Der schmale Körper zeigt nicht sonderlich viel weibliche Rundung, er wirkt eher schmal, auf den ein oder anderen wird er gar kränklich wirken. Sie scheint eher schüchtern, in sich gekehrt, die Hände sind jedoch stets in einer Gewissen Bewegung und wenn es nur diese selbst sind die einander halten.
Das Augenpaar blicken mit einer stetigen, fast schon durchdringenden Art, ein jede Person an, so als würde sie das Verhalten dieser genau betrachten. Meist wird nach einigen Wimpernschlägen der Blick mit einem leisen Ausatmen, welcher von einem Seufzer begleitet wird, quitiert. Ein jede Bewegung verläuft fließend, so als würde jeder Schritt etwas bedachtes sein. Wenn das Augenpaar über die komplette Silhouette der jungen Frau schweift so wird er ein, zwar mageres, aber gepflegtes Äußeres wahrnehmen.
Leise ist das Schlagen von Schwingen zu vernehmen, ein Vogel welcher direkt von dem Fenstersims durch die hohen Räume der Bücherei fliegt, für einige Momente fällt der Blick des kleinen Vogels auf eine in sich zusammen gesunkene dunkelhaarige junge Frau, ehe er seinen Weg weiter fortsetzt.
Krampfhaft sitzt sie in der Bücherei, immer wieder gleitet die Hand zu ihrem Kopf, das Pochen scheint ein nicht endender Rhythmus zu sein welcher stetig wiederkehrt, immer zur selben Tageszeit. Das Buch hatte sie neben sich gelegt, die Buchstaben verschwammen ineinander, wenn sie versuchte diese zu entziffern überkam sie lediglich die Übelkeit.
Das Klacken von Schuhen ist zu vernehmen welche den Weg hinauf in ihren Gang suchen. Tastend greift die Hand neben sich um das Buch wieder an sich zu nehmen, zittrig umschließt diese jenes und zieht es empor. Ein tiefes und angestrengtes Einatmen erklingt, sich wohl zusammenreißend.
'Was machst du da, steh gefälligst auf. Keiner hat dir gesagt das du eine Pause machen sollst. Was ließt du da du Göre!'
Wutentbrannt wird ihr mit einem Ruck das Buch aus der Hand gerissen, die Augen ihres Gegenüber starren sie für einen Moment hasserfüllt an. Das Buch, ein Geschenk ihres Bruders, musste sie wieder bekommen....auf keinen fall durfte es in die Hände ihrer Herrin geraten.
'Was ist das für ein Mist? Schaff dich raus du hast zu arbeiten!'
Mit einer gewissen Eile wendet sich die Dicke Kammerzofe der Herrin und trampelte davon. Die Hände der jungen Frau strecken sich in ihre Richtung aus, so als wolle sie versuchen diese aufzuhalten, doch vergeblich, jene bahnt sich ihren Weg durch die Türen der Bücherhalle und lässt diese mit einem lauten Krach zufallen. Ein tiefes angestrengtes Einatmen folgt.
Sie muss das Buch wieder an sich kriegen, egal wie und unter welchen Umständen, es muss wieder den Weg in ihre Hände finden! Es war das einzige was sie an die beiden erinnerte.
Langsam sinkt der Körper auf den Boden, der Rücken lehnt sich an eines der Bücherregale und das Augenpaar schweift über die tausend dort verweilenden Bände. Noch einige Wimpernschläge bleibt sie in jener Position eh sich der schmale Körper emporhebt und die Hand in einer filigranen Bewegung sanft über die Gesichtszüge streicht, ein tiefes Atmen folgt. Als auch sie den Weg in Richtung Türe geht und diese dann öffnet, jenes wird von einem leisen quietschenden Geräusch der Scharniere begleitet und mit einem Klacken als das Schloss ineinander fällt beendet.
Danach ist lediglich das klackende Geräusch von Schuhen zu vernehmen, Getuschel und Gekichere welches kurz vor ihr zum Schweigen kommt. Mit fast eingebildeten Blicken wird sie für einige Momente gemustert ehe eine der Damen in einem übertrieben arrogantem Ton meint: 'Hast du wieder kein essen bekommen Ina? Wundert mich ja nicht du träumst ja nur vor dich her anstatt deine Arbeit zu erledigen.' Wieder beginnen die Damen zu kichern, drehen sich um und gehen ihres Weges mit ihrem Getuschel und Getratsche. Die Hände gleiten über das Kleid und tatsächlich, es hing nicht mehr so straff wie es mal war, sie hatte wieder abgenommen und auch ihre Teint war lange nicht mehr so rosig wie er früher war als sie noch in Bajard mit ihren Brüdern tobte. Lange war es her....sehr lange. Sie war nun schon ganze 5 Jahreswechsel auf dem Anwesen der Herrin und hatte sich so gut es geht auch eingegliedert, sie wusste um das Hofzeremoniell und hatte das Lesen und Schreiben gelernt, auch wie man in der Küche arbeitet war ihr nicht fremd, nur all zu oft hatte sie den Küchendienst übernehmen müssen.
Sachte schüttelt sie den Kopf hin und her um die Gedanken wieder auf das hier und das jetzt zu konzentrieren. Eine Stille kehrte ein, eine unheimliche Stille....es war eine drei schneidige Stille. Eine in welcher man wenn diese nicht wäre, das kichern der Damen wahrnehmen könnte welche den Ganz hinauf schreiten.
Eine in welcher man das Glockenspiel hätte wahrnehmen können das stets zur Mittagszeit läutete und somit das Mahl der Hohen Herren und Damen ankündigte.
Eine Stille....in welcher sie das zwitschern der Vögel wahrnehmen könnte welche im Innenhof auf den Bäumen im Garten ihre Gefieder putzen.
Doch nichts von alle dem hörte man, es war einfach nur still. Für einige Momente fokussierte sie ein Gemälde und kurz mochte es wirken als würden die Augen dieser dort gemalten Person in ihre Richtung schauen, doch als sie den Blick gerade noch intensivieren wollte waren jene wieder starr geradeaus gerichtet. Mit einem verwirrten Blick wendet sie sich und setzt ihren Weg in Richtung Zimmer der Kammerzofe fort. Dort angekommen setzt sie zum klopfen an, hinter ihr räuspert sich im selben Moment eine weiblich anhörende Stimme.
'Suchst du das hier?' erklingt es in einem fragenden Ton während die dicke Hofzofe mit dem schon leicht mitgenommenen Buch, hin und her wedelt. 'Ich habe nicht die geringste Ahnung wieso du es so dringend haben möchtest aber da ich merke das dein Wille es zu bekommen stark ist, werde ich es behalten.' Ein zynisches Grinsen legt sich auf das Gesicht und lässt sie in gewissermaßen aussehen wie einer der Tempelhunde welche mit zu viel Haut gesegnet wurden. Kurz vermag genau dieser Gesichtsausdruck Katharina ein Schmunzeln auf die Lippen zaubern.
'Was grinst du so dämlich?' Erklingt es auf das Schmunzeln hin.
'Ich finde Ihr seht aus wie eine der Tempelhunde.' Trocken, ganz ohne Gefühl dringen diese Worte an die Ohren der dicken Kammerzofe welche jedoch wohl genau über diesen Satz nicht sonderlich erpicht scheint. Sofort setzt sie zum Schlag an, sie raßt auf Ina zu, hebt die Hand empor und mit einer Wucht knallt diese in das Gesicht der jungen Frau. Ein keuchen erklingt und sogleich gleitet ihre Hand in Richtung des kleinen Dolches welchen sie schon seit dem Überfall des Küchenjungen stets bei sich behält und unter dem Innenrock versteckt. Gerade so kam sie an diesen während der Körper der dicken Kammerzofe über ihre gebeugt verharrt, ihr die Haare hält und immer wieder versucht ihr mit Leibeskräften Gewalt zuzufügen. Als sie endlich den kleinen Dolch in ihren Händen hält umklammert sie ihn......
Sollte sie es tun? War es das richtige? Der Hass gegen diese dicke, hässliche Frau war unbändig...sie würde ihr die Haut vom Leibe reißen wenn sie nur könnte, ihr die Haare einzeln herausziehen. Jahre der Demütigung, der Schläge und des Missbrauches...sie konnte es nun zu ende bringen, sich rächen...rächen für all die Jahre wo sie unter der alten Frau dienen musste....eine alte Frau welche ihr nichts gutes tun wollte.
.....und stach zu. Sie stach in den Hals hinein, das Blut spritzte sofort wie eine Fontäne aus dem Leib der alten Frau, es ergoss sich über sie. Ein Würgreiz überkam Ina als sie all das Blut sah welches auf sie zukam, sich sogar in ihrem Mund verirrte.
....Geschmack aus Eisen, zäh und doch flüssig wie geschmolzenes Gold, gerinnt es wird es klumpig wie auch jenes. Ob Blut nicht auch den Wert von Gold hat? Rache hat es jedenfalls, eine Art Erleichterung weicht dem Gefühl von Angst. Das Gesicht der Kammerzofe, welches von Verwunderung, angst und Unglauben spricht, ist Genugtuung genug.
Als der Körper über ihr zusammensackt presst es ihr die Luft aus den Lungen und ein japsendes Schnappatmen folgt, mit aller Kraft windet sie sich unter dem Leblosen Körper hervor. Die Klinge wird an ihrem Stoff abgewaschen und in die Blutüberströmte Hand der dicken gelegt. Eiligst entfernt sie sich von der Tatstelle und zieht kurz danach die Schuhe aus welche wohl Spuren hinterlassen könnten. Eilig geht sie in Richtung Zimmer und kann nur von Glück sprechen das ihr diesmal keine Menschenseele entgegen kommt.
Als sie endlich in ihren Gemächern angekommen ist Atmet sie tief ein, eiligst schnappt sie sich alles an Kleidung, streift die neue über die Alte und packt einen kleinen Sack mit all ihren Habseligkeiten zusammen.
'Überfall, riegelt die Tore ab!'
Getrampelt ist zu vernehmen, ihr Herz beginnt zu raßen und der Atem wird schneller.
Was mach ich nun? Wo soll ich hin? Ich muss raus hier, sie werden mich hängen wenn sie bemerken das ich es war.
Wie wild kramt sie den Rest der Dinge zusammen, nimmt den Umhang und hängt diesen über sich, die Kapuze wird etwas tiefer in das Gesicht gezogen. Das feinste Kleid hatte sie sich herausgesucht, prunkvoll sollte es sein, schön aussehen und vor allem aber wollte sie nicht wirken als hätte sie gerade ihre Vorgesetzte ermordet.
Die Türen hinter sich schließend verstaut sie die wenigen Habseligkeiten in einer Umhängetasche welche mit Perlen verziert wurden. Das Augenpaar gleitet in Richtung des Westflügels wo eben auch der hintere Ausgang zu den Äckern und Wäldern des Hofes war. Während die Wachen an ihr vorbei stiefelten neigte sie ein jedem grüßend das Haupt entgegen, wobei sie versuchte etwas überrascht zu wirken, gar fragend versuchte sie die Mimik in Richtung der Wachen zu senden.
'Ein Überfall Madame, geht ruhig Eures Weges weiter'
Erklingt es auf ihren Blick hin und der junge Mann rennt den restlichen Wachen hinterher. Als sie jene Gefahrenstelle überwunden zu haben schien und die Tore in Richtung Gärten erreichte blickte sie ein letztes mal hinter sich, immer noch hörte sie schreie aus dem inneren des Gebäudes.
Ein letzter Blick, eine letzte Erinnerung, ein letzter Atemzug.....
Die Füße begannen zu laufen nur langsam rissen sich die Augen von dem Gang los. Als jedoch auch diese den Weg auf die nun vor ihr liegenden Straße fanden war es als würde eine Leere in ihren Kopf treten, kein Gedanke herrschte mehr in ihr, lediglich die Urfunktionen...das Atmen, Schlucken, Laufen, Blinzeln...... als das tat sie noch, doch dabei dachte sie nichts.
Tagebuch.
Ich kann mich an nichts mehr erinnern, ich habe den Waldrand vom Hof erreicht, das heißt ich habe es geschafft, ich bin frei. Hoffe ich.....
Endlich kann ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen, endlich kann ich frei sein und meine Familie wieder sehen, endlich kann ich meinen eigenen Weg gehen.
Leise ist das Zwitschern der Vögel zu vernehmen, das rascheln des Windes welcher den Weg durch die Bäume findet und die Blätter hin und her wehen lässt. Hier und da vermag ein vereinzelnder Sonnenstrahl den Weg auf den Boden des Waldes finden und lassen den Boden in einem satten hellen Braun erstrahlen. Die Augen öffnen sich langsam, fast schon zaghaft, die Hände tasten nach der Tasche und als sie das Buch unter ihren Händen spürt setzt sie sich auf, ein tiefes Einatmen folgt.
Das Kleid war keineswegs gut für eine Flucht, sie kam schlecht voran damit aber es hier liegen lassen würde nur bedeuten das sie auf der Flucht war, es würde zeigen das sie Dreck am...stecken hätte. Mit einem Ruck hievt sie sich empor und steht nach einem kurzen Wackler felsenfest auf der Erdoberfläche. Das Augenpaar mustert die Gegend und gleitet sogleich in Richtung Himmel.
Sie musste dringend eine Lichtung finden um den Sonnenstand zu sehen, sonst würde sie keineswegs wissen wohin sie gehen sollte. Mit dem neuen Ziel im Peto macht Ina sich auf den Weg, das Kleid wird mit beiden Händen an den Seiten gepackt um es so leicht anzuheben, durch die kleinen Äste blieb sie trotz allem ständig an irgendeinem hängen. Nichts desto trotz, es musste weiter gehen, der Weg musste fortgesetzt werden komme was wolle.
So kam es das Tage vergingen, gar Wochen, das Kleid sah lange nicht mehr nach Wohlstand aus und irgendwann tauschte Sie es gar mit einer anderen Jungen Frau um sodann angenehmere Wanderkleidung an ihrem Leib zu tragen. Nach dieser Verwandlung ging es auch endlich voran, der Weg nach Bajard war nicht mehr weit. Nur noch einige Monde und sie hätte das Fischerdorf, ihre Heimat, endlich erreicht.
Der Weg zog sich dahin und die Nächte alleine waren alles andere als angenehm, sie hatte zwar nichts an dem allein sein auszusetzen aber doch an dem im Wald alleine sein. Es lag ihr nicht wie ein Streuner durch die Gegend zu ziehen, sie fühlte sich dreckig und bei jedem Kutschengeräusch durchzog die Angst ihr Mark und Gebein. Es war nur eine Frage der Zeit wann man sie anfangen würde zu suchen, sie konnte lediglich hoffen das man irgendwann aufhörte zu suchen.
Nach einigen Tagen hatte sie endlich das Tor von Bajard erreicht, es hatte sich einiges verändert seit sie die Hallen ihres Zuhauses verlassen hatte. Jetzt war es an der Zeit endlich ihre Familie zu suchen.