“Ach und ehe ich es vergesse: Bitte bringt mir den Kopf”.
Mit diesen Worten endet für Darius ein überaus aufschlussreicher Abend. Auf Wunsch von Drakhon hatte er sich am späten Abend zu dem, von Gardisten bewachten, Haus begeben. Obgleich ihre letzte Zusammenkunft seinen Blick für eine bisweilen unbekannte Welt geschärft hatte, vefolgte ihn seither ein Gefühl der Angst. Trotz intensiver Recherchen war es ihm nicht möglich die Ereignisse der letzten Wochen zu verstehen oder gar zu ordnen.
An diesem Abend erzählte Drakhon ihm von Kra’thor, die Art wie seine Diener ihn nähren, über den zeitweiligen Aufenthalt des Seelenfressers in den Trümmern Varunas und half ihm zu verstehen, warum die Krähe selbst ein Auge auf ihn geworfen haben könnte. Bis zu ihrer nächsten Zusammenkunft sollte er über das gelernte nachdenken und sich einer kleinen Herausforderung stellen. Eine Seele sollte geopfert werden. Anders als sonst, sollte Darius nicht bloß den Todeskampf seines Opfers studieren. Vielmehr war es seine Aufgabe die letzten Atemzüge des Leidtragenden durch ein Gebet zu zelebrieren.
Es war schon die zweite Aufgabe, die er von der Gemeinschaft der Diener erhalten hat. Für Bruder Janos sollte es eine Kostprobe seiner giftigen Elixiere sein. Das Mittel der Wahl für die zweite Aufgabe ergab sich daher folgerecht aus der Ersten.
Ein Opfer war schnell gefunden. Die Wälder waren voll von fleißigen Handwerkern, die sich auch von der drohenden Dämmerung nicht davon abbringen ließen, mit ihren stumpfen Äxten auf Bäume einzuschlagen.
So kam es, dass Darius zusammen mit einer stämmigen Frau in einem abgelegenen Waldstück am Ufer saß. Abgesehen davon, dass Darius direkte Konflikte im Allgemeinen mied, war er sich nicht einmal sicher, ob er in einem fairen Kampf überlegen wäre. Die Statur der Frau war gänzlich gezeichnet von ihrer täglichen Arbeit. Die weiblichen Rundungen schmerzlich vermissend, lud er sie unter dem Vorwand der Wohltat auf ein oder zwei Gläser reifen Weines ein. Wohl mit der Aussicht auf eine Romanze, willigte sie freudestrahlend ein.
Sie sammelte rasch einige trockene Äste auf, während er die unachtsammen Augenblicke nutze und eine kleine Decke ausbreitete, die Gläser aufstellte und den Wein eingoss. Einen wirklich Guten für ihn und einen, mit einem gewissen Extra für die so glücklich wirkende Unbekannte.
Sie stießen an, nippten an dem Wein und zeigten gänzlich unterschiedliche Reaktionen. Während Darius die Lippen spitzte und etwas Luft hinterhersog um die feinen Nuancen des Weines zu genießen, ließ sie ihr Glas fallen, umschlung mit beiden Händen ihren Hals und fing an zu röcheln. Es war ein ganz besonderes Gift. Die Grundsubstanz bescherrt normalerweise einen raschen Tod. Doch ist es ihm gelungen, die Atemwege durch ein weiteres Ingredienz zum Anschwellen zu bringen. Der Herzschlag verlangsamt sich und das Gift benötigt viel länger bis es sich ausreichend verteilt hat. Am Ende ist es eine Mischung aus dem Versagen der Atemwege und der schmerzlichen Wirkung des Giftes selbst. Diese Tinktur ist das Ergebnis jahrelanger Forschung - sie müsste sich fast glücklich schätzen.
Das Röcheln wurde lauter während das Gift sich langsam im Körper verteilte. Ihre Augen waren mittlerweile so weit aufgerissen, dass er für kurze Zeit fürchtete, die Augäpfel würden hinausfallen. Sie wollte wohl etwas sagen als er sich vor sie kniete, die Arme ausbreitete, den Kopf in den Nacken legte und seine Augen schloss.
Beten. Wie betet man? Erst jetzt fiel ihm auf, dass er nie zuvor gebetet hatte. Seine Aufgabe war es, die Seele der jungen Handwerkerin zu opfern. Sein Geschenk dem Raben darzubieten. So sind es vielleicht fokussierte Gedanken an Kra’thor, an das Geschenk, die Befreiung jeglicher Störfaktoren in seinem Kopf das, was von ihm erwartet wird. Darius bemühte sich jedes andere Geräusch um ihm herum auszublenden während er kniend, mit ausgebreiteten Armen leise Worte des Dankes stammelte. Das Röcheln der Geschädigten erreichte ihren Höhepunkt als sie abermals mit ihrer letzten Kraft versuchte, missbilligende Töne herauszupressen. Der Wind trug ihre letzten unverständlichen Worte mit einem starken Stoß davon.
Der kühle Windstoß bescherrte Darius eine Gänsehaut auf den freigelegten Armen. Obgleich seine Augen verschlossen waren, hatte er das Gefühl, dass ihn die Dunkelheit gänzlich einschloss. Die Raben in seinem Rücken fingen laut an zu Krächzen und breiteten mit dumpfen Geräuschen ihre Flügel aus. Sie erhoben sich aus den Bäumen und stiegen in einem lautstarken Chor hinauf. Der Wind wurde ruhiger und Darius wischte sich mit seiner linken Hand den kalten Schweiß aus seinem Nacken, während sich seine wachsamen Augen langsam öffneten.
“War das nun richtig?” fragte er sich schweigend. Er konnte keinerlei ungewöhnliche Veränderungen wahrnehmen. Es ist dunkel, nun ja, diese Tageszeit hatte er mit Bedacht gewählt. Es ist spät - es muss dunkel werden. Das Waldstück hinter ihm bot allerlei Getier. Auf seinem Weg hatte er gleich drei Rudel Wölfe gesehen, Füchse, etliche Vogelarten und - nun - eben auch Raben. Schon häufig hatte er gehört, dass Schiffe ob der willkürlichen Winde an der Küsten zerschellten oder unkontrolliert weit hinaus getragen wurden. War es vielleicht alles doch nur Einbildung gewesen? Ein ganz normaler Abend mit einem abnormalen Mord an einer gewöhlichen Handwerkerin?
Wie so oft in den letzten Tagen, beschlich ihn ein Gefühl der Unsicherheit. Ob der Rabe seiner Tätigkeit überhaupt Beachtung schenkt oder seinen Blick längst von ihm abgewendet hatte. Die Diener hatten ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass das unweigerlich sein Schicksal besiegeln würde. Wiedermal hatte er keine Antworten auf seine eigenen Fragen. Vielleicht konnte Drakhon’s Rat abermals ein wenig Ordnung in seine chaotischen Gedanken bringen.
Sein Blick fiel auf den abgetragenen Gürtel der fleißigen Handwerkerin. Mit ruhigen Schritten ging er auf ihn zu und löste das stark abgenutzte Beil aus seiner Verankerung. Und nun der Kopf.
Des Ungeweihten erste Opferung
- Darius Venossa
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