~ Akt II: Der unvergängliche Körper ~
- Nein, Du verlassest mich nicht,
du nährst mich, du stärkst mich,
daß die bösen Geister mich lassen müssen,
und ich hoch und heiter wieder des Weges wandere, den ich mir kor.
Dafür will ich dich auch ohn End,
ohn Ende lieben und preisen.
Und wenn du mich einst vom Strahl der Sonne zurückheischst,
dann will ich mein Haupt still in deinen Schoß betten.
Und du wirst meinen Schlummer behüten
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
~ Christian Morgenstern, „An Mutter Erde“
Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen. Mehr als ein Mond war gewachsen und vergangen seit dem ersten Gespräch mit Lidwina, der Geisterwächterin der Thyren. „Die Werkzeuge tragen die Geschichte einer Schwester, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihr Sein. Vieles wird erst im Laufe der Zeit hinzugefügt, eingraviert, eingebrannt. Ich habe lang über die Aufgabe nachgedacht und ich möchte, dass meine Gegenstände schon in ihrer Entstehung eine Geschichte sind, meine Geschichte. Und mein Leben teile ich, deshalb möchte ich auch sie teilen, damit sie zusammen ergeben, was ich bin. Dein Volk hat mich geprägt, deshalb soll ein Werkzeug mit dir… mit euch gefertigt werden, ein Werk des Verständnisses, der Achtung, ein Werk meines Lernens.“, hatte Majalin ihr erklärt, Aufregung und Leidenschaft schwang in ihrer Stimme, Hoffnung. Die Antwort war befreiend und erfüllte das Mädchen mit flammender Glückseligkeit und unaussprechbarer Dankbarkeit: „Es wäre mey eyne Freude und eyne Ehre, Majalin.“
Das Volk der Thyren war für Majalin schon seit langem mehr als nur ein Rudel von Hünen. Sie hatte ihren Feinsinn erlebt, ihre Treue für Familie und Freunde, ihren bisweilen starrköpfigen Stolz und ihre raue Fröhlichkeit. Als Gast und Freund verbrachte Majalin gerne einige Stundenläufe in der warmen, rauchigen Halle von Wulfgard, trank ihren süßen Met, der einem gleich zu Kopf stieg, und lauschte ihren tiefen Stimmen. Oft waren sie laut und grob, stur und ungestüm, aber ehrlich und warmherzig. Wenn sie mit ihr sprachen, hörten sie auch wirklich zu und wenn sie sich für etwas entschieden, standen sie dafür auch wahrhaftig ein. Nicht zuletzt faszinierte Majalin ihr Glaube, ihr Verständnis für die Schöpfung und die Achtung, die sie einem ehrwürdigen Baum genauso entgegenbringen konnten wie einem Steinchen am Wegesrand. Durch die Thyren hatte sie gelernt, was Zusammenhalt bedeutete, dass es sich immer lohnte für die eigene Überzeugung zu kämpfen, auf sich selbst stolz zu sein und sich nicht unterkriegen zu lassen und mancherlei schlicht mit einem Lächeln zu nehmen. Dies zeichnete ebenso ihr Leben und ihre Bande wie es die Schwesternschaft getan hatte, wie Er es tat. Majalin hatte schon recht früh beschlossen, dass das Werkzeug des Körpers, jenes der Erde, mit den Thyren gefertigt werden sollte. Nicht nur, weil es neben den Elementen das Zeichen für Geist trug, sondern vor allem weil die Thyren eine so ruhige Hingabe an den Tag legten und ihr eine feste Geborgenheit vermittelten wie sie zu nichts besser passen könnte als zur Erde selbst.
„Und nun legst dey dey Sachen aus, byttest den Alten ym Berg um seyne Gabe und erklärst yhm wofür dey das brauchst.“, raunte Yora ihr leise zu. Majalin fühlte die Erde um sich her, das Gestein, die Metalle unter ihren Füßen, den Staub und Sand und atmete tief die erzgeschwängerte Luft der Mine ein. Yora hatte ihr erklärt, was Lidwina und sie von den Geistern erfahren hatten und wie genau verfahren werden sollte: Da es das Werkzeug der Erde sei, sollte es aus Silber gefertigt werden, geschmiedet in den Runenfeuern der Thyren. Niemals zuvor war einem „Städter“ eine solche Ehre zuteil geworden. Majalin konnte nur erahnen und schätzen, welch immense Würde sie dadurch erhielt, wollte diese Heiligkeit aber nicht mit schnöden Worten entehren. Die Thyren sprachen es ebenso nicht aus, es war eine wortlose Respektsbekundung.
Langsam trat Majalin einige Schritt nach vorne und legte nebeneinander einige Krüge Met und ein paar Äpfel auf den Boden der Mine. Sie räusperte sich und erhob schließlich ihre Stimme, sodass sie in der Halle und den Gängen widerhallten: „Ehrenwerter Alter im Berg, mein Name ist Majalin, Lernende der Schwesternschaft.“ Bereits nach diesen ersten Worten schien sich die Erde unhörbar zu bewegen, als lege sich eine bleierne Aufmerksamkeit auf sie, nicht feindlich, nur lauschend. „Ich komme zu dir als Bittsteller und biete dir diese Gaben für deine Milde. Ich bitte dich um etwas Kohle zum Anschüren des Schmiedefeuers für mein Werkzeug, das ich brauche, um das Gleichgewicht in der Welt zu wahren.“ Ein Rumoren und Knarzen erklang tief aus dem Berg, ein Lufthauch trug den Geruch von tiefem Erdreich und Erzen mit sich. Gewiss hätte dieses Geschehen die allermeisten Menschen in Furcht oder Schrecken versetzt, doch Majalin begrüßte die Erde, ja, erfreute sich sogar an der Regung. „Deshalb trat ich an das Volk der Thyren, da sie in meinem Herzen und meiner Geschichte sind. Und so trete ich nun vor dich, mit meiner Bitte.“, endete sie ihre Ausführungen mit fester Stimme und senkte den Kopf ab, die Entscheidung des Alten im Berg ehrfürchtig abwartend. Etwas schien das Mädchen zu umfassen, eine uralte, riesenhafte Präsenz, und legte sich um ihre Gestalt. „Du bist der Anderswelt näher als andere Menschen.“, hallte eine tiefe Stimme durch die Mine, begleitet von einem Klacken und Poltern als wenn Steine übereinander fielen, „Sag mir, kennst du jene von denen du Hilfe erbittest? Welch Wesen haben die Erdgeister, die deine Bitte erhören sollen?“ Majalin verwirrte diese Frage, die Geister der Erde hatten noch nie zu ihr gesprochen, zumindest nicht auf eine Art und Weise, die man als „Sprache“ betiteln könnte. Sie schluckte und erst nach einigen Augenblicken, setzte sie zu einer Antwort an: „Die Erde ist mir nicht unbekannt, in vielen Facetten, werter Alter im Berg. Ihr Sanftmut, ihre Stärke, Unnachgiebigkeit und Fruchtbarkeit. Doch die… Erdgeister sprachen bisher nicht zu mir.“ Ein dumpfes, polterndes Lachen rumpelte durch die Halle der Mine, einige Steinchen lösten sich von der Decke und rieselten auf die beiden Gestalten herunter. Majalin spürte, dass Yora sich in der Enge unter der Erde unwohl fühlte, gerade jetzt, da ihnen auch noch „die Decke auf den Kopf fiel“. An ihrer eigenen Geborgenheit, die sie an solchen Orten stets erfüllte, änderte sich aber nichts. Als das Lachen abschwoll, erhob sich wieder die mächtige, körperlose Stimme: „Dafür, dass sie nicht mit dir sprechen, kennst du ihr Wesen recht gut, Tochter des Sumpfes.“ „Die Erde hat viele Stimmen...“, antwortete die Angesprochene daraufhin nur schlicht und sie spürte wie sich das Wohlwollen des Alten um sie legte wie ein wärmender Mantel. „Schamanin der Clans, bürgst du für die Tochter des Sumpfes?“, verlangte die Wesenheit zu wissen. Majalin hörte wie Yora hinter ihr eifrig nickte und schließlich laut und deutlich verkündete: „Aye, das werd‘ mey.“ Erneut echote ein Rumoren durch den Berg und bedeckte die beiden mit Staub und Sand. „So seien deine Gaben angenommen, dein Wunsch sei dir gewährt!“, dröhnte die Stimme vom Alten im Berg durch die ganze Mine und kurz darauf schwand seine Präsenz mehr und mehr, nein, ging wieder auf in Stein, Erz, Sand, Staub und Erde um sie herum. Yora hielt ihr die Picke hin: „Dann fang mal an!“
Einen Wochenlauf später fand Majalin sich erneut vor den Toren von Wulfgard ein, der Abend war gekommen, um dem Werkzeug der Erde seine Form zu geben. Tugolf, der Runenschmied und Yora, die junge Geisterwächterin erwarteten sie bereits. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum heiligen Hain, wo das ewige Runenfeuer brannte. Ein Opfer wurde den Ahnenwölfen gebracht, auf dass sie das Mädchen ungehindert passieren ließen und ihrem Aufenthalt wohlwollend begegneten. Das Runenfeuer brannte temperamentvoll und tanzend, als sie zu ihm traten. Gerufen wurden die Herren der Erde, der Alte im Berg, der Lindwurm, gerufen wurden die Wächter des Feuers, der goldene Krieger, der goldene Drache, gerufen wurden die Damen des Wassers, die eisige Jungfer, der Leviathan, gerufen wurden die Herrinnen der Luft, die Dame im Wind, die große Banshee. Alle erhörten den Ruf und segneten das Vorhaben in ihrer Güte. Sie schürten die Esse, sie schmolzen das Silber und der Runenschmied gab dem Werkzeug die Form. Die Geister des Hains eilten herbei und beobachteten sein Tun, wispernd, flüsternd, neugierig, tastend. Eingeschlagen ward
Isa für Geduld und Ruhe, ein Wassergeist segnete die Rune und gab ihr Kraft. Eingeschlagen ward
Tiwaz für die Verantwortung, die mit dem Werkzeug verbunden war, ein Eibengeist berührte das Zeichen. Eingeschlagen ward
Berkana für Wachstum und Klarheit, ein kleiner Bärengeist nahm sich ihrer an und fuhr die Linien mit den Krallen nach. Eingeschlagen ward
Kenaz für Kreativität, für Erleuchtung und Inspiration, ein Hirschgeist eilte heran und streifte sie mit der Krone. Ein tiefes Rumoren ging durch den Hain, als die verbindende Rune in die Mitte gesetzt wurde -
Inguz. Ein Zeichen für die Verbundenheit zur Erde, der Alte im Berg selbst segnete die Vollendung des Werks und die Geister bestaunten es wie ein neugeborenes Kind. Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes erschallte, kraftvoll, durchzogen von den Melodien des Feuers und legte ein Siegel in die Mitte, ein Versprechen der Zerstörung bei Fehl –
Hagalaz. Hingezogen wurde die junge Herrin des Werkzeugs der Erde und hob es aus der Quelle.
Das Kind hat seinen Platz gefunden.
So war die Geschichte des zweiten musischen Motivs, gesungen von geisterhaften Stimmen, getragen von Vertrauen und Stärke. Es erfüllte Majalins Inneres wie ein schlagendes Herz, pulsierte, pochte, dröhnte und trommelte. Und das Lied des Werkzeuges durchzog das Lied stolz und verlässlich, machtvoll und unnachgiebig, schützend.
Das Wohlwollen der Thyren, der Segen der Geister, ihr unvergänglicher Körper.