Als ‚er’ durch ihre Augen die wuchtige Gestalt Zhertos’ sah, wusste ‚er’, dass dies ein bedeutender Moment sein würde. Tage nun hatte ‚er’ gebraucht, um sich von jenem Vorfall zu erholen, als der Turm des Mondes zu einem Blumenmeer wurde und überall kleine Waldbewohner der Macht des Turmes und deren Bewohner trotzten, als wollten sie mit dem vor Kraft strotzenden Leben den allgegenwärtigen Geschmack des Todes im Turm verhöhnen.
Diese Demütigung durfte und konnte ‚er’ nicht dulden. ‚Er’ hatte noch nie Zweifel verspürt und die Hilflosigkeit, die ‚ihn’ am diesen Tag überfiel, nagte an seinem kränklichen von Kra’thor geformten Selbstbewusstsein.
Die mühsam aufgebaute Kontrolle über den Verstand der jungen Frau bröckelte, drohte wie ein Kartenhaus auseinander zufallen.
Die panische Angst, die ‚ihn’ überfiel, ließ ‚ihn’ mit seinen peitschenartigen mentalen Fühlern das Bewusstsein der jungen Frau umschlingen, zerquetschte das zarte Strukturgefüge ihrer Psyche.
Nur mit Mühe entfloh ‚er’ dem Albtraum, stürzte sich in einen tiefen Schlaf, um neue Kräfte zu sammeln.
Neue Kräfte, die ‚er’ nun beim Anblick von Zhertos entfesseln sollte....
‚Er’ spürte die Angst, die Aurelia überfiel, als sie das vertraute Gesicht von Zhertos erkannte. Die vier kiemenartigen Schnitte an seinem Hals verliehen dem wachsam und boshaften Blick des Kriegers haifischartige Züge. Lockend warf ‚er’ sein Netz hinaus und allzu willig ging die junge Frau in seine Falle. Für einen kurzen Moment sog ‚er’ genießerisch den Duft der Freiheit ein, als ‚er’ spürte, wie ‚er’ zusehends die Kontrolle über seinem Wirtskörper erlangte.
Ein Zittern überfiel den mageren Körper der jungen Frau, ehe ‚er’ ein Kribbeln in ihren Fingern spürte... Nein!... Nun waren es ‚seine’ Finger.
Er genehmigte sich nur kurz ein stilles Kichern, ehe seine Präsenz das Bewusstsein der jungen Frau einlullte, beschwichtigend auf sie einredete, um ihr Vertrauen für sich zu gewinnen.
Gleichzeitig ließ ‚er’ sie den Weg zum Waldfriedhof einschlagen. Dort wo die Essenz Kra’thors am Stärksten präsent war und wo ‚er’ letztendlich länger die Kontrolle über ihren Körper beibehalten würde.
Zu ‚seiner’ Zufriedenheit folgte Zhertos sehr bereitwillig ‚seinen’ eingeschlagenen Pfad, bis sie an einem dunklen Ort im Wald gelangten, den die meisten Lebenden mieden- einem Ort, an dem die seelenlosen Toten durch Kra’thors Macht nie wieder zur Ruhe finden würden- ihre gepeinigten willenlosen Körper für ewig dazu verdammt rastlos umherzuwandeln.
Als sie den Waldfriedhof erreichten, spürte ‚er’ erneut, wie die Macht Kra’thors in ‚ihn’ überging.
Ein Schaudern durchzog den dünnen Frauenkörper, ließ die dürre Gestalt Aurelias zugleich vor Schmerz und Ekstase aufbäumen.
‚Er’ wusste, dass er sich beeilen würde. Die Angst der jungen Frau würde irgendwann nachlassen, und schließlich würde er sich wieder zurückziehen und die unglaublich kraftzerrende Bewusstseinskontrolle aufgeben müssen.
Aber vorher würde ‚er’ seinen Einfluß erweitern und dieser Zhertos- er war ein Prachtexemplar von einem skrupellosen Individuum, das jetzt schon bereitwilliger dem Totenfürst diente als sein oftmals bockender Wirtskörper. ‚Er’ hatte es sofort bemerkt, nachdem Aurelia dreimal knapp dem Tod entrann- einmal ließ dieser unglaublich zähe Krieger sogar ‚ihn’ gehörig alt aussehen.
Dieser Zhertos... ein Rohdiamant, der nur darauf wartete geschliffen zu werden.
Und so begann das Schauspiel, das ‚sein’ Meisterwerk werden sollte...
Und so sprach die geisterhaft verzerrte Stimme in Zhertos' Ohr:
„Die edelsten Fürsten, die mächtigsten Arkanen, die weisesten Eremiten können ‚ihm’ nicht trotzen. Und irgendwann wird ‚er’ auch deine Seele verschlingen, dich zu einem geistlosen Untertan machen. Ein willenloses Etwas, ein unterschwelliger Bestandteil ‚seines’ Seins auf ewig verdammt und für die zukünftigen Myriaden geknechtet.
Möchtest du.... möchtest du... möchtest du?“
Drängend hallte die verführerisch klingende Stimme in Zhertos' Schädel wieder, säte Zweifel und ließ direkt danach Hoffnung aufkeimen:
„‚Er’ gibt dir die Möglichkeit, ‚seine’ Gunst zu erlangen, dir das Leben zu verdienen
‚Er’ schenkt dir Zeit solange du ‚ihm’ Seelen darreichst, wird ‚er’ gefällig auf dich herabschauen und dir im Gegenzug 'Zeit' gewähren...
Denke über die Worte nach, Zhertos.... denke darüber nach... denke darüber nach...“
Die letzten Worte echoten im Zhertos Ohr, überlagerten sich, verbanden sich zum Schluß zu einem unwirklichen Raunen, ehe die Stille einsetzte und nichts als Leere hinterließ.
Ein Vakuum, das nur durch das rohe Verlangen nach Seelen gestillt werden konnte.
Erschöpft zog er sich wieder in eine Ecke von Aurelias Bewusstsein zurück, ließ die junge Frau wieder die Kontrolle über ihren Körper gewinnen.
Die lange Rede hatte ‚ihm’ alles abverlangt und nun würde er wieder ruhen und lauern...
Auszug aus [url=http://www.alathair.de/forum/viewtopic.php?t=26435]"Szenen vor dem Friedhof" (klick)[/url]