Geruch von Stein, Geschmack von Erinnerung

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Majalin Mareaux

Geruch von Stein, Geschmack von Erinnerung

Beitrag von Majalin Mareaux »

  • O Mensch! Gib Acht!
    Was spricht die tiefe Mitternacht?
    „Ich schlief, ich schlief -,
    aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
    Die Welt ist tief,
    und tiefer als der Tag gedacht.
    Tief ist ihr Weh -,
    Lust - tiefer noch als Herzeleid:
    Weh spricht: Vergeh!
    doch alle Lust will Ewigkeit -,
    - will tiefe, tiefe Ewigkeit!“

    ~ ~ ~ Friedrich Nietzsche ~ ~ ~
Ich schlage die Augen auf, Dunkelheit umgibt mich. Warum verwundert es mich? In meiner Welt ist es immer schwarz. Nein… es ist vielmehr die Gewissheit, dass es dennoch düster ist. Der Geruch von Feuchtigkeit zieht in meine Nase, ein wenig modrig, lauwarm. Nasser Stein, leicht metallisch. Ich drehe mich um, das Schaben meiner Sohlen kehrt als gedämpftes Echo an meine Ohren zurück, begleitet von dem Geräusch eines gestürzten Wassertropfens.
Ich bin nicht allein.
Diese Erkenntnis erfasst mich wie der kühle Lufthauch, der jäh nach meinen Haaren greift. Ein dumpfes Dröhnen legt sich um mich, gleich einer Kuppel aus Glas. Schwere Schritte, sehr schwer. Es kommt hinter mir zum Stehen, die Luft wird dicker, nur zäh wie Honig rinnt sie noch in meine Kehle. Die Stimme erklingt dicht an meinem Ohr, leise und dennoch stark. Nur ein Flüstern, trotzdem bricht es sich hundertfach an den fernen Wänden.
„Ich erwarte dich.“
Das Echo wird lauter, immerzu lauter, mehr und mehr Stimmen vibrieren in der Schwärze – Rufe, Schreie, Flüstern, mehr und mehr. Mein eigenes Stöhnen mischt sich unter die Töne. Ich habe keinen Boden mehr unter meinen Füßen, ich schwebe, werde hochgesogen. Um mich her dreht sich die Luft, rauscht, weht die Stimmen fort, macht mich zu einem tanzenden Blatt.
Ich fühle Moos unter meinen Füßen. Es ist still um mich her, nein, nicht ganz! Der Lärm der Stimmen und des Windes haben mich für einen Augenblick betäubt – ich vernehme Vögel, Äste im Wind, ein entferntes Rascheln. Als ich die Augen öffne, tobt das Licht in meinen Augen. Licht! Licht, Konturen, ewig scheint es mir her zu sein, seit mir dieses „Geschenk“ zuteilwurde. Der Schmerz der Erinnerung an sein Gesicht sticht mir ins Herz und ich muss mich zwingen tief zu atmen, um nicht sogleich in Tränen auszubrechen.
Erinnere dich für uns.
Ich presse die Hand auf meinen Mund und nehme in mir auf, was mir offenbart wird, was ich sehen soll. Es dauert einige Zeit bis ich jene Bilder überhaupt zuordnen kann, bis ich mit Schatten, Linien und Farben etwas verbinden, ihnen einen Namen geben kann. Ich stehe auf einer Lichtung im dämmrigen Wald, weiches Moos bedeckt den Boden. Ich fröstele. Die Bäume wirken hoch und eher wie dräuende Schemen, denn wie die sicheren Wächter, die sie sonst für mich sind. Im Zentrum der Lichtung bricht ein dunkler Schatten das Bild des Waldsaumes. Für mehrere Herzschläge betrachte ich nur jenes Gebilde ehe ich verstehe, dass es ein Menhir ist, ein aufgerichteter Stein. Ein sonderbares Gefühl kriecht von meinen Zehenspitzen in meinen Körper und jagt mir einen Schauder über den Rücken. Es scheint mir als umgebe den Stein eine Aura. Keine, die ich sehen könnte, oder fühlen, wenn ich ihn berührte, dessen bin ich mir plötzlich bewusst. Es ist nur so ein Gefühl… Nur ein Gefühl. Ich verfluche mich innerlich für meine Intuition, zu oft lag ich richtig, um noch an Zufall glauben zu können.
Langsam gehe ich auf den Stein zu, er scheint mich anzuziehen. Alles um mich wirkt zäh und verlangsamt wie unter Wasser, meine eigenen Bewegungen fallen mir schwer. Je näher ich dem Stein komme, desto deutlicher schält sich seine Struktur aus dem Dämmerlicht. Gesichtsreliefs erkenne ich nun darauf. Nein, keine kalten, toten Formen im Stein - Gesichter, die sich bewegen. Der Schreck jagt durch meine Adern wie glühende Lava. Gleichsam einer dehnbaren Membran wird die Oberfläche des Menhirs gewölbt von den Formen der Gesichter und dann wieder geglättet. Ich schließe die Augen und schlucke eine aufkommende Übelkeit herunter. Es ist wieder dunkel, sicherer, hier ist die Welt für mich wirklicher. Zögerlich hebe ich die Hände und lege sie an den Stein. Er ist nicht so kalt wie ich es erwartet hätte. Unter meinen Fingerspitzen wölbt sich das Äußere. Ich fühle Nase, Kinn, Stirn, der Mund aufgerissen zu einem lautlosen Schrei. Mein Hals schnürt sich zu, mein Herz scheint mir aus der Brust springen zu wollen, während ich versuche die aufkeimende Panik niederkämpfen. Und mit einem Mal höre ich den Schrei, schrill und unkontrolliert, schrecklich laut in meinen Ohren. Es tut weh, brennt in meinem Kopf, Sterne flimmern in der Schwärze… rote Sterne und ich sinke zu Boden.



Begleitet von einem erstickten Japsen fuhr Majalin hoch. Noch ehe das Echo des Schreis in ihren Ohren ganz verklungen war, setzten hämmernde Kopfschmerzen ein. Sie ließ sich wieder auf die Matratze zurücksinken und versuchte ihren Atem zu beruhigen. Sie tastete neben sich. Lucien war schon auf.
Erneut jener Traum. Seit Wochen immer und immer wieder, seit Monden bereits. Aber heute war es anders gewesen, ausführlicher. Zuvor war sie jedes Mal verfrüht erwacht und jener Teil mit der Lichtung war ihr nie zuvor gezeigt worden. Sie hatte sie gesehen wie sie am Tag ihres Bundes gesehen hatte. Majalin fühlte in sich abermals den Riss, jene Wunde, die der Abschied von seinen Zügen in ihr geschlagen hatte. Bitter zog sie ihre Brauen zusammen und zwang sich die Erinnerung aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie würde es ihm gegenüber nicht erwähnen, es würde ihn nur ruhelos und traurig machen.

Majalin schmeckte Blut in ihrem Mund, sie musste sich selbst gebissen haben im Schlaf. Diesmal deutlich langsamer richtete sie sich erneut im Bett auf und schlug die Decke fort. Wer erwartete sie? Zu welchem Zweck? Die Erschöpfung legte sich bereits über sie, als sie den ersten Schritt aus dem Bett machte. Warum gerade jetzt? Was sollte sie tun? Die Träume der anderen Schwestern konnten ein Hinweis sein, doch hatten die Bilder, die sie ihr beschrieben hatten, keinen Zusammenhang. Eine Frau auf der Insel, ein Kristall, ein Mann im Sumpf. Zweifellos waren dies nur die Vorboten von etwas Größeren. Majalin spürte diese Gewissheit in sich wie sie sie gespürt hatte, als die ersten Muscheln an Land gespült worden waren, bevor der Vulkangeist seine Wut ausgeweitet hatte. Aber noch hob sich der Nebel nicht, noch gab er den Blick nicht frei. Sie seufzte frustriert.

Ein leises Jammern riss sie aus ihren Gedanken. Jeremiah regte sich in seinem Bettchen und reckte Majalin die Ärmchen nörgelnd entgegen. Sie hob ihn hoch und umfing ihn liebevoll. Zum ersten Mal an diesem Tag legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen.
Hanna Radenbruck

Beitrag von Hanna Radenbruck »

Die Tage waren von beinahe sakraler Ruhe, frühen, tänzelnden Schatten und allen voran der eisigen Kälte geprägt. Es langte nicht mehr, einige Scheite mehr ins Feuer zu werfen oder ein weiteres Kohlebecken in die anderen Ecke des Zimmers zu schieben. Längst waren die Schränke voller Wintergewandung geplündert und statt den obligatorischen vier Lagen stockte man einfach auf fünf oder gar sechs übereinander gezogene Kleidungsstücke auf. Dies galt im Übrigen nicht nur für die Arbeit im Freien, sondern auch im Inneren des Hüttchens. Sie liebte ihre Kräuterstube mit all den würzigen Düften, Bücherstapeln und einer Unmenge an Zierrat, doch sehnte sich das Herz nun so langsam nach dem Frühling.
Natürlich war ihr der Wert des Winters bewusst und sie gönnte dem Land den Schlaf, um sich auf einen neuen Zyklus vorzubereiten, dennoch hatte sie das Gefühl, dass diese äußere Stille unter Schnee und Eis auf sie eine sehr gegenteilige Wirkung hatte. Die nagende, sehnsüchtige Unruhe wuchs mit jedem Tag mehr und veranlasste, die sonst eher sanfte und geduldige, junge Frau zu hektischen Bewegungen und einer nimmermüden Zimmerwanderung. Ja, in der Tat erwartete sie beinahe schon, dass die Holzplanken ihrer Hauptstube alsbald vor dem Auf-und-Ab-Getrappel kapitulieren und in sich zusammenbrechen würden. Aber noch hielt alles standhaft ihrem nervösen Nervengerüst stand.

Wann würde der Frühling sein altbekanntes, buntes Band über Wälder, Wiesen und Hügel ziehen? Wann nur würden die ersten Lerchen das neue Leben ankündigen? Wann nur wann würde der Schlaf beendet und der farbenfrohe Traum erwacht sein?

Achja, apropos "Träume" - jene schienen ihr in den dunklen Tagen eine willkommene Abwechslung und so neckte Medren sie nicht ganz zu Unrecht, dass sie sich langsam dem eigenen Spitznamen "Haselmaus" mehr und mehr annähern und scheinbar sogar den Winterschlaf zelebrieren würde. Aber was sollte man denn schon groß anderes machen, wenn man nicht wahlweise in der Kälte zittern, Eisblumen beim Wachsen zusehen oder Löcher in die Dielen treten wollte?
Richtig: schlafen!

Nun und dies tat sie wahrlich gerne, lange und tief.
Es war ihr eine Freude durch die verworrenen, bunten Ebenen der Träume zu marschieren und obwohl sie versuchte nicht in die Luftschlösser und Wunschgebilde anderer zu spazieren, so war es doch schwer nicht der Versuchung nachzugehen, die ein oder andere geliebte Person in ihren Träumen zu besuchen. Noch hielten die selbstgestrickten Regeln der Traumwandlerei und sie verlegte Besuche (unangekündigte genauso wie jene mit Absprache) lieber auf den Tag und versuchte sich auf den verwinkelten, geheimen Wogen der Traumebenen des Nachts einfach nur treiben zu lassen. Sie war sich sicher niemanden darin zu erblicken...

Somit war es ein umso größerer Schreck, als sich diese Annahme scheinbar zum Trugschluss entwickelte.


Da lag er vor ihr, der Sumpf in all seiner mystischen Ruhe und beinahe spürbaren, alten Weisheit. Sie glitt wie ein unsichtbarer Geist durch die Binsen und Schilfgräser. Ohne auch nur mit der Fußspitze die stille Oberfläche zu berühren, schwebte sie genügsam schlendernd umher und besah sich den Ort, mit welchem ihre Seele verknüpft worden war, voller warmherziger Zuneigung. Dieser Traum schien ihrem eigenen Kopf zu entspringen, so befand sie und gut war er obendrein.
Es war wirklich einfach die malerisch Landschaft hier in vollen Zügen zu genießen und sich in die bizarre Idylle, die dem ein oder anderen sogar ein wenig wohlige Gänsehaut bescheren konnte, zu werfen. Vermutlich hätte sie einfach ein paar Stunden an diesem Ort die Seele baumeln lassen, um dann sehr entspannt zu erwachen, doch gerade als sie höchst zufrieden mit sich und diesem Traumgang war, ertönte das störende Geräusch.
'Kchhhwatchh... Kcchwootch...'
Sie erkannte es sofort und fuhr erschrocken in ihrem unsichtbaren Körpergebilde umher - Schritte! War sie doch in einen fremden Traum geraten oder hatte man aus Versehen oder gar Absicht ihre Träumereien betreten?
Mit angehaltenem Atem starrte sie in den Nebel und beschloss sich erst einmal nicht großartig zu bewegen, sondern zu warten. Es dauerte nicht lange und die ersten dünnen Schleier über dem Wasser schienen sich zu verziehen, wurden aufgescheucht und wirbelten schließlich fahrig umher. Ein Schemen zeichnete sich mit jedem 'Kchhhwootchh' deutlicher inmitten der grauen Schlieren ab, wurde klarer und schien tatsächlich den Gedankengeist der Traumwandlerin zu passieren. Jene hob erstaunt die Brauen, denn es handelte sich zwar, wie beinahe erwartet, um eine junge Frau in den Farben der geliebten Schwesternschaft, doch kannte sie deren Antlitz nicht. Neugierig und langsam wieder sicher genug, dass sie Fremde sie nicht sehen konnte, glitt der Traumwandelgeist näher. Die Beobachtete hielt in ihren sehr zielgerichteten Schritten inne und wand sich kurz eher suchend und mit vorsichtiger Gestik um. Um ein Haar ließ sich die Wandlerin schon dazu verleiten, sich der Unbekannten zu offenbaren, doch ein Blick in deren Gesicht, ließ sie in der Bewegung gefrieren.
Keine Spur von Unsicherheit glomm in den Augen der Fremden. Nein, hier loderte der Hass und wallte mit zornigem Feuer lauernd durch den Sumpfnebel. Abscheu und Unwohlsein stieg in der Beobachterin auf und vorsichtig wich sie zurück, als sich ein schummeriger Schleier über die Szene schob. Für einige wenige Momente schien sie den Traum zu verlieren, kämpfte gegen das Aufwachen und tauchte ein weiteres Mal tiefer in den Schlaf herab. Es brauchte dennoch einige Anläufe, bis sie sich wieder an der gleichen Stelle im Sumpf befand. Die platschenden Matschgeräusche wiesen darauf hin, dass die Unbekannte noch immer durch den Sumpf lief, doch ertönten sie nun unregelmäßig, zaudernd... unsicher.
Wirr und strauchelnd taumelte die Fremde nun voran, keine Spur Zielstrebigkeit in ihren Gesten oder dem Antlitz. Stumm und besorgt folgte die unsichtbare Wandlerin ihr eine Weile und atmete innerlich auf, als die Unbekannte fahrig den Pfad bis hin zur Brücke fand. Polternd überquerte sie diese und setzte den eigenen Weg gen Nordenwesten - gen Rahal - weiter.
Noch als der Geist der Beobachterin ihr folgen wollte, zerfloss das Traumgebilde gänzlich und riss sie hinaus, fort von den bunten Fäden - dem Licht des Morgens entgegen....


Und mit einem Jappsen saß sie regelrecht in ihrem Bett.
Ja, es war Zeit den Winterschlaf hinter sich zu lassen und die Anderen zu besuchen!
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Cara DelMur
Beiträge: 891
Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Cara DelMur »

Der dicke Oger vor ihr erstarrte mitten in der Bewegung, rückte aus ihren Gedanken, ihrem Blick. Sie hob einen Arm, sich vergewissernd, nicht selbst erstarrt zu sein und tatsächlich, er liess sich bewegen. Ihr ganzer Körper bewegte sich zähflüssig, als müsse sie sich gegen schweres Wasser behaupten. Der kurze Moment Angst, jagte das Adrenalin durch ihre Venen. Dann besann sie sich und griff nach etwas Vertrauten. War sie doch in Gestalt des Feuers auf diese Jagd gegangen, spürte sie nun das kosende Lecken der Flammen, wie es das Band sicher zu ihrem Herzen wob. Nein, sie war nicht in Gefahr.
Die Welt um sie herum verblasste. Das erste was sie wahrnahm war dieser eklige Geschmack in Nase und Mund. Faulig und Bitter. Aber was sich jetzt vor ihr inneres Auge schob, wollte so garnicht zu den bisherigen Eindrücken passen. Ein hell schimmernder Stein offenbarte sich ihr. Auf seiner Oberfläche pulsierten sanft Symbole einem Herzschlag gleich. Eingebetet in eine prächtige Pflanzenwelt glich das Bild einem anmutigen Gemälde. Ein Gefühl von Vertrauen und Zuneigung durchströmte sie. Doch etwas stimmte hier nicht, hier war eindeutig etwas faul. Und noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, nahm sie, im Schatten verborgen, eine Gestalt war. Eine menschliche Hand schob sich gen des Steines. Aus einem Impuls heraus versuchte Cara, jene fort zu schlagen. Doch natürlich kann man in eine Vision nicht eingreifen. So musste sie Zeuge werden, wie der Stein aufbrach. Begleitet von Fäulnis und Verwesung sickerte dunkler, schleimiger Modder aus dem entstandenen Riss. Sie verzog ihr Gesicht, als sich erneut der bittere, faulige Geschmack in Nase und Mund wiederfanden und ihr noch erhalten blieben, als das Bild längst zerfallen war und die Welt um sie herum aus der Erstarrung langsam erwachte.

„Das kann nichts Gutes bedeuten…“

Zunächst galt es sich zu konzentrieren, um heil aus dem Berg heraus zu gelangen, auf das sie in einem Stück zu ihren Schwestern fand.

Sapp, Sapp, Sapp.... Schritte. Sie befanden sich im Haus der Schwestern. Eben hatte sie noch mit Majalin und Aly über die Vision gesprochen, da drang es durch die Ritzen der Wände heraus. Sapp, Sapp, Sapp... Schritte. Sie mussten nicht die Türe öffnen, um zu wissen, dass niemand sich im Sumpf oder Keller befand. Blut ist im Schuh. Sapp, Sapp, Sapp. Und sie wachten über Majalin, als jene in die Knie ging, mit der Hand den Boden berührte, ihr nebliger Blick sich nach innen wandte, die Vision sich ihr aufdrängte.

Wie sich herausstellte, hatten alle Visionen oder Träume gehabt. Manche ähnlich, andere wieder ganz verschieden. Zusammenfassend war am Ende also der Blutschuh Kerl im Sumpf, die verwirrte Schwester, der Stein und nicht zu vergessen die reinen Klänge. Sie hatten viel erfahren und doch auch wieder nicht. Sie standen am Anfang dieser Geschichte und nun galt es die Puzzlestücke zusammenzusetzen.
Zuletzt geändert von Cara DelMur am Samstag 2. Februar 2013, 09:03, insgesamt 2-mal geändert.
Fiona Vales

Beitrag von Fiona Vales »

Eisig-feuchter und würzig nach ätherischen Ölen riechender Duft, weht heulend zwischen den schlanken Riesen, welche noch immer ihr Haupt mit weißem Himmelsstoff bedecken, hindurch. Zu dieser späten Stunde und nur im Glanz des geliebten Bruders, welcher zweimal im Monat so schön blüht wie seine große Schwester, erkennt man die schwarzen Zwillinge der Hünen bedrohlich am Boden kauern. Das Bersten von totem Leben, unter dem Gewicht der winzigen Eindringlinge, schreckt selbst die mutigsten des alten Volkes auf. Windend und mit schmerzverzehrenden Trauerrufen, drohen sie sich für ewig schlafen zu legen. Selbst das unbeugsame und beständige Maß für Leben und Tod, scheint hier fast zum Stillstand erstarrt. Selbst die Nachbarn der Hüter, dieses dunklen Flecks, waren weise genug sie nicht um diese Zeit zu erzürnen. Im goldenen Schein wäre dies wohl eine gänzlich andere Situation. „Ich sehne mich nach deiner großen Schwester!“bibbert der rothaarige und meist verschreckte Winzling dem Vater der Sterne entgegen. Plötzlich erstarren die zerbrechlich wirkenden Geschöpfe und schauen sich hoffnungsvoll um. Sie sind angekommen im Zentrum, im Herz der altertümlichen Gemeinschaft. Wie im Gemach des kranken Königs selbst, reihen sich besorgt im Kreis die Untertanen um das weich, grünliche mit braunen Flecken verzierte Bett. Doch das Erhoffte schien nur einen rundlichen Abdruck in mitten der großen, welligen Decke hinterlassen zu haben. Eine Lichtung im dämmrigen Wald, bedeckt ganz und ganz mit weichem Moos. Umrundet von hohen schneebedeckten Bäumen und am Fuße eines alten Berges. Der Fluss führte uns hier her, ich bin mir sicher gefunden haben wir den Platz der meine Schwestern so plagt. Doch wie es scheint ist es nicht zur rechten Zeit, denn das was wir begehren ist längst unter den Bergen.

Ein schrilles Kichern lässt die Schwestern im Geiste aufhorchen und den Behüter dieser, wachsam Mantel über die Frauen legen. Nahezu panisch flüchtet die Jüngste von ihnen in den Schutz ihrer Geliebten. Die Kupferhaarige, welche wohl die Expedition leitet verkennte die Situation nicht und weiß worum es sich hier handelt. Mit sorgfältig gewählten Schritten, jedoch ohne sich umzusehen nähert sie sich dem Abdruck. „Wirst du uns helfen oder uns nur verspotten?“ Hoffnungsvoll warten die drei Schwestern auf die Antwort des Unsichtbaren. Schweigen erscheint ihnen genug und so fragt Majalin weiter. „Sag, weißt du wonach es uns begehrt und hast du gesehen wer es von hier entwendete?“ Angetan von dem Klang der Schwestern und der milden Gabe des Behüters gab der Kobold mit seiner kindlichen Stimme von sich: „Im Osten…Der Quell…Der Berg…Wo Wasser, Erde, Wind und Feuer sich begegnen.“ Das war jedoch genug und vielleicht auch schon zu viel Sinnhaftigkeit im Leben, des unerklärbaren Wesens und so verblieben weitere Fragen ohne eine Antwort.

Hinter ihnen im großen Abstand winkend, verabschieden sich die Riesen von ihren kleinen Gästen. Nur um so gleich zu betrachten wie sie von dem Gesuchten herzlich in Empfang genommen werden. Prächtig, gerade zu majestetisch thront der Wasserfall auf dem Schuh des Berges und ergießt Unmengen von nassem Blau, in einen großen dampfenden Kessel. Voller Zauber in den Augen und alle Ängste vergessen rennt der Rotschopf diesem entgegen, als wolle sie in seine Arme springen. Die mahnenden Rufe ihrer älteren Schwestern bringen die entfachten Gefühle nicht unter Kontrolle. Zu sehr ist die Begierde nach diesem urgewaltigen Naturschauspiel und der Lösung des Rätsels. Im Eifer den Schlüssel der Lösung als erster zu finden stürzt sie sich Ärmel tief in das heiße dampfende Wasser. Die anderen erkannten jedoch, dass in diesem Gewässern nur Dunkelheit und noch mehr Fragen auf sie warteten.
Zuletzt geändert von Fiona Vales am Freitag 15. Februar 2013, 18:57, insgesamt 1-mal geändert.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Wahnsinnig. Total irre! Es fehlte nicht mehr viel, bis ich mich nur noch lachend in die Ecke setzte und mich nicht mehr rausrührte. Ich war mir da absolut sicher. Ich schwankte zwischen Erleichterung und noch mehr Wut. Verfluchte Weiber, verfluchte Rituale. Dass Majalin dabei verschwunden war, war schon schlimm genug gewesen. Dass sie nun vor mir lag mit guten zehn Schritten zwischen uns, auf den Fellen vor dem Kamin schlief, und ich ahnte, wenn ich selber einschlief, dass sie am nächsten Tag abhauen könnte, machte mich wahnsinnig.
An nichts, wirklich an nichts und niemanden erinnerte sie sich. Alea. Und sie wusste noch nicht, dass sie tot war. Siebzehn. Ich fragte mich zum hundertsten Mal, was ich den Göttern getan hatte, um das zu verdienen. Am liebsten hätte ich sie geschüttelt bis zur Besinnungslosigkeit, aber da war ihre Angst. Sie hatte sogar Angst vor mir, was alles in mir verkrampfen ließ.

Ich musste so sehr darauf achten, was ich sagte in ihrer Gegenwart. Sie hielt mich schon für völlig meschugge, davon war ich überzeugt. Nichts half ihrer Erinnerung auf die Sprünge. Der Ring nicht, das Haus nicht. Ich wollte nicht mal ausprobieren, ob es mit dem Jungen funktionierte. Noch so ein Problem. Ich musste dringend zum Kindermädchen und ihm sagen, sie sollte den Jungen derzeit nicht Majalin geben. Aber wenn ich ging, dann kam ich garantiert wieder in ein leeres Haus und weit und breit keine Spur von diesem wirren Weib.

Was auch immer da, wo sie war mit ihr passiert war. Es brachte mich eindeutig an meine Grenzen.
Lautlos stand ich auf und ging die Treppe hinauf, holte einige rote Bänder heraus und verzog mich leise nach draußen auf den Balkon. Ein Gutes hatte es. Die dicken Spatzen hockten ständig auf der Balustrade. Gerade schliefen sie einträchtig, aber darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen. Behutsam nach ich den ersten auf und legte das Band an. Die anderen wurden natürlich auch davon an und zwitscherten leise und verschlafen. Der erste Spatz wurde von mir in die Luft geworfen.
„Flieg zu Hanna, und schlaf nicht unterwegs wieder ein“, murmelte ich leise. Selbige Prozedur wiederholte ich, bis sie alle von einem Spatzen mit rotem Band besucht wurden. Cara, Liska, Fiona, Yasme, Alynara, ja, sogar Vefa. Es war das unauffälligste was mir einfiel, um auffällig genug zu sein. Wenigstens Cara und Hanna kannten das Zeichen, das wusste ich noch. Es musste genügen.
Nach dieser Tat kehrte ich auf leisen Sohlen zurück auf die Treppe, setzte mich auf die zweitunterste Stufe und sah wieder zur Schlafenden hin.

„Er würde alles für dich tun.“ Du ahnst nicht wie sehr Seventus Recht damit hat, aber dir macht es nur Angst, wenn dir jemand so etwas sagt.

„Hat Lea dir von mir erzählt?“
„Ja, hat sie.“ – Du hast mir von Lea erzählt, Maja. Aber ich kann es dir nicht sagen.

„Darf ich die Decke behalten?“
Ich war versucht zu sagen: „Es ist deine, sie riecht sogar nach dir.“

Was tust du nur, wenn du erfährst, dass Lea nicht mehr lebt – und was du eigentlich schon wissen solltest.

Ich fragte mich, wo sie hineingeraten war. Keine Schuhe, ein altes Kleid, das so wie sie selbst bis zu den Knien voller Schlamm war. Wenigstens hatte sie gebadet, auch wenn es lange dauerte, bis sie wieder herauf kam. Vermutlich hatte sie Angst, ich würde hinunterkommen. Sie schien vor allem Angst zu haben – und ich hatte das dringende Bedürfnis irgendwen dafür umzubringen.
Hoffentlich beeilten sich die anderen. Ich fühlte mich hiermit hoffnungslos überfordert, ertrug es kaum.
Fiona Vales

Beitrag von Fiona Vales »

Ein kleiner Schatten huschte, schnell wie der Wind zwischen ihren Füßen hindurch. Der ganze Leib zuckte erschrocken und riss sie aus ihren traurigen Gedanken. Nach einem Moment des Sammelns im Diesseits, folgten ihre großen, olivfarbenen Augen neugierig dem winzigen Wesen, welches hinter einem schneebedeckten Farn lauerte. Eine kleine, jedoch dicke und zerstrubbelte Ratte stand auf ihren Hinterbeinen empor und hielt ihr Gleichgewicht mit den Vorderpfoten, welche es abstützend auf die grün-weise Pflanze vor sich lehnte. Angetan von diesem niedlichen Anblick eilte Fiona unbewusst in die Hocke, beugte ihr Haupt ein wenig und zückte eine Erdbeere hervor. Vorsichtig und besorgt um ihre Finger, reichte sie dem Tier das Lockmittel entgegen und versuchte es mit einem liebevollen Lächeln von ihrer Gutmütigkeit zu überzeugen. Umso mehr erschreckte sie sich als der kleine Nager aus seinem Lauerposten, mit einem Satz hervor sprang, sich aufrichtete und aufgeregt quickte. Die schöne, pralle Erdbeere kullerte aus ihren zarten Händen und ehe sie sich umsah, saß sie auf ihrem Hintern im nassen Schnee und ihr Herz pochte deutlich schneller. Als die Ratte keine weiteren Angriffsversuche startete und sie deren friedfertige Natur erkannt hatte, grinste Fiona breit über ihr Ungeschick. Ehe sie erneut einen Annäherungsversuch unternehmen konnte, tippelte die Ratte auf ihren kurzen Beinen ein Stück weg. Quieckend auf ihren Hinterpfoten und schon fast winkend wartete sie für einen Augenblick, ehe sie eilig davon sauste. Leicht gebückt zog die Neugierde Fiona hinter dem Nager her und fragte sich wohin er sie wohl bringen mag. Die Reise endete nicht weit von ihrem Ausgangspunkt und bracht Fiona wieder in die harte Realität zurück.

Da stand sie nun endlich wieder vor ihr. Ihre geliebte, große Schwester mit dem sonst so schönen, kupfernen Haar, welches nun unpassend wirkte. Wie mit einem stumpfen und mit Rost verziertem Dolch abrasiert, war ihre Haarpracht an einigen Stellen kürzer und gröber getrennt als der Rest. Die schleierhaft vernebelten und weisen Augen, durch bohrten Fiona wie einen Geist und zeugten von Fremdheit. Auch kein noch so kleines, aber herzliches Lächeln zierte ihre verschreckten Lippen. Angespannt wie ein Tier in der Falle lauerte, ihre sonst so starke und tapfere Freundin vor ihr. Doch all das war für Fiona verschleiert, durch den Nebel der Erleichterung, welcher sie noch blinder machte als Maja es je gewesen war. Gleisender Schmerz, mehr in ihrer Seele als auf ihrer Haut, ließ sie jedoch erkennen, dass sie nicht zu ihr konnte, sie fest mit ihren Armen zurück heißen konnte. Gefesselt durch die Angst der Abweisung und den eisigen, groben Griff Lucien`s verharrte sie auf der Stelle, blass wie eine Statue aus weißem Marmor. Nur wenige Schritte von ihr entfernt und doch um Meilen weiter als jemals zuvor verweilte ihre, nun nicht mehr so große Schwester für einen Moment. Kalt wie eine Fremde huschte Maja, ohne auch nur einen Bruchteil des Augenblicks zu verharren an ihrer wartenden, zweifelnden Schwester vorbei und traf sie damit härter als es die gleisende Klinge Krathors in Mitten ihres Herzen es getan hätte. Paralysiert von dem unsäglichen, brennenden Schmerzen in ihrer Brust, brach Fiona auf ihre geschundenen Knie. Der olivgrüne Glanz, weichte fast Augenblicklich den dicken Tränen und untermalte ihre Augen blutrot. Mit dem Blick tief im Jenseits verloren, suchte Fiona vergeblich nach dem Strick der ihre Kehle zuschnürte.

Der immer währende, kühle Schein des kleinen Bruders, wachte über die letzte Ruhestätte der Lebenden, wie Fiona über ihre große Schwester. Die vermoosten und verwitterten Grabsteine ragten aus dem funkelnden Meer aus Weiß hervor und warfen lange, kontrastreiche Abbilder an die Wand, des reich verzierten Mausoleums aus glattem Stein. Das ehrerbietende Schweigen der stillen Nacht wurde nur von dem Tanz, der rabenschwarzen Marionetten, im Rampenlicht des Mondes unterbrochen. Wie dressierte Steingargoyls, nur um vieles eleganter, spielten sie ihr perfekt einstudiertes Schauspiel. Ihre kleine Bühne war ein reich geschmücktes Grab und das Stück, welches sie zu ehren Majalins spielen, handelte um die Beisetzung ihrer längst verstorbenen Freundin Alea. An einer anderen Örtlichkeit hätte dies wohl verzaubernd und rührend gewirkt, doch hier auf verschneiten Friedhof vor Berchgard wirkte es bedrohlich und abschreckend, für jeden außer für den in ihren Bann gezogenen Ehrengast. Einer der Schauspieler bat die junge Dame auf die Bühne und reichte ihr höflich und mit tief geneigtem Haupt seine Hand. Getäuscht vom Schauspiel und dieser Ehrerbietung ergriff sie diese. Es wartet jedoch kein Applaus, sondern nur der eisige Griff, welcher sie zu einem der Ihren werden ließ.

Verloren wie eine Seele in den Händen Krathors und hilflos wie ein kleines Kind ohne seine Mutter, erkannte Fiona das ihr Augenlicht verloschen war. Die Angst wurde zwischen jedem pochendem Herzschlag wurde immer größer und drohte sie gänzlich zu verschlingen. Hinterhältig kroch sie eisigkalt ihren Rücken empor, um die filigranen Finger um ihren Hals zu schlingen. Langsam schnürte der, immer stärker werdenden Druck der unausweichlichen Schlinge, ihr die Kehle zu. Vorgeführt wie ein dummer Hund, quälte es sie in das unermessliche nun das zu missen was sie so teuer umkämpft hatte. Das wonach sie sich schon ihre Lebtage gesehnt hatte und erst vor kurzem zum greifen nahe war. Alleine gelassen im tiefsten Verließ der ewigen Dunkelheit, war all ihre Hoffnung verloren. Niemand würde ihr nur eine Träne nach weinen und selbst wenn gäbe es niemanden der sie aus diesem unüberwindbaren Kerker befreien konnte. Im Stich gelassen von Maja, ihren Schwestern und ihrem eigenen Ehemann schluchzte sie so laut es ihre trockenen Stimmbänder es nur zuließen. Doch kein Klang drang auch nur bis zu den Mauern und selbst dann war niemand hier um es zu hören. Langsam aber unaufhaltsam schlich sich brennender Schmerz in ihre Seele und verdrängte die Angst und die Einsamkeit. Sehnlichst bereit, ihre letzten langen Stunden anzutreten, breitete sie ihre Hände aus um den Schmerz, welcher ihr das Bewusstsein zu rauben schien, herzlich willkommen zu heißen.
Zuletzt geändert von Fiona Vales am Freitag 15. Februar 2013, 18:58, insgesamt 2-mal geändert.
Majalin Mareaux

Beitrag von Majalin Mareaux »

  • Ist dies dein Glück, o du, im Mondenglanze,
    Erinnerung? dies deine Seligkeit?
    O, fleuch von mir mit deinem welken Kranze,
    und überlaß mich der Vergangenheit.

    ~ ~ ~ Sophie Mereau Brentano ~ ~ ~
Sie klammerte sich an diese Erinnerung, Jeremiahs Lachen, Luciens Berührung. War es überhaupt die richtige Entscheidung gewesen? Ihnen das aufzubürden? War es eigentlich ihre Wahl gewesen?

Und wie soll ich das machen, wenn ich ihnen nicht mal... beistehen kann den Weg zu finden?

Kurz flatterte das Wort „Ritual“ durch ihren Kopf, dann verlosch die Verknüpfung. Jeremiah, Lucien. Wer war Jeremiah noch gleich? Sie presste die Augen zusammen und keuchte.

Dann… werde ich mich bemühen, Tag um Tag, um die Zeit zu verkürzen… Nebelauge… Wenn es zu gefährlich wird, lass mich gehen, bitte… Meine Mädchen… Bestimmt wirst dich irgendwann in ’nen Jungen verlieben, aber du darfst dann nicht einfach weggeh’n von mir…

Sie werden dir beistehen. Du wirst dich auf sie verlassen müssen.



Maja erwachte mit Kopfschmerzen. Warum lag sie hier auf dem Boden? Sie rappelte sich auf und strich sich durchs kurzgeschnittene Haar. Was war nochmal geschehen? Ach ja, sie war heute mit dem Schiff auf Gerimor angekommen… oder war es schon gestern gewesen? Und wo zum Henker war sie hier und wie war sie hierhergekommen? Vielleicht war der Kuchen schlecht gewesen. Vermutlich sogar, es war schon ewig her, dass sie frischen bekommen hatte. Neben ihr konnte sie eine Wand ertasten aus grobem Stein. Zögerlich tastete sie sich daran entlang bis ihre Fingerspitzen über Holzbretter strichen - eine Tür. Schon wollte sie die Hand heben und klopfen, doch ihre Gedanken hielten sie zurück. Was, wenn es keine netten Menschen darin waren? Was, wenn sie sie fassen wollten und binden? Oder noch Schlimmeres? Kurz schossen ihr all die unheimlichen Geschichten der anderen Kinder im Waisenhaus durch den Kopf, all die Spuke und Alben. Nein, sie durfte nicht mehr so ängstlich sein, sie musste Alea finden! Sie klopfte.

So hatte diese sonderbare Geschichte begonnen. Gerade einmal drei Tage war es nun her, doch schien es ihr wie Monde… irgendwie war es das auch und irgendwie auch wieder nicht. Mühselig kratzte Majalin ihre Gedanken zusammen, doch entzogen sich Bruchstücke immer wieder, als versuche sie mit bloßen Händen Rauch zu fangen. Alea war tot, wieder, noch immer. Und all diese Menschen, die dachten sie zu kennen. Nein, eigentlich wussten sie viel zu viel, um es noch als Zufälle abtun zu können. Sie konnte sich nicht mehr darin flüchten anzunehmen, dass sie alle ein abgekartetes Spiel mit ihr trieben. Aber es war zum Teil viel zu absurd!
Majalin sollte mit diesem durchdringenden Kerl verheiratet sein, er war so fremd, so merkwürdig, zweifellos besorgt und fürsorglich. Sie fühlte wie er sich selbst dazu zwang… immerzu, mit jedem einzelnen Atemzug zwang bedacht zu sprechen, umsichtig zu agieren, ruhig zu bleiben. Sie fühlte wie es ihn krank machte, wie es ihn marterte, dass sie nicht die Hand zu ihm reckte. Aber wie könnte sie? Sie kannte diesen Mann nicht. Und es erschien ihr noch falscher sich ihm zuzuwenden in einer Lüge. Es würde ihn zerbrechen, wenn dieses Konstrukt in sich zusammenfallen würde, wenn herauskäme, dass sie nicht die war, die er wirklich wollte. Und wie würde sie sich selbst fühlen? Vielleicht wäre es besser ihn zu meiden, nicht hier auf seinen Fellen vor dem Feuer zu sitzen, sein Essen zu essen, seine Decke um sich zu wickeln. Aber wo sollte sie sonst hin? Niemand wollte sie haben.
Und dann waren da noch die Anderen. Schwestern nannten sie sich. Sie hatten so unterschiedlich reagiert auf sie. Jene Hanna hatte geweint, sie war verzweifelt gewesen. Es war nicht gespielt, es schien nicht so. Und die andere Frau, Cara, sie hatte versucht einfühlsam und ruhig zu sein, hatte aber ihre Verwirrung und Beklemmung nicht überspielen können, zumindest nicht ganz. Fiona war fassungslos, verletzt von ihrer Abweisung, ihrem Nichtwissen. Jene Liska hatte vollkommen anders reagiert, sie schien gleichmütig und ablehnend. Es kam Maja so vor als wäre ihr all das egal, was die anderen so berührte. Vielleicht schützte sie sich selbst, aber vielleicht war es auch Freude darüber jene andere Maja loszuwerden.

Die andere Maja. Wie oft hatte sie in den letzten Tagen über „die Andere“ nachgedacht? Offenbar war sie mächtig gewesen, intelligent. Eine geschickte Heilerin, eine aufopfernde Freundin, eine liebende Mutter und eine leidenschaftliche Frau. Ihr selbst, jener geringfügigen Maja, bedeutete das nicht viel. „Die Andere“ war ihr unheimlich! Und sie war das, was sie werden sollte? Die Menschen um sie her liebten diese Frau, deren Gesicht sie trug. Ja, sie wollten „die Andere“ zurück. Sie selbst war nur unfertig, unbedeutend, sie war nur der Schatten, der von einer viel größeren Person geworfen wurde. Sie würde vergessen werden, sie würde zu Erinnerung verblassen, einer Geschichte, einem winzigen Bruchstück in „der Anderen“. All die besorgten Menschen um sie her konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie allein war. Sie meinten nicht sie. Luciens Leiden, Hannas Verzweiflung, Caras Verwirrung, Fionas Fassungslosigkeit… Hervorgerufen von Majas Unvollkommenheit, von dem unbedeutenden Wesen, das sie nun war. Dies war sie. Niemand meinte jemals sie.


Alea hatte sie gemeint, jene unwichtige Maja. Aber Lea war tot. Als Maja gefangen war in jenem Steingefängnis, hingeführt durch die Umarmung einer Statue, kroch dieselbe Verzweiflung in ihre Glieder wie damals.
Majalin war tot, sie war mit Alea gestorben, war mit ihr begraben worden, lag mit ihr auf dem Boden des Sargs verschüttet von der Erde. Alle Träume, alle Wünsche und Hoffnungen waren zerschellt, zersprungen, verloren – unzählige Scherben. Majalin war unfähig, unwillig sie zusammenzusetzen, weigerte sich zu leben, weigerte sich zu glauben. Majalin war wütend, wütend auf die Welt, die schreiende Ungerechtigkeit, auf die Kälte, die ihre Freundin nun in ihren klammen Händen hielt, wütend auf ihr eigenes Unvermögen. Alea war gegangen, alle waren gegangen. „Ihr habt es mir versprochen!“, schrie sie in die alles verschluckende Schwärze. Eine Antwort folgte nicht, würde nie folgen. Nur Stille. Nur Schmerz.
Ihre Kraft ließ nach, als die Kälte ihr in die Glieder floss. Sie nahm sie an, sie wollte sie. Ihr innigster Wunsch war zu sterben, ihr zu folgen und sie hatte auch den Glauben daran. Die Trauer konnte ebenso innig sein wie die Liebe. Mehr und mehr Frost schneite auf sie nieder.

Arme umfingen sie. „Shh, ist gut. Ich bleib da, ich war nur kurz woanders… das war nicht beabsichtigt.“, sprach es sanft an ihrem Ohr. Er hob sie auf, er hielt sie, er brachte sie zurück an das warme Feuer und blieb bei ihr.


Der Nebel blieb, der Frost blieb. Wohin würde sie dieser Pfad nur führen? Majalin wollte sich nur mehr treiben lassen. Das Leben lockt mit falscher, verstellter Stimme; lockt immer doch nur sich selber, hüllt sich in sich selbst, wie die Wärme sich hüllt in Wärme vor dem Frost.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Ich fühlte mich ausgebrannt, leer. Das war in etwa so wie diese Fallträume. Man fällt und fällt und fällt und fällt und der Boden ist noch immer nicht in Sicht. Das Gefühl gegen alles irgendwie allein anzukämpfen, laugte mich zusätzlich aus.
Schwerfällig packte ich die Sachen vom Jungen zusammen. Ich wollte ihn am nächsten Morgen nach Wulfgard bringen. Ich konnte ihn unmöglich noch länger dem Kindermädchen aufbürden und ich selber fühlte mich weder in der Lage mich zu kümmern, noch ihm das zu sein, was er eigentlich ebenso brauchte im Moment – ein anständiger Vater. Es war alles zu viel für mich geworden. Viel zu viel.
Ich konnte nicht einmal zusammenraffen, was ich fühlte. Das war nur noch ein einziges Chaos. Es sprang von Hass zu Verzweiflung, von Hoffnungslosigkeit zu Gleichmut, und so weiter und so fort. Allumfassend tat es nur noch weh und geblieben war nichts. Gar nichts.
Nicht mal in der Lage die beruhigenden Worte aufzunehmen, die die Schamanin gesprochen hatte, geschweige denn die Ruhe des Ortes, wo sie mich hinbrachte – ein weiterer voller Lied, Macht und Dingen, die ich nie begreifen würde. Ein weiterer Ort, an dem ich nicht sein wollte und trotzdem blieb, zumindest eine Weile lang. Das Gefühl, dass es mir etwas gebracht hatte, war nicht vorhanden.

Es war wie ersticken. Zu viel von allem und zu wenig von dem einen, das gerade wirklich gebraucht wurde. Zuviel Rauch und Hitze, zu wenig Luft zum Atmen. Als hätte jemand – etwas – einen Teil meiner Selbst rausgerissen. Das Echo fehlte. Ich lachte. Der Klang zur Harmonie fehlte! So plötzlich wie das Lachen aufkam, so schnell verging es mir auch wieder. Ich hatte das Gefühl wieder im Loch zu sitzen. Da war es ähnlich gewesen und trotzdem anders, aber in etwa genauso furchtbar vom Empfinden her, wie jetzt.

Damals hast du zwischenzeitlich auch ans Aufgeben gedacht und es trotzdem nicht getan.

Ich fühlte mich alt. Müde. Also setzte ich mich auf die Bettkante. Die Sachen von dem Jungen halb gepackt. Schließe die Augen und ringe nach Atem. Einer der Momente, in denen ich wünschte, einfach einzuschlafen und liegen zu bleiben.

Hab Vertrauen…

Da war keines mehr. Allein daran zu denken, schnürte mir die Kehle zu und ließ das Gefühl zurück, das man bekam, wenn man gerade eben hatte würgen müssen. Die Galle schmeckte bitter. Sehr bitter.


Irgendwann schlug ich die Augen auf. Es wurde schon hell. Dass ich eingeschlafen war, hatte ich gar nicht mitbekommen, noch gewollt. Das sprach wohl seine eigene Sprache über meine Erschöpfung. Ich behielt die Sachen, die ich trug einfach an. Grasfleckig, schmutzig, stellenweise schlammig vom Teich am gestrigen Abend. Es war mir egal.

Ich suchte die letzten Sachen zusammen für den Jungen und verstaute sie im Rucksack. Zeit ihn nach Wulfgard zu bringen. Einerlei, ob mir danach etwas passierte, er würde gut aufgehoben sein.
Hanna Radenbruck

Beitrag von Hanna Radenbruck »

Es ist schon interessant in welche Formen sich das Selbst biegen kann und wie lange man es dann geduldig auf den viel zu kleinen Pfoten einer Ratte, mit den empfindlichen Augen einer Katze und dem verdammt hohen Gras aus der Sicht einer Schlange aushalten kann und mag, wenn es um wertvolle Menschen geht, die man... ähm, bespitzeln muss.
Genau genommen war es keine Spitzelei als vielmehr ein stilles, klammheimliches Bewachen und es hinterließ mehr als hässliche Spuren. Nicht nur an Hannas Optik (die Augenränder wurden tiefer, die Haare fielen laffer und allen voran musste sie den Gürtel etwas enger schnallen, was ihr ausnahmsweise nicht _so_ schlecht bekam), sondern auch auf ihrem Herzen. Es ging hier um Majalin, um jene die ihren inneren Funken geweckt hat, die junge Frau, welche sie mit Hingabe und vollem Ernst ihre "Seelenschwester" nannte, vor welcher sie keine großen Geheimnisse haben wollte und genau diese nun von ihr, Hanna, verfolgt, beobachtet und sogar teilweise belauscht wurde. Natürlich, das war ihr schon bewusst, geschah das nicht aus Gründen alberner Neugierde, sondern vielmehr der Angst, dass irgendjemand Majas Erinnerungslücken sich zu Nutzen machen und die teilweise hilflose Schwester in eine Falle locken könnte.

Jeder wurde misstrauisch beäugt, bei jedem zu langen Blick Fremder, rutschte der Ratte/Katze/Schlange das Herz in die nicht-vorhandene Hose und sie war mehr als dankbar, wenn dann wieder mal eine Fiona, Cara, Liska, Yasme oder beinahe immer ein Lucien in der Nähe war, der sich ihrer annehmen konnte und sie aus dem Gröbsten herauszog. Dann wiederum, wenn alle Stricke zu reißen schienen, hatte sie sich auch schon dreist in die Gedanken helfender Mitmenschen - oder eher Mitelfen - geflüstert und jene bettelnd instruiert.

Am liebsten wäre ihr gewesen, sie hätte einfach als Hanna an ihrer Seite bleiben und jede Gefahr abwenden, ihre Hand nachversichernd drücken und beteuern können, dass alles wieder gut werden würde.
Doch selbst wenn sie sich gedanklich trotzig an eine Wendung zum Guten klammerte, so war noch lange nichts sicher und zu oft hatten sie alle schon miterleben müssen, dass das Leben nicht immer eitel Sonnenschein für jederman parat hatte. Was wäre also, wenn sie sich wirklich nie mehr an sie alle...

Blödsinn! Unfug! Sie hatten einander und die Naturgewalten an ihrer Seite, das Lied in jeder Faser des Körpers, den uralten Schwur Paias Schwestern im Herzen - das musste doch etwas wert sein, oder?
Vielleicht lag die Hoffnung deshalb diesmal im Gemeinschaftshaus, in der Seele des Zusammenhalts? Hoffnung wärmte den Eisklumpen, welcher die Brust durchzog und ließ ihn ein wenig schmelzen - Hoffnung war es auch, die allen Schwestern die Nachricht zukommen ließ, dass man sich am siebten Abend des Wochenlaufes dort treffen würde - Hoffnung in Form zweier pummeligen, geschäftigen Käuzchen, die eine Botschaft überbrachten.
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Cara DelMur
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Beitrag von Cara DelMur »

Das Bändchen am Vogelbein konnte nur eine gute Nachricht verheissen. Maja war bei Lucien. Ja, so musste sein. Cara machte sich alsgleich auf den Weg zum gemeinsamen Haus der Beiden, doch auf das was sie dort erwartete und das Bild das sich hier zeigte war sie nicht vorbereitet gewesen. Majalin, ihre prächtige, kupferne Mähne kurz geschnitten, befand sich auf allen Vieren am Boden und schnupperte dort herum. Hinter ihr eine verzweifelte Hanna und ein zwischen Wut und ebensolcher Verzweiflung schwankender Lucien. Das eben noch breite Lächeln und die Freude Majalin gefunden zu haben, verschwand aus Cara’s Gesicht und Verwirrung und Besorgnis nahmen seinen Platz ein. „Sie erkennt dich nicht, sie weiss nicht wer du bist“. Lucien’s Worte waren der letzte kalte Wasserstrahl, der das Wiedersehensfeuer zum erlöschen brachte. Eine Weile stand sie wie benommen an Ort und Stelle, hörte was Lucien sprach, hörte was Hanna sprach, der Blick hin- und her wandernd, bis er schliesslich sich wieder auf Majalin festigte. Doch das Feuer war nicht ganz erloschen, ein winziger Funken Hoffnung glomm auf, schwoll an in der Brust der Dunkelhaarigen und nährte sich an unerschütterlicher Lebenslust und deren Kraft. Majalin war hier, ja sie hatte ihr Gedächtnis verloren, aber sie war gesund und am Leben. Alles Andere würde sich finden. Bestimmt. Wenn nicht heute, dann morgen. Und wenn nicht morgen, dann übermorgen.

Aber die junge Majalin war überfordert mit all den Nachrichten, mit all den gut gemeinten Worten, der ihr völlig fremden Menschen um sie herum. Ein Ehemann, den sie nicht kannte. Schwestern, an die sie sich nicht erinnerte. Die beste Freundin tot. Und vielleicht brachte das freundliche Herantasten von Cara das bereits mehr als volle Fass schliesslich zum überlaufen, denn Majalin lief weg. Sie wollte ihr augenblicklich nachsetzen und nur Hanna’s Stimme hielt sie zurück. So entschlossen sie sich, der verwirrten Schwester, in Tiergestalt, zu folgen, um ein wachsames Auge auf sie zu haben. Eine der Schwestern würde immer in ihrer Nähe sein.

Statuen. Mitten im Gemeinschaftshaus, dort wo sie sonst gemeinsam Tee tranken und sich beratschlagten. Cara sass auf der Treppe und betrachte die gesichtslosen Frauenstatuen, drehte den Kopf etwas zur Seite und wieder zurück. Hatten sie sich bewegt oder spielten ihre Sinne ihr einen Streich? Nein, ihren Sinnen konnte sie vertrauen, da war etwas gewesen. Endlich trafen die Schwestern ein und mit ihnen kam Majalin. Cara lächelte. Ein guter Anfang.

Etwas im Raum veränderte sich. Die Gesichter der Steinfrauen nahmen Züge an, vertraute Züge. Die ganze Schwesternschaft zeigte sich ihnen in kalten, glatten Masken. Und die ganze Zeit dachte Cara nur „wir sind nicht aus Stein“. Als die Neugier, Erschrecken und Erstaunen überwand, und sie die Steinfiguren berührten, brach eine Welle der Emotionen über sie alle herein. Vertrauen, Verstehen, Zuneigung, Akzeptanz, alles was sie ausmachte. Ein sanftes Prickeln, dass sie daran erinnerte, wie es war, als sie das erste Mal die Hand einer Schwester umfassten. Und Maja erwachte aus ihrer Erinnerungslosigkeit. Sie fand ihre Wurzeln und ihre Schwestern wieder. Den Abend über wurden alte Geschichte zu neuem Leben erweckt.

Doch irgendwann kam man natürlich wieder zurück auf die ganze Geschichte, denn alle Lücken waren noch nicht gefüllt. Was würde als nächstes geschehen? Würde eine weitere Steinfigur einen weiteren weissen Flecken in Majalins Erinnerung füllen? Lucien? Und wo steckte Lucien überhaupt? Zuletzt hatte Majalin ihn wohl in Wulfgard gesehen. Es galt also Lucien zu finden. Und wo würde die nächste Steinfigur sich zeigen? Die Schwestern teilten sich und Cara begleitete Majalin zurück auf die Insel Lamariast, wo sich Lucien und Majalin ihr Versprechen gaben.

Sie hatte fest mit einer steineren Statue an eben dieser Stelle gerechnet und was fanden sie? Nichts. Nun „Nichts“ war nicht richtig, denn sie fanden Überreste einer Mahlzeit und Handschuhe eines Herrn. Alles sprach dafür das Lucien hier gewesen war. Doch wo war er jetzt und was hatte er vor? Es war ein sehr eigenartiges Gespräch das Cara und Majalin führten. Cara erzählte ihr, wie viele andere vor ihr, dass es ein besonderes Band zwischen Maja und Lucien gäbe und das sie sein Leben sei. Und doch konnte sie ihr nicht versprechen, dass er zurück kommen würde. Er hatte zweifellos Angst vor dem was er finden könnte. So tief konnte niemand in Lucien einblicken, nur Majalin und eben jene konnte sich nicht an ihn erinnern.

Ein Leben ohne Lucien für Majalin? Unvorstellbar. Doch nicht unvorstellbar für Majalin selbst. Sie war nicht unglücklich. Man vermisste nicht, was man nicht kannte.

Schritt für Schritt. Mit diesem Gedanken ging Cara an diesem Abend zu Bett. Doch wirklich tief schlief sie diese Nacht nicht. In der Vision hatte sich bereits einmal eine verwirrte Schwester gezeigt, auf dem Weg nach Rahal. Wiederholte sich die Geschichte etwa? Sie zog die Decke enger um sich. Schritt für Schritt.
Majalin Mareaux

Beitrag von Majalin Mareaux »

  • Von allem Sehnen, allem Lieben,
    Blieb meiner Brust ein theurer Hort,
    Gleichwie ins tiefste Herz geschrieben
    Mit Flammenschrift ein Liebeswort.
    Und keine Zunge kann sie schildern,
    Die Zauberwelt, die mich umschwebt,
    Wenn von den tausend süßen Bildern
    Die stille Nacht den Schleier hebt.

    ~ ~ ~ Robert Hamerling ~ ~ ~

Majalin lag dick in Fellen eingepackt auf der Seite und starrte mit ihrem leeren Blick zum nahen Lagerfeuer hin. Er hatte den Arm um ihren Körper geschlungen und sie spürte seinen warmen, gleichmäßigen Atem in ihrem Nacken. Er hatte sie erbittert mit seiner Flucht, mit seiner Härte und Kälte und zugleich konnte sie nicht anders als Anteilnahme für ihn zu hegen. Eigentlich, logisch betrachtet, sollte es ihr gleich sein, denn er war ihr ein Unbekannter. Aber die Welt war nicht mehr logisch, nichts in ihr schien mehr der Vernunft zu folgen. Sie hatte ihn fortschicken wollen, doch als er sie fragte, regte sich in ihr ein schmerzliches Sehnen und ohne darüber nachdenken zu können, bat sie ihn zu bleiben. Die Verzweiflung zehrte an ihrer Seele, als er ihr an den Kopf warf, er bliebe nur, weil er müsse, weil er sowieso keine Wahl hätte. Woher kam diese Hoffnungslosigkeit, woher das Begehren ihn zu berühren, der schwelende Zorn gegen ihn, den vertrauten Fremden?

Allein. Sie hatte gewütet, geschrien, getobt, sie hatte geglüht und gebrannt. Sie hatte jene Kräfte tausendfach verflucht, die sie benutzten wie eine Figur in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht verstand. Sie fühlte sich als könne sie sich nur in jenen Bahnen bewegen, die ihr vorgegeben wurden und dabei stieß sie gegen alle Ecken und Kanten. Als wäre sie der Dolch, die Krankheit, die Pest in den Händen eines anderen, damit sie selbst als Werkzeug ins Herz der Menschen gestoßen werde, denen sie etwas bedeutete… Sie selbst war das Gift an ihren Fingern, ihre Schwäche, ihre Verzweiflung. Ja, in jenem Augenblick hasste sie diese Mächte, sie hasste die anderen Menschen, ihre Schwestern, ihren „Ehemann“ und über alle Maßen hasste sie sich selbst. Erst als ihre zitternden Beine entkräftet unter ihr nachgegeben hatten und sie auf dem Waldboden zusammengesunken war, erst nachdem der letzte Funke ihrer Wildheit in den nächtlichen Himmel entschwebt war und die Stille sich über sie gelegt hatte wie ein lähmendes Tuch, hatte sie leise geweint. Die Hoffnungslosigkeit war wie ein hungriges Tier in ihre Glieder gekrochen und hatte sich an reicher Beute gelabt. Im Morgengrauen war sie zurück auf die Insel geschlichen, durchgefroren, dreckig und ausgebrannt. Leer. Verblassend. Nein, sie hatte keine Wahl mehr, keine Wahl außer weiter die Bahnen abzuschreiten, die ihr gelegt wurden, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Schnitten und Stichen. Kann eine Klinge bluten?


Eher widerwillig war Majalin an diesem Tag mit Lucien zu der Statue des Feuergeists gegangen. – Ja, ich halte mich ja von dir fern, Lucien, fass dich nicht an! Ich weiß welch‘ unvollkommener Abklatsch ich von deiner geheiligten Frau bin und wie sehr der Inbegriff von Seuche für dich! Fein, nichts wert! Möget ihr alle bekommen, was ihr wollt, ich lasse die Kräfte, Geister, Götter oder sonst was einen weiteren Zug für meine Figur machen. Werft mich auf den Scheiterhaufen! – Tatsächlich war es aber Lucien gewesen, der auf seinen persönlichen Scheiterhaufen geworfen wurde. Lodernd waren seine Klänge eingehüllt worden, überlagert worden von der Melodie der Flammen. Nicht, dass sie ihn verzehrt oder verletzt hätten, aber seine bloße, ungehemmte Panik brandete wie ein Schrei über Majalin hinweg, während sie ihn selbst zu Eis gefrieren ließ. Sie wollte sich ihm zuwenden, ihn beruhigen, ihm helfen, als die Gefühle und Erinnerungen sie trafen wie eine Feuerwand.

Mehr Kraft, viel mehr Kraft, ihr Körper bebte unter der heftigen Belastung, Tränen rannen aus ihren leeren Augen. Gehauchte Worte des Flehens: „Bitte… Seid bereit!“ Sie spürte die Hitze seiner Anwesenheit, der Vulkangeist war gekommen, zwischen ihr und ihm der heftig pulsierende Kristall. Das letzte Band gesponnen. Schweigen. In dieses Schweigen richtete sie ihre unausgesprochenen Worte des Mitgefühls an den Geist, benutzt und betrogen: Verzeih uns, wir mussten so handeln. Freiheit, ein zerbrechliches Gut. Ein kleiner Schritt zurück, in welchem sie die Netze löste, die gesponnenen Bänder richteten sich augenblicklich aus und das geballte Lied strömte auf den Geist ein. Die schreckliche Hitze erfasste ihren Körper, sie konnte nun spüren wie die Haut ihres Gesichts und ihrer Hände sich abschälte. Zurücktorkeln, behütende Arme, ein gewaltiger Knall, Schmerz... schwarze Stille.

Majalin fand sich auf allen Vieren wieder, schwer keuchend. Die Statue war fort, sie hatte ihren Inhalt offenbart. Doch die Klänge des Feuers waren über ihm geblieben, ebenso seine bebende Angst. Sie reckte ihre Hände zu dem Feuerwesen. „Bitte.“, hatte sie gefleht in der Hoffnung er würde in seinem Herz ein winziges Stückchen Vertrauen finden. Er hatte gezögert, gehadert. „Du hast gesagt, dass ich Teile von ihr habe... Und du vertraust ihr, oder?“, flüsterte sie leise. Es zischte, als ihre von Wasserklängen umhüllten Hände von den Flammen berührt wurden. Sie hatte die Stränge voneinander getrennt, ganz vorsichtig und behutsam, die Flammen gelöscht, die Funken trieben übers Meer davon.
Er sackte zu ihren Füßen zusammen, ihr seine Hand entziehend und rollte sich am ganzen Leib zitternd zusammen. Sie gab dem Impuls nicht nach ihn zu berühren; ihm über den Rücken zu streichen und in die Arme zu nehmen, obgleich jede Faser ihres Körpers danach schrie. – Ich achte deinen Wunsch. – Stattdessen kniete sie sich neben ihn und sprach beruhigend auf ihn ein. Es verging eine geraume Zeit, ehe er es fertig brachte sich wieder aufzurichten. Das Echo seiner Furcht hallte in ihren Ohren, seine Verzweiflung über den Verlust, seine Zerrissenheit, weil sie sich nicht erinnerte. Sie wollte sich entschuldigen, hätte in jenem Moment bereitwillig ihr Leben gegeben, nur damit er wieder ganz und heil wäre. Unvermögen. Ihre reckende Hand erstarrte. Er ergriff sie, er zog sie zu sich heran und umfing ihren Körper mit den Armen. Sie fühlte wie die Mauer aus Eis, die er sich erbaut hatte gegen sie, um sich zu schützen, Risse bekam, fühlte sein Vermissen. – Ich sollte dich vor mir schützen, sollte deiner Zerrissenheit keine Nahrung geben. Ich bin das Gift in deinen Adern, bin die Krankheit für deine Augen, die Klinge für deine Haut. Ich sollte… Kann nicht… – Sein Kuss brannte auf ihren Lippen. Warum lohte ihre Kleidung nicht unter seinen Händen?
Zu viele wirre Fragen schwirrten durch ihren Kopf an diesem Abend, zu viele wirre Fragen am nächsten Tag und am Tag darauf, keine Antworten. Die Welt hatte jegliche Vernunft verloren, alle Gesetzmäßigkeiten. Sie selbst hatte die Vernunft verloren, alle Pläne, Ideen, alle sachliche Ablehnung brannte er nieder und machte sie waffenlos, schutzlos. Es war zu vertraut wie er sie berührte, sie stand reglos, unfähig sich zu bewegen, in einem Feld von Feuer.


Er zog den Arm etwas fester um sie. Es knisterte leise. Feuer, immerzu das Feuer. Wie lange würde es wohl dauern bis es einen von ihnen verletzte? Verlangen und Flammen. Was machte er nur mit ihr? Welt ohne Vernunft.
Majalin Mareaux

Beitrag von Majalin Mareaux »

  • Und mancher Tage Stunden waren so.
    Als formte wer mein Abbild irgendwo,
    um es mit Nadeln langsam zu mißhandeln.
    Ich spürte jede Spitze seiner Spiele,
    und war, als ob ein Regen auf mich fiele,
    in welchem alle Dinge sich verwandeln.

    ~ ~ ~ Rainer Maria Rilke ~ ~ ~

Ziellos durchwanderte die junge Frau die Wälder in dieser lichtlosen Nacht. Sie hätte zur Insel zurückkehren sollen, damit ihre Schwestern beruhigt waren, ihr „Ehemann“ beruhigt war, alle ihren Willen bekamen. Hätte… sollte… könnte… würde. Sie konnte es nicht mehr hören, all diese vorwurfsvollen Aufrufe, Mahnungen und Anweisungen von Menschen, die glaubten sie und ihr Leben so viel besser zu kennen als sie selbst. Taten sie vermutlich auch, aber deswegen hatte sie doch trotzdem eigene Gefühle. Gefühle, die sie in dem Moment wahrnahm, nicht Gefühle, die sie haben sollte gegeben ihrer Vorgeschichte. Wütend brach sie einen trockenen Ast ab und feuerte ihn ins Gebüsch. Ich denke eher, dass es reichlich spät ist und Maja nun mit mir kommen sollte… Ihr solltet wissen, dass ich eine ganz gemeine Petze bin… Besser ist’s, wenn man sich nicht immer an alles erinnert…, flatterten ihr einige Worte des Abends durch den Kopf und ein kleiner, zornig geschleuderter Stein folgte dem Ast ins Dickicht.

Den Göttern sei Dank waren sie verhüllt gewesen und ihre Gesichter verwandelt im Lied. Der ganze Plan war ihr ungemein absonderlich erschienen. Die Regungen der Statue in einem Theaterstück tarnen mit einem Barden und Instrumentenbauer als Musiker, einer Lindil als Nebelmacher, einer Traumwandlerin als Erzählerin… Und irgendwie war sie selbst in jenem Schauspiel zur Lichtwindfee geworden. Maja war erstarrt, während die anderen wie in einem wahnsinnigen Fruchtbarkeitstanz um das Steingebilde gekreist waren. Vermutlich schien es den Umstehenden wie eine Sonderaufführung der Förderer der Kunst und sie selbst konnte es ihnen nicht verübeln. Mehrmals hätte sie beinahe laut losgelacht und wäre sie selbst nicht Teil jener „Aufführung“ gewesen und hätte nicht die Hintergründe gekannt, hätte sie die Darsteller augenblicklich für verrückt erklärt. Es war wie die zuckrige, süße, glitzernde Glasur auf einem Kuchen voller Gift.
Und wie in einem Theaterstück war alles an ihr vorübergezogen. Nein, es hatte nichts mit ihr zu tun gehabt, sie war kein Teil gewesen. Lediglich ihre Berührung hatte die Statue wieder erweckt. Tylendel hatte sie wieder zurückgeschoben und sich vor sie gestellt, sie war zurückgewichen ohne Entschlossenheit, während das metallene Gebrüll des Ogers durch die Gassen geschallt war. All die anderen hatten sich um die „Statue“ gedrängt, mit Fackeln gewedelt, sie mit Klingen bearbeitet, mit Kugeln beschossen, gerufen, geschrien. Sie selbst war verblasst am Rand, ergraut zu der Statue, während diese, ihre wandelnde Erinnerung, gesprüht hatte und geleuchtet. Die Gefühle waren über ihr zusammengeschlagen wie die Wellen des Meeres über dem Kopf des Ogers und doch… schienen ihr nun einige vollkommen fremd. Und keine Verbindung entstand in ihrem Kopf zu manchen Empfindungen, sie blieben ungefüllt.

Tylendel eilte davon und Majalin blieb zurück, sie lauschte konzentriert dem Kampfeslärm und ging einige Schritte nach hinten, um nicht möglicherweise doch noch unfreiwillig ins Geschehen eingebunden zu werden. Der gewaltige Körper des Ogers sackte zusammen, für einige Augenblicke schwollen alle Geräusche ab. Angestrengtes Keuchen der Krieger, ein leises Brummen, ein schmatzender Laut, als eine Klinge aus dem Körper der Bestie gezogen wurde, schwere Stiefel, die über den Weg kratzten, leises Getuschel und ein schmerzvolles Stöhnen. Unerwartet ertönte ein markerschütternder, gequälter Schrei. Ungläubige Rufe wurden laut, als das Wesen sich wieder hochstemmte. Doch diesmal wollte es nicht kämpfen, es war in Begriff zu fliehen. Schwerfällige, zunächst langsame Schritte, schneller werdend, lauter! Das Ungeheuer kam gradlinig auf sie zu, sie wich zurück, sie hörte Rufe. Der widerliche Gestank des Ogers stieg ihr in die Nase, gemischt mit Blut und Eisen. Dann ein Aufprall, der ihr alle Luft aus der Lunge presste, ein Knacken. Vage spürte sie wie sie durch die Luft geschleudert wurde, ein heißer Schmerz am Kopf, ein leises Knirschen und Dröhnen. Jemand schrie bestürzt ihren Namen, dann samtene Geräuschlosigkeit.
Es pochte im Nebel. Es blieb grau und leer. Keine Erinnerung…
„Ich muss mich um die Verletzten kümmern!“, verkündete Majalin großspurig, noch immer nicht recht fähig aufzustehen. Dafür würde sie ihr Körper später büßen lassen, das wusste sie. Aber sie war die einzige anwesende Heilerin, sie hatte keine Wahl. Tylendel versuchte gar nicht es ihr auszureden, er wusste wohl es wäre nicht von Erfolg gekrönt.
Es knirschte. Etwas fehlte und sie spürte, dass es für immer verloren sein würde.

Majalin setzte sich auf einen umgefallenen Baum. Zum ersten Mal seit sie zur Spielfigur geworden war, seit sie begonnen hatte jenen vorgegebenen Pfad zu beschreiten, dachte sie darüber nach, was sie noch verlieren würde, was sie eigentlich nicht besaß. Splitter ihrer selbst waren mit der Statue versunken, um niemals mehr in sie zurückzukehren. Welche Bruchstücke würde sie bekommen und welche waren die winzigen Scherben eines zerbrochenen Gefäßes, die einfach verschwanden zwischen Holzdielen und Steinrissen? Würde sie dieselbe sein, die sie gewesen war, wenn das Spiel vorüber war oder eine andere? Eine Fremde für jene, die diese Frau geliebt hatten, geachtet oder gehasst. Oder vielleicht würde sie jener Majalin sehr ähnlich werden, zum Verwechseln ähnlich, aber in den Kleinigkeiten, dem kaum Sichtbaren, wäre sie verschoben. Wäre sie dann noch dieselbe Person oder war sie bereits jetzt zu etwas vollkommen Anderem erwachsen? Wäre das gut oder schlecht?
Sie fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel. Die ständige Grübelei bereitete ihr Kopfschmerzen. Sie war noch nie ein Mensch gewesen, der alles „einfach mal auf sich zukommen lassen“ konnte, sie war vorsichtig und bodenständig. Zumindest gewesen… Bevor sie anfangen musste zu glauben, bevor er ihre Vernunft zu Asche verbrannt hatte, bevor sie wahrgenommen hatte, dass sie keinerlei Kontrolle über ihr Leben besaß. Langsam richtete sie sich wieder auf und drückte den Rücken durch. Sie würde nicht in ein paar Tagen abschütteln können, was sie sich in Jahren angeeignet hatte, aber wer sonst bekam eine Chance wie sie?

Nein, ihr bestimmt nicht über mich. Gleich wie sehr ihr an mir zerrt und zieht, wie sehr ihr mich schubst und schiebt! Ich werde mich bestimmen, ich will für mich entscheiden dürfen. Ich bin immer noch ich!


Wer auch immer das sein wird…
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Tzion Kalias Daley
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Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20

Beitrag von Tzion Kalias Daley »

Einige Tage ist es schon her, jedoch kann Tzion sich einfach nicht davon Losreisen,
immerwieder an die Geschehnisse zu denken, welche er zuletzt in Bajard erlebte.

Natürlich dieses kleine Fischerdorf ist wahrlich kein bezaubernder Ort
jedoch aber voller interessanter Dinge und Begebenheiten.
Wengier schön jedoch typisch für Bajard,
erst gestern hat irgend so ein Lump versucht die kleine Naischa zu entführen, ein kleines Kind?
Was für ein Mensch muss das gewesen sein, dieser "Pfeifer"
das er ein Kind entführen will ... nun ja glücklicherweise ist es ja gut ausgegangen doch eigentlich,
ist diese Entführung ja nur eine Fußnote wert, denn was war erst vor kurzem geschehen?
Ein riesiges Steinmonster in Gestalt eines Ogers griff Bajard an! Nun ja ... was heißt angreifen?
Es fing ja alles mit jenem komischen Erdbeerritual dieser grünen Elfe an .. wie war ihr Name Shala?
Shala irgendwas ... auf jedenFall traf ich sie vor jener Statue am Markt,
genau diese über welche gemunkelt wurde, sie würde sich bewegen wenn man nicht hinsieht ...
natürlich nur wenn man nicht hinsieht! Das glaubte ich natürlich nicht,
ich habe schon viel gesehen ... aber das klang mir zu sehr nach Aberglaube,
aber mein Verständnis was ich glauben soll und was nicht, wurde doch hart auf die Probe gestellt.
Denn als jene Statue sich inmitten des auf dieses Erdbeerritual folgende Schauspiel wahrlich erhob!
Da war ihm doch so mulmig zu mute wie noch nie zuvor,
er war sich sicher gewesen sie währe nur eine Statue und nun befindet sie sich umrungen von Schaulustigen und selbsternannten Helden?!
Dann ging alles furchtbar schnell, es wurde auf ihn eingeprügelt,
allen vorran ein mutiger Zwerg Gaz Getwergelyn .. wahrlich eine Zierde seiner Rasse robust und sehr schwer,
woher ich weiß das er wahrlich schwer ist? Es hat nicht lange gedauert da hat der Oger ihn in meine Richtung geworfen
und nur knapp ausweichend sah ich, wie ein ganzer Marktstand zu Bruch ging als er dort landete!
Ich konnte ihn nicht alleine Kämpfen lassen und nahm den erstbesten Ast den ich greifen konnte denn woher auch immer!?
sind Bäume um den Oger herum gewachsen ... ich glaube es war die Elfe!
.. aber ich weiß es nicht und unser Kampf ging auch an jenem steinernden Oger nicht vorbei seine Beine bröckelten und ... es brach ab!
Er ging nieder der riesige Oger ging zu Boden aber nein! Denn natürlich,
wie der Zufall es so wollte direkt auf Gaz und mich ... ich konnte gerade noch so weg hasten
doch Gaz wurde begraben ... nur mithilfe eines hünenhaften Kerls,
später erfuhr ich es war ein Thyre konnten wir ihn retten. Doch noch ganz war der Kampf nicht geschlagen,
erst als ein riesiges Wesen aus Wasser den Boden matschig machte gelang es dem Barden Tylendel,
welcher schon die ganze Zeit mitmischte und mir zusammen mit jenem magischen Wesen den Oger letztendlich ins Meer zu treiben!
Wo er dann hoffentlich für immer ... versank.

Ja er hat schon viele Dinge hier erlebt ... und die einprägsamsten hatten alle etwas gemeinsam,
das Fräulein Nebelauge ... oder Majalin wie sie ja eigentlich hieß,
sie war wohl die Hauptdarstellerin in jenem Stück des Ogers, obgleich ich gar nicht bemerkte,
ob sie wirklich viel Mitmachte, erst später wurde mir auch klar warum ...
sie war Blind, dazu noch beide Hände bandagiert und ihr Gedächtniss verloren?
Diese nette Dame hatte wirklich ein schweres Schicksal und doch schafft sie es dabei,
immernoch nette Worte am Abend übrig zu haben, wie an jenen Abenden an welchen ich sie schon des öfteren traf und einige Stunden mit ihr verbringen konnte, plaudernderweise im torkelnden Oger.

Von Tylendel hörte ich das mit ihrem Gedächtnis, ich selber währe da nie drauf gekommen ...
doch obgleich ich als einfacher Bücherwurm leider kaum Hilfreich sein kann bei ihrem schweren Weg,
so freut es mich doch immer wieder, wenn ich sie mit einem Glas Wein und einem Gespräch aufheitern kann,
sie ist eine nette Dame ... ich hoffe für sie, das ihr Weg nicht noch mehr Schicksalschläge für sie parat hat ...
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Die Annäherung tat gut. So ungemein gut, auch wenn es nach wie vor nicht so war, wie vor ihrem Verschwinden. Aber es gab mir das Gefühl, dass nicht alles verloren war. Von dem, was bei der Oger-Statue geschah, wollte ich nach wie vor nichts wissen. Tatsächlich wollte ich mir nicht einmal eingestehen, dass ich mich vor dem fürchtete, was dabei an Erinnerungen zurückkehrt sein mochte.
Zu meiner Erleichterung erzählte sie von sich aus nicht viel davon und ich umging den Tag weiträumig in unseren Gesprächen.

Die nächsten Statuen waren auch alsbald gefunden. Nachdem wir uns auf die Halbinsel zurückgezogen hatten, dank der Warnung Liskas, und wir zwischenzeitlich heimwärts mussten, um frische Kleidung zu besorgen, liefen wir förmlich in sie hinein.
Allein schon ihr Anblick machte mich wütend. Ausgerechnet diese zwei kleinen blauen Ogerfürze, die sie angegriffen und gebissen hatten damals. Während wir da standen, gesellte sich die Schwalbe zu uns. Es gab nur ein wenig hin und her, dann zog die Schwalbe los, um zu sehen, ob sie einige Schwestern auftreiben konnte. In der Zwischenzeit war Luzienth aufgetaucht und hielt wohl auf Dafürhalten von Shala hin Wache.
So lange wir uns nicht gesehen hatten, so distanziert fiel die Begrüßung aus. Und binnen kürzester Frist schaffte er es Majalin zu verärgern durch gekonnte Missachtung ihrer Anwesenheit. Es gab Dinge, die änderten sich nicht, auch wenn die Erinnerungen eingebüßt worden waren. Keine paar Herzschläge später stapfte sie den Weg weiter hinauf mit einer Miene, die Bände sprach.
Immerhin folgte der Elf ihr, während Shala und Kaliya sich zu mir gesellten. Wir gingen schon einmal vor zu den Statuen, sehr weit war es ja nicht, und warteten dort auf die beiden.
Den Schlüssel zu finden, war an und für sich nicht einmal so schwer. Es musste entweder eine der Letharen sein oder aber es genügte etwas, was von ihnen stammte. Der verfluchte Brief von Tar, ein hergestelltes Werkzeug von Dyla, die Kralle oder das Blut, das Shala besaß, irgendwas würde schon wirken.
Allerdings war mir bei all dem mulmig zumute. Egal, was mit den Letharen zu tun hatte, es konnte nichts Gutes dabei rauskommen.
Bei der Rückkehr des Elfen und meiner Frau, kehrten auch Leute ein, die wir nicht so gerne in der Nähe hatten. Ich stimmte jeder Vermutung, die gemacht wurde, dass die Förderer der Kunst hinter den Statuen steckten einfach rigoros zu. Als einer von denen auftauchte, wurde es indes komplizierter – und sehr zu meiner Erheiterung verlor der Elf vor mir die Geduld und sorgte für ein Fortgehen des Störenfrieds mittels einer klaren Drohung, die Störung ein für alle Mal zu beenden.

Als wir unter uns waren, griffen sowohl Shala, als auch Maja ins Lied ein und die Bäume um uns herum wucherten nur so. Mir behagte das ganz und gar nicht. Nicht nur, dass ich mich eingesperrt fühlte, wie ein Fuchs in einem Käfig, ich spürte auch die Panik in mir aufsteigen, sobald mir bewusst wurde, was die beiden da taten. Verflucht sollte das Lied sein, von mir aus auch Eluive für ihre verdammte Erfindung!
Nach getanem Werk trat Majalin schließlich vor die Statuen. Ich gesellte mich direkt zu ihr und gab ihr den Brief, das Werkzeug – beides führte zu nichts. Als Shala ihr dann einen Tropfen vom Blut überließ, und sie die Hand an die Statue legte, kam Bewegung in die hintere der beiden. Das Ebenbild Yxuls hob die Armbrust und feuerte.
Nicht, dass dabei ein Laut zu hören war. Keineswegs. Es überraschte uns alle – und die Bolzen trafen ihre Ziele, alle, bis auf Majalin. Mit dem Treffer fühlte ich, wie sich Gift brennend in meinen Gliedern ausbreitete und wie mich Gefühle überschwemmten, die nicht die meinen waren. Wut, Abscheu, Widerwillen.
Dazu der Schmerz vom Bolzen im Arm, von dem Gift, das sich ausbreitete. Wie und wann ich das Gegengift abbekam, wusste ich später nicht so klar zu sagen. Dass der Bolzen aber nach wie vor steckte, spürte ich mit jeder Faser. Und erst als das Gegengift wirkte, ließen auch die fremden Gefühle nach – vom Zorn mal abgesehen, der hätte auch gut von mir sein können. Immerhin war ich stinksauer und hielt mich darüber bei Bewusstsein.
Als Maja zu guter Letzt die steinerne Bolzenspitze berührte, die in der Armbrust der wieder still stehenden Statue steckte, und sich daran mit aller Absicht verletzte, kehrte der Schub an Gefühlen zurück – verflucht sollte unser Band sein!
Ich wollte gar nicht dran denken, wie ich den Elf alles genannt hatte – neben dem Hurensohn, der mir in Rage über die Lippen kam.

Das bittere Ende vom Lied: Alle verletzt, das dichte Gestrüpp ging zurück, wir fanden Hilfe. Majalin musste es übertreiben, als sie zu sich kam. Wollte sich nicht tragen lassen und brach sich darüber hinaus noch die Hand. Luzienth half mir meinen Bolzen im Arm loszuwerden und meine Frau fand, dass sie sich darum noch kümmern musste in ihrem beschissenen Zustand. Was aus dem Elf letztlich wurde, konnte ich bis heute nicht sagen. Wie es Kaliya ging auch nicht so recht. Shala immerhin ging zurück in ihren Wald, um sich zu erholen, nachdem Ashtar sich gekümmert hatte. Und Maja versorgte ich am nächsten Tag so gut ich es vermochte mit Fiona zusammen.
Und da die Herberge in Bajard wie stets im Chaos versank, kehrten wir alsbald nach Hause zurück.

Einige Tage drauf holte ich Jeremiah von den Thyren heim. Sie wollte es so, ich auch. Wir mussten immerhin verhindern, dass er sich von uns entfernte, uns gar vergaß.

Und als gehörte es irgendwie dazu, wenn es gerade um diese beiden Letharen ging, bekannte meine Frau (die nicht einmal wusste, dass sie meine Frau war – außer aus den Erzählungen der anderen und aus den meinigen), dass es sein könnte, dass sie schwanger war. Weder sie, noch ich, hatten daran gedacht, dass es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, die Möglichkeit auf Schwangerschaft zu unterbinden. Danke, Götter, als wäre nicht alles schon kompliziert genug!
Andererseits hätte ich über diesen Umstand fast gelacht. Jeremiah hatten wir ebenfalls den beiden zu verdanken. Und im Geiste malte ich mir schon aus, was unsere Kinder später einmal über ihre Eltern sagen würden:

Wir waren ja nicht geplant, aber die Letharen, die sahen das anders!
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

Alles beim Alten?

Ich war noch nicht bereit. Das wurde mir bewusst in dem Augenblick, als ich erfuhr, wohin die nächste Reise ging – zum Sturmwipfel. Die Ankündigung warf mich völlig aus der Bahn. Zum einen war da Angst, was dort als nächstes geschehen würde, nach all dem, was ich bei den anderen Statuen miterlebt hatte. Zum anderen sicherlich Freude, denn der Ort allein sagte mir schon, was für Erinnerungen Majalin zurück erlangen würde. Die wurde schließlich überdeckt von Befürchtungen, dass es trotzdem nichts wieder brachte, was vor einigen Wochen fortgerissen wurde.

Mir war nur zu bewusst, wie sehr mich das Ganze verändert hatte. Ganz bestimmt galt das für sie genauso. Hinzu kam, was sie mir vor gerade mal zwei oder drei Tagen gestanden hatte. Ihre Gefühle zu mir, ohne sich überhaupt an mich oder den Jungen erinnern zu können. Ich hatte darauf keine Erwiderung gefunden. Nicht, nachdem ich erst eine – vielleicht zwei – Wochen zuvor etwas anderes an den Kopf geworfen bekommen hatte. Es war nicht so, dass sich meine Gefühle geändert hatten, ich empfand noch immer für die Frau, die vor einigen Wochen verschwunden war. Sie hatte mich an dem Abend nur, ja, eiskalt erwischt damit. Völlig unverständlich, aber wenn jemand sich so sehr danach sehnt, derartiges wieder zu hören, noch dazu von dem Menschen, dem man vorher alles gegeben hatte, was man hatte…
Es war in dem Augenblick zuviel für mich gewesen. Jede Erwiderung dazu bleib mir im Hals stecken, ließ meinen Magen sich zusammen ziehen und ich hatte nicht nur einmal das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Und Majalin missverstand es, zog sich zurück, blieb freundlich, aber distanzierte sich. Es tat weh, aber ich widersprach nicht, nutzte die Zeit mehr dafür, mich zu fangen.
Ja, zugegeben, ich war viel zu sehr mit mir beschäftigt, als mich um sie überhaupt so kümmern zu können, wie es vielleicht nötig gewesen wäre. Aber ich war nun mal auch nur ein Mensch, mit all den Fehlern, die ein solcher mit sich trägt. Bei der Flut, die auf mich eingestürmt war, hielt ich dem Reißen irgendwann nicht mehr stand und gab nach.

Nun, wie dem auch sei oder war, der Weg führte zum Sturmwipfel, zu den Statuen dort. Die Schwestern, und eine in der Mitte. Ich wusste, wen sie darstellte, auch wenn sie kein Gesicht hatte. Viel zu aufgewühlt und durcheinander, hatte ich allerdings keinerlei Ahnung was zu tun war. Mir gefiel nicht, dass die Schwestern, die uns begleiteten, sich plötzlich nicht mehr rühren konnten, gar statuengleich da standen und die Statuen sich irgendwann auflösten, neben denen sie verweilten.
Sie mussten sich fühlen, wie ich mich gefühlt hatte, als der Vulkangeist auf mich übergegriffen hatte. Allerdings war ich mir nicht sicher, was für mich schlimmer gewesen wäre, das Gefühl stetig in Flammen zu stehen und draus zu bestehen, ohne dazu verdammt zu sein, mich nicht rühren zu können.
Als Majalin und ich die Statue anfassten, bei der wir standen, rechnete ich schon fast damit, dass mich ebenfalls wieder irgendwas anspringen würde, doch gab der Stein lediglich unter unseren Fingern nach, als wäre er aus weichem, feuchten Ton. Selbst das half mir nicht auf die Sprünge, obwohl es im Nachhinein betrachtet so einfach war.
Ich war viel zu durcheinander, um mich anständig zu konzentrieren. Letztlich führte das zu Vorwürfen, dass ich mich distanzieren würde, dass ich nicht unterstützte, dass ich eine Eiswand wäre, und so weiter und so fort. Tränen flossen, und ich… kochte vor Wut, Verletztheit und Enttäuschung.
Majalin schaffte es letztlich, nutzte den weichen Ton, wozu er gedacht war, und kaum, dass das, was die Statue in sich verschlossen hatte, frei kam und über alle hinwegschwappte, hatte ich das Gefühl daran regelrecht zu ersticken – erst recht nach den vorangegangenen Vorwürfen.
Ich versicherte mich, dass die anderen am Stück waren, wieder Herr ihres Körpers und dergleichen, blieb letztlich mit Majalin am gleichen Platz, während die anderen etwas weiter fort gingen. Nur am Rande bekam ich mit, wie sie sich mit etwas, oder jemandem unterhielten, während ich mir weitere Vorwürfe anhörte.

Ich ging. Genug war genug. Das war alles eindeutig zu viel. Was danach dort noch vorgefallen war, wusste ich nicht. Ich wollte es nicht wissen, ich wollte es auch nicht hören. Die Frau, die selbst mit den zurückgekehrten Erinnerungen vor mir stand, war nicht die, die mich verlassen hatte. Das war genau das, was ich befürchtete. Auch ich hatte mich verändert. Der Streit, der später zuhause folgen sollte, machte es nicht besser.
Was sie herauslas, was ich mir angeblich wünschte, dass sie alles hinwerfen wollte, weil ich mich von dem ganzen Zeug mit dem Lied und in dem Lied und drum herum fernhalten wollte, und so weiter… es machte mich sprachlos, fassungslos und noch wütender.
Wer glaubt, dass es genügt am Boden zu liegen, um nicht mehr getreten zu werden, der irrt gewaltig. Und natürlich setzt sich ein jeder zur Wehr, so gut er kann. In meinem Fall bedeutete das, dass ich nicht weniger verletzend war. Wer austeilte, sollte auch einstecken – und wenn es nach mir ginge, war das im Augenblick noch nicht genug.
Auch wenn wir uns beide irgendwann später beruhigten, es nicht so aussah, als wollten wir getrennte Wege gehen, es würde Zeit brauchen, bis es heilte. Viel Zeit. Zumindest, was mich anging.
Nach wie vor hielt ich daran fest: Ich wollte sie keineswegs ändern. Sie sollte tun, was sie tun musste, wollte und immer getan hatte. Allein ein Teil davon war es, von dem ich nichts mehr wissen oder sehen wollte. Für den Moment würde ich sogar fest beharrend sagen: Nie wieder.
Weil wir die Zeit brauchten, auch ein wenig Abstand – zumindest ich benötigte ihn im Augenblick – nahm ich meine Arbeit wieder auf. Auch wenn ich das stundenlange Herumstehen furchtbar fand, das daraufhin folgte. Immerhin brachte es mir einen Ausblick auf etwas, was ich als viel versprechend empfand.
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