Frischluft und andere Unbillen des Geodentums
Verfasst: Sonntag 29. Mai 2016, 19:45
Im Götterberg, einige Wochen zuvor
"Lehrling! Zu mir!" donnert die raue Stimme durch die tiefen Gänge des Götterbergs, hallt von den Tunnelwänden, verstärkt sich dabei und dröhnt sichließlich in der Schlafkammer des Gerufenen. So dauert es auch nicht lange, gerade ein Sechstel des groben Goldgranulats ist durch das Zeitglas gelaufen, als der Gerufene schnaufend in die Werkstatt geeilt kommt. "Mrâ, Meister? Cirmias Mâhal!" Der Zwerg, der sich offenkundig schneller als üblich durch die Stollen bewegt hat, ist selber schon nicht mehr jung. Ein Langbart, dessen Haare bereits blasser werden, der Graubart ist nicht mehr weit entfernt. Und doch noch ein Lehrling?
"Cirmias Mâhal, Radox. Eilige Erledigungen erlauben keinen Aufschub und wir haben noch viel zu tun." Hinter dem alten Zwerg, türmen sich bereits Rucksäcke und Bündel. Was immer es zu erledigen gibt, das Packen hat er bereits in der Nacht übernommen. Auch die Gewandung ist unüblich: Statt der Stoffe, die er zu tragen pflegt, hat er eine Rüstung aus Seelenerz angelegt, einen Köcher umgegürtet und eine Armbrust ruht auf dem steinernen Werktisch. Wohl eher ein Kampf, statt eines Handels.
"Ich habe dich das Stoffschmieden gelehrt, seitdem du Rotzlöffel deinen ersten Bart geflochten hast. Wie lang ist das her. Neunzig Zyklen? Was, über einhundert sagst Du? Du warst nie ein besonders schneller Schüler..." mit einem Anklang von Wehmut, vor allem aber Stolz, gibt er seinem Lehrling diesen ersichtlich nicht ernst gemeinten Tadel mit. "Ja, warst. Deine Ausbildung findet heute ihr Ende. Ich habe Kunde erhalten von der Oberfläche. Einen Reisebericht, Zustandsbericht auch über das Handwerk. Und eine Stoffprobe hat mir ein Neffe geschickt." Dazu deutet er auf einen Wams, der auf dem Werktisch liegt. Der Lehrling beäugt ihn, befühlt ihn dann und verzieht schmerzlich das Gesicht, ehe der Alte fortfährt. "Brah! Die raue Wolle ist das Schlimmste. Haben sie wohl von Langbein Tieren gekauft, wobei jeder Kalure weiß, dass cirmiasgefällige Wolle nur im Schutz seines Berges wachsen kann. Aber viel schlimmer ist, was sie noch über das Geodentum wissen - nichts! Noch nicht einmal einen Ohrenbart gezüchtet aber halten sich schon für Meister und vergessen die alten Künste darüber doch noch."
In gemessenen Schritten tritt der Alte an den Steintisch heran, seinen Lehrling winkt er zu sich. Hernach deutet er auf die einzelnen Gegenstände auf dem Tisch. "Goldfaden, durch eine Mithrilwalze gezogen, auf dass er von Vater berührt wird. Kalurenbräu, der das Tuch segnet ehe Du die Rune aufnähst. Die Augenbinde des Geoden.." dazu hebt er ein Stück feinen, tiefblauen, Stoffes an, über den sich goldene Runen ziehen, die eindeutig nicht mehr zum täglichen khaz-aduirischen Alphabet gehören "..denn im Dunkel führt Cirmias' Hand deine Nadel, dein Auge soll sein Wirken nicht vorwegnehmen. Das alles kennst Du, denn lange habe ich dich unterrichtet." Sein Blick fällt auf einen Umhang auf dem Nachbartisch, dem Arbeitsplatz seines Lehrlings. Über und über ist das Stück mit Goldfaden bestickt. Gleichwohl für jeden Kaluren lesbar: Es sind Kinderreime.
"Was dir noch fehlt, sind die Segen und Flüche unserer Zunft." Zu diesen Worten zieht der alte einen Schlüssel, nicht länger als sein kleiner Finger und aus reinem Mihtril, aus der Tasche an seinem Kilt und drückt ihn dem Langbart Radox in die Hand. "Du hast das Handwerk eines Stoffschmiedes weit hinter Dir gelassen, dich durch Geduld und Cirmiastreue hervorgetan. Nun nehme ich dich in die Zunft der Geoden auf, Bruder, und vermache Dir meinen Folianten der Runen." Unwillkürlich lösen sich die Blicke beider Zwerge von dem Schlüssel und wandern zu dem alten Buch, zwei Fäuste dick, mit filigranen Goldketten umschlungen und durch ein mithrilnes Schloss versiegelt. "Hüte dieses Wissen, Ehre es wie du den Bergvater selbst ehrst und gib es nur an jene weiter, die sich als würdig erweisen. Eine Lektion, die ich selbst andernorts auffrischen werde..."
Zum Abschied greifen die beiden zu ihren Humpen, treten an das kleine Vorratsfässchen im Regal, gleich neben dem Nadelsortiment, und zapfen sich je einen ordentlichen Krug. Noch einen. Und einen weiteren, bis dass Fass sich dem Ende zu neigt. Nach einer Weile der Respektsbekundungen durch den 'jüngeren' Zwerg, des Gesprächs über Banalitäten des Schneiderhandwerks und die Gefahren der Oberwelt greift der alte sich schließlich die Armbrust, schultert seinen Rucksack, hängt die übrigen Beutel an seinen Gürtel und tritt in den Tunnel hinaus. Irgendwann würde Radox auch noch den Beutel mit Gold finden, den Razok ihm in der Werkstatt zurückgelassen hatte. Nicht dass er es bräuchte. Der Junge war ein hervorragender Schneider. Und das, obwohl er ohne die Gnade einer Geburt als Donnerfaust auskommen musste. Aber... er hatte es sich verdient. Eine Münze für jedes Jahr, dass er bei ihm gelernt hatte. Symbolisch, freilich, und doch, er hatte es sich verdient, dass Razok einen Teil seines Cirmiasdienstes an den Jungen gehen ließ.
Jüngst
Eine ganze Weile und diverste Kilometer später tritt ein Graubart in der Frostklamm an die Oberfläche. Gemessen an zwergischen Maßen ist er mit knapp fünf Fuß eher groß, dafür aber nicht so breit wie seine Brüder der Graik. Der Bart reicht bis weit über die Brust und ist in kleinen Zöpfen geflochten, die ihrerseits durch Metallringe zu einem einzigen dicken Teppich gewoben sind. Wie Lavafluss durch Aschewüste zieht sich ein dünner roter Strang, der sich nach wie vor dem Ergrauen entzieht, in einem Zickzack-Muster durch das Geflecht. Aus kleinen, grünen, Augen blinzelt er gegen das Licht der Oberfläche an, und atmet die Gerüche der Außenwelt in die Knollennase - um im nächsten Moment unkontrolliert loszuniesen. "Blagh! Norgul was hier herumfliegt. Hatschi!" Grummelnd und grollend steht der alte da, das erste mal seit langem wieder an der Oberfläche.
Die Oberfläche. Schmelztiegel der Traditionen, Fluch und Segen für die Kinder Cirmias. Hier, wo die Graik ihren Gottesdienst verrichtete und den heiligen Berg bewachte. Wo der Handel besonders viel Gold in die Kassen seiner Brüder und Schwestern spülte. Aber auch, wo deswegen mit alten Traditionen schon einmal eher gebrochen wurde und wo der freie Himmel manch einem den Verstand vernebelte. Das dürfte ihm nicht passieren! Mal sehen... das kleine Büchlein aus seinem Kilt-Beutel gab Aufschluss: "Kopfbedeckungen, Freiland. Rucksack. Paket in blauem Tuch, unten rechts." Nichts, aber auch gar nichts, auf der Welt konnte das Leben so sehr vereinfachen, wie eine gute Organisation. So war mit wenigen Handgriffen das Gesuchte parat: Ein einfaches Kopftuch aus guter Wolle, in das auf der Innenseite flache Bergkiesel aus den Tiefen des Götterberges eingearbeitet waren. Dergestallt sichergestellt, dass Vaters Berg mit ihm kommt und er nicht irgendwann vom Boden abhebt konnte es losgehen. Es gab noch manch ein Tuch zu schmieden und Ehrfurcht vor den alten Traditionen der Geoden aufzufrischen, ehe er wieder an den Werktisch unter dem Berg zurückkehren würde.
"Lehrling! Zu mir!" donnert die raue Stimme durch die tiefen Gänge des Götterbergs, hallt von den Tunnelwänden, verstärkt sich dabei und dröhnt sichließlich in der Schlafkammer des Gerufenen. So dauert es auch nicht lange, gerade ein Sechstel des groben Goldgranulats ist durch das Zeitglas gelaufen, als der Gerufene schnaufend in die Werkstatt geeilt kommt. "Mrâ, Meister? Cirmias Mâhal!" Der Zwerg, der sich offenkundig schneller als üblich durch die Stollen bewegt hat, ist selber schon nicht mehr jung. Ein Langbart, dessen Haare bereits blasser werden, der Graubart ist nicht mehr weit entfernt. Und doch noch ein Lehrling?
"Cirmias Mâhal, Radox. Eilige Erledigungen erlauben keinen Aufschub und wir haben noch viel zu tun." Hinter dem alten Zwerg, türmen sich bereits Rucksäcke und Bündel. Was immer es zu erledigen gibt, das Packen hat er bereits in der Nacht übernommen. Auch die Gewandung ist unüblich: Statt der Stoffe, die er zu tragen pflegt, hat er eine Rüstung aus Seelenerz angelegt, einen Köcher umgegürtet und eine Armbrust ruht auf dem steinernen Werktisch. Wohl eher ein Kampf, statt eines Handels.
"Ich habe dich das Stoffschmieden gelehrt, seitdem du Rotzlöffel deinen ersten Bart geflochten hast. Wie lang ist das her. Neunzig Zyklen? Was, über einhundert sagst Du? Du warst nie ein besonders schneller Schüler..." mit einem Anklang von Wehmut, vor allem aber Stolz, gibt er seinem Lehrling diesen ersichtlich nicht ernst gemeinten Tadel mit. "Ja, warst. Deine Ausbildung findet heute ihr Ende. Ich habe Kunde erhalten von der Oberfläche. Einen Reisebericht, Zustandsbericht auch über das Handwerk. Und eine Stoffprobe hat mir ein Neffe geschickt." Dazu deutet er auf einen Wams, der auf dem Werktisch liegt. Der Lehrling beäugt ihn, befühlt ihn dann und verzieht schmerzlich das Gesicht, ehe der Alte fortfährt. "Brah! Die raue Wolle ist das Schlimmste. Haben sie wohl von Langbein Tieren gekauft, wobei jeder Kalure weiß, dass cirmiasgefällige Wolle nur im Schutz seines Berges wachsen kann. Aber viel schlimmer ist, was sie noch über das Geodentum wissen - nichts! Noch nicht einmal einen Ohrenbart gezüchtet aber halten sich schon für Meister und vergessen die alten Künste darüber doch noch."
In gemessenen Schritten tritt der Alte an den Steintisch heran, seinen Lehrling winkt er zu sich. Hernach deutet er auf die einzelnen Gegenstände auf dem Tisch. "Goldfaden, durch eine Mithrilwalze gezogen, auf dass er von Vater berührt wird. Kalurenbräu, der das Tuch segnet ehe Du die Rune aufnähst. Die Augenbinde des Geoden.." dazu hebt er ein Stück feinen, tiefblauen, Stoffes an, über den sich goldene Runen ziehen, die eindeutig nicht mehr zum täglichen khaz-aduirischen Alphabet gehören "..denn im Dunkel führt Cirmias' Hand deine Nadel, dein Auge soll sein Wirken nicht vorwegnehmen. Das alles kennst Du, denn lange habe ich dich unterrichtet." Sein Blick fällt auf einen Umhang auf dem Nachbartisch, dem Arbeitsplatz seines Lehrlings. Über und über ist das Stück mit Goldfaden bestickt. Gleichwohl für jeden Kaluren lesbar: Es sind Kinderreime.
"Was dir noch fehlt, sind die Segen und Flüche unserer Zunft." Zu diesen Worten zieht der alte einen Schlüssel, nicht länger als sein kleiner Finger und aus reinem Mihtril, aus der Tasche an seinem Kilt und drückt ihn dem Langbart Radox in die Hand. "Du hast das Handwerk eines Stoffschmiedes weit hinter Dir gelassen, dich durch Geduld und Cirmiastreue hervorgetan. Nun nehme ich dich in die Zunft der Geoden auf, Bruder, und vermache Dir meinen Folianten der Runen." Unwillkürlich lösen sich die Blicke beider Zwerge von dem Schlüssel und wandern zu dem alten Buch, zwei Fäuste dick, mit filigranen Goldketten umschlungen und durch ein mithrilnes Schloss versiegelt. "Hüte dieses Wissen, Ehre es wie du den Bergvater selbst ehrst und gib es nur an jene weiter, die sich als würdig erweisen. Eine Lektion, die ich selbst andernorts auffrischen werde..."
Zum Abschied greifen die beiden zu ihren Humpen, treten an das kleine Vorratsfässchen im Regal, gleich neben dem Nadelsortiment, und zapfen sich je einen ordentlichen Krug. Noch einen. Und einen weiteren, bis dass Fass sich dem Ende zu neigt. Nach einer Weile der Respektsbekundungen durch den 'jüngeren' Zwerg, des Gesprächs über Banalitäten des Schneiderhandwerks und die Gefahren der Oberwelt greift der alte sich schließlich die Armbrust, schultert seinen Rucksack, hängt die übrigen Beutel an seinen Gürtel und tritt in den Tunnel hinaus. Irgendwann würde Radox auch noch den Beutel mit Gold finden, den Razok ihm in der Werkstatt zurückgelassen hatte. Nicht dass er es bräuchte. Der Junge war ein hervorragender Schneider. Und das, obwohl er ohne die Gnade einer Geburt als Donnerfaust auskommen musste. Aber... er hatte es sich verdient. Eine Münze für jedes Jahr, dass er bei ihm gelernt hatte. Symbolisch, freilich, und doch, er hatte es sich verdient, dass Razok einen Teil seines Cirmiasdienstes an den Jungen gehen ließ.
Jüngst
Eine ganze Weile und diverste Kilometer später tritt ein Graubart in der Frostklamm an die Oberfläche. Gemessen an zwergischen Maßen ist er mit knapp fünf Fuß eher groß, dafür aber nicht so breit wie seine Brüder der Graik. Der Bart reicht bis weit über die Brust und ist in kleinen Zöpfen geflochten, die ihrerseits durch Metallringe zu einem einzigen dicken Teppich gewoben sind. Wie Lavafluss durch Aschewüste zieht sich ein dünner roter Strang, der sich nach wie vor dem Ergrauen entzieht, in einem Zickzack-Muster durch das Geflecht. Aus kleinen, grünen, Augen blinzelt er gegen das Licht der Oberfläche an, und atmet die Gerüche der Außenwelt in die Knollennase - um im nächsten Moment unkontrolliert loszuniesen. "Blagh! Norgul was hier herumfliegt. Hatschi!" Grummelnd und grollend steht der alte da, das erste mal seit langem wieder an der Oberfläche.
Die Oberfläche. Schmelztiegel der Traditionen, Fluch und Segen für die Kinder Cirmias. Hier, wo die Graik ihren Gottesdienst verrichtete und den heiligen Berg bewachte. Wo der Handel besonders viel Gold in die Kassen seiner Brüder und Schwestern spülte. Aber auch, wo deswegen mit alten Traditionen schon einmal eher gebrochen wurde und wo der freie Himmel manch einem den Verstand vernebelte. Das dürfte ihm nicht passieren! Mal sehen... das kleine Büchlein aus seinem Kilt-Beutel gab Aufschluss: "Kopfbedeckungen, Freiland. Rucksack. Paket in blauem Tuch, unten rechts." Nichts, aber auch gar nichts, auf der Welt konnte das Leben so sehr vereinfachen, wie eine gute Organisation. So war mit wenigen Handgriffen das Gesuchte parat: Ein einfaches Kopftuch aus guter Wolle, in das auf der Innenseite flache Bergkiesel aus den Tiefen des Götterberges eingearbeitet waren. Dergestallt sichergestellt, dass Vaters Berg mit ihm kommt und er nicht irgendwann vom Boden abhebt konnte es losgehen. Es gab noch manch ein Tuch zu schmieden und Ehrfurcht vor den alten Traditionen der Geoden aufzufrischen, ehe er wieder an den Werktisch unter dem Berg zurückkehren würde.