- O Mensch! Gib Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
„Ich schlief, ich schlief -,
aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
Die Welt ist tief,
und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh -,
Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
doch alle Lust will Ewigkeit -,
- will tiefe, tiefe Ewigkeit!“
~ ~ ~ Friedrich Nietzsche ~ ~ ~
Ich bin nicht allein.
Diese Erkenntnis erfasst mich wie der kühle Lufthauch, der jäh nach meinen Haaren greift. Ein dumpfes Dröhnen legt sich um mich, gleich einer Kuppel aus Glas. Schwere Schritte, sehr schwer. Es kommt hinter mir zum Stehen, die Luft wird dicker, nur zäh wie Honig rinnt sie noch in meine Kehle. Die Stimme erklingt dicht an meinem Ohr, leise und dennoch stark. Nur ein Flüstern, trotzdem bricht es sich hundertfach an den fernen Wänden.
„Ich erwarte dich.“
Das Echo wird lauter, immerzu lauter, mehr und mehr Stimmen vibrieren in der Schwärze – Rufe, Schreie, Flüstern, mehr und mehr. Mein eigenes Stöhnen mischt sich unter die Töne. Ich habe keinen Boden mehr unter meinen Füßen, ich schwebe, werde hochgesogen. Um mich her dreht sich die Luft, rauscht, weht die Stimmen fort, macht mich zu einem tanzenden Blatt.
Ich fühle Moos unter meinen Füßen. Es ist still um mich her, nein, nicht ganz! Der Lärm der Stimmen und des Windes haben mich für einen Augenblick betäubt – ich vernehme Vögel, Äste im Wind, ein entferntes Rascheln. Als ich die Augen öffne, tobt das Licht in meinen Augen. Licht! Licht, Konturen, ewig scheint es mir her zu sein, seit mir dieses „Geschenk“ zuteilwurde. Der Schmerz der Erinnerung an sein Gesicht sticht mir ins Herz und ich muss mich zwingen tief zu atmen, um nicht sogleich in Tränen auszubrechen.
Erinnere dich für uns.
Ich presse die Hand auf meinen Mund und nehme in mir auf, was mir offenbart wird, was ich sehen soll. Es dauert einige Zeit bis ich jene Bilder überhaupt zuordnen kann, bis ich mit Schatten, Linien und Farben etwas verbinden, ihnen einen Namen geben kann. Ich stehe auf einer Lichtung im dämmrigen Wald, weiches Moos bedeckt den Boden. Ich fröstele. Die Bäume wirken hoch und eher wie dräuende Schemen, denn wie die sicheren Wächter, die sie sonst für mich sind. Im Zentrum der Lichtung bricht ein dunkler Schatten das Bild des Waldsaumes. Für mehrere Herzschläge betrachte ich nur jenes Gebilde ehe ich verstehe, dass es ein Menhir ist, ein aufgerichteter Stein. Ein sonderbares Gefühl kriecht von meinen Zehenspitzen in meinen Körper und jagt mir einen Schauder über den Rücken. Es scheint mir als umgebe den Stein eine Aura. Keine, die ich sehen könnte, oder fühlen, wenn ich ihn berührte, dessen bin ich mir plötzlich bewusst. Es ist nur so ein Gefühl… Nur ein Gefühl. Ich verfluche mich innerlich für meine Intuition, zu oft lag ich richtig, um noch an Zufall glauben zu können.
Langsam gehe ich auf den Stein zu, er scheint mich anzuziehen. Alles um mich wirkt zäh und verlangsamt wie unter Wasser, meine eigenen Bewegungen fallen mir schwer. Je näher ich dem Stein komme, desto deutlicher schält sich seine Struktur aus dem Dämmerlicht. Gesichtsreliefs erkenne ich nun darauf. Nein, keine kalten, toten Formen im Stein - Gesichter, die sich bewegen. Der Schreck jagt durch meine Adern wie glühende Lava. Gleichsam einer dehnbaren Membran wird die Oberfläche des Menhirs gewölbt von den Formen der Gesichter und dann wieder geglättet. Ich schließe die Augen und schlucke eine aufkommende Übelkeit herunter. Es ist wieder dunkel, sicherer, hier ist die Welt für mich wirklicher. Zögerlich hebe ich die Hände und lege sie an den Stein. Er ist nicht so kalt wie ich es erwartet hätte. Unter meinen Fingerspitzen wölbt sich das Äußere. Ich fühle Nase, Kinn, Stirn, der Mund aufgerissen zu einem lautlosen Schrei. Mein Hals schnürt sich zu, mein Herz scheint mir aus der Brust springen zu wollen, während ich versuche die aufkeimende Panik niederkämpfen. Und mit einem Mal höre ich den Schrei, schrill und unkontrolliert, schrecklich laut in meinen Ohren. Es tut weh, brennt in meinem Kopf, Sterne flimmern in der Schwärze… rote Sterne und ich sinke zu Boden.
Begleitet von einem erstickten Japsen fuhr Majalin hoch. Noch ehe das Echo des Schreis in ihren Ohren ganz verklungen war, setzten hämmernde Kopfschmerzen ein. Sie ließ sich wieder auf die Matratze zurücksinken und versuchte ihren Atem zu beruhigen. Sie tastete neben sich. Lucien war schon auf.
Erneut jener Traum. Seit Wochen immer und immer wieder, seit Monden bereits. Aber heute war es anders gewesen, ausführlicher. Zuvor war sie jedes Mal verfrüht erwacht und jener Teil mit der Lichtung war ihr nie zuvor gezeigt worden. Sie hatte sie gesehen wie sie am Tag ihres Bundes gesehen hatte. Majalin fühlte in sich abermals den Riss, jene Wunde, die der Abschied von seinen Zügen in ihr geschlagen hatte. Bitter zog sie ihre Brauen zusammen und zwang sich die Erinnerung aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie würde es ihm gegenüber nicht erwähnen, es würde ihn nur ruhelos und traurig machen.
Majalin schmeckte Blut in ihrem Mund, sie musste sich selbst gebissen haben im Schlaf. Diesmal deutlich langsamer richtete sie sich erneut im Bett auf und schlug die Decke fort. Wer erwartete sie? Zu welchem Zweck? Die Erschöpfung legte sich bereits über sie, als sie den ersten Schritt aus dem Bett machte. Warum gerade jetzt? Was sollte sie tun? Die Träume der anderen Schwestern konnten ein Hinweis sein, doch hatten die Bilder, die sie ihr beschrieben hatten, keinen Zusammenhang. Eine Frau auf der Insel, ein Kristall, ein Mann im Sumpf. Zweifellos waren dies nur die Vorboten von etwas Größeren. Majalin spürte diese Gewissheit in sich wie sie sie gespürt hatte, als die ersten Muscheln an Land gespült worden waren, bevor der Vulkangeist seine Wut ausgeweitet hatte. Aber noch hob sich der Nebel nicht, noch gab er den Blick nicht frei. Sie seufzte frustriert.
Ein leises Jammern riss sie aus ihren Gedanken. Jeremiah regte sich in seinem Bettchen und reckte Majalin die Ärmchen nörgelnd entgegen. Sie hob ihn hoch und umfing ihn liebevoll. Zum ersten Mal an diesem Tag legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen.