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Dunkelheit ergoss sich wie ein über den eigenen Rand schwappendes Gefäß in die Straßen und Gassen Berchgards, huschte wie der Fuchs auf der Pirsch auch in die letzten Winkel und wand sich um die entzündeten Laternen, die vor der sich ausbreitenden samtenen Nacht wie kleine gefallene Sterne erstrahlten. Die Stunde des Zwielichts läutete das Erwachen all jener kleinen und großen Wesenheiten ein, die selten am Tag ihren Kopf aus den Löchern stecken, vielleicht aus Sorge, sich am hellen Licht der Sonne zu verbrennen.
Im kleinen Haus am Ende des Weges, dort wo Fuchs und Hase sich gern mal eine gute Nacht wünschen und wo der Mond dem Berg am nähsten ist, klang ein leises Lied durch die noch immer geöffneten Fenster nach draußen. Jene, die den Weg bis nach ganz oben gestiegen waren und die lauschten mochten darin ein altes Wiegenlied erkennen, an eine vergangene Zeit erinnert werden oder, ganz schlicht, einfach den Klang genießen, denn es lag nichts Trauriges in der gesummten Waise. Die junge Frau im Inneren saß, die Beine zum Schneidersitz übereinander geschlagen, zwischen einem Berg blauer Kissen, hatte einige Ellen silbrig blauen Stoff, der im verbliebenen Rest des Kerzenlichts wie Sternenstaub aufglimmte, auf dem Schoß ausgebreitet und strich mit den Fingern darüber. Das feine Material rutschte bei jeder Bewegung ein wenig hin und her und schien den Blick der blauen Augen, blau wie das weite ungebundene Meer, aufzusaugen, als läge in seinem Tiefen etwas begraben, verborgen, denn nach einem Moment verstummte der leises wortlose Gesang.
Ein Blau wie flüssiges Silber…
Eine Geschichte, die ihre Hände aus der Vergangenheit ins hier und jetzt ausstreckte…
Ein Märchen, in dem man so viel Wahrheit finden konnte, dass aus Mythen Realität geworden war…
Karawyn erinnerte sich an den ersten Moment, in dem sie damals vor Jahren schon die Pigmente zu diesem ganz besonderem Blau zusammengefügt hatte, eine Prise Nachthimmel, eine Spur Abendrot, das Blitzen des Lichts auf einer spiegelnden Oberfläche, einen gefallenen Stern…
Gemeinschaft, Familie, Zusammenhalt, für all jene Dinge stand die Farbe und doch konnten Worte das Gefühl, das beim Gedanken an die anderen in ihr brannte, nicht beschreiben. So viel mehr als nur der Verbund aus Gleichgesinnten, so viel tiefer als die Bande der Freundschaft, Teil eines großen Ganzen, das für sie ihre ganze kleine Welt ausmachte.
Der sichelförmige Mond schälte sich am Himmel aus einer dicken pludrigen Wolke und ließ sein Licht durchs Fenster auf seine Namensgefährtin scheinen als diese den Kopf hob und die Fetzen der Erinnerungen, die sie in einem Netz aus Vergangenheit gefangen eingesponnen hatten, durchbrach. Viele der Sterne waren inzwischen weitergezogen und hatten ein anderes Leben, einen anderen Himmel gewählt der nun ihr Licht trug. Manche waren gefallen und wieder aufgestiegen, zwei Lichter waren für immer erloschen während andere noch immer gemeinsam das Firmament erhellten. Karawyn konnte jedem einzelnen von ihnen einen Namen geben, sah ihre Gesichter, wann immer sie den Blick zum kunstvoll geknüpften und bestickten Wandteppich in ihrer Schneiderstube lenkte…
Zwielicht, Neumond, Sternenfänger, Nachtwanderer…Erntemond, Irrwisch, Nordlicht, Elmsfeuer, Mondschatten…so viele von ihnen, deren Licht sie mit dem damals verband und so viele neue Lichter, die ihr Gesicht dem Hier und Jetzt zuwandten. Es war einmal, so hatte alles seinen Anfang genommen…