Wo der Horizont das Meer küsst

Geschichten eurer Charaktere
Gast

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Ich schnürte das restliche Gepäck am Sattel meiner Stute fest. Ein scheuer Blick zurück über die Schulter mit der kleinen, aber doch anwesenden Hoffnung, dass er doch noch durch die Tore kam, um mich zu sehen, bevor ich erstmal auf Reisen ging. Nichts. Wahrscheinlich war etwas wichtiges, etwas wichtigeres, wie so oft, dazwischen gekommen.

Ich zog mich in den Sattel. Ich war gerüstet, immerhin wusste man nicht, was in der Wüste alles auf einen lauerte. Ich machte mich auf den Weg nach Hause. Der Weg dorthin war lang und anstrengend, gerade dann, wenn man sich nicht der Karawane angeschlossen hatte. Aber die Reise mit der Karawane hatte mir zu viel Zeit in Anspruch genommen. Ich musste schneller vorankommen. Meine Gedanken hatten viel Zeit, um um sich zu kreisen.

Auch, als ich bei der Familie angekommen war, hatte ich viel Zeit, um nachzudenken. Wenn alles wahr werden würde, was Wahid so sagte oder befürchtete, dann würden mich meine Wege wieder hier her zurückführen. Dann würde mich nichts mehr in der goldenen Stadt halten, weil ich dann wusste, dass ich ihn gleichsam wie den Namen meines Hauses verlieren würde. Und beide Verluste würde ich nicht weiter ertragen wollen. Aber vorerst musste ich irgendwann einmal Zeit finden, um mit ihm über all das zu sprechen. Ich war nach dem Gespräch mit Wahid sehr still geworden. Und nachdenklich. Ein leises Seufzen überkam meine Lippen.

Bei meiner Rückkehr in das Familienviertel war es noch genauso leer wie zuvor auch. Ich wunderte mich kaum noch über irgendetwas, ich nahm es einfach so hin. Ich vertrödelte meine Zeit damit, Fische zu fangen, um diese zuzubereiten. Hier und da sah ich aus den Augenwinkeln einen Menekaner vorbeihuschen, der scheinbar zur Familie gehörte, aber sich nicht vorstellen wollte. Auch das nahm ich hin. Es war ernüchternd. Alles. Ich brauchte Aufgaben, aber es gab keine. Es war schlicht und ergreifend.. ernüchternd.
Gast

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  • Ist meine Hand eine Faust machst Du sie wieder auf und legst die Deine in meine.
    Du flüsterst Sätze mit Bedacht durch all den Lärm als ob sie mein Sextant und Kompass wär’n.

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Dieses eine Mal war einmal zu viel gewesen. Mir war sein Name egal, sein Stand egal, ich spürte nur noch die Wut. Dabei hatte der Abend so schön angefangen. Sein Besuch gemeinsam mit Sahid bei uns, die Zuneigung, die er auf seine Art und Weise zeigte. Das öffentliche Bekenntnis, dass er in letzter Zeit sehr oft hier war und die Tatsache, dass Sahid ziemlich schnell verstand, warum. Das war das, was man darunter verstand, einer Natifah Hoffnungen zu machen. Ich war in der Zeit mit ihm noch nie so hoch geflogen, wie in diesem Moment. Aber ich war auch nie so tief gefallen in der Zeit, wie am selbigen Abend. Nach seinen letzten Worten und der Frage, ob wir uns morgen wiedersehen würden, antwortete ich kurz und knapp mit einem „Vielleicht“. Und verschwand dann ohne weitere Worte durch das Tor, welches krachend ins Schloss fiel. Der Blumentopf, der im Weg stand, bekam einen Tritt, woraufhin sich recht schnell ein beißender Schmerz in meinem Fuß breitmachte. Dieses Mal war es wirklich zu viel.

Eigentlich hatte ich auch keine Lust, die Tore zu öffnen, als er erneut vor diesen stand. Ich hatte ihm nicht mehr viel zu sagen, ich wollte ihm auch gar nicht mehr viel sagen. Dennoch beherrschte ich mich und zeigte die nötige Höflichkeit. Ich bot ihm, wie immer, etwas zu trinken an, woraufhin er sich – wie immer - für einen Mocca entschied. Da ich meinen Fuß noch immer nicht richtig belasten konnte, war der Weg eher beschwerlicher in die Küche. Dennoch bereitete ich alles wie gewünscht zu. „Darf ich fragen, was mit deinem Bein ist?“; auch hier antwortete ich höflich und erklärte ihm die Situation mit dem Blumentopf. „Dann hat das zuknallen des Tores noch nicht die Wut abgebaut. Allerdings wollte ich dich nicht mit Wut erfüllen.“; ich nickte daraufhin nur. Was hätte ich ihm sagen sollen? Er saß hier vor mir und schien seine Worte mit Bedacht zu wählen, er wirkte gar kleinlaut. „Ich schätze, deine Wut ist auch noch neda verflogen?“
Wut. Ach, wenn er nur wüsste. Die Wut war längst verflogen, das sagte ich ihm auch. Sie war etwas gewichen, was viel schlimmer war als Wut. Und das schlussfolgerte er auch. „Die Wut hat Enttäuschung, Verletzung und Resignation zurückgelassen. Weißt du, Abbas. Mein Verstand sagt mir, dass ich dich neda mehr sehen will. Dass ich mich neda mehr weiter so behandeln lassen will, dass ich neda mehr Höhenflüge habe, nur um danach nur noch tiefer zu fallen.“; auch, wenn meine Worte einen giftigen Dorn hatten, die ich dennoch mit Bedacht und mit jeglicher Ruhe sprach, saßen sie vermutlich tief. Aber es war nur das, was ich empfand. Er erklärte mir, dass er nicht wusste, was mich an dem Abend so dermaßen verletzt hatte. Ich konnte es ihm nicht so erklären, wie ich es für den Moment im Kopf hatte. Also versuchte ich es diplomatischer. „Du warst hier. Mit Sahid. Du hast mir Signale gesendet, vielleicht unterbewusst, die mir vermutlich weitaus mehr vermittelt haben, als du vermitteln wolltest. Selbst Sahid schien das begriffen zu haben. Zumindest kam es mir so vor. Ich war wirklich glücklich über diesen Zustand. Aber dann kam wieder die Sache mit dem Vertrauen.“; aiwa, die Sache mit dem Vertrauen. Ich verstand es immer noch nicht, warum er nicht darauf vertrauen konnte, dass ich ihn nicht wieder allein lassen würde. Er brauchte doch keine Angst davor haben. Das würde ich nur tun, wenn es Eluives Wille war. „Ich verstehe, dass du dir schwer tust. Aber versteh hudad auch, dass jeder Schritt, den du auf mich zumachst, mich glücklich macht. Und jeder weitere Schritt, den du im nächsten Moment wieder zurück machst, nur noch mehr verletzt. Ich war, als ich hierher kam... Eine Natifah, deren Gemütszustand nichts und niemand trüben konnte. Mittlerweile sieht mich meine Familie nachdenklich und verschlossen, in sich gekehrt.“
Er antwortete daraufhin leise und traurig und fragte mich, ob der Umgang mit ihm für mich nicht gut war. Aber das konnte man so nicht sagen. Es gab sehr viele gute Momente, aber leider eben auch die schlechten. Und das kannte ich alles nicht. Es war fremd für mich. Er starrte seine Moccatasse nun an, als wäre sie seine letzte Rettung, als könne er sich an ihr festhalten, um weitersprechen zu können. „Ich verbringe auch sehr gern Zeit mit dir und das meine ich wirklich ernst. Ich will dir auch neda wehtun oder dich dahingehend verändern, dass du dich anderen gegenüber verschleßt. Aber ich will dich auch neda belügen und ich habe an diesem Abend vor dem Tor nur mein Empfinden genannt. Ich vertraue dir auch soweit, allerdings nicht in diesem Maße, so vertraue ich niemanden. Ich mag dich wirklich sehr, daran besteht kein Zweifel und ich...“, er unterbrach seine Worte kurz. Man sah ihm an, dass es ihm schwer fiel, er sprach auch nicht sonderlich laut. „... würde es sehr vermissen, wenn wir uns nicht mehr sehen würden oder es anders zwischen uns wäre.“
Ich wusste nicht, was ich ihm darauf sagen sollte. Ich versuchte ja, Verständnis dafür aufzubringen. Aber ich bemerkte eben auch, dass ich langsam daran beginne zu scheitern. „Vielleicht... ist es einfach neda richtig, verstehst du? Vielleicht bin ich neda das für dich, was du für mich bist.“ Er umklammerte seine Moccatasse wieder fester. Langsam bekam ich Angst, dass sie irgendwann in seinen Händen zerspringen würde. „Ich weiß neda genau, was ich für dich darstelle. Aber du bist mir sehr wichtig und ich möchte dich eigentlich unter keinen Umständen missen. Du bist mir wirklich ans Herz gewachsen. Und das hat scheinbar Sahid auch gleich bemerkt, wie du festgestellt hast.“ Aiwa, das hatte ich tatsächlich festgestellt. Er war so ganz anders, als er mit Sahid zu Besuch war. Es hatte sich angefühlt, als würde er hier mit einem guten Freund sein, um sich zu all dem zu bekennen, was sich bisher unterbewusst zwischen uns entwickelt hatte. Ein Eingeständnis seinerseits, dass da doch mehr für mich war, als nur eine stupide Freundschaft. Abbas bestätigte auch, dass es seine Absicht war, dass Sahid und ich uns näher kennenlernten. Es wäre auch alles gut gewesen, wären die Worte am Ende nicht wieder da gewesen und hätten alles zerstört. Ich wusste nicht einmal mehr, was ich denken und fühlen sollte. Und auch nicht mehr, was ich überhaupt denken wollte. Er seufzte. „Meine Worte sollten dich neda so treffen, aber es war nun auch nicht das erste Mal.“ Ich nickte daraufhin behutsam. „Wie soll es denn dann weitergehen, wenn du dir dahingehend so unsicher bist?“ Ich wusste es für den Moment noch nicht und fragte ihn, ob er eine Antwort darauf hätte. Allerdings wurden wir unterbrochen, bevor es zu einer Antwort kommen konnte. Eine neue Cousine, Ashaki. Ich hatte mir augenblicklich für ihre Vorstellung einen anderen Zeitpunkt gewünscht und dennoch war ich für einen Moment froh, dass die Stimmung zwischen Abbas und mir ein wenig gelockert wurde. So hatte ich Zeit, um meinen Gedanken nochmal ein wenig nachzugehen. Als ich aus meinen Gedanken zurück kam, war Ashaki beinahe wieder verschwunden. Sie verabschiedete sich gerade noch und verschwand wieder. Ich sah vom Torbogen zurück zum Tisch, mein Blick schlich sich an ihm vorbei. „Wo waren wir gerade angekommen?“ fragte er mich und ich antwortete, dass er mich gefragt hatte, wie es weitergehen soll. Er nickte. „Du fragtest, ob ich eine Antwort darauf habe.“
„Ich weiß es neda, mir war auch neda bewusst, dass es dich so sehr trifft. Ich würde halt gern weiterhin mit dir Zeit verbringen.“ Das wollte ich auch, zumindest mein Herz wollte das. Er sah fragend zu mir. Es blieb der Verstand. Ich hatte so furchtbare Angst, dass ich noch mehr empfinden konnte als eh schon. Und er irgendwann gehen würde und nicht mehr wiederkommen würde. Oder... und daran wollte ich eigentlich gar nicht denken... er nicht das empfinden konnte, was ich empfand. Zumindest nicht für mich, sondern für irgendwen anders. Ursprünglich wollte ich nicht so offen mit ihm sprechen, aber es half ja nicht. Er musste ja irgendwie verstehen können, was meine Ängste sind und warum er mir so weh tun konnte. Er hingegen sah mich verblüfft an. „Wie kommst du darauf, dass ich etwas für jemand anderes empfinden würde?“, die Frage schien ihn doch ein wenig zu schockieren. Aber man wusste ja auch nicht, was noch so kommen würde. „Aiwa, das weiß man neda. Aber ich glaube nicht, dass es soweit kommt. Zudem sehe ich kein Problem darin, wenn du offen sprichst.“ - „Aber ich. Es macht nur noch verletzlicher, als ich eh schon bin. Es ist schwer, etwas für jemanden zu empfinden, so, wie ich es für dich tue. Und nicht zu wissen, ob es ähnlich ist. Nur zu hoffen, immer wieder zu hoffen und dann auch zu meinen, dass man solche Signale erkannt hat. Und im gleichen Zuge wieder die Ernüchterung, dass es vielleicht doch neda so ist.“
Seine nächsten Worte verblüfften dann sogar mich. „Ich empfinde etwas für dich und ich denke, ich habe das auch schon deutlich gemacht. Ich weiss nicht, inwiefern dein Kopf weiteres zulassen kann. Oder du das willst.“ Es stand ja auch immer noch mein Versprechen im Raum, dass ich ihn nicht allein lassen würde. Selbst wenn es meine letzte Kraft kosten würde, ich würde das nach wie vor einhalten. „Ich will dich mit meiner Anwesenheit nicht zu Grunde richten.“ Im Rückkehrschluss bedeutete das, dass wir uns vielleicht besser nicht mehr sehen wollten. „Das wäre mir sehr unangenehm, aber ich kann dich neda zwingen, dass du Zeit mit mir verbringst.“ Zwingen, als ob es ein Zwang für mich wäre, Zeit mit ihm zu verbringen. Ganz im Gegenteil, jede Sekunde konnte ich genießen. Naja, meistens zumindest. Immer dann, wenn wir uns nicht wegen irgendwas stritten. Obwohl... Streit konnte man es nicht nennen. Es war zu mühselig zu streiten. Ich zog mich meist eher zurück. „Aber wenn du mich nicht mehr sehen wollen würdest, würde ich das hinnehmen.“

„Vielleicht sollte ich darauf bestehen, dass ich dich erst wiedersehen will, wenn du wirklich weißt, was du möchtest.“
- „Ich weiß, dass ich dich wiedersehen möchte und weiter mit dir Zeit verbringen will.“
Und genau das wollte ich auch. Vielleicht musste ich mich einfach wirklich daran gewöhnen, dass es ihm schwer fiel, seine Gefühle wirklich zu zeigen. Er fragte, ob wir uns dann weiterhin sehen würden und ich antwortete ihm, dass ich das denken würde, ja. Es erfreute ihn und er war ebenso erfreut darüber, dass er dieses Mal mit seinen Worten das erreichen konnte, was er auch vorhatte. Das hatte er, aber er durfte auch nicht böse sein, wenn...
Ich konnte nicht weitersprechen, da Shariza in der Tür stand. Sie begrüßte und fröhlich und fragte, ob wir etwas benötigten. Aber wir hatten soweit alles. Abbas hingegen kam nun in Aufbruchstimmung wegen den Vorbereitungen für die Truppenübungen. Ich begleitete ihn noch zum Tor. „Was wolltest du eigentlich sagen, ehe Shariza kam?“
Eigentlich wollte ich es gar nicht mehr erwähnen, aber es blieb mir nichts anderes übrig. „Es kann sein, dass ich ein bisschen vorsichtiger bin. Das darfst du mir neda übel nehmen. Ich will neda ein gebrochenes Herz haben.“ Ich seufzte leise und schloss meine Augen, immerhin war das der beste Weg, um diese gemeinen Tränen wieder herunterzuschlucken. „Vorsichtiger im Umgang mit mir also. Ich habe allerdings neda die Absicht, dein Herz zu brechen.“, ich nickte daraufhin und hob meinen Blick wieder etwas an. „Das meine ich wirklich Ernst.“, dann verabschiedete er sich und verschwand.

Die Truppenübungen hingegen waren interessant. Wenngleich mich der Vortrag von der Fremdländerin ein wenig langweilte, mich hätten vielmehr unsere eigenen Waffen und Rüstungen interessiert. Der anschließende Übungskampf zwischen Sahid und Abbas hingegen war spannender. Er war zwar außerhalb der Truppenübungen und ursprünglich hätte ich erst auch nicht daran teilnehmen sollen, bis Abbas mich aufgehalten hatte und gefragt hatte, ob ich den Kampf musikalisch unterstützten wollte. Das tat ich. Den ganzen Kampf über begleitete ich sie mit meinen Schellen. Es war entspannend für mich, ich konnte meinen Gedanken währenddessen freien Lauf lassen. Konnte beide beobachten und viel lernen. Und ich hatte für mich bemerkt, dass es mir unwohl wurde, wenn eine Natifah versuchte, Abbas schöne Augen zu machen. Hajifa versuchte es in ihrem jugendlichen Leichtsinn doch immer wieder einmal, ihn auf unterschiedliche Art und Weise weichzukochen. Sei es ein übertriebenes Blinzeln oder andere Gesten. Ich kümmerte mich erst einmal nicht weiter darum und stimmte mich vor dem Übungskampf in die Melodien ein. Ich betrachtete mit ruhigem Blick den Kasernenplatz, dann schlich ich weiter und sah zum Palast. Der Palast... Ich hatte ihn noch nie von innen gesehen. Wie sah er wohl aus? Wie war es darin? Wie fühlte es sich an, dort zu leben? Mit einem Mal wurde mir schlagartig bewusst, dass das irgendwann mein Leben werden konnte. Dass es dann vorbei war mit heimlichen Ausflügen auf das Festland. Ich durfte mich dann alleine noch weniger frei bewegen als ich es jetzt schon durfte. Es war auf einmal irgendwie alles so nah da und doch so weit weg. Ich bemerkte, wie Abbas zu mir sah und schmunzelte. Ich ging dann zu ihm, er saß auf der Bank, stieg über die Bank und ließ mich neben ihm nieder. Wieder sah er zu mir und schmunzelte nur wegen meiner Art und Weise, wie ich mich gesetzt hatte. Dann kam Sahid und die Kämpfe gingen los.

Am Ende der Kämpfe war ich froh, dass wir aufgehört hatten. Meine Handgelenke hatten schon begonnen weh zu tun. Ich ging zu dem kühlen Wasser hin und tauchte meinen Wasserschlauch ein, um dann das Wasser über die Gelenke laufen zu lassen. Abbas sah zu mir. Natürlich, ich genoss seine Aufmerksamkeit. Gerade auch deswegen, weil noch genug anwesend waren, die genau das mitbekommen konnten. Er zog seine Handschuhe aus und die Maske ab und befeuchtete sein Gesicht. Er war noch immer ziemlich außer Atem, ich wandte mich ihm zu. Er drehte sich ebenfalls zu mir und sah mich fragend an, ehe er leise sprach. „Die Übung ging nun doch länger als gedacht, muss ich gestehen.“ Ich schmunzelte nur und zog ein Tuch aus meiner Tasche und trocknete ihm die restliche Nässe aus dem Gesicht. Ohne weitere Worte. Das zauberte ihm erneut ein schmunzeln auf die Züge. „Dhabir.“ Doch ich schüttelte den Kopf und schmunzelte wieder, als ich dann das Tuch verschwinden ließ. „Neda dafür.“ Ich sah zu ihm empor. Er war doch ein gutes Stück größer als ich. Was mich nicht sonderlich störte. Ich hätte gleich wieder ins schwärmen kommen können, allerdings beließ ich es dabei und ließ mich von ihm noch nach Hause begleiten. „Ich bin froh darüber, dass du es heute doch zur Übung geschafft hast.“
Darüber war ich auch froh und auch über den Umstand, dass ich doch noch irgendwo eine Salbe gefunden hatte. Immerhin war alles ziemlich lehrreich für mich gewesen. „Ich bin froh, dass wir nun auch ein wenig Zeit in der Garde zusammen verbringen werden. Auch, wenn ich sicherlich nicht immer so nett sein werde wie heute.“ Mir war bewusst, dass es große Unterschiede geben würde zwischen einem Treffen als Akemi und Jijkban und einem Treffen als Laila und Abbas. Zumal ich ja nach der Truppenübung noch Zeit hatte, ihn zu beobachten. „Zu meinem Glück standest du hinter mir, sonst hätte mich Sahid sicherlich das eine oder andere Mal hart getroffen.“ Ich musste schmunzeln. So mochte ich ihn. Wir verabschiedeten uns und er ging davon. Ich sah ihm noch kurz nach, während er zu mir zurück sah und lächelte. Genau so mochte ich ihn und genau so sollte das alles sein. Ich seufzte und ging ins Haus. Wie immer war niemand zu sehen, was umso besser war. Dann musste ich auch bei niemandem Rechenschaft ablegen.
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 20. Juni 2014, 10:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Ich saß gerade im Sand, die Gedanken auf das Meer hinaus gerichtet, als es klingelte. Ich nahm meinen Eimer mit Fisch mit mir und stellte ihn in der Küche ab und eilte zur Tür. Als ob ich es im Gefühl gehabt hatte, dass er es war, der klingelte, eilte ich mehr als sonst. Ich wollte ihn sehen, jetzt. Ich wollte wieder dieses Gefühl verspüren, welches er mir seit vielen Tagen gab. Was am Anfang wahrlich nur eine Schwärmerei war, ein Nachgehen kleiner Mädchenträume, war nun zu so etwas Handfestem geworden. Seine Anwesenheit, die mich mit Wärme erfüllte, seine Worte und Gesten, die mich verändert hatten. Seine Augen, aiwa, seine Augen, in denen ich versinken konnte...

Ich öffnete. Und natürlich entschuldigte ich mich gleich bei ihm, dass es so lange gedauert hatte. Normalerweise öffnete ich sofort. Er schmunzelte nur. Bei Eluive, warum machte mich selbst sein sanftmütiges Schmunzeln so verrückt? Es gab Momente, in denen es mir schwer fiel. Äußerst schwer fiel, einfach an Ort und Stelle stehen zu bleiben. Ich bot ihm an, dass wir uns irgendwo setzen sollten und er ließ mir die Wahl. Ich erzählte ihm von einem Ort in der Nähe, an dem ich mich abends gerne aufhielt. Dort war es ruhig, man konnte die Gedanken schweifen lassen und irgendwie trug jener Ort eine Geschichte. Ein Ort, der mich immer wieder faszinierte. Er gab seine Zustimmung und wir schlichen uns durch den Sand. Die Ruine befand sich nicht unweit vom Familienviertel, weswegen wir nicht allzu lange durch den Sand gehen mussten. Recht schnell ließ ich mich in den Sand fallen und setzte mich an den Rand des Strandes, um das Wasser immer wieder meine Füße streichen zu lassen. “Ich sitze abends ganz gerne hier. Es ist schön ruhig und doch in der Nähe der Familie.“ Er schmunzelte etwas und setzte sich zu mir, wodurch ich mich und meine Sitzposition ein wenig veränderte, um ihn ansehen zu können. Ich begann ein wenig von dem Ort zu schwärmen. Und meine Phantasie verleitete mich dazu, mir die wildesten Geschichten zu diesem Ort auszudenken. Was es einmal hätte sein können. “Deine Phantasie begeistert mich durchaus immer wieder einmal.“

Aiwa, die Phantasie. Was wären wir ohne Phantasie? Ich war davon überzeugt, dass jeder über die nötige Phantasie verfügte. Auch, wenn er mir das nicht gleich glauben wollte. Das Gespräch, welches sich daraus entwickelte, war... interessant. Und doch war es merkwürdig, wie wir auf solche Themen kamen. Wir kamen von der Phantasie auf Gedanken, die ja im größten Maße auch etwas mit unserer Phantasie zu tun hatten. Es war schon fast in mein gedankliches Abbas-Buch geschrieben, dass er mir antwortete, dass er manche Gedanken doch auch gern für sich behalten würde. Ich hingegen war neugierig. Mich interessierten seine aufrichtigen Gedanken. Zumindest bei manchen Dingen, wie zum Beispiel mich. Auch, wenn ich schon viel wusste, würde mich noch viel, viel mehr interessieren. “Daran habe ich keinen Zweifel, doch würde ich dir auch gern manche Gedankengänge ersparen.“, es verwunderte mich nicht, dass er genau das sagte. Dennoch interessierte es mich. Was wollte er mir ersparen? “Wenn ich dir diese nun sagen würde, dann erspare ich sie dir neda mehr, oder?“ Ich schmunzelte und zeichnete mit meinem Zeigefinger etwas im Sand. “Naja, du kannst ja nur die grobe Thematik nennen, dann würdest du mir die Thematik ja neda vorenthalten, aber die tieferen Gedanken dazu. Also bleiben mir die Gedanken ja auch erspart.“ Ich musste etwas breiter grinsen. Ich war manchmal aber auch ein kleiner, schlauer Fenek. Das musste ich mir selbst eingestehen. Er hingegen glaubte, er bringe mich dadurch nur in die Verlegenheit, weiter nachzufragen. Dennoch wollte er es versuchen. Ich warnte ihn hingegen vor, dass ich sehr neugierig war. “Aiwa, ich weiß und ich ahne schon, dass wir das Thema sehr vertiefen werden müssen.“

Das versprach doch schon ein gutes Maß an Spannung. Ich war mir noch nicht sicher, welches Thema das war, welches mich so sehr interessieren konnte, bis er erwähnte, dass sich die Gedanken um mich drehten. Ich hatte die Hoffnung, dass die Gedanken nun nicht allzu schlimm waren, was ich ihm auch sagte. Und, dass er mir diese dann wohl durchaus sagen konnte. Ich sah sein Grinsen auf den Zügen, die Herausforderung. Wie er mit mir ein neckendes Spiel trieb. Da ich immer mehr in seiner Gegenwart auftaute, ging ich darauf ein. Er zögerte eine ganze Weile, weil er nicht wusste, ob er mir die Gedanken tatsächlich anvertrauen konnte. Gedanken über mich konnte er mir anvertrauen, wenn nicht mir, wem dann? Aber mir war auch bewusst, dass es nicht so leicht war. Ich konnte ihm vielleicht auch nicht alle Gedanken anvertrauen, die ich so hatte, wenn ich neben ihm saß. Und die, die ich hatte, wenn ich nicht neben ihm saß, konnte ich ihm erst recht nicht unbedingt anvertrauen. “... könnte wahrscheinlich von neda sehr traditionellen Gedanken meinerseits zeugen.“

Die Frage war nun, in welche Richtung seine Gedanken gingen. “Ich weiß neda, vielleicht kennst du die Momente, wenn man nach einem langen Tag oder am Morgen in seinem Bett liegt und dann die Gedanken schweifen lässt.“
Ich wusste, was er damit meinte. Ich konnte davon ein Lied singen. Man dachte nun einmal in solchen Momenten über alles Mögliche nach. Und in denen Momenten schlich sich mein Gedanke so gut wie immer zu ihm. Die Gedanken konnten unterschiedlicher gar nicht sein. Und für den einen oder anderen Gedanken würde man mich sogar ermahnen, würde ich ihn laut aussprechen. “Aber für seine Gedanken kann man ja neda was.“, fügte ich dann leise hinzu und er atmete erleichtert durch und sah auf das Meer hinaus. Ich sah zu ihm und kniff meine Augen ein bisschen mehr zusammen. Ich wollte aus seinem Gesicht, aus seiner Haltung irgendetwas erkennen können. “Die Gedanken sind wirklich manchmal sehr verrückt.“

- Verrückt?
²Naja, hattest du schon einmal Gedanken, die so vielleicht ein wenig verwerflich wären, zumindest wenn es so ist, wie im Moment.“
Ich dachte kurz über seine Worte nach und nickte dann zögerlich. Wenn man dazu zählte, dass ich mir manchmal wünschte, dass ich einfach irgendwo anders sein konnte, um keine Traditionen zu haben, die mich davon abhielten, seine Hand in meine zu nehmen oder ihn gar... zu küssen? Ich meine, ich liebte all die Traditionen des Landes. Aber wenn man das fühlte, was ich fühlte, entwickelten sich Bedürfnisse, die es noch nie zuvor gegeben hatte. Ich glaubte also zu verstehen, was er meinte. Und dennoch blieb alles unausgesprochen zwischen uns, so dass auch er verunsichert war, ob ich ihn verstanden hatte. “Was denkst du denn im Moment?“

Was dachte ich im Moment?
Ich fragte mich, was er sich wohl dachte. Wie er über mich dachte. Und ich dachte daran, wie es sich wohl anfühlen würde. Es. Eine Berührung, ein Kuss. Mehr wollte ich noch gar nicht wissen, aber ich wusste, dass ich diese Gedanken gar nicht haben durfte. Und trotzdem waren sie da. Am heutigen Tage noch viel öfter und viel intensiver als sonst. Mein Herzklopfen untermalte diese Gedanken, allein die Vorstellung ließ meine Knie weich werden. “Ich darf meine Gedanken glaube ich neda aussprechen.“, entgegnete ich dann leise und er erwiderte, dass er glaubte, dass uns hier niemand hören würde. Dennoch, er würde es hören. Und er würde auch handeln können, würde er das wollen. Immerhin war er dennoch ein Mitglied des Hause Omar.

Es war schön, mit ihm hier zu sitzen. Ich hatte ihm so langsam jeden einzelnen Ort gezeigt, an dem man mich finden konnte. Ich kannte seine Orte auch alle, abgesehen vom Palast. Dort war er sicher vor mir und konnte sich noch vor mir verstecken. Ich musste leise glucksen, als ich ihm das so sagte. Die Wachen würden mich nicht in den Palast lassen. Das war eine schwere Erkenntnis, aber es war so.

„Zeigst du mir den Palast irgendwann?“ Ich hatte die Frage ausgesprochen, noch bevor ich wirklich darüber nachdenken konnte. Ich hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit, was er dann sagte. “Eigentlich sollen nur Personen, die etwas zu erledigen haben, den hinteren Teil des Palastes betreten. Aber wir können das sicherlich einmal in den späten Abendstunden machen.“ Er wollte mir also tatsächlich den Palast zeigen. Dennoch sagte ich ihm, dass ich nicht möchte, dass er wegen mir Ärger dafür bekommt. Aber er beschwichtigte mich. Wenn er das sagte, dass es in Ordnung wäre, dann glaubte ich ihm. Trotz der Vorfreude interessierten mich seine Gedanken dennoch. Er bot mir an, dass wir darüber einmal reden konnten, wenn ich im Palast war. Ich musste mich also gedulden. Ich war ja auch so gut darin. Ich seufzte. Ich würde mir nun Abend für Abend, Nacht für Nacht den Kopf zerbrechen. Und ich würde Augenringe haben. Ich lachte wieder leise. “Das wäre wohl die einzige Spur, die ich in deinem Gesicht erkennen könnte.“

Er hatte mein Gesicht nie gesehen. Ich trug immer den Schleier. Es gab nur wenige, die bisher mein Gesicht tatsächlich gesehen hatten. Baschar war einer davon, weil er mich einmal versorgen musste. Wahid und Nadim sahen es nur flüchtig. Ich versprach Abbas hingegen, dass sich darunter ein Gesicht verbarg, was ihn wieder zum Schmunzeln brachte. Ich sagte ihm sogar, dass das Gesicht recht hübsch sei. “Darin besteht kein Zweifel. Aber trotzdem reizt es mich in manchen Momenten zu wissen, wie schön dieses Gesicht wirklich ist.“

Es war ja nicht verboten. Es war nicht verboten, dass er mein Gesicht sah. Mein Vater hatte mir immer gesagt, ich durfte jedem mein Gesicht zeigen, wenn ich das wollte. Außer den Fremdländern. Abgesehen von engeren Freunden der Familie, dort konnte man auch Ausnahmen machen. Ich selbst hatte es mir aber angewöhnt, mein Gesicht zu verbergen. Auch meine Eltern hatten mich oftmals nur noch verschleiert gesehen. Es war wie eine Art Schutz für mich. Man konnte mir zwar in die Augen sehen, aber den Rest konnte man nicht erkennen. Ohne Schleier fühlte ich mich nackt, teilweise sogar sehr unwohl. Weswegen ich ihn immer trug. Wenn es ginge, würde ich ihn auch während dem Schlafen tragen. Ich erklärte Abbas, dass bisher nur Baschar mein Gesicht bewusst gesehen hatte, woraufhin er meinte, er müsse Baschar doch einmal wieder aufsuchen. Ich schmunzelte zaghaft. “Um ihn zu fragen, wie es unterhalb des Schleiers aussieht?“ Er sah mir unschuldig entgegen und meinte, er würde hauptsächlich wegen einigen Tränken bei ihm vorbeisehen, aber vielleicht würde das auch zur Sprache kommen. Meine Mundwinkel rückten etwas empor und ich sah ihm für einen Moment verträumt entgegen. Das, was ich für mich innerlich gerade beschlossen hatte, war ein großer Schritt und ein sehr großer Vertrauensbeweis meinerseits. Ich senkte den Blick kurz.

“Und wenn ich dir die Erlaubnis gebe, mein Gesicht zu sehen?“ Er musterte mich für einen Moment und schmunzelte dann. Wenn er sich dann nicht wieder Vorwürfe aus meiner Familie anhören müsste, würde er diese Erlaubnis nutzen. Aber wir waren hier unter uns. Hier sah uns niemand. Selbst wenn irgendwer ein Problem damit gehabt hätte, es hätte niemand erfahren. Ich stellte ihm nur eine Bedingung. Er sah überrascht zu mir.

“Welche wäre das denn?“
Die Bedingung war eine einfache. Er musste mir den Schleier abnehmen, weil es mich selbst zu viel Überwindung kosten würde. Ich konnte es nicht, ich würde am Ende wieder einen Rückzieher machen. Es war zu ungewohnt für mich, zu fremd. Vielleicht war es mir sogar unangenehm, auch wenn ich tatsächlich nichts zu verbergen hatte. “Bist du wirklich sicher, dass du das möchtest. Ich will dich neda dazu gedrängt haben.“ Ich nickte, denn ich war mir sicher. Ich konnte es selbst nur nicht. Aber ich wollte es. Er drehte sich dann ein weiteres Stück zu mir und sah mich zögerlich an. Ich musste kurz etwas schmunzeln unterhalb des Schleiers. Er legte behutsam seine Hände an die Seiten des Schleiers, wieder zögerte er. Ich musste für den Moment zunächst meine Augen schließen, welchem meinem Lächeln aber keinen Abriss tat. Er löste den Schleier. Und ich hob meinen Blick wieder an.

Er lächelte. Es war eine Mischung aus Erleichterung und Begeisterung. Und ich lächelte. Intensiver. Es war ungewohnt, aber nicht unangenehm. Nicht in seiner Nähe. „Du hast ein sehr schönes Gesicht. Makellos.“ Ich bedankte mich bei ihm. Und er sich bei mir, für diesen Anblick. Ich konnte ihn ja nun auch nicht mehr allzu lange zappeln lassen. Immerhin tat er das schon seit dem ersten Tag, an dem wir uns begegnet waren. “Aiwa, es war schon eine sehr lange Zeit. Aber nun habe ich Gewissheit, dass du noch schöner bist als ich es mir vorgestellt habe.“

Ich war mir sicher, dass ich meine Wangen daraufhin ein wenig rot eingefärbt hatten und sein schmunzeln bestätigte das nur. “Du brauchst deswegen neda rot werden, Laila.“ Aber ich tat es, immerhin hatte ich bisher noch nie wirklich aufrichtige Komplimente zu meinem Aussehen erhalten. Was vielleicht auch daran lag, dass noch nie jemand so intensiv meine Gesichtszüge betrachtet hatte. Ich sah wieder zu ihm. Er schmunzelte noch immer. Aber was noch viel wichtiger war: Er sah sehr, sehr glücklich aus. Es war so wundervoll, ihn so glücklich zu sehen. “Ich hoffe, du weißt diese Ehre zu schätzen.“

“Aiwa, natürlich weiß ich das. Ich werde diesen Moment wohl niemals vergessen.“
Vielleicht würde er diesen Anblick früher oder später öfter sehen. Er entgegnete, dass ihm das ein Lächeln auf die Lippen zaubern würde. Das hingegen war für mich wieder ein Reiz, denn ich wollte ihn glücklich machen und ihm ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Ich mochte diese Momente zwischen uns. Ich fühlte mich einfach nur wohl. Sogar auf eine andere Art und Weise. Vielleicht lag es wirklich an dem Ort. Er verführte gerne zu solch einer Stimmung, immerhin war der Ort selbst schon so geheimnisvoll und so anonym. Auch, wenn Abbas und ich uns gar nicht so fremd waren. Wir sprachen noch kurz über den morgigen Tag und meine Aufgabe als Wache. Sollte es drauf ankommen, würde ich ihn schützen. Ich würde mich heldenhaft vor ihn werfen, nur, damit er nicht verletzt würde. “Mhh, ich glaube das gefällt mir neda. Ich würde lieber verletzt werden, als das es dich trifft.“

Wir saßen noch eine Weile dort, ehe er mich dann zurück begleitete. Ich bedankte mich höflich für den wunderschönen Abend und wir verabschiedeten uns. Er ging den Weg entlang, wobei er wieder einmal zu mir zurück sah. Es war nur ein kurzer Impuls, der mich ihm nachrennen ließ. Ich wollte nicht, dass er ging. Aber ich wusste, er musste. Dennoch... “Warte..!“
Er sah überrascht zur Seite und sah mich an. Ich stand vor ihm und sah grinsend zu ihm hoch. Ich wechselte ein paar letzte Worte mit ihm, erzählte ihm von meinen Gedanken, die ich für diesen Moment hatte. Er war zunächst verdutzt, dann hingegen flüsterte er leise, dass es wohl schlechtere Wünsche gab. Ich musste wieder lächeln und ließ ihn gehen. Ich würde ihn am nächsten Tag wiedersehen.

Als ich zuhause war, ließ ich den Abend noch einmal Revue passieren. Was war das heute gewesen?
Wir waren so vertraut miteinander gewesen im Umgang, so, als könne sich nie wieder etwas zwischen uns stellen. Wir wahrten alle Traditionen und dennoch konnten wir uns gegenseitig zeigen, was uns am Herzen lag. Es war ein schönes Gefühl und mit diesem schönen Gefühl wollte ich auch einschlafen. Wären da nicht die abertausenden Gedanken gewesen, die mich wach hielten und mir ein Schmunzeln auf die Züge zauberten. Ich war mir sicher, dieser Abend hatte mehr von unserer gemeinsamen Geschichte geschrieben, als viele andere Abende zuvor. Es war ein Zauber zwischen uns gelegen, ein Zauber, auf den ich lange gewartet hatte und endlich war er da. Ich fühlte, wie mein Herz sich leichter anfühlte und unter meiner Brust vibrierte. Und obwohl noch viele Antworten auf so viele meiner Fragen offen blieben, eine Frage konnte ich mit reinem Gewissen beantworten. Ich wollte nicht mehr ohne ihn sein.
Zuletzt geändert von Gast am Donnerstag 26. Juni 2014, 09:37, insgesamt 1-mal geändert.
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Die Nacht war lang gewesen, ich hatte wieder nicht viel geschlafen. Meine Gedanken kreisten. Sie kreisten um so viel und ich hatte für den Moment keine Möglichkeit, sie zu sortieren. Ich wollte sie sortieren, aber ich konnte nicht. Mir fehlten die restlichen Impulse, um alles so einzusortieren, dass ich jede einzelne Frage in meinem Kopf beantworten könnte.

Der nächste Morgen war umso langwieriger und schwer. Ich wollte nicht aufstehen, aber die Arbeit im Haus – das Wäsche waschen, das Kochen, das Aufräumen, das Putzen – machte sich nicht von allein. Ich legte meine Sachen aus der Kleidertruhe, suchte alles zusammen, zog mich an und machte mich an die Arbeit. Ich war ziemlich schnell fertig mit all meiner Arbeit und hatte Zeit für mich. Ich ging eine ganze Weile am Strand entlang, bis ich am Ziel angekommen war. Ich hatte mich am Familienhaus vorbei geschlängelt und war zügig an der Ruine. Ich ließ mich in den Sand fallen.

Meine Füße wurden sanft von dem kühlen Nass umspielt. Es war erfrischend nach all der Arbeit und gab meinem Körper ein bisschen mehr Leben wieder, als sich zuvor darin befand. Natürlich war es anstrengend gewesen, als Akemi mitzugehen. Immerhin war ich zuvor noch nie als Personenschutz eingesetzt gewesen. Aber im gleichen Zuge kam damit auch die Enttäuschung. Der Abend war so viel anders verlaufen als gedacht. Natürlich war ich in Abbas' Nähe, aber ich war nicht dabei, um Abbas zu schützen. Vielleicht war das auch nicht meine Aufgabe gewesen und eine viel zu schwerwiegende Verantwortung, um sie gleich auf meinen Schultern abzuladen. Dennoch: Die Enttäuschung war da. Auch, als Sahid meine Waffen überprüfte. Ich war keine Natifah, die in den Nahkampf ging. Ich hatte die Armbrust und bei dieser würde ich auch bleiben. Ich wollte keine scharfe Klinge führen, weil ich damit einfach nicht umgehen konnte. Und weil ich keine Narben auf meiner makellosen Haut sehen wollte. Innerliche Resignation machte sich breit. Vielleicht war ich in der Armee ja doch falsch? Wie auch immer es war: Ich machte meine Arbeit dennoch gut, zumindest war das meine Auffassung davon. Ich sicherte die Umgebung mit meinem Blick ab, war wachsam und stets bereit, einzugreifen, sollte sich jemand zu nah an die Menekanerin heranwagen. Aber es blieb anstrengend und ich war sehr dankbar, dass wir dann doch irgendwann wieder aufbrachen. Die Sprache der Thyren war schwer zu verstehen. Ich hatte das so gar nicht mehr in Erinnerung gehabt. Mein Kopf hämmerte, als wir zurück auf MenekUr waren. Ich wusste aber nicht, ob das nun wegen den Thyren, der Anstrengung oder meiner ersten Portalreise war. Sahid verabschiedete sich schnell und auch Abbas war schnell fort. Natürlich hatte er anfangs immer wieder zu mir gesehen und mir zugelächelt, aber dann war er doch so schnell fort. Shaymaa war noch bei mir vor der Stadt und fragte mich, ob ich dem Säbeltanz nachginge. Aber ich erklärte ruhig, dass ich dem Säbeltanz abtrünnig war und vielmehr von Musik, Tanz und Geschichten verstand. Und vielleicht hatte sie mit ihren Worten wirklich recht: Vielleicht war ich dafür nicht geeignet für die Armee.

Das war nur eine der Fragen, die mich beschäftigte. Während ich meinen Blick über den Strand gleiten ließ, über das Wasser, welches immer wieder zu mir herkam und wieder davon schwamm, sah ich im Sand etwas wundervoll schimmerndes. Ich hatte schon viele Muscheln entdeckt, aber diese hatte einen besonderen Glanz. Sie beruhigte mich, faszinierte mich. Und sie erinnerte mich an was. Ach du kleine Muschel, welche Reise hast du wohl hinter dich gebracht? Ich seufzte leise. Ich war zu ungeduldig für alles. Behutsam nahm ich die Muschel in meine Hand und befreite sie von den lästigen Sandkörnern. Als sie sauber war, lag sie in meiner Hand. Es dauerte nicht lange, bis mir eine Geschichte zu der Muschel eingefallen war. Schnell war mein Buch gezückt und ich begann zu schreiben.

Für die Geschichte hatte ich lang gebraucht. Meine Gedanken waren immer wieder woanders. Ich verlor meine Konzentration immer wieder. Wann war es mir möglich, alle Antworten auf meine Fragen zu finden? Wollte ich wirklich Antworten auf alle Fragen finden? Ich schluckte kurz etwas und seufzte wieder leise. Wem sollte ich mich anvertrauen? Ich war mit niemandem hier so eng, dass ich darüber reden konnte. Über alles, was mich belastete. Nadim konnte ich es nicht erzählen, dann konnte ich es gleich im Familienhaus aufhängen, weil er es eh wieder weitererzählte. Wahid würde sich kaum dafür interessieren. Aaminah und Shariza waren vermutlich viel zu jung, um meine Gedanken verstehen und nachvollziehen zu können. Vielleicht würde mich mein nächster Schritt einfach mal wieder in den Tempel führen. Ich wollte Antworten haben. Ich wollte Sicherheit. Noch mehr Sicherheit, als ich schon hatte. Ich sah kurz zur Stadt hin. Hinter den Stadtmauern spitzelte der prunkvolle Palast empor. Wieder verließ ein Seufzen meine Lippen. Warum konnten meine Gedanken nicht einmal hier bleiben? Warum mussten sie sich immer und immer wieder zu ihm schleichen? Ich wollte doch nur Sicherheit. Einfach nur Sicherheit. Ich drehte die Muschel wieder in meiner Hand und steckte sie in meine Tasche. Dann schloss ich für einen Moment die Augen und ließ die sanften Wellen des Meeres auf mich wirken.
Gast

Beitrag von Gast »

      • Die Magie zwischen zwei Lebewesen stirbt nie.
        • Sie ist es, die uns verzaubert.
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Viele Menschen hatten Angst vor der Wüste. Sie empfanden sie als gefährlich, als unberechenbar. Ich mochte die Wüste. Sie gab mir das perfekte Zusammenspiel zwischen Sicherheit und Freiheit. Wie oft war ich in der sandigen Landschaft verschwunden, wenn ich ein paar Momente für mich benötigte. Aber dieses mal war es anders. Ich war blind vor lauter Gedanken in die Wüste gelaufen und hatte die Orientierung verloren. Ich lief und lief und irgendwann gab der Boden unter mir nach und ich fiel. Ich spürte nur noch den sanften Aufprall, dann schlossen sich meine Augen. […]

Der sanfte Wind fegte um mein Gesicht und ließ den Schleier kurz verrutschen. Schnell wurde dieser von mir wieder an Ort und Stelle geschoben, die bernsteinfarbenen Augen tasteten die Umgebung ab. Im nächsten Moment stieg eine feine, dezente Wärme in mir empor und ich schloss die Lider für einen weiteren Moment, ein sanftes Schmunzeln zierte meine Züge. Ein Blick zurück verriet mir, dass ich angekommen war. Dass ich zuhause war. Ich spürte, wie jemand hinter mir stand, aber ich wollte mich noch nicht umdrehen. Ich wollte noch einmal die Augen schließen und den Moment genießen. Diese Windprise, die mir ein Stückchen Freiheit schenkte. Ein Stückchen Leben. Dann erst löste ich mich von dem Schauspiel und drehte mich um. Ich sah ihn lächeln und ich wusste, es war ein Lächeln aus tiefstem Herzen. Ich erwiderte es sanft und trat einen Schritt auf ihn zu.

Ich spürte, wie es kalt wurde. Wie lange war ich hier schon gelegen? Ich musste husten, weil sich Sandkörner in meinen Mund und in meine Lunge geschlichen hatten. Ich befreite meine Lunge von all den Fremdkörpern und musste gleich an die Geschichte denken, die ich Abbas noch vorgelesen hatte. Der nächtliche Wind in der Wüste hatte ein sanftes Bett über mich gelegt. Es war dunkel und die Wüste war in der Nacht noch unberechenbarer als bei Tageslicht. Ich schloss die Augen. Entweder blieb ich hier liegen und hoffte oder ich stand auf und versuchte, mir einen Ort zu suchen, der ein wenig geschützter war. Ich wusste nicht genau, in welche Richtung ich gelaufen war. Dennoch rappelte ich mich auf. Mühsam kämpfte ich mich durch den Sand und durch die Wüste, Windböen schoben mich immer wieder ein Stück zurück. Doch als ich dann letztens einen Teil einer Ruine aus dem Boden ragen sah, seufzte ich langgezogen auf und ließ mich hinter der Mauer wieder in den Sand fallen. Die Müdigkeit machte mir zu schaffen und sehr schnell fielen mir die Augen wieder zu. […]

Der Moment war lange, sehr lange. Er war nicht aushaltbar. Da stand ich nun und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Geschah das, was ich mir nun immer erhofft hatte? Was ich mir in meinen kühnsten Träumen bereits ausgemalt hatte? Die eisigen blauen Augen wanderten an mir hinab und schlichen sich dann wieder in meine Gesichtszüge, legten sich auf meine Augen. Für einen weiteren Moment flachte das Lächeln ab, nur um sich neu auf seinem Gesicht zu bilden. Auch ich musste wieder lächeln. Ein liebevolles Lächeln, versehen mit all der Wärme und Liebe, die ich für ihn empfand. Er hob seine Hand, die Hand, die mir schon so oft weitergeholfen hatte. Im Zeitraffer bewegte sie sich zu meinem Gesicht, ich beobachtete seine Hand, weswegen mein Blick ihn für einen Moment verließ. Mein Brustkorb hob und senkte sich unter meinem schwereren Atmen – mir blieb die Luft weg. All die Gefühle, die auf mich einprasselten, waren so schön und doch so schwer zuzuordnen. Er befreite mein Gesicht von dem Schleier und lächelte nur noch mehr, als er in mein Gesicht blicken konnte. „Du bist so wunderschön, Laila.“

Ich öffnete die Augen und lächelte. Ich wusste gar nicht, wo ich war, aber es fühlte sich warm an. Ich fühlte mich geborgen, da mein Herz brannte. Ich spürte die Kälte nicht, die sich längst um meinen Körper geschlossen hatte. Ich spürte das Zittern nicht. Ich spürte nur das, was ich fühlte. Unsagbare, unendliche Wärme. Liebe. Liebe? War das Liebe? Ich wusste es nicht. Ich hatte das noch nie gefühlt. Ich war versucht, die Augen wieder zu öffnen, aber ich konnte nicht. Das Lächeln konnte sich auch nicht von meinen Zügen lösen. Leise begann ich zu seufzen. Ich blinzelte kurz, es war dunkel. Dann fielen die Augen schnell wieder zu. […]

Ich lächelte. Die ganze Zeit. Aber das Lächeln wurde intensiver. Man konnte auf unterschiedliche Art und Weise lächeln. Freundlich, höflich, zuvorkommend, herzlich. Aber das Lächeln, welches ich auf meinen Lippen trug, war anders. Es war ein zufriedenes, liebevolles, warmes Lächeln. Ein Lächeln, welches der ganzen Welt symbolisierte: Ich war angekommen. Zuhause. Mein Herz hatte seinen Platz in der Welt gefunden. Auch, wenn es ein größerer Kampf war, aber mein Herz hatte seinen Weg tatsächlich gefunden. Mein Blick suchte wieder nach seinem, aber ich musste gar nicht lang suchen. Sein Blick lag weiter auf mir, er sah mich an und lächelte ebenso. Er hob seine Hand wieder und bettete sie kaum merklich an meiner Wange. Ich wusste gar nicht, ob er sie wirklich berührte oder ob nur der Wind im gleichen Moment über meine Wange strich. Dieser Moment war pure Magie. Kurz zuckten meine Mundwinkel empor, mein Blick ließ sich nicht mehr von ihm ablenken. Er lächelte für einen ebengleichen Moment noch intensiver, sein Kopf neigte sich mir entgegen. Irgend ein Impuls in meinem Gehirn sagte mir, es war jetzt an der Zeit, die Augen zu schließen.

Ich blinzelte. Ich spürte das Rasen meines Herzens unter meiner Brust. Und ich spürte die trockenen Lippen und den trockenen Mund. Es war mein Glück, dass ich immer einen Wasserschlauch mit mir führte. Aber das war auch etwas, was ich von Abbas gelernt hatte. Ich erinnerte mich an seine Worte: „Als Akemi wirst du schnell lernen, dass du immer einen gefüllten Wasserschlauch mitführst...“; und ich war ja jetzt Akemi. Und ich hatte einen sehr guten Lehrmeister. Ich öffnete nun endgültig die Augen. Ich hörte das Meer rauschen, es war irgendwie beruhigend und beängstigend zugleich. Der Mond schimmerte hell auf den Wellen. Ich versuchte mich an meinen Traum zu erinnern, aber ich fand keinen Weg dahin zurück. Ich hatte nur noch die Nachwehen zu spüren: Das intensive Klopfen meines Herzens.

Ich wurde mir erst nach ein paar Lidschlägen gewahr, dass mir kalt war. Mir war wirklich kalt und ich hatte keine Möglichkeit, mir etwas Warmes zu suchen. Ich musste stark bleiben und ausharren oder aufgeben und erfrieren. Immerhin war ich wieder Herrin meiner Sinne. Die Gedanken schlichen sich zurück zur Oase. Als ich abgerutscht war an der Treppe und in das Wasser fiel, hatte ich Angst. Ich hatte wahnsinnige Angst und Panik, dass ich ertrinken würde. Es war kein Problem für mich, seichtes Gewässer zu betreten, wenn ich darauf vorbereitet war. Aber ganz egal, wie flach oder tief das Wasser war, sobald ich unvorbereitet auf Wasser stieß, geriet ich in Panik. Während mich das Wasser umgab, hatte ich das Gefühl, dass sich meine Lunge schneller und schneller mit Wasser füllte. Ich schluckte sehr viel davon. Der kurze Moment, den ich unter Wasser verbrachte, stellte sich für mich als äußerst langer Moment heraus. Sekunden wurden zu Minuten. Ich schloss die Augen und sah im nächsten Moment meinen Bruder vor mir. Wie sehr musste er gegen das Wasser gekämpft haben?

Ich spürte, wie etwas nach mir griff. Ich wusste im ersten Moment nicht, was es war und hatte mich bereits damit abgefunden, dass mich irgendwas in die Tiefe ziehen würde. Stattdessen wurde ich über die Wasseroberfläche gezogen und ich spürte, wie sich meine Lungen wieder mit Luft füllten. Ich griff nach dem nächstbesten, was ich fand und erwischte nasse Kleidung. Von Weitem hörte ich eine Stimme: „Ganz ruhig, du wirst neda ertrinken.“ Ich spürte auch, wie sich starke Arme um mich schlangen und wie ich aus dem Wasser getragen wurde. Unter anderen Umständen hätte ich diesen Moment sehr genießen können, aber in diesen Umständen war ich nur froh, dass jemand mich aus dem Wasser zog und an das sichere Land trug. Ich spürte harten Untergrund unter mir, ich wagte es nicht die Augen zu öffnen. Wieder drang von Weitem eine Stimme in meine Sinne ein: „... neda etwas passiert oder hast du dich verletzt?“; ganz automatisch schüttelte ich den Kopf und öffnete die Augen langsam. „Es war nur ein kleiner ungewollter Ausflug ins Wasser, neda mehr.“
Abbas. Abbas war hier, das beruhigte mich zunächst, aber im nächsten Moment war all die Ruhe wieder weg. Marik.. meine Gedanken waren sofort wieder bei Marik.

Ich hörte von Weitem wieder, wie Abbas sagte, dass wir aus den nassen Sachen heraus sollten und er mich am besten nach Hause bringen würde. Ich war mir sicher, dass ich das allein schaffen würde. Aber da täuschte ich mich. Ich hatte durch den Schock meine komplette Orientierung verloren. Also brachte er mich nach Hause. „Den Rest schaffst du oder soll ich eine deiner Cousinen suchen lassen?“, sprach er und ich nickte. Ich musterte das Tor eine Weile, dennoch nickte ich. „Ich werde nachher noch einmal nach dir sehen oder einen Boten schicken, falls ich es neda selbst schaffe.“

Als er sich verabschiedet hatte, sah ich noch eine Weile zum Tor. Dann verflüchtigte sich meine geistige Anwesenheit und ich verirrte mich wieder in Gedanken. Gedanken, die mich innerlich betäubten und all die Vorwürfe zurückbrachten, die ich lange vergessen hatte. Ich setzte einen Schritt vor den anderen und ich erinnerte mich auch noch daran, zum Familienhaus zurückgesehen zu haben. Doch es entfernte sich immer weiter.

Und nun saß ich hier. Es war dunkel und ich wusste nicht genau, wo ich war. Ich war mir auch nicht sicher, ob irgendwem aufgefallen war, dass ich nicht zuhause war. Aber selbst wenn, die meisten wussten, dass ich oftmals in der Wüste verschwand, um mir Gedanken zu machen. Es hatte somit niemand die Befürchtung, dass ich hier saß und nicht mehr wusste, wo ich war. Außer Abbas. Wenn allerdings Abbas wieder viel zu tun hatte, würde er nicht an mich denken. Ich schloss die Augen wieder. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie müde ich tatsächlich war, aber ich konnte die Augen erstmal eine Weile nicht wieder aufmachen.
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So stand ich da nun mit geschlossenen Augen. Mein Herz schlug nur noch mehr. Auf diesen Moment wartete jede Natifah in ihrem Leben. Es fühlte sich an, als würde man schweben. Die Sekunden wurden immer noch länger und ich hoffte auf Erlösung. Das Lächeln war verschwunden, meine Lippen waren bereit, um seine zu spüren. Sie waren bereit. Aber war ich es? Ich spürte, wie sein Daumen sanft über meine Wange streichelte, aber ich wollte die Augen nicht aufmachen. Ich wollte diesem Moment nicht die Magie nehmen. Ich wollte mir nur weiter wünschen, dass es bald soweit war. Bald, bald, bald. Im nächsten Moment spürte ich, wie sich beide Hände fester an meine Wangenknochen legten. Auch, wenn es schön war, dass diese Momente immer ewig andauerten, es war genauso quälend.

Ich war tatsächlich noch einmal eingeschlafen. Als ich die Augen öffnete war es hell. Ich hatte die Nacht überstanden. Ich sah auf das Meer hinaus. Ich musste mich früher oder später meiner Angst stellen. Vielleicht musste ich mich auch einfach intensiv mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Ich wollte aber nicht über Marik nachdenken, nicht darüber, was ihm zugestoßen war. Und auch nicht darüber, dass ich alles hätte verhindern können, wäre ich die Vernünftige gewesen. Ich war seine ältere Schwester, ich hätte auf ihn aufpassen müssen. Aber das hatte ich nicht getan und dann war er auf einmal nicht mehr neben mir. Ich hörte die panischen Schreie meiner Mara in meinen Gedanken und es pressten sich Tränen aus meinen geschlossenen Lidern. Sie bahnten sich ihren Weg über die sandige Haut und verschmierten mein Gesicht nur noch mehr. Aber ich unterdrückte die Tränen nicht. Es war nicht meine Art, vor anderen zu weinen. Aber wenn ich allein war, dann konnte ich das. Also ließ ich alles raus, was sich in mir verbarg. Ich bettete das Gesicht in meinen Händen und schluchzte leise vor mich hin. Bis mir vor lauter Erschöpfung die Augen wieder zufielen. […]

Der Moment wollte nicht abreißen. Ich war versucht, die Augen wieder zu öffnen, aber ich spürte, wie er mir näher gekommen war. Ich konnte die Wärme spüren, die von seinem Körper ausging, ohne dass sich unsere Körper berührten. Es war genauso wie beim Tanz damals. Im nächsten Moment legten sich seine Lippen sanft auf meine Stirn. Die innerliche Resignation vermengte sich mit dem Glücksgefühl, welches meinen Körper durchströmte. Nach wenigen Lidschlägen ließ er mein Haupt wieder los und hob mit seinem Finger mein Gesicht wieder an. Ich wollte die Augen noch gar nicht aufmachen, immerhin wollte ich den Moment noch etwas nachwirken lassen. Aber dann öffnete ich sie dennoch und sah ihm wieder entgegen. Ich schmunzelte behutsam, was er erwiderte. Dann neigte er sich zu meinem Ohr hin und flüsterte ein paar leise Worte.

Als ich wieder blinzelte, hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren. Ich wusste nicht, wie lange ich schon hier gewesen war. Ich trank wieder etwas von meinem Wasserschlauch, da sowohl meine Lippen wie auch mein Mund und mein Rachen wieder trocken waren. Auch ein paar getrocknete Datteln fanden den Weg in meinen Mund. Meinen Kopf lehnte ich im nächsten Augenblick an der Wand der Ruine an. Warum war nur alles so kompliziert? Ich fragte mich im nächsten Moment, ob sich wenigstens Abbas Sorgen um mich machen würde. War er zum Familienhaus gekommen, um nach mir zu sehen? Ich wusste die Antwort darauf nicht, da ich ihn manchmal immer noch nicht einschätzen konnte.

Ich war noch eine Weile dort sitzen geblieben und hatte über vieles nachgedacht. Über Marik, über die Tatsache, dass mir meine Vergangenheit immer noch nachhing und auch darüber, was Abbas mir bedeutete. Ich dachte über die Familie nach und über MenekUr. Es war an der Zeit, nach Hause zu gehen. Ich hatte gute Instinkte, so dass mich diese zurückführen würden. Also brach ich auf.

Meinem Rückweg nach zu urteilen war ich an dem Tag tatsächlich weit gelaufen. Ich wusste nicht, wie lange ich wieder zurück gebraucht hatte, der Weg zog sich allerdings ewig. Ich betrat die Stadt nicht sondern schlängelte mich an der Stadtmauer vorbei und erkundigte mich bei den Wachen sogleich nach dem aktuellen Tag. Ich war fast vier Tage weg gewesen. Das konnte ich nun als meinen persönlichen Rekord verbuchen. Schnell ging ich ins Haus und wusch mich. Im Anschluss ließ ich mich in das Bett fallen und verschloss meine Augen wieder. […]

Ich lächelte auf seine Worte hin. Ich wusste genau, was er mir damit sagen wollte und ich war glücklich, dass er endlich genau das gesagt hatte. Ich konnte nichts darauf erwidern, ich wollte ihn nur ansehen. Allein sein Anblick machte mich schon glücklich. Er lächelte wieder kurz, führte seine Hand wieder in die Nähe meines Gesichtes und schob behutsam eine verirrte Haarsträhne wieder unter mein Kopftuch. Ich legte meine Hand vorsichtig auf seine. Ich wollte seine Nähe genießen, ganz egal wie. Er lächelte daraufhin wieder, nahm meine Hand und hauchte dieser sanft einen Kuss auf, um sie dann wieder zu umschließen. Er konnte so sanft, so behutsam sein und so fürsorglich mit mir umgehen. Und das wiederum ließ mein Herz kleine Saltos machen. Ich öffnete meine Lippen und begann zu sprechen...

Als die Sonne meine Nasenspitze kitzelte, wurde ich wach. Ich sah mich um und fokussierte die Umgebung. Ich war zuhause. Kurz streckte ich mich und stand dann rasch auf. Ich wusch mich wieder, träufelte ein paar Tropfen des Kokosöls auf meine Haut und hüllte mich rasch in die schönsten Kleider. Dann führte mich mein Weg zunächst in die Stadt. Im Basar traf ich kurz auf Eshaty. Ich mochte sie. Sie hatte ein angenehmes Wesen und war genauso weltoffen wie ich. Ihre Freundlichkeit und ihr fröhliches Wesen steckten förmlich an. Und über genau dieses Talent verfügte ich auch. Es war eine schöne Gabe der Göttin, diese Gabe. Ich verabschiedete mich dennoch rasch wieder von ihr, ich wollte noch zur Bank. Ein Glück, dass sich diese gleich gegenüber befand. Also quetschte ich mich wie immer durch die Säulen der Taverne und verschwand im Inneren des Gebäudes. Ich hatte gerade die Treppen erklommen, als ich in den Augenwinkeln den Menekaner sitzen sah. Er trank gerade von seinem Mocca, als sich sein Blick auf mich legte. Ich trat einen Schritt weiter vor und neigte mein Haupt. Er sah mir freundlich und interessiert entgegen. „Salam, ich glaubte alle kostbaren Blüten unseres Reiches zu kennen und nun betrittst du den Raum und ich frage mich, wo hast du dich bisher verborgen?“ Ich begrüßte ihn zunächst höflich, so, wie es mir meine Eltern von klein an mitgegeben hatten. Dann beantwortete ich ihm seine Frage, das ich mich nicht versteckt gehalten habe, unsere Wege hätten sich vielleicht einfach noch nicht gekreuzt. Ich begann mich vorzustellen, brach aber kurz ab, als er mich näher zu sich winkte. Mit behutsamen Schritten ging ich näher und sprach dann weiter. Er ließ mich nicht aus den Augen und schien jede meiner Bewegungen zu beobachten. §Eure Anwesenheit, Blüte des Hauses Ifrey, ist eine Freude für meine Augen. Karim Akbar, ein entfernter Cousin des Emirs... und ein Omar.“

Sein Nachname hämmerte sich in meine Ohren. Wieder ein Omar. Abbas hatte noch nie von ihm erzählt? Aber gut, Abbas erzählte eh nicht viel. Ich neigte Karim mein Haupt abermals zu und entgegnete, dass es mir eine Freunde sei, ein weiteres Mitglied der Familie Omar näher kennenlernen zu dürfen. Meine Worte zeigten ihre Wirkung dadurch, dass sich auf seinen Zügen ein Strahlen ausbreitete. Wie unterschiedlich Menekaner doch sein konnten... Karim schien weitaus offener mit seinen Mitmenekanern umzugehen als Abbas. Karim bot mir an, Platz zu nehmen, um ihm von den letzten Jahren zu erzählen, in denen er fort war. Ich nahm Platz. Er sah mir aufmerksam entgegen, neugierig, aber nicht penetrant oder aufdringlich. Aber ich konnte ihm selbst ja auch nicht viel davon berichten, was hier in den letzten Jahren so los war. Allzu lange war ich nun ja auch nicht wieder hier. „Erzähle mir, wo du gewesen bist.“

Also begann ich damit, ihm davon zu erzählen, dass mich andere Kulturen, Religionen und Sitten interessierten und ich deswegen durch mehrere Ländereien gereist war, um mein Wissensstand zu erweitern. Ich erzählte ihm auch von meiner Leidenschaft für Musik, Tanz und Geschichten. Wir sprachen lange, er war sehr aufmerksam. „Deine Familie muss sehr stolz auf dich sein.“; natürlich hoffte ich, dass meine Familie stolz auf mich war. Und auch er hegte die Hoffnung, meinen Geschichten einmal lauschen zu dürfen. Ich war mir sicher, dass dies einmal geschehen würde. Sobald ich die restlichen Ängste überwunden hatte.

„Was strebst du als Nächstes an?“
Nachdem sich mein Blick im Raum verirrt hatte, lockte er diesen mit dieser Frage wieder zu ihm. Die Frage war schwer zu beantworten für mich, aber dann doch so leicht auszusprechen. „Ich will, dass mein Herz glücklich wird.“ - das war auch so das, was mein nächstes Ziel war. Er lachte darauf leise. Aber es war kein Auslachen, es klang vielmehr warm und sympathisch. „Vor einigen Monden hätte ich noch erwidert, dass jenes immer der Wunsch einer Frau ist. Heute sehe ich das anders.“ Ich musste ebenfalls leise lachen, denn so etwas ähnliches hatte ich schon einmal gehört. „Warum seht ihr das anders?“ - „Ich habe gelernt, dass es der Willen unserer ehrenwerten Mara nur sein kann, dass wir alle unser Glück finden und hier als ein großes Volk uns entwickeln und aufblühen.“ Ich nickte darauf bedächtig. Das waren schön gewählte Worte und mit diesen hatte er auch Recht.

„Und welcher Leidenschaft geht ihr nach?“
Es waren die Falken. Eine interessante Leidenschaft, ich erzählte ihm auch sogleich von unseren Falken. Auf die Frage hin, ob ich ihm unsere Falken zeigen wollte, war ich im ersten Moment etwas verblüfft, aber ich lehnte nicht ab. Meine Höflichkeit befahl mir, ihm diese zu zeigen. Also machten wir uns auf zum Familienviertel. Ich führte ihn durch den Vorhof um das Familienhaus herum, ehe wir vor der Voliere stehen blieben. Ich zeigte ihm das Falkenmännchen und erklärte ihm im gleichen Zuge auch, dass das Weibchen gerne einmal ausbrach und die Umgebung erkundete. Aber dennoch immer wieder hierher zurückkehrte. „Sie weiß also, wo sie zuhause ist..“, Karim sah zu mir. Ich wusste nun nicht, ob er das Falkenweibchen meinte oder mich, ging aber schlicht und ergreifend auf das Falkenweibchen ein und sprach weiter. „Sie weiß vor allem, dass sie es hier gut hat.“ - „So gut, dass sie für immer hier bleiben wird? Was meinst u, binden Falken sich für ein ganzes Leben an einen Gefährten?“ Ich wog meinen Kopf hin und her. Ich ging eigentlich davon aus, dass sie es taten. Immerhin war das wünschenswert. „Ein schöner Gedanke, nicht wahr?“ Mit einem Lächeln auf den Zügen drehte er sich wieder zu mir. „Natürlich ist der Gedanken schön. Was wünscht man sich mehr, als sich auf jemanden endgültig verlassen zu können.“ Ich sah dann wieder zu den Falken hin und erzählte weiter von ihnen. „Ihr habt eine schöne Stimme, werte Blüte der Ifrey.“ Das Kompliment überrumpelte mich im nächsten Moment, dennoch neigte ich sogleich höflich das Haupt und bedankte mich für genau dieses Kompliment. Es war schön, wenn sich jemand mit meiner Stimme befasste und diese auch noch als angenehm empfand.

Im Anschluss verabschiedete er sich, er musste nun gehen. „Möge es Eluive geben, dass wir einander uns wieder sehen, werte Blüte aus dem Hause Ifrey.“ Dann verschwand er. Ich ging zurück ins Haus und dachte über seine Worte nach, dass er seiner Familie bisher noch nicht aufgefallen war und sie sich nicht für ihn interessierten. Seine Züge verwandelten sich im nächsten Moment ebenfalls. Er war nicht mehr so freundlich, ganz im Gegenteil. Ich seufzte kurz. Irgendwie hatten Mitglieder des Hauses Omar immer merkwürdige Seiten an sich. Damit musste ich mich wohl abfinden. Ich sprach noch kurz mit Nadim, allerdings nicht lange. Nadim war einfach Nadim. Ihm war zwar aufgefallen, dass ich nicht da war, aber im nächsten Moment fiel ihm gleich wieder ein, dass ich jetzt ja da war und gleich das Haus wieder saubermachen konnte. Er nervte mich in diesem Moment einfach, aber anstelle mich mit ihm anzulegen lächelte ich nur und nickte im Anschluss. Das Haus konnte aufräumen wer wollte, ich würde es heute nicht tun. Sollten sich doch die anderen Natifahs einmal darum bemühen, ich war nach vier Tagen ausgezehrt aus der Wüste zurück und brauchte nochmal ein bisschen Schlaf. Also verschwand ich ihm Zimmer und schloss meine Augen wieder. [...]

Er lächelte auf meine Worte hin und drückte meine Hand. Ich hätte sie zu gerne wiederholt, aber ich konnte meinen Blick nicht mehr von seinem Lächeln reißen. Ich wusste, es würde alles gut werden und ich wusste, dass sich all das gelohnt hatte, was ich in Kauf nehmen musste, um an seiner Seite zu bleiben. Er war so, wie er war und genau so hatte ich ihn in mein Herz geschlossen. „Begleitest du mich, wundervolle Blüte der Ifrey?“
Ich schmunzelte kurz und nickte. „Wohin wollen wir denn?“, er grinste nur und meinte, ich solle ihm vertrauen. Er verband mir die Augen und führte mich. Ich bemerkte, dass wir nach einer Weile viele Stufen empor gingen, ihr hörte Türen, ging weitere Stufen empor. Irgendwann hielt er mich an und drehte mich von sich weg. Dann löste er das Band, welches meine Augen umgab und ich traute meinen Augen nicht. Noch wusste ich nicht, wo ich stand, aber ich hatte einen Ausblick, der mich die ganze Stadt sehen ließ. Es war wundervoll. Die Sonne versank gerade hinter dem Meer und tauchte die Stadt in ein sanftes Licht. Es war wundervoll. Und wieder neigte er sich zu mir und flüsterte leise: „Das wird irgendwann dein neues Zuhause werden...“
Gast

Beitrag von Gast »

        • Glück ist keine Frage des Bekommes,
          • sondern des Annehmens.

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Ich war an diesem Abend froh, dass ich endlich aus der Rüstung kam. Nach den zwanzig Liegestütz war für mich die Übung schon beinahe gelaufen. Bei Eluive, konnte das anstrengend sein. Das kühle Wasser tat gut und das Kokosöl ließ mich wieder wie eine Natifah fühlen. Das Haus war leer als ich heimkam. Wie immer.

Abbas hatte mich lange angesehen, als er zur Übung kam. Aber er sagte nichts. Es blieb auch keine Zeit mehr, immerhin waren schon viele anwesend. Auf dem Weg zur Palastruine tauschten wir kurz einen Blick aus, ein zaghaftes Schmunzeln. Und auf dem Rückweg fand er auch keine Zeit. Er wollte mit Imraan sprechen. Vermutlich war es wichtig, ich hätte mir niemals erlauben dürfen, hier irgendetwas zu sagen. Auch wenn ich wollte. Deswegen ging ich nach Hause. Und nun stand ich hier in der Küche und räumte auf. Ich war so in Gedanken, dass ich nicht mal an meine Verhüllung dachte.

Als ich fertig war, setzte ich mich in den Garten an den kleinen Teich. Ein schöner Ort um weiter nachzudenken. Ich wusste gar nicht, worüber ich wirklich nachdachte. Es waren so viele Gedanken. Es klingelte. Ich stand zügig auf und ging zum Tor, warf einen Blick durch die Gitterstäbe und öffnete. Wäre es nicht Abbas gewesen, hätte ich mich noch verhüllt. Aber er kannte mein Gesicht, also konnte ich den Schleier Schleier sein lassen.

Während wir zum Haus gingen, sah er besorgt zu mir. „Ich habe den Abend noch eine Wache vorbei geschickt, aber du warst neda hier.“ Ich bejahte dies. Es lag mir fern, ihn zu belügen. Er ging mir nach. „Und die nächsten Tage warst du auch neda zu finden.“ Auch das stimmte und das sagte ich ihm auch. „Das war also so beabsichtigt?“
Absicht. Neda, Absicht war das nicht. Was ich ihm auch sagte. Er musterte mich unsicher und fragte, ob es mir denn gut ging. Auch das konnte ich bejahen. Es ging mir gut. „Das beruhigt mich sehr. Ich hatte mir Sorgen gemacht.“ Es war mir irgendwo bewusst gewesen, dass er sich Sorgen gemacht hatte – zumindest hatte ich mir das gewünscht, auch, wenn ich das nicht geplant hatte. Und es tat mir auch leid. Ich ging in die Küche, ich wusste, dass er zu einem Mocca nicht nein sagen würde. Er lehnte sich an den Torbogen und sah zu, wie ich alles für den Mocca zusammensuchte. „Ich hatte gerade ein Gespräch mit Imraan.“ Ich wusste nicht, warum er mir das so erzählte. Aber ich fragte nach. „Ein Gespräch?“ - Aiwa, über dich und auch über mich.“, erwiderte er langsam und schmunzelte. Währenddessen hatte ich gerade den Mocca in die Tasse gegossen, die mir aber im nächsten Moment aus der Hand glitt und auf dem Boden zersprang. Ein Gespräch mit Imraan.. über.. uns. „Über uns?“ Er schmunzelte wieder. „Aiwa, über uns.“

Ich sah zum Boden hin und kümmerte mich gleich darum, die ganze Sauerei aufzuwischen. Worüber hatte er denn mit Imraan gesprochen? Es überraschte mich wirklich und ich spürte, wie mir mein Herz bis zum Hals schlug. Behutsam sammelte ich die Scherben auf und legte sie auf die Küchenablage. „Ich habe jedenfalls mit ihm über uns beide gesprochen. Wie es so weitergehen soll.“ Ich wischte den Mocca vom Boden auf und sah wieder zu ihm. „Und?“, fragte ich vorsichtig, meine Wischbewegungen wurden langsamer. Ich konnte mein Herz nun sogar schlagen hören, es war fast, als würde es aus meiner Brust springen. Er würde nicht das sagen, was ich so lange gehofft hatte, was er irgendwann sagen würde. „Er möchte dich gern näher kennen lernen, am besten bei einem Abendessen in der nächsten Zeit.“

Ein Abendessen. Ein Abendessen? Warum denn ein Abendessen? Nun verwirrte mich Abbas doch. „Was habt ihr wegen mir... wegen uns... gesprochen? Warum will er mich kennenlernen?“, ich ging vorsichtig ein Stück näher, als ich sprach. „Ich will, dass er dich kennenlernt, weil wir viel Zeit verbringen und es auch noch mehr werden soll. Zudem muss er seinen Segen geben. Schließlich ist er das Oberhaupt der Familie Omar.“

Nun verwirrte er mich endgültig. Seinen Segen geben, dass wir uns öfter sehen dürften? Wir sahen uns doch schon so oft.. ohne jeglichen Segen. Ich war nun wirklich irritiert. Von seinen Worten, von der Tatsache, dass meine Beine beinahe nachgaben und das mein Herz so sehr raste. „Öfter sehen und auch, dass mehr werden kann als nur das sehen.“ Meine Augen wurden größer. Größer. Und größer. Mein Herz.. von dem wollte ich gar nicht erst sprechen. Ich war nahe an der Ohnmacht. Was tat eine Natifah denn, wenn ein Omar vor ihr stand und das sagte, wovon sie schon als kleines Wüstenblümchen geträumt hatte? Auf meinen Lippen bildete sich ein Schmunzeln, welches aber recht rasch in ein Grinsen überging. „Ich hoffe, dass es in deinem Interesse ist?“ - DA FRAGTE ER NOCH!? Ich begann überglücklich zu quieken, ich wusste gar nicht, wohin mit all meiner Freude. Ich wusste gar nichts mehr. Ich wollte die ganze Welt umarmen. Aber warum jetzt? Warum jetzt? „Die Tage der Ungewissheit waren neda leicht für mich.“

Ich konnte nicht mehr anders, ich musste ihm einfach um den Hals fallen. Ich pfiff für einen Moment auf jegliche Etikette und jegliche Tradition. Ich wollte ihm einfach nur um den Hals fallen. „Ich bin froh, dass du dich darüber so freust wie ich mich.“, und er legte vorsichtig einen Arm um mich. Ich träumte. Ich musste träumen. Oder? Ja, das war bestimmt ein Traum. Das konnte doch nur ein Traum sein.

Als er gegangen war stand ich noch eine Weile am Tor. Ich konnte im ersten Moment gar nicht verstehen, was da nun passiert war. Ich fühlte mich noch immer, als würde ich träumen. Bei Eluive, hätte mir heute morgen jemand gesagt, dass der Tag heute so enden würde: Ich hätte laut gelacht, weil ich daran nicht geglaubt hätte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich da noch stand. Ein paar Minuten? Ich wusste es nicht mehr. Nach und nach begann ich dann tatsächlich zu realisieren, was er da gesagt hatte. Was passieren würde, wenn Imraan letztendlich seinen Segen zu allem gab. Für einen Moment blieb mir die Luft weg und ich musste wieder schmunzeln. Ich spürte auf einmal diese tiefe Zufriedenheit in mir, dieses Glück. Dieses unfassbare, unglaubliche Glück. Dann löste ich mich aus meiner Starre und ging langsam zum Haus zurück. Ich sah nach oben in den Himmel. Es war kein Traum.
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 4. Juli 2014, 13:05, insgesamt 1-mal geändert.
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        • Manchmal glauben wir, dass das,

        was wir tun, nur ein Wassertropfen im Meer ist.

        Aber das Meer wäre kleiner ohne diese Tropfen.

Ich konnte mein Glück immer noch nicht fassen. Ich saß da und betrachtete mein Spiegelbild im Wasser. Warum ich? Warum hatte er mich auserwählt? Natürlich hatten wir sehr viel Zeit miteinander verbracht und ich hatte in ihm zeitnah mehr erkannt, als er von sich preisgab. Aber warum nun ich? Er hatte sich doch noch so sehr dagegen gesträubt.

Ich hatte ihm versprochen, ihn nicht allein zu lassen und egal, wie oft er die falschen Worte verwendet hatte und mir wieder und wieder ein Stückchen mehr weh getan hatte, ich ging nicht. Ich war keine von den Natifahs, die sich in den Nächstbesten verliebten oder sich Gefühle vorgaukelten, nur, um irgendwann endlich verheiratet zu sein. Ich hatte so etwas wie für ihn zuvor noch nie empfunden. Noch nie diese Wärme, noch nie diese Zuneigung, noch nie dieses merkwürdige Ziehen im Bauch, wenn mich jemand angesehen hatte. Aber dann kam er. Und meine Welt stand Kopf.

Kann ich dich behalten, so für den Rest meines Lebens?

Der Besuch bei Eshaty war das, was mich ablenken konnte. Sie war nicht im Basar, also versuchte ich es im Familienviertel. Sie war dort und saß gerade über einem Teppich für einen Kunden. Ob ich ihr Werk sehen wollte, hatte sie mich gefragt. Natürlich wollte ich das. Ich fand die Kunst des Teppich Webens faszinierend und manchmal wünschte ich, ich könnte das ebenfalls. Aber dieses Können blieb mir leider verwehrt. Sie fragte mich, wie es mir die letzten Tage ergangen war. Bei Eluive, ich konnte ja nicht gleich damit heraussprudeln, was am gestrigen Abend passiert war. Also erzählte ich ihr zunächst von der Übung und den zwanzig Liegestütz, die Abbas uns machen ließ. Zwanzig... Ich war nach der fünften bereits so erschöpft, dass jede weitere eine Qual für mich war. Aber ich wollte nicht aufgeben. Zum Einen, weil Abbas da war. Zum Anderen, weil ich nicht wollte, dass die anderen dank mir noch mehr Liegestütz machen mussten. Man konnte es ja nicht wissen, daher biss ich mich durch. Ich sprach mit Eshaty eine Weile über die Armee und über Abbas. Sie fragte mich, ob ich auch „Abbas“ zu ihm sagen würde und ich bejahte, dass ich ihn duzen durfte. Aber ich erklärte ihr auch, dass ich ihn in der Armee mit seinem Rang ansprechen musste. Und dass in der Garde nur der Rang zähle, nicht der Name. Was bedeutete, dass Khalida Abbas Befehle erteilen durfte, obwohl er ein Omar war. Eshaty selbst kannte nur einen Omar: Imraan. Ja, Imraan. Ihn hatte ich zwar schon öfters gesehen, aber so wirklich ein näheres Gespräch hatte ich mit ihm noch nicht.

Aber das würde sich ja bald ändern. Also begann ich, Eshaty von Abbas' Besuch und seinen Worten zu erzählen. Am Anfang stand sie zunächst genauso auf dem Schlauch wie ich gestern, als ich damit anfing, dass ich Imraan demnächst besser kennenlernen würde, damit dieser seinen endgültigen Segen geben konnte. Auch Eshaty verstand nicht, welchen Segen und ich erwiderte, dass es sich um den Segen handelte, dass Abbas zu meinem Oberhaupt gehen konnte. „Und was will er da?“, meine Antwort war kurz und präzise. „Mich.“
„LAILA!“, sie sah mich mit großen Augen an und kicherte gleich daraufhin. Ich mochte sie. Sie hatte solch ein angenehmes Wesen, sie war fröhlich, freundlich, sie freute sich ehrlich für jemanden.

Für den Rest des Tages blieb ich weiterhin nachdenklich. Wenn jemand sagt, er denkt nach, haftet immer etwas Negatives daran. Aber nachzudenken war nicht immer negativ. Man konnte sich auch über schöne Dinge Gedanken machen. Zum Beispiel darüber, wie es sich anfühlt, wenn die Zukunft solch eine Wendung nimmt. Aber es waren gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war ich glücklich, sehr glücklich über den Umstand. Auch, wenn ich wusste, dass ich mich noch nicht zu sehr freuen durfte, immerhin war da noch Imraan, der mich kennenlernen musste und mich für gut genug empfand. Gut genug für einen Omar. Das war eine ziemliche Herausforderung. Ich wusste noch nicht, was ich für das Essen genau zubereiten würde, aber ich würde mir etwas einfallen lassen. Zunächst musste eh erst einmal ein Termin genannt werden. Und dann konnte ich mir weitere Gedanken machen. Aber war es so einfach, alle aufkeimenden Gedanken von sich zu stoßen? Wenn ich nun von dem besten Fall ausging und Imraan gab seinen Segen, dann... ja, was dann? Dann stand meinem persönlichen Glück nichts mehr im Weg – fast nichts. Meine Familie konnte sich dann glücklich schätzen, dass eine Natifah aus ihrer Reihe von einem Sohn der Omar erwählt wurde. Es war eine unsagbare Ehre für eine Familie. Bei Eluive, es fühlte sich alles doch immer wieder an wie ein schöner Traum...
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          • Unsere Träume sind
            gefärbt von der Farbe
            unserer Sehnsüchte.
    • [img]http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/tumblrn85qy5xjl4zx9ocuwj.jpg[/img]
Ich lag noch lange im Bett und war wach. Während Aaminah längst neben mir schlief, wollten meine Augen nicht zufallen. Mein Herz wollte nicht aufhören zu schlagen, das Blut jagte durch meine Venen. Bevor ich mich ins Bett gelegt hatte, hatte ich mein abendliches Gebet gesprochen. Ich hatte der gütigen Mara für den Abend gedankt und vor allem dafür, was sie mich alles hatte erleben lassen.

Der Abend... Als Abbas vor mir stand, war ich überrascht. Ich hatte gerade nach ihm suchen wollen, auch, wenn ich wusste, dass meine Suche am Palast beendet war, da ich diesen offiziell nicht betreten durfte. Und so groß, wie der Palast war, hätte ich ihn bestimmt auch nicht auf Anhieb gefunden. Aber die Suche hatte sich nun ja erledigt. Ich fragte ihn, ob er mit mir einen Ausflug machen würde. Ich wollte ihm endlich den Ort zeigen, von dem ich ihm schon vor langer Zeit erzählt hatte. Er lächelte und nickte und wir sattelten die Pferde und ritten los.

Der Ort, zu dem wir ritten, hatte ebenso etwas magisches, wie viele andere Orte. Ich hatte ihn durch Zufall einmal entdeckt und dann genauer erkundet. Weil mich seine Umgebung faszinierte. Abbas sah sich um und lächelte, er selbst war schon so oft an dem Ort vorbeigeritten, aber hatte ihm nie größere Beachtung geschenkt. Aber dafür hatte er jetzt ja mich. „Aiwa, das stimmt. Aber ich denke auch noch für viel mehr.“ Für viel mehr? Ich lächelte sanft, während ich den Korb mit all dem Essen neben mir abstellte. „Zum Beispiel schreibst du schöne Geschichten und du veränderst mich teilweise ein bisschen.“, natürlich war mir aufgefallen, dass er sich in der letzten Zeit sehr verändert hatte, aber dennoch fragte ich nach. „Natürlich, wenn du dich daran erinnerst, wie ich am Anfang war und wie ich nun bin. Zudem fühle ich mich in manchen Situationen ein bisschen anders. In manchen Situationen hätte ich vor einigen Monden noch absolut anders reagiert. Zum Beispiel, wenn mir jemand um den Hals fällt.“ Ich musste kurz wieder etwas schmunzeln. Er hätte anders reagieren können, als ich ihn bis zum jetzigen Zeitpunkt zweimal umarmt hatte. Aber er hatte es das erste Mal hingenommen und war zur Salzsäule erstarrt. Das zweite Mal hatte er selbst seinen Arm ganz vorsichtig um mich gelegt. Ich alberte ein wenig mit ihm herum, was sich diese Natifah denn alles erlaubte und wir lachten dann leise. Ich teilte derweil das Essen auf, immerhin hatte ich es mühevoll zubereitet. „Ich mag diese Natifah.“ Ich reichte ihm seinen Teller entgegen und er warf einen Blick darauf, was ihm wieder ein Schmunzeln auf die Lippen zauberte. „Genau wegen solcher Dinge, das habe ich dir einmal zum Anfang erzählt.“, ich aß ein Stückchen von der knusprigen Schlange. Ich war damals schon aufmerksam gewesen und natürlich merkte ich mir, was er gerne aß. Immerhin wollte ich ihn glücklich machen.

„Hast du denn eigentlich im nächsten Wochenlauf am dritten Tag Zeit? Also dann am Abend?“ Ich wusste genau, was er ansprechen wollte, was der Termin werden sollte. Und ich wollte ihm ein wenig die Luft rauben. „Neda, wieso?“ - „Ich dachte vielleicht, dass ich mit Imraan zu dir kommen könnte.“ Ich schluckte das Essen hinunter und stellte den Teller langsam zur Seite, ich sah wieder zu ihm und riss mich zusammen, dass ich vollkommen ernst blieb. Dann, nach ein paar Lidschlägen lächelte ich ihm wieder entgegen, nein, ich strahlte förmlich. „Dafür habe ich immer Zeit.“ Ich lachte leise, weil ich ihn so sehr verwirrt hatte und bat ihn darum, mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich das Essen vorbereiten konnte. „Was Imraan am liebsten ist, weißt du sicherlich oder?“ Natürlich wusste ich das, ich hatte Aaminah gefragt, die mir ausgiebig davon berichtet hatte. Natürlich würde ich etwas backen, immerhin war es wichtig, dass das Gegenüber spürte, dass man sich für ihn interessierte. Aber ich hoffte, dass ich ihn nicht nur dadurch von mir überzeugte. Andere Werte waren so viel wichtiger. Abbas lächelte. „Das wirst du sicherlich können, davon bin ich überzeugt. Du weißt dich doch zu benehmen und mich hast du doch auch von dir überzeugt.“ Und das war auch ein langer Kampf gewesen, Abbas von mir zu überzeugen. „Ich glaube Imraan ist vielleicht ein wenig umgänglicher als ich. Die meisten Menekaner mögen eher Imraan als mich, daher wird es sicherlich neda schwierig für dich.“ Mir war es nur wichtig, dass das Treffen gut verlief und Imraan verstand, warum Abbas sich für mich entschieden hatte. Und ich in Imraans Augen gut genug für Abbas war.

Im Anschluss löste ich mein Versprechen ein und las ihm eine weitere Geschichte vor. Als sie vorüber war, kamen viele Fragen auf. Fragen, die mich verwirrten und im nächsten Moment dafür sorgten, dass ich nachdenklicher wurde. Abbas war für einen kurzen Moment wieder zu dem Abbas geworden, den ich anfangs kennengelernt hatte. Hinterfragend, nachdenklich. Ich stand auf, ich wollte für den Moment nicht mehr sitzen und ging zum Rand des Wassers. Ich betrachtete den Wasserfall. Es war beeindruckend, mit welcher Gewalt das Wasser auf den See einbrach. Nach einer Weile folgte er mir und stand ein Stück weit hinter mir. Er nahm seinen Mantel ab und legte ihn mir über die Schultern, ich griff danach, während er dann an meinen Armen entlang strich. Meine Haltung spannte sich kaum merklich etwas an, als ich die warmen Hände durch den Stoff meines Kleides hindurch spürte. Wenn das zur Normalität wurde, dass ich so auf ihn und auf seine Berührungen reagierte, konnte das ja lustig werden. Dieses Kribbeln, welches sich durch meinen ganzen Körper zog und sich dann in meinem Bauch manifestierte... Ich drehte mich langsam zu ihm herum und sah ihm in die Augen. Er neigte sein Kopf zur Seite und schmunzelte weiter. Ich neigte meinen zur anderen Seite, auch ich schmunzelte noch immer. Rasch bewegte sich sein Kopf dann auf die andere Seite, ich tat es ihm gleich. „Was soll das werden, machst du immer das Gegenteilige von mir?“, flüsterte er leise. Ich musste leise lachen. Vielleicht, aiwa. Er kniff die Augen dann etwas zusammen, was ich ebenfalls tat. Wir schmunzelten uns beide weiter an. Dann drehte er den Spieß um und machte mir all das nach, was ich auch tat. Ich machte einen kleinen Schritt auf ihn zu, mehr ging auch nicht, da ich eh schon dicht bei ihm stand. „Sag mir, dass das alles wahr ist...“, flüsterte ich leise, da ich nach wie vor mein Glück nicht fassen konnte. Ich fühlte mich noch immer, als würde ich manchmal träumen.“Aiwa, natürlich ist es wahr. Alles andere wäre doch schrecklich. Also ich habe keinen Zweifel daran, dass es wahr ist.“ Das Schmunzeln auf seinen Lippen wurde breiter. „Es fühlt sich manchmal an wie ein Traum.“ - „Man kann auch Träume leben, denke ich.“, ich streckte auf seine Worte hin vorsichtig meine Hand nach seiner aus. Als sich beide berührten, umschloss er meine Hand vorsichtig. „Ich glaube, ich lebe meinen Traum gerade.“, sprach ich leise, während ich mit dem Daumen vorsichtig und behutsam über seinen Handrücken streichelte. Er sah kurz zu den beiden Händen hin, ehe sich sein Blick wieder auf meinen Augen einfand. Ich sah im selben Moment von den sich umschließenden Händen zurück zu ihm und musste ebenfalls wieder etwas schmunzeln. „Irgendwie treibst du mich heute zu Dingen, die ich neda geplant hatte.“
„Was hattest du denn nicht geplant?“, fragte ich ihn leise und er schaute zu den beiden Händen. Ich sah ebenfalls zu den beiden umschlungenen Händen hin und wieder vorsichtig zu ihm und versuchte dann, meine Hand behutsam aus seiner zu befreien. Doch er hielt sie mit sanftem Nachdruck fest. „Ich habe neda gesagt, dass es mir nicht gefällt.“ Ich spürte, wie in mir wieder ein kleiner Wirbelsturm an Gefühlen aufzog und sich breit machte. Es fühlte sich so schön an. „Eigentlich will ich dich auch neda loslassen...“, erwiderte er mit einem sanften Schmunzeln. Das musste er auch nicht. Während der ganzen Zeit sahen wir uns ständig in die Augen. „Ich weiß, ich darf es neda, aber..“, ich sprach nicht weiter, stattdessen hob ich die freie Hand etwas an und bettete sie vorsichtig an seiner Wange, um diese sanft zu streicheln. Sein Schmunzeln bestätigte mich darin, dass er damit einverstanden war. Ich konnte nicht beschreiben, was diese Berührung in mir auslöste. Ich war ihm so nah und dennoch war noch die nötige Distanz zwischen uns. Es war eine zaghafte, schüchterne Berührung, so, als hätte ich Angst davor, irgendetwas könnte unter meiner Hand zerbrechen. Er schloss die Augen für einen Moment zufrieden. Die Gefühle waren mir so fremd und sie waren doch so wunderschön. Er öffnete dann seine Augen wieder und schmunzelte, dennoch sah er sich unsicher um. Für einen kurzen Moment war meine kleine Welt, die ich mir soeben aufgebaut hatte, wieder in sich zusammengestürzt. Hatte ich etwas falsch gemacht? Doch im nächsten Moment spürte ich, wie sich seine Hand an meine Wange legte, sanft, behutsam. Er zögerte einen kurzen Moment, ich suchte noch nach seinem Blick. Dann neigte er sich zu mir. Mein Herz setzte für einen Moment aus. Vielleicht auch für einen weiteren Moment. Was tat er da? Ich spürte, wie seine Lippen sanft meine Stirn berührten. Ich schloss sofort meine Augen, ich wollte den Moment für mich einfangen und ihn nicht wieder hergeben. Als er sich wieder von mir löste, begannen meine Wimpernkränze leicht zu vibrieren, als ich meine Augen wieder öffnen wollte. Und ich spürte, wie mein ganzer Körper diesem unsagbaren Kribbeln nach gab – meine Knie wurden weich und ich sackte kurz etwas zusammen. Ich hielt mich an ihm fest. Ich spürte, wie sein Griff fester wurde und er mich ebenfalls aufrecht hielt. „Es war wohl doch ein wenig viel.“, erwiderte er schmunzelnd und ich hatte es endlich geschafft, meine Augen wieder zu öffnen. Ich strahlte ihm glücklich entgegen. Es war nur ein Kuss auf die Stirn und meine Knie wurden weich. Ich musste den Kopf leicht schütteln und leise auflachen. Nichts desto trotz war es spät geworden und wir mussten zurück. Wir gingen zu den Pferden, meine Hand ließ er erst dann los, als er mir auf mein Pferd half.

Zuhause angekommen brachte ich mein Pferd in den Stall zurück und ging wieder zu ihm. Ich gab ihm seinen Mantel wieder. Ich wollte nicht, dass er ging. Aber er musste. Und ich wusste, dass er musste. Selbst wenn er gekonnt hätte, er hätte nicht bleiben dürfen. Und ich hätte nicht mitgehen dürfen. Noch nicht. Er stieg wieder auf sein Pferd und trieb es davon, nachdem wir uns verabschiedet hatten. Ich seufzte leise, als er sich noch einmal zu mir umdrehte und mir zulächelte. Dann verschwand er in der Nacht und ich war wieder alleine mit all den sonderbaren Gefühlen, die heute in solch einer enormen Wucht auf mich eingeprasselt waren.
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      • Entsteht aus einem kurzen Glück
        eine lange Zufriedenheit,
        können wir uns glücklich schätzen.

    • Bild
Akemi Laila kommst du hudad einmal mit.
Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt schon wieder angestellt hatte. Aber es war ein öffentlicher Befehl, dem ich mich beugen musste. Kurz flogen mir ein paar angenehmere Gedanken durch den Kopf, aber irgendwo blieb die Sorge, dass ich mich bei irgendwas falsch verhalten hatte. Wir gingen in das Wachhaus der Kaserne und er führte mich weiter in den nächsten Raum. Als sich die Türe schloss, drehte er sich zu mir...

[…] Ein Tag zuvor. […]

Nach dem Familientreffen und Nadims Ausraster mir gegenüber hatte ich mich aus dem Haus geschlichen. Er konnte mit vielen so umspringen, aber nicht mit mir. Ich war sogar noch so freundlich, ihn davon zu unterrichten, dass Imraan zu einem Essen hier her kam. Er sollte es als Ehre sehen, stattdessen hatte ich wohl mal wieder alles Erdenkliche falsch gemacht. Imraan kam wegen mir, er wollte mich kennenlernen, um Abbas Entscheidung, mich an seiner Seite als seine Frau haben zu wollen, unterstützen zu können. Aber das ging Nadim erst einmal gar nichts an. Ich hätte beim ersten Mal daraus lernen sollen, dass ich ihm nicht vertrauen konnte. Und da er irgend ein Problem mit mir hatte, blieb mir nichts weiter als ihm vorne herum ins Gesicht zu lächeln. Was hinter seinem Rücken geschah, würde er so oder so nie erfahren.

In der Oase traf ich auf Abbas. Ich war froh ihn zu sehen und mittlerweile kannte er mich gut genug, dass er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich erzählte ihm von dem Ablauf des Abends und wie ich mich fühlte. Dass ich für heute gar nicht erst zurückkehren wollte. Er nahm meine Hand in seine und sprach mir Trost zu. Ich wusste, was er von Nadim hielt und so langsam aber sicher konnte ich es verstehen. Dennoch war es irgendwann Zeit, aufzubrechen. Als ich ihm gegenüber stand, erinnerte es an die Situation am Wasserfall. Es war ein Moment, an dem ich mir wünschte, dass wir schon verheiratet waren. Denn dann wäre alles so viel einfacher gewesen. Dieser tiefe Blick in die Augen, das Lächeln. Auf einmal waren all meine Bedürfnisse so klar. Ich wollte heute Nacht nicht zurück. Ich wollte hier bleiben. Ich wollte... seine Lippen auf meinen spüren. Natürlich schämte ich mich im nächsten Moment für meine Gedanken, aber sie waren so präsent, dass ich sie nicht mehr leugnen konnte. Das 'Salam' bewahrte uns wohl davor, nicht gegen unsere Traditionen zu verstoßen, aber dennoch hätte ich sie in dem Moment am liebsten mit einem riesigen Hammer in den Boden gestampft. Ich seufzte und innerlich begann ich zu fluchen. Also brachte mich Abbas nach Hause.


Vor der Truppenübung am heutigen Tage hatten wir uns in der Taverne gesehen. Schnell war uns beiden klar, dass wir den Ort wechseln wollten. Als wir endlich einen Platz gefunden hatten, setzten wir uns. Seine Hand war dicht bei meiner, was mich dazu verleiten ließ, diese immer wieder sanft zu berühren. Wir sprachen lange und viel über das, was passieren konnte, wenn ich seine Frau werde. Dass ich viel Zeit haben würde, weil ich keine Hausarbeit mehr machen musste. Und dass ich nicht mehr einfach so ohne Begleitung das Land verlassen konnte. Auch nicht heimlich. Es war viel zu gefährlich, wenn bekannt wurde, wer ich war. Wessen Frau ich war.

Wir sprachen ebenfalls nochmal über den Abend in der Oase. Ich offenbarte ihm meine Gedanken, meine Gefühle und meine Bedürfnisse. Ich sagte ihm auch, dass ich Hajifa für einen Moment wirklich verflucht hatte. Es war ein solch magischer Moment und ich hatte fast alles um mich herum ausgeblendet. Solche Momente waren das, was sich jeder wünschte. Und dann wurde genau dieser Moment so schnell zerstört. Wenn sie nur nicht in die Oase gekommen wäre...
Ich spürte, wie er seine Hand an meine Wange bettete, ganz behutsam. Er kam mir näher. „Denk neda weiter darüber nach...“, flüsterte er und im nächsten Moment schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Nichts falsch machen, Laila. Nichts vermasseln. Nichts...

Meine Atmung setzte für einen Moment aus. Ich spürte, wie meine Finger kribbelten, das Kribbeln meine Arme empor kroch und sich im ganzen Körper verteilte. Ich konnte auf einmal so viel fühlen, so viel spüren. Und all das gar nicht zuordnen. Wer mir erzählen wollte, dass ein Kuss etwas harmloses war, der log definitiv. Dieses Brennen auf meinen Lippen, das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren – mein Herzschlag. Er flüsterte mir zu, dass er dem Verlangen nicht widerstehen konnte, mich zu küssen. Ich hatte meine Augen noch immer geschlossen. Ich wollte nicht, dass der Moment aufhörte. Ich wollte diesen Moment immer und immer wieder genießen können. Die Gefühle waren unbeschreiblich. Ich war zuvor noch nie geküsst worden und genau so hatte ich es mir im Ansatz vorgestellt. Aber meine Vorstellungskraft hatte nie ausgereicht. Ich war froh, dass ich saß, vermutlich wäre ich vor lauter weiche Knie zusammen gesackt. Wie bei dem Kuss auf die Stirn am Wasserfall. „Ich will dich neda mehr gehen lassen.“, hörte ich ihn sagen als seine Stirn an meiner lehnte. Gehen lassen? Wie konnte er daran nur denken? Ich hatte auf jeden Fall die tausendprozentige Bestätigung, dass ich bis über beide Ohren verliebt war und ohne diesen Mann nicht mehr sein wollte.

Im Anschluss nach weiteren Gesprächen trennten sich unsere Wege zunächst. Ich musste nach Hause, dort wartete noch genug Arbeit auf mich. Als ich fertig war, hatte ich mich zurückgezogen, um ein wenig zu fischen. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und mich auch nicht konzentrieren, immer wieder schlichen sich meine Gedanken zu ihm und mein Herz begann erneut zu rasen. Wild zu schlagen und es wollte nicht mehr aufhören. Als es klingelte, riss ich mich aus den Gedanken und eilte zur Tür. Abbas. Wie mein Körper auf einmal nur auf seine bloße Anwesenheit reagierte. Ich strahlte ihm entgegen und wir vertagten unsere Gespräche in den Pavillon. Wir redeten lange und viel, auch über Imraan und wie das Gespräch mit ihm wohl sein würde. Ich hoffte, dass er mich mögen würde. Im Anschluss daran gingen wir wieder getrennte Wege, nachdem Abbas meine Beine tatsächlich noch auf eine harte Probe gestellt hatte. Sie hatten nachgegeben, aber er hatte mich festgehalten. Zudem war es ein Trost, dass wir uns bei der Gardeübung wiedersehen würden.
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Und ich dachte schon, ich hätte was angestellt...
Da stand ich nun vor ihm in diesem kleinen Raum. Er schmunzelte und nahm mir den Schleier ab und berührte wieder behutsam meine Wangen mit seinen Händen. Und dann küsste er mich. Hier. In einem abgeschiedenen Raum der Wache. Und es kribbelte alles noch viel, viel mehr. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, weswegen er mich tatsächlich damit überrumpelt hatte. Aber das Gefühl war umso schöner und intensiver. So intensiv, dass ich gar nicht mehr damit aufhören wollte. Er zog mich im nächsten Moment zu sich, was die Stärke des Kusses nur intensivierte. Mir blieb die Luft weg, mir blieb schlicht und ergreifend die Luft weg, bis er sich wieder von mir löste. Es hatte so kommen müssen, aber dennoch mussten wir vorsichtig sein. Wir konnten es nicht riskieren, all das, was wir hatten, zu verlieren. Noch stand alles auf einem wackeligen Gerüst. Also ging ich zur Tür und versuchte irgendwie, die Türklinke zu finden. Meine Gedanken waren irgendwo, nur nicht bei der Tür. Mein Blick lag weiter auf ihm, bis er mir die Türe öffnete. Ich ging hinaus und sah... Imraan. Er stand vor mir und lächelte uns beiden entgegen. Für einen Moment wusste ich nicht ob ich lächeln sollte oder weinen sollte, aber ich entschied mich für ersteres. Beide sprachen dann recht schnell über die Truppenübung, so dass ich meine Gedanken und all die Gefühle sammeln konnte. Abbas sah hier und da immer zu mir und lächelte mir kurz zu. Vermutlich wollte er hier schon symbolisieren, dass er sich zu mir hingezogen fühlte, immerhin redeten wir hier gerade von Imraan.

Ich durfte Imraan dann die Übung erklären, die Rahal mit uns durchgeführt hatte. Es hatten sich vermutlich alle darüber gewundert, dass sie uns als feste Verbündete sahen, auch erschloss sich mir der Sinn dieser Übung nicht so ganz. Aber gut, jeder hatte seine Art und Weise, wie er im Kriegsfalle reagieren würde. Im Anschluss sah Imraan nochmal zwischen uns hin und her mit den Worten, dass er uns nun der Zweisamkeit überlassen würde. Dann ging er und wir sahen uns kurz an.

Zuhause angekommen zog ich mich um. Ich wusch mich, hüllte meine Haut in Öle und frische Kleidung, um dann im Anschluss das Haus wieder zu verlassen. Als ich mir den weiten Weg zu ihm gebahnt hatte, setzte ich mich zu ihm. Auf dem Weg schossen mir wieder tausende an Gedanken durch den Kopf. In den letzten Tagen hatte sich alles zu etwas Wundervollem entwickelt und umso mehr es sich entwickelte, desto deutlicher wurde die Angst, dass ich ihn verlieren konnte. Ich wollte daran nicht denken, doch die Ängste schlichen sich immer wieder heimlich zurück in meine Gedanken. Wir sprachen wieder sehr lange, es dauerte nicht lange, da bettete er meine Hand wieder in seiner. Diese Nähe war wunderschön und überwältigend zugleich und bei jedem weiteren Mal so ganz anders als das Mal zuvor. Und die Zeit schritt weiter voran...
Zuletzt geändert von Gast am Dienstag 15. Juli 2014, 17:28, insgesamt 1-mal geändert.
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      • Nun mag die Welt in ihren Festen beben,
        entfesselt wüten mag das Element;
        denn eine neue Ära tritt ins Leben,
        die keinen Haß und keinen Streit mehr kennt!
        Durch meine Seele ziehts mit Zauberweben
        o! wie’s im Herzen glückverheißend brennt!
        Die Pulse fliegen mir, die Lippen beben,
        ich fühls, das ist es, was sich Liebe nennt!
        Und möge alles rings in nichts versinken,
        ich lebe und der Liebe Sterne winken!
Bild

Ich stand vor der Wasseroberfläche und betrachtete mein Spiegelbild. Ich löste den Schleier, schob das Kopftuch zurück und ich betrachtete mich. Selbstkritisch tastete ich mein Antlitz ab. Ich führte meine Hände zu meinem Gesicht und kniete mich in den Sand. Im nächsten Moment landete eine große Menge an kühlem Wasser in diesem und ich sah wieder auf die Wasseroberfläche. Nun breitete sich zunächst ein zaghaftes, behutsames Lächeln auf meinen Zügen aus, welches im Anschluss immer weiter wuchs und breiter wurde.

Über den Tag verteilt war ich sehr aufgeregt ob des Abends. Aber umso näher der Abend kam, desto ruhiger wurde ich. Es war, als würde sich die ganze Aufregung auf einmal legen. Ich konnte eh nichts mehr tun. Es lag nun an dem Bild, welches Imraan von mir bekommen würde. Ich bereitete gerade das restliche Essen zu, als es an der Tür klingelte. Chadim war so freundlich und öffnete. Imraan und Abbas traten ein, ihnen folgte eine Natifah – Yasmeen, wie sich herausstellte. Es nahmen alle Platz und ich brachte für jeden die Getränke und einen kleinen Happen in Form von unterschiedlichem Kuchen für zwischendurch. Die Herren unterhielten sich, während Imraan eine entspannende Massage von Yasmeen genoss. Ich blieb ruhig sitzen, immer wieder sah ich zu Abbas hin und wir schmunzelten uns dezent zu. Seine Anwesenheit gab mir Kraft und Mut, diesen Abend erfolgreich zu überstehen.

Nachdem die geläufigen Themen vorüber war, sah Imraan zu mir. Er stellte mir einige Fragen, die ich ihm bestmöglich beantwortete. Er fragte mich nach meinen Tätigkeiten im Haus, nach meinen primären Zielen, nach meinen positiven und negativen Eigenschaften. Er wollte wissen, warum ich den Janitscharen beigetreten war, fragte nach meinem Verhältnis zu Eluive. Er stellte mir eine seltsame Fragen zu den Letharen, die mich zunächst etwas verwirrte, ich ihm aber auch hierauf eine Antwort gab. Und zuletzt stellte er mir eine weitere Frage und bat mich, mit dem Herzen zu antworten.
„Wie möchtest du dein Verhältnis zu Abbas umschreiben?“

Sowohl Imraan wie auch Abbas sahen nun voller Aufmerksamkeit zu mir. Auch Chadim schien die Antwort zu interessieren. Ich musste nicht lange überlegen, um eine Antwort zu geben. „Er ist für mich eine große Inspiration, er hat mich sehr verändert. Und ich weiß, dass ich auch ihn verändert habe. Ich freue mich auf jeden Tag, an dem ich weiß, dass wir uns sehen können. Und ich wäre traurig, sollte dies nicht mehr so sein können... weil...“, ich musste kurz pausieren, mein Blick ruhte während meiner Worte ständig auf Abbas und lösten sich auch weiterhin nicht von ihm. „...ich ihm längst mein Herz geschenkt habe.“ Ich sah auch danach weiterhin zu ihm, so dass ich Imraans Grinsen gar nicht gleich bemerkte. Erst nach einer Weile schlich sich mein Blick zu ihm zurück „Überzeugender Worte hätte es nicht geben können.“

Imraan wollte im Anschluss aus meinem Munde hören, dass wir unseren weiteren Weg gemeinsam bestreiten wollen. Ich sagte ihm, dass ich nicht mehr ohne Abbas sein wollte. Daraufhin erklärte er mir, dass wir uns, was das Familienleben anging, deutlich von den Nordländern unterschieden. Jede Familie hatte einen eigenen Ruf, ihre Stärken, ihre Schwächen; er erklärte mir auch, dass er das Oberhaupt der Familie Omar war und darüber entscheiden musste, ob ich geeignet war.

Das war also die Stunde der Wahrheit.

„Traust du es dir zu?“, fragte Imraan mich. „Ich hätte mich nie darauf eingelassen, hätte ich es mir nicht zugetraut.“; ich wusste im Großen und Ganzen, was auf mich zukommen würde, dass das Leben hier nicht mit dem Leben im Palast zu vergleichen war. Dass es so vieles gab, woran ich mich gewöhnen musste. Dass ich vorsichtiger sein musste und auch nicht mehr ohne eine Wache weggehen durfte. Ich würde mich dran gewöhnen müssen und ich war überzeugt davon, dies zu schaffen. Liebe konnte immerhin Berge versetzen.
„Ich habe ein gutes Gefühl dabei, Laila. Wir werden damit auch alsbald mit deinem Oberhaupt sprechen müssen.“

Da war er. Dieser Moment, auf den ich so lange gewartet hatte. Auf einmal war alles so unwirklich und doch so real. Ich realisierte gerade, dass Imraan nun im Grunde Abbas den Segen gegeben hatte, mich im Hause Omar aufzunehmen. Ich war würdig. Ich war würdig, seine Frau zu werden. Hätte mich am Tag danach jemand gefragt – was niemand tat – wie sich der Moment für mich angefühlt hatte; ich hätte keinerlei Beschreibung dafür gehabt. Wenn ich geantwortet hätte: Ich war glücklich; so hätte ich gelogen. Glück war das nicht, das war so viel mehr. Wie viele Natifahs träumten genau von diesem Moment? Ich konnte mein Glück einfach nicht fassen, ich fand allerdings auch kein Ventil, um diesem Glück freien Lauf zu lassen. Also gab ich mich meinen eigenen Gefühlen hin und war einfach über dem Maßen glücklich.

Im Anschluss gab es noch eine Runde Kaktusschnaps für die Männer, um diesen erfolgreichen und geschichtsträchtigen Abend zu feiern. Ich brachte dann jedem noch eine Kleinigkeit zu Essen, damit der Schnaps nicht so schwer im Magen lag. Irgendwann nach dem Essen brach Imraan mit Yasmeen auf. Ich brachte die beiden zur Tür und verabschiedete mich, sowie ich mich auch bedankte. Dann kehrte ich zurück und hatte Abbas ziemlich schnell für mich allein, denn auch Chadim verabschiedete sich nach einem kurzen Gespräch der Beiden über Nadim.

Nach einer Weile gingen wir noch ein paar Schritte am Meer entlang. Er zog mich dann zu sich und nach einer Weile küsste er mich. Die Gefühle waren wieder einmal überwältigend. Ich hatte keine Ahnung, wohin mit all dem Kribbeln, welches sich durch meinen Körper zog. Als er mich dann noch ein Stück weit näher zu mir zog, blieb mir der Atem für einen kurzen Augenblick weg. Man konnte diese Sache nur weiterempfehlen – also das Küssen!

Nachdem er nach diesem innigen Moment dann gegangen war, kam der Moment, an dem mich die Realität einfach einholte. Laila Ashani Omar. Ich schüttelte kurz unglaubwürdig den Kopf, doch dann begann ich wieder zu lächeln. Wie würde es sich anfühlen, verheiratet zu sein? Würde Eluive uns zeitig mit Kinder segnen? Ich weitete kurz die Augen. Bei Eluive... Ich schluckte im nächsten Moment. Ich wollte mir gedanklich gar nicht mehr ausmalen. Ich war nicht mehr so naiv und jung wie viele anderen Natifahs. Ich wusste, was auf mich zukommen würde. Die Frage war nur: Was würde da dann passieren, wenn ich schon bei einem Kuss beinahe bewusstlos wurde? Ich musste kurz leise auflachen, dann sah ich wieder zu den Sternen. „Dhabir, Eluive.“, im nächsten Moment lief eine einsame Freudenträne über meine Wange und ich lächelte einfach nur noch vor mich hin.
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Stolz war etwas, das man nicht beschreiben konnte. Und ich hatte in den letzten Tagen gelernt, was es bedeutete, stolz zu sein. Wie oft hatte ich in all den Wochen an mir gezweifelt? Nach jeder Auseinandersetzung mit Nadim, nach jeden verletzenden Zurückweisungen von Abbas. Aber ich konnte stolz sein. Abbas hätte sich keine Natifah an die Seite geholt, die nicht wusste, wie sie sich zu benehmen hatte. Und aiwa, auch zuvor hatte ich schon meinen Stolz. Ich war nicht wie Aaminah, die bei jedem Wort klein bei gab. Meine Eltern hatten mich dazu erzogen, gehorsam zu sein. Aber nicht dazu erzogen, ungerechtes Verhalten über mich ergehen zu lassen. Diesen Stolz trug ich in meinem Blut.

Zwischen all den Glücksmomenten, die ich dank Abbas hatte, dachte ich über Nadims letzten Worte nach. Seit diesem Abend hatte ich nicht mehr wirklich mit ihm gesprochen, denn dieses Mal erwartete ich tatsächlich, dass er sich zumindest im Ansatz für dieses Verhalten entschuldigte. Was hatte er erwartet? Unser Haus war bis zu dem Tag führungslos gewesen. Natürlich hätte ich einen der Männer fragen können, ob der Besuch von Imraan gestattet war – aber gab es daran einen Zweifel? Ich wusste, dass Abbas' Nadim schon ein Dorn im Auge gewesen war, als dieser ungefragt mit mir immer in einer der Höhlen war, nur, damit mir nichts passierte. Dass es ihm aber ein Dorn im Auge war, dass ich nicht um Erlaubnis gefleht hatte, dass Imraan vorbeikam? Kurz musste ich mein Haupt etwas schütteln. Möge die Mara ihm die nötige Weisheit schenken sein Handeln zu überdenken. Zumal ich ihm nicht einmal Widerworte gab und letztendlich sagte, wenn er dies so wünsche, dann sei das eben so. Dennoch, er herrschte mich an, schickte mich fort. Es war seine Art, ich war ihm nicht unbedingt böse. Mein Vertrauen in ihn war einfach ein Stück weit verflogen. Auch weiteres Überlegen hatte mich nicht auf eine Antwort auf meine Fragen gebracht. Eigentlich konnte er stolz sein auf mich. Immerhin war ich DIE Natifah, die Abbas an seiner Seite wissen wollte. Eine Natifah aus dem Hause Ifrey, die im Haus Omar einheiraten würde. Vielleicht würde ihm das früher oder später doch noch bewusst werden.

Ich betrachtete die Kleidung, die ich von Aaminah bekommen hatte. Ein Geschenk zur Feier des Tages. Ob dies mit unserem Oberhaupt abgesprochen war? Kurz rückten meine Mundwinkel empor. Neda, Aaminah würde nicht so bestraft werden wie ich. Ich hüllte meinen Körper, nachdem ich mich gewaschen hatte, in die Kleider. Sie waren schön und sie waren würdig, dass ich Abbas damit unter die Augen trat. Ich sah mich im Spiegel an. Es gab Momente, in denen es sich immer noch anfühlte, als wäre alles ein Traum.

Chadim schien sehr stolz auf mich zu sein. Er war an dem Abend zugegen, als Imraan mit Abbas hier war. In einem ruhigeren Gespräch vertraute er mir an, dass er nicht wusste, wie er Imraan einschätzen sollte, Abbas hingegen schien an diesem Abend ein offenes Buch gewesen zu sein. Es verwirrte mich ein wenig, mir war es leichter gefallen, Imraan einzuschätzen. Abbas war lange ein verschlossenes Buch für mich gewesen, dessen Zeilen ich nicht zu lesen verstand. „Man sah ihm an, dass er nervös war und dass er dich liebt, Laila.“

Ich seufzte leise, als ich mir die Worte wieder in Erinnerung rief. Aiwa, er liebte ich. Und ich liebte ihn. Ich sprach lange mit Chadim, der wiederum meinte, dass es eine Ehre für mich und das Haus wäre und uns durchaus mehr Ansehen verschaffen konnte. Er fragte sich auch, ob Abbas' mein Zutun in der Garde weiterhin gutheißen würde, wären wir erst verheiratet. Das würde er. Er war Stolz darauf, dass ich der Garde diente. Dazu kam der Aspekt, dass wir dort noch mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Er würde es erst dann nicht mehr gutheißen, wenn ich sein Kind unter dem Herzen trug. Ich musste schon wieder schmunzeln. Abbas war sichtlich überrascht, als ich ihm davon erzählte und seine Gedanken dazu eins zu eins wiedergeben konnte. Ich kannte ihn nun doch schon ein wenig, wusste ihn einzuschätzen und wohl jeder Menekaner würde dafür sorgen, dass eine Natifah im schwangeren Zustand niemals zur Waffe griff.

Ein Kind. Aiwa. Kinder waren ein sehr großes Geschenk, aber ich würde die Frage nicht zu einhundert Prozent beantworten können, ob ich dafür schon reif genug war. Natürlich wünschte ich mir welche. Welche Natifah tat das nicht? Aber war man als Natifah wirklich irgendwann an dem Punkt, an dem man sagen würde: Aiwa, jetzt bin ich bereit dafür? Ich wusste im Moment keine genaue Antwort darauf, auch, wenn mich unterbewusst der Gedanke noch viel, viel glücklicher machte. Aber irgendwann würde man vielleicht gar keine Antwort mehr finden müssen. Irgendwann würde es einfach passieren. Wieder schlich sich ein glückliches Lächeln auf meine Züge und ich begann so intensiv zu strahlen, die die Sterne des Nachts hell waren. Verliebt sein war sooo schön.
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Träume waren etwas wundervolles. Wenn die Träume nicht wären, wären wir einsame und triste Lebewesen – ohne Ziel, ohne Weg und ohne Phantasie. Die meisten Träume signalisierten uns unsere Wünsche oder aber wir verarbeiteten unseren Tag erneut. Träume zeigen sich auf so unterschiedliche Art und Weise und selbst bei wachem Zustand ist es uns möglich, uns in kurzen Sequenzen den Tagträumen hinzugeben. Meine Träume waren das, was mich fesselten. Immer und immer wieder. Diese kleinen Sequenzen, die mein Herz höher schlugen ließen...

Ich stand auf dem kleinen Balkon im Familienviertel, der an Aaminahs Zimmer angrenzte. Mein Blick war auf die Wüste hin gerichtet. Normalerweise wäre es typisch für mich gewesen, nach diesen Vorfällen in die Wüste abzuhauen. Aber das ging nun nicht mehr so einfach. Denn da war er – Abbas. Er würde vor Sorge um mich sterben, ich wollte ihm keine Sorgen bereiten. Zumal wir seit dem heutigen Abend offiziell einander versprochen waren. Bedauerlich, dass ich mich im Moment nicht einmal darüber freuen konnte. Und das hatte ich allein meinem entzückenden Cousin Razyr zu verdanken. Ich hoffte darauf, dass er mich in den nächsten Tagen einfach in Ruhe lassen würde. Jede Natifah freute sich auf den Tag, an dem sie versprochen wurde. Und dieser Natifah dann den Tag zu ruinieren? Das war eine gigantische Glanzleistung.

Ich wusste gar nicht, warum diese verrückten Männer hier so waren, wie sie waren. Ich hatte schlicht und ergreifend nachgefragt, warum ich ihn nicht umarmen durfte, wenn doch nicht einmal das Gesetz es verbat, dass sich einander Versprochene umarmen durften. Aber anstatt einer Antwort wurde ich wieder einmal daran erinnert, dass ich in dieser Familie einfach die Klappe zu halten hatte. Bei Eluive, so konnte man sich das Vertrauen auch verspielen. So konnte man schnell dafür sorgen, dass man keine Lust mehr hatte, überhaupt wieder in den Schoß der Familie zurückzukehren, war man erst einmal verheiratet. Und in dem Moment lag all meine Hoffnung auf Abbas.

Als er mir erzählt hatte, dass alles geklärt war und nur noch der Preis gezahlt werden musste, fiel ich ihm um den Hals. Ich konnte nicht mehr anders, es war ein solch erlösendes Gefühl. Chadim selbst gab uns diesen Moment, nicht einmal er schritt ein, immerhin war es ein Moment, der sowohl für Abbas wie auch für mich einfach nur erlösend und traumhaft war. Ein Moment, der nur wenig später schwarze Wolken über den Tag ziehen ließ. Meine Augen verengten sich wieder. Ich durfte meine Gedanken gar nicht erst aussprechen, ich entschuldigte mich in einem Gebet auch bei der heiligen Mara dafür, dass ich meinem Cousin dafür sonst etwas an den Hals wünschte. Das Gespräch mit Aaminah hatte auch nicht viel bewirkt. Doch sollte gerade sie wissen, wie es war, wenn man verliebt war, einander versprochen. Wenngleich ich glaubte, dass es irgendeinen Auslöser gab, der dafür gesorgt hatte, dass sie vieles aus ihrem vergangenen Leben vergessen oder verdrängt hatte.

Ich seufzte wieder kurz. Die Anschuldigungen von Nadim, ich hätte allen diesen besonderen Tag versaut, waren der krönende Abschluss. Ich war es nicht, die gleich hysterisch wieder sämtliche Regelungen herunterrattern musste. Ich hatte nicht einmal Widerworte gegeben, ich wollte nur eine logische Erklärung, die ich bis jetzt nicht bekommen hatte. Wenn hier irgendwer irgendwem den Tag versaut hatte, dann war das meine Familie, meine tollen Cousins, die mich einfach dem Moment beraubt hatten, für einen kurzen Moment glücklich zu sein. Ich wollte nicht mehr lange hier verweilen, für mich war an diesem Abend meine Familie ein kleines Stück weit gestorben. Wieder sah ich mit leerem Blick in die Ferne. Ich sehnte mich nach Abbas und nach seiner Wärme, seiner Nähe. Aber ich würde mich wohl noch eine Weile gedulden müssen. Eine viel zu lange Weile.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 26. Juli 2014, 00:22, insgesamt 2-mal geändert.
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Ich spürte seine aufkommende Wut, als ich ihm von dem Ende unseres Abends erzählt hatte. Ich hörte seine Worte, dass er sich nur zum Schutz meiner Person zurückhielt um nicht wieder zurück in die Taverne zu gehen. Ich hatte ihm alles erzählt. Was von Razyr gesagt wurde, wie er mich behandelte und Stück für Stück wurden Abbas' Gesichtszüge härter und wütender. Er liebte mich, das stand außer Frage und er tat alles, um mich vor dem Elend zu beschützen.

Und dabei hatte der Abend recht angenehm damit angefangen, dass wir auf Nazeeya gestoßen waren. Abbas hatte sie gleich mit Fragen gelöchert, was die nächsten Schritte waren, die nach der Bezahlung des Brautpreises auf uns zukommen würden. Sie erklärte ihm – oder vielmehr uns – dass wir im Anschluss zu ihr kommen sollten wegen der Findung eines Termins für die Zeremonie. Irgendwie wurde mir ganz flau im Magen bei der Vorstellung. Auch erwähnte sie, dass es möglich war, nach der Übergabe des Brautpreises bereits in den Palast zu ziehen, um mich an die Rolle als Ehefrau gewöhnen zu können. Natürlich durften wir uns kein Zimmer teilen, ich würde meinen eigenen Bereich bekommen – aber es war eine Option, die offen stand. Ich fragte sie, ob es dadurch Probleme mit dem Ruf der Ehre geben könnte, aber sie verneinte. Das war nicht so, immerhin wurde durch das Personal ja sichergestellt, dass wir getrennte Räumlichkeiten bewohnen würden. Der Hintergedanke daran war wohl wirklich, dass man sich noch genauer und besser kennenlernte und ich mich wahrlich schon einmal einfühlen konnte, und nach der Trauung nicht einfach ins kalte Wasser geschmissen wurde. Es gab mehrere Gründe, weswegen ich von der Idee recht angetan war.

Ich bat Nazeeya auch darum, ob sie sich in den nächsten Tagen nicht einmal Zeit für mich allein nehmen konnte. Es gab so viele Dinge, die ich sie fragen wollte, aber vor Abbas nicht fragen konnte. Das wäre nicht sittsam gewesen und ich hätte unter seiner Anwesenheit vielleicht auch gar nicht so offen über manche Dinge reden können, die einer Natifah in Anbetracht auf eine Hochzeit durch den Kopf gingen. Sie lächelte; ich durfte sie in den nächsten Tagen einmal aufsuchen.

Als Razyr die Taverne betrat, waren all die schönen Gefühle weg. Ich konnte ihm auch nach dieser letzten Nacht nicht verzeihen, dass er mir einen meiner schönsten Tage einfach genommen hatte. Obwohl ich nur hinterfragt hatte. (Und noch immer keine Antwort auf meine Frage hatte) Ich hatte nicht das Bedürfnis, mit ihm an einem Tisch zu sitzen. Ich wollte es auch nicht. Als er kurz zu Hind ging, flüsterte ich Abbas zu, dass ich das nicht lange tun würde – also, an einem Tisch mit ihm zu sitzen. Nazeeya hatte sich dann auch bereits verabschiedet. Und ich schloss mich recht schnell an. Abbas fragte mich, ob er mich begleiten dürfe, woraufhin ich ihn auf Chadim und Razyr verwies. Ich würde nichts mehr diesbezüglich entscheiden, solange Razyr oder sonst wer anwesend war. Aber Razyr gab seine Erlaubnis; es wäre gewünscht, dass der Verlobte seine Zukünftige nach Hause begleiten würde. Innerlich schlug ich mir mit der Handfläche gegen die Stirn. Konnten sie sich bald mal alle entscheiden?

Auf dem Rückweg sah Abbas mich fragend an. Kurz nach den Stadttoren sprach ich leise zu ihm: „Lass uns hudad in den Palast gehen, dort werde ich dir alles erzählen.“ und das tat ich dann auch, als wir dort angekommen waren. Er setzte sich im Anschluss nach meinen Worten zu mir und legte seinen Arm um meine Schulter, um mich zu trösten. Ich lehnte mich an ihn, die aufkeimende Wärme war mir in solchen Situationen fremd. Ich musste wirklich mit meiner Emotionalität kämpfen. Ich würde mir selbst die nötige Distanz schaffen und funktionieren. Man konnte weiterhin lächeln, aber man musste es nicht ehrlich meinen. Zumal ich die gesamte Familie nicht für das Verhalten von ein oder zwei solcher Scheusalen strafen wollte.
Zuletzt geändert von Gast am Samstag 26. Juli 2014, 10:40, insgesamt 1-mal geändert.
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      • Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
        Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
        noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
        noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

        denen niemand als das eigne Herz,
        das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht;
        und an denen niemand als der Schmerz,
        der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

        Leise Lieder singe ich dir bei Nacht,
        dir, in dessen Aug mein Sinn versank,
        und aus dessen tiefem, dunklen Schacht,
        meine Seele ewige Sehnsucht trank.

        Christian Morgenstern


Ich verbrachte meine Tage damit, zu warten. Warten auf den Tag, an dem mir jemand im Leben begegnete, der mir den Atem rauben würde. Natürlich war ich neidisch auf all meine Cousinen, die bereits vor mir geheiratet hatten. Ich war nicht mehr die Jüngste. Mit 22 Sommern durfte man sich so langsam wünschen, dass irgendwann ein Menekaner kam, der mir mein Herz klaute und der gewissermaßen das Gleiche für mich empfand, wie ich für ihn. Meine Mutter hatte mir immer gesagt: „Laila, du darfst neda warten. Irgendwann steht er da, ohne dass du damit rechnest kommt dieser eine Moment, der dir den Atem nimmt und dir all die klaren Gedanken raubt.“ - Das verträumte, verspielte Wesen hatte ich definitiv von meiner geliebten Mara. Ein leises Seufzen überkam meine Lippen. Manchmal fehlte sie mir. Ich wünschte mir, sie könnte hier sein.

Mittlerweile musste ich nicht mehr auf den Tag warten, an dem dieser Menekaner in mein Leben trat. Er war da und er war präsenter als alles, was ich je zuvor in meinem Leben hatte. Ich strich den samtig-weichen Stoff meines Kleides glatt und lenkte mein Blick aus dem Fenster. In der Ferne sah ich den Palast und ein zaghaftes Lächeln legte sich auf meine Züge. Ich hatte mir seit Tagen vorgenommen, dass ich meinen Eltern, meiner Familie schreiben würde. Und heute hatte ich zum ersten Mal nach so langer Zeit einen Moment dafür gefunden. Ich setzte mich an den kleinen Tisch im Zimmer und begann damit, meine Zeilen zu verfassen.

„Geliebter Radeh, geliebte Mara,
meine geliebten Eltern und auch meine Brüder und Schwestern,

ihr habt lange neda mehr von mir gehört und ich wollte euch mit meinem Brief darüber informieren, dass es mir gut geht. Ich habe mich in der Familie einfinden können und habe meinen Platz gefunden. Meine Künste konnte ich gar meisterhaft erweitern und auch mein Horizont wurde noch empfindlicher für Musik, Gesang und Geschichten. Richtet hudad meiner liebsten Cousine aus, dass ich auch fleißig all ihre Tanzschritte übe, die sie mir gezeigt hat. Ich bin mittlerweile wirklich zufrieden mit mir.“


Ich setzte die Feder kurz ab. Wie sollte ich denn meiner Familie nun erklären, was passiert war? Würden sie mir glauben, dass ich, ihr kleiner, lieber Fenek, einen Mann gefunden hatte, der dazu noch dem Hause Omar entsprang? Es war nicht leicht, die passenden Worte zu finden. Immerhin mussten sie die Ernsthaftigkeit dieser Tatsache unterstreichen. Ich runzelte die Stirn etwas. Doch dann legte sich wieder ein Lächeln auf meine Züge. Wie oft hatten Abbas und ich Auseinandersetzungen? Weil er eben so war, wie er war? Aber genau das hatte mich nicht aufgeben lassen. Ich wollte ihm zeigen und beweisen, dass es sich lohnen konnte, sein Herz zu öffnen. Dass man nicht immer enttäuscht wurde. Und er wurde empfindsamer, was mich anging. Er näherte sich mir Stück für Stück weiter an.

„Ich hoffe, bei euch ist alles soweit in Ordnung. Wie geht es meinen Geschwistern? Was macht mein großer Bruder? Sagt ihm hudad, dass es seiner kleineren Schwester gut geht. Und sagt ihm, dass ich noch immer meinen Tagträumen nacheifere. Bevor ihr weiterlest, setzt euch hudad, falls ihr nicht schon sitzt. Und Mara, falls du Radeh den Brief vorliest, wie so oft, gib ihn lieber Radeh, dass er ihn dir vorliest – du wirst nämlich gleich in Tränen ausbrechen, ich kenne dich.“

Ich musste kurz etwas schmunzeln. Ja, ich kannte meine Mutter wirklich. Bei der Nachricht, dass ich jemanden für mich gefunden hatte, für den sich mein Herz begeistern konnte, würde sie zu weinen beginnen. Und sie würde sich nicht mehr einbekommen, wenn sie erfahren würde, wer ihren kleinen Fenek zur Natifah haben wollte. Wie gerne würde ich ihr Gesicht dabei sehen wollen? Ich musste leise lachen. Dann schrieb ich weiter.

„Manchmal gibt es Momente im Leben, da denkt man, man würde träumen. Aber dann wird einem ganz schnell klar, dass es kein Traum mehr ist, sondern die Realität. Ich habe jemanden kennengelernt, der mein Herz behutsam in seine Hände genommen hat und es sorgsam pflegt und beschützt. Und bevor Radeh damit beginnt, ihn in seinen Gedanken zu zerpflücken und anzuzweifeln, ob er gut genug für seine Tochter ist: Sein Name ist Abbas. Er stammt dem ehrwürdigen und von Eluive geküssten Haus der Omar ab. Aiwa, Radeh, Mara. Ihr habt wirklich richtig gelesen. Und aiwa, liebster Bruder, meine Tagträume haben sich wohl doch erfüllt. Er ist ein herzensguter und sehr liebevoller Menekaner, er trägt mich auf Händen. Und er liest mir beinahe jeden Wunsch von den Lippen ab. Wie ihr seht, ich werde in den besten Händen sein. Natürlich wünsche ich mir nichts mehr, als dass ihr ihn einmal selbst kennenlernen könnt. Ihr werdet ihn mögen.“

Ich war mir sicher, dass meine Eltern stolz waren. Ich schrieb ihnen noch ein wenig davon, wie wir uns kennenlernten und verabschiedete mich mit den Worten, dass sie mir sehr fehlten. Dann gab ich den Brief einem Boten mit, der sie an der nächsten Karawansei abgeben sollte. Ich hätte die Reaktion von ihnen gerne gesehen, aber das war leider nicht möglich. Ich ging zurück ins Familienviertel. Dass Abbas jetzt so krank geworden war, war schlimm. Aber da mussten sie durch. Vielleicht war es eine Art Prüfung für die Beiden. Natürlich hätte ich ihn so wahnsinnig gerne besucht, aber es blieb mir verwehrt. Auch bei häufigerem Nachfragen ließen mich die Wachen nicht zu ihm, scheinbar ging es ihm wirklich schlecht. Ich hoffte nur, dass er bald wieder gesund war. Ich sehnte mir den Tag herbei, an dem er vor mir stand und ich keine Angst mehr haben musste, dass es wirklich etwas Schlimmeres war.

Das war auch der Grund, warum man mich noch häufiger als sonst im Tempel im Gebet fand. Ich sprach mit der gütigen Mara über meine Sorgen und bedachte Abbas mit einem weiteren Gebet. Ich wollte meinen Verlobten bald wieder in meine Arme schließen können und ihn nicht verlieren. Ich sorgte auch dafür, dass man ihm immer wieder kleinere Botschaften von mir überbringen ließ. Es war der erste Tag an dem wir uns nicht sahen, meine Sehnsucht war jetzt schon so enorm, dass es kaum auszuhalten war. Ich lenkte mich dadurch ab, dass ich die Wüste durchkämmte. Ich suchte nach der schönsten Kaktusblüte und schnitt sie ab. Dazu schrieb ich ihm eine kurze Notiz:

„Anta'qamari, ich wünsche dir von Herzen eine gute Genesung. In meinen Gedanken bin ich immer bei dir und schicke dir tausend gute Gedanken. Die Blüte soll dich an die Schönheit unserer Gefühle erinnern und wenn du daran riechst, wirst du schnell merken, dass ich sie in eines meiner Öle gelegt habe. Sie bringt dir meinen Duft, so dass du dich nie alleine fühlen wirst. Ich freue mich auf den Tag, an dem wir uns wieder gegenüberstehen werden. Ich liebe dich. Laila“
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 1. August 2014, 22:35, insgesamt 2-mal geändert.
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Ich hielt den Brief von Abbas in meinen Händen. Es war wirklich schwer ohne ihn. Aber es half nichts. Da musste ich durch – und er auch. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie schlecht es ihm ging. Vielleicht war es in der letzten Zeit wirklich viel zu viel gewesen. Er war ja nun auch nicht mehr der Jüngste. Ich musste kurz leise auflachen. Das durfte ich ihm nicht sagen, dafür würde er mich mit bösen Blicken strafen.

Natürlich versuchte ich mich, so gut wie möglich abzulenken. Die Familie hatte erneut Zuwachs bekommen. Rajani war der Name meiner Cousine, sie war Tuchweberin. Ihrem Antlitz nach schien sie noch sehr jung zu sein, aber sie machte einen vernünftigen Eindruck. Sie wollte kochen lernen, diesen Wunsch würde ich ihr gerne erfüllen.

Für einen Moment schoss mir ein Kochabend in den Kopf. Vielleicht konnte ich diese Idee einmal aufgreifen. Es war für die Natifahs schön, gemeinsam zu kochen. Und für die Männer war es angenehm, dass sie dann etwas zu essen bekamen. Und so lernte man am schnellsten und am einfachsten. Das hatte ich Rajani auch erklärt.

Meine Kochkünste wurden in den Tagen auch immer besser. Ich musste mich irgendwie ablenken. Ohne Abbas hatte ich kaum eine Möglichkeit, in die Höhlen zu gehen. Ich musste auch zugeben, dass ich mich ebenfalls ein wenig schlapp und müde fühlte. Mir ging es nicht gut. Ob das nun an der Abwesenheit von Abbas lag und der Ungewissheit, wann wir uns wiedersehen würden? Ich hatte keine Ahnung.

Ich dachte über Aaminah nach und über die Worte, dass sie mich vermissen würde. Dass mein Atem sie in der Nacht beruhigte, wenn sie, von Albträumen geplagt, wach wurde. Ich wünschte, ich könnte diesen Umstand ändern, aber es lag mir fern, allzu oft das gemeinsame Bett von Abbas und mir links liegen zu lassen. Ich gehörte nach der Heirat an seine Seite – auch, und vor allem, im Bett.

Kurz verkrampfte sich mein Magen wieder. Ich war auf das Gespräch mit Nazeeya gespannt. Ich hatte viele Fragen, die man nur von Natifah zu Natifah stellen konnte. Ich hoffte, sie konnte mir meine Ängste nehmen. Eine jede Natifah hatte vermutlich Angst vor diesem Moment. Immerhin war es dann das erste Mal, dass mir ein Mann so nah sein würde. Und meinen Körper ohne jeglichen Schutz – also ohne all meine Kleider – sah. Ich hatte nichts zu verbergen, ganz im Gegenteil. Ich liebte alles an meinem Körper. Aber es war doch etwas anderes. Man war seinem Gegenüber tatsächlich schutzlos ausgeliefert. Natürlich freute ich mich auch irgendwie darauf; das Gefühl konnte man einfach nicht beschreiben. Nicht einmal ich, die sonst so gut mit Worten umgehen konnte.

Auch würde ich von Nazeeya wissen wollen, was mich sonst noch erwarten würde. Welche Pflichten ich hatte, was ich tun konnte, um wirklich eine sehr gute Ehefrau zu sein. Denn nichts anderes wollte ich für Abbas sein. Ich würde ihn nicht verärgern wollen, mein Ziel war es, ihn rundum glücklich zu wissen.

Abbas...
Meine Gedanken gingen wieder zu ihm. Wie sehr er mir doch fehlte. Ich war immer wieder versucht, mich in den Palast zu begeben, um nach ihm zu fragen. Ich durfte hier auch mit niemandem reden, es sollte nicht bekannt werden, dass er krank war. Ich schwieg auch. Auf alle Fragen in die Richtung fand ich entweder eine Antwort; oder aber ich beantwortete die Fragen gar nicht erst. Ich hielt ihm schon jetzt seinen Rücken frei, damit er sich erholen konnte. Denn das war mir eine der wichtigsten Herzensangelegenheiten. Ich musste einfach Geduld haben und hoffen.

Also blieb ich nach außen hin stark. Ich ließ mir tatsächlich nichts anmerken, sondern begann damit, mich abzulenken. Seien es erste Planungen für die Hochzeit, Vorstellungen, wie mein Kleid auszusehen hatte, wie die Zeremonie ablaufen sollte. Was es zu essen geben würde. Ich hatte damit begonnen zu zeichnen, aber immer wieder zeigten meine Zeichnungen das Gleiche: Abbas oder Abbas und mich. Ich würde nicht zeigen, niemandem, dass ich mit der Abwesenheit von Abbas verletzlicher wurde als sonst. Es war eine Kunst einer jeden Natifah, ihre Qual hinunter zu schlucken, um weiterzumachen. Das war schon immer so gewesen und das würde immer so sein.

Wie viele Tage ohne ihn mir blieben, war nicht gewiss. Ich wusste nicht genau, was er hatte. Aber wenn er nicht zu mir kommen konnte, musste es schlimmer sein. Ich erfuhr aber auch nichts, obwohl ich seine Verlobte war. Aber das war wohl der Nachteil an dieser ganzen Omar-Sache. Man musste den Schein nach außen hin waren. Umso mehr Informationen an Außenstehende gingen, desto größer war die Gefahr, dass doch etwas durchsickerte. Geduld, Laila. Geduld. Aber wie konnte man geduldig sein, wenn man so sehr liebte? Es war doch zum verzweifeln. Wie viele Tage musste ich noch warten?
      • Mit deinen blauen Augen
        Siehst du mich lieblich an,
        Da wird mir träumend zu Sinne,
        Daß ich nicht sprechen kann.

        An deine blauen Augen
        Gedenk ich allerwärts;
        Ein Meer von blauen Gedanken
        Ergießt sich über mein Herz.

        [Heinrich Heine]
Es war ein wundervolles Gefühl, die Augen zu schließen und sich den Gedanken und Erinnerungen hinzugeben. Ich fand neben all der Arbeit trotzdem immer noch ausreichend Zeit, mir all meine Erinnerungen an unser kennenlernen und all die Zeit zurück in die Gedanken zu rufen. Wenn ich ihn beschreiben müsste, würde es mir an Worten fehlen. Ich hatte mir nun einige Ziele gesetzt. Sowohl, was mich selbst anging, wie auch die Familie. Und auch, was all den Rest anging. Ich brauchte eine Beschäftigung, ohne Beschäftigung fühlte ich mich nutzlos. Aber was konnte ich als Natifah alles machen? Vielleicht war es an der Zeit, die Bibliothek des Hauses ein wenig zu füllen. Ich liebte Bücher, ihre Einbände erzählten bereits die kühnsten Geschichten. Es waren nicht nur die Zeilen, die sich in einem Buch befanden – nein. Auch das Äußere verriet viel über ein Buch.

Am schlimmsten war es für mich, wenn ich abends im Bett lag und viel Zeit hatte, nachzudenken. Aaminah war im Moment nicht da, ich war ganz allein hier. In diesem Moment konnte ich die Maske, die ich mir für die anderen zurechtgelegt hatte, fallen lassen. Ich schloss die Augen und einsame, salzige Tränen liefen über meine Wangen. Er fehlte mir nach nur zwei Tagen so sehr, dass es mir für einen Moment den Hals zuschnürte und mir die Luft nahm. Ich musste tapfer und stark sein und musste mich auf den Tag freuen, an dem wir uns wiedersehen würden. Aber das war nicht immer so einfach...
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