Der Fleck an der Wand

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Gast

Der Fleck an der Wand

Beitrag von Gast »

Der alte Eichentisch schrie auf, als der Zinkbecher über jenen schlitterte. Das dunkle Rot des Weins spiegelte das flackernde Licht der Kerzenluster und jenes erschlug sich an den Schatten der dunklen Stube. Der letzte Gast, der unbequeme Gast, jener der nicht ging. Der Grund für die schlaflosen Nächte der Bardame, er war nicht gesprächig, er wich Fragen aus, aber er zahlte gut, stets schweigend saß er da. Aufrecht, durchgestreckter Rücken, die Füße auf exakter Schulterbreite am Boden und geradeaus nach Vorne - zeigten sie beinnahe schon anklagend auf die alte Ostwand der Taverne. Der starre, leblose Blick klebte ebenso an genannter, als wäre der mysteriöse Fleck dort etwas exotisches, fremdes und interessantes. Jeden Abend, kam er wieder, manchmal angetrunken, manchmal nüchtern, manchmal mit einem süffisanten, verräterischen Lächeln auf den dünnen Lippen, manchmal wie ein lebloser Korpus mit letzten Spuren von Motorik. Die erste Woche, hatte sie ihn noch gegrüßt - was ihr immer nur ein Kopfneigen und aufgesetztes Lächeln bescherte. In der zweiten Woche hatte sie noch gefragt, auf Diversität hoffend, was er denn trinken wolle - "Rot - trocken. Danke." In der dritten Woche waren ihre letzten Versuche ein Gespräch mit ihm zu führen - "Ein schöner Tag war das heute, nichtwahr..?" "Aye. Aber der Tag ist vorüber, es ist Nacht. Rot - trocken. Danke." Sie hatte ihn aufgegeben, wie er sich anscheinend auch selbst aufgegeben hatte. Insgeheim fragte sie sich neugierig, was denn das Schicksal des Mannes war. Äußerlich schien er in Ordnung. Großgewachsen, dunkles Haar, tiefblaue Augen, der Kinnbart, wie auch das Haupthaar mit akribischen Schnitten in exakter Form gehalten, der Körperbau eines Kriegers: muskulös, Oberarme so breit, dass so manche Magd wohl hinter vorgehaltener Hand mit ihresgleichen tuscheln würde. Ein erkennbarer Bauchansatz, welcher sich sachte gegen den schweren und enganliegenden Schnallenmantel presste. Er war nicht außergewöhnlich, aber wirkte zu gefasst für einen Durchschnittssäufer, auch die, die aus dem Krieg zurückkehrten und gesehenes nicht vergessen konnten, blickten anders auf die Dinge. So saß er wieder, wie jede Nacht, in der kleinen Gaststätte und starrte den Fleck an der Wand an. Der arme, kleine und dunkelbraune Fleck auf den Holzlatten.. was er dem Mann wohl getan hatte.. Es war ihr Beruf, Gerüchte zu kennen, so erkundigte sie sich und erfuhr die eine oder andere Geschichte. Manche abstrus, manche glaubhaft, wirklich gut kam der einsame Gast in keiner von ihnen weg. Aber es waren viele unterschiedliche, welche aber war wahr? Dies wusste wohl nur der Schwarzhaarige mit dem Zinkbecher und er schien auch keine Anstalten zu machen, jene unter die Leute zu bringen. Aber vielleicht führte er ja seit Wochen einen gedanklichen Diskurs mit diesem Fleck, dem ebenso einsamen Fleck, auf den Holzlatten der Ostwand einer unbedeutenden Spelunke.


"Bis Morgen."
Zuletzt geändert von Gast am Freitag 17. Juni 2016, 09:50, insgesamt 2-mal geändert.
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