
Das große Handelsschiff mit den bunten Segeln hatte längst wieder abgelegt, als die trägen, schlurfenden Schritte die alte Dame durch das Bajarder Tor trugen. Man mochte meinen, dass Jene, die mit diesem Schiff gekommen waren und ihre Waren feil bieten wollten, Freundlichkeit an den Tag legten. Weit gefehlt, weit gefehlt. Es war keine Freundlichkeit mehr zu erwarten dieser Tage, schon gar nicht gegenüber einer alten Dame, die ihr Hab und Gut am Leibe trug. Zugegeben, das dicke Wolltuch, das sie vor der Kälte schützen sollte und über ihren Schultern lag, war schon an einigen Stellen gestopft und die Löcher mit andersfarbiger Wolle gefüllt worden. Die dicken Winterstiefel hatten auch schon bessere Tage gesehen. Selbst das Efeu, das sich um den Gehstock zwirbelte, den das Mütterchen benutzte, um in ihrer Langsamkeit ihre Wege zu beschreiten, schien nicht mehr das Grün der alten Tage zu tragen.
Die alten Tage, das dachte sie sich in letzter Zeit oft. Sehr oft.
Irgendwann, vor langer langer Zeit kannte sie so etwas wie Glück. Sie kannte Freundlichkeit, sie kannte die Wärme der Menschen. Doch das war lange her.
Falschheit, Enttäuschung, Kälte überwogen. So zumindest in den Teilen dieser Welt, die das Mütterchen schon bereist hatte und wenn man nach ihrem Alter ging, dann waren das wohl einige. Jede tiefe Falte auf ihrer Haut stand für mindestens einen Menschen, der nicht rein war im Herzen. Jede Nuance, die ihre Augen trüber wurden für eine Enttäuschung ihres Glaubens an das Gute.
Die Welt bestand aus Licht und Schatten, doch wenn die Schatten überwogen, dann war es Zeit, zu gehen.
Ein letzter Hoffnungsschimmer keimte jedoch noch im Herzen der alten Dame, wie eine kleine flackernde Kerze, die stur einem Sturm trotzte. Vielleicht war es hier anders. Vielleicht würde Gerimor ihr das zurückgeben, was sie seit Jahrzehnten woanders gesucht und vermisst hatte. Das Licht der kleinen, hoffenden Kerze drohte beinahe zu erlöschen, als sie ein Gesicht sah, das beinahe der Vergesslichkeit des Alters zum Opfer gefallen war. Sie kannte das Gesicht, wenn es sich auch verändert hatte, älter geworden war. Erwachsen. Oh sie kannte den Kerl, der zu diesem Gesicht gehörte und sie mochte ihn nicht. Wenig Gutes konnte sie an ihm lassen. Was war es für ein Zeichen, das ausgerechnet er es war, den sie als erstes sah...
Ein anderer Ort zu einer anderen Zeit...
Es war nur wenige Tage später, an einem kalten Tag nahe dem Ende der Woche. Schnee rieselte wie so oft in den letzten Wochen aus dunklen Wolken, die den Tag schon wieder beenden wollte, kaum hatte er begonnen. Das alte Mütterchen schlummerte friedlich im Bett der Herberge, die sie teuer bezahlt hatte. Wieder war keine Wärme in den Herzen und Augen der Menschen zu erkennen, als sie nach dem Zimmer gefragt hatte. Nur Gier war geblieben. Vermutlich würden die Bilder noch andere als das Mütterchen erreichen, jene, die sich als Schwestern bezeichneten, jene die die Ankunft einer der ihren gespürt haben mussten vor wenigen Tagen. Die einen würden vielleicht schlafen daheim in ihren Betten und die Szene als Traum abtun, die anderen würden in vollen Bewusstsein, hellwach und gar auf der Insel oben im Sumpf, einen Ruck spüren, der die Bilder mit sich brachte. Bilder von alternden Menschen, von Kindern, die plötzlich im Greisenalter waren. Von Greisen, die auf einmal wieder in Säuglingsalter herumtobten. Bilder von Standuhren, deren Pendel mal träge baumelten in einer Langsamkeit, die beängstigend war und wieder andere schienen sich beinahe gewaltsam durch ihr schnelles, kraftvolles Schwingen aus ihrer Halterung lösen zu wollen.
Für den Moment, als die Bilder durch die Köpfe der Schwesternschaft zuckten, schien jegliches Zeitgefühl verschwunden, die Zeit schien still zu stehen oder doch viel zu schnell zu verstreichen. Und inmitten der Szenen um Zeit und Uhren, konnten sie vielleicht jemanden erkennen. Einen Magier, der nach etwas suchte...
Viel zu schnell für das alte Mütterchen und mit Knacken und Kirschen der Knochen richtete sie sich in ihrem Bett auf und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Nein, nein und nochmals nein!