Tulip
Das Gefäß, dass dieses vermaledeite Geheimnis in sich trug fest an mich gepresst, lag ich in der winzigen Kuhle unter den Holzdielen.
Ich versuchte leise zu atmen, was zur Folge hatte, dass mir jeder meiner Atemzüge wie ein lautes Schnaufen vorkam und ich die Luft anhielt, nur um dann nicht wirklich leise nach Luft zu schnappen.
Doch über mir herrschte ein derartiges Getöse, dass niemand mich hörte.
„Wo ist es?“ hörte ich eine furchterregende Stimme fragen.
Meine Mutter antwortet nicht, aber ich hörte einen unterdrückten Schmerzlaut und mehr als alles andere musste ich mich beherrschen nicht hervorzuspringen und ihr zu helfen.
Seit meiner frühsten Kindheit hatte sie mich auf diesen Tag vorbereitet.
Sie werden kommen mein liebes Kind, sagte sie immer wieder, und wir müssten bereit sein.
Mühsam hatten wir über Wochen und Monate Erde unter den Dielen hervorgekratzt. Gerade soviel, dass die entstandene Kuhle meinen Körper fassen konnte. Ein paar Gramm zuviel und ich hätte nicht mehr hineingepasst.
Ich hatte nicht die geringste Ahnung was in diesem ominösen Gefäß war und warum wir es mit unserem Leben hüten mussten, aber so war es nun einmal und mein ganzes Leben war darauf ausgerichtet.
Wir blieben nie lange an einem Ort, achteten penibel auf Dinge, die anderen Leuten gar nicht auffielen oder egal waren.
Unser Leben hatte etwas gehetztes und es gelang mir nie jemanden wirklich zu vertrauen.
Ich gestehe, manchmal dachte ich meine Mutter wäre in einer bestimmten Weise krank. Ich liebte sie von Herzen, aber von einem gewissen Alter an stellte ich manche Dinge einfach in Frage.
Dann wurde sie krank, wir blieben zu lange an einem Ort. Ich fand Freunde, mein Leben wurde zum ersten Mal fröhlich und ich fühlte mich wie befreit.
Ich wusste was geschehen würde und die Tränen rannen mir unaufhaltsam über die Wangen, ohne das ich auch nur einen Laut von mir gab. Ich weiß, was der letzte Wunsch meiner Mutter war und jetzt, wo ich schamvoll zugeben musste, dass alles was sie gesagt hatte der Wahrheit entsprach, wollte ich nichts anderes als ihr diesen zu erfüllen.
„Hüte das Geheimnis“, hörte ich ihre zarte, wunderbar weiche Stimme an meinem Ohr.