Aber wie sollte sie ohne auch nur eine Krone, die sie ihr Eigen nennen konnte, dorthin gelangen? Indirekt war das dem jungen Matrosen zu verdanken, vielleicht ein letztes Geschenk an seine zurückgelassene Liebste in Emberhaven? Der Kapitän des Schiffes, an welchem er angeheuert hatte, kam auf sie zu und wusste der armen Nayri davon zu berichten, dass der Junge sie vor seinen Kameraden bereits seine Zukünftige nannte. Als sie nun, überfordert von diesen Entwicklungen und dem Kummer, in Tränen ausbrach, da versprach der Seebär, sein Möglichstes zu tun, damit es ihr besser gehen würde und plötzlich fügten sich die Mosaikstückchen ineinander und zeigten das Zukunftsbild.
Nayris Wunsch war leicht zu erfüllen: Eine Überfahrt, wohin ganz gleich nur übers Meer, vielleicht irgendwohin, wo man das Schneiderhandwerk erlernen könnte. Ach, was atmete der alte Mann auf, denn bereits eine Woche später setzten sie die Segel und los ging es, nach Bajard.
Dort angekommen fühlte sich Nayri sehr wohl und bald eröffnete sich ihr auch eine Möglichkeit das Startkapital zusammen zu sparen, denn es brauchte vor allem Boten und Schreiberlinge für diverse Briefe. Nun, die Füße waren gesund und sie hatte Lesen und Schreiben auch anständig gelernt, um nicht von den Händlern über den Tisch gezogen zu werden. Oft brachten sie die Botschaften sogar bis nach Rahal hinein, denn hier schien der Schriftverkehr besonders rege.
Vielleicht war er ihr da schon irgendwann aufgefallen. Dieser Bursche, der überhaupt nicht wie all die lauten, fröhlichen Handwerker und raubeinigen, groben Fischer mit dem Herzen aus Gold wirkte, die sie gewohnt war. Der Junge mit den ebenmäßigen, feinen Zügen, dem rabenschwarzen Haar und dem durchdringenden Blick. Das Grün seiner Augen war anders als ihres. Weniger verspielt und lebhaft, eher so als würde irgendwo dort ein minzfarbenes Feuer glühen und sie musste sich bald eingestehen, dass er sie interessierte oder sogar faszinierte. Glückliche Schicksalsfügung Nummer zwei, als er sie in Bajard sah, wohl erkannte und gerade auch noch einen Schneider benötigte. Die Vorhänge, die er für seine Wohnung brauchte, waren selbst mit ihren mittelprächtigen Kenntnissen leicht hergestellt und sie versprach auch diese zu liefern.
Ja, hätte man ihr damals gesagt, wohin das führen würde, so hätte sie den Kopf geschüttelt und gelacht. Aber so verschätzt man sich manchmal im Leben. Schätzt die eigenen Möglichkeiten anders, schätzt den Gegenüber anders ein, verschätzt sich bei Maßangaben und Lebensrezepten. Nayri Nimmermeer war keine Tuchweberin des Arbeitshauses mehr, sondern angehende Schneiderin im schönen Bajard und ihr Bursche war kein Seemannsbengel mit der Art eines jungen Hundes, sondern ein junger Mann, der sie eher an eine Raubkatze erinnerte. Mal spielend, mal lauernd und so schwer zu ergründen, wie ein stiller Teich. Wie das Nimmermeer.
Was hatten sie ihr damals gesagt?
Stille Wasser sind tief.
Oh, ja.
Schmunzelnd malte sie sich das nächste, vielleicht nicht ganz so brave Bild auf dem eigenen Lebensteppich aus, welches der Lebensfaden da stickte. Sie war angekommen und auch wenn die Zukunft wieder unvorhersehbar blieb, so war es gut für den Moment.
