Die Symphonie der Vier

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Majalin

Die Symphonie der Vier

Beitrag von Majalin »

~ Ouvertüre ~

  • Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
    Heil dem seltnen Abenteuer!
    Heil den mildgewogenen Lüften!
    Heil geheimnisreichen Grüften!
    Hochgefeiert seid allhier,
    Element' ihr alle vier!
    ~ Johann Wolfgang von Goethe, „Faust“


Gedankenvoll saß die junge Frau mit den rostroten Haaren in ihrem Garten. Sie liebte diesen Ort, Stein und Moos und Gras und Baum erfüllten sie mit Zuversicht und Friedlichkeit. Mit der Fingerspitze strich sie über die unregelmäßige Oberfläche der Steinumgrenzung und schloss dabei die nebelblauen, starren Augen.


„Dies, mein Mädchen, ist mein Kabinett.“, erklang die Stimme ihrer Lehrmeisterin in ihrem Kopf, „Es enthält und behütet die vier Werkzeuge, die jede Schwester im Laufe ihrer Lebensspanne fertigt und bewahrt. So jung du bist an Jahren, soviel hast du in der Schwesternschaft bereits gelernt und selbst gelehrt. Es ist an der Zeit, dass du deine Werkzeuge findest, Maja.“ Die Schülerin kannte die Gegenstände bereits, sie hatte sich darüber vorlesen lassen und über manch einen bereits mit ihren Schwestern diskutiert.

Feuer, Erde, Wasser, Luft.

„Worauf muss ich dabei achten?“, erkundigte sie sich leise, während Vefa ihr Kabinett auf Majalins Schoss absetzte. Die Holzkiste fauchte. Die Schülerin erschrak, fuhr jedoch instinktiv mit den Fingerspitzen über den Deckel des Kabinetts, woraufhin die „Kiste“ sich beruhigte. Eigentlich dürfte dich nichts mehr überraschen bei Vefa. Umso spannender, dass es so ist..., dachte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. „Nun, worauf du achten musst? Auf nichts und auf alles! Bedenke, mein Mädchen, dass die vier Werkzeuge die Schwester ein Leben lang begleiten, sie werden zu einem Teil ihres Trägers und umgekehrt. In ihnen kannst du die Melodie der Schwester vernehmen, auf ihrer Oberfläche ihre Geschichte lesen und in ihrer Gestalt ihre Seele streifen. Die Werkzeuge sind so einzigartig wie ihre Träger und können dabei so unbemerkt sein wie ein Regentropfen im Meer. Wähle sie also weise, aber vor allem wähle sie mit deinem Gefühl und Herzen!“ Bedachtsam schob Majalin den Deckel des nun schnurrenden Kabinetts auf und ließ ihre Finger über die enthaltenen Werkzeuge streifen. Sie konnte die Bedeutung fühlen, sie umwob die Vier wie ein schimmernder Kokon. Majalin ahnte, dass Vefa ihr damit ein großes Geschenk machte, dass sie ihr ein Bruchstück ihrer Seele offenbarte und sie spürte dankbare Ehrfurcht in sich aufsteigen. Mit einem Lächeln auf den Lippen verschloss Majalin das Kabinett wieder und reichte es ihrer Lehrmeisterin zurück. Es war nicht nötig den Dank auszusprechen, so wie sie ihn in ihrem Inneren fühlte, würde er Vefa erreichen. „Nun, Maja, hast du schon einen Einfall?“, erkundigte sich die alte Frau mit einem Lächeln. „Keinen Einfall, ein Gefühl.“, gab die Jüngere zur Antwort. „Dann bist du auf dem rechten Weg, mein Mädchen.“


Mit einem inständigen Seufzer öffnete Majalin wieder ihre Augen. Vier Werkzeuge. Vier Scherben ihres Selbst in fassbarer Form. Sie wusste, dass die Gegenstände allein durch ihre Wahl zu dem Besonderen werden würden, aber dies war nicht der Pfad, den sie beschreiten wollte. Es verlangte ihr auch nicht nach Gold, Edelsteinen oder Seide, ihre Werkzeuge sollten bedeutend mehr Wert erlangen. Was hatte Vefa gesagt? Die Melodie vernehmen, die Geschichte lesen, die Seele streifen. Melodie, Geschichte, Seele. Herz, vergiss nicht das Herz. Augenblicklich wurde ihr klar, was es für Werkzeuge es sein, woher sie stammen mussten: Ihre Melodie, ihre Geschichte, ihre Seele und ihr Herz waren nicht von ihr gestaltet, sondern von Erlebnissen, Begegnungen, Gesprächen, von Freundlichkeit, Achtung und Verständnis, von Freundschaft, Vertrauen und von Liebe. Kurzum von Freunden, Vertrauten, von Lehrmeistern und Schülern, von Großen wie Kleinen gleichermaßen, von ihren Schwestern, von ihm. Sie würde ihrer Geschichte eine Stimme geben, nein, viele Stimmen. In ihrem Zusammenklang würde ein eigenes Werk daraus erwachsen, die Werkzeuge würden ihm nur den Körper geben. Eine Symphonie, Wohlklang.
Zufrieden erhob sie sich aus dem Gras und ging zum Haus hin. Sie würde einige Reisen unternehmen müssen, Gespräche führen, erklären und hoffen. Sie machte es sich wieder kompliziert, dessen war sie sich bewusst. Aber kein Weg ist zu weit für die makellose Symphonie. Majalin drückte die Tür auf, sie wurde bereits erwartet. Die Stimme ihres Herzens. Sie lächelte.
Majalin

Beitrag von Majalin »

~ Akt I: Das lodernde Herz ~

  • Denn was das Feuer lebendig erfaßt
    Bleibt nicht mehr Unform und Erdenlast.
    Verflüchtigt wird es und unsichtbar,
    Eilt hinauf, wo erst sein Anfang war.
    ~ Johann Wolfgang von Goethe


Tage und Wochenläufe waren ins Land gegangen. Majalin hatte sich auf Reisen begeben und ihre Bitten in alle Himmelsrichtungen getragen. Und ihr Begehren war erhört worden, allerorts. Eines blieb. – Zwei letzte Gespräche, zwei Weggefährten, zwei Verknotungen im Geflecht ihres Lebens, die für Majalin stetige Fundamente waren. Und würde der Himmel in Flammen stehen und bodenlose Abgründe vor ihren Füßen aufbrechen, über jede Furcht, jeden Schrecken würden sie sie tragen. Sie gaben ihr Kraft und Mut, füllten sie mit Leidenschaft und Zuversicht, alles Eigenschaften, die das Werkzeug des Feuers in sich bewahren sollte. Ja, es war der rechte Pfad. Dies spürte Majalin tief in sich, es war der Pfad, der ihr Leben nachzeichnete, ihre Gefühle und Bande. Und jeder, der sich auf die Pfade begab, der eine Wanderschaft unternahm, wusste, dass er kein Ziel erreichen konnte ohne das rechte Glühen im Herzen. Und dies war also ihr Glühen, ihr loderndes Herz.


Überschwänglich hatten sich die Schwestern begrüßt. In letzter Zeit begegneten sie sich nicht mehr so häufig, sodass jedes Treffen wie ein kostbarer Sonnenstrahl war, der sich nach Tagen des Regens durch die Wolken stahl und die Welt mit Wärme und Farben füllte. Hanna, ihr erwählter Zwilling in der Schwesternschaft, war zappelig und gespannt, dies konnte Majalin deutlich in ihrer Melodie spüren. Sie hatte die Jüngere um ein Gespräch gebeten, ihr aber noch nicht verraten, worum es ging. Hannas tänzelnde Neugier schien geradezu zu ihr zu singen. Majalin musste schmunzeln. „Ich habe eine Bitte an dich.“, begann sie dann mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Alles, was du willst!“, versicherte ihr Hanna sogleich voreilig und hingebungsvoll wie stets. „Nun hör’s dir doch erst mal an!“, zügelte Majalin sie mit einem leisen Lachen, dann erst trug sie ihre Bitte vor. Nachdem sie geendet hatte, folgten einige Augenblicke des staunenden Schweigens, dann brandeten Hannas Begeisterung und Stolz in ihrer Melodie auf und überschwemmten ihre Schwester. „Natürlich helf‘ ich dir! Ich meine, dass du… dass du wirklich willst, dass ich dir dabei helfe…“, sie brach ab und schwieg einen Moment lang, die Woge in ihrer Melodie brandete ab und wich einem stillen Leuchten der Zuneigung, das im Echo Majalins gespiegelt wurde. „Es erfüllt mich mit Stolz dir helfen zu dürfen. Dass ich solch einen großen Platz in deinem Herzen einnehme…“, Hanna beendete den Satz nicht, es war ohnehin nicht nötig. Stattdessen tastete die Blinde nach ihrer Hand und umfasste sie sanft. Einige Zeit saßen die beiden schweigend und genossen schlicht ihren Augenblick des Sonnenstrahls. Erst als die Schatten des Abends lautlos herankrochen, erhob Hanna wieder ihre Stimme: „Wie? Und woraus willst du ihn fertigen?“ Über diese Frage hatte Majalin viele Stundenläufe gegrübelt, dabei war die Antwort so offensichtlich gewesen: Es war das Werkzeug ihres Herzens. Ihr Herz war an zahlreiche Lebende geknüpft, aber nur an wenige Orte. Und der Ort, welcher ihr erst Fundamente geschenkt hatte, war die Sumpfinsel. „Ich werde die alte Wächtereiche bitten mir eine ihrer Wurzeln zu überlassen. Sie beschattete schon vor unzähligen Jahresläufen die Häupter unserer Schwestern, die lange vergangen sind. Die Eiche hat viel gehört, viel gesehen, sie kommt mir manchmal vor wie eine unvergängliche Erinnerung, die auch uns noch überdauern wird. Stark und unnachgiebig steht sie in der Zeit und ihre Wurzeln reichen tief, machtvoll wäre ein Werkzeug, das sie mir schenken würde.“ Hanna nickte anerkennend. „Ein sicheres Gefühl scheint dich zu leiten, Schwester. Mein Beistand ist dir gewiss.“, meinte die Jüngere dann und am Tonfall ihrer Stimme vermochte Majalin ein Lächeln erkennen, aber auch Anerkennung und Zuneigung. Noch einige Zeit verweilten die Schwestern, lauschten dem Rauschen des Windes in den Bäumen und dem nahen Plätschern des Meeres, während zwischen ihnen die unausgesprochene Verbindung schwebte wie ein wärmender Lichtfunke in der Dämmerung. Stets an deiner Seite, wenn du meinen Beistand brauchst, stets in deinem Rücken, wenn du meine Stütze benötigst, stets vor dir, wenn mein Schutz vonnöten ist, Schwester…

„Ich habe eine Bitte an dich, Lucien.“ Sie saßen sich auf den weichen Fellen vor dem Kamin gegenüber, trotzdem erfüllte Majalin die Ungewissheit. Die Ungewissheit, wie viel sie überhaupt erzählen durfte, teilen durfte. Es quälte ihn, dessen war sie sich bewusst, nur schwer konnte er damit leben, dass er sie niemals ganz kennen würde. Ob er ahnte wie sie selbst litt? Wie unendlich schwer es ihr jedes einzelne Mal fiel zu verschweigen, zu bewahren und zu schützen entgegen jeglichem Gefühl, jeglichem Vertrauen? Und wie viel schwerer es bei jedem seiner unausgesprochenen Bitten wurde, bei jedem Gespräch, bei dem sie ihm wieder ein Sandkorn ihres Wissens überreichte? Wie es sie zermürbte, wie es sie zerriss? Sie zwang sich den Gedanken beiseite zu schieben und atmete einmal durch. „Ich habe dir doch erzählt, dass ich meine Werkzeuge fertigen soll. Eines von ihnen ist dem Feuer geweiht und… es ist das Werkzeug meines Herzens, meiner Stärke und Leidenschaft. Deshalb möchte ich gerne etwas von dir hineinflechten, ein Gegenstand vielleicht, der mit dir verbunden ist, der ein Teil deiner Geschichte ist.“ Majalin machte eine kurze Pause und befeuchtete ihre Lippen. Sie konnte hören wie er sich ein wenig bewegte und spürte seine warme Hand auf der ihren, bevor er jedoch etwas sagen konnte, fuhr sie fort: „Dieses Werkzeug wird mich ein Leben lang begleiten und immer mit mir verbunden sein, es wird für mich durch alle Zeiten viel bedeuten. Vielleicht wird es uns überdauern, sollten wir eines Tages auseinander gehen. Trotzdem wird es für mich immer ein Splitter meines Herzens sein und meine Geschichte. Ich… du solltest darüber nachdenken, ob du das wirklich willst. Ich kann es auch verstehen, wenn du es ablehnst.“ Ein Funken zerplatzte an der Rückwand des Kamins. Lucien zog seine Hand zurück und erhob sich wortlos. Majalin verkrampfte sich unwillkürlich. Hatte sie etwas Falsches gesagt? War ihre Bitte wirklich so unsäglich? „Warte kurz.“, meinte er dann sanft und sie hörte seine sich entfernenden Schritte, während sie etwas beruhigter durchatmete. Sie wand den Kopf hinter ihm her und vernahm sein Kruschern und Wühlen in einer der Kisten, gefolgt von einem leisen Fluch. Kurz darauf ließ er sich wieder ihr gegenüber nieder, umfasste vorsichtig ihr Handgelenk und legte ihr etwas in die Hand. Leicht strich sie mit den Fingerspitzen über das Leder der Scheide. „Pass auf, er ist noch scharf…“ Ein leises Scharren war zu vernehmen, als sie den Dolch zog. „Was ist das für ein Dolch?“, fragte sie nach, während sie mit den Fingern über die flache Seite der Klinge fuhr. Er war schon etwas rostig, ohne Zweifel schon einige Jahre alt, unausgewogen und in seiner Verarbeitung schlicht. „Es war mein erster Dolch, als ich noch ein Junge war. Und der Dolch, mit dem ich meinen alten Lehrmeister tötete. Er ist alt und unausgewogen, ich werde ihn nie wieder benutzen. Ich habe ihn aufbewahrt, weil… Ich weiß gar nicht genau, warum. Trotzdem hat er mich viele Jahre begleitet.“, erzählte er ihr mit gefasster Stimme, dann nahm er ihr die Waffe sanft aus der Hand und hob sie an seinen Kopf. Ein leises Ritsch erklang, dann bettete Lucien eine seiner schneeweißen Haarsträhnen in Majalins Hand, weich und leicht wie eine Feder. Er lächelte etwas verlegen, dann murmelte er: „Ich weiß nicht, ob du das überhaupt gebrauchen kannst…“ Er schob den Dolch zurück in die Scheide und legte ihn vor ihre Knie. „Selbst wenn nicht, ich habe so eine Ahnung, dass manche Liedwirker mit Haaren ziemlich viel anstellen können. Ich vertraue dir.“ Er reckte sich etwas nach vorne und umfasste ihre freie Hand mit der seinen, um sie sanft zu drücken. Sie konnte es nahezu auf ihrer Haut fühlen wie sich sein Blick auf ihre Züge legte, nachdenklich und etwas entrückt. Er flüsterte leise: „Mit Haut und Haaren…“ Majalin musste sacht schmunzeln, immerhin ahnte sie, was er damit meinte. Verlegen senkte sie den Kopf ab. Wie schaffte er es nur immer wieder, dass sie so befangen war von seinen Worten? Dass sie sich fühlte wie notleidendes, argloses Mädchen, dem ein ansehnlicher Goldschatz vor den Füßen ausgebreitet wurde? Bisweilen musste sie sich schon fragen, was er in ihr sah, dass seine Liebe zu ihr so stark machte. Ob er sich dasselbe fragte in Bezug auf sie? Mit einem Lächeln hob sie den Kopf wieder an. Der Schalk kehrte in seine Stimme zurück, als er dramatisch verlangte: „Wehe, du treibst irgendeinen Schabernack mit meinen Haaren!“ „Das hättest du dir besser mal vorher überlegen sollen! Geschenkt ist geschenkt…“, erwiderte sie da nur lachend. Er fasste sie um die Taille und zog sie zu sich heran, dabei brummte er leise: „Freches Weib.“ Dann beugte er sich zu ihr.


Einige Tage später machte Majalin sich mit ihrer „Beute“ auf den Weg zur Sumpfinsel. Heute also war es soweit, sie würden versuchen ihren Gedanken eine Form zu geben. Aufgeregt flatterte ihr Herz und zum tausendsten Mal an diesem Tag ging sie alles im Kopf durch. Dolch, Haar, Wein, Fackeln, Robe… Ob die Wächtereiche ihre Gaben annehmen würde? Ob sie ihr ihre Bitte gewähren würde? Hatte sie keine Fehler in den Planungen gemacht? Erst die Anwesenheit ihrer Schwester gewährte ihr etwas Ruhe und Zuversicht. Gemeinsam würden sie es vollbringen und plötzlich war da keine Furcht mehr, keine Zweifel, fortgespült im kalten Meereswasser der Bucht. Gewandet in den Roben der Einigkeit stellte sich rasch die erhabene Ernsthaftigkeit ein und die Elemente folgten ihrem Ruf. Schlicht war die Bitte, eine Gabe, ein Tausch und sie wurde erhört. Tief unter ihnen regten sich die mächtigen Wurzeln der uralten Eiche und weihten, was von ihnen erfleht wurde. In ihrer eigenen Glut zerschmolz das Metall und vereinte sich mit dem Blut ihrer Schwester. Das Haar wurde schwarz und verging in der Hitze. Drei Leben umschlossen das schimmernde dunkle Holz und legten sich in geschwungenen Linien und Ranken um den Kern. Das vollendete Werkzeug des Herzens flammte jung und makellos im Lied auf, seine Stärke loderte in Majalin und die Hitze raubte ihr kurzzeitig den Atem, doch empfing sie das Feuer gierig und begeistert. Es war vollendet.

Das erste musische Motiv war erklungen und stand für sich, laut und stark. Aufbrausend und verlangend hallte es durch ihre Melodie, unersättlich und spielerisch tanzte es um sie. Ja, es würde ihr die Kraft und Macht geben, für das es geschaffen worden war, und sie liebte es mit jeder Faser ihres Herzes, es loderte in ihr wie zuvor die Sehnsucht nach dem Werkzeug. Wie ihre Liebe zu den beiden Weggefährten, der Schwesternschaft, der Insel. Ihr loderndes Herz.
Lucien de Mareaux

Beitrag von Lucien de Mareaux »

~ Zwischensequenz – Ein Teil von mir für dich ~

Naturgegeben hatte ich mir nicht viel Zeit gelassen mit meiner Entscheidung, ob ich ihrer Bitte zustimmen wollte oder nicht. Ich tat es einfach. Eine sehr leise Stimme warnte mich davor, ihr etwas von mir zu geben. Im Grunde war sie kurz vorm Verrecken. Sie gehörte zu dem Teil Lucien, der noch immer bei jeder erdenklichen Möglichkeit Vorsicht walten lassen wollte, nur nicht zu viel Vertrauen schenken mochte und sich gegen alles zu stellen versuchte, was auch nur annähernd Folgen haben könnte für mich.
Demzufolge hörte ich sie nicht zum ersten Mal. Sie schrie damals noch sehr laut, als ich erzählt hatte, was mich umtrieb, wer ich war und wo lang mein Weg in der Regel führte – von einigen Abweichungen mal abgesehen, die sich mittlerweile ergeben hatten.
Naturgegeben befasste ich mich auch nicht gern mit meiner Vergangenheit. Zum einen war sie kein Glanzstück an Geschichte, zum anderen rührte es Dinge an, die ich lieber ruhen ließ und nicht darüber nachdenken wollte. Natürlich mussten sie irgendwann an die Oberfläche zurückkehren. Ihre Bitte war so eine Situation, die dafür sorgte.
Der erste Versuch mich darum herum zu schlawinern, ging gründlich in die Hose. Das was ich hervorgeholt hatte, war eben nichts, was ich wirklich ständig bei mir getragen hatte, nichts, was im Grunde mit mir zu tun hatte. Sie wusste das ganz genau und ich hörte noch immer ihre Worte, dass ich es nicht müsste, wenn ich nicht wollte. Es war nicht so, dass ich nicht wollte…
Ich wollte es so sehr, wie ich mir auch wünschte, sie ganz kennenlernen zu dürfen – obschon mir von Anfang an klar war, dass das niemals der Fall sein würde. Trottel, der ich bin, hatte ich es sogar einmal angesprochen und hätte mir danach die Zunge abschneiden können und wollen. Ich mein, was hatte ich auch erwartet? Dass sie davon abrücken würde? Nicht wirklich. Das Einzige, was ich damit erreichte: Ich machte es nur schlimmer. Nicht nur für mich, auch für sie.

Um aber zum Eigentlichen zurückzukehren: Ich stand schließlich nochmals auf, ging zu meiner Kiste hinüber und brauchte eine ganze Weile, um darin das zu finden, was mir als erstes in den Sinn kam und ganz gewiss unabdingbar mit mir und meinem Leben verknüpft war: Wurfdolche.
Jetzt stand nur die Frage aus, welchen ich nahm. Die Neuen? Die Geschenkten? Oder den ganz alten, schlecht austarierten Stahldolch von damals? Fünfzehn oder sechszehn Jahre hatte der mindestens schon auf dem Buckel, sah aber noch immer aus wie neu, wäre der Übergang zum Griff nicht mit leichtem Rost durchsetzt, der Griff an sich so blank gescheuert und die Scheide derart abgewetzt gewesen. Die Klinge hingegen war sonst gut gepflegt und noch immer so scharf wie eh und je.
Einen Moment lang musste ich an die zeternde Joanne denken, als sie meinen Schild zu Gesicht bekommen hatte und musste grinsen. Vermutlich hätte sie so einen Schatz hier nicht erwartet. Wobei Schatz vielleicht auch nicht das richtige Wort war, zumindest nicht für einen, der sich auf Dinge von Wert verstand. Es war wohl das Ideelle, was es so interessant machte für mich, aber gewiss auch für Majalin.
An der Klinge klebte Blut – im übertragenen Sinne, denn so wie sie in der Scheide steckte, war sie sauber, poliert, geschliffen und gut geölt. Ihr zu sagen, was die Klinge in den Anfängen mitgemacht hatte, fiel mir alles andere als leicht. Vergangenheit eben. Es kratzte sehr an Erinnerungen, die ich lieber sehr tief in mir begrub. Ohnehin lag es mir mehr nach vorn zu sehen. Blicke zurück waren viel zu oft schmerzlich und ein wahrer Krampf. Sicher gab es auch gute Momente, auf die ich zurückschauen konnte, aber auf jene folgten meist auch gleich wieder die Erbärmlichen, Grausamen und wenig Wünschenswerten, die womöglich ein jeder für sich hatte, mehr oder weniger düster. Ich hielt mich da gewiss nicht für einen Einzelfall in dieser Welt, die sehr oft mehr als grauenvoll sein konnte. Allein, wenn ich bedachte, durch was Majalin gegangen war, bis sie dort stand, wo sie jetzt war, kroch leise Wut in mir hoch, und ich vergaß sehr schnell meine eigenen Zipperlein, ob meiner Vergangenheit. Vielleicht war das auch ein Grund für mich ihr diesen Teil von mir herzugeben.

Jetzt, wo sie mit Hanna unterwegs war, um das Stück für ihr Werkzeug zu verwenden, saß ich vorm Kamin und machte mir meine Gedanken über das Kommende. Dem Ganzen ging nämlich noch ein Versprechen voraus, dass sie mir gab, und zwar von sich aus. Meine Ungeduld fand diese Entscheidung furchtbar, der letzte Funken an Geduld allerdings füllte es mit einer Vorfreude und kribbeligen Erwartung auf, die ich ebenso wenig allzu schnell aufgeben wollte.
Wenn alle Werkzeuge ihren Weg zu ihr gefunden hatten…
Ich malte mir aus, wie dieser Tag werden würde, und hätte dabei fast über mich selbst gelacht, als mir bewusst wurde, dass ich dasaß wie ein kleiner Junge vorm „Kleine-Geschenke-Tag“, und mir meine Gedanken machte darüber, was es wohl geschenkt geben würde.
Aber das war nicht das Einzige, was mich beschäftigte. Ich ahnte auch, dass die angerührten Erinnerungen noch weiter an die Oberfläche geholt werden würden. Sie wollte wissen, was damals war. Ganz sicher.
Zuletzt geändert von Lucien de Mareaux am Dienstag 26. Juli 2011, 15:28, insgesamt 2-mal geändert.
Hanna Radenbruck

Beitrag von Hanna Radenbruck »

~ Zwischensequenz - Eine Ballade ~

Schwesternwerk und Feuergabe

Sacht wiegt sich die alte Weide im heiligen Hain,
der erste Stern steht über den Fichten.
"Sag mir wo soll nun gefunden sein
der zauberhaft' Stab, wo willst du ihn sichten?
Majalin-Schwester, wohin werden wir geh'n
die Sonne ist fast schon verschwunden.
Meines Herz'Schwester, die nicht durch Blut
doch durch Mutters Gabe an meine Seele gebunden."

Mit festem Schritte schreitet jene den Weg
hinauf bis über die Steige.
dem rauschenden Meer lauscht sie am Steg
und berührt des alten Baumes Zweige.
Dann kniet sie vor den Wurzeln tief
spricht "Sei unbesorgt, denn bald
offenbart sich die Erde, die uns beide rief,
meines Feuers Stab er ruht hier im Wald.

Und ruhig löst sie den Ingwerkranz
von ihres Gürtels Gehänge,
in blindgetrübten Augen lebt Glanz,
als ob er die Dämmerung sprenge.
"Nun zünde die Fackeln, ein Licht, so ungeheuer
lebendiger, freier als in der Laterne
- oh Hanna, spürst du die Nähe des Feur'
jetzt wirft es flatternde Sterne."

"Fass meine Hand, gemeinsam wird es gelingen
dein Lied mit als Weg und als Anker die Seele."
Dann ist es Zeit Schwesternwerk zu vollbringen
und leis dringen Worte aus Majalins Kehle
"Bitte,alter Weidenfreund, gib mir von deinem Holze
ein Ästlein nur und auch dein Vertrauen."
Da regt sich die Erde mit mütterlich strahlendem Stolze
und sieh nur, die Wurzeln erhören die Frauen.

Aus den Tiefen klimmt der Holzstab hinauf,
und ruht gar gespenstisch in ihrer Mitte.
Gezwirbelt, gedreht, in raschem Lauf
um zu erfüllen Majalins Herzensbitte.
Da züngeln die Fackeln im heiligen Kreis
und flackern mit freud'ger Erwartung auf.
Die Blinde versteht und flüstert leis'
"Nun ist es Zeit für des Feuers' Lauf..."

"Ich bitte dich," schallt es am Waldrand entlang
"um deinen Funken!", zurück von der Küsten Kante.
Es war ein gar majestätischer Klang,
der im Liede rauschend ein Echo sandte.
Hanna wartet und hält stoisch Wacht,
als das Feuer lockt Ingwer und Wein
es zeigt sich brüllend, lässt glühen die Nacht
tritt königlich in ihre Runde hinein.

"Warte, Schwester, bevor wir besiegeln den Stabe
hab ich noch eine Bitte geschwind
ein Tropfen Herzensblut erfleh' ich als Gabe
da wir so innig einander verbunden sind."
Kein Zögern gern gibt Hanna es her
und rasch hatte die Schwester nun alles zusammen:
Haar des Liebsten, Schwesternblut ohne Gegenwehr
nun erst ließ sie das Erdenlied hell entflammen.

Hanna erschaudert, Majalin taumelt, erbleicht,
und dann ein plötzliches Erglühen,
"Hilf mir es zu lenken!" Majalin keucht,
Die Kraft zum Stab schleusen ist nun das Bemühen
sie zerren, es windet sich, Stoß auf Stoß,
doch bleiben sie beide fest entschlossen.
Da lässt es sich führen, braust knisternd los
und ist in den hölzernen Stab geschossen.

Bebend starrt Hanna zum Werk nun nieder
mit sanftem Säuseln beruhigt sie beide der Baum
Majalins Hände umgreifen nun wieder
den Stab, ihr eigen, noch ist's wie ein Traum.
Sie wiegt das Haupt lächelnd bald so bald so
und flüstert mit zuckendem Munde:
"S'ist vollbracht, Hanna, ich bin so froh!"
Dann liegt sie halb kniend am Grunde.

Still fast die And're der Schwester' Hand,
das Lied klingt im Jauchzegesange
beugt sich vor, leise knistert das mystisch' Gewand
und berührt mit der Rechten Majalins Wange.
Dann sieht sie stumm zum Baume zurück
vergessen die Hitze und Blutopfer-Wunden,
auf dem Inselherze verweilt ihr Blick
"Was wir gesucht, Schwester, ward in uns gefunden..."

(äußerst frei nach "Die Schwestern" von A.v.Droste-Hülshoff)
Zuletzt geändert von Hanna Radenbruck am Mittwoch 17. August 2011, 11:22, insgesamt 1-mal geändert.
Majalin Mareaux

Beitrag von Majalin Mareaux »

~ Akt II: Der unvergängliche Körper ~

  • Nein, Du verlassest mich nicht,
    du nährst mich, du stärkst mich,
    daß die bösen Geister mich lassen müssen,
    und ich hoch und heiter wieder des Weges wandere, den ich mir kor.

    Dafür will ich dich auch ohn End,
    ohn Ende lieben und preisen.

    Und wenn du mich einst vom Strahl der Sonne zurückheischst,
    dann will ich mein Haupt still in deinen Schoß betten.
    Und du wirst meinen Schlummer behüten
    von Ewigkeit zu Ewigkeit.
    ~ Christian Morgenstern, „An Mutter Erde“


Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen. Mehr als ein Mond war gewachsen und vergangen seit dem ersten Gespräch mit Lidwina, der Geisterwächterin der Thyren. „Die Werkzeuge tragen die Geschichte einer Schwester, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihr Sein. Vieles wird erst im Laufe der Zeit hinzugefügt, eingraviert, eingebrannt. Ich habe lang über die Aufgabe nachgedacht und ich möchte, dass meine Gegenstände schon in ihrer Entstehung eine Geschichte sind, meine Geschichte. Und mein Leben teile ich, deshalb möchte ich auch sie teilen, damit sie zusammen ergeben, was ich bin. Dein Volk hat mich geprägt, deshalb soll ein Werkzeug mit dir… mit euch gefertigt werden, ein Werk des Verständnisses, der Achtung, ein Werk meines Lernens.“, hatte Majalin ihr erklärt, Aufregung und Leidenschaft schwang in ihrer Stimme, Hoffnung. Die Antwort war befreiend und erfüllte das Mädchen mit flammender Glückseligkeit und unaussprechbarer Dankbarkeit: „Es wäre mey eyne Freude und eyne Ehre, Majalin.“

Das Volk der Thyren war für Majalin schon seit langem mehr als nur ein Rudel von Hünen. Sie hatte ihren Feinsinn erlebt, ihre Treue für Familie und Freunde, ihren bisweilen starrköpfigen Stolz und ihre raue Fröhlichkeit. Als Gast und Freund verbrachte Majalin gerne einige Stundenläufe in der warmen, rauchigen Halle von Wulfgard, trank ihren süßen Met, der einem gleich zu Kopf stieg, und lauschte ihren tiefen Stimmen. Oft waren sie laut und grob, stur und ungestüm, aber ehrlich und warmherzig. Wenn sie mit ihr sprachen, hörten sie auch wirklich zu und wenn sie sich für etwas entschieden, standen sie dafür auch wahrhaftig ein. Nicht zuletzt faszinierte Majalin ihr Glaube, ihr Verständnis für die Schöpfung und die Achtung, die sie einem ehrwürdigen Baum genauso entgegenbringen konnten wie einem Steinchen am Wegesrand. Durch die Thyren hatte sie gelernt, was Zusammenhalt bedeutete, dass es sich immer lohnte für die eigene Überzeugung zu kämpfen, auf sich selbst stolz zu sein und sich nicht unterkriegen zu lassen und mancherlei schlicht mit einem Lächeln zu nehmen. Dies zeichnete ebenso ihr Leben und ihre Bande wie es die Schwesternschaft getan hatte, wie Er es tat. Majalin hatte schon recht früh beschlossen, dass das Werkzeug des Körpers, jenes der Erde, mit den Thyren gefertigt werden sollte. Nicht nur, weil es neben den Elementen das Zeichen für Geist trug, sondern vor allem weil die Thyren eine so ruhige Hingabe an den Tag legten und ihr eine feste Geborgenheit vermittelten wie sie zu nichts besser passen könnte als zur Erde selbst.


„Und nun legst dey dey Sachen aus, byttest den Alten ym Berg um seyne Gabe und erklärst yhm wofür dey das brauchst.“, raunte Yora ihr leise zu. Majalin fühlte die Erde um sich her, das Gestein, die Metalle unter ihren Füßen, den Staub und Sand und atmete tief die erzgeschwängerte Luft der Mine ein. Yora hatte ihr erklärt, was Lidwina und sie von den Geistern erfahren hatten und wie genau verfahren werden sollte: Da es das Werkzeug der Erde sei, sollte es aus Silber gefertigt werden, geschmiedet in den Runenfeuern der Thyren. Niemals zuvor war einem „Städter“ eine solche Ehre zuteil geworden. Majalin konnte nur erahnen und schätzen, welch immense Würde sie dadurch erhielt, wollte diese Heiligkeit aber nicht mit schnöden Worten entehren. Die Thyren sprachen es ebenso nicht aus, es war eine wortlose Respektsbekundung.
Langsam trat Majalin einige Schritt nach vorne und legte nebeneinander einige Krüge Met und ein paar Äpfel auf den Boden der Mine. Sie räusperte sich und erhob schließlich ihre Stimme, sodass sie in der Halle und den Gängen widerhallten: „Ehrenwerter Alter im Berg, mein Name ist Majalin, Lernende der Schwesternschaft.“ Bereits nach diesen ersten Worten schien sich die Erde unhörbar zu bewegen, als lege sich eine bleierne Aufmerksamkeit auf sie, nicht feindlich, nur lauschend. „Ich komme zu dir als Bittsteller und biete dir diese Gaben für deine Milde. Ich bitte dich um etwas Kohle zum Anschüren des Schmiedefeuers für mein Werkzeug, das ich brauche, um das Gleichgewicht in der Welt zu wahren.“ Ein Rumoren und Knarzen erklang tief aus dem Berg, ein Lufthauch trug den Geruch von tiefem Erdreich und Erzen mit sich. Gewiss hätte dieses Geschehen die allermeisten Menschen in Furcht oder Schrecken versetzt, doch Majalin begrüßte die Erde, ja, erfreute sich sogar an der Regung. „Deshalb trat ich an das Volk der Thyren, da sie in meinem Herzen und meiner Geschichte sind. Und so trete ich nun vor dich, mit meiner Bitte.“, endete sie ihre Ausführungen mit fester Stimme und senkte den Kopf ab, die Entscheidung des Alten im Berg ehrfürchtig abwartend. Etwas schien das Mädchen zu umfassen, eine uralte, riesenhafte Präsenz, und legte sich um ihre Gestalt. „Du bist der Anderswelt näher als andere Menschen.“, hallte eine tiefe Stimme durch die Mine, begleitet von einem Klacken und Poltern als wenn Steine übereinander fielen, „Sag mir, kennst du jene von denen du Hilfe erbittest? Welch Wesen haben die Erdgeister, die deine Bitte erhören sollen?“ Majalin verwirrte diese Frage, die Geister der Erde hatten noch nie zu ihr gesprochen, zumindest nicht auf eine Art und Weise, die man als „Sprache“ betiteln könnte. Sie schluckte und erst nach einigen Augenblicken, setzte sie zu einer Antwort an: „Die Erde ist mir nicht unbekannt, in vielen Facetten, werter Alter im Berg. Ihr Sanftmut, ihre Stärke, Unnachgiebigkeit und Fruchtbarkeit. Doch die… Erdgeister sprachen bisher nicht zu mir.“ Ein dumpfes, polterndes Lachen rumpelte durch die Halle der Mine, einige Steinchen lösten sich von der Decke und rieselten auf die beiden Gestalten herunter. Majalin spürte, dass Yora sich in der Enge unter der Erde unwohl fühlte, gerade jetzt, da ihnen auch noch „die Decke auf den Kopf fiel“. An ihrer eigenen Geborgenheit, die sie an solchen Orten stets erfüllte, änderte sich aber nichts. Als das Lachen abschwoll, erhob sich wieder die mächtige, körperlose Stimme: „Dafür, dass sie nicht mit dir sprechen, kennst du ihr Wesen recht gut, Tochter des Sumpfes.“ „Die Erde hat viele Stimmen...“, antwortete die Angesprochene daraufhin nur schlicht und sie spürte wie sich das Wohlwollen des Alten um sie legte wie ein wärmender Mantel. „Schamanin der Clans, bürgst du für die Tochter des Sumpfes?“, verlangte die Wesenheit zu wissen. Majalin hörte wie Yora hinter ihr eifrig nickte und schließlich laut und deutlich verkündete: „Aye, das werd‘ mey.“ Erneut echote ein Rumoren durch den Berg und bedeckte die beiden mit Staub und Sand. „So seien deine Gaben angenommen, dein Wunsch sei dir gewährt!“, dröhnte die Stimme vom Alten im Berg durch die ganze Mine und kurz darauf schwand seine Präsenz mehr und mehr, nein, ging wieder auf in Stein, Erz, Sand, Staub und Erde um sie herum. Yora hielt ihr die Picke hin: „Dann fang mal an!“


Einen Wochenlauf später fand Majalin sich erneut vor den Toren von Wulfgard ein, der Abend war gekommen, um dem Werkzeug der Erde seine Form zu geben. Tugolf, der Runenschmied und Yora, die junge Geisterwächterin erwarteten sie bereits. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum heiligen Hain, wo das ewige Runenfeuer brannte. Ein Opfer wurde den Ahnenwölfen gebracht, auf dass sie das Mädchen ungehindert passieren ließen und ihrem Aufenthalt wohlwollend begegneten. Das Runenfeuer brannte temperamentvoll und tanzend, als sie zu ihm traten. Gerufen wurden die Herren der Erde, der Alte im Berg, der Lindwurm, gerufen wurden die Wächter des Feuers, der goldene Krieger, der goldene Drache, gerufen wurden die Damen des Wassers, die eisige Jungfer, der Leviathan, gerufen wurden die Herrinnen der Luft, die Dame im Wind, die große Banshee. Alle erhörten den Ruf und segneten das Vorhaben in ihrer Güte. Sie schürten die Esse, sie schmolzen das Silber und der Runenschmied gab dem Werkzeug die Form. Die Geister des Hains eilten herbei und beobachteten sein Tun, wispernd, flüsternd, neugierig, tastend. Eingeschlagen ward Isa für Geduld und Ruhe, ein Wassergeist segnete die Rune und gab ihr Kraft. Eingeschlagen ward Tiwaz für die Verantwortung, die mit dem Werkzeug verbunden war, ein Eibengeist berührte das Zeichen. Eingeschlagen ward Berkana für Wachstum und Klarheit, ein kleiner Bärengeist nahm sich ihrer an und fuhr die Linien mit den Krallen nach. Eingeschlagen ward Kenaz für Kreativität, für Erleuchtung und Inspiration, ein Hirschgeist eilte heran und streifte sie mit der Krone. Ein tiefes Rumoren ging durch den Hain, als die verbindende Rune in die Mitte gesetzt wurde - Inguz. Ein Zeichen für die Verbundenheit zur Erde, der Alte im Berg selbst segnete die Vollendung des Werks und die Geister bestaunten es wie ein neugeborenes Kind. Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes erschallte, kraftvoll, durchzogen von den Melodien des Feuers und legte ein Siegel in die Mitte, ein Versprechen der Zerstörung bei Fehl – Hagalaz. Hingezogen wurde die junge Herrin des Werkzeugs der Erde und hob es aus der Quelle. Das Kind hat seinen Platz gefunden.

So war die Geschichte des zweiten musischen Motivs, gesungen von geisterhaften Stimmen, getragen von Vertrauen und Stärke. Es erfüllte Majalins Inneres wie ein schlagendes Herz, pulsierte, pochte, dröhnte und trommelte. Und das Lied des Werkzeuges durchzog das Lied stolz und verlässlich, machtvoll und unnachgiebig, schützend. Das Wohlwollen der Thyren, der Segen der Geister, ihr unvergänglicher Körper.
Tugolf Bunjam

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„Für eynen Städter soll mey arbeyten“, brummelte der Schmied unwillig, als er die Botschaft erfuhr. „Für eynen Städter im Runenfeuer?“
Alles in ihm wehrte sich, verkrampfte sich, alleine bei dem Gedanken daran. Auf und ab ging er in seiner kleinen Kammer. Die Unruhe hatte ihn voll in ihren Krallen.
Noch nie zuvor hatte er es gewagt, das Runenfeuer im Hain zu schüren. Noch nie! „Und nun für eynen Städter?“

Tugolf stammte aus einem Clan, der herzlich wenig mit Städtern zu tun gehabt hatte. Erst als ihn die Dame im Wind zu jenen in Wulfgard geführt hatte, hatte er sie kennen gelernt – von ihren skurrilsten, schrulligsten und erschreckendsten Seiten, was ihn höchst verwirrte. „Trollköppe, alles Trollköppe“, war sein globales Urteil, denn jene die anders waren, konnte er an den Fingern einer Hand abzählen.

„Dieses Feuer!“ seufzte er.
Es war anders als jedes, das er kannte. Schon als sie es im Hain entdeckt hatten, hatte er gewusst: Das war kein Feuer, in das man ein Metall einfach so reinstecken konnte. Es würde sofort schmelzen. Dennoch sollte es möglich sein, damit zu schmieden. Nur den Besten der Besten war es vorbehalten, die Kunst zu erlernen und als großes Geheimnis wurde sie vom Lehrer an den besten seiner Schüler weitergegeben.
Tugolf hatte das Schicksal übel mitgespielt. Seinen Lehrer hatte er bei dem Bergrutsch verloren, genau wie all die anderen seines Clans. Er hatte das Geheimnis mit nach Anundraf genommen.
An ihm lag es nun, dahinter zu kommen. Ohne die unterstützenden Worte eines alten Runenschmiedes, nur mit den wenigen Hilfen, die ihm die Ahnen und Geyster anboten.

Oh, er hatte mächtig Schiss, an dieses Feuer zu treten. „Aye, mey hab Schiss!“ erklärte er offen und ehrlich der Bärenstatue in seiner Kammer. Es war keine Schwäche, dies ehrlich zuzugeben. „Das alles auch noch … für eynen Städter!“
Für einen Moment lang schien es Tugolf, als würde ihn der Bär zuversichtlich anlächeln. Der Schmied schüttelte sich, sah wieder hin. Der Bär lächelte nicht mehr.

Dann war es soweit. Er traf sich mit den beiden Weybern.
‚Nun nur ney was anmerken lassen!’ dachte er sich immer wieder und tat so, als hätte er das schon hundert Mal gemacht.
Rituale waren etwas Vertrautes für ihn. Nach der Flucht aus Ulfsteinn hatte den Welpen ein alter Schamane unter seine Fittiche genommen. Von ihm hatte er viel gelernt. War es deshalb, dass ihn die Geyster und Ahnen zum Runenschmied erkoren hatten?
Tugolf war die selbstsichere Ausstrahlung des alten Totemrufers gewohnt und auch bei Lidwina hatte Tugolf stets das Gefühl, dass sie bei ihren Ritualen besonnen und routiniert handelte.
Als er jedoch bemerkte, wie Yora an die Sache ran ging, wurd ihm schwummrig. Nicht mal einen Schutz wollte sie auf das Werk legen!
‚Ney was anmerken lassen!’, sagte er sich immer wieder. ‚Und ja ney streyten mit ihr im Hain.’ Hader würde das Werk misslingen lassen.
Er riss sich zusammen und tat, was er tun sollte, in tiefstem Vertrauen auf die Geyster und Ahnen.

Als das Werk vollbracht war, war ihm leichter. Er hatte am Runenfeuer geschmiedet. „Aye, wirklich, habs getan“, erzählte er der Bärenstatue stolz lächelnd, als er wieder in seiner Kammer war. Seine massige Gestalt versank im abgewetzten Lehnstuhl, als er darin einschlummerte. Sanft lächelte er und träumte davon, die riesigen Ahnenklingen für die Besten der Schwerter zu schmieden.
Yora Wikrah

Beitrag von Yora Wikrah »

Thyrisches Zwischenspiel

Aufregend.
Als Wina mir erzählte, dass wir irgend so eine komische Scheibe machen sollten, die für eins der Sumpfweiber sein sollte, und dass diese Scheibe dem Alten im Berg und dem Lindwurm zugetan sein sollte. Da sie es mir zur Aufgabe machte, das Material und die Runen auszusuchen, wählte ich Silber und mit gewissenhafter Sorgfalt einige Runen aus, die zu dem passen würden, was das Sumpfweib brauchte und haben wollte. Bevor wir allerdings beginnen konnten die Scheibe herzustellen – was mich noch immer arg verwunderte, denn was taugte eine Scheibe für ein Blutopfer? Das Zeug suppte doch dann nur zur Seite fort und versaute alles, was gar nicht versaut werden sollte – musste erst noch das Silber besorgt werden, die Kohle für das Runenfeuer, die Opfergaben ausgesucht sein und so weiter und so fort.

Als erstes führte mich der Weg zur Mine, wo ich gemeinsam mit Lidwina den Alten im Berg um eine Gabe Silber bitten wollte. Ich legte etwas Äpfel und Met aus, ebenso ein paar Kirschen (die waren aber für den Kobold, nicht für den Alten im Berg), trug meine Bitte vor und bekam fürchterlich Schiss, dass mir die Höhlendecke auf den Kopf fallen könnte, als der Herr der Erde mich hörte. Die Schwere, die sich um mich legte, ließ mich fast schon die Flucht ergreifen, wenigstens ein zwei Schritte zurücktreten. Wohl fühlte ich mich gewiss nicht, aber ich blieb dennoch. Nur am Rande bekam ich mit, wie Wina irgendwas hinter mir mauschelte. Was, wusste ich nicht, aber dafür hatte ich auch gar keinen Kopf.
Ich trug dem Alten im Berge vor, warum ich gekommen war, welche Bitte ich mitbrachte und bot meine Opfergaben dar, die er auch bereitwillig annahm, und etwas von den Silbererzen freigab, das benötigt wurde.

Es sollte auch nicht der einzige Besuch beim Alten im Berg und in der Mine bleiben, denn einige Zeit später fand ich mich wieder dort ein, dieses Mal zusammen mit Majalin, die nun ihrerseits die Bitte noch mal vortrug, weil wir noch Kohle benötigten, um das Runenfeuer zu schüren.
Nicht ganz so überrascht, weil ich wusste, was nun auf mich zukam, spürte ich wieder die schwere Last seiner Aufmerksamkeit auf uns ruhen. Auch Majalins Bitte wurde erhört und sie durfte nach der Kohle suchen, die wir brauchten. Genauso wie beim Male davor, war ich froh wieder hinaus zu kommen aus der Mine. Das war einfach kein Ort für eine freiheitsliebende Thyrin.

Einige Zeit später trafen wir uns dann mit Tugolf, immerhin bedurfte es für diese besondere Scheibe auch einen Runenschmied. Was Anfing mit einer Stunde der Belehrung, die mich zunehmend reizte, setzte sich endlich fort mit der Anrufung der Herren der Elemente, um sie um Beistand zu bitten.
Majalin stand mir dabei zur Seite und rief auf ihre Weise. Sehr gut, denn letztlich sollte es ihr Gegenstand werden und sie sollte ihren Teil dazu beitragen von Anfang an bis zum Ende. Das tat sie auch. Während Tugolf die Scheibe schmiedete und danach die Runen einsetzte, die ich ausgesucht hatte, bewegte ich mich mehr und mehr unter den Geistern, sah lächelnd zu wie sie sich um den Runenschmied scharten und letztlich ihren Teil mit in die Runen hineingaben, die Scheibe damit beseelten und sie zu etwas Außergewöhnlichem machten.
Als die letzte von mir gewählte Rune gesetzt war, gerieten die Geister in Aufruhr und eine weitere Rune erschien, setzte sich über alles, was getan war: Hagalaz.
Sie stand für Zerstörung, war aber auch zugleich der Inbegriff des Gleichgewichts. Also das, wofür diese Scheibe ohnehin stehen sollte. Würde sie je für was anderes verwendet, zerbrach sie und wurde unbrauchbar. Für einige Momente war ich gänzlich überrascht über die eigenmächtige Handlung der Geister und brauchte mindestens genauso lange bis das Begreifen einsetzte.
Als Tugolf die Scheibe abgekühlt hatte, bat er Majalin sie aus dem Wasser herauszuholen, er selber wollte sie nicht anfassen – nur zu verständlich, war es doch allein Majalins Stück, das er gefertigt hatte. Für die Geister war es ein Fest. Die Freude über das Gelingen war greifbar, und das nicht nur bei ihnen.

[img]http://www.hermetik.ch/ath-ha-nour/Bilder/pentapentakel.jpg[/img]
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