelassen hatte. Kurz sackte sie wieder gegen die Ketten herab, sofort explodierten Sterne vor ihren Augen und Übelkeit wallte in ihr auf.
Mui... Es klingt ein wenig wie eine Rechtfertigung... und eine Erinnerung – Mui. Es kostet sie einiges an Willen sich wieder auf die Füße zu drücken. Immerhin verschwinden die Sterne vor ihren Augen, die Übelkeit bleibt. Muireall schließt die Augen und zwingt ihren Atem zur Ruhe. „Mein Herr, Du, der Du meine Stärke bist, mein Herzschlag.“, wispert sie tonlos in die verstaubte Dunkelheit der Höhle und dennoch erfüllt von der unbezwingbaren Gewissheit, dass ihre Worte Ihn erreichen würden, „Oft spürte ich schon Deine Präsenz an meiner Seite, Du hast mich erfüllt und geleitet. Ohne Zweifel und ohne Reue werfe ich mich in jeden Kampf, jede Schlacht, jeden Krieg für Dich, für all das, wofür Du stehst. Würdest Du es von mir fordern, gäbe ich alles für Dich auf, jedes Bisschen von mir selbst, alles, ich würde nichts für mich behalten. Bitte, Herr der Welten, gewähre mir die Gnade dies zu bestehen, mit Charakterstärke und Würde. Und sollte ich dies überstehen und der Tag kommen, an dem Rache mein Schatten ist, gestatte mir die Gunst diesem verkommenen Stück Fleisch das Herz aus der Brust zu schneiden und Dir zum Geschenk zu machen. Lass ihn Dich fürchten, lass ihn Deinen Zorn spüren, lass ihn ersticken an seinem eigenen Blut und lass ihm nichts. Nicht seinen Zorn, nicht seinen Wahn, nicht die Erinnerung, keine Erinnerung außer meinem Gesicht, das zu Blut wird vor seinen Augen, bevor Kra’thor seine Seele zerfetzt und verschlingt!“ Ihre Unterlippe erzittert einmal bei der Vorstellung und kurzzeitig wird ihr Körper von jenem hingebungsvollen Schaudern erfüllt, das jedem ihrer Gebete folgt. Während ihr Geist allmählich wieder in die Leere sinkt, vernimmt sie leise Worte – vielleicht sind es auch nur die eigenen Gedanken, die ihrem Geist im Durst und Leid etwas vorgaukeln: Gib nicht auf, gib nicht nach. Verliere dich nicht, halte an deinem unbeirrten Willen fest. Dein Name ist...

Blut...
„Merle... Merle, aufwachen...!“, wie giftiger Honig flossen Aluins Worte in ihr Ohr und zwangen sie dazu den Blick zu ihm zu heben. Er hatte sich in den letzten Jahresläufen und vor allem den letzten Wochenläufen verändert. Wenig war von jenem Mann geblieben, den sie einstmals respektieren konnte, dem sie sogar Achtung entgegengebracht hatte. In jenem Augenblick erschien es ihr geradezu grotesk. Er wirkte ausgemergelt, abgekämpft, ungepflegt, sie wusste, wenn er ihr näher kam würde ihr der Geruch von Wein, Essig und Schweiß in die Nase steigen. Der Wahnsinn glänzte deutlicher als je zuvor in seinen eisblauen Augen. Muireall war der Blick nicht unbekannt. Soldaten bekamen ihn nach Monden im Feld, in denen sie nichts anderes sahen als abgetrennte Gliedmaße, als Schlamm und Blut, als Brand und Vernichtung, andauernd konfrontiert mit ihrem eigenen, unrühmlichen, dreckigen Tod. Es war der Blick von Menschen, die gebrochen waren, deren Seelen kurz vor der gänzlichen Ausrottung standen.
„Bist du heute bereit deinen neuen Namen auszusprechen?“, fragte er in einem sonderbar verspielten Tonfall, als er auf sie zutrat und die Hand auf ihren Arm bettete. Mehr als alle Schläge erfüllten sie seine sanften Berührungen mit Abscheu und Grauen. Augenblicklich versuchte sie sich seiner Hand zu entziehen und ihr Geist brüllte jene Worte, sie sie schon zuvor ausgespien hatte: FASS MICH NICHT AN! Stattdessen sprach sie nur kraftlos: „Geh sterben...“ „Tsk Tsk Tsk Tsk. Nun gut... egal. Wir haben heute noch einiges vor, Merle. Weißt du, ich musste dafür viel bezahlen, weil es eine Sonderanfertigung war.“ Muireall musste den Blick nicht anheben, um zu wissen, was es war. Das Geräusch von Stochern in der Glut reichte ihr aus. „Wenn du nicht so ein... so ein Weichei wärest, wüsstest du, dass ich schon eine Lilie trage.“ „Ja? Wo ist denn das gute Stück?“ „An einer Stelle, die du nie sehen wirst.“, gab sie ihm gleichmütig zur Antwort, doch war ihr Gleichmut in jenem Herzschlag weggewischt, als er an ihrer Kleidung zupfte und versuchte sie mit dem Dolch von ihrem Körper zu lösen. Damit ich eben nicht teilen muss... Blinder Zorn überspülte sie und erfüllte sie mit zähneknirschender Entschlossenheit. Trotz der Entkräftung zog sie sich an den Ketten hoch und verpasste ihm einen kräftigen Tritt, sodass er zurückstolperte und das Gleichgewicht verlor.
„Ich liebe dich, dich.“, sprach er, nachdem er seine Wut wieder an ihr ausgelassen hatte. „Du weißt nicht einmal, was Liebe bedeutet.“, entgegnete sie ihm entkräftet, müde. Sie war müde, sie wünschte sich er würde einfach aufhören zu reden und sie in Ruhe lassen. „Liebe bedeutet... Ja, Liebe bedeutet, dass der eine sich für den anderen opfert. Merkst du nicht wie sehr ich mich für dich aufopfere? All dies ist nur für dich.“ Und mit diesen Worten presste er ihr unvermittelt das Brandeisen auf das Bein. Nur kurz stieg ihr der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase, dann trat ihr Bewusstsein hinter einer anderen Macht zurück. Ein grausamer Zorn brannte mit solcher Kraft in ihrem Inneren, dass er drohte aus ihr heraus zu brechen und ihre Ketten, den Pfahl und die ganze Höhle in Flammen zu setzen. Auch Aluin schien die Veränderung bemerkt zu haben, denn rasch warf er das Brandeisen zur Seite und wich vor ihr zurück. Der Pfahl hinter ihr knarzte bedrohlich, als sie sich dagegen stemmte, doch war das einzige, was sie wahrnahm war sein Gesicht hinter einem Schleier aus Blut. Eine vollkommene Gewissheit stieg in ihr auf, während seine Züge immer verunsicherter wurden: „Ich werde dich töten.“ Es war keine Vermutung, es war keine Drohung, es war ein Versprechen, die Ankündigung von etwas Zukünftigem. Mit einem knirschenden Geräusch schlug er ihren Kopf gegen den Pfahl zurück und die gnädige Dunkelheit umfing sie erneut.

          • Ich bin Blut und Feuer.
                • Katharina von Siena
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