- Die große Illusion:
Freizeit im Gefängnis.
Walter Ludin
Das war so ziemlich der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als ich für die Nacht in Ruhe gelassen wurde. Spätestens jetzt musste zumindest dem Drachen auffallen, dass etwas nicht stimmte. Ich schätzte die Zeit auf die dritte Morgenstunde und für gewöhnlich blieb ich so lange nicht aus, außer ich kündigte es an. Die Decke hielt nur mittelmäßig warm, mit dem Umhang dazu war es erträglich und zum Schläfrig werden warm, allerdings half selbst die vom Kronritter spendierte Milch nicht dabei, dass ich die Augen zu bekam. Ich fühlte mich unausgelastet.
Die kurze Prügelei hatte da bestimmt nicht zu beigetragen mich zu verausgaben. Aber immerhin hatte ich diesen kleinen miesen Schwätzer vom Gaul geholt. Bedauerlich war nur, dass sie ihn nun von mir fernhielten. Einerlei, so schnell kam ich hier nicht heraus, das stand fest. Entsprechend blieb die schale Hoffnung, dass der Möchtegernrekrut sich zu nah an die Gittertüre wagte, damit ich seine Visage etwas in Form bringen konnte.
Eine weitere Feststellung, die ich mittlerweile getroffen hatte: Ein Magier war zu viel, wenn bereits drei auf einem drauf lagen, um jedwede Gegenwehr zu verhindern.
Und - Dazen, du hattest etwas vergessen, denn du hättest die verdammte Gabe gehabt diese mentale Fixierung zu durchbrechen, du Riesenhornochse! Was wären dann noch drei Rindviecher an Gegner gewesen, die auf dir drauf lagen! Nichts!
Nun, vielleicht nichts, wenn das oberste Rindvieh nicht gerade die Furie gewesen wäre, die mir den ohnehin brummenden Schädel noch obendrein fast einschlug, damit ich endlich still hielt. Im Nachhinein betrachtet musste ich fast schon über mich selbst lachen und hatte es wirklich nicht besser verdient, als hier zu sein. Und damit ging es mir sogar noch sehr gut bei Licht besehen. Ich wurde hier so fein verköstigt wie ein adeliger Schnösel, die Behandlung war erträglich. Ich bekam sogar Milch spendiert und nette Unterhaltung hatte es hier auch - von den Momenten einmal abgesehen, in denen sie tatsächlich versuchten mehr über meine Beweggründe und auch über die des Reiches zu erfahren. Verdenken konnte ich es ihnen kaum, das wäre genau das gewesen, was ich auch getan hätte.
Die Kopfschmerzen ließen langsam nach und der Hieb in die Magengrube, den ich bei meiner Festnahme kassiert hatte, war nur noch ein fernes Echo dessen, was er in dem Moment ausgelöst hatte. Davon abgesehen hatte ich wahrlich schon schlimmeres an Schmerzen erlebt und mitgemacht.
Da an Schlaf nach wie vor nicht zu denken war, erst recht nicht mit dem Feind vor der Zellentür, setzte ich mich kurz darauf in Decke und Umhang eingewickelt an den kleinen Tisch und zog das Tablett mit dem kalten Essen heran. Das spärliche Licht der Kerze aus dem Bereich vor der Zelle reichte so gerade aus, um zu erkennen, was da lag. Irgendwie hatte ich das Gefühl, da wollte sich der Koch bei mir einschleimen. Wenn ich bedachte, dass der Koch Lafayette war, lag das nicht einmal so fern. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ich dem Essen trauen sollte. Schließlich sah ich zu dem Gitter hin und beschloss es zu wagen. Hin war hin und letztlich hatte ich die Scherereien danach nicht. Die hatten andere. Letztlich verputzte ich alles, was das Tablett hergab und war danach derart vollgefressen, dass ich mich wieder auf die Pritsche werfen konnte für den nächsten Schlafversuch.
Noch während dem Wegdämmern fing ich an mir zu überlegen, was für eine ungehörig dumme Lüge ich auftischen musste, damit ich aus der Sache vor den eigenen Leuten wenigstens mit einem blauen Auge herauskam. Es sollte wohl eine Lüge sein, die nah bei der Wahrheit lag, aber nicht in der Markweih.
Ich begann schwer zu überlegen sie alle zum Narren zu halten und nach einigen Tagen so zu tun, als ob ich einlenkte, und mich bereit erklärte, ihrem Glauben zu folgen, mit der schalen Aussicht irgendwann vor die Zellentüre zu kommen, und hoffentlich eine Gelegenheit zur Flucht zu erhalten auf längere Sicht.
Das, was du dir erkaufen musst, Dazen, ist Zeit. Egal wie, aber erkauf dir Zeit. Dass du den All-Einen im Herzen nicht verrätst, das wird er wissen. Bedenke seine Leitsätze, denn jetzt wäre genau der Moment, wo sie sinnbringend einzusetzen sind.
Dumm nur, was ich wusste, wussten die auch. Wenn ich nun zu schnell nachgab, fiel es auf. Verfluchte Zwickmühle. Was also blieb? Da ich nicht hinaus konnte zum Laufen - sie würden mich kaum lassen - schob ich die Decke beiseite, den Umhang warf ich dazu und wenig später auch Weste und Hemd, und stand zu guter Letzt auf um mich zu waschen.
Danach zweckentfremdete ich die Decke zu einer Matte auf dem Zellenboden und begann mit meinen Morgenübungen, ungeachtet dessen der freundlichen Beobachter jenseits der Zellentür. Dabei ging ich alles durch, was mich bei Ausdauer und Kraft hielt, und wenn ich dafür den verfluchten Stuhl zum Stemmen nutzte, der eigentlich viel zu leicht dafür war. Ich wollte auch nicht wissen, was die zwei vor der Zelle zuerst dachten, was ich da veranstaltete in meinem begrenzten Bewegungsfreiraum, immerhin nutzte ich wirklich alles, was mir zur Verfügung stand. Gitter, Bett, Tisch, Stuhl… nun gut, den Nachttopf nicht. Der musste zur Erleichterung erhalten, wozu er ja immerhin auch gedacht war - und ich betete inbrünstig, dass Lafayette die Scheiße wegbringen musste. Verdient war schließlich verdient.
Nach vollbrachten Übungen - ich gab mich dem bestimmt gute zwei Stunden hin - wusch ich mich erneut und zog mir wieder das Hemd und die Weste über. Der Narben auf dem Rücken, dem Mal der Prätorianer, der Narbe auf der Brust war ich mir dabei nur zu bewusst gewesen. Neben diesen gab es noch einige mehr, weniger auffällig, aber vorhanden. Im Stillen fragte ich mich durchaus, welche Geschichten die Wachenden daraus lasen.
Noch nicht sonderlich gesprächsbereit stellte ich mich an eines der etwas zugigen „Fenster". Es glich eher einer Schießscharte der Größe nach zu urteilen. Es war jedenfalls alles andere als breit genug, um sich davon zu machen, aber die Aussicht war ganz passabel. Nicht, dass ihr Aufmerksamkeit widmete. Während ich vorgab mir den Innenhof des Regiments anzusehen, war mein Blick eher nach innen gekehrt. Ich betete, wobei ich um nichts bat. Ich gab mich nur dem Zwiegespräch hin, suchte meine innere Ruhe zu finden und die nötige Selbstbeherrschung für den kommenden Tag.
Ich war mir sicher, dass mich allenfalls die Enge und die überwältigend vorhandene Zeit zum Nachdenken mürbe machen konnten. Obschon ich natürlich zugeben musste, dass meine Zelle durchaus geräumig und auch für eine Zelle relativ wohnlich eingerichtet war. Es ging mir also nicht wirklich schlecht - zumindest, so vermutete ich, solang ich mich zu betragen wusste. Das wiederum fiel mir sogar einigermaßen leicht und einige Frechheiten schien ich mir sogar erlauben zu dürfen. Blieb nur abzuwarten, wie lange.
Inzwischen nahm ich Platz an dem Tisch, griff mir eines der Bücher und klappte es auf. Das kleine Gefühl. Allein der Titel brachte mich schon zum Seufzen. Daske hatte eine etwas verschrobene Ansicht, was einem Ritter als Lektüre gefallen konnte. Darunter fielen auch Bände über Magie. Vielleicht sollte ich sogar mit denen beginnen, aber ich hatte ja Zeit. Und alles auf Kosten des Kronritters. Wenn das mal nichts war. Vielleicht wurde ja doch noch etwas aus dem gemeinsamen Mahl inklusive nettem Gespräch, das mehr einer Ausfragerei anmuten würde. Ich hielt an meinem vorgefassten Plan fest:
Gute Miene zum bösen Spiel und sollte der Aufenthalt sich länger gestalten, kam die Hinterlist ins Spiel. Da ich durchaus das Gespräch zwischen der Vogtin und dem Kronritter zum Teil mitbekommen hatte, war allerdings eher davon auszugehen, dass ich mir die Mühe sparen konnte - vorausgesetzt der Oberst lebte und atmete noch. Was, wenn nicht, war letztlich dann die Frage, die dräuend im Raum stand und erwartete Beachtung zu finden.
Kommt mir bloß nicht mit Dummheiten. Ich hoffe schwer, du hältst sie gut im Zaum, Muireall. Wehe wenn nicht.
- Die Freiheitsliebe ist eine Kerkerblume,
und erst im Gefängnis fühlt man den Wert der Freiheit.
Heinrich Heine