Aus der Kerkerzelle oder ein unplanmäßiger Urlaub beim Feind

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Dazen Wolfseiche

Aus der Kerkerzelle oder ein unplanmäßiger Urlaub beim Feind

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Die große Illusion:
    Freizeit im Gefängnis.
    Walter Ludin
Sie werden mir so derbe den Arsch aufreißen.

Das war so ziemlich der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich für die Nacht in Ruhe gelassen wurde. Spätestens jetzt musste zumindest dem Drachen auffallen, dass etwas nicht stimmte. Ich schätzte die Zeit auf die dritte Morgenstunde und für gewöhnlich blieb ich so lange nicht aus, außer ich kündigte es an. Die Decke hielt nur mittelmäßig warm, mit dem Umhang dazu war es erträglich und zum Schläfrig werden warm, allerdings half selbst die vom Kronritter spendierte Milch nicht dabei, dass ich die Augen zu  bekam. Ich fühlte mich unausgelastet.

Die kurze Prügelei hatte da bestimmt nicht zu beigetragen mich zu verausgaben. Aber immerhin hatte ich diesen kleinen miesen Schwätzer vom Gaul geholt. Bedauerlich war nur, dass sie ihn nun von mir fernhielten. Einerlei, so schnell kam ich hier nicht heraus, das stand fest. Entsprechend blieb die schale Hoffnung, dass der Möchtegernrekrut sich zu nah an die Gittertüre wagte, damit ich seine Visage etwas in Form bringen konnte.

Eine weitere Feststellung, die ich mittlerweile getroffen hatte: Ein Magier war zu viel, wenn bereits drei auf einem drauf lagen, um jedwede Gegenwehr zu verhindern.
Und - Dazen, du hattest etwas vergessen, denn du hättest die verdammte Gabe gehabt diese mentale Fixierung zu durchbrechen, du Riesenhornochse! Was wären dann noch drei Rindviecher an Gegner gewesen, die auf dir drauf lagen! Nichts!
Nun, vielleicht nichts, wenn das oberste Rindvieh nicht gerade die Furie gewesen wäre, die mir den ohnehin brummenden Schädel noch obendrein fast einschlug, damit ich endlich still hielt. Im Nachhinein betrachtet musste ich fast schon über mich selbst lachen und hatte es wirklich nicht besser verdient, als hier zu sein. Und damit ging es mir sogar noch sehr gut bei Licht besehen. Ich wurde hier so fein verköstigt wie ein adeliger Schnösel, die Behandlung war erträglich. Ich bekam sogar Milch spendiert und nette Unterhaltung hatte es hier auch - von den Momenten einmal abgesehen, in denen sie tatsächlich versuchten mehr über meine Beweggründe und auch über die des Reiches zu erfahren. Verdenken konnte ich es ihnen kaum, das wäre genau das gewesen, was ich auch getan hätte.
Die Kopfschmerzen ließen langsam nach und der Hieb in die Magengrube, den ich bei meiner Festnahme kassiert hatte, war nur noch ein fernes Echo dessen, was er in dem Moment ausgelöst hatte. Davon abgesehen hatte ich wahrlich schon schlimmeres an Schmerzen erlebt und mitgemacht.

Da an Schlaf nach wie vor nicht zu denken war, erst recht nicht mit dem Feind vor der Zellentür, setzte ich mich kurz darauf in Decke und Umhang eingewickelt an den kleinen Tisch und zog das Tablett mit dem kalten Essen heran. Das spärliche Licht der Kerze aus dem Bereich vor der Zelle reichte so gerade aus, um zu erkennen, was da lag. Irgendwie hatte ich das Gefühl, da wollte sich der Koch bei mir einschleimen. Wenn ich bedachte, dass der Koch Lafayette war, lag das nicht einmal so fern. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich dem Essen trauen sollte. Schließlich sah ich zu dem Gitter hin und beschloss es zu wagen. Hin war hin und letztlich hatte ich die Scherereien danach nicht. Die hatten andere. Letztlich verputzte ich alles, was das Tablett hergab und war danach derart vollgefressen, dass ich mich wieder auf die Pritsche werfen konnte für den nächsten Schlafversuch.
Noch während dem Wegdämmern fing ich an mir zu überlegen, was für eine ungehörig dumme Lüge ich auftischen musste, damit ich aus der Sache vor den eigenen Leuten wenigstens mit einem blauen Auge herauskam. Es sollte wohl eine Lüge sein, die nah bei der Wahrheit lag, aber nicht in der Markweih.
***
Ich erwachte ganz gewohnheitsgemäß, als das Morgengrauen sich über die Mauern schob und die Zelle in dämmriges Licht tauchte. Natürlich fühlte ich mich nicht ausgeschlafen, gerädert und wenig erholt. Das Erste, was ich wahrnahm, war das, was fehlte: Die Kopfschmerzen. Das Zweite, was mir dämmerte, hätte sie fast wiedergebracht: Du bist nicht zuhause, du bist eingesperrt und Alatar allein weiß wie lang und ob du lebend hier rauskommst.

Ich begann schwer zu überlegen sie alle zum Narren zu halten und nach einigen Tagen so zu tun, als ob ich einlenkte, und mich bereit erklärte, ihrem Glauben zu folgen, mit der schalen Aussicht irgendwann vor die Zellentüre zu kommen, und hoffentlich eine Gelegenheit zur Flucht zu erhalten auf längere Sicht.
Das, was du dir erkaufen musst, Dazen, ist Zeit. Egal wie, aber erkauf dir Zeit. Dass du den All-Einen im Herzen nicht verrätst, das wird er wissen. Bedenke seine Leitsätze, denn jetzt wäre genau der Moment, wo sie sinnbringend einzusetzen sind.
Dumm nur, was ich wusste, wussten die auch. Wenn ich nun zu schnell nachgab, fiel es auf. Verfluchte Zwickmühle. Was also blieb? Da ich nicht hinaus konnte zum Laufen - sie würden mich kaum lassen - schob ich die Decke beiseite, den Umhang warf ich dazu und wenig später auch Weste und Hemd, und stand zu guter Letzt auf um mich zu waschen.
Danach zweckentfremdete ich die Decke zu einer Matte auf dem Zellenboden und begann mit meinen Morgenübungen, ungeachtet dessen der freundlichen Beobachter jenseits der Zellentür. Dabei ging ich alles durch, was mich bei Ausdauer und Kraft hielt, und wenn ich dafür den verfluchten Stuhl zum Stemmen nutzte, der eigentlich viel zu leicht dafür war. Ich wollte auch nicht wissen, was die zwei vor der Zelle zuerst dachten, was ich da veranstaltete in meinem begrenzten Bewegungsfreiraum, immerhin nutzte ich wirklich alles, was mir zur Verfügung stand. Gitter, Bett, Tisch, Stuhl… nun gut, den Nachttopf nicht. Der musste zur Erleichterung erhalten, wozu er ja immerhin auch gedacht war - und ich betete inbrünstig, dass Lafayette die Scheiße wegbringen musste. Verdient war schließlich verdient.

Nach vollbrachten Übungen - ich gab mich dem bestimmt gute zwei Stunden hin - wusch ich mich erneut und zog mir wieder das Hemd und die Weste über. Der Narben auf dem Rücken, dem Mal der Prätorianer, der Narbe auf der Brust war ich mir dabei nur zu bewusst gewesen. Neben diesen gab es noch einige mehr, weniger auffällig, aber vorhanden. Im Stillen fragte ich mich durchaus, welche Geschichten die Wachenden daraus lasen.
Noch nicht sonderlich gesprächsbereit stellte ich mich an eines der etwas zugigen „Fenster". Es glich eher einer Schießscharte der Größe nach zu urteilen. Es war jedenfalls alles andere als breit genug, um sich davon zu machen, aber die Aussicht war ganz passabel. Nicht, dass ihr Aufmerksamkeit widmete. Während ich vorgab mir den Innenhof des Regiments anzusehen, war mein Blick eher nach innen gekehrt. Ich betete, wobei ich um nichts bat. Ich gab mich nur dem Zwiegespräch hin, suchte meine innere Ruhe zu finden und die nötige Selbstbeherrschung für den kommenden Tag.

Ich war mir sicher, dass mich allenfalls die Enge und die überwältigend vorhandene Zeit zum Nachdenken mürbe machen konnten. Obschon ich natürlich zugeben musste, dass meine Zelle durchaus geräumig und auch für eine Zelle relativ wohnlich eingerichtet war. Es ging mir also nicht wirklich schlecht - zumindest, so vermutete ich, solang ich mich zu betragen wusste. Das wiederum fiel mir sogar einigermaßen leicht und einige Frechheiten schien ich mir sogar erlauben zu dürfen. Blieb nur abzuwarten, wie lange.
Inzwischen nahm ich Platz an dem Tisch, griff mir eines der Bücher und klappte es auf. Das kleine Gefühl. Allein der Titel brachte mich schon zum Seufzen. Daske hatte eine etwas verschrobene Ansicht, was einem Ritter als Lektüre gefallen konnte. Darunter fielen auch Bände über Magie. Vielleicht sollte ich sogar mit denen beginnen, aber ich hatte ja Zeit. Und alles auf Kosten des Kronritters. Wenn das mal nichts war. Vielleicht wurde ja doch noch etwas aus dem gemeinsamen Mahl inklusive nettem Gespräch, das mehr einer Ausfragerei anmuten würde. Ich hielt an meinem vorgefassten Plan fest:

Gute Miene zum bösen Spiel und sollte der Aufenthalt sich länger gestalten, kam die Hinterlist ins Spiel. Da ich durchaus das Gespräch zwischen der Vogtin und dem Kronritter zum Teil mitbekommen hatte, war allerdings eher davon auszugehen, dass ich mir die Mühe sparen konnte - vorausgesetzt der Oberst lebte und atmete noch. Was, wenn nicht, war letztlich dann die Frage, die dräuend im Raum stand und erwartete Beachtung zu finden.

Kommt mir bloß nicht mit Dummheiten. Ich hoffe schwer, du hältst sie gut im Zaum, Muireall. Wehe wenn nicht.
  • Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume,
    und erst im Gefängnis fühlt man den Wert der Freiheit.

    Heinrich Heine
Gast

Beitrag von Gast »

Sie hatten eine Niederlage erlitten. Soweit so gut. Doch Was alles andere als gut war, ist die Tatsache, dass sie den Oberst mitgenommen haben.
Merrik hatte befürchtet, dass soetwas passiert, bereits wärend des Kampfes, als klar war, dass die Zahlenmäßig deutlich überlegen waren. Aber der Oberst wollte ja unbedingt zu den Höfen vor Adoran, also folgte Merrik, wie es sich für einen Guten Soldaten gehörte. Doch was dabei raus kam gefiel nicht nur ihm überhaupt garnicht.

Ein Ausritt. Mögliche Angriffe seitens der Feinde waren zu befürchten. Wir mussten auf alles vorbereitet sein. Sie denken, dass wir geschwächt sind, jetzt wo sie unseren Oberst haben.
Falsch gedacht.
Merrik lernte eins von einer Person, die alles andere als in seiner Reichweite war, Haltung zu bewahren. Und gerade in einer Situation wie dieser danke er Mariella für diesen einfachen aber wichtigen und viel zu oft unterschätzen Rat.
Er bewahrte seine Haltung. Es war sicherlich nicht das, aber sie wurden belohnt.
Ein einzelner Ritter Alatars. Sie fanden Dazen nahe der Grenze zu Schwingenstein, nahe der Reihsgrenze. Merrik wollte los stürmen, ihm direkt Zauber um die ohren schleudern, bis er sich nicht mehr wehren konnte. Ein Lichtblick in der Situation hätte ihn dazu gebracht. Doch auch wenn dieser gölückliche Fund einer war hielt ihn sein Anstand zurück. Denn unter Anderem das brachte sie erst in diese Situation.
Merrik wartete ab, wartete auf Befehle Helisandes.
Langsam kreiste der kleine Tross um die Frau Oberstleutnant den Ritter ein. Dieser ging jedoch, anders als erwartet, auf Lafayette los statt auf die Frau Oberstleutnant.
Merrik besonn sich seiner arkanen Ausbildung. Sichtkontakt halten, ein geistiges Band aufbauen, viele kleinere Impulse um den Ritter zu desorientieren. Doch es reichte nicht. Ein weiterer starker Impuls folgte. Merrik wusste, dass er gegen den Ritter keine leichten Karten haben wird, aber er konnte ihm dennoch die bewegungsfreiheit nehmen. Der Rekrut fesselte ihn und irgendwie kam weniger Gegenwehr von Dazen als es Merrik erwartete. Hatte Dazen schlicht nicht daran gedacht sich mit seiner gesammten Kraft dagegen zu stellen? Oder sah er es als unnützen Kraftakt, denn er hatte noch vier weitere Streiter gegen sich.

Der Ritter war gefangen und in die zelle für besondere Gäste gebracht. Sir von Schwertfluren lies ihm seine durchsuchten Kleider, auch einem Gefangenen kann man ein gewisses Maß an Anstand zusprechen. Auch wenn bei Lavayette ein wenig.. nachgeholfen werden musste. Und würde er weiter machen wäre das Ohrdrehen ein Spaziergang.
Der Sir beauftragte Merrik damit dem Ritter ein wenig Lektüre zu besorgen, also holte Merrik ihm insgesammt vier Bücher.

  • Vom Veuer, Vom Goblin von Richard Lohengrinn
    Das kleine Gefühl
    Meister der Magie I + II


Die ersten beiden Bücher waren, zugegeben, für manch einen eine Art Folter. Das dritte Buch war eine wirklich nette Geschichte, vielleicht würde es ein Lächeln auf das Gesicht des Ritters zaubern. Und due letzten beiden Bücher, nun, sie waren wirklich lesenswert. Merrik hatte sie eins mit wachsender Neugierde und durchaus amüsiert verschlungen.

Aber der Ritter würde nicht den Rest seines Lebens damit verbringen in der Zelle zu sitzen und BÜcher zu lesen. Nein, vielmehr würde ein spezieller Plan mit ihm angestrebt werden. Man kann nur hoffen, dass alles nach Plan laufen wird.
Merrik für seinen Teil vertraute auf die Führung der Frau Oberstleutnant. Ihr vertraute er nahezu blind und würde ihr sogar bis ins Herz Rahals folgen, wenn sie einen vernünftigen Plan hat. Doch ein wenig Weisheit Phanodains würde ihr sicherlich die Erleuchtung bringen was genau zu tun ist.

Temora allein weiß was passieren wird. Und sie ist es die das Vorhaben des Regiments schützend begleiten wird.

Temora beschützt Herr Oberst!
Temora beschützt Frau Oberstleutnant!
Temora beschützt Kameraden!
Ha-Roo!
Liska Erlengrund

Beitrag von Liska Erlengrund »

„Verfluchte Scheiße! Scheiße, scheiße, scheiße...“

Immer wieder fluchte sie durch die Zähne, während sie zum gefühlt hundertsten Mal durch das kleine Zimmer gelaufen war. Wie ein Panther hinter Gittern lief sie auf und ab, die Gedanken sortieren versuchend. Es half nichts. Immer und immer wieder kam die eine Schlussfolgerung: Es gibt kein Zurück mehr...

Man nehme eine abgehetzte Person auf der Suche nach jemand Heilkundigem, paare dies mit einem Gefangenen aus Adoran und erhalte die Quersumme, dass man auch noch in ein bekanntes Gesicht sah. Bei allen Hauptmännern, Feldwebeln und Oberstleutnant, die das Regiment aufbringen konnte, musste es ausgerechnet dieser eine sein! Und da die kleine Schwester vermutlich irgendwo im Westen noch umherrannte, war es auch nur zu deutlich, dass er sie erkennen würde.

„Ihr müsst euch in die falsche Kutsche gesetzt haben...“

„Man hat einen Heiler gesucht...also seid froh, dass ihr einen vor euch habt.“

Zu viele Informationen für einen Abend. Da waren die einzelnen Dinge, die Mairi ihr genannt hatte. Es sollte einen Austausch geben, der dem Rotschopf weiterhin Fragen aufgab statt Antworten. Wie konnte man den Ritter hatte einkassieren können? Wann war das geschehen? Und hatte man ihn auch so zugerichtet wie Vaughain?

Es war ein Balanceakt. Sie durfte ihm nicht zu viel Genesung zukommen lassen, um keinen Verdacht zu schöpfen. Doch sie wollte keine Person eintauschen, die zwei Tage danach an einer Infektion oder dergleichen dahinsiechte. Und ein klein wenig hoffte sie, dass es durch ihr Tun einfacher für Ira sein würde; auch wenn es eine innere Freude war, einem Regimentler einmal ordentlich die Nase zurechtzubiegen. Das Knacken und der dumpfe Laut waren ein Teil der Genugtuung für Vergangenes, die Rache an namenlosen Gesichtern aus früheren Zeiten. Auch wenn ihr Tun für Heilung sorgen würde statt weiterem atemlosen Schniefen und Schnaufen...ganz und gar nicht zu vergessen die kurzzeitige Zier von dunklen Augenrändern und eventuellen Blutergüssen dort. Eine Nebenwirkung, die sie einpgeplant hatte, um den nächsten Schritt zu kaschieren. Jeder Schmerz im Gesicht, der Nase, den Augen lenkte davon ab, dass das Wichtigste am genesen war. Denn innerhalb seines Körpers hatte sie sich für einige Momente eingeschlichen, seine Strukturen erfasst und die Rippe wieder mit seinem Brustkorb verwoben. Sicher würde man sich Gedanken machen und Fragen stellen; wenngleich man es im besten Fall auf die Fürsorge und das besondre Auge Temoras schieben konnte...

Die Unruhe ließ nicht los und zog sie hinaus aus der Taverne in die dunklen Strassen der Stadt, vorbei an dem Tempel, weiter hinaus zum Osttor, den Feldweg entlang. Sie ließ die Höfe hinter sich und verharrte erst, als sie nur noch den Wind und das Rauschen der Meeresbrandung vernahm. Wie sehr sehnte sie sich nun ihr berühmt berüchtigtes Laster herbei. Tief in ihr brodelte es, verlangte nach Bier, Schnaps, Rum, Wein. Und zwar gleich. Es gibt kein Zurück mehr....nein Sie zwang die Schritte weiter in die Nacht. Weg von der Versuchung und der Schwäche. Nein, es gab wirklich kein Zurück mehr und wenn ihr Tun zumindest dafür gesorgt hatte, dass ihr Platz nun eindeutig zugewiesen wurde. Alles hat seinen Sinn und Zweck. Vaughain würde es überleben und zurückkehren können; der Ritter wieder seinen Platz in Rahal einnehmen. Und dann würde man sehen, was diese kurze Begegnung in Zukunft bringen würde....auch wenn ihr nicht behagte, dass die Hintertür auf eventuelle Rückkehr nach Adoran nun verschlossen war. Es war unumstößlich, dass man sie dort in eine Zelle stecken würde. Ein Ort, dem sie abgeschworen hatte ein weiteres Mal zu begegnen.

„Warum lässt der sich auch einsacken...als ob er ständig einem den Plan versauen will!“

Und für einen Moment wünschte sie dem Kerl von Ritter dann doch, dass er auch mal vermöbelt wurde von den Blechdosen der anderen Seite; nur um im nächsten Moment den Gedanken zu verwerfen und darauf zu hoffen, dass er ebenso lebend zurückkäme.
Gast

Beitrag von Gast »

Die Worte der Ritterin drangen viel zu schnell zu mir durch und trafen mich auch dementsprechend hart. Für den Moment rasten einige Pläne durch meinen Kopf, wie ich ihn da rausholen konnte, aber noch bevor die Ritterin die Warnung für die Prätorianer ausgesprochen hatte, wusste ich, dass ich damit nicht viel bewirken würde und wahrscheinlich noch mehr Schaden anrichtete, als ohnehin schon vor mir lag.
Ich hatte eine Heilerin gesucht, hatte die Knappen zur Festung geschickt und hatte dann gewartet auf die Dinge, die da kommen würden. Nur lange konnte ich nicht da bleiben. Ich musste raus und ich musste irgendwo alles rauslassen, was mir gerade auf der Seele brannte.

Der einzige Plan, der lange in meinen Gedanken haften blieb, war, einfach zu sehen, wie es ihm ging – und je nachdem, seinem Gegenstück haargenau das Gleiche anzutun, zumindest das Sichtbare und vielleicht, so ganz unter der Oberfläche noch ein wenig mehr. Aber es blieben zu viele Ungewissheiten und zu wenige Sicherheiten. Wenn die Adoraner immernoch alles abknallten, was Vogel hieß und annähernd schwarz war, würde ich nicht weit kommen. Und Dazen selbst würde mich wahrscheinlich dafür windelweich prügeln, mal davon abgesehen, dass ich nicht ganz kopflos enden wollte. Und das zweite Problem war, ich kam ja nicht einmal an unseren Gefangenen heran.

Ich ließ mir absichtlich Zeit und legte den Weg von Düstersee nach Rahal zu Fuß zurück. Damit konnte ich mich wenigstens ein bisschen länger vor dem drücken, was mir bevorstand – und das machte mir fast so viel Angst, wie der Gedanke daran, was die dort drüben mit Dazen veranstalten konnten. Wie sagte man dem kleinen Bruder, dass man den Großen verloren hatte, wenn man eigentlich auf ihn aufpassen wollte? Ich ahnte, dass der kleine Wolfseiche mir dafür wohl als letztes die Schuld geben würde, aber irgendetwas nagte an mir, wahrscheinlich allein der Schauer, der mir über den Rücken lief, wenn ich an den Gesichtsausdruck dachte, den er ziehen würde. Und so drückte ich mich davor, nach hause zu gehen, zu meinem Halt, klaubte nur ein, zwei alte Waffen aus meiner Truhe in der Bank und machte mich auf in eine ganz andere Richtung.
Irgendwohin musste die Wut über die vielen offenen Fragen und ganz nach rahalischem Motto konnte ich ja zumindest jetzt einmal den Zorn in die richtigen Bahnen lenken.

In der Morgendämmerung schmerzte jede Faser meines Körpers und ich stand – ganz untypisch für mich – knöcheltief im blutdurchtränkten Matsch des Wegstücks, um mich herum eine Bande von Banditen. Allesamt tot und wenig ansehnlich. Ich hatte mich dieses Mal nicht damit begnügt, ihre Seelen zum Raben zu schicken und es dabei zu belassen. Ich hatte alles an ihnen ausgelassen, was mich plagte. Der nächste, der hier vorbei käme, würde sich wahrscheinlich wundern, was hier gewütet hatte. Der Rest von mir sah nicht viel besser aus, als meine Stiefel. Matsch und Blut (und ich wollte nicht so genau darüber nachdenken, was noch so) hatten auch den Weg auf sämtliche Kleidung, Hände und Gesicht gefunden.

Als ich mich endlich wieder bewegte, rannte ich noch die morgendliche Strecke, die ich sonst dem Ritter hinterherhechtete, und der Regen trug dazu bei, dass ich bei der Ankunft in Rahal nicht mehr ganz so aussah wie der Fleischer nach dem Schlachtefest.

Ich hoffte inständig, dass sie Dazen in Ruhe ließen, ihn ordentlich versorgten und ihm kein Haar krümmten, wobei ich mir schon im Klaren darüber war, dass das wohl lediglich Wunschdenken sein würde.
Immerhin hatte ich der Frau Oberstleutnant Knappin Helisande Senheit (oder wie auch immer sie nun richtig heißen mochte) erst neulich etwas dazu gesagt und ich hatte definitiv nicht vor, mein Versprechen von damals als leere Worte im Sande verlaufen zu lassen...
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen.
    Johann Wolfgang von Goethe
Der zweite Tag gestaltete sich fast schon eintönig. Stets die gleichen Fragen von verschiedenen Leuten. Vornehmlich hatten sie sich auf Fragen eingeschossen, die meine persönliche Beziehung zu den Menekanern anging. Das machte stutzig, sehr sogar, aber ich fragte nicht nach, da ich ohnehin nicht davon ausging eine Antwort zu erhalten. Geduld war nicht gerade meine Stärke, aber hier würde ich sie wohl endlich lernen.

Wie steht Ihr zu den Menekanern? - Der Emir war doch bei Euch zu Besuch, privater oder politischer Natur? - Dürft Ihr Menek'Ur unbehelligt betreten oder werdet Ihr dort dann verhaftet, wenn Ihr es wagt? - Habt Ihr Feinde dort?

Pragmatisch. - Ist mir nicht bekannt, ich habe mich nicht damit befasst. - Nein. - Aber natürlich habe ich dort Feinde.

Ich ersparte mir zu erwähnen, dass ich den ganzen Haufen unter der Sonne als Feind betrachtete, Vertrag hin oder her. Selbstverständlich folgten dem Ganzen auch Fragen zu dem Vertrag. Wie stand ich dazu? Gab es da ein Verteidigungsbündnis, wegen des Ausfalls der Menekaner, als in Grenzwarth während der Belagerung zur Ablenkung gezündelt wurde?
Die Kopfschmerzen kehrten zurück, auch wenn ich das getrost für mich behielt. Details zum Vertrag umging ich, gab keine Auskünfte, stellte mich entweder dumm und unwissend oder aber sagte das Wichtige eben nicht, aber dafür Belangloses wahrheitsgemäß. Zu lügen würde nur dafür sorgen, dass ich mich irgendwann verplapperte. Darüber hinaus sah ich wenig Sinn darin. Es brauchte nicht lange, bis ich begriff, dass sie viel mehr an Informationen hatten, als uns lieb sein konnte.

Amüsant fand ich allerdings die Fragen zur Société, zu Jean und zu der Bogenschützin im Wald. Meiner Treu, aber was sollte ich zu der Société sagen? Ist eine Gemeinschaft, die sich im Hafenviertel rumtreibt und sich mit Gesocks abgibt? Ganz offensichtlich war, dass die Oberstleutnant darüber mehr wusste, als ich. Nicht, dass es mich störte. So konnte ich weder etwas preisgeben, noch mich in etwas verstricken.
Amüsant fand ich, dass ich auch von anderer Stelle nach Jean gefragt wurde. Das Gespräch war aber unterbrochen worden und die Fragerei ging in privatere Gefilde ein danach.

Interessant war die frostige Stimmung zwischen den beiden, die sie dazu brachte zu gehen, ihn zu bleiben und dann sehr persönliche Fragen zu stellen bezüglich meiner Korrespondenz zwischen den beiden Freiherren, der Knappin und mir, sowie unserem freundlichen Boten Lafayette.
Alle Fragenden, bis auf diese Ausnahme, waren eher politisch interessiert. Da war ich mir sicher. Was also, teurer Eichengrund, zwickte dir in die Gedärme oder sogar ins Gemächt? Irgendwie ließ mich das Gefühl nicht los, dass hier etwas im Busch war.
Als die Türe sich in dem Moment, als ich antworten wollte, öffnete, folgte ich meinem Impuls. Ich griff die Frage in Vollkommenheit in meiner Antwort auf und gab sie somit folglich wieder, tat zugleich kund, dass diese Angelegenheit niemanden etwas anginge, und er doch freundlichst die Empfänger befragen sollte.
Die Erkenntnis, dass etwas im Busch war, vertiefte sich, als er wenig später ging und nicht wiederkam. Offenbar war das Interesse an Gesprächen mit mir damit gestorben, denn Frau Oberstleutnant hatte meine Worte hören müssen, als sie eingetreten war.
Das wiederum bestätigte mich in dem Verdacht, dass Worte zwar nicht unmittelbare Beachtung vor mir fanden, aber hinter mehreren dazwischen geschlossen Türen schon. Nennen wir das Ganze die kleine Gehässigkeit des Gefangenen, die den Tag versüßten.

Versüßen traf es ohnehin an diesem Tag. Erst die Apfeltaschen, dann das Naschwerk und die Schokolade in trinkbarer Fassung. Ich fragte mich, ob ich wirklich so unterernährt aussah. Nichts desto trotz bedankte ich mich artig, nahm es an, wer wusste schon wann die Furie mit dem versalzenen Fraß ankam, um mich ein wenig zu ärgern? Die Drohung hatte ich weder vergessen, noch verdrängt.

Und wo wir bei Verdrängung waren: Die Hochedle schien sich wirklich damit zu befassen, neugierig zu sein, wie ich mich fühlte. Ob ich mich sorgte in Anbetracht dessen, dass ich meinen Kopf verlieren könnte, wenn des Oberst Kopf rollen sollte. Erstaunlicherweise beunruhigte mich ein tatsächliches Ende weit weniger, als die Aussicht hier noch Wochen oder gar Jahre festzusitzen.
Politisch gesehen machte ein Austausch an sich  Sinn. Sie hatten ihren Oberstleutnant wieder, die meinen mich. Um ehrlich zu sein? Ich täte es nicht. Als Druckmittel behalten wäre die bessere Option, um sich für eine Weile eine Menge Ruhe und Zeit zu verschaffen. Die sinnvoll genutzt…
Aber das behielt ich für mich. Ich hatte nichts dagegen, wenn sie sich ein Ei legten und diese Möglichkeit für sich sausen ließen für einen einzigen Mann. Dass sie damit weit mehr Leben aufs Spiel setzten, war vielleicht zu fern nach unserer verlorenen Schlacht vor Schwingenstein. Wenn da mal der Hochmut nicht vor dem Fall kam.
Der Gedankengang ließ mich dennoch schlucken. Letztlich galt selbiges schließlich auch für unsere Seite. Keine rosigen Aussichten.

Ich schob die düsteren Gedanken beiseite und stellte mich wieder vor das sogenannte Fenster und sah hinaus. Nach wie vor konnte ich nicht so viel sehen und erkennen. Es war eben nur ein schmales Ding, das etwas Licht und vornehmlich herbstliche Kälte hinein ließ. Ich fragte mich, was Fann wohl gerade anstellte, aber so wie ich sie kannte, würde sie einfach ihren üblichen Tagesgeschäften nachgehen und abwarten, was der Rest so tat. Zumindest wäre das vernünftig, und an und für sich war sie das ja.
Müde lehnte ich meine Stirn an den kalten Stein und schloss die Augen. Ich musste mir eingestehen, dass mir noch etwas die Zeit lang werden ließ. Vermutlich noch länger, je mehr Tage ins Land gingen. Ich begann sie aufs übelste zu vermissen. Sie insbesondere.
  • List oder Tugend, wer wollte beim Feind danach fragen?.
    Vergil
Zuletzt geändert von Dazen Wolfseiche am Mittwoch 5. November 2014, 16:50, insgesamt 1-mal geändert.
Gast

Beitrag von Gast »

Ein "Abendgebet" der etwas anderen Sorte


In Gedanken bei Euch, Präfekt...

Zumindest, wenn ich sie soweit lenken kann und sie dann auch bereit sind, meinem Wink lange genug zu folgen oder gar an dem Ziel haften bleiben, dann gelten die Gedanken gerade Euch, denn Euer Verbleib bereitet uns Sorge und das, was jener mit sich bringen könnte, ist nicht wirklich angenehmer. Ich kann mir nicht recht ausmalen, wie es in Adoraner Kerkergemäuern ist, kenne ich doch nur den kalten, grauen Steinkoloss innerhalb Rahals Mauern und auch diesen habe ich bisher von außen erblickt. Angenehm ist sicherlich etwas Anderes und nachdem ich nicht unbedingt an eine wahre Gaumenfreude hinsichtlich der dort präsentierten Mahlzeiten glaube, hoffe ich einfach, dass die Gesellschaft nicht zu wünschen übrig lässt. Vielleicht gibt es doch die ein oder andere, verbale Herausforderung, aufdass Ihr zumindest nicht der Langeweile zum Opfer fallt... wobei aus diesen Worten natürlich der pure Optimismus spricht, denn ich bezweifle aufrichtig, dass Langeweile in eurer prekären Lage das größte Problem sein wird.

In Gedanken bei Euch, Präfekt...

Vor allem jetzt, wenn ich meine Aufgaben des Tagwerks erledigt habe und die Nacht noch nicht weit genug fortgeschritten ist, dass ich mich mit karnivoren, doch gutaussehenden, männlichen Lebkuchenhausvetteln, dem Fräulein mit der Dornenrosenranke, Brüderchen und Schwesterchen oder ähnlich düsteren Mären beschäftigen muss. Eines Tages werde ich meine Mären niederschreiben - wenn ich diesen Tag erlebe, Präfekt, wenn...
Ich würde sie Euch gerne vorlesen, mit Euch darüber reden und Euren Rat erfragen aber ich glaube nicht, dass wir beide uns je diesem Thema widmen werden. Hier sitze ich alleine in meiner Ecke und versuche das Beste aus meiner Misere zu machen - ähnlich wie Ihr. Würdet Ihr tauschen wollen? Wieder ist da dieser unsichere Konjunktiv, den ich nicht leiden kann und somit ist es einfach schlichtweg sinnfrei darüber zu grübeln. Wir beide werden es eh nie erfahren.

In Gedanken bei Euch, Präfekt...

Weil wir Euch vermissen und Euch brauchen.
Es ist gut, dass da noch die hohe Herrin Ritterin Lilienhayn ist und ich bin ihr für die klare Anweisung, welche Mairi in schriftlicher Form für die Prätorianer im Gemeinschaftshaus hinterließ, sehr dankbar.
Ich zitiere:

(...)Der Präfekt befindet sich im Moment im Kerker in Adoran in Gefangenschaft.
Während seiner Abwesenheit wird Ritterin Lilienhayn seine Aufgaben übernehmen und zudem jedem den Kopf abschlagen, der zu irgendwelchen Spontanaktionen greift und sein Leben in Gefahr bringt (...)


Ich denke Ihr wisst, wie wichtig dieser letzte Beisatz ist, nicht wahr?
Ansonsten würde nun ein irrer Trupp oder besser eine Truppe Irrer längst gen Adoran marschieren und sich ganz bestimmt so richtig, verzeiht meine derbe Ausdrucksweise aber es passt einfach, in die sprichwörtliche "Scheiße" reiten.
Aber so sind wir, was das betrifft, recht gut restriktiv in unsere Schranken gewiesen. Der Körper muss verweilen, doch die Gedanken sind frei und in Gedanken bin ich bei Euch, Präfekt.
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Fann Wolfseiche
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Beitrag von Fann Wolfseiche »

„Lerne, dich zu beherrschen und die Gefühle nicht über dich bestimmen zu lassen.“

Sie trug eine bemüht glatte Fassade vor sich. Manchmal verriet sie sich, wenn sie nervös in ihren Nacken griff, wenn sie zunächst still war und unerwartet anfing ihre Gesellschaft anzuraunzen, wie ein Hund, der ohne zu bellen direkt zubiss. Ein Ausbleiben des sonst so charismatisch getragenen süffisanten Lächelns in ihren Mundwinkeln, deutlich weniger Worte der Unterhaltung. Aber sie sprach, sie ging ihren Pflichten nach, sie widmete sich ihrer Arbeit.

Oft hatten die beiden sich über die Problematik unterhalten, was es bedeutete, jemand anderen zu etwas Wichtigen in eigenem Leben zu machen und dass sie beide kämpften und damit stets der Gefahr von Verletzungen, Gefangennahmen und Sterben ausgesetzt waren. Und es gab dieses Versprechen zwischen ihnen, wie lapidar es klang, nichts Dummes zu tun. Nichts Dummes zu tun bedeutete sich nicht von Angst, Zorn, Rachsucht oder Überheblichkeit leiten zu lassen. Als sie nach der ersten Nacht seines Fortbleibens nach Bajard geritten war, wo er seiner Aussage nach hin wollte, traf sie auf einen der Regimentler, von deren Rüstungen allein sie schon Augenschmerzen bekam. Im Sonnenlicht konnten sie sich wohl untereinander auch nur als wild strahlende, gegenseitig blendende Lichtpunkte wahrnehmen – sonst hätten sie sich womöglich in der vorigen Schlacht besser und organisierter geschlagen. Es war ihr den Tag der Auseinandersetzung in der Nähe von Grenzwarth gelungen, mehrere von ihnen von den Pferderücken oder Beinen zu reißen. Diesen einen dort vor ihr in seiner Plattenrüstung in den Dreck zu werfen hätte gelingen können – musste aber nicht und hätte nur einen Vergeltungsakt seitens des Regimentes zur Folge gehabt oder sie wäre schwer verletzt worden. Eine von beiden Optionen hätte eintreten können und keine wäre weiterführend gewesen. Zurückgeschoben wurden Zorn und Überheblichkeit, die Waffe nicht gezogen und lediglich die Information des Verbleibes von Dazen von Yvette entgegen genommen und als erstes nach Düstersee getragen.

Obgleich Muireall oftmals davon ausging bei Fann auf Verachtung für ihre Person zu stoßen, verhielten sich die Dinge manches Mal hinter den vorangetragenen Fassaden anders. Nur weil Dazen sich gerne und ausgiebig über seine Schwester beschwerte – er konnte sich über jeden ausgiebig beschweren -, musste sie dem nicht zustimmen. Stellte sie sich auf die Seite der Ritterin in solchen Nächten seiner Ausschweifungen, hieß es doch nur, es würde sie nichts angehen und das tat es auch nicht. Fann hielt die schweigsame Ritterin durchaus für kompetent, fähig eine Stellung einzunehmen, zu vertreten und Verhandlungen zu führen. Muireall brauchte für sich nicht den Mittelpunkt eines Geschehens um sich an ihrer Stelle richtig zu fühlen und ihre Aufgaben zu erkennen.
Ungerecht waren Dazens vergangene Ausbrüche Jean gegenüber, der gleichfalls im Haus der Ritterin anzutreffen war und ohne großen Aufhebens seine Sachen nahm und ruhig nach Adoran spazierte um den Beweis über Dazens tatsächlichen Aufenthalt im Kerker des Regimentes einzuholen – obwohl er dafür selbst etwas riskierte.
Behaupten konnten sie ja viel, wenn Dazen vielleicht einfach nur wieder spontan zum Hof seiner Eltern gereist war oder bei zu viel Rum besoffen und mit Kater in einer schäbigen Bajarder Kneipe seinen Rausch ausschlief.

Wieder der Versuch eine kluge Entscheidung zu treffen, indem die für ihn verantwortliche Gemeinschaft informiert wurde, welche auch Handlungsgewalt besaß und vor allem nicht selbst nach Adoran zu gehen. Es brauchte die Tage noch viele Momente, sich nicht beherrschen zu lassen. Sich nicht über die Reichsgarde aufzuregen, welche wie stets glaubte mit der Missachtung von Befehlen ihr Verständnis ihrer selbst als respektable Gruppe halten zu können. Ein albernes Machtspiel, das zwischen Garde und Bruderschaft wohl nie enden würde, wenn der Grund dafür nicht beseitigt würde. Die Wut gegen die Garde wäre aus Angst geboren worden. Denn was behaupteten sie auf der anderen Seite? Was man dem Oberst antäte würde auch Dazen geschehen.

Aber nach und nach kehrte der Verstand zurück, der sich fest an Fanns Gemüt klammerte um über alles andere hinwegzusteigen. Die Ketzer aus Adoran waren nicht dafür bekannt, so mutig zu sein und jede Drohung auch wirklich umzusetzen – und solang niemand etwas über die Behandlung des Oberst berichtete..? Zudem war Dazen stur, kam auch mit schlechtem Essen zurecht und schreckte nicht vor Schmerzen zurück – und wenn er es wollte, war er selbstbeherrscht und vor allem war er grundsätzlich alles andere als ein unloyaler Verräter oder Feigling.
Wobei in Fann eine innere Stimme zusammen mit dem Verstand ein Gerangel führte. Dazen hätte es verdient. Er hätte es verdient, dass sie ihm einige Schläge verpassen und sein Ego einen Dämpfer bekam. Er reizte das Spiel einfach zu sehr aus, traf sich wohl öfter für ein Geplänkel mit dieser Knappin in den Wäldern, suchte stets zur Erheiterung Gespräche mit den hohen Tieren der Gegenseite und schmeichelte sich selbst ein Bild eines Mannes, dem sie immer und stets mit Respekt und Freundlichkeit entgegen treten würden, weil sie ihn schätzten. Das war gefährlich, für ihn, für andere – wenn sich ihre Vermutung dahingehend bestätigte, hatte er dieses Zusammentreffen vielleicht sogar provoziert? Unbewusst oder bewusst. Denn nach einer Schlacht, die einen Gefangenen auf einer Seite einen Vorteil für das Reich brachte, sich allein ohne Schutzbegleitung soweit aus dem eigenen Reich zu wagen, dass man ohne Zeugen oder Hilfe gefangen genommen wurde… Entweder hatte er dumm gehandelt, es war eine Falle oder ein Plan, den außer ihm niemand verstand. Wobei es ihnen vielleicht auch innerhalb der Reichsgrenzen hätte gelingen können...

Es war aber einfacher, wütend auf ihn zu sein. Es war soviel einfacher, als sich der Angst hinzugeben. Angst, die einem gewissen Egoismus entstammte, nicht schon wieder den Lebenspartner verlieren zu wollen und all den Schmerz und die Wut von vorne zu durchleben.

Keine Dummheiten, war das Versprechen gewesen. Keine Dummheiten um - wie ihre Mädels sagten - "ihren Kerl wiederzubekommen". Aber wenn es sein musste war sie durchaus dazu bereit.
Zuletzt geändert von Fann Wolfseiche am Donnerstag 6. November 2014, 16:14, insgesamt 2-mal geändert.
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Helisande von Alsted
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Beitrag von Helisande von Alsted »

  • Bei ruhigem Wetter kann jeder leicht Steuermann sein.
    Sprichwort aus Asien
Schon nach Schwingenstein war die Offizierin der Auffassung gewesen, dass sie so schnell nicht wieder die Führung alleinig inne halben wollte. Eigentlich am Liebsten gar nicht. Jedoch war es nun wieder passiert.
Nach einem Scharmützel mit dem rahalischen Feind geriet der Oberst in Gefangenschaft dort und sie hatte, selbst durch einen peinlichen Unfall verletzt, wieder die Führung. Wieder in einer Situation, die Besonnenheit und Achtsamkeit verlangte.
Besonnenheit.
Davon war nicht viel da, als sie mit der Truppe aus Invaliden den unkritischsten Grenzbereich abritt. Am Liebsten hätte sie direkt dem Ritter den Hals umgedreht. Zwischen Wolfseiche und ihr gab es mehr als eine grundsätzliche Andersartigkeit im Glauben und Überzeugung, es war eine bizarre Art persönlicher Animosität. Den Soldaten hatte sie verboten Alleingänge zu machen, sie selbst stürzte sich direkt auf den Ritter, der sich seinerseits auf den Rekruten warf.
Handgemenge.
Besonnenheit.
Einsacken und mitnehmen. Besser einen Ritter im Gewahrsam als den Sieg auf dem Schild. Nun saß er in der Zelle und wirkte ein wenig wie ein Tier, dass die Freiheit zurückersehnt. Bewegung fehlte ihm, die Spannung staute sich in ihm, merklich. Er wich höflich aber konsequent allen Fragen mehr oder minder aus. Gab Belanglosigkeiten von sich und dennoch, die feinen Spitzen, die sie streute würden sitzen.
Eine weich formulierte Drohung, garniert mit einem Lächeln. Dann noch die Ungewissheit.
Leben oder Tod?
Tausch oder Finte und Schlimmeres?

Besonnenheit.
Besonnenheit und das, was sie an sich selbst nicht mochte. Etwas, das in Schwingenstein erwacht war, schon immer da war und sie formte. Vermutlich hatten das andere schon vor ihr als integralen Bestandteil ihrer Person erkannt und es gefordert.
Nun war es da.

  • Wer sanft auftritt, kommt weit.
    Sprichwort aus China
Dazen Wolfseiche

Beitrag von Dazen Wolfseiche »

  • Langeweile ist eine Halbschwester der Verzweiflung.
    Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
Der dritte Tag. Erst drei Tage und es fühlte sich an wie ein halbes Jahr. Die Zeit begann mir schon jetzt lang zu werden. Ich wusste, das lag an der fehlenden Bewegung, der fehlenden Beschäftigung, und der puren Gewohnheit an sich immer etwas zu tun zu haben. Zwar setzte ich jeden Morgen die Leibesertüchtigungen fort, aber es war einfach nicht das Gleiche.
Entsprechend schlecht war meine Laune an dem Tag. Eine Zeit lang bemühte ich mich noch es zurück zu halten, aber so ganz wollte es mir nicht gelingen. Die Fragen, die kamen, waren die gleichen wie am Vortag, wieder ein paar unterschiedliche Leute, die sie stellten, ein paar neue Gesichter, mehr aber von den Altbekannten.

Ich merkte, wie auch aus zunehmender Langeweile heraus etwas mehr nachgab, riss mich wieder zusammen und so ging es in einem fort, bis ich die Nase irgendwann voll hatte und zur Rumflasche griff, die da auf dem Tablett stand. Es war mir wirklich redlich danach mich zu besaufen. Aber selbst draus sollte einige Zeit später schon nichts mehr werden. So saß ich also wach und putzmunter in der Zelle, es war stockdunkel, von der Kerze auf der anderen Seite mal abgesehen und ich starrte dumpf vor mich hin. Tatsächlich hatte ich sogar um geistlichen Beistand gebeten, der mir aber erst für den nächsten Tag zugesichert wurde.
Es war an der Zeit die eigenen Vorbereitungen zu treffen und zuzusehen, dass ein Vorankommen begann. Natürlich musste ich weiterhin geduldig sein. Von heute auf morgen würde das Vorhaben nicht gelingen, aber ich hatte damit wenigstens etwas zu tun. Auch wenn ich die Grüße der Waffenschwester überbracht bekam, weigerte ich mich an der Hoffnung festzuklammern, dass es in naher Zukunft eine Besserung meiner Situation geben würde. Ich hegte allenfalls die Zuversicht, dass sie sich etwas tat, in welche Richtung geartet auch immer.

Da die Wachen nicht die Muße hatten mich einzuweihen, ich es mir verbat nachzubohren und darum zu betteln, blieb ich folglich unwissend. Wer meine stete Neugier kannte, hätte sich also ausrechnen können, wie sehr das noch zusätzlich an mir nagte. Ich hasste es. Ich hasste es wirklich abgrundtief.
Also nutzte ich die Zeit der Ruhe zum Lesen, um mich wenigstens etwas abzulenken. Diverse Bände musste ich allerdings dann auch leider ruinieren. Sie eigneten sich allenfalls dazu den Gang auf den Nachttopf zu beenden. Immerhin, sie hatten dafür wirklich genug Seiten. Es gab nur drei Bücher, die mein Interesse wenigstens eine kleine Weile wecken konnten. Wobei, nein. Der Einzelband schaffte es drei Seiten, dann wusste ich bereits das Ende. Dabei hatte es schon recht vielversprechend angefangen, musste ich zugeben. Die Schreibweise war ganz annehmbar und es bot Kurzweil – was in der Regel so kurz war, wie die Langeweile lang. Wieder einmal bewahrheitete sich genau dieser Eindruck.
Der Doppelband in weißem Einband hingegen behielt meine Aufmerksamkeit vom Anfang bis zum Ende. Hier fühlte ich mich wenigstens ausreichend beschäftigt, wenn auch nicht gefordert. Das fehlte wirklich, irgendetwas das forderte.

Also forderte ich mich selbst: Was geschah, wenn ich wieder heimkehrte? Alles, wirklich alles, was mir dazu einfiel, ließ mich ernsthaft mit dem Gedanken spielen zu fragen, ob ich nicht doch länger bleiben konnte, unter ganz leicht geänderten Bedingungen vielleicht. Irgendwie erschien es mir als das kleinere Übel. Vielleicht malte ich mir aber auch alles schwärzer aus, als es war. Dazu neigte ich ja durchaus schon das eine oder andere Mal.
Es änderte auch nichts an der Tatsache, dass ich mich mit Heimweh herumschlug. Sicherlich hatte ich das nicht allein der Stadt wegen, oder dem Land darum herum. Ich stellte fest, dass ich mich ein klein wenig vielleicht auch nach der zu erwartenden Tirade – oder den Tiraden – sehnte.
Ich hoffte inzwischen inständig weiter, dass sich niemand zu irgendeinem Unsinn verleiten ließ. Bislang aber schien der auszubleiben, zumindest einmal insoweit, dass ich von unten keine bekannten Stimmen aus eigenem Land heraufrufen hörte. Das wiederum machte es erstaunlich still, wenn die Wache mal nicht so redefreudig war. Meine Gesprächigkeit nahm ebenfalls ab mittlerweile. Ich sehnte mich tatsächlich nach einigen Momenten der Privatsphäre, die ich hier zu keiner Zeit hatte.
Auch wenn sie mich für die Gesamtverhältnisse anständig behandelten, mit jedem Tag in dieser Zelle kam diese mir immer kleiner und beengter vor. Und mit jedem Tag fühlte ich mich darüber hinaus verlassener. Es war eindeutig etwas anderes unter Feinden zu sein, als unter Gleichgesinnten, selbst wenn sie keine Freunde waren.

Ich schloss irgendwann die Augen, auf dem Bett sitzend, angelehnt an die Wand, und bemühte mich sie mir vorzustellen. Einen nach dem anderen – und schon jetzt, nach ein paar Tagen nur, fiel es mir schon bei so manchem wirklich schwerer als sonst.
Nach dieser Feststellung begann ich einmal mehr zu beten, und hoffte so diese verfluchten und irritierenden Empfindungen zu vertreiben.
  • Verzweiflung und Zuversicht verbannen Furcht.
    William Alexander
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