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Ryx'tar, oder: Ein Lethrixor aus LethQuilomph

Verfasst: Freitag 27. Mai 2016, 18:47
von Ryx'tar
Die sengende Frühsommersonne schien erbarmungslos über ihnen, während die Heilbutt sich ihren Weg durch die Wellen des leichten Sturmes bahnte. Die Mannschaft der Heilbutt war hektisch damit beschäftigt, über das ganze Deck verteilt die Segel den unerwarteten Bedingungen anzupassen – so nah an Gerimor hatten sie mit Trubulenzen nicht gerechnet. Zwei Matrosen kletterten am Mast hinauf um die Segel einzuholen, während unter ihnen ein halbes Dutzend Männer Knoten lösten oder neue Seile festbanden. Das Wiegen und Erschüttern des Schiffes in den Wellen erschwerte die Arbeit zunehmends, hier und da rutschte ein Matrose an der Gischt aus, die durch starke Wellen von der Außenwand zu ihnen schwappte, oder stieß mit Kisten, der Brückenwand oder der Reling zusammen.


Während der turbulenten und bis ins tiefste Unterteil zu vernehmenden Arbeit der Mannschaft, saß ein Mann unter Deck auf dem morschen Boden einer der vielen heruntergekommenen Kajüten dieses Handelsschiffes, eine Hand fest um einen Pfeiler seiner Koje gekrallt, während das Schiff sich unentwegt in den Wellen wog, von links nach rechts. Von links nach rechts. Immer wieder. Der Mann war umhüllt in dunkelgraues Leder, das er seit dem Aufbruch aus seiner Heimat trug, darüber ein hellgrauer, von Wind und Wetter mitgenommener Überwurf samt Umhang, der seinen Leib vollständig umschloss wie ein Kokon den Leib einer Raupe. Sein Gesicht war verdeckt durch einen Schal und die Kapuze des Überwurfs, so dass außer den roten Augen der Person kaum etwas zu erkennen war. Aufgrund seiner vorgegebenen Krankheit hatte ihm Kapitän Tavares eine eigene kleine Kajüte zugeteilt; nicht aus Nächstenliebe, aber der Sack mit den Kronen hatte ihn davon überzeugt, einen weiteren Gast mitzunehmen, zumal sie ohnehin noch eine Kajüte frei hatten.
So saß der Mann dort, der kein Mensch war. Seine List der vorgebebenen Krankheit brachte ihm seine Ruhe vor der Mannschaft, so dass während der gesamten Fahrt niemand erahnt hatte, dass diese durchschnittlich große, gedrungen drahtige Person ein Kind des Brudermörders ist, ein Geschöpf, dessen Volk einst eine Ehe aus der makellosen Kreation der Elfen und dem unbändigen Willen und Gift Alatars einging, ein Geschöpf, das nach Perfektion trachtete und vom Hass des All-Einen dermaßen durchtränkt war, dass es mehr Qual als Lust war – ein Lethar.
Ryx'tar starrte mit unruhigem Atem durch die Öffnung seiner Kajüte zum Durchgang des Unterdecks, wo immer wieder vereinzelte Matrosen umher liefen. Genug. Das Wippen kratzte an seiner Geduld und seiner geistigen Stabilität, so dass er beschloss das Oberdeck aufzusuchen. Er traute diesen Menschen keine Säbelbreite und nahm an, dass beim geringsten Sturm die Inkompetenz und Schwäche ihres Volkes für ihren Untergang sorge tragen würde, buchstäblich. Wenn das Unvermeidliche kommen sollte, wollte er zumindest an der Oberfläche darauf warten um nicht tief im Unterdeck zu ertrinken. Mit einem anmutigen Satz war er auf den Beinen, die Schritte strahlten Zielstrebigkeit und Kraft aus, die Zeit der Fassade war vorüber, so wie der Aufenthalt auf diesem Schiff gleich vorüber war.


Gerade aus seiner Kajüte getreten, stieß er beinahe mit einem Matrosen zusammen, der den Durchgang querlängs entlang rannte, jedoch mit einem quietschenden Laut des Entsetzens schliddernd vor Ryx'tar Halt machte. Der Lethar starrte den Menschen an – sie sahen also nicht nur so aus wie das rosa Vieh, das sie hielten, sie verhielten sich auch ähnlich, wenn sie die Furcht überkam. Dann schnaubte er ob dieser Präsentation der Schwäche und sah dem Mann hinterher, der brüllend reißaus nahm: „Der Seuchenvogel hat seyne Kajüdde verloss'n!“.
Die Alarmrufe der Pinkhaut ignorierend, führte ihn sein Weg an das Oberdeck, wo ihn das Gewusel der Matrosen erwartete. Während er die Menschen für ihr unkoordiniertes Verhalten innerlich verurteilte und eine Hand um die Reling schloss um Halt zu finden auf dem schaukelnden Schiff, rempelte ihn ein Matrose im vorbeilaufen an, der so auf seine Arbeit an Deck vertieft war, dass er kaum Notiz vom Vermummten nahm, geschweige denn eine Entschuldigung von sich gab. Das reinste Chaos spielte sich auf Deck ab, zu viel um jede Person in ihren Bewegungen zu verfolgen und zu analysieren. Gerade als er sich dieses unangenehmen Faktes gewahr wurde - es vergingen vielleicht zwei Herzschläge auf Deck - wiegte sich das Schiff auch schon mit einem beunruhigenden Knarzen zahlreicher Planken ungewöhnlich tief nach links hinab, so dass er, der sich an der Reling an Steuerbord festhielt, beinahe querlängst hingeflogen wäre, doch der Griff an der Reling und ein geschickter Satz in die Hocke ließ ihn halbwegs sicheren Stand finden. Die Matrosen schienen besser auf diese Querlage vorbereitet gewesen zu sein; wo er sich aus Intuition auf den Beinen hielt, sorgte ihre Erfarung dafür, dass nur vereinzelte Männer durch die große Welle zu Boden geschleudert wurden und der Rest ihre Arbeit teilweise fortführen konnte. Die Segel rollten sich nach oben hin zusammen, um an den Querbalken der drei Maste festgewickelt zu werden. Dann wippte das Schiff, das für vielleicht drei Herzschläge die Querlage hielt, mit einem Mal in entgegengesetzte Richtung und mit einer so unerwarteten Wucht, dass nicht nur die Hälfte der Mannschft zu Boden fiel, sondern es auch den Letharen von den Füßen fegte und er durch Kräfte, denen er nichts entgegen setzen konnte, mit seinem Kreuz gegen die Reling krachte. Ein donnernder Schmerz durchlief seinen Körper, als er glaubte etwas an seiner rechten Schulter knacksen gehört zu haben. Es blieb aber keine Zeit nachzudenken, denn kaum dass er mit der Reling zusammenstieß, fiel auch schon eine Welle über ihn her und durchtränkte ihn mit Salzwasser. Erst als das Schiff wieder allmählich in die Waagerechte kam, verteilte sich das Wasser bei Ryx'tar und er schnappte fauchend nach Luft.

Bild
Die Segel waren mittlerweile vollständig eingeholt und die Matrosen waren nur noch damit beschäfigt, nicht über Bord zu gehen, als einer von ihnen, zwei Schritt links von ihm an der Reling, zum Letharen sah, zuerst irritiert, dann mit einem Ausdruck des Entsetzens. „Der Seuchenvogel ist an Deck!“, rief er aus und zeigte auf Ryx'tar, gerade da sich der Sturm beruhigte und die Sonne wieder durch die grauen Wolken hindurch brach. Es ging alles so schnell, dass er kaum Zeit hatte durchzuatmen, geschweige denn zu registrieren, wie schlimm es um seine Schulter stand, als auch schon drei Matrosen in seine Richtung kamen. Ihre Bewegungen signalisierten ihm Kampfbereitschaft, jedoch machten sie zwei Schritt vor ihm Halt und ein vierter hinter ihnen kam mit einem vielleicht zwei Schritt langen Stab hinter ihnen her. Sie packten den Stab nun zu zweit, blieben auf Abstand stehen und versuchten auch schon den Letharen mithilfe des Stabes von Bord zu stoßen. Er konnte gerade noch seine Schulter zurück reißen, als der Stab kräftig an ihm vorbei raste und in dem Moment überkamen ihn seine Instinkte. Die Bewegung des Schulterzurückziehens wurde fließend erweitert, um sich mit einer Drehung zu Boden zu stürzen und einer Vorwärtsrolle den Abstand zu den unbewaffneten Matrosen zu überbrücken. Als sein Leib über den feuchten Deckboden glitt, fluchte er leise, denn seine Schulter pochte erneut vor Schmerz auf, doch das Adrenalin ließ ihn den Schmerz vorerst ignorieren und er zog tief unter seinem Überwurf den Säbel, den sie ihm nie abgenommen hatten, mit der weniger geübten Linken, denn er konnte fühlen, dass seine Rechte aufgrund seiner Schulter nicht mehr zuverlässig genug für das Kommende war. Obwohl er nie zu den Lethrixoren gehörte, die mit der Beidhändigkeit gesegnet waren, genügte sein Kampfgeschick mit der Linken doch dazu, zwei unerwartete Hiebe auf den erstbesten Matrosen niederzulassen, einer in den Oberschenkel, einer quer über die Brust, was diesen brüllend zu Boden gehen ließ. In dem Moment spürte er, dass sein vermummender Schal nicht mehr über seinem Gesicht lag und die Kapuze herunter gerissen war. Die beiden Matrosen ließen den Stab fallen, der dritte Zog einen kümmerlichen Menschensäbel und machte einen Satz auf Ryx'tar zu, während ein Ruf vom Brückendeck herab hallte:
„Was zum Einen ist da unten los?!“, und darauf folgte ein schriller Schrei aus entgegengesetzter Richtung,
„Eyn Lethar, Käpt'n, eyn verdammder Lethar an Degg!“.
Während der Matrose das noch ausrief, konnte der Lethar im letzten Moment den Hieb des Matrosen parieren, und ein Schatten des Zweifels überkam Ryx'tar. Er war mit seiner Linken nicht geschickt genug, um es mit dem ganzen Deck aufzunehmen und seine Schulterverletzung stahl ihm wertvolle Mobilität. So sah er sich mit einem Auge nach Fluchtmöglichkeiten um, als er den Schwung der Parade sowie die Haltung des Matrosen für eine Riposte nutzte und ihm seinen Letharensäbel quer durch die Kehle schnitt. Die beiden ehemaligen Stabstoßer machten Anstalten, ihrerseits Säbel zu ziehen, die anderen Matrosen gingen in seine Richtung oder wandten sich dem Geschehen gerade erst zu, als vom Ausguck ein Ruf ertönte:
„Land in Sicht, Käpt'n! Laand in Sicht!“

Das war alles, was er hören musste. Bevor die beiden dicht stehenden Matrosen ihn flankieren konnten, machte er zwei anmutige Schritte zurück gen Reling, dabei scheidete er seinen Säbel in einer tausendfach vollführten Routinebewegung, mit dem behinderten Arm löste er den alten Überwurf und ließ ihn achtlos zu Boden sinken, und im nächsten Moment sahen die Matrosen dem Letharen hinterher, der einen einfachen Satz über Deck machte. Gerimor konnte nicht weit sein, ging dem Letharen durch den Kopf, der sich tauchend in entgegengesetzter Schiffsrichtung von der Heilbutt entfernte, um nicht Ziel von Pfeilen oder anderen Geschossen zu werden. Nach etwas warten schwamm er dann auch in Richtung Land, wo Ryx'tar nach einer halben Stunde in der Ferne auch schon ein kleines Dorf ausmachen konnte. Menschen...

Verfasst: Samstag 4. Juni 2016, 17:04
von Ryx'tar
Irgendwo in einem Wald zwischen Grenzwarth und Bajard, hinter einer Ansammlung von Gebüschen vor Blicken geschützt, saß Ryx'tar und befühlte immer wieder unzufrieden seine Schulter. Der schlimmste Schmerz war vorüber und eine stetige Taubheit lag nun über seiner rechten Seite, vermutlich ein Bruch irgendwo in einem der Schulterknochen, etwas, das Monde benötigen würde um zu verheilen. Sein Schwertarm war damit nutzlos, zumindest um ihn als Waffenarm zu nutzen - ein herber Rückschlag für jeden Lethrixor, der eine präferierte Waffenhand besitzt und nicht wie die wenigsten Lethrixoren mit links wie mit rechts gleichermaßen umzugehen in die Wiege gelegt bekam.
Die ersten Versuche, seine Pantherklaue mit links zu führen ließen ihn vor Wut und Enttäuschung aufgrollen, dass es die Vögel auf einer nahegelegenen Birke davonflattern ließ. In diesem Zustand war er eine Verschwendung kostbarer Höhlenluft, ein Raubtier ohne Zähne und Krallen, eine Hülle ohne jeglichen Wert.
Nachdem die erste lähmende Frustration sich legte und seine Vernunft allmählich wieder Platz in seinem Kopf fand, ersonn er sich, von nun an die linke Säbelhand trainieren zu müssen, wenn er noch einen Wert für die Letharengemeinschaft haben soll, denn der Bruch würde mindestens einen vollen Mond andauern. Diese Verletzung würde er vor seinen Geschwistern allerdings geheim halten. Die Gefahr als wertlos eingestuft zu werden war zu groß, und was das bedeutete hatte er in frühen Jahren bereits erfahren, als zahlreiche Letharenkinder seines Wurfes zu schwach waren und in der Panthergrube verfüttert wurden.
So stand Ryx'tar den ganzen Tag über in dem Wald und vollführte rituelle Säbelstreichbewegungen, um seinen vorübergehenden Schwertarm langsam an seine neue Bestimmung zu gewöhnen. Als die Nacht hereinbrach, setzte er seine Suche fort, Wege und damit ungewollte Begegnungen meidend, die Beschreibungen aus der Heimat im Kopf: der Höhleneingang vor Rahal, mitsamt einem aufgezeichneten Plan, der ihm den richtigen Weg nach Leth'Axorn in diesen verflochtenen Höhlenverzweigungen wies. Die wuchtige Stadt, umgeben von einer Gebirgskettte, das Tor ein riesiges Panthermaul erleuchtet von aberdutzend Fackeln, sah er schließlich aus der Ferne. Den Höhleneingang selbst zu finden war danach keine Schwierigkeit mehr.


***


„Ist die abartige Missgeburt unter Euch, die meinem Mann das Leben nahm?!“

Ryx'tar schloss gerade zu seinen Geschwistern vor der Angurenfestung auf, als sich ihm ein Bild zweier gegenüber stehender Gruppen auf dem weiten Grasfeld bot. Es war noch sein erster Tag seit Ankunft im Axorn und es schien sich bereits sein erster entscheidender Kampf anzubahnen. Auf der einen Seite eine Hand voll seiner Geschwister, die meisten mit einem ihm bekannten Geruch, Jaryan, Ilphrin, Szyr, ein unbekannter Letharf, sowie zwei Menschen, mit dem ihm bekannten grobschlächtigen und leicht ekelerregenden Dunst, der ihnen eigen war.
Auf der anderen Seite eine Hand voll Menschen mit bronzener Hautfarbe und ihm unbekannten Trachten, ihre Säbel erinnerten ihn aber entfernt an seine Pantherklaue. Zwischen diesen Menschen standen zwei, drei Zwerge und Ryx'tar war froh, dass sie so weit entfernt standen und ihr Kalurengestank seine Nase dadurch nicht allzu sehr quälte. Zu seiner Unzufriedenheit stellte er fest, dass seine Gruppe den Menschen und Zwergen zahlenmäßig um ein paar Köpfe unterlegen war.

„Abartige Missgeburt?“, begann einer der beiden Männer in rahaler Gardetracht,
„Das wird wohl recht schwer heraus zu finden sein da er tot ist, soweit ich hörte.“
„Und man erinnert sich nicht an Gesicher, ist euer Hirn so klein?“, erwiderte die gleiche Menekanerin, in ihrer Hand ein Bogen, vor ihr im Gras ein Pfeil eingesteckt.
„Die Letharenbrut soll gefälligst antworten und zu ihrer Tat stehen!“, rief eine zweite Menekanerin.
„Ich denke das steht nicht zur Wahl. Nicht heute... und nicht sonst wann“, sprach der Rahaler. Während den Worten wurden bereits weitere Bolzen und Pfeile eingelegt, hier und dort flößten sich Menschen, Zwerge und Letharen Phiolen ein.

„Es war sowieso nur eine Höflichkeitsfrage.“ - „Bereit machen zum Kampf, Gardisten!“

Ein halbes Dutzend Schlachtenrufe fielen, als die Fronten der beiden Gruppen aufeinander zustürmten. Ryx'tar hatte während des vorhergeheneden Wortgeplänkels bereits einen giftigen Pfeil eingelegt, und als die Nahkämpfer der Menschen und Zwerge sich näherten, feuerte er seinen Pfeil gezielt in den Oberschenkel einer Menekanerin, die mit ihrem Säbel einem seiner Brüder gefährlich nahe kam. Der Pfeil traf und als er das registrierte, schweifte sein Blick bereits durch das Getümmel. Das gewohnte Chaos des Geplänkels bot sich seinen Augen, zu viele Bewegungen, um alles wahrnehmen zu können, so ersonn er sich auf die Feinde in seiner unmittelbaren Nähe. Sein nächster Giftpfeil flog auf den Oberschenkel eines Kaluren zu, wurde jedoch von dessen Beinpanzer abgefälscht, und doch schien er damit die Aufmerksamkeit des Zwergs auf sich zu lenken. Während dieser mit einem wütenden Gebrüll auf ihn zuraste, ließ Ryx'tar den Bogen fallen und zog gerade noch rechtzeitig Säbel und Schild, um letzteren schützend vor den wuchtigen Kriegshammer des Kaluren zu stemmen. Der Einschlag ließ seinen rechten Arm sowie die zugehörige Schultern erzittern, was aufgrund des noch vorhandenen Bruches eine Schmerzexplosion in seinem Körper auslöste. Nur das Adrenalin hielt ihn noch kampftauglich und so rammte er seine Pantherklaue in die Seite des Widersachers, die Silberlegierung beißte sich ein kleines Stück durch das Kettengeflecht, gerade noch tief genug um eine Schnittwunde zu hinterlassen indem er den Säbel im Handgelenk zu sich drehend heraus riss. Der Zwerg ließ sich von seiner Wunde nichts anmerken, er schien dadurch bloß wütender zu werden und der nächste Schlag donnerte gegen seinen Schild. Gegen den Schmerz anzukämpfen wurde allmählich schwieriger. Schwarze Punkte flatterten vor seinen Augen, während er den Zwerg im Auge behielt, wie dieser erneut mit seinem Kriegshammer ausholte und als der nächste Schlag gegen seinen Schild donnerte, schlug es ihn zu Boden und er tauchte in die Schwärze ein.


Als er mit dröhnender Schulter wieder zu sich kam, sah er den rahaler Trupp zerstreut seine Wunden lecken. Offenbar war das Scharmützel zu ihren Ungunsten ausgegangen. Sein Blick schweifte über das kleine Schlachtfeld und er sah die Gruppe der Ketzer weit im Südosten, seine Geschwister waren über Ilphrin gebeugt. Er brachte sich irgendwie auf die Beine und hinkte in Richtung seiner Geschwister, und dort bot sich ihm nun der vollständige Blick auf den liegenden Mael'Qil: aus einer Schnittwunde am Hals, die der Letherix des Stoffes gerade nähte, quoll kostbares Letharfenblut. Es sah nicht gut aus und während eine der Echsen kurze Zeit später den Ilphrin zum Tempel in Rahal brachte, fragte sich Ryx'tar ob sie den Mael'Qil noch einmal sehen würden. Den Disput zwischen Ar'ynx und Jaryan sowie die Begegnung mit dem Alka, die am gleichen Abend folgen würden, konnte er in diesem Moment noch nicht voraus sehen.

Verfasst: Donnerstag 15. Februar 2024, 14:07
von Ryx'tar
          • In der Nacht des 10. Eisbruch 267, vor den Pforten des Lethyrenturms.

      • Stille. Bilder vergangener Tage flackern vor dem Auge des sterbenden Letharfen.



Eine Gruppe letharischer Kinder sitzt in einer kleinen Höhle - ein Dutzend Gesichter vielleicht - und sieht zu einer Lethra, die ihnen die Grundlagen ihres Volkes vermittelt. Ein kleiner Ryx’tar blickt durch die Reihen seiner Gefährten. In Menschenverhältnissen wären sie keine sechs Jahre alt gewesen. Die Worte der Lethra erschallen dumpf und langgezogen, es ist kein Wort zu verstehen. Ein Lichtblitz erfüllt den Raum, Ryx’tar sowie fünf andere der letharischen Kinder sind größer, muten jugendlich an. An den restlichen Plätzen sind Knochen aufgebahrt, aufeinandergestapelt. Ein Haufen für jedes Kind, das nicht wachsen durfte, ausgesiebt wurde. Ein Kloß im Hals des Letharfen wuchs, doch dann war diese Erinnerung weg. Als der Letharf vor den Pforten des Lethyrenturmes im Leth’Axorn starb, starb auch diese Erinnerung. Erinnerungen, geschuldet dem Erbe elfischen und menschlichen Blutes, das nicht zur Gänze vom Gift Alatars verdrängt wurde. In dieser Nacht jedoch wurde dieses Erbe beiseitegeschoben, als Alatars Macht den Leib des Letharfen erfüllte. Die grünlich anmutende Wunde in der Handfläche des toten Lethrixors pulsierte, glimmte auf – die moosgrüne Pantherklaue, die ein jeder Mael’Qil bei seiner Erwählung durch Alatar erhielt, lag mit der flachen Seite quer über seinem Gesicht, die Berührung öffnete eine Grenze in der Wirklichkeit, gab Nähe an den Schöpfer, erlaubte Panthers Macht den Leib zu durchfließen, gemeinsam mit der heiligen Wunde ihr Werk zu tun. Den Lethrixor sterben lassen, den Mael’Qil wiedererwecken.

In der Nacht des Todeskampfes, in tiefem Delirium, waren die Schmerzen nicht das schlimmste, das am Letharfen nagte, dessen Bewusstsein während der gesamten Nacht hin und wieder kurz aufblitzte, um dann wieder in Ohnmacht zu fallen. Das schlimmste war die Ungewissheit über das, was geschehen war. Es gab nur Schemenhafte Erinnerungen, vage, als stammen sie aus einem Traum. Traum und Realität war nicht mehr zu unterscheiden. Erinnerungsfetzen, die für sich genommen fast wertlos waren. Der fiebrige Geist des Sterbenden glaubte sich an einen mächtigen Panther zu erinnern, thronend über ihm, der ihm die Wunde schlug. Die Wunde, die ihn am Leben hielt, Quell ungeahnter Kraft und Schmerzen zugleich. Mit jedem körperlichen, wie auch geistigen Schmerz durchfuhr seinen Leib, der längst hätte tot sein müssen, neues verdrehtes Leben. Leben, das mit den Wunden einen steten Kampf darum führte, wer letztlich die Entscheidung über das Schicksal des Letharfen fällte.

Abseits dieser Erinnerung blitzte hin und wieder das Antlitz eines grünen Kristalls auf – Kichern und Wahnsinn umgab diesen Splitter. In einem Moment sah er vertraute Gesichter der alten Heimat. Im nächsten Moment wirbelte er durch den Raum, krachte gegen Wände, Tische, während ihn unbekannte, alte Letharfen beobachteten, die wenn er den Blick unter Schmerzen hob, wieder verblassten. Bilder aus einem Traum, glaubte er.
Was neben diesen Bildern immer wieder aufkam, war ein Gefühl, etwas finden zu müssen. Etwas, das seit langer Zeit verloren war und zurückkehren musste in den Besitz des Volkes. Für Vater, für die ersten Geschwister. Ein Gefühl, das mit dem Mael’Qil die Nacht überlebte.





Aus: Kyrae dar Ch'tar

Verfasst: Sonntag 3. März 2024, 13:33
von Ryx'tar
TW: Suizid, Verbrennung
              • 25. Eisbruch 195, Leth'Quilomph
Der knapp über zehn Jahre alte Letharf, vom hiesigen Axorn benannt als Ryx'tar, trat durch das Tunnelsystem, das die Brutstätten und Ausbildungsareale der jüngeren Geschwister mit dem Hauptteil des Axorns verband. Zu seiner rechten krabbelte eine Eidechse entlang der Tunnelwand, die grellen Hautmuster in gelb, grün und schwarz eine instinktive Warnung für das Letharenkind. So eilte der junge Letharf trotz seiner Neugier für die ihm unbekannten Muster eilend weiter, um nicht zu spät in der Höhle von Xeul'axul, dem alten Lethrixor, zu erscheinen. Seit der Zuweisung in die Kaste der Lethrixoren - ein Befund, der sowohl anhand von Prüfungen im Kindesaltar, als auch durch die Beurteilung seiner ihm unbekannten Erzeuger festgelegt wurde - sollte Ryx'tar nach den Grundunterweisungen, die die Kinder täglich erhielten, an den Nachmittagen einfache Arbeiten für Xeul'axul erledigen.

Der Tunnel mündete schließlich in den schier unendlichen Weiten des Axornkerns. Imposante, große Gebäude im Stile seines Volkes ragten über kleinere Höhlenbauten, die Straßen und Gassen erfüllt von entweder grünlichem Licht das die Lethyren erschaffen hatten, oder dem Licht phosphoriszierender Moosstreifen und großwüchsiger Pilzgewächse in unterschiedlichen Größen; manche Pilze waren so groß wie kleine Sträucher, andere ragten empor wie uralte Bäume. Eine Decke oder obere Grenze des Höhlenkomplexes war nicht zu erkennen, der 'Himmel' endete schlicht in schier unendlicher Schwärze. Es war das beeindruckendste, das Ryx'tar je gesehen hatte. Was nicht groß verwundert, da er dieses Axorn noch nie verlassen hatte. Die Straßen waren deutlich belebter als der Tunnel, aus dem er trat, und als er am "Qualen der Mächtigen"-Plaza entlang ging, erkannte er eine kleine Traube an Letharen, die untereinander tuschelten und auf einen Letharfen blickten, der auf dem Geländer des Brunnens stand und somit eine erhöhte Position einnahm. Während sich Ryx'tar neugierig dazustellte, erkannte er den Letharfen als Aron'buxnel, ein Letharf den er schon einmal bei Xeul'axul gesehen hatte. Dieser richtete das Wort an die Menge:
"Ich werde mich nicht länger an dem Abschlachten unserer Brüder und Schwestern im Caz'Axorn beteiligen. Ich werde einen extremen Akt des Protests begehen, doch im Vergleich zu dem, was unsere Geschwister in Caz'Axorn durch unsere gezielte Auslöschung erleben, ist dies nichts."
Nach den Worten übergoss er sich mit einer Flüssigkeit und im nächsten Moment entflammte der gesamte Leib des Letharfen. Es folgen Szenen, die niemand beschrieben haben möchte.
--
Gehetzt erreichte Ryx'tar Xeul'axuls Höhle und wollte berichten, was geschehen war. Der alte Lethrixor riss den Jungen in die Höhle und hielt einen Finger an die Lippen.
"Sprich nie wieder darüber. Wenn die Lethyren erfahren, dass du sein Wort verbreitest, werden sie dich in die Lavagrube werfen.
Aron'buxnel hat nie existiert."


Aus: Tod des Aron'Buxnel

Verfasst: Samstag 10. Mai 2025, 13:10
von Ryx'tar
Der Letharf marschierte entlang des Wehrgangs der Ostmauer. Wandte sich stadtwärts, ließ den Blick über den Markt und die vom Katapultbeschuss lädierten Häuserdächer, -wände und Straßen schweifen.

Ein seltener Moment der Stille nach drei Tagen voller Ereignisse, Anstrengungen, Opfer, Gewalt und Tod. Die Gedanken schweiften, jüngste Erinnerungen wurden wach, die den Weg bis zu diesem Punkt ebneten.


  • ... Der leblose Körper Isidors, getragen von einem Arkorither, auf Iryl'fas Echse gehievt.
    Noch in der gleichen Nacht schworen er und seine Brüder tief im Axorn Rache für die hinterhältige Hinrichtung:

    Ryx'tar: [lethar] Zuerst ein Dorf, vermutlich Junkersteyn. Sie werden es wohl aufgeben, um eine
    Ryx'tar: [lethar] offene Schlacht zu meiden. Bisher waren sie schlau darin, Kämpfe zu meiden
    Ryx'tar: [lethar] und wurden stets dafür belohnt. Sie müssen lernen,
    Ryx'tar: [lethar] was es sie kostet, wenn sie die offene Schlacht meiden.



    ... Die zähen Planungen und Besprechungen. Die Einwände bei der ersten Besprechung, in die das Reich und Verbündete eingeladen wurden. Einwände von Menschen ohne Schlachterfahrung - keine Lethrixoren, keine Bruderschaftler - deren Meinung er der Politik wegen vorgeben musste zu respektieren. Und der Anschein von Zweifel beim Meisters selbst. Die ersten Widerstände begannen.


    Qy'lhor: [lethar] Nun, der Abend heute hat die selben Fragen aufgeworfen, wie die Versammlung unseres Volkes.
    Qy'lhor: [lethar] Willst du dennoch das Risiko weiterhin so hoch halten und direkt in Junkersteyn Lager beziehen,
    Qy'lhor: [lethar] anstatt westlich von Berchgard?
    Ryx'tar: [lethar] Die Einnahme Berchgards von Westen her ist um ein vielfaches schwieriger. Die Stadt ist
    Ryx'tar: [lethar] darauf konzipiert, eine Belagerung und Angriff von Westen standzuhalten. Daher gilt sie als
    Ryx'tar: [lethar] uneinnehmbar. Die Ostmauern dagegen sind... einnehmbar.
    Ryx'tar: [lethar] Die heutigen Einwürfe...
    Ryx'tar: [lethar] halten keiner genaueren Überprüfung stand. Doch sie fühlen sich gut, gehört zu werden,
    Ryx'tar: [lethar] also hören wir und antworten wir.


    Qy'lhor: [lethar] Ich werde mir Gedanken machen und dir die Entscheidung mitteilen.
    Ryx'tar: [lethar] Warte.
    Ryx'tar: [lethar] Wenn dieser Angriff fehlschlägt, kannst du mich persönlich der Lava übergeben.
    Velvyr'tae: *sie neigt den Kopf zur Seite, der Blick pendelt zwischen den beiden.*
    Ryx'tar: [lethar] Dieser Angriff ist keine einfache Laune, es ist eine Pflicht, zu der
    Ryx'tar: [lethar] mich Vater treibt. Ich sage dir das, damit du dir
    Ryx'tar: [lethar] dies mit einfließen lässt in deine Gedanken, Meister. Wir erwarten dein Urteil.
    Qy'lhor: [lethar] Und wenn du nicht versagst?
    Ryx'tar: [lethar] Dann habe ich meine Pflicht erfüllt. *meint er nur schlicht*



    ... Ein entscheidender Abend bei den Alkas, als der Plan mündlich dargelegt wurde.


    • Kyrian Rabenfels: Ahad, würdet Ihr dem Feldzug wie er geplant ist zustimmen und die Truppen in das feindliche Reich entsenden?
      ...
      Kava Shasul: Aktuell sehen wir für euer Heer ein zu hohes Risiko.

      Kyrian Rabenfels: Ich entnehme also Eurer Aussage, Ahad, dass Ihr unter den gegebenen Umständen die Legion nicht in das feindliche Reich entsenden wollt. Richtig?

      Kava Shasul: Dann würde ich nach aktuellem Kenntnisstand davon abraten.

      Ryx'tar: Der Ahad hat für eine Schlussfolgerung noch nicht jegliche Details und Überlegungen vernommen. Jedes Urteil an diesem Punkt ist eines in Halbkenntnis.

      Kyrian Rabenfels: Ihr hattet Zeit alles zu erklären, welche Kenntnisse habt ihr uns allen vorenthalten?

      Ryx’tar: Ich habe den Plan in ersten groben Zügen erläutert, damit ich nicht der einzige bin, der an diesem Abend spricht. Wenn der Ahad Risiken sieht, lassen diese sich in einer näheren Auseinandersetzung und Erörterung von Details, die sich anpassen lassen, mit hoher Wahrscheinlichkeit ausräumen. Wenn das Ansinnen für eine angemessene Rache an den Ketzern des Ostens einem jeden hier ein Anliegen ist, so ist es das mindeste, sich Gedanken darüber zu machen, wie sich eine solche Rache realisieren lässt.

      Kava Shasul: Die Klingen unserer Streiter rufen nach Vergeltung, wenn man die Risiken beseitigt sollte einem Angriff nichts im Wege stehen. Das setzt natürlich voraus, dass man jedes Detail eurer Planung kennt.

      Jynela Dhara: Ahad, was wenn wir uns einmal in der Bruderschaft zusammensetzen und die Risiken sammeln und erste Lösungen überlegen, dann wieder zusammenkommen? Am Ende ist dies einer der größten Vergeltungsschläge, die zumindest ich hier erlebt habe. Dafür kann und sollte man sich Zeit nehmen. Soweit ich es aus dem Bericht in Erinnerung habe, war sowieso eine deutliche Zeit der Planung von den Kindern des Einen angesetzt. *sie blickt nochmal gen Ryx* Und ihr erwähnten die Marine zur Flucht.... vielleicht sollten wir sie auch für die Anreise in Erwägung ziehen.

      Ryx’tar: Wenn von eurer Seite nichts dagegen spricht, würde ich mich dem Gespräch in eurer Festung anschließen, damit wir dort gemeinsam an den Details feilen können. Das ist, denke ich, zielführend und wird die Sache beschleunigen.




    ... Viele Abende des Planens, Kopf zerbrechens, Abwägens, Besprechung von taktischen Manövern und strategischer Überlegungen. Tage, Wochen, Monde.
    Jynelas Worte im Axorn: "Ich halte den Plan immer noch für Wahnsinn."
    Zeit, die dem Plan schließlich aber den nötigen Feinschliff gaben und die Zufriedenheit des Ahads, sowie kurz darauf, die Zustimmung der Alkas zur Folge hatte.



    ... Der Marsch in das Feindesland, die Einnahme Junkersteyns und der kleinen Burg. Noch am Abend der Ankunft entbrannte Chaos, drohte den Plan durcheinander zu wirbeln. Doch der erste Kampf wurde geschlagen und die Katapulte sicher in den Innenhof gebracht.



    ... Die Bresche. Er stand im Schildwall seiner Mitstreiter, der Schild gehoben vor den surrenden Pfeilen des Feindes. In der Luft lag ein Geruch von Schweiß, Blut und Verkohltem. Ein jeder von ihnen war nur durch Kraftreserven noch auf den Beinen.
    Diese verdammte Bresche. Sie war derart geschlagen, dass es kaum möglich war hindurch zu sehen. Er nutzte die Minuten im Schildwall, gleich vor der Bresche. Eine Entscheidung musste getroffen werden, doch diese Bresche roch nach Heimtücke. Blind würde er keine Streiter hinein schicken. Taktischer Rückzug.
    Kurz darauf waren sie wieder vor Berchgard, diesmal am Tor, mit dem schweren Rammbock aus einem alten Eichenstamm, mit dem sie schon die kleinere Burg eingenommen hatten; getragen von sechs Mann. Das Tor hielt nicht ewig stand gegen die Gewalten, die es erschütterten.
    Es folgte Geplänkel, irgendwann der Einfall. Alatar selbst hielt seine Pranke über ihnen in diesem Moment, denn das Heer fiel wie ein Strom ein, unaufhaltsam wie Vaters Zorn selbst. Es folgte Gemetzel, Blutrausch - irgendwann gingen die Feinde aus, die Straßen und der Markt waren voller lebloser Körper. Er kam langsam wieder zu Sinnen. Die Schlacht war geschlagen. Sieg. Sie hatten Berchgard eingenommen. Der Plan war nunmehr Wirklichkeit und sie alle hatten Geschichte geschrieben, für den All-Einen, für Vater.



Der Blick über Berchgard trübte sich, er schloss die Augen. All die vielen Widerstände, von politischem Geplänkel bis hin zur letzten Schlacht, waren überwunden. Machten ihn stärker, schärften seinen Willen.
Soweit es ihm aus den Geschichtsbüchern bekannt ist, wurde diese Stadt in den letzten Jahrzehnten nicht vom alatarischen Reich besetzt. Wenn sie überhaupt je einggenommen wurde. Sie galt nicht ohne Grund als uneinnehmbar.
Es würde eine Weile dauern, bis das Heer realisierte, welche Bedeutung dieser Sieg hat; dass ein jeder von ihnen in den Geschichtsbüchern stehen würde.



Aus: Mit Schweiß und Blut für Berchgard

Verfasst: Sonntag 7. September 2025, 15:49
von Ryx'tar
TW: Blutige Bilder


Der Letharf ließ den Blick über Bitterforst schweifen. Dann weiter nach Osten, auf das Flachland vor Varuna.
Wo die Zitadelle gestern als Lehrort fungierte, gemäß dem fünften Gebot, diente sie heute wieder ihrem eigentlichen Zweck - als Festung in Vaters Reich. Ein Bollwerk, das den Einmarsch des Feindes aufhalten oder erschweren wird. So es denn je dazu kommt. Der letzte Versuch vor 3 oder 4 Jahren endete in einem Gemetzel zu Ungunsten der vereinten Ketzerbanden jeglicher Couleur.

Im Reich selbst machte sich derweil eine Trägheit breit, die ihm missfiel. Von ihm berufene Kriegssitzungen wurden verschwendet mit Thematiken, die die langfristigen Notwendigkeiten beiseite schoben. Von den Zweifeln schwacher Geister ganz zu schweigen an diesem Treffen. Die von den Alkas beorderte Truppenübung ließ ebenfalls auf sich warten - nicht mehr lange, und er würde sein Wohlwollen gegenüber der Bruderschaft zumindest in dieser Frage fallen lassen und eine eigene Truppenübung ausrufen. Es wurde Zeit.

Die Gegenwart der Menschen wurde zunehmend zu einer Belastungsprobe für den Letharfen. Besonders, seit Vater ihm die Wunde der Mael'Qil vor über anderthalb Jahresläufen schlug, ist jeder Besuch in der heiligen Stadt ein Ringen um Beherrschung und Zurückhaltung. Nicht selten spielen sich in seinem Kopf grausige Bilder von Schlachtungen und Gemetzel ab, für die es in der Sprache der Menschen keine Worte gibt, nur um dann ein für menschliche Verhältnisse normales Gespräch fortzuführen. Gestern hätte er ein Menschenweibchen, das in der Vergangenheit zu leben schien, hinrichten können. Und doch gewann er die Oberhand über seinen Zorn, traf eine langfristig klügere Entscheidung entgegen dem sehnlichsten Wunsch, die Kehle, die an seiner Klinge schmiegte, mit einem Ruck aufzureißen; und knüpfte dadurch weitere Bindungen zu den Menschen. So wurde das Leben der wandelnden Toten zum Hochzeitsgeschenk von Darion Dracones und Victoria Deklie erklärt und gerettet.

Sein Blick glitt vom Osthorizont gen Nord, nach Wetterau und dann zu dem Gebirge, das Rahal umringt. Trägheit. Ein unzufriedenes Murren drang aus seriner Kehle.


War es um sein eigenen Volk besser bestellt?

Es gab viele im Leth'Axorn, die in ihren Aufgaben gefangen waren und kaum mehr erübrigen konnten, als das.
Es gab daneben aber auch eine Hand voll Geschwister, mit denen sich Ziele umsetzen ließen. Die Einsatz zeigen konnten, präsent waren. Sein Geist schweifte zu jenen Geschwistern, letharische Gesichter formten sich vor seinem inneren Auge.

  • Ily'zyae, seine Lethra. Gefangen in ihren Lehren der Disharmonie. Doch wenn er sie brauchte - wenn das Axorn sie brauchte, wäre sie zur Stelle.

    Qy'lhor, der Van'leth'axorn. Beim ersten Blick auf den Bruder vor langer Zeit, war dieser noch ein Runenloser gewesen. Heute beugte Ryx'tar das Knie vor ihm, wie es Vaters Ordnung vorsah. Ohne Hintergedanken, ohne Gram. Er war von Vater erwählt zu führen und nur das zählte.

    Q'in, die konzentrierte Masse von Fleisch, die zum Morden geschaffen war. Bevorzugt mit schweren, stumpfen Waffen. Doch hinter der Wortkargheit, die an den Geist eines Kindes erinnerte, verbarg sich Erfahrung und Weisheit.

    Velvyr'tae. Er hatte sie länger nicht mehr gesehen und an einen wirklichen Austausch mit ihr erinnerte er sich seit Berchgard nicht mehr. Doch sie war da, wenn das Axorn sie benötigte.

    Zyn'tuin. Der junge Bruder überzeugte durch Präsenz und Tatkraft. Doch er wird an seiner Rhetorik arbeiten müssen, um die Menschen besser zu umgarnen, wie es seine Aufgabe als Letherx vorsieht. Und vielleicht auch die eigenen Geschwister. Entweder eignet er sich eine verlogene Silberzunge an, oder er wird niemals in die Fußstapfen vergangener Letherxe treten.

    Drin'belrak. Der Hass in seinem Herzen ist rein und reichhaltig, seine sozialen Kompetenzen aber lassen ihn hin und wieder straucheln. Als Lethoryx muss er lernen zu führen und sich gegen Widerstände durchsetzen.

    By'nar. Einst die Steinmade. Hat sich entwickelt von der wertlosen Sagotri zu einer Dienerin des Tempels. In ihr schlummert Potential, das war spätestens vor Bajard zu sehen. Es wird sich zeigen, ob und wie sie es nutzen wird.

    Iryl'fae. Eine stille Stütze im Axorn. Sie verrichtet ihre Arbeiten ohne großes Aufsehen, ohne Effekthascherei. Beständig. Und sie ist stets zur Stelle, wenn das Axorn sie benötigt.

    Liha'xae. Es wird schwer zu vergessen sein, wer den Rammbock fertigte, mit dem wir die Tore Berchgards aufrissen; wer die Katapulte zusammen mit Ardhar fertigte, die die Mauern und die Stadt in Schutt und Asche legten. Somit trägt sie einen Anteil an jenem Sieg, den Anteil der stillen Handwerker im Hintergrund.

    Je'yuxalae. Sie war schon alt, als es das heutige Axorn noch nicht gab. Sie war diejenige, die seine erste Wunde im alten Axorn "versorgte". Vermutlich ist ihr Geist irgendwann in der Ausbildung gebrochen und sie lernte, auf andere Weise zu überleben.

    Mino'lyn. Tot oder verschollen. Eine Schwester, die da war, als das Axorn nicht einmal halb so viele Geschwister zählte wie heute.

Ein schweres Einatmen. Dann verließ er den Wehrgang und widmete sich seinen Aufgaben.


Aus: Blutherbst - Mauer um Mauer, Stein um Stein