- [img]http://31.media.tumblr.com/23acb302829be09be7f19cf41a28b8c4/tumblr_n7qkvulDes1txobqgo1_250.gif[/img]
Ich saß gerade im Sand, die Gedanken auf das Meer hinaus gerichtet, als es klingelte. Ich nahm meinen Eimer mit Fisch mit mir und stellte ihn in der Küche ab und eilte zur Tür. Als ob ich es im Gefühl gehabt hatte, dass er es war, der klingelte, eilte ich mehr als sonst. Ich wollte ihn sehen, jetzt. Ich wollte wieder dieses Gefühl verspüren, welches er mir seit vielen Tagen gab. Was am Anfang wahrlich nur eine Schwärmerei war, ein Nachgehen kleiner Mädchenträume, war nun zu so etwas Handfestem geworden. Seine Anwesenheit, die mich mit Wärme erfüllte, seine Worte und Gesten, die mich verändert hatten. Seine Augen, aiwa, seine Augen, in denen ich versinken konnte...
Ich öffnete. Und natürlich entschuldigte ich mich gleich bei ihm, dass es so lange gedauert hatte. Normalerweise öffnete ich sofort. Er schmunzelte nur. Bei Eluive, warum machte mich selbst sein sanftmütiges Schmunzeln so verrückt? Es gab Momente, in denen es mir schwer fiel. Äußerst schwer fiel, einfach an Ort und Stelle stehen zu bleiben. Ich bot ihm an, dass wir uns irgendwo setzen sollten und er ließ mir die Wahl. Ich erzählte ihm von einem Ort in der Nähe, an dem ich mich abends gerne aufhielt. Dort war es ruhig, man konnte die Gedanken schweifen lassen und irgendwie trug jener Ort eine Geschichte. Ein Ort, der mich immer wieder faszinierte. Er gab seine Zustimmung und wir schlichen uns durch den Sand. Die Ruine befand sich nicht unweit vom Familienviertel, weswegen wir nicht allzu lange durch den Sand gehen mussten. Recht schnell ließ ich mich in den Sand fallen und setzte mich an den Rand des Strandes, um das Wasser immer wieder meine Füße streichen zu lassen.
“Ich sitze abends ganz gerne hier. Es ist schön ruhig und doch in der Nähe der Familie.“ Er schmunzelte etwas und setzte sich zu mir, wodurch ich mich und meine Sitzposition ein wenig veränderte, um ihn ansehen zu können. Ich begann ein wenig von dem Ort zu schwärmen. Und meine Phantasie verleitete mich dazu, mir die wildesten Geschichten zu diesem Ort auszudenken. Was es einmal hätte sein können.
“Deine Phantasie begeistert mich durchaus immer wieder einmal.“
Aiwa, die Phantasie. Was wären wir ohne Phantasie? Ich war davon überzeugt, dass jeder über die nötige Phantasie verfügte. Auch, wenn er mir das nicht gleich glauben wollte. Das Gespräch, welches sich daraus entwickelte, war... interessant. Und doch war es merkwürdig, wie wir auf solche Themen kamen. Wir kamen von der Phantasie auf Gedanken, die ja im größten Maße auch etwas mit unserer Phantasie zu tun hatten. Es war schon fast in mein gedankliches Abbas-Buch geschrieben, dass er mir antwortete, dass er manche Gedanken doch auch gern für sich behalten würde. Ich hingegen war neugierig. Mich interessierten seine aufrichtigen Gedanken. Zumindest bei manchen Dingen, wie zum Beispiel mich. Auch, wenn ich schon viel wusste, würde mich noch viel, viel mehr interessieren.
“Daran habe ich keinen Zweifel, doch würde ich dir auch gern manche Gedankengänge ersparen.“, es verwunderte mich nicht, dass er genau das sagte. Dennoch interessierte es mich. Was wollte er mir ersparen?
“Wenn ich dir diese nun sagen würde, dann erspare ich sie dir neda mehr, oder?“ Ich schmunzelte und zeichnete mit meinem Zeigefinger etwas im Sand.
“Naja, du kannst ja nur die grobe Thematik nennen, dann würdest du mir die Thematik ja neda vorenthalten, aber die tieferen Gedanken dazu. Also bleiben mir die Gedanken ja auch erspart.“ Ich musste etwas breiter grinsen. Ich war manchmal aber auch ein kleiner, schlauer Fenek. Das musste ich mir selbst eingestehen. Er hingegen glaubte, er bringe mich dadurch nur in die Verlegenheit, weiter nachzufragen. Dennoch wollte er es versuchen. Ich warnte ihn hingegen vor, dass ich sehr neugierig war.
“Aiwa, ich weiß und ich ahne schon, dass wir das Thema sehr vertiefen werden müssen.“
Das versprach doch schon ein gutes Maß an Spannung. Ich war mir noch nicht sicher, welches Thema das war, welches mich so sehr interessieren konnte, bis er erwähnte, dass sich die Gedanken um mich drehten. Ich hatte die Hoffnung, dass die Gedanken nun nicht allzu schlimm waren, was ich ihm auch sagte. Und, dass er mir diese dann wohl durchaus sagen konnte. Ich sah sein Grinsen auf den Zügen, die Herausforderung. Wie er mit mir ein neckendes Spiel trieb. Da ich immer mehr in seiner Gegenwart auftaute, ging ich darauf ein. Er zögerte eine ganze Weile, weil er nicht wusste, ob er mir die Gedanken tatsächlich anvertrauen konnte. Gedanken über mich konnte er mir anvertrauen, wenn nicht mir, wem dann? Aber mir war auch bewusst, dass es nicht so leicht war. Ich konnte ihm vielleicht auch nicht alle Gedanken anvertrauen, die ich so hatte, wenn ich neben ihm saß. Und die, die ich hatte, wenn ich nicht neben ihm saß, konnte ich ihm erst recht nicht unbedingt anvertrauen.
“... könnte wahrscheinlich von neda sehr traditionellen Gedanken meinerseits zeugen.“
Die Frage war nun, in welche Richtung seine Gedanken gingen.
“Ich weiß neda, vielleicht kennst du die Momente, wenn man nach einem langen Tag oder am Morgen in seinem Bett liegt und dann die Gedanken schweifen lässt.“
Ich wusste, was er damit meinte. Ich konnte davon ein Lied singen. Man dachte nun einmal in solchen Momenten über alles Mögliche nach. Und in denen Momenten schlich sich mein Gedanke so gut wie immer zu ihm. Die Gedanken konnten unterschiedlicher gar nicht sein. Und für den einen oder anderen Gedanken würde man mich sogar ermahnen, würde ich ihn laut aussprechen.
“Aber für seine Gedanken kann man ja neda was.“, fügte ich dann leise hinzu und er atmete erleichtert durch und sah auf das Meer hinaus. Ich sah zu ihm und kniff meine Augen ein bisschen mehr zusammen. Ich wollte aus seinem Gesicht, aus seiner Haltung irgendetwas erkennen können.
“Die Gedanken sind wirklich manchmal sehr verrückt.“
- Verrückt?
²Naja, hattest du schon einmal Gedanken, die so vielleicht ein wenig verwerflich wären, zumindest wenn es so ist, wie im Moment.“
Ich dachte kurz über seine Worte nach und nickte dann zögerlich. Wenn man dazu zählte, dass ich mir manchmal wünschte, dass ich einfach irgendwo anders sein konnte, um keine Traditionen zu haben, die mich davon abhielten, seine Hand in meine zu nehmen oder ihn gar... zu küssen? Ich meine, ich liebte all die Traditionen des Landes. Aber wenn man das fühlte, was ich fühlte, entwickelten sich Bedürfnisse, die es noch nie zuvor gegeben hatte. Ich glaubte also zu verstehen, was er meinte. Und dennoch blieb alles unausgesprochen zwischen uns, so dass auch er verunsichert war, ob ich ihn verstanden hatte.
“Was denkst du denn im Moment?“
Was dachte ich im Moment?
Ich fragte mich, was er sich wohl dachte. Wie er über mich dachte. Und ich dachte daran, wie es sich wohl anfühlen würde. Es. Eine Berührung, ein Kuss. Mehr wollte ich noch gar nicht wissen, aber ich wusste, dass ich diese Gedanken gar nicht haben durfte. Und trotzdem waren sie da. Am heutigen Tage noch viel öfter und viel intensiver als sonst. Mein Herzklopfen untermalte diese Gedanken, allein die Vorstellung ließ meine Knie weich werden.
“Ich darf meine Gedanken glaube ich neda aussprechen.“, entgegnete ich dann leise und er erwiderte, dass er glaubte, dass uns hier niemand hören würde. Dennoch, er würde es hören. Und er würde auch handeln können, würde er das wollen. Immerhin war er dennoch ein Mitglied des Hause Omar.
Es war schön, mit ihm hier zu sitzen. Ich hatte ihm so langsam jeden einzelnen Ort gezeigt, an dem man mich finden konnte. Ich kannte seine Orte auch alle, abgesehen vom Palast. Dort war er sicher vor mir und konnte sich noch vor mir verstecken. Ich musste leise glucksen, als ich ihm das so sagte. Die Wachen würden mich nicht in den Palast lassen. Das war eine schwere Erkenntnis, aber es war so.
„Zeigst du mir den Palast irgendwann?“ Ich hatte die Frage ausgesprochen, noch bevor ich wirklich darüber nachdenken konnte. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, was er dann sagte.
“Eigentlich sollen nur Personen, die etwas zu erledigen haben, den hinteren Teil des Palastes betreten. Aber wir können das sicherlich einmal in den späten Abendstunden machen.“ Er wollte mir also tatsächlich den Palast zeigen. Dennoch sagte ich ihm, dass ich nicht möchte, dass er wegen mir Ärger dafür bekommt. Aber er beschwichtigte mich. Wenn er das sagte, dass es in Ordnung wäre, dann glaubte ich ihm. Trotz der Vorfreude interessierten mich seine Gedanken dennoch. Er bot mir an, dass wir darüber einmal reden konnten, wenn ich im Palast war. Ich musste mich also gedulden. Ich war ja auch so gut darin. Ich seufzte. Ich würde mir nun Abend für Abend, Nacht für Nacht den Kopf zerbrechen. Und ich würde Augenringe haben. Ich lachte wieder leise.
“Das wäre wohl die einzige Spur, die ich in deinem Gesicht erkennen könnte.“
Er hatte mein Gesicht nie gesehen. Ich trug immer den Schleier. Es gab nur wenige, die bisher mein Gesicht tatsächlich gesehen hatten. Baschar war einer davon, weil er mich einmal versorgen musste. Wahid und Nadim sahen es nur flüchtig. Ich versprach Abbas hingegen, dass sich darunter ein Gesicht verbarg, was ihn wieder zum Schmunzeln brachte. Ich sagte ihm sogar, dass das Gesicht recht hübsch sei.
“Darin besteht kein Zweifel. Aber trotzdem reizt es mich in manchen Momenten zu wissen, wie schön dieses Gesicht wirklich ist.“
Es war ja nicht verboten. Es war nicht verboten, dass er mein Gesicht sah. Mein Vater hatte mir immer gesagt, ich durfte jedem mein Gesicht zeigen, wenn ich das wollte. Außer den Fremdländern. Abgesehen von engeren Freunden der Familie, dort konnte man auch Ausnahmen machen. Ich selbst hatte es mir aber angewöhnt, mein Gesicht zu verbergen. Auch meine Eltern hatten mich oftmals nur noch verschleiert gesehen. Es war wie eine Art Schutz für mich. Man konnte mir zwar in die Augen sehen, aber den Rest konnte man nicht erkennen. Ohne Schleier fühlte ich mich nackt, teilweise sogar sehr unwohl. Weswegen ich ihn immer trug. Wenn es ginge, würde ich ihn auch während dem Schlafen tragen. Ich erklärte Abbas, dass bisher nur Baschar mein Gesicht bewusst gesehen hatte, woraufhin er meinte, er müsse Baschar doch einmal wieder aufsuchen. Ich schmunzelte zaghaft.
“Um ihn zu fragen, wie es unterhalb des Schleiers aussieht?“ Er sah mir unschuldig entgegen und meinte, er würde hauptsächlich wegen einigen Tränken bei ihm vorbeisehen, aber vielleicht würde das auch zur Sprache kommen. Meine Mundwinkel rückten etwas empor und ich sah ihm für einen Moment verträumt entgegen. Das, was ich für mich innerlich gerade beschlossen hatte, war ein großer Schritt und ein sehr großer Vertrauensbeweis meinerseits. Ich senkte den Blick kurz.
“Und wenn ich dir die Erlaubnis gebe, mein Gesicht zu sehen?“ Er musterte mich für einen Moment und schmunzelte dann. Wenn er sich dann nicht wieder Vorwürfe aus meiner Familie anhören müsste, würde er diese Erlaubnis nutzen. Aber wir waren hier unter uns. Hier sah uns niemand. Selbst wenn irgendwer ein Problem damit gehabt hätte, es hätte niemand erfahren. Ich stellte ihm nur eine Bedingung. Er sah überrascht zu mir.
“Welche wäre das denn?“
Die Bedingung war eine einfache. Er musste mir den Schleier abnehmen, weil es mich selbst zu viel Überwindung kosten würde. Ich konnte es nicht, ich würde am Ende wieder einen Rückzieher machen. Es war zu ungewohnt für mich, zu fremd. Vielleicht war es mir sogar unangenehm, auch wenn ich tatsächlich nichts zu verbergen hatte.
“Bist du wirklich sicher, dass du das möchtest. Ich will dich neda dazu gedrängt haben.“ Ich nickte, denn ich war mir sicher. Ich konnte es selbst nur nicht. Aber ich wollte es. Er drehte sich dann ein weiteres Stück zu mir und sah mich zögerlich an. Ich musste kurz etwas schmunzeln unterhalb des Schleiers. Er legte behutsam seine Hände an die Seiten des Schleiers, wieder zögerte er. Ich musste für den Moment zunächst meine Augen schließen, welchem meinem Lächeln aber keinen Abriss tat. Er löste den Schleier. Und ich hob meinen Blick wieder an.
Er lächelte. Es war eine Mischung aus Erleichterung und Begeisterung. Und ich lächelte. Intensiver. Es war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Nicht in seiner Nähe.
„Du hast ein sehr schönes Gesicht. Makellos.“ Ich bedankte mich bei ihm. Und er sich bei mir, für diesen Anblick. Ich konnte ihn ja nun auch nicht mehr allzu lange zappeln lassen. Immerhin tat er das schon seit dem ersten Tag, an dem wir uns begegnet waren.
“Aiwa, es war schon eine sehr lange Zeit. Aber nun habe ich Gewissheit, dass du noch schöner bist als ich es mir vorgestellt habe.“
Ich war mir sicher, dass ich meine Wangen daraufhin ein wenig rot eingefärbt hatten und sein schmunzeln bestätigte das nur.
“Du brauchst deswegen neda rot werden, Laila.“ Aber ich tat es, immerhin hatte ich bisher noch nie wirklich aufrichtige Komplimente zu meinem Aussehen erhalten. Was vielleicht auch daran lag, dass noch nie jemand so intensiv meine Gesichtszüge betrachtet hatte. Ich sah wieder zu ihm. Er schmunzelte noch immer. Aber was noch viel wichtiger war: Er sah sehr, sehr glücklich aus. Es war so wundervoll, ihn so glücklich zu sehen.
“Ich hoffe, du weißt diese Ehre zu schätzen.“
“Aiwa, natürlich weiß ich das. Ich werde diesen Moment wohl niemals vergessen.“
Vielleicht würde er diesen Anblick früher oder später öfter sehen. Er entgegnete, dass ihm das ein Lächeln auf die Lippen zaubern würde. Das hingegen war für mich wieder ein Reiz, denn ich wollte ihn glücklich machen und ihm ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Ich mochte diese Momente zwischen uns. Ich fühlte mich einfach nur wohl. Sogar auf eine andere Art und Weise. Vielleicht lag es wirklich an dem Ort. Er verführte gerne zu solch einer Stimmung, immerhin war der Ort selbst schon so geheimnisvoll und so anonym. Auch, wenn Abbas und ich uns gar nicht so fremd waren. Wir sprachen noch kurz über den morgigen Tag und meine Aufgabe als Wache. Sollte es drauf ankommen, würde ich ihn schützen. Ich würde mich heldenhaft vor ihn werfen, nur, damit er nicht verletzt würde.
“Mhh, ich glaube das gefällt mir neda. Ich würde lieber verletzt werden, als das es dich trifft.“
Wir saßen noch eine Weile dort, ehe er mich dann zurück begleitete. Ich bedankte mich höflich für den wunderschönen Abend und wir verabschiedeten uns. Er ging den Weg entlang, wobei er wieder einmal zu mir zurück sah. Es war nur ein kurzer Impuls, der mich ihm nachrennen ließ. Ich wollte nicht, dass er ging. Aber ich wusste, er musste. Dennoch...
“Warte..!“
Er sah überrascht zur Seite und sah mich an. Ich stand vor ihm und sah grinsend zu ihm hoch. Ich wechselte ein paar letzte Worte mit ihm, erzählte ihm von meinen Gedanken, die ich für diesen Moment hatte. Er war zunächst verdutzt, dann hingegen flüsterte er leise, dass es wohl schlechtere Wünsche gab. Ich musste wieder lächeln und ließ ihn gehen. Ich würde ihn am nächsten Tag wiedersehen.
Als ich zuhause war, ließ ich den Abend noch einmal Revue passieren. Was war das heute gewesen?
Wir waren so vertraut miteinander gewesen im Umgang, so, als könne sich nie wieder etwas zwischen uns stellen. Wir wahrten alle Traditionen und dennoch konnten wir uns gegenseitig zeigen, was uns am Herzen lag. Es war ein schönes Gefühl und mit diesem schönen Gefühl wollte ich auch einschlafen. Wären da nicht die abertausenden Gedanken gewesen, die mich wach hielten und mir ein Schmunzeln auf die Züge zauberten. Ich war mir sicher, dieser Abend hatte mehr von unserer gemeinsamen Geschichte geschrieben, als viele andere Abende zuvor. Es war ein Zauber zwischen uns gelegen, ein Zauber, auf den ich lange gewartet hatte und endlich war er da. Ich fühlte, wie mein Herz sich leichter anfühlte und unter meiner Brust vibrierte. Und obwohl noch viele Antworten auf so viele meiner Fragen offen blieben, eine Frage konnte ich mit reinem Gewissen beantworten. Ich wollte nicht mehr ohne ihn sein.