22. Cirmiasum 257
Hätte mich vor der Belagerung jemand gefragt was wohl am unwahrscheinlichsten im Lager passieren würde, dann hätte ich auf eine Geburt getippt. Aber anscheinend hab ich bis zum gestrigen Tag Kiara völlig unterschätzt.
Aber alles von Anfang. Nach dem letzten Gefecht – ich glaube es war vorgestern – bin ich mit Korlay patroulieren gegangen. Wir sollten die Umgebung sichern und fanden dabei überraschenderweise die hochschwangere Kiara. Ich bin nun mehr denn je sicher, dass sie nichtmehr alle Rumflaschen im Schrank hat. Jedoch befürchte ich, dass sie mich auch nicht viel intelligenter einschätzt, sicher der Grund warum eine eisige Distanz zwischen uns herscht. Wäre sie nicht mit meinem Kind schwanger, hätte ich sie vermutlich einfach liegen gelassen. So viel Dummheit kann man unmöglich tolerieren. Aber dank der aufquillenden, verstörenden Vatergefühle in mir hab ich den kleinen Wal in Sicherheit gebracht. Zumindest dachte ich das.
In der festen Überzeugung Kiara sei in wohliger Sicherheit kehrte ich ins Lager zurück und wurde heute eines Besseren belehrt. Ich höre immernoch die Stimmen der Wachtmeister in meinem Kopf, die meinen Namen durch das halbe Lager brüllen. Da sei ein Heiler der Ketzer und eine Hochschwangere, die nach meiner Person verlangt. Ich dachte schon ich hab irgendwann im Suff aus versehen jemanden geschwängert, aber nein da ist mein ehemaliges Mädchen zusammen mit Torjan. Den Alten mit der seltsamen Aussprache hab ich sogleich wieder erkannt, er stellte damals mit einer seltsamen Methode fest, das Kiara schwanger ist. Sie musste auf eine Kröte pinkeln oder ähnliches, so genau möchte ich mich nicht daran erinnern.
Nach gegenseitigem Fauchen und der Darbietung von Verachtung gegenüber dem Heiler wurden die beiden ins Lazarett verfrachtet. Ich bin froh, dass sie Torjan nicht gleich abgestochen haben – mir wurde gesagt kurz nach der Geburt wurde das nachgeholt – denn immerhin hat er mir ein winziges Mädchen aus Kiara hervorgezogen. Wie er das so schnell geschafft hat möchte ich nicht so genau erörtern. Vermutlich wäre ich anstelle meiner Tochter auch fluchtartig hervor gerutscht, wenn mich ein alter Kerl ermutigt 'Wuserl, dei Mama will dich sehen. Du bist scho sooo groß, kannst jetzt rauskommen'. Ich hab mir festgenommen niemals auch nur ansatzweise in einer solchen Ausdrucksweise mit meiner Tochter zu sprechen. Das ist doch verstörend.
Auch wenn ich erfahren hatte, dass Kiara zu dem Zeitpunkt vor zwei Tagen verletzt war und von den Ketzern im bewusstlosen Zustand in Bajard eingesammelt wurde obwohl ich sie in Grenzwarth wissen wollte, so wurden diese Gedanken schlagartig ausgelöscht, als ich den Balg zu Gesicht bekam. Ich kann ihr nicht böse sein, ich werde ihr das auch nicht im Nachhinein vorwerfen, da ich einfach nur froh bin, das beide Weiber noch leben. Die Kleine – sie wird Sarah heißen – ist mickrig und schaut noch ganz zerknittert drein. Wenn sie schreit quakt sie herzzerreissend süß und ihre Augen sind so klar und blau wie ein Bergsee. Ich würde mir einbilden sie hat ganze drei Härchen, die eindeutig meinem rabenschwarzen Schopf entsprungen sind.
Es ist seltsam, dass sich mit einem Mal alle Aufmerksamkeit auf das winzige Geschöpf bündelt. Die Letharen wollten die Kleine augenblicklich segnen, um zu verhindern das sie auch nur einen Hauch von Ketzereinfluss abbekommen könnte. Auch als ich Jexxe dreimal versichert hab, das Kiara ebenso gewissenhaft dem Reich dient wie ich wollte sie nicht hören. Daraufhin meldeten sich auch noch Rabendiener zu Wort. Diese kapuzenverhangene Gruppe manifestiert sich schneller als man schauen kann. Seltsamerweise waren ihre Worte wohlgesonnen, was mich sehr überrascht hat. Mich hat der Anblick des kleinen, unwissenden Geschöpfes in Drakhon's Krallenfinger beunruhigt und verstört aber in gewisser Weise auch fasziniert. Ich musste daran denken, das auch er vor langer Zeit einmal ein liebender Vater war und ein Balg aufgezogen hat. Aber ich glaube Sarah hat die Augen brav geschlossen gehalten und wird sich nicht an den gruseligen Alten erinnern, hoffe ich.
Abgesehen von all dem Tumult gestern konnte ich nur nochmal verinnerlichen, was Kiara für eine starke Frau ist. Nicht nur, dass sie unser Kind in einem dreckigen und überfüllten Lager zur Welt gebracht hat und mich dabei wieder Erwartung kaum angebrüllt hat, sondern auch, dass sie direkt nach der Geburt ihr Schwert zurück verlangt hat. Das hab ich ihr gewissenhaft abgeknüpft, als sie sich hochschwanger in ihre Rüstung quetschen wollte. Ganz abgesehen davon das sie zu dem Zeitpunkt verletzt war und mich trotzdem noch zurecht weisen konnte das Maul zu halten. Dennoch kam die Erschöpfung danach sehr schnell und kaum, das sie einen Blick auf ihre Tochter geworfen hat war sie schon weg gedöst.
Zwar bin ich jetzt mit dem Balg zuhause, aber weder das warme Bad noch das bemühte Windeln wechseln kann Sarah von ihrem aufkeimenden Hunger ablenken. Die Kleine braucht ihre Mutter, die noch im Lager liegt. Ich wollte sie gestern nichtmehr bewegen, da der Heiler mich warnte. Mein erster Weg führt mich kurz nach dem Morgengrauen an die Grenze, wo ich die Mutter einsammle und hoffentlich unbeschadet nach Hause bringe.
Natürlich ist die Belagerung für mich damit nicht zu Ende. Ich muss und werde weiter dienen, im zweifelsfall mein Leben riskieren, auch wenn sich das derzeit überaus verantwortungslos anfühlt. Insgeheim hatte ich gehofft, das die Geburt bis nach der Belagerung aus bleibt, aber es liegt nicht in meinen Händen sondern in der Natur. Da die Kleine gesund und munter ist und sicher bald mühelos das Haus zusammen brüllen kann, hätten auch zwei Wochen länger in Kiara's Bauch nichts mehr gerichtet. Sie ist eben die Tochter von zwei recht speziellen Menschen und daran lässt sich nicht rütteln. Auch wenn ich mit Kiara in einem stillen Klinsch liege, können wir hoffentlich trotzdem ganz brauchbare Eltern sein.
