Einige Wochen, fast drei Monde, war er nun unterwegs gewesen, war gegangen ohne vorzuwarnen, was sicherlich erklärte, warum einige der Geschwister – insbesondere Asha und Ori – wütend auf ihn waren. Ganz bestimmt nahm er es ihnen nicht übel, auch ihre Reaktionen auf sein plötzliches und ebenso unangekündigtes Erscheinen an diesem Abend nicht.
So vieles hatte sich seit seiner Abreise verändert, dass er es noch gar nicht ganz erfassen konnte. Vielleicht hielt er gerade darum das alte Tagebuch in der gewohnten Umgebung in den Händen und war froh erstmal für sich sein zu können, denn Ori war noch unterwegs in all ihrem warmherzigen Pflichtbewusstsein für den Stamm.
Die Wohnhöhle hatte sich als einziger Ort nicht verändert und es tat gut etwas wiederzusehen, das noch genauso war, wie an dem Tag, als er es verlassen hatte. Alles andere, der gesamte RaKun, hatte ein neues Gesicht bekommen, und mit dieser Veränderung waren auch einige andere des Stammes in ihren Wegen weiter voran geschritten. Es zog inzwischen auch viele neue Gehörnte an die Oberfläche, ein paar wenige durfte er an diesem Abend auch kennenlernen.
Das alte Lederbuch legte er beiseite, räumte es ordentlich weg. Danach griff er sich eine neue Lederlage auf und begann zu schreiben.
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15. Searum 259, RaKun – Wohnhöhle
Ich habe lange nichts mehr aufgeschrieben von dem, was passiert ist, und beschlossen
dies nun Stück um Stück nachzuholen. Zunächst einmal ist es wohl wichtig zu sagen,
dass ich wieder zuhause bin, zuhause an der Oberfläche, im RaKun, bei meiner Rasharii.
Manchmal wird einem RasharHo ja erst bewusst, was ihm so fehlt, wenn er es lange
nicht gesehen hat, verloren hat oder verlassen hat. Ich muss aber dazu sagen, verlassen
habe ich sie ja in dem Sinne nicht, bin allerdings auf eine Reise gegangen, von der ich
ihr vorher nichts erzählt habe und auch nicht gefragt habe, ob sie mich gehen lassen
möchte, würde oder täte.
Dass sie deshalb wütend auf mich gewesen ist, enttäuscht und traurig obendrein,
werde ich ihr sicher nicht verübeln, denn das ist ihr allumfassendes und unumstößliches
Recht. Umso mehr freut es mich, dass sie mich wieder in unsere gemeinsame Wohnhöhle
lässt und mir nur vorübergehend böse gewesen ist. So ein bisschen hat sie mir die
Hörner ja schon geschrubbt, aber auch das will und wird ihr wohl niemand übel nehmen,
ich am allerwenigsten. Habe es mir ja selber zuzuschreiben.
Asha ist ebenfalls böse mit mir. Anders als Ori scheint sie sich deshalb darauf zu
verlagern, mich zu ignorieren und zu schneiden. Ich weiß sehr wohl, dass ich auch ihr
hätte etwas sagen sollen, allerdings wirkt sie nicht daran interessiert, diesen
Missstand zwischen uns geklärt zu wissen. Drei Mal habe ich versucht sie am heutigen
Abend anzusprechen, mal neckend, mal mit Belanglosigkeiten. Den Versuchen folgte nicht
einmal eine Reaktion, geschweige denn die Aufforderung mich zu erklären, oder
irgendein Anzeichen dafür, dass überhaupt eine Erklärung erwünscht ist, also habe ich es
vorerst aufgegeben und werde sie eben ganz und gar in Ruhe lassen.
Ich verstehe zwar ihre Wut auf mich, aber das bedeutet nicht, dass ich ihr deshalb
kniend und bettelnd nachlaufen muss, um ihren Stolz zu streicheln. Sie hat ein Problem
mit mir, nicht ich mit ihr. Also werde ich mich in Geduld üben.
Es hat sich hier so vieles verändert. Der RaKun hat mir bei meiner Ankunft wirklich den
Atem verschlagen. Ahamani hat hier Großes vollbracht.
Allerdings geht damit auch einher, dass ich mich kaum noch auskenne und die Wege erst
noch kennenlernen muss. Ich bin aber guten Mutes, dass sich dies mit der Zeit bestimmt
geben wird. Aber ich habe auch festgestellt, dass Ori – zumindest für mich – noch immer
die gleiche ist, wie ich sie kenne und damit ein sicherer Anker und noch etwas, was mir
noch mehr das Gefühl gibt heimgekommen zu sein.
Ich selber habe mich auch verändert, einen neuen Weg für mich eingeschlagen, mit
Ahamanis Segen. Diesen zu finden, das war gar nicht so leicht. Und wieder ist es nicht
der Weg, den ich als noch jüngerer RasharHo vor Augen hatte, dass ich ihn würde
gehen wollen. Hier hatte ich noch alles zu lernen, viel zu lernen vor allem. Immerhin
war ich ja vor meiner Abreise noch ein RashKi gewesen und kenne mich damit weit
besser aus als mit dem, was vor mir liegt. Aber ich werde nicht verzagen!
Von der Reise erzähle ich ein andermal, nicht mehr heute. Jetzt bin ich erst einmal
müde von dem langen Weg zurück an die Oberfläche, erschöpft von den ganzen
vielen neuen Eindrücken, überaus glücklich hier in der altbekannten und völlig
unveränderten Höhle zu sein und… nun ja, ein wenig bedrückt wegen Asha, aber
das ist eben kompliziert und nicht so einfach zu lösen, wie es das für jemanden
wäre, der einem bockigen Mädchen nachlaufen und um Vergebung betteln
würde. Irgendwann ergibt sich entweder die Gelegenheit sich in einem ordentlichen
und annehmbaren Rahmen zu entschuldigen, oder eben nicht. Erzwingen kann ich es
wohl kaum.
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Das Leder rollte er schließlich auf und band einen schmalen ledrigen Streifen darum. Bis er einen Einband zum hineinlegen dafür gefunden hatte, wollte er es so hinter den Fellen verborgen aufbewahren. Kaum, dass er es dort verstaut hatte, rollte er sich auf den Fellen zusammen und schloss die Augen. Schlafen fiel ihm trotz der Erschöpfung und Müdigkeit schwer. Der Zank machte ihm ganz sicher mehr zu schaffen, als er es sich selbst eingestehen wollte. Erst als Ori auch den Weg in die Felle fand, sollte der Schlaf ihn endlich einholen.